Eine Story-Workshop-Geschichte zum Thema: Was macht einen Held aus?
Vorgabe: Übermut

Aerith war es gewohnt, dass man ihn nach getaner Arbeit entsprechend würdigte, denn immerhin handelte es sich bei ihm um niemand Geringeren, als das Drachenblut selbst. Er posierte neben dem erlegten Drachen und überlegte sich, ob er diesmal nicht eine etwas dramatischere Haltung einnehmen sollte. Nach einer kurzen Diskussion mit seinem Chronisten Tulir, der auch ein begabter Zeichner war, entschied er sich dafür, das Breitschwert in der Hand zu halten. Den rechten Fuß stellte er auf das Haupt des einst so edlen Tieres, der Körperspannung wegen. So verharrte er einige Minuten, denn sein Assistent brauchte nicht lange, um diesen Augenblick mit wenigen Strichen des Kohlestiftes einzufangen. In Rifton hatte Aerith ihm ein Atelier im Keller eingerichtet, in dem Tulir die Skizzen in prachtvolle Ölgemälde umsetzte. Die meisten davon hingen in den verschiedenen Häusern, welche man dem Drachenblut nur allzu freimütig dafür überlassen hatte, dass er die Drecksarbeit der Jarls erledigte, denen er zum Dank jeweils eine Malerei überließ.
Jarl Balgruuf geriet jedes Mal in nervöse Hektik, wenn die Wachen das Drachenblut ankündigten. Dann nämlich jagte er seinen Huscarl Irileth in seine Gemächer, um von dort jenes unsägliche Porträt zu holen, welches Aerith ihm einst untergeschoben hatte. Die Dunkelelfe hängte es dann über dem Thron auf und jedem verging beim Essen an der großen Tafel der Appetit. Trotzdem gebot es die Höflichkeit, diesen vor Selbstbeweihräucherung nur so triefenden Schinken gut sichtbar aufzuhängen. Wenn auch nur für kurze Zeit.

„Ihr seid heute vergleichsweise langsam, Tulir?“, stellte Aerith verärgert fest.
„Verzeiht mir, dass der Drache meinen rechten Arm versengt hat“, antwortete der ehemalige Hofmaler schnippisch und bedauerte sich wieder einmal selbst dafür, dass er die gutbezahlte Stelle in der Kaiserstadt aufgeben hatte, um das große Abenteuer zu suchen. Seine ziemlich romantische und naive Vorstellung von diesem Unterfangen zerfiel in jenem Moment, in welchem er die Grenze nach Himmelsrand überquerte und ausgeraubt wurde. Mit nichts als der Kleidung am Leib war er in Flusswald gestrandet und verdiente sich sein Gold damit, in der Taverne die Dorfbevölkerung zu porträtieren. Dass diese Banausen keine Spur von Kunstverständnis zeigten, machte die Sache nicht leichter.
Aerith traf er, als dieser dem Schmied einen Besuch abstatte und genau in jenem Moment setzte sich ein Frostdrache auf eines der Häuser, brach mit dem Dach ein und zermalmte dort Hilde, die Mutter des Barden, mit seinen gewaltigen Pobacken. Zugegeben, das Drachenblut erledigte seine Arbeit zuverlässig und schnell, aber dafür fiel das nachfolgende Brimborium recht üppig auf. Der Held stolzierte durch das Dorf, ließ sich ausgiebig feiern und gab in der Taverne eine Lokalrunde aus. Allerdings ohne musikalische Untermalung, denn Sven war immer noch dabei, die Überreste seiner Mutter zu bergen, was Aerith zutiefst bedauerte. Also, das Fehlen der Musik zumindest.

Nachdem Tulir sich zwei Heiltränke verabreicht hatte, kramte er die ebenfalls angesengten Zeichnungen in eine Ledermappe zusammen und verstaute diese in seinem Rucksack. „Wir sollten überlegen, ob wir die Mappe nicht aus einem feuerfesten Material anfertigen lassen könnten. Wir wollen ja nicht, dass die Skizzen beim nächsten Mal verbrennen.“ Aerith zeigte mal wieder so viel Feingefühl wie ein Riese beim Frühlingstanz.
„Euer Mitgefühl ist kaum zu ertragen“, blaffte der Künstler ihn an.
„Nicht wahr?“ Das Drachenblut drehte sich um und machte sich auf den Rückweg. Rorikstatt war zwar ein Kaff voller Hinterwäldler, die seine hohe Kunst des Tötens nicht zu würdigen wussten, aber wenigstens hatten sie eine warme Unterkunft für die Nacht in Aussicht. Zurück ließ er einen erschütterten Tulir, der sich vornahm, den Titel seiner Memoiren in „Ich reiste mit einem Idioten“ abzuändern.

„Wo gehen wir jetzt hin?“, fragte der Maler das von Frauen umschwärmte Drachenblut. Offensichtlich hatte man sämtliche Dorfschönheiten der Nachbarhöfe in die Taverne gekarrt.
„Langsam! Ihr kommt alle mal dran!“ Aerith lachte und schubste eine blonde Frau von seinem Schoss, denn schließlich wollte er allen seine Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Nach so einem üppigen Mal konnte er sich wenigstens auf diese Art „bedanken“. Dass sich die Dörfler die nächsten Wochen nur von Kohl und Rüben ernähren mussten, fiel höchstens Tulir auf, der angenervt den Kopf schüttelte. „Schreibt das auf, werter Chronist und macht eine nette Zeichnung!“ Keine Frage, das Drachenblut hatte dem Alkohol nur allzu gierig zugesprochen, aber es bemerkte niemand. Der säuerliche Geruch von hochprozentigen Getränken mischte sich mit dem Gestank von Schweiß und der Künstler musste aufpassen, dass sein gutes Essen an Ort und Stelle blieb, nämlich da, wo es vor einer Stunde durch sein Gedärm hingewandert war.
„Ich höre“, hakte er ungeduldig nach.
„Oh, Ihr seid noch da?“ Aeriths Gesicht tauchte zwischen den Brüsten einer drallen Brünetten auf und blickte ihn fragend an. „Ihr habt meine volle Aufmerksamkeit.“ Er gab der Frau noch einen Klaps auf den Hintern mit auf den Weg.
„Könntet Ihr Euch wenigstens darum bemühen, Euch etwas zivilisierter zu benehmen?“, schnaufte Tulir.
„Ich bin ein Nord! Wir sind halt sehr direkt und nicht so … verschnörkelt wie Ihr Kaiserlichen.“ Das Drachenblut lachte schallend und mit ihm alle Umstehenden, egal ob sie die Bemerkung gehört hatten oder nicht.
Der Künstler stand auf. „Entschuldigt mich, ich begebe mich zur Nachtruhe.“ Mit schnellen Schritten erreichte er sein Zimmer, nur um zwei Stunden später von lautem Stöhnen aus dem Schlaf gerissen zu werden, welches aus dem Nebenzimmer zu ihm drang, als stünde keine Wand zwischen ihnen. „Arschloch“, brummte Tulir und presste sich das Kopfkissen aufs Gesicht.

Das Frühstück wurde rüde unterbrochen, als ein Bauer in die Taverne taumelte und unmittelbar vor dem Eingang mit den Worten: „Ein Drache. Es ist ein Drache“, zusammenbrach.
Aerith sprang auf und rief theatralisch: „Wohlan, mein Freund! Die Pflicht ruft!“ Er stieg über den bewusstlosen Mann hinweg und trat hinaus ins Freie. Keine Frage, über ihren Köpfen kreiste ein Blutdrache.
„Oh, nein!“, entfleuchte es Tulir und das Drachenblut klopfte ihm herzhaft auf die Schulter.
„Ach, kommt schon, was soll an dem anders sein, als an seinen Vorgängern?“
„Bisher begegneten wir nur niedrigen Drachen“, warf der Künstler ein.
„He! Wollt Ihr etwa meine Taten schmälern?!“
Tulir wischte sich den Speichel aus den Augen, den Aerith voller Wut dort hin befördert hatte. „An Eurer feuchten Aussprache sollten wir unbedingt arbeiten.“ Er beobachtete, wie der Drache über der Anhöhe vor dem Dorf eine Schleife drehte und nun direkt auf sie zuflog. „Seid nur vorsichtig, das Biest hat es in sich.“
Aerith zog das Schwert und schrie: „Ich bin das Drachenblut!“ Mit diesen Worten rannte er dem riesigen Tier entgegen, während Tulir in Deckung sprang. In der Tat: das Drachenblut sah für genau zehn Sekunden wirklich erhaben aus, dann schleuderte ihn ein Feuerstoß in die Sickergrube der Taverne.
„Verdammte Scheiße“, murmelte der Künstler und zückte schnell seinen Skizzenblock.
Währenddessen krauchte Aerith hustend aus der Jauche. Die neueste Mode aus Einsamkeit war wohl nicht mehr zu retten, denn was von seinem teuren Zwirn tropfte, machte aus den einst so wertvollen Kleidungsstücken bessere Putzlappen. Er tastete nach dem Schwert, welches ihm aus der Hand geglitten war und versuchte, sowohl Griff als auch Hände zu reinigen. „Tulir, ich brauche Eure Hilfe!“
Der Kopf des anderen kam hinter zwei Fässern zum Vorschein. „Das könnt Ihr vergessen! Ich bin nicht Euer Handtuch!“ Er deutete gen Himmel. „Und außerdem hat unser Freund da oben seine eigenen Pläne.“ Er tauchte wieder ab und überließ Aerith seinem Schicksal.
Dieser übergab sich ein letztes Mal und brüllte dem Drachen diesmal einen Schrei entgegen, der das Tier in die Höhe katapultierte und aus dem Konzept brachte. Eine stärkere Wirkung war nicht zu verzeichnen. Das Drachenblut seufzte vernehmlich und bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Einen Moment lang dachte er an Flucht, aber da er sich nicht blamieren wollte, musste er sich dem Feind wohl oder übel stellen. Zum Glück blieb ihm so viel Zeit, dass er einen erneuten Schrei vorbereiten konnte. Diesmal holte er das Riesenvieh vom Himmel und der Drache fiel mitten auf die Hauptstraße des Dorfes. Der seltsame Geruch, den Aerith verströmte, irritierte das Tier zutiefst und so gelang es dem Drachenblut, einen ersten Treffer auf dem Kopf des Drachen zu landen. Auf dramatische Gesten verzichtete Aerith lieber, er war zu sehr mit Überleben beschäftigt, denn der Blutdrache schnappte nach ihm, spuckte ihn aber umgehend wieder aus. Nun tropften nicht nur Fäkalien am Helden herab, sondern auch Drachenspeichel.
Tulirs Mund stand offen, während sein Zeichenstift nur so über das Papier flitzte. Das Drachenblut hingegen hinterließ auf Schritt und Tritt große undefinierbare Lachen. Er hechtete erneut heran, landete einen zweiten Treffer und nutzte damit die Übelkeit seines Gegners gekonnt aus. Ja, ohne Zweifel war er unverdaulich und der Drache würgte zwei Sturmmäntel hoch, die er wahrscheinlich unterwegs so nebenbei gefressen hatte. Auf Patrouilie zu gehen war dieser Tage gefährlicher, als gedacht.
„Nimm das!“ Aerith hatte zu alter Form zurückgefunden und rammte dem Drachen das Schwert ins Auge. Ein erneuter Stoß in die Kehle brachte den Sieg und das Tier verendete. Allerdings nicht an der Kampfkraft des Drachenblutes, wie sich später herausstellte. Es war schlicht und ergreifend erstickt, weil ihm die Rüstung eines Kaiserlichen in der Kehle stecken geblieben war.

„Ich sage es ja immer: Wir Kaiserlichen sind zäher“, zog Tulir ihn auf, als sie zwei Stunden und fünf Bäder später aufbrachen.
„Ach, haltet die Klappe“, motzte Aerith ihn an, aber der Künstler kannte kein Erbarmen. Die Gelegenheit war einfach zu verlockend.
„Zumindest wissen wir jetzt, wie wir einen Drachen zum Kotzen bringen können.“ Sein Kichern klang wenig verhalten. „Eine neuartige Kampftaktik.“
„Das werdet Ihr mir ewig vorhalten, oder?“ Vor einem Wegweiser blieben sie stehen. „Einsamkeit oder Markarth?“
„Mir wäre jetzt erst einmal nach viel Ruhe.“ Tulir schaute Aerith prüfend an.
„Gehen wir angeln“, erwiderte das Drachenblut lachend. „Das haben wir uns verdient.“
„Wir? Ich bin gerührt.“ Der Künstler grinste breit. Es bestand wohl doch noch Hoffnung für Aerith?

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