Auch dieses Mal brachte sie der Spiegel wieder in die Himmelsfeste. Morrigan versiegelte das Artefakt sofort, während die anderen darüber berieten, was als nächstes zu tun sei. „Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, einige der Grauen Wächter mitzunehmen?“ Leliana lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, zog ein Bein an und stemmte den Fuß gegen die kalte Mauer. „Sie sind hervorragende Krieger.“
Cassandra war nicht gerade angetan von diesem Vorschlag. Salis hielt sich im Hintergrund und grübelte, bis sie Niins Hand auf ihrem Arm spürte. Die Dalish Elfe blickte der Freundin in die Augen und fragte leise: „Glaubt Ihr, dass Corypheus auch nur eine Minute länger in der Arbor Wildnis bleibt, wenn er weiß, dass wir verschwunden sind?“ Das Gemurmel im Raum verstummte schlagartig. „Und wohin würde er gehen?“
Die Gefährten tauschten hektische Blicke aus und der Bulle stieß die Tür zum Garten auf. Keiner sagte ein Wort, aber alle hasteten in die Haupthalle. Dort blieben sie kurz stehen, um ihre Aufgaben aufzuteilen. Cassandra übernahm nun Cullens Position und erteilte Befehle: „Hauptmann Aclassi: Lasst die beiden Triboks auf den Türmen unverzüglich doppelt besetzen. Leutnant Harding: verdoppelt die Wachen auf den Wehrgängen ebenfalls, verdreifacht jene mit Blick in Richtung Arbor Wildnis. Ich möchte alle Bogenschützen auf den Wehrgängen wissen.“
Sie wandte sich an Leliana. „Sagt König Alistair Bescheid, er möge seine Wächter in Kampfbereitschaft versetzen.“
Der Bulle, Dorian und Varric bekamen die Aufgabe, die Zivilisten in die Kerkergewölbe zu bringen. Diese Räume waren einst tief in den Berg gegraben worden und galten als der sicherste Platz in der gesamten Feste. Morrigan lief hinter den Dreien her, denn schließlich wollte sie Kieran ebenfalls in Sicherheit wissen.
Salis und Leliana rannten zur Taverne. Dort saßen die Montilyets an einem Tisch mit Alistair und Ser Aclassi beim Abendessen. Josephine sprang erschrocken auf, als die beiden Frauen den Schankraum betraten. „Ma'arlath! Was ist passiert?“
Die Dalish Elfe küsste ihre Ehefrau sanft auf die Wange, nahm deren Gesicht in die Hände und schaute sie eindringlich an. „Wir müssen damit rechnen, dass uns Corypheus auf den Fersen ist. Jeder, der keine Waffe trägt, geht unverzüglich in den Kerker und wartet dort.“
Assan quengelte so lange auf Madame Montilyets Arm herum, bis Salis ihn kurz nahm. Auch er bekam einen Kuss auf die Wange und schmollte, als die Elfe ihn wieder an Carla zurückgab. Sie erschraken, als William in den Raum platzte und rief: „Habt Ihr Nathaniel und Kieran gesehen?“
Josephine nickte und ging auf ihn zu. „Sie wollten ein wenig üben und haben sich in den unteren Hof zurückgezogen. Ich gehe sie suchen.“ Mit diesen Worten eilte die Botschafterin hinaus und Salis trieb deren Familie vor sich her.
Krems Vater schaute sich verwirrt um und suchte seinen Sohn. Der Hauptmann winkte ihm von weitem zu und schrie: „Alles in Ordnung, Papa! Geh' jetzt!“
Leliana hatte einige Worte mit Alistair gewechselt und dieser hetzte zu seinen Leuten. Sie stellte sich neben Salis. „Wie schnell kann ein Drache fliegen?“

Die Frage stellte sich auch Annabelle, als sie aufschaute und einen großen Schatten über die Lichtung gleiten sah. Seit Stunden waren der Inquisitor und seine Begleiter nun schon im Tempel und Cullens Truppen kämpften verbissen gegen die letzten Roten Templer. Viele Männer hatte er an den Drachen verloren, denn immer wieder versuchten seine Leute, Corypheus am Öffnen des Tempeltores zu hindern.
