Der späte Nachmittag verlief mit hektischen Vorbereitungen und nachdem die Zelte im unteren Hof abgebaut worden waren, wurden dort Ochsenkarren geparkt und beladen, so dass man am nächsten Morgen bei Tagesanbruch aufbrechen konnte.
Hatte man den vorherigen Abend noch genutzt, um die Zweisamkeit zu genießen, so stand dieser letzte Abend vor der entscheidenden Schlacht im Zeichen der Familien und Freunde. Im oberen Hof wurden zwei große Feuer entfacht, die viel Platz zur Unterhaltung boten. Niin beschäftigte die Kinder mit Stockbroten, welche ganz einfach hergestellt wurden, indem man festen Teig um einen Ast wickelte und übers Feuer hielt.
Später schlich sich die Elfe zu Krems Quartier und nagelte so leise wie möglich ein Schild an die Tür. „So so, was haben wir denn da?“ Sie kreiselte ertappt herum und schaute auf die breite Brust des Bullen, welcher sich vorbeugte, um lesen zu können, was auf dem Schild stand. „Familie Aclassi.“ Er grinste und lachte dann donnernd los. „Das wird ihn umhauen.“
Die beiden gingen zurück zum Lagerfeuer, an dem auch die Kampfmagier saßen, nebst Cassandra, und Niin ließ sich wieder neben Leliana auf einem Baumstamm nieder. Heute wollten sie die Gesellschaft ihrer Freunde genießen.

Alistair setzte sich mit Morrigan, Kieran und Fiona in eine ruhige Ecke der Taverne. Es gab viel zu erzählen und er war sich sicher, die Hexe der Wildnis noch nie derart freundlich erlebt zu haben. Sie schien froh darüber zu sein, dass ihr Sohn nun wenigstens eine freundliche Großmutter hatte und sie kamen überein, zwar offen über Kierans Verwandtschaft zu Fiona zu reden, aber jene zum König von Ferelden zu verschweigen.
Morrigan verspürte ein bisher noch nie dagewesenes Gefühl in sich aufsteigen. Es war ausgesprochen angenehm und warm. In etwa so, als würde sie Kieran im Arm halten und seinen Kopf streicheln. Man merkte ihr die Verwirrung an und schließlich sprach es die aufmerksame ehemalige Großverzauberin aus. „Wir haben uns alle stets nach einer Familie gesehnt, nicht wahr?“
Ertappt ruckte der Kopf der Hexe zu ihr herum. „Woher …?“
Alistair lächelte in seiner liebevollen Art. „Du hast Dir sicher genauso oft Eltern gewünscht, mit denen Du reden kannst, wie ich. König Maric gab mich an Arl Eamon weiter, aus welchen Gründen auch immer. Dort konnte ich aber auch nicht lange bleiben und ich wurde ins Kloster geschickt.“
„Ja, das erklärt einiges“, murmelte Morrigan mehr zu sich selbst, trotzdem erntete sie seinen wütenden Blick für diese Bemerkung. „Meine Mutter zeigte mir, wie man Templer in eine Falle lockt und tötet. Später verlangte sie von mir ebenfalls, vorher mit den Opfern ...“, sie blickte Kieran erschrocken an, der sie nicht minder entsetzt anstarrte. „Für sie war das ein Spiel. Ich wuchs ohne Liebe auf.“
„Es ist nie zu spät für einen Neuanfang.“ Fiona strahlte eine seltsame Ruhe aus und die Hexe der Wildnis gab sich wieder dem wärmenden Gefühl hin, während ihre Finger zärtlich durch Kierans Haare kraulten.

Auch die Montilyets, jetzt um zwei Familienmitglieder reicher, saßen etwas abseits an einem großen Tisch in der Haupthalle. Josephine spielte mit Assan, der auf ihrem Schoß saß und gebannt auf das Holzpferdchen vor ihm starrte, das Blackwall ihm geschnitzt hatte. Salis amüsierte sich über allerlei Geräusche, welche ihre Ehefrau dabei machte. Schnaufend oder wiehernd schob diese das Pferdchen über den Tisch und der kleine Elf versuchte, danach zu schnappen, bis Josephine es dann endlich in seine Reichweite brachte.
„Vor dem ist nichts sicher“, meinte Yvette lachend.
„Ja, er greift nach allem, was sich auf seiner Höhe befindet und außerdem stand er heute morgen an unserem Bett“, berichtete Carla amüsiert. „Er ist einfach aus seinem Bettchen ausgebrochen.“
Alle lachten schallend und Assan gackerte einfach mit. Lachen ist schließlich ansteckend.

Der Weckruf am nächsten Morgen erschallte noch in der Dunkelheit, was es einigen verschlafenen Zeitgenossen noch schwerer machte, sich zurechtzufinden. Cassandra trieb William lachend vor sich her, mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass der Magier morgens etwas länger brauchte, um wach zu werden. Da er aber gestern schon ihrer beider Sachen gepackt hatte, waren sie nach einer Dusche schnell abreisebereit.
Niin, Leliana und Salis beluden bereits die Satteltaschen ihrer Pferde und die gesamte Familie Montilyet kam zur Verabschiedung. Die Sorge war jenen, die zurückbleiben würden, anzusehen. Die Kinder zogen lange Gesichter und Josephine machte sich schon darauf gefasst, den ganzen Abend damit zu verbringen, sie zu trösten.
Alle machten sich auf den Weg in die Arbor Wildnis. Jeder Magier, jede Späherin, jedes Mitglied der Inquisition. Es ging um alles oder nichts und wie immer trennte man sich schweren Herzens von seinen Lieben und Freunden.
Nach und nach verteilten sich die Reiter im Zug und ritten paarweise nebeneinander her. Manche schweigend, aber die meisten führten recht rege Unterhaltungen. Annabelle und Fiona bildeten die Ausnahmen. Sie saßen in einem der Ochsenkarren und kontrollierten in regelmäßigen Abständen die Ladung, welche aus Heiltränken und hunderten von Lyriumphiolen bestand. Es war fast eine Kunst, die heikle Fracht unbeschadet über die unbefestigten Straßen zu transportieren.
Öfter ließen sich Blackwall und Cullen von der Spitze zurückfallen, um einige Worte mit den Frauen wechseln zu können.

Gegen Abend erreichten sie Halamshiral und staunten darüber, dass Kaiserin Celene sich nicht hatte lumpen lassen. Zwar konnte sie wegen des immer noch schwelenden Bürgerkrieges nicht viele Soldaten erübrigen, aber man hatte der Inquisition ein großes Lager errichtet und für die nötige Versorgung mit Lebensmitteln gesorgt.
Briala, die Meisterspionin und Gefährtin der Kaiserin, kam zur Begrüßung, oder zur Verabschiedung, ganz wie man es nahm. Sie setzte sich eine Weile zu Salis und den anderen ans Lagerfeuer und empfahl sich dann nach zwei Stunden.
So mancher war froh in dieser Nacht jemanden zu haben, an den er sich ankuscheln konnte. Das machte die Nervosität und die Sorgen etwas kleiner. Salis schlief sehr unruhig und musste unentwegt an Josephine und Assan denken. Gegen Morgen war sie dann auch unter den Frühaufstehern und saß schon lange am Feuer, als sich die Letzten gähnend aus ihren Decken schälten.
Sie brachen mehr oder weniger schweigend auf und bald bemerkten alle eine Veränderung in der Vegetation. Die dunkelgrüne Farbe der Laubbäume wurde abgelöst von einem satten Grün, der spärliche Farnbewuchs am Boden wich einem kleinen Urwald aus Schlingpflanzen, Blüten und Moos, in dem man bis zu den Knöcheln versank.
Die Vögel, welche aufgescheucht in den blauen Himmel flatterten, waren genauso bunt wie der Wald selbst. Eine tödliche Schönheit, die einem in einem Moment die Sinne vernebeln und im nächsten umbringen konnte, da sich im Dickicht viele giftige Tiere verbargen und auch so manch größeres Raubtier.

