Gegen Mittag gab es keinen Faden an ihren Körpern, der nicht von Schweiß durchtränkt war. Varric und Lace litten als Zwerge am meisten unter den Schlingpflanzen, über welche die anderen mühelos hinweg stiegen, dafür wurden ihnen nicht dauernd Äste ins Gesicht geschleudert. Alles hatte eben seine Vor- und Nachteile.
Morrigan und Salis führten die Gruppe an, es folgte der Pulk ihrer Gefährten und schließlich die Bogenschützen, die fleißig von ihren neuen Armbrüsten Gebrauch machten, indem sie die Roten Templer reihenweise von den zerfallenen Mauern schossen, auf denen diese gelauert hatten. Der scheinbare Vorteil gegenüber der Inquisition, nämlich von einem hohen Posten aus anzugreifen, erwies sich schnell als verhängnisvoll und was die Armbrust nicht erledigte, tat dann ein Explosionsgeschoss.
Von den Flanken aus hörten sie hin und wieder Gefechtslärm, wenn die kaiserlichen Truppen auf Widerstand stießen. Sie konnten nur erahnen, was sich dort abspielte und in gewissen Zeitabständen ertönten Hörner, um zu signalisieren, dass man weiter in die Wildnis vordrang.
Zuletzt rückten Cullens Truppen in breiter Linie vor. Sie vernichteten alles, was bis dahin noch hatte flüchten können. Ein paar Venatori waren so unklug gewesen, sich Corypheus Armee anzuschließen, statt in ihre Heimat zu fliehen. Eine Stunde später saßen Krähen auf ihren Leichen.
Annabelle nahm davon Abstand, sich zu verwandeln. Das Blätterdach des Dschungels bot ihr zu wenig freie Sicht. Cullen lief neben ihr und hob auf einmal die Faust, die Soldaten blieben sofort stehen. Er winkte und bedeutete seinen Männern, in Deckung zu gehen.
Die Magierin duckte sich ebenfalls und schob das Blattwerk zur Seite. Vor ihr lag eine große Lichtung, übersät mit Trümmern. Salis war in der Deckung der Ruinen bis zu einer Brücke vorgerückt und was Annabelle dort sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Corypheus! „Nein“, entfuhr es ihr leise und Cullen schnaufte wütend.
„Dieser Scheißkerl“, er flüsterte einige Befehle und seine Leute bildeten einen Ring um die Lichtung zusammen mit den kaiserlichen Soldaten.

Mittendrin befanden sich Salis und ihre Freunde. Sie beobachteten aus einiger Entfernung das Treiben der Roten Templer. Vor ihnen lag der Tempel von Mythal und ihre Feinde waren dabei, sich Zutritt zu verschaffen. Von hier aus sah man nur eine Mauer und das große Eingangstor. „Nicht so einfach, diese Elfenmagie“, murmelte Morrigan.
„Wenn sie erst einmal drin sind, haben wir es verschissen.“ Varric kaute nervös auf seiner Unterlippe herum.
„Selbst wenn sie den Eingang öffnen ...“, weiter kam die Hexe der Wildnis nicht, denn genau in diesem Moment schoben die Roten Templer das Tor zur Seite. Hinter ihr ertönten lauter verhaltene Flüche. „Wartet!“ Morrigan spürte eine fremde Magie, sie blickte William fragend an, der mit den Schultern zuckte und leise sprach: „Die Brücke.“
Corypheus befand sich noch auf der anderen Seite dieses Bauwerkes, offensichtlich wollte er abwarten, wie es den Templern bei der Öffnung des Tores ergehen würde. Er schien ebenfalls mit Fallen zu rechnen. Sein Anblick jagte den meisten Gefährten Schauer über den Rücken, denn sie hatten ihn ja in Haven nicht zu Gesicht bekommen. Er sah aus, als hätte man sein Innerstes nach außen gedreht. Die Knochen umwucherten seinen Körper und seine Haut sah aus wie rohes Fleisch. Er war groß, um nicht zu sagen riesig und besaß klauenartige Hände.