Die Magierin versorgte zusammen mit Fiona die Verletzten und die beiden Frauen merkten, dass ihre Kräfte nicht mehr lange reichen würden. Auch Blackwall musste sich verarzten lassen, denn beim letzten Zusammenstoß mit einem Roten Templer durchdrang ein Schwert seine Rüstung. Die ehemalige Großverzauberin half ihm beim Ablegen des Brustpanzers und nähte die große Schnittwunde an seiner rechten Schulter. Er hatte sich dazu vor einen Baumstamm gesetzt und dagegen gelehnt, mühsam darauf bedacht, sein Stöhnen zu unterdrücken. Er knirschte mit den Zähnen vor Schmerz.
Cullen kehrte von seinem letzten Vorstoß zurück. Auch er hatte Blessuren, lehnte aber eine Behandlung ab. „Kümmert Euch lieber um die Verletzten. Das hier sind nur Schrammen.“
Annabelle sah ihn vorwurfsvoll an und tippte vorsichtig gegen seine linke Seite. Er zuckte zusammen. „Du nennst eine gebrochene Rippe also Schramme?“
„Es blutet nicht und muss nicht verbunden werden“, brummte er bissiger, als er wollte. Die Schmerzen brachten ihn dazu, den Menschen, den er liebte, anzuschnauzen und das machte ihn noch übellauniger. „Verzeih' mir“, murmelte er.
Annabelle schaute hoch in den Himmel. „Ich werde jetzt gehen, Cullen.“
„Nein!“, rief er entsetzt. „Ich lasse nicht zu, dass ...“
Sie legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. „Einer muss nachsehen, wohin Corypheus fliegt.“ Sie nahm eine Phiole Lyrium und trank diese.
„Du weißt ja, was passiert, wenn man zu viel davon zu sich nimmt?“ Fiona schaute sie warnend an. Die beiden Frauen hatten irgendwann in den letzten Stunden angefangen, sich zu duzen. Irgendwo zwischen herausgerissenen Gedärmen und Seen aus Blut und Tränen.
„Noch geht es mir gut.“ Sie küsste Cullen zum Abschied, trat dann ein Stück hinaus aus dem schützenden Dickicht und verwandelte sich in einen Raben. Noch konnte sie den Drachen gut sehen und ihre eigene Flügelspannweite war schließlich auch nicht zu verachten. Sie folgte dem Feind ins Hochgebirge. Über Haven verlor sie ihn dann endgültig aus den Augen, aber sein Ziel war eindeutig die Himmelsfeste. Hier oben im weißen Niemandsland gab es sonst nichts als das Hauptquartier der Inquisition.

Josephine hatte Nathaniel endlich gefunden und wie immer war Kieran bei ihm. Die beiden übten sich ein wenig in ihrer Magie und hatten sich dafür eine ruhige Ecke ausgesucht. Die Botschafterin rief ihnen schon von weitem zu: „Kommt schnell! Wir müssen in den Kerker!“
Die beiden Jungen wussten, was das bedeutete: sie wurden angegriffen. Sie kreiselten beide herum und begannen auf Josephine zuzulaufen, trotzdem ging ihr das zu langsam und sie schob die Jungen ein wenig an, die Treppe hinauf in den oberen Hof, der sich auf einmal verdunkelte. Im ersten Moment wusste niemand den Grund, bis man ein donnerndes Brüllen hörte. „Schneller!“, schrie Josephine panisch.
Niemand hatte den Drachen kommen sehen, der wie ein Seeadler durch die dicke Wolkendecke stieß. Der Alarm ertönte, als Josephine mit den Jungen den oberen Hof erreichte. Auf der anderen Seite hasteten Cassandra und die anderen Kinder herbei. Die Sucherin blickte gehetzt um sich, als einer der Späher auf dem Wehrgang schrie: „Er dreht um! Er kommt zurück!“ Sie schubste Ataash durch die Tür, die als Letzte der Gruppe dafür sorgte, dass alle Kinder in Sicherheit waren. „Du gehst mit! Keine Diskussion!“ Die Qunari war zwar enttäuscht, gehorchte aber ohne zu murren.
Mittlerweile war Josephine ebenfalls an der Tür angekommen und kurz hinter ihr eilte William herbei, der seinen Sohn im anderen Teil des Hofes gesucht hatte. Erleichtert berührte seine Hand kurz Nathaniels Schulter, dann sprangen die Jungen ebenfalls in den Schutz des Ganges.
Wieder hallte ihnen das Brüllen in den Ohren. Der Drache überflog das Hauptgebäude und seine Klauen rissen dabei das halbe Dach ab, der Dachstuhl fiel in sich zusammen. Die Außenmauer zum Hof zerbarst dabei regelrecht und etliche Steine wurden in den Hof geschleudert. Einer davon traf Josephine am rechten Arm, sie wurde zur Seite geschleudert, als sie den rettenden Gang fast erreicht hatte, und prallte mit der Schläfe gegen den Türrahmen.