Am Abend des zweiten Tages erreichten sie ein großes Lager, errichtet von Krems und Hardings Leuten. Die beiden standen bereit, um die Ankömmlinge umgehend über die Position und Truppenstärke des Feindes unterrichten zu können. Lace breitete eine Karte des Gebietes auf einem behelfsmäßigen Tisch, der aus vier umgedrehten Kisten bestand, aus und erklärte die Lage, während ihr Zeigefinger von einem Punkt der Karte zum nächsten fuhr: „Wir haben drei vorgeschobene Lager errichtet, von denen aus wir kleine Sabotageakte durchführen. Wir vergiften die Nahrung, vernichten ihre letzten Vorräte an rotem Lyrium und stecken ihre Zelte in Brand.“
Krem fuhr fort: „Des weiteren haben unsere Soldaten einige Nachzügler abgefangen und vernichtet. Der Tross von Corypheus löst sich langsam auf. Er versucht, seine Leute vor dem Haupttempel zu sammeln, ließ aber genügend Wachposten auf dem Weg dorthin Stellung beziehen, um uns aufzuhalten.“
„So langsam schwimmen ihm die Felle weg, was nicht bedeutet, dass wir Grund zur Freude hätten.“ Salis musterte die Karte ausführlich.
„Er wird lange brauchen, um den Eingang des Tempels öffnen zu können. Die Magie der Altelfen ist tückisch und Überlieferungen gibt es nur bruchstückhaft.“ Morrigan spielte nachdenklich mit einer schwarzen Haarsträhne, welche sich aus ihrem hochgesteckten Zopf gelöst hatte, und ringelte diese um ihren Zeigefinger.
„In der Dunkelheit kommen wir weder voran, noch ungeschoren an den Templern vorbei. Ich weiß, dass Ihr alle darauf brennt, diesen Schweinehunden den Rest zu geben, aber wir müssen uns bis morgen gedulden.“ Cullen schaute in die enttäuschten Gesichter seiner Gefährten.
„Oh, und klopft Eure Schuhe morgen aus, bevor Ihr sie anzieht. Hier kraucht allerlei nettes Getier über den Boden und da bleibt es selten.“ Lace wusste, wovon sie sprach, immerhin war das ihre dritte Nacht in diesem unheimlichen Paradies. Nichts war hier so, wie es schien, alles konnte sich binnen Sekunden in eine tödliche Falle verwandeln und nicht umsonst standen überall Feldbetten, damit man nicht direkt auf dem Boden nächtigen musste.
Während Cullen die Offiziere der Kaiserin in ihre Aufgaben einwies, setzten sich die anderen auf die Betten, aßen etwas Trockenfleisch und tranken Tee. Es gab zwar genügend Wasser, aber dieses kochte man besser ab.
Niin und Leliana stellten zwei Betten so nahe wie möglich zusammen, aber offensichtlich zu nahe am Rande der Lichtung, denn als die Meisterspionin sich hingelegt hatte und nach oben schaute, kroch direkt vor ihrer Nase ein riesiger Tausendfüßler einen Ast entlang, der über ihr Schlaflager ragte.
Sie schubste ihre Freundin an und sie verlegten die Bettstätten zwei Meter näher ans Lagerfeuer, auch wenn Niins Bett dann fast an jenes von Salis stieß. Sie waren es ja gewohnt, auf engstem Raum zu schlafen und an die meisten nächtlichen Geräusche der anderen hatte man sich eh schon längst gewöhnt. Man wusste eigentlich immer recht schnell, welches von wem erzeugt wurde.
„Bulle! Hast Du schon wieder Bohnen gegessen?!“ Varric zog sich angewidert die Decke über den Kopf, Niin kicherte und Dorian rempelte den Qunari tadelnd am Arm an. Cassandra grummelte William ins Genick, Cullen drehte sich unwirsch um und stieß fast mit Annabelles Kopf zusammen.
„Josephine würde jetzt sagen: 'Wie im Mädchenpensionat!' Ich glaube aber, die Geräuschkulisse war damals garantiert leiser“, Salis grinste ins Dunkle hinein.
„Waren ja auch wahrscheinlich zartere Hintern, nicht so ein geräuschvoller Qunariarsch?“ Krem zog an seiner Decke und merkte, dass Lace sich damit halb zugedeckt hatte.
Morrigan meldete sich zu Wort. „Nichts ist netter, als eine ungemütliche Nacht im Wald mit lauter Irren zu verbringen. Erinnert mich an früher.“ Woher das zusammengeknäulte Handtuch nun geflogen kam, konnte die Hexe nicht sagen, aber als sie in Lelianas Richtung blickte, lächelte diese sie mit engelsgleicher Unschuld an.

William wurde schlagartig aus dem Schlaf gerissen, als Cassandra ihm die Decke wegriss. „Aufstehen, Schatz!“ Manchmal war sie ihm unheimlich. Wie konnte man gleich nach dem Aufstehen eigentlich so widerlich gut gelaunt sein? Er stand auf, streckte sich und schaute sich dabei im Lager um. Die Sucherin stellte sich neben ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Lass uns schnell etwas essen. Wir brechen in einer halben Stunde auf.“
Das Lager glich einem Ameisenhaufen und der Magier schnappte sich im Vorbeigehen einige Leckerbissen, welche die Feldküche auf einem Brett kredenzte, das auf Fässern ruhte. Immerhin schmeckte das süßliche Maronenbrot trotz der hohen Luftfeuchtigkeit immer noch vorzüglich, aber wohl nicht mehr allzu lange.
Salis verabschiedete sich von ihrem Hengst Zuckeröhrchen, denn in diesem dichten Wald konnten sie sich nur zu Fuß bewegen und auch hier würden sie versuchen, möglichst in Flussbetten zu waten. Das war weniger kräftezehrend.
Die Dalish Elfe stellte sich an das Lagerfeuer, drehte Cassandra den Rücken zu und schien sich mit irgendetwas zu beschäftigen. Die Sucherin legte ihr sanft die Hand auf den Rücken und bemerkte erstaunt, dass Salis eine silberne Spieluhr in der Hand hielt. „Ein Hochzeitsgeschenk von Briala und Celene.“ Die beiden Frauen lauschten gebannt der Melodie, als die Elfe unverhofft sagte: „Ich will, dass es endlich aufhört, Lethallan.“
Cassandra küsste den Haarschopf der anderen, legte den Arm um deren Schulter und drückte sie kurz. „Das wird es. Wir beenden es.“

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