Gerade als er sich in Bewegung setzen wollte, begann die Luft auf der Brücke zu flirren wie unter großer Hitze. Die Umgebung verzerrte sich und aus dem Nichts tauchten Krieger vor ihm auf. Salis hielt die Luft an. „Sind das die Wächter?“
Sie schaute zu Morrigan, die wie gebannt auf die Szenerie starrte. „Die Altelfen. Das sind sicher Mythals Diener.“
Corypheus schien mit den elfischen Kriegern zu reden, schließlich lachte er und schleuderte sie mit einer Handbewegung bis zum Ende der Brücke. Sie rappelten sich auf, dann traf sie seine Magie mit voller Wucht und riss ihnen regelrecht das Fleisch von den Knochen.
Das Scheusal setzte sich siegessicher in Bewegung und betrat die Brücke, als die Säulen, welche rechts und links davon standen, anfingen zu summen. Eine Art Kraftfeld bildete sich und umhüllte Corypheus, er schrie und löste sich fast genauso schnell auf wie eben die Elfen.

Cassandra nutzte die Gunst der Stunde. Sie sprang auf und schrie: „Los jetzt! Zum Tempel!“ Alle rannten bis zur Brücke und Salis schmiss einen Stein hinüber. Es tat sich nichts. Auf dem Boden lagen die Überreste von Corypheus, sie stocherte mit der Fußspitze darin herum und machte einen entsetzten Satz zurück, als das, was von ihm übrig war, zu glühen begann. Langsam setzten sich die Teile wieder zu einer Gestalt zusammen.
„Nein! Nein! Nein!“ Varric erlebte nun zum zweiten Mal Corypheus Auferstehung und verlor fast die Nerven.
Zurück konnten sie nicht. Das Scheusal stand zwischen ihnen und den Truppen. Es gab nur einen Weg. „Zum Eingang!“ Leliana holte tief Luft und rannte voran über die Brücke, Niin folgte ihr wie ein Schatten und als die anderen sahen, dass die Fallen nicht reagierten, setzten sie sich ebenfalls in Bewegung.
Blackwall, Fiona und Solas, sowie die Späher, waren zu weit weg. Salis schrie ihnen zu: „Lauft!“ und deutete auf den Wald, in welchem sich Cullen befinden musste.
Hinter ihnen erhob sich Corypheus in die Luft. Noch befand sich sein Körper in einem Zustand, in dem er nicht reagieren konnte, aber mit jeder Sekunde gewann er seine Kräfte zurück. Sie hörten einen markerschütternden Schrei und sein Drache preschte heran.
Lace kam mit ihren kurzen Beinen nicht so schnell hinterher, sie hört Krem brüllen: „Schnapp' sie Dir, Bulle!“ Dann wurde sie aus dem vollen Lauf heraus in die Höhe gerissen. William und Dorian taten es dem Hauptmann gleich und pflückten Varric vom Boden, der einige zappelnde Schritte in der Luft tat, ehe er begriff, dass seine Freunde ihn unter den Achseln gegriffen hatten und nun trugen. Allerdings war seine Landung weniger sanft als die von Lace, denn die Magier pfefferten ihn regelrecht durch das Tor und schmissen sich dann gleich dagegen, um es wieder zu verschließen.
Morrigan spähte durch den immer schmaler werdenden Türspalt. „Der Drache kommt!“
„Beeilt Euch!“ Mittlerweile hingen acht Personen am Tor und schoben, bis ihnen die Halsschlagadern hervortraten. Endlich schloss es sich und von außen prallte etwas wuchtig dagegen.
„Hoffentlich hast Du Dir die Nase gebrochen, Arschloch!“ Varric schüttelte seine Faust in Richtung des Einganges.
