Die Wenigsten kamen zu ihrem Schlaf im Laufe der Nacht. Einige saßen an den Lagerfeuern und in vielen Unterkünften waren die Kerzen noch lange nicht erloschen. Niin kuschelte sich erschöpft an Lelianas Schulter an, während ihre Fingerspitzen gedankenverlorene Kreise um den Bauchnabel der Rothaarigen zogen, die ihrerseits die Elfe umarmt hatte und mit der Hand sanft durch deren Haar strich.
Sie lauschten lange dem Klang ihrer Herzen bis Niin den Kopf hob und ihre Liebste fragend anblickte. Etwas schien ihr auf der Seele zu liegen und es spiegelte sich traurig in ihren blauen Augen wieder.
„Sag' mir, was Dich bedrückt, Nari.“ Leliana streichelte ihre Wange.
„Ein Grauer Wächter wird nicht besonders alt, oder?“ Tränen stahlen sich in Niins Blick.
„Manche hören den Ruf nach zehn Jahren, manche erst nach dreißig. Es kommt darauf an, wie stark der Wächter ist. Alistairs Beitritt ist jetzt schon zwölf Jahre her.“
Sie ahnte, was die Elfe beschäftigte und schließlich sprach diese es aus. „Ich werde Dich irgendwann verlassen müssen, um in den Tiefen Wegen zu sterben, Leli.“
Die Tränen befreiten sich und tropften hinab auf Lelianas Stirn, die sich bemühte, sie in Niins Gesicht wegzuküssen, noch bevor sie ihre Reise antreten konnten. „Wenn es so weit ist, werde ich mit Dir gehen.“ Ihre Stimme klang leise, aber fest. „Und dann werden wir Seite an Seite sterben.“
„Nein!“ rief Niin verzweifelt aus. „Das kann ich nicht zulassen!“ Sie begrub schluchzend ihr Gesicht an Lelianas Hals.
„Uns ist so viel Zeit durch das Beitrittsritual geschenkt worden, Nari.“ Die Meisterspionin kämpfte mit den Tränen. „Du wärst jetzt tot, in der Wüste an der Verderbnis gestorben.“ Sie flüsterte Niin ins Ohr: „Und ich wäre jetzt ebenfalls tot, denn ohne Dich will ich nicht sein. Ich liebe Dich, mein Sonnenschein.“ Ihre Arme umschlossen die Elfe, diese schien sich zu beruhigen und sie hörte ein leises: „Ich liebe Dich auch, Leli.“
Sie hatten sich diese drei Worte so oft gesagt, aber in dieser Nacht bekamen sie eine andere, tiefere Bedeutung. Sie wussten, dass sie zusammenbleiben würden. Zusammengehörten. Für immer.

Cassandra streichelte William Arm, welcher über ihrem Bauch lag. Sie liebte es, all die kleinen Haare mit den Fingerspitzen zu berühren, sanft darüber zu streichen. Der Magier quittierte diese Liebkosungen wohlig brummend, lächelte und küsste sie sachte. „Annabelle hat immer gesagt, dass ich eines Tages sicher der richtigen Frau begegnen würde. Oh, wie habe ich sie deswegen ausgelacht. Ich glaubte nicht daran.“ Er richtete sich etwas auf, um sie besser anblicken zu können. „Aber ich habe sie tatsächlich gefunden, die Frau, mit der ich mein Leben verbringen will.“
„Ich hätte auch nicht daran gedacht, dass ich mich einmal in einen Magier verlieben würde.“ Die weißen Zähne der Sucherin blitzten beim Lachen auf. „Und nun haben wir drei Kinder.“
William grinste schelmisch. „Wie wäre es mit einen vierten?“
Cassandra starrte ihn entgeistert an. „Will, das kann nicht Dein Ernst sein! Stell' Dir vor, es käme dabei ein kleines schwarzhaariges und stures Kind heraus.“ Sie kicherte, nicht nur wegen des Gedankens, sondern weil William gerade sein rechtes Bein zwischen die ihren geschoben hatte. „Und am liebsten würdest Du gleich damit anfangen?“
„Warum nicht?“ Er bedeckte ihren Hals mit Küssen, schaute sie dann aber wieder an und wurde ernst. „Was hältst Du davon, Cass?“ Er stützte seinen Kopf mit dem Arm ab.
„Ein Kind mit Dir?“ Sie schaute erst zur Decke, überlegte, blickte den Magier dann liebevoll an und ihre Finger fuhren kraulend durch seinen weißen Vollbart. „Du hast heute Nacht nichts vor, oder?“ Sie warf lachend den Kopf zurück, signalisierte ihm damit ihr Einverständnis und die beiden kicherten wieder wie kleine Kinder.