„Josie!“, Lelianas Schrei ließ Salis herumwirbeln und sie sah die Botschafterin bewusstlos zu Boden fallen. Die Dalish Elfe rannte zu ihrer Ehefrau, fiel auf die Knie und schlitterte den letzten Meter durch den Schlamm heran. Sie legte ihren Arm vorsichtig unter Josephines Kopf, der Schlag hatte eine stark blutende Platzwunde verursacht.
Leliana war ebenfalls herbeigeeilt und tastete nach dem verletzten Arm. „Gebrochen“, meinte sie mit jenem fachkundigen Blick, den man sich durch jahrelange Kämpfe auf den verschiedensten Schlachtfeldern aneignete. Salis hob die wesentlich schwerere Botschafterin hoch. Im Moment floss so viel Adrenalin durch ihre Adern, dass sie ihre Ehefrau mühelos die Treppe hinab trug und auf einem Feldbett ablegte.
Sofort stürmten Josephines Eltern herbei und für einem Moment erlangte die Botschafterin das Bewusstsein zurück, aber als einer der Heiler nach ihrem Arm griff, fiel sie zum Glück wieder in eine gnädige Ohnmacht, welche ihr die Schmerzen ersparte.
Leliana schüttelte die Dalish Elfe an den Schultern, als wolle sie diese wachrütteln. „Wir müssen wieder hoch.“ Die beiden luden ihre Armbrüste nach. Es handelte sich um Modelle, die Varrics Waffe nachempfunden waren und welche ein Magazin hatten. Leider konnten damit nur wenige Schützen ausgestattet werden, weil die Schmiede in Orzammar nicht mit der Herstellung hinterher gekommen waren.
Wieder im Freien bot sich den Frauen ein Bild der Verwüstung. Unter anderen Umständen wären den beiden sicherlich die Tränen gekommen. All das, was sie über Wochen so mühsam aufgebaut hatten, lag nun als Trümmer vor ihren Füßen. Morrigan taumelte ihnen entgegen und hielt sich benommen den Kopf. Leliana brachte sie in Sicherheit. Ausgerechnet ihr Trumpf gegen den Drachen befand sich nun am Rande der Bewusstlosigkeit!

Auf den Türmen ertönten Kommandos. Der Drache machte sich erneut bereit für einen Überflug und die Triboks wurden schnell ausgerichtet. Gelegentlich hört man den Bullen und Krem Befehle brüllen, während sie die Sturmbullen und die Soldaten positionierten, um den Drachen mit Explosivgeschossen zu empfangen.
Auf den Wehrgängen lauerten die Schützen auf ihre Gelegenheit, sich zu rächen und im oberen Hof hatten sich Lace, Niin, Varric, Sera und Dorian zu einer Reihe formiert. Hawke begnügte sich als Schwertkämpferin damit, ihrem Freund stets neue Bolzen-Magazine zu reichen, mehr konnte sie im Moment nicht tun. William stand auf einer Treppe, die zu den Wehrgängen führte. Seine Knöchel wurden weiß, so fest umklammerte er seinen Magierstab. Die Magier schluckten Lyrium und man merkte ihnen bereits die Erschöpfung an.
Leliana kam zurück, stellte sich mit Salis zu ihren Freunden und das Warten auf den nächsten Schrei wurde unerträglich. Diesmal sahen sie den dunklen Schatten über der Wolkendecke, ehe er hinabstieß, um die Festung mit seinem Feueratem in Schutt und Asche zu legen. Die Magier erschufen allerdings einen Schutzzauber und so erreichten die Flammen nicht den Boden. Heiß wurde es dennoch, besonders für William, der etwas abseits stand. Er spürte eine unheimliche Hitze im Gesicht, danach roch es nach verbranntem Haar. Er war zu beschäftigt, um sich Sorgen darüber zu machen.
„Los, meine Damen! Feuer!“, brüllte Cassandra fast lauter als der Drache von einem der Wehrgänge hinunter.
„He!“ Varric blickte sie kurz anklagend an und schoss dann ebenfalls sein Magazin leer. „Friss Dreck!“, schrie er dem Ungetüm hinterher. Etliche Bolzen hatten ihr Ziel erreicht und die Schuppen des Drachen durchbohrt, der sich in der Luft drehte und Corypheus dabei fast fallen ließ. Die beiden rasten davon und auf den Wehrgängen brach Jubel aus.
Cassandra wieselte zwischen den Soldaten herum und ermahnte sie zur Wachsamkeit. „Noch ist es nicht vorbei!“ Dann sprang sie die Treppen hinab in den Hof, um zu sehen, wie es den anderen ging. Kurz vor William blieb sie so abrupt stehen, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Er schaute sie fragend an. „Was ist los?“
„Du … Du ...“, stotterte sie und deutete auf sein Gesicht. „Dein Haar ...“
Er tastete irritiert nach seinem Bart, aber da war auf der rechten Seite nichts mehr als blanke Haut. Erschrocken griff er sich in die Haare und stellte fest, dass ihm dort ebenfalls ganze Büschel fehlten.
Cassandra strich ihm sanft durch die Überbleibsel seiner Frisur. „Ich glaube, Du musst unbedingt zum Barbier.“ Sie hob die Hand und zwischen ihren Fingern rieselten angesengte Haare herunter.
Lace schaute voller Sorge zu den Wehrgängen hinauf und rief: „Krem? Schatz?“
Ein dunkelbrauner und kurzgeschorener Haarschopf erschien an der Mauer und die Stimme des Hauptmannes ertönte: „Alles in Ordnung, mach' Dir keine Sorgen, Wölkchen!“ Dann verschwand er wieder, um seinen Kameraden Flicker von einigen Steinen zu befreien, die vom Turm herabgefallen waren.
Varric grinste die Zwergin schief an. „Wölkchen? Wie kam Krem bloß darauf? Eher Gewitterwölkchen.“
Lace blitzte ihn wütend an. „Giftzwerg.“
„Oh, der saß!“ Dorian schüttete sich regelrecht aus vor Lachen. Das Lyrium, gemischt mit zu viel Adrenalin, brachte ihn in eine fast hysterische Euphorie.

Salis schaute misstrauisch in den Himmel. Die Sonne ging unter und tauchte die Berghänge in goldenes Licht, während die Innenhöfe in gnädiger Dunkelheit versanken, sodass man die Schäden nur erahnen konnte. Die Haupthalle war unbetretbar und zwei der Türme ebenfalls eingefallen. Hawke, Varric und der Bulle machten sich daran, die Verletzten von den Wehrgängen zu bergen.
Die Dalish Elfe eilte in den Kerker, in welchen nun die verletzten Soldaten und Späher gebracht wurden. Man hatte ja noch genügend Feldbetten auf Lager und die Bediensteten bauten diese hastig auf. Salis kniete vor Josephines Bett und griff nach deren Hand. Die Botschafterin schlug die Augen auf, ein dicker Verband zierte ihren Kopf, bändigte das schwarze Haar und den Arm hatte man geschient. „Wie geht es Dir, ma vhenan?“, fragte die Elfe fürsorglich und küsste vorsichtig den Handrücken ihrer Frau.
„Wir sollten heute nicht mehr Tanzen gehen.“ Josephine versuchte zu scherzen, aber ihr Lächeln geriet eher zu einem schmerzverzerrten Zähnefletschen. Sie schloss die Augen und ihre Mutter strich mit dem Handrücken sachte über die Wange der Botschafterin. Assan war ausgesprochen ruhig, Josephines Vater kümmerte sich um ihn, aber als er Salis erblickte, fing der kleine Elf wieder an zu quietschen, bis sie ihm zärtlich durch das Haar strich. „Viel los heute, nicht wahr?“ Sie holte die kleine Spieluhr aus der Tasche, öffnete diese und nicht nur Assan starrte das Kleinod fasziniert an, auch die anderen Kinder kamen neugierig näher, um zu lauschen. Vorher hatten sie Lucky gekrault, den Ser Aclassi an den Gittern einer Zelle anbinden musste, damit der kleine Mabari nicht auf die Idee kam, nach seinem Herrchen zu suchen.
Morrigan ging zwischen den Verletzten hin und her und versuchte zu helfen, ohne sich zu sehr zu verausgaben. Kieran stützte sie dabei. Leliana legte ihren Arm um die Hüfte der Magierin. „Ruh' Dich aus.“
„Ist nichts Schlimmes“, murmelte Morrigan abwehrend, aber die Meisterspionin ließ nicht locker und stellte die Magierin neben einem Feldbett ab.
„Leg' Dich hin.“ Es war kein barsches Kommando und sie half der Hexe der Wildnis dabei, nahm deren Beine und hob diese vorsichtig hoch. Kieran hielt eine Decke bereit, um seine Mutter damit zudecken zu können.

William hatte den Ruf des Raben bemerkt, noch ehe dieser zur Landung im Hof ansetzte. Annabelle verwandelte sich zurück und fiel auf die Knie. Am Ende ihrer Kräfte keuchte sie: „Der Drache … erst verlor ich ihn aus den Augen, dann kam er zurück. Ich hatte Todesangst, als er auf mich zukam. Er fliegt nach Haven.“ Sie sank in Williams Arme, der sie hochhob und in den Kerker trug.
Dort legte er seine beste Freundin auf einem Feldbett ab, Alina begann zu weinen, als sie ihre Mutter in diesem Zustand erblickte. Annabelle streichelte dem Mädchen sanft, aber mit matter Hand, über die Wange. „Ich bin nur ein wenig müde, Schatz.“ Sie schloss die Augen und schlief  vor Erschöpfung ein.
Eine Hand legte sich auf Williams Schulter und Cassandra sprach mit leiser Stimme: „Du musst Dich ebenfalls ausruhen, Wil.“ Er war zu überanstrengt, um ihr zu widersprechen und nickte nur.
Dorian wurde vom Bullen auf eines der Betten geschoben, er protestierte und verstummte erst, als er seine Magierkollegen allesamt schlafen sah. „Vielleicht ein halbes Stündchen Ruhe?“ Er folgte den anderen Magiern ins Land der Träumer, kaum dass er sich hingelegt hatte.

Salis musste sich wehmütig von Josephine trennen und folgte Leliana ins Freie. „Der Drache scheint offensichtlich von seinem Vorhaben abgelassen zu haben, die Himmelsfeste weiter einzuäschern.“
„Wer weiß, was Corypheus jetzt wieder vorhat?“ Die Meisterspionin glaubte nicht daran, dass sie nun Ruhe vor ihm hatten. Sie gesellte sich zu Niin, die damit beschäftigt war, die Magazine der Armbrüste aufzuladen. Offensichtlich erging es der Elfe ähnlich und sie machte sich bereit für einen neuen Angriff.
Überall wurden Fackeln aufgestellt. Lichter tanzten über die Wehrgänge, die Mannschaft von Meister Gatsis zwergischen Handwerkern machte sich bereits ans Werk und schob den Schutt beiseite. Josephines Brüder halfen ihnen dabei, die beiden Männer waren es gewohnt, hart zu arbeiten.
Im unteren Hof sprach Lace gerade mit dem Stallmeister und bat ihn, alle Pferde zu satteln, derer er habhaft werden konnte. Krem hatte seinen Freund Flicker notdürftig verbunden. Viele Leute trugen Verbände um die Köpfe, weil sie von herumfliegenden Steinen getroffen worden waren. Endlich hatten sie alle Verwundeten in den Kerker gebracht und versorgt.
Ataash bestand darauf, sich nützlich zu machen, entfachte ein großes Lagerfeuer und setzte heißes Wasser auf. Sera wich ihr dabei nicht von der Seite, aber Cassandra stellte fest, dass es der Qunari Recht zu sein schien. Naraan und die anderen Kinder waren derweil im sicheren Schutz des Kerkers dabei, aus Bettlaken Verbände zu machen, indem sie den Stoff in lange Bahnen rissen.

Zwei Stunden waren nun seit dem Angriff vergangen. Salis, Leliana und Niin saßen an einem der Tische vor der Küche, die glücklicherweise nichts abbekommen hatte. Die Frauen kauten lustlos auf ihren Brotscheiben herum, die mit Wurst oder Käse belegt waren. Die übliche Kost eben. Cassandra setzte sich erschöpft zu ihnen, streckte die Beine unterm Tisch aus und kollidierte dabei mit Salis, welche auf die gleiche Idee gekommen war. Sie lächelten sich an.
Gerade als die Dalish Elfe ihren Becher greifen wollte, leuchtete das Mal auf ihrer linken Hand wieder grünlich auf. Sie zuckte erschrocken zusammen und die anderen am Tisch mit ihr. „Was soll das?“, rief sie halb empört, halb in Panik.
Statt einer Antwort wurde der Himmel ebenfalls in grünes Licht getaucht. „Die Bresche!“ Krems Stimme überschlug sich und die Frauen sprangen auf, um hinauf auf die Wehrgänge zu rennen. Oben angekommen starrten sie auf die riesige Lichtsäule und den nur allzu bekannten tornadoartigen Strudel am Himmel, hoch über dem Tempel der Heiligen Asche.
„Er ruft uns, oder?“ Salis bekam eine Gänsehaut.
„Ja, er will es wissen, schätze ich.“ Leliana sog die Luft laut hörbar durch die Nase ein und stieß diese gleich darauf wieder schnaubend aus.
„Nicht nur er.“ Die Dalish Elfe überlegte eine Minute, drehte sich dann zu ihren Freundinnen um und meinte: „Lasst uns gehen. Wir werden erwartet.“ Niemand widersprach ihr, so wie generell kaum jemand ein Wort von sich gab, während sie auf die Pferde warteten, die der Stallmeister und seine Angestellten in den Hof brachten. Es hatte etwas länger gedauert, die Tiere von einer Weide unterhalb der Schneegrenze zu holen.
Die Magier hatten sie aufgeweckt und sie schienen sich in der kurzen Zeit recht gut erholt zu haben. Annabelle verabschiedete sich wieder, um so schnell wie möglich Cullen auf den neusten Stand bringen zu können. „Ich habe es langsam satt, meine Tochter immer weinend zurücklassen zu müssen“, raunte sie William zu, als er sie umarmte.
„Wir werden es heute beenden, Anna.“ Der Magier nahm ihr Kinn, schaute ihr in die Augen und küsste ihre Stirn. „Wir sehen uns bald wieder.“ Um ihr Mut zu machen, zwinkerte er ihr zu. Wieder verschwand kurz darauf der schwarze Rabe in der Nacht.

Salis schwang sich schweren Herzens auf ihr Pferd. Leider war es nicht Zuckeröhrchen, der in der Arbor Wildnis auf sie wartete. Josephine hatte geschlafen, als sich die Elfe von ihr verabschieden wollte. Vielleicht war es gut so?
Das letzte Aufgebot setzte sich in Bewegung. Viele waren es nicht mehr. Salis und ihre Freunde, fünf Späher und ebenso viele Soldaten. Die Sturmbullen blieben in der Feste, auch wenn sie dagegen protestiert hatten.
Der Champion von Kirkwall diskutierte laut mit Varric darüber, ob sie mitkommen sollte. „Denk' an Deine Ehefrau Merrill und Elena. Bleib hier, Marian.“ Der Zwerg ließ sich auf sein Pferd helfen und zu seinem Unmut schwang sich seine Freundin hinter ihm in den Sattel.
„Keine weitere Diskussion, Varric.“
Als Alistair und Oghren, der rothaarige Zwerg, nach den Zügeln der verbleibenden Pferde griffen, fuhr Leliana im Sattel herum und schnauzte ihren Freund an. „Du bleibst schön hier, Al! Ich lasse nicht zu, dass Corypheus den König von Ferelden tötet!“
Er winkte gelassen ab, stieg auf sein Reittier und Oghren tat es ihm nach. „Wir lassen unsere Freunde nicht im Stich.“ Er blickte Morrigan an. „Damit meine ich auch Dich.“
Die Magierin knurrte: „Wie liebreizend.“ Dann schaute sie unter sich und erhob den Kopf wieder mit den Worten: „Verzeih', Al, aber Leliana hat Recht. Du solltest nicht mit uns kommen.“
„Und warum gehst Du mit?“, fragte er stirnrunzelnd.
„Weil sonst niemand diesen Drachen aufhalten kann.“ Wieder überlegte sie kurz. „Und weil ich es hasse, wenn ich eine Sache nicht zu Ende bringen kann.“ Sie gab dem Pferd mit den Hacken zu verstehen, das es sich umgehend in Bewegung zu setzen hatte. Die anderen folgten ihr und Leliana sah seufzend zu, wie Alistair an ihr vorbei ritt. Im Grunde war sie froh, ihn bei sich zu wissen, denn auch wenn er oft naiv und etwas verspielt war, kämpfen konnte er.
Sie alle hingen ihren Gedanken nach, insofern man das bei dieser hohen Geschwindigkeit sagen konnte, die sie an den Tag legten. Lace kannte hier jeden Stein mit Namen und so ritt sie an der Spitze vorweg, dicht neben ihr hielt sich Krem recht gut dafür, dass er es nur selten mit Pferden zu tun bekam.
Die Füße des Bullen schleiften fast am Boden, denn die Steigbügel waren nicht für seine riesigen Füße gemacht. Unter anderen Umständen wäre Morrigan eine bissige Bemerkung entfleucht, aber sie unterließ es und bereitete sich innerlich auf das Kommende vor.

Haven zu passieren bereitete allen Unbehagen. Zu frisch und zu tief waren die Wunden, der Verlust an Menschenleben, an Sicherheit. Und dort, im Tempel der Heiligen Asche, thronte der Verursacher allen Leids. An jenem Ort, an dem alles begonnen hatte.
Die Nacht war noch nicht vorbei, als die Gefährten ihre Reittiere hinter sich ließen, um den letzten Weg zu Fuß zurückzulegen. Die Trümmer hätten den Pferden den Weg versperrt, immer wieder kletterten die Freunde über große Gesteinsbrocken und umrundeten tiefe Krater. Beim Näherkommen stockte Salis der Atem, denn einige der losgelösten Felsen schwebten in der Luft.
„Was ist das denn jetzt schon wieder für eine Scheiße?“, murmelte der Bulle verstört.
Vor dem Eingang des Tempels wartete Corypheus daselbst. Er rief einige Dämonen herbei, welche aber so schnell von der Inquisition vernichtet wurden, dass er zurückwich. „Welch' Freude, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid.“ Er hob seine klauenartige Hand, öffnete diese und das elfische Artefakt, welches Salis schon aus Haven kannte, kam zum Vorschein.
Ehe er wieder zu einer großen Rede ausholen konnte, unterbrach Salis ihn wütend. „Wollt Ihr wieder stundenlang quatschen, oder bringen wir es endlich hinter uns?“
Die Verwunderung darüber, dass sie seinen theatralischen Auftritt so rüde unterbrochen hatte, stand ihm ins hässliche Antlitz geschrieben und er ließ seinem Zorn freien Lauf. Mit einem Schrei riss er die Arme hoch und die Überreste des Tempels lösten sich von der Erde.
Salis und ihre Freunde kamen ins Taumeln, sie hielten sich aneinander fest und jeder, der sich zu weit hinter der Dalish Elfe befunden hatte, blieb am Boden, während sie, Cassandra, der Bulle, Varric und Dorian auf einem großen Gesteinsbrocken in die Höhe fuhren.
„Nein!“ William rannte verzweifelt auf den Felsen zu, streckte die Hand nach der Sucherin aus, wohl wissend, sie nicht mehr erreichen zu können. Ihm traten die Tränen in die Augen und den anderen erging es kaum besser.
Auch Leliana und Niin mussten hilflos mitansehen, wie ihre Freunde aus ihrem Sichtfeld verschwanden. Lace lag noch benommen am Boden, sie hatte Krem in letzter Sekunde zurückgezogen, sonst wäre er in den Abgrund gefallen. Sie rollte sich herum und tastete nach seiner Wange. „Bist Du in Ordnung, Mäuschen?“ Es war ihr egal, ob jemand diesen Kosenamen hörte oder nicht.
Der Hauptmann öffnete die Augen, blinzelte kurz, wie um sich zu versichern, dass er noch am Leben war. Dann lächelte er einige Sekunden. „Unkraut vergeht nicht.“ Die beiden erhoben sich und ihnen wurde klar, dass sie dem Kampf auf Leben und Tod, der dort oben entbrannte, nur als Zuschauer beiwohnen würden.

Letztendlich war das Auftauchen des Drachens nur eine Frage der Zeit gewesen. Das Brüllen ließ trotzdem alle zusammenzucken und Morrigan trank eilig eine Phiole Lyrium leer. „Ist wohl mein Auftritt, oder?“ Sie schaute erst zu Leliana und dann zu Alistair, den sie am Arm zu sich heranzog. „Bitte kümmere Dich um Kieran, falls ...“, ihre Stimme versagte, aber er hatte sie auch so verstanden und nickte traurig.
Da stand sie nun, die Hexe der Wildnis, um ihr Leben zu riskieren. Sie, die große Egoistin, in deren Händen nun das Gelingen des Kampfes lag. Sie ballte die Hände zu Fäusten und verwandelte sich. Die Umstehenden hielten den Atem an als sich ein Nebenschleier über die Umgebung legte, aus dem Morrigan als Drache in die Lüfte schoss. Im Gegensatz zu Corypheus dunklem Schoßtier, wies die Magierin gelb-violette Schuppen auf. Sie stieß einen Schrei aus, um die Aufmerksamkeit des Tieres auf sich zu lenken, das gerade dabei war, Salis und die anderen mit Feuer einzudecken.

Corypheus floh derweil auf eine höhere Ebene, denn auch er bemerkte den zweiten Drachen. Die Dalish Elfe kletterte verbissen hinterher, sie mussten sich beeilen, so lange Morrigan dieses riesige Mistvieh am Himmel aufhalten konnte. Die Magierin kämpfte verbissen, verkrallte sich in ihren Kontrahenten, ließ sich fallen und prallte mit dem Drachen voran auf einen großen Felsen. Dessen Pranke fuhr über ihre Seite, aber sie verspürte keinen Schmerz und erhob sich erneut in die Lüfte. Sie schleifte ihren Gegner mit sich, spie ihm den Feueratem entgegen und riss ihm ein großes Stück Fleisch aus der Körpermitte.
Ineinander verkeilt flatterten die beiden Drachen durch die Luft, während ihre Klauen einander großen Schaden zufügten. Schließlich taumelten sie jenem Fels entgegen, auf welchem Corypheus und Salis Gruppe standen und schlugen auf dem Boden auf. Aber während der prachtvolle Drache reglos liegen blieb, erhob sich Corypheus Ungeheuer zitternd. Cassandra schrie: „Gebt ihm den Rest.“
Sofort konzentrierten sie ihre Angriffe auf das neue Ziel und Corypheus war zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu schützen, denn auch wenn William weit weg war, so erreichte den Ältesten der Dunklen Brut dessen Magie immer noch und die Wut des Magiers war unermesslich. Hinzu kam, dass Dorian seine Angriffe nicht abgebrochen hatte und eine Feuerwalze nach der anderen in Corypheus Richtung davon jagte.
Ein lautes Heulen betäubte fast ihre Sinne, als der dunkle Drache starb. Ihr Feind wusste, dass er nun sterblich war. Sie wussten es. Morrigan hatte sich zurückverwandelt, blieb aber weiterhin regungslos liegen. Im Moment konnte ihr niemand helfen.

Corypheus riss seinen Trumpf in die Höhe. Die Kugel. Sie leuchtete rot auf und wieder versuchte er, Salis das Mal zu entreißen, aber die Elfe hatte dazugelernt. Sie bündelte ihre Macht und hielt zwei Sekunden später selbst das Artefakt in der Hand, welches nun grün glühte.
Mit ungeheurer Anstrengung konzentrierte sie sich auf die Bresche und wie schon einmal schloss sich der Riss am Himmel erneut. Diesmal endgültig. Die Kugel erlosch. Corypheus schrie sich seine Wut aus dem Leib, er schleuderte Cassandra und ihre Freunde hinweg, aber Salis hielt stand und er fiel kraftlos auf die Knie.
„Du wolltest ins Nichts?“ Sie trat furchtlos auf ihren Feind zu, hob die Hand mit dem Mal und presste die Handfläche auf seine Stirn. Er schien sich aufzulösen, um ihn herum flimmerte die Luft grünlich und schließlich verschwand er in einem Riss, der sich sofort danach wieder schloss.
„Ist es vorbei?“ Morrigan hob den Kopf, blieb aber liegen. Es fiel ihr schwer, sich zu bewegen. Dorians Gesicht tauchte verschwommen vor ihr auf und sie spürte, wie er einen Heilzauber wirkte. Mit Corypheus verschwand auch seine Magie, aber entgegen Salis Befürchtung rasten sie nicht der Erde entgegen, sondern schwebten sanft zu Boden. Sofort begannen ihre Freunde auf den großen Felsen zu klettern und fielen ihnen in die Arme.
William und Dorian sahen fürchterlich aus, zumal die Haare des Weißhaarigen nur noch sporadisch vorhanden waren. Die beiden Magier wirkten, als würden sie gleich umkippen, um ihre Augen hatten sich dunkle Ränder gebildet. William war fast zu schwach, um sich auf das Pferd zu schwingen und so entschied Cassandra, sich hinter ihn zu setzen.
Der Bulle hielt Morrigan im Arm. „Zähe Frau“, brummte er anerkennend. Krem hatte der Magierin die Wunde vernäht.
Salis schob sich mehr in den Sattel hoch, als dass sie aufsaß. Sie schaute auf die Hand mit dem Mal, stellte erleichtert fest, dass es verblasste und nur noch eine leicht schimmernde Narbe übrig blieb. Auch die Dalish Elfe machte einen abgeschlagenen Eindruck. Als alle fertig zur Rückreise waren, lächelte sie matt und drehte sich zu ihren Freunden um. „Lasst uns nach Hause gehen und aufräumen.“

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