Niin und Leliana ließen die Armbrüste wieder sinken. Sie hatten sich postiert, um Corypheus notfalls abwehren, oder zumindest etwas aufhalten zu können. Salis blieb bei ihrem Bogen und sie machte eine kleine Bestandsaufnahme ihrer Begleiter. Morrigan, Varric, Harding, der Bulle, Krem, Dorian, Cassandra, William und die beiden Frauen neben ihr. Die Dalish Elfe deutete ins Innere des Tempels. „Lasst uns weitergehen und denkt dran, dass wir hier nicht alleine sind.“

In einem Innenhof stießen sie auf etliche Leichen der Roten Templer. „Also gibt es noch mehr elfische Tempelwächter?“ Salis richtete diese Frage an Morrigan.
„Offensichtlich“, murmelte die Magierin und schaute nach oben, geradewegs in den blauen Himmel. „Warum kommt der Drache nicht?“
Leliana, die neben ihr stand, warf einen Stein hinauf und er prallte von einer unsichtbaren Mauer ab. „Eine magische Barriere?“
„Das würde erklären, warum wir noch keine Aschenhäufchen sind“, Cassandra blickte sich misstrauisch um. In der Mitte des Hofes gab es ein breites Podest mit Stufen zu jeder Seite. Am auffallendsten war eine Stele, die zwei Meter hoch sein mochte. Salis umrundete diese, strich dabei mit den Händen über das Relief. „Das ist Altelfisch. Ich kenne zwar einige Wörter, aber das hier kann ich nicht entziffern.“
Morrigan hatte die Altelfen und ihre Magie jahrelang studiert. „Hier ist von einer Quelle der Weisheit die Rede.“
Sie trat wieder einen Schritt zurück und prallte gegen Leliana, die sie mit gerunzelter Stirn ansah. „Hast Du davon gewusst?“
Der Vorwurf war unüberhörbar, die Hexe reagierte empört und verärgert. „Nein, das ist das erste Mal, dass ich davon höre. Wir sind hier wegen des Eluvians.“
„Was ist die Quelle der Weisheit?“ Salis entfernte einige Schlingpflanzen von der Stele, so dass man die Reliefs besser betrachten konnte.
Morrigan hing fast mit der Nase an den Schriftzeichen und wirkte hochkonzentriert. „Sie enthält das Wissen der Altelfen.“ Ihr Kopf zuckte zurück. „Interessant. Ob Corypheus davon wusste?“
„Ich glaube, der interessiert sich nur dafür, wie er ins Nichts gelangen kann.“ Leliana betrachtete Niin, die mit offenem Mund nach oben schaute. Sie konnte es nicht fassen, dass Elfen einst diesen Ort errichtet hatten. Wie traurig war es doch, dass ihr Volk nun ein Dasein in den Elendsvierteln der Menschen fristete. Selbst in diesen Ruinen ließ sich die einstige Pracht erahnen, die Höhe der Wände stellte sämtliche Kathedralen der Kirche in den Schatten.
„Ist das alles? Können wir jetzt weiter?“ Cassandras praktische Ader kam durch. „Wir sind hier weder in Sicherheit, noch wissen wir, was vor uns liegt. Einzig, dass die Roten Templer einen Vorsprung haben, zählt. Wenn es noch welche von ihnen gibt.“
„Cullen wird versuchen, Corypheus daran zu hindern, hier einzudringen.“ Der Bulle drehte sich zum Gehen weg. „Lasst uns schnell machen.“

Sie schritten eine breite Treppe hinauf zum nächsten Tor, das jemand vor ihnen geöffnet zu haben schien und schlüpften einer nach dem anderen hindurch. Dann kamen sie in einen weiteren Hof, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie einige Rote Templer in einem Erdspalt verschwanden.
Vorsichtig beugten sich Cassandra und William darüber und spähten in die Tiefe. Es ging nur ungefähr zwei Meter hinab, den Mauern nach zu urteilen, waren sie auf einen Gang gestoßen, der unter dem Tempel entlang führte. „Da müssen wir wohl hinterher, oder?“ Die Sucherin seufzte.
„Wir könnten es auch durch das nächste Tor da vorne versuchen“, gab Morrigan zu bedenken.
„Und warum sind die Templer da nicht durch?“ Salis kratzte sich nachdenklich an der rasierten Schläfe. „Mir nach!“ Sie sprang entschlossen hinunter und zündete sich eine Fackel an, von denen jeder zwei am Gürtel mit sich trug.
Alle folgten ihr und Krem fing Lace elegant auf. „Aus Dir würde sicher ein guter Tänzer werden“, bemerkte die Zwergin lachend.
„Krem ist so elegant wie ein Bronto“, brummte der Bulle, aber Lace kicherte nur. „Dann kennen wir zwei verschiedene Krems.“ Das war natürlich Wasser auf die Mühle des Hauptmannes, der grinsend an seinem Häuptling vorbei stolzierte.
Sie durchquerten die Katakomben des Tempels, bei denen es sich um ein weit verzweigtes System aus Gängen handelte. Die Spuren der Roten Templer waren nicht zu übersehen. Da, wo sie nicht weiterkamen, hatten sie einfach die Wände durchbrochen. Weit vor ihnen tanzten Lichter über die nassen Wände. Hier unten hatten sich kleine Seen gebildet und sie wateten voran.
„Schon wieder nass“, stöhnte Varric schlecht gelaunt.
„Entweder säuft man bald ab, wie in Kammwald, oder man trocknet schnell aus, wie in den Westgraten. Ich muss schon sagen: dieser Teil von Thedas ist einfach urig.“ Dorians Sinn für Humor schien ihm also noch nicht abhanden gekommen zu sein.
„Schreib' doch einen Reiseführer, Varric.“ Cassandra lächelte ihn amüsiert an.
„Na klar. Tausend Orte, vor denen gewarnt wird.“ Der Zwerg unterdrückte ein Lachen.
„Zählt dazu auch Kirkwall?“ Hatte Dorian die Frage gestellt, oder William? Beide schauten weg.
„He, meine Heimat ist nicht so schlecht, wie ihr Ruf.“ Varric watete weiter durch die Untiefen und versank bis zu den Hüften in einem Loch. Daraufhin sprang Lace auf Krems Rücken und er transportierte sie Huckepack durch das dunkle Wasser.
„Kommst Du dann zu mir?“, rief der Bulle.
„Deine Füße könnten ein Bad vertragen, Häuptling.“
„Los, schwing die Hüften“, Niin schubste den verdattert dreinblickenden Qunari an.
„Ho, Kekskrümel! Was sind das für Reden?!“
Die Elfe baute sich vor ihm auf. „Gehst Du jetzt weiter oder willst Du hier Wurzeln schlagen?“
Er lachte und klopfte ihr auf die Schulter. „Wird ja langsam.“ Er beugte sich zu ihr hinab. „Mein Krümel bleibst Du trotzdem.“
Niin grinste. „Gerne.“

Nach einigen Minuten blieb Salis, die an der Spitze der Gruppe lief, stehen. „Da geht’s wieder ans Tageslicht.“
Abermals hatte sich hier die Erde aufgetan. Erdbeben? Sie tauchten in einer großen Halle auf, einer nach dem anderen. Wo waren die Templer? Auf einer Empore vernahmen sie Rufe und sahen einige Monster in Rüstungen davoneilen. Der Abstand war also kleiner geworden und sie wollten gerade zur Treppe eilen, als unvermittelt ein Elf vor ihnen auftauchte. Er trug eine hautenge Rüstung, welche metallisch schimmerte und hielt einen gespannten Bogen in der Hand.
Leliana drehte sich aus einem Gefühl heraus um und blickte auf eine ganze Reihe weiterer Bogenschützen. Sie flüsterte Niin etwas zu und die beiden positionierten sich Rücken an Rücken. Salis versuchte derweil zu verhandeln. „Wir wollen Euch nichts Böses. Wir suchen die Roten Templer, die vor uns hier durchgekommen sind.“
„Alle Eindringlinge werden vernichtet. Das ist unsere Aufgabe.“ Er hob die Hand und gab das Signal zum Angriff.
Dorian und William erschufen zwei Schutzschilde, welche den ersten Pfeilhagel abwehrten, während Cassandra, Krem und der Bulle in einer Reihe derart losstürmten, dass den anderen schlecht vor Sorge wurde. Die Bogenschützen Leliana, Niin, Salis und Lace ließen die Armbrüste stecken und benutzten ihre Bögen, um öfter schießen zu können. Auf diese Nähe waren die Pfeile genauso wirkungsvoll wie Bolzen. Varric ging nichts über seine geliebte Armbrust Bianca.
Der Wortführer der Altelfen verschwand, indem er sich buchstäblich in Rauch auflöste. Die Bogenschützen waren schnell erledigt und lediglich der Bulle hatte eine Schramme am Arm abbekommen.
Sie rannten die Treppen hinauf zur Empore, in der Hoffnung die Roten Templer dort einholen zu können. Zweimal hörten sie in der Ferne Schreie, Kampflärm, aber sie konnten ihren Abstand nicht verringern, weil sie ebenso oft von den Tempelwächtern angegriffen wurden.
„Beim Erbauer, wie viele von diesen Typen gibt es eigentlich?“ Varric lud seine Armbrust nach.
„Ich finde es erstaunlicher, dass es hier überhaupt noch Lebewesen gibt. Nach all der Zeit.“ Morrigan spähte misstrauisch ins Freie. Die Wildnis hatte diesen Teil der Ruinen zurückerobert. Vorsichtig wagte sich einer nach dem anderen hinaus ins grelle Tageslicht, an das sie sich erst gewöhnen mussten.

Salis schirmte ihre Augen mit der Hand ab und blinzelte. „Da vorne!“ Die Roten Templer lieferten sich mit den Wächtern einen harten Kampf. Es waren auf jeder Seite kaum mehr als sechs Überlebende. Das letzte Aufgebot, und der Grund des verbissenen Gefechtes offenbarte sich ihnen nun, da die Sicht gegen die Sonne besser wurde. Sie waren am Ziel. Auf einem Felsvorsprung befand sich der Eluvian, weithin sichtbar. „Schnell, wir müssen uns beeilen. Corypheus sitzt uns im Genick.“
Morrigan fluchte. „Niemand wird den Eluvian bekommen.“ Sie verwandelte sich in einen Raben und schoss an den Mitgliedern der Inquisition vorbei in die Höhe. Den anderen blieb nichts übrig, als sich den Weg dorthin freizukämpfen. Einen großen Teil der Wächter hatten die Roten Templer schon erledigt, denn von den Altelfen lebte nur noch ihr Anführer und dieser stand bereits auf dem Felsvorsprung vor ihnen.
Aus der Ferne wurden sie Zeuge, wie Morrigan hinter ihm auftauchte und ein Messer zog. Er kreiselte herum, aber die Magierin war schneller und stieß ihm die Waffe ins Herz. Niin lief es bei so viel Kaltblütigkeit eiskalt den Rücken hinab, aber sie musste sich darauf konzentrieren, den Nahkämpfern mit der Armbrust Rückendeckung zu geben. Trotzdem gingen ihr Lelianas Erzählungen über die Geschehnisse der fünften Verderbnis durch den Kopf, als diese mit Morrigan und Alistair durchs Land zog.
Die Elfe riss sich zusammen und ihr nächster Bolzen bohrte sich einem Roten Templer geradewegs in die Stirn, eine Sekunde bevor Cassandras Schwert in die Rüstung einschlug und seinen Unterleib zerfetzte. Waren sie wirklich besser? Auch die Inquisition schlachtete, mordete und hinterließ eine Blutspur. Ein Ruf riss Niin aus ihren Gedanken: „Schnell, lasst uns zu Morrigan aufschließen!“
Ihre Gefährten kletterten über eine Geröllhalde hinauf, welche ursprünglich einmal eine breite Treppe gewesen war. Oben angekommen verschlug es ihnen den Atem. Zwischen ihnen und dem Eluvian befand sich wirklich eine Art gekacheltes Wasserbecken, aus einer kleinen Quelle gespeist. „Die Quelle der Weisheit?“ Salis machte einen Schritt voran, kniete nieder und schob ihre Hand prüfend ins Wasser. „Was passiert der Überlieferung nach, wenn man es trinkt?“
„Man nimmt das Wissen der Altelfen in sich auf, aber man macht sich auch zu Mythals Diener.“ Morrigan stellte sich neben die Dalish Elfe und blickte diese nachdenklich an. „Natürlich funktioniert das nur, wenn man die Sprache der Altelfen versteht.“
Salis grinste. „Ihr wollt damit sagen, dass es am besten wäre, wenn Ihr davon trinken würdet?“
„Tut das bloß nicht!“ William schien der Hexe der Wildnis nicht zu trauen und Morrigan drehte sich dann auch spöttisch lächelnd zu ihm um.
„Macht einen anderen Vorschlag, Trevelyan. Wer außer mir ist imstande, dieses Wissen zu nutzen?“
Leliana drehte sich dahin um, wo sie gerade hergekommen waren. „Was auch immer Ihr entscheidet, macht schnell.“
„Ihr kennt die Magierin lange genug, Schwester Nachtigall. Was sollen wir Eurer Meinung nach tun?“ Varrics Ratlosigkeit war ihm anzusehen.
Die Meisterspionin sah ihre ehemalige Kampfgefährtin an. „So sehr es mir auch gegen den Strich geht: Du hast Recht, Morrigan.“
Die Magierin schaute in die Runde und die meisten Anwesenden nickten, bis auf Cassandra, die wütend schnaubte. Ihr passte es ebenso wenig wie William, dieser Person eine fremde Macht in die Hände zu geben. Morrigan watete in die Mitte des Beckens. Erst passierte gar nichts, aber dann wurde sie von einem bläulichen Licht umhüllt. Die Gefährten wichen ängstlich einige Schritte vom Wasserbecken zurück, denn das Licht breitete sich aus.
Die Magierin ging auf die Knie und tauchte unter. Eine Lichtsäule entstand über ihr, wirbelte hinauf in den Himmel und nahm das Wasser mit sich. Die Magierin verlor das Bewusstsein und lag nun in einem leeren Wasserbecken. Salis eilte schnell zu ihr und gab ihr einige leichte Klapse auf die Wange. Das reichte, um Morrigan wieder zu Bewusstsein zu bringen. Immer noch tanzten vereinzelte Lichter über den Boden und erloschen nach und nach. Es schien zu regnen, oder es war das Wasser des Beckens, das auf sie herabrieselte.
Völlig durchnässt standen die beiden Frauen auf, als sich vor dem Eluvian abermals ein grelles Licht zeigte, das sich langsam zu einer Gestalt formierte. Vor ihnen erschien eine weißhaarige Frau mit geradezu wilder Frisur, denn ihre Haare waren nach hinten zu regelrechten Hörnern gebunden, welche von roten Schnüren in Form gehalten wurden. Sie trug eine schwarze Rüstung mit Federn am Kragen und die Beine steckten bis über die Knie in Schienen aus Metall.
„Mutter!“, entfuhr es Morrigan und sie starrte mit einer Mischung aus Verachtung und Angst auf die Frau, die sich langsam näherte. Salis fielen gleich die Augen auf, denn auch jene der Älteren waren fast gelb wie die eines Raubtieres.
„Oh, Kacke“, murmelte Leliana, so dass es nur Niin hören konnte und etwas lauter: „Flemeth.“
William fuhr herum. DAS war jene alte Frau, der er vor Jahren in der Korcari Wildnis begegnet war? Damals dachten er und seine Kameraden, dass sie es mit einer verwirrten älteren Dame zu tun gehabt hätten. Sie wollten diese sogar noch mitnehmen, um ihr zu helfen. Dem Magier wurde so schlecht, dass er sich an Cassandra festhielt während er versuchte seinen Mageninhalt zu behalten.
„Begrüßt man so seine geliebte Mutter?“ Flemeth lächelte süffisant. „Im übrigen ist es kein schöner Zug von Dir, mir meinen Enkel vorzuenthalten.“
In Morrigans Gesicht spiegelte sich Fassungslosigkeit wider, aber wenn es um Kieran ging, nahm sie allen Mut zusammen. „Und Du wirst ihn auch nie zu sehen bekommen“, zischte die Magierin.
Wieder blitzten Flemeths Zähne auf, als sie raubtierartig lächelte und ihre Stimme glich eher dem Knurren einer großen Raubkatze. Niin hätte nie gedacht, dass die Stimme einer Frau so tief sein konnte. „Das wird sich weisen, mein Kind. Jetzt, da Du aus der Quelle getrunken hast, bist zu Mythals Dienerin.“
Morrigan fuhr ihr Gegenüber an. „Was interessiert Dich das?“
„ICH bin Mythal.“
Der Hexe der Wildnis entglitten sämtliche Gesichtszüge. „Nein!“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Wie kann das sein?“
Das Lächeln der alten Frau war nun fast mild. „Als ich vor vielen Jahren in Not war, rettete Mythal mich, indem sie meinen Körper übernahm. So blieb ich am Leben.“ Sie hielt den Kopf schräg und schaute ihre Tochter bedauernd an. „All die Jahre, die Du Dich vor mir versteckt hast. All Deine Versuche, mich zu vernichten. Und nun? Kommst Du doch zu mir zurück. Eines Tages wirst Du mir freiwillig das geben, was Du mir bisher verwehrt hast.“ Mit diesen Worten drehte sich Flemeth um, ihre Gestalt wurde wieder in das blaue Licht getaucht, so grell als würde man in die Sonne schauen. Alle drehten sich weg, um nicht geblendet zu werden.

„Das kann nicht wahr sein. Das ist ein Alptraum.“ Wieder fiel Morrigan auf die Knie, aber Leliana riss sie energisch in die Höhe, denn hinter ihnen tat sich etwas. Am Ausgang des Tempels erschien eine große Gestalt.
„Corypheus!“, schrien der Bulle und Dorian gleichzeitig.
Morrigan stellte sich vor den Eluvian, strich mit der Hand darüber und aktivierte das Artefakt. Sie winkte alle Gefährten herbei. „Geht durch! Er führt auf den Kreuzweg! Schnell!“ Zur Bekräftigung ihrer Worte steckte sie eine Hand hindurch, als sie das Zögern bemerkte. „Was ist Euch lieber? Abzuhauen oder Euch von diesem Monster zerfetzen zu lassen?“
Das überzeugte alle. Zuerst sprangen der Bulle und Varric durch den Eluvian, dann folgte der Rest der Gruppe. Zum Schluss blieben Salis und Morrigan übrig. Beide sahen, dass Corypheus sich in die Luft erhoben hatte und mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zugeflogen kam. Ein Blick zwischen den beiden Frauen, dann sprangen sie ebenfalls durch den Spiegel. Auf der anderen Seite angekommen konnte die Magierin den Eluvian gerade noch deaktivieren. Der Spiegel wurde blind und zersplitterte. „Dieser Idiot hat ihn zerstört!“, rief Morrigan außer sich vor Wut.
„Hoffentlich hat er sich den Schädel dabei aufgeschlagen!“ Salis betrachtete die Scherben zu ihren Füßen. Sie wandte sich an die Magierin. „Was nun? Wir haben immer noch Corypheus und seinen Drachen. Als das große Tier kam, setzten sich die verstreuten Einzelteile von Corypheus wieder zusammen.“
Morrigan lauschte in sich hinein und schloss die Augen. „Der Drache. Das ist die Lösung. Er trägt einen Teil seines Herrn in sich.“ Sie blickte sich hektisch um und ärgerte sich über die ratlosen Gesichter. „Versteht Ihr nicht? Wenn der Drache tot ist, kann Corypheus sich nicht mehr regenerieren. Man kann ihn töten.“
„Dazu müsste man aber erst einmal den Drachen vernichten. Ziemlich aussichtslos, wenn Ihr mich fragt.“ Cassandra hatte es in der Vergangenheit öfter mit diesen Bestien zu tun bekommen, aber dieses Exemplar war offensichtlich so gut wie unzerstörbar. „Nur ein Grauer Wächter kann einen Erzdämonen töten“, sagte sie leise und wagte es nicht, Niin dabei anzublicken, aber die Elfe hatte auch so verstanden, zumal Lelianas Hand die ihre schnell umschloss.
„Wir haben es nicht mit einem Erzdämonen zu tun.“ Morrigan schien wieder zu lauschen. „Ich kann das Geflüster der Altelfen hören, ich bin mit ihnen verbunden. Der Drache ist normal, außer dass er einen Teil von Corypheus Seele in sich trägt. Er ist der Lebensfunke, der diesen Mistkerl schon ein paar Mal vor dem Tod bewahrt hat und ihn müssen wir zuerst ausschalten.“
„Ein stinknormaler Drache?“ Varric würde am liebsten verächtlich ausspucken, aber er hatte Angst, elfischen heiligen Boden zu entweihen, also grunzte er nur missmutig. Sein kurzer Zopf hatte sich aufgelöst und so hingen ihm etliche rote Haarsträhnen in der Stirn, manche klebten nass an seinen Wangen.
„Wir müssen uns also aufteilen, wenn wir gegen Corypheus kämpfen?“ Salis trat nervös von einem Bein aufs andere. „Das ist nicht gut.“
„Nein, es reicht, wenn ich den Drachen beschäftige.“ Morrigan grinste und rückte auch gleich mit dem Grund dafür heraus. „Ich habe nun die Kraft Mythals in mir. Jene Kraft, die schon meine Mutter nutzte. Ihre Kraft und ihre Fähigkeiten.“
Leliana fiel ihr aufgeregt ins Wort. „Heißt das, Du kannst Dich auch in einen Drachen verwandeln?“
Die Magierin blickte sie entnervt an. „Du ruinierst mir die Spannung, Rotschopf.“ Dann nickte sie. „Ich werde mich in die Lüfte erheben und dieses Vieh hoffentlich vom Himmel holen, während Ihr Corypheus in Schach haltet.“
„Klingt ja fast nach einem Plan. Jetzt müssen wir irgendwie zurück in die Arbor Wildnis.“ Dorian war nicht gerade darauf erpicht, noch einmal durch ein Dickicht voller Blutegel zu kriechen. Ein paar davon hatte ihm der Bulle von weniger gut erreichbaren Körperstellen gepflückt.
„Lasst uns erst einmal diesen Ort verlassen.“ Morrigan deutete auf einen der Eluvian. „Das ist derjenige, der uns wieder in die Himmelsfeste bringt.“ Einen Moment lang blieb sie erstaunt stehen, schüttelte dann aber den Kopf. „Ich dachte, ich hätte eben noch ein intaktes Artefakt gesehen. Das kann aber nicht sein.“
Sie liefen weiter und noch nie waren alle so froh darüber, durch diese seltsamen Spiegel zu gehen, wie jetzt. Varric bliebt etwas zurück. Fast hätte Morrigan Merrills Eluvian entdeckt. Hawkes Ehefrau hatte diesen mühevoll instand gesetzt und gut getarnt. Er beeilte sich, um seine Freunde einzuholen.

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