Dorian schaute hinauf in den Sternenhimmel und versuchte sich vorzustellen, wie viele dieser kleinen Lichter es wohl geben mochte. Er saß etwas abseits des Sturmbullenlagers auf der Mauer des oberen Hofes und hing seinen Gedanken nach.
Die Stimme des Bullen erschreckte ihn so heftig, dass der Qunari schnell nach ihm griff, damit er nicht hinab fiel. „Wie lange willst Du noch Löcher in den Himmel starren, Kadan?“ Er ließ den Magier nicht los, sondern vertiefte die Umarmung und küsste seinen Nacken. Es war das erste Mal, dass der Bulle seinen Freund so ansprach. Es bedeutete „Mein Herz“ auf Qunlat.
Der Tevinteraner tat es ihm gleich und antwortete mit einem ähnlichen Begriff in Tevene, einer alten Sprache, der sich heute kaum noch einer bediente. „Ich denke über uns nach, Amatus.“
„Darüber, was kommt, wenn das alles hier vorbei ist?“ Schwermut ergriff den Qunari und er seufzte. „Die Sturmbullen … sie lösen sich auf. Sieh' Dir Krem an. Ich würde ihn verprügeln, wenn er mit mir käme, nur weil er denkt, er wäre es mir schuldig.“ Er deutete in den unteren Hof. „Flicker hat Gefallen an dieser niedlichen Elfe gefunden. Eine von Hardings Späherinnen.“ Er schüttelte lachend den Kopf und Dorian musste sich mit ihm drehen, damit er den Hörnern aus dem Weg gehen konnte.
„Dann komm' mit uns nach Tevinter.“
Dieser einfache Satz erschütterte den Bullen zutiefst. Alles hinter sich lassen? Die Sturmbullen, den Ben-Hassrath? Ein Tal Vashot werden, ein Ausgestoßener in den Augen der Qunari? Was oder wer war es wert, wenn nicht der Mann, den er in den Armen hielt?
Er nickte bedächtig und grinste Dorian frech an. „Du wirst mich doch nicht Deiner Mutter vorstellen, oder?“
Der Magier legte seinen Arm um die breite Hüfte des Qunari und zog ihn näher heran. „Oh doch! Wir werden allesamt Tee trinken und Gebäck futtern, während meine Mutter Dich mit Fragen löchert. Ich habe ihr ausführlich von Dir geschrieben.“
„Hast Du nicht?!“, rief der Bulle entsetzt aus.
„Oh doch. Allerdings habe ich einige pikante Details ausgelassen.“ Er schmunzelte kokett. „Die hebe ich mir für später auf.“

Krem holte seinen Mabari wieder hinein. Wenn er mit Lace alleine sein wollte, setzte er Lucky in dessen Hundehütte vor der Unterkunft ab und dieser rächte sich dafür mit großen, traurigen Kulleraugen. Umso freudiger reagierte er, als sein Herrchen ihn in die gute Stube ließ und voller Übermut hopste er ins Bett zu Lace.
„He!“ Die Zwergin versuchte vergebens, den kleinen Rüden davon abzuhalten, ihr das Gesicht abzulecken. „Genauso stürmisch wie sein Besitzer.“ Sie zwinkerte Krem amüsiert zu und dieser bekam einen roten Kopf, dann setzte er sich auf die Bettkante und beobachtete seine Freundin dabei, wie sie Luckys Ohren in die Höhe hielt. „Ist selten, dass ein Mabari Schlappohren hat.“
Der Hauptmann legte sich neben sie und grinste. „Sieht aber niedlich aus. Klar, er ist wohl für die Zucht nicht geeignet, aber er hat etwas.“ Er überlegte. „Er ist anders als die anderen und erinnert mich ein wenig an mich.“
„Mich auch“, entfuhr es Lace lachend und als Krems Stirn sich verdächtig runzelte, ergänzte sie schnell: „Er hat ein großes Herz, ist nett zu jedem und mutig für zehn Krieger.“ Sie biss ihrem Freund leicht ins Ohrläppchen. „Du bist einfach zu süß, weißt Du das?“ Sie hatte aufgehört, Lucky zu streicheln, griff stattdessen nach dem heute aufgefangenen Brautstrauß, der auf dem Nachttisch lag und betrachtete ihn versonnen. „Was wird aus uns werden, wenn wir es schaffen, Corypheus zu besiegen? Gehst Du mit dem Eisernen Bullen weg?“
Krem küsste ihre Wange. „Nein, ich bleibe hier.“ Er schaute sie ernst an. „Wenn Du mich willst?“
Lace reagierte so temperamentvoll, dass Lucky lieber einen beherzten Sprung auf seine Decke machte, die vor dem Bett lag. Sie schwang sich auf Krem, küsste ihn so stürmisch, dass ihm die Luft wegblieb und wisperte: „Ich will.“

Salis rollte sich verschlafen auf die Seite und blinzelte Josephine an, die wie ein Baby auf dem Arm der Elfe schlief und so entschloss diese sich, ihre Ehefrau wachzuküssen. Die Botschafterin quittierte das Aufwecken mit einem wütenden Brummen, öffnete erst ein Auge, blitzte die grinsende Salis damit an, dann folgte das andere.
Es war noch recht dunkel und die beiden hatten die Nacht zum Tag gemacht, aber sie wollten zeitig aufstehen, weil noch so viel zu erledigen war. „Guten Morgen, Madame Montilyet.“ Josephines Stimme klang verschlafen noch dunkler als sonst und Salis standen augenblicklich die Nackenhaare zu Berge.
„Gleichfalls.“ Sie zog die Bettdecke mit einem Ruck zurück und ihre Hand klatschte auffordernd auf den nackten Hintern der Botschafterin. „Raus aus den Federn, ma'arlath!“
„Assan hätte uns wohl schon vor drei Stunden wachgebrüllt?“ Josephine rutschte benommen von der Bettkante, stellte sich vor das Bett und suchte dann ihre Kleidung zusammen, die überall im Zimmer verstreut herumlag.
Salis schaute ihr eine Weile dabei zu und machte sich dann in der anderen Zimmerhälfte auf die Suche. „So ungestüm wie beim ersten Mal“, merkