Am frühen Nachmittag kamen jene zehn Soldaten zurück, welche in Val Royeaux auf das Auftauchen von Lord Levevre gelauert hatten. Leliana wartete geduldig, bis ihr oben im Turm Meldung gemacht wurde. Niin saß ebenfalls am Tisch und zeichnete einige ihrer Skizzen vom Vortag ins Reine.
Die Soldaten salutierten, einer der Männer stellte eine kleine Kiste vor sich ab und berichtete: „Wie erwartet traf Levevre des nachts beim Sklavenhändler ein, um dort erneut alle Sklaven aufzukaufen, derer er habhaft werden konnte. Bei ihm waren seine Gattin und fünf Leibwächter. Wir stellten sie und schalteten die Wache schnell aus. Als der Lord bemerkte, dass ihm die Felle davonschwammen, stellte er sich hinter seine Frau und schlitzte ihr die Kehle auf.“
Leliana starrte ihn fassungslos an und nickte, damit er fortfuhr. „Er wollte Blutmagie wirken, aber da sich zwei Templer in unseren Reihen befanden, blockierten sie seine Magie. Er stürmte mit gezogenem Schwert vor und uns blieb nichts anderes übrig, als ihn unschädlich zu machen.“
Niins Blick fiel auf die Kiste. Sie ahnte, was sich dort befand und der Soldat sprach ihre Befürchtungen aus. „Unschädlich ist vielleicht untertrieben. Lord Levevre verlor seinen Kopf. Wir nahmen diesen mit zur Identifizierung.“ Er öffnete das Behältnis und zog langsam ein Tuch weg, das den Anblick gnädig verdeckt hatte.
Die Stadtelfe räusperte sich kurz. „Ja, das ist er.“
Leliana schaute ebenfalls in die Kiste. „Kein Zweifel.“ Sie klopfte den Soldaten auf die Schultern. „Gut gemacht! Ich bin stolz auf Euch.“ Sie drehte sich zur Kiste um. „Aber nun tut mir bitte den Gefallen und verbrennt das da irgendwo im Wald.“ Dermaßen gelobt entfernten sich die Soldaten eilig, um ihren Auftrag auszuführen.
„Wie fühlst Du Dich, Nari?“ Sie legte ihren Arm um die Elfe und küsste vorsichtig deren Stirn.
Ein Seufzen antwortete ihr. „Es ist vorbei. Endgültig. Ich denke, ich bin erleichtert, aber ich brauche noch eine Weile, um mir sicher zu sein, dass dieses Schwein nie wieder jemandem weh tun kann.“
„Hättest Du ihm gerne noch etwas gesagt?“
Niins Grinsen war recht grimmig. „Nein, aber ich hätte ihm gerne in die Eier getreten.“
Leliana lachte erleichtert auf. „Wenn nicht Du, dann ich.“

Cassandra ließ ihr Schwert kreisen und umrundete Ataash leichtfüßig. Die große Qunari schnellte erneut vor, aber ihr Übungsschwert sauste weit an der Sucherin vorbei. Wütend fiel ihre Waffe zu Boden. „Verdammt seid Ihr flink.“
Ein tiefes Lachen antwortete ihr. „Du bist zu ungestüm. Lässt Dich von Deiner Wut leiten.“ Sie klopfte Ataash auf die kräftige Schulter. „Was heute in Montsimmard geschah, geht Dir nahe.“
Sie setzten sich ins Gras, während Ataash sich gegen die Wand der Taverne lehnte, hockte Cassandra im Schneidersitz vor ihr. „Wir werden Corypheus dafür bezahlen lassen, das schwöre ich Dir.“
„Lasst mich mitgehen, Sucherin!“, begehrte die Qunari auf, aber die erfahrene Sucherin schüttelte den Kopf.
„Nein, Dein Platz ist hier, an der Seite Deines Bruders. Er braucht Dich. Beschütze ihn.“
„He, Ihr beiden schwertschwingenden …“ Sera überlegte, aber eine adäquate Bezeichnung fiel ihr beim besten Willen nicht ein. „...Frauen.“ Sie setzte sich einfach dazu.
„Sehr geistreich.“ Ataash schubste sie kumpelhaft an und die Elfe kippte fast um.
„Mann, pass' bloß auf mit Deiner Kraft.“ Sie rieb sich den Oberarm.
Cassandra erhob sich. „Bin gleich wieder da.“
Ihr war ein wenig mulmig zumute, wenn sie ihren Schützling zu häufig mit Sera zusammen sah. Diese schaute die Qunari nachdenklich an. „Wir brauchen einen Spitznamen für Dich. Wie wär's mit Tashi?“
„Wie?!“
„Na gut, dann Ati?“
„Uh, spinnst Du?“
„Warte … Ashi?“
„Sera!“
„Honigkeks?“
Ataashs Augen wurden groß vor Verwunderung. „Wie kommst Du darauf?“
„Eigentlich hasse ich Kekse.“
„Na, heißen Dank auch.“
„Aber nicht, wenn sie so süß sind wie Du.“ Sera lächelte charmant.
„Süßholzrasplerin.“ Ataash hielt den Kopf leicht schräg und musterte die Elfe. „An Yvette kommst Du also nicht heran und jetzt versuchst Du es bei mir?“ Sie verzog beleidigt das Gesicht.
„Die kleine Montilyet. Das war doch nicht so ernst gemeint. Ne Schwärmerei.“
Zorneslinien bildeten sich auf der Nasenwurzel der Qunari. „Ach ja? Und weil Du den schönen Apfel nicht bekommst, da er zu hoch am Baum hängt, begnügst Du Dich nun mit dem fauligen, der am Boden liegt?“ Sie fuhr in die Höhe. „Bin doch nicht bescheuert.“
Sera hielt sie am Arm zurück und fing sich fast eine Ohrfeige ein, denn Ataash hatte schon die Hand erhoben, ließ sie dann aber sinken. Cassandras Worte taten offensichtlich ihre Wirkung.
„Mir liegt etwas an Dir. Ich finde Dich nett.“
„DAS musst Du erst beweisen“, wutschnaubend stapfte Ataash davon.
Sera kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Da habe ich mir ne schöne Scheiße eingebrockt.“
„Ja, hast Du!“ Der Kopf des Bullen kam hinter einem Berg aus Zeltplanen zum Vorschein, die er gerade zusammenraffte, um sie zu verpacken.
„Kann man hier nirgends mal ungestört reden?“, pampte ihn die Elfe an.
„Hier? Machst Du Witze?“ Er legte seine Hand unter ihr Kinn, damit sie ihn anschaute. „Hör' mal, ich weiß, dass Du einen recht ausgiebigen Spieltrieb hast, aber mit Herzen treibt man keinen Scherz. Klar, Du bist jung, aber Du musst lernen, etwas rücksichtsvoller zu sein.“ Es waren sanfte Worte, welche der riesige Qunari leise aussprach. „Wenn Du es ehrlich meinst, musst Du Dich anstrengen, damit sie Dir glaubt.“

Cassandra kehrte mit einem in eine Decke eingehüllten und länglichen Gegenstand unterm Arm zurück. Sie wunderte sich, wo Ataash abgeblieben war. Dafür sah die Elfe schnell verlegen unter sich, als die Sucherin an ihr vorbei in den Turm lief.
Dort fand sie die junge Qunari auf dem Bett sitzend vor und setzte sich ungefragt daneben. Sie überreichte ihr das sperrige Paket. „Dies gehörte einst meinem Bruder Anthony. Unsere Leute fanden meine Kiste in den Trümmern Havens, als wir sie dorthin geschickt hatten, um die Toten zu beerdigen und zu bergen, was der Lawine nicht zum Opfer gefallen war.“
Ataash nahm es vorsichtig in die Hände, legte es dann auf ihren Schoß, um es auspacken zu können. Zum Vorschein kam ein Schwert. Der silberne Knauf war kunstvoll verziert und die Scheide aus Leder wies kunstvolle Punzierarbeiten auf. „Das Schwert eines Drachenjägers“, fügte Cassandra hinzu. Ihre Augen leuchteten liebevoll auf, als sie an ihren Bruder dachte.
Das Qunari Mädchen schaute sie mit offenem Mund an. „Das wollt Ihr wirklich mir geben?“
Die Sucherin lächelte sie warmherzig an. „Du bist die einzige Kriegerin in der Familie.“ Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass Ihr uns adoptiert habt. Zwei Qunari.“
Mittlerweile hatte sich der stille Naraan zu ihnen gesellt und setzte sich auf einen Stuhl, den er vor das Bett geschoben hatte. „Für die Menschen sind alle Grauen Wächter Verbrecher.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust.
Cassandra seufzte. „Es ist leider so, dass die Leute immer sehr schnell vergessen. Die Grauen Wächter haben fünf Verderbnisse abgewehrt und wir werden sie auch in Zukunft brauchen, wenn uns eine neue droht.“ Sie schaute Naraan lange an, bevor sie fortfuhr. „Ein Volk oder eine Gruppe lässt sich schnell verurteilen, wenn man keinen Einzelnen daraus kennt. Ist dem aber so, dann denkt man anders, differenzierter. Ich hatte früher Vorurteile gegenüber den Qunari, nun kenne ich aber ein paar und meine Meinung hat sich geändert. Bei den Magiern verhält es sich genauso.“
„Oder bei den Suchern.“ Ataash schmunzelte belustigt. „Ich hielt sie immer für religiös verblendet. Ihr aber seid eher eine praktische Frau.“
Die Sucherin lachte schallend. „Vergiss nicht, dass ich die Sucher verlassen habe wegen ihrer neuen Ausrichtung.“ Sie klopfte der Qunari kurz aber herzhaft auf den Rücken. „Aber Du hast Recht. Dadurch, dass wir der Kirche, beziehungsweise der Göttlichen, unterstellt waren, liegt die Vermutung nahe. In der Tat sind viele von uns sehr gläubig, mich eingeschlossen.“
„Was bedeutet Euch Euer Glaube?“ Naraan neigte sich interessiert vor.
„Jenen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.“ Cassandra sagte dies mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit und die beiden Qunari nickten. Damit konnten sie etwas anfangen. Es war keine abstrakte Litanei, die man in Kirchen so oft hörte.
„Habt Ihr je daran gezweifelt?“ Ataashs Blick war prüfend.
„Doch. Recht oft sogar. Mutter Giselle sagte während unserer Flucht aus Haven folgendes zu mir: was ist ein Glaube wert, der nie geprüft wird?“
Naraan schaute sie verblüfft an. „Das sagte Mama auch immer, wenn uns die Kinder außerhalb der Festung verprügelt haben. Ich hatte oft um Hilfe gefleht, aber es kam nie welche und dann meinte ich, dass es niemanden gibt, der mich hören kann.“
„Sie haben Euch verprügelt?“, entfuhr es der Sucherin entrüstet.
„Oder mit Steinen beworfen.“ Ataashs Gesichtsfarbe wurde vor Wut dunkler. „Die Kinder der anderen Wächter waren die einzigen, die mit uns etwas zu tun haben wollten. Sie sind Freunde.“
„Klar sind wir Freunde!“, rief Nicholas ein Stockwerk tiefer von seinem Krankenlager aus.
Naraan grinste. „Und Nicho haben wir immer beschützt, weil er Magier ist.“
Cassandra wurde klar, dass man die Kinder nicht so einfach voneinander trennen konnte und dass der einzig sichere Platz für sie innerhalb der Inquisition war. Sie stand auf, blieb aber neben dem jungen Qunari stehen und legte eine Hand auf seine Schulter. „Etwas wolltest Du noch sagen, nicht wahr?“
Er zuckte leicht zusammen und schaute dann mit traurigen Augen zu ihr hoch. „Ich hatte gehofft, dass Ihr uns einige unserer Sachen bringt.“
„Was vermisst Du denn?“ Die Sucherin ging vor ihm in die Hocke.
„Meine Flöte.“ Am liebsten hätte Cassandra ihn in die Arme genommen, um ihm Trost zu spenden, aber sie wusste, dass er dann sofort wieder auf Abstand gehen würde.
Sera lenkte da ganz gut ab, denn ihr Kopf tauchte auf der Treppe auf, offensichtlich wollte sie erst die Lage peilen und sie fragte Ataash vorsichtig: „Kann ich mit Dir reden?“
Die Qunari fauchte ihr ein: „Verschwinde!“ entgegen und die Elfe lief eilig wieder ins Freie hinaus.
„Was hat Sera jetzt wieder angerichtet?“ Irgendwann würde Cassandra der Kragen platzen.
„Nichts“, brummte Ataash schmollend, zog die Knie bis zum Kinn an und legte die Arme um die langen Beine.

Die Sucherin stieß einen Stoßseufzer aus und verließ den Turm ebenfalls. Draußen fand sie Sera in einer Ecke sitzend, eigentlich hörte sie erst ein leises Schluchzen und folgte dem Geräusch. Ein weiterer Seufzer entfuhr Cassandras Kehle, dann setzte sie sich neben die Stadtelfe. „Was ist passiert?“
Sera plapperte aufgeregt drauflos, nur unterbrochen durch gelegentliches Aufschluchzen und als sie nicht wusste, wo sie sich die Nase abwischen konnte, reichte ihr die Sucherin schnell ein Taschentuch. Die Elfe vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Was mache ich jetzt nur?“
„Ich kann Ataash verstehen. Sie fühlt sich wie die zweite Wahl. Ihr kennt Euch doch noch gar nicht so lange. Wartet doch noch ein wenig ab.“
Sera sprang auf und gestikulierte wild herum, wahrscheinlich weil ihre Aufregung übermächtig war. „Wenn Ihr in einen Laden geht, dann schaut Ihr Euch doch auch um, oder? Ihr sagt: 'Oh, welch' leckere Apfeltörtchen.' oder: 'Schaut mal da, diese wunderbaren Pralinen.' Ihr kauft aber nicht den ganzen Laden leer, sondern entscheidet Euch für eine Sorte.“ Sie fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: „Es sei denn, Ihr seid ein Vielfraß.“
Cassandra rieb sich müde die Nasenwurzel. „Wenn ich Euer wirres Gerede richtig verstehe, dann meint Ihr also, dass Yvette Montilyet nur etwas zum Anschauen war und Ataash aber diejenige ist, mit der man dann ...“, sie suchte nach Worten. „...aus dem Laden geht?“
Seras Hände fuchtelten weiter wild durch die Luft. „Genau! Ihr versteht, was ich meine!“
Die Sucherin erhob sich. „Vielleicht findet Ihr ja die Gelegenheit, genau dies zu Ataash zu sagen?“ Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Turm und die Elfe trollte sich wieder hinein. Mit etwas Glück hörte ihr die Qunari zu. Dorian hastete an Cassandra vorbei. „Was zu essen für Nicholas!“, rief er ihr über die Schulter zu.

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