Drei Tage später traf Cullen mit seinen Truppen ein. Sie waren unterwegs in Halamshiral empfangen und frenetisch gefeiert worden. Es sprach sich schnell herum, dass die Inquisition ganz Thedas vor dem Untergang gerettet hatte.
Noch einmal mussten die Menschen in der Himmelsfeste zusammenrücken, bis der Schaden an der Haupthalle und den beiden Türmen behoben war, doch zur Freude der Handwerker schickten etliche Adlige genügend Material und Leute damit die Reparaturen zügig ablaufen konnten.
Madame Montilyet hatte alle Hände voll damit zu tun, ihre Tochter UND Assan in Schach zu halten, während Salis einer Einladung des kaiserlichen Hofes folgte, schließlich war sie immer noch das Oberhaupt der Inquisition.
Morrigan erholte sich schnell von ihrer Verletzung. Nacht für Nacht wachte ihre Familie an ihrem Bett. Familie … die Magierin fuhr in der vierten Nacht schreiend in die Höhe und starrte ins Leere. Alistair fiel vor Schreck das Buch aus der Hand, in dem er während des langen Wartens gerne las, Kieran sprang aus seinem Bett und Fiona setzte sich auf die Bettkante, um mit dem Handrücken Morrigans Temperatur zu fühlen.
„Flemeth“, brachte die verschwitzte Magierin hervor. „Sie ist tot. Die Verbindung zu ihr ist weg.“
Kieran beugte sich mit sorgenvollem Blick über sie und hielt ihre Hand. Mit der anderen strich sie ihm sanft durchs Haar. „Wir sind frei, Kieri.“ Dann schlief sie lächelnd ein.

Marian Hawke, der Champion von Kirkwall, hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass ihre Ehefrau Merrill nach einer Woche im unteren Hof stand und sich suchend umschaute. Varric erblickte seinen Schützling zuerst und purzelte vor Freude fast die Treppen hinunter.
„Ich musste endlich mit eigenen Augen sehen, was hier vor sich geht“, meinte die schwarzhaarige Elfe im traditionellen Gewand einer Hüterin. Die Dalish Elfen unter den Spähern zollten ihr Respekt, wichen sogar etwas ängstlich zur Seite.
Marian hielt ihr die kleine Elena entgegen und das Eis war sofort gebrochen. „Wir warten immer noch auf die Adoptionspapiere.“
Varric schleifte die beiden Frauen hoch an das Lagerfeuer der Sturmbullen, welche ihr Zelt wieder aufgebaut hatten. Es gab so viel zu erzählen!

Niemand bemerkte, dass Solas verschwand. Zwei Tage später wunderte sich Leliana auf ihrem Gang hoch zum Turm darüber, dass er nicht an seinem Schreibtisch saß, wie sonst. Er hinterließ weder einen Abschiedsbrief, noch hatte er jemandem offenbart, was der Grund seiner Abreise war.

Nach drei Wochen waren alle äußerlichen Wunden verheilt. Die Haupthalle erstrahlte in altem Glanz, die Quartiere konnten wieder bezogen worden. Josephine eilte wie eh und je durch die Feste, scheuchte Boten und Bedienstete herum, während Salis es genoss, mit Assan zu spielen und einfach einmal ein paar Tage zu entspannen. Noch wollte niemand die Feste verlassen. Sie saßen oft allesamt am Lagerfeuer, denn sie wussten, dass die Zeit des Abschiedes für einige kurz bevorstand.
Dies war auch der Grund, warum sich eines Abends alle Freunde in der Haupthalle einfanden. Der Koch hatte sich selbst übertroffen und aufgetischt, was seine kleine Küche hergab. Man hatte drei lange Tische u-förmig aufgestellt, so dass dutzende von Personen daran Platz finden konnten.
Als alle saßen, erhob sich Salis und hielt ihr Weinglas in die Höhe. „Auf die Freundschaft.“ Sie schaute Josephine glücklich an. „Auf die Liebe.“ Dann ließ sie ihren Blick schweifen. „Und auf die Freiheit.“
Ser Aclassi stand ebenfalls auf und hielt sein Glas in die Höhe. „Auf die Helden!“
Niin blickte lächelnd in die Runde und ergänzte: „Jeder ist ein Held, der nicht wegsieht, wenn andere in Not sind.“ Sie prosteten sich zu.
Lace verzichtete Krem zuliebe auf einen Wein und hatte sich Tee eingeschenkt. Einen Import aus Antiva, den die Zwergin zu schätzen gelernt hatte. Ihr Verlobter trank einem großen Becher Milch und hatte den üblichen Milchbart um die Oberlippe herum, als er wieder auftauchte.
Nach dem Essen, und weil man in dieser großen Anzahl so schnell nicht wieder zusammensitzen würde, begann Cassandra das Gespräch mit einer Frage an Salis. „Wo fahrt Ihr in den Flitterwochen hin?“
Die Dalish Elfe grinste breit. „Josephine zeigt uns die Rialto Bucht, wir werden faul am Strand liegen, während Assan riesige Sandburgen baut oder sich nach Ferelden durchbuddelt. Ich bekomme sicherlich einen mörderischen Sonnenbrand.“
Alle wussten, dass sie die Inquisition auch weiterhin führen würde, schließlich gab das Böse nie Ruhe und auch viele ihrer Gefährten hatten sich entschlossen zu bleiben. „Was ist mit Dir, Lethallan?“
Die Sucherin lächelte geheimnisvoll. „William möchte jungen Magiern eine Möglichkeit geben, sich voll und ganz dem Studium und der Perfektionierung ihrer Magie widmen zu können. Ich werde ihn dabei unterstützen, so lange es mir möglich ist.“
„Was soll das heißen, Cassandra? Du hast doch wohl nicht vor, vor den Erbauer zu treten? Das hört sich fast so an“, rief Varric entsetzt, der ihr gegenüber saß.
Die Sucherin lächelte William liebevoll an und der Magier meinte gelassen: „Keine Bange. Wir vergrößern nur unsere Familie ein wenig.“ Er grinste selig und Cassandra streichelte seine glattrasierte Wange. Das war also der Grund, warum vor ihr ein Wasserglas stand. Zum Glück kam niemand auf die Idee nachzurechnen, sonst wäre wohl aufgefallen, dass ihre Bemühungen gleich beim ersten Mal erfolgreich gewesen waren.
Von allen Seiten hagelte es Glückwünsche, nur Varric seufzte: „Andraste! Noch mehr sture Pentaghasts.“
Sera, die neben Ataash saß, fiel dem Zwerg ins Wort. „He, vergesst Eure zukünftige Schwiegertochter nicht!“
„Wie könnten wir?“, brummte Cassandra entnervt.
„Was machst Du, Varric?“, lenkte Niin schnell ab, sie hatte sich an Lelianas Seite gekuschelt und schaute ihren Freund erwartungsvoll an.
„Ach, ich werde mit Hawke und Merrill ...“ er kitzelte Elena, die auf seinem Schoß saß. „Und Sonnenblümchen in die Freien Marschen zurückkehren. Vorher erledige ich noch einige Geschäfte in Kirkwall und dann ziehe ich mich zurück, um ein Buch zu schreiben. Außerdem sehe ich Hawke dabei zu, wie sie häuslich wird.“ Er grinste und fragte seinen kleinen Kekskrümel: „Habt Ihr etwas geplant?“
Niin schmunzelte und hauchte Leliana einen Kuss auf die Wange. „Wir verreisen ein wenig. Die letzten Wochen waren hektisch. Es musste viel organisiert werden und da dachten wir, dass wir uns eine kleine Kulturreise gönnen. Wir werden uns einige Ausstellungen ansehen, in die Oper gehen und gnadenlos faulenzen.“
Die Meisterspionin legte ihren Arm wieder um die Elfe, nachdem sie sich noch ein Glas Wein eingeschenkt hatte. Wie immer tat sie etwas Honig hinein, weil ihr der fereldische Wein viel zu trocken war. Alistair hatte ihnen mit den besten Absichten einige Kisten zukommen lassen, nachdem er in sein Schloss in Denerim zurückgekehrt war. Zuvor hatte er die orlaisianischen Grauen Wächter quer durch Ferelden geschmuggelt und war mit ihnen unbehelligt in Vigils Wacht angekommen.
Leliana schaute Lace streng an. „Danach kommt viel Arbeit auf Nari und Harding zu. Ich werde die beiden ausbilden zu meiner rechten und meiner linken Hand.“ Trotz dieser Androhung freute sich die Zwergin auf die Zukunft, schon gar, da Krem Offizier der Inquisition bleiben würde.
„Was gedenkt Ihr zu tun, Blackwall?“ Die Frage der Meisterspionin an ihn kam so überraschend, dass er verwirrt die Stirn kräuselte.
„Ich werde weiterhin Buße tun und alle, die ich jemals belogen hatte, um Vergebung bitten.“
Fiona hakte sich bei ihm unter. „Und ich werde mitkommen, Du kannst eine Heilerin sicherlich gut gebrauchen.“
Alle sahen Cullen erwartungsvoll an und wie immer quittierte er zu viel Aufmerksamkeit mit Scheu. Er fuhr sich nervös mit der Hand ins Genick. „Wir besuchen meine Schwester für eine Woche.“ Er blieb der Inquisition als Kommandant erhalten und Annabelle arbeitete mit William am Aufbau einer Art Schule für Magier, das geschah am besten von der Himmelsfeste aus.
„Ich freue mich, dass Du Dich gegen Deinen Weggang entschieden hast, Schwester“, bemerkte die Chasind.
Morrigan grinste, sie hatte zu ihrer alten Form zurückgefunden. „Einer muss ja dafür sorgen, dass Ihr nicht halb Thedas abfackelt.“ Kieran saß glücklich an ihrer Seite, wusste er doch, dass ihm seine Freunde erhalten bleiben würden.
„He! Und wer fragt mich?“ Dorian verschränkte die Arme vor der Brust und warf sich theatralisch in Pose. Eine Antwort wartete er erst gar nicht ab, sondern plapperte selbstsicher drauflos. „Sicherlich ist es ein Risiko nach Tevinter zu gehen, aber ich muss den Widerstand in meiner Heimat aufbauen. Es gibt zum Glück immer mehr Magister, welche die Blutmagie verabscheuen.“
„Und wie willst Du den Bullen ins Land schmuggeln? Immerhin liefert sich Tevinter seit Ewigkeiten mit den Qunari Krieg.“ Varric schob sich ungeniert ein großes Stück Wildbret in den Mund, auch wenn Hawke ihn verstohlen anrempelte.
„Das dürfte interessant werden“, antwortete der Bulle lachend. „So lange mich Dorian nicht in seinem Gepäck mitschleppen muss.“
Dorian wurde ernst. „Von uns werden die Leute nur eine Kutsche sehen, die unter dem Schutz des Hauses Pavus steht und damit unantastbar ist.“
„Hier ist immer ein Plätzchen für Euch, ich hoffe, das wisst Ihr.“ Salis überkam ein Hauch von Wehmut und sie knetete Josephines Hand unterm Tisch.
„Oder auch zwei“, frotzelte Krem seinen breit gebauten Häuptling an.
Josephine pflückte Assan vom Boden auf, nachdem er unter den Tisch gekrochen war, Lucky ins Ohr gepustet hatte, der auf einem Kissen unter Krems Stuhl schlief und sich an Ser Aclassis Schnürsenkel zu schaffen machte. „Nachwuchsprobleme haben wir jedenfalls keine.“
„Langweilig wird es uns auch nicht werden.“ Salis lehnte sich zufrieden zurück und gab sich dem wärmenden Glücksgefühl hin, das sie durchströmte. Den anderen schien es ähnlich zu gehen, sie scherzten und tranken vielleicht den ein oder anderen Wein zu viel. Diesen Abend und die Ereignisse, die ihm vorausgingen, würde niemand jemals vergessen.
So unterschiedlich sie auch waren, sie hatten es dennoch geschafft, etwas auf die Beine zu stellen. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft geworden und würden weiterhin über Thedas wachen. Unter dem Banner der Inquisition versammelten sich alle Rassen, Hautfarben und Religionen mit dem einen Ziel: den Schwachen zu helfen und das Unrecht zu tilgen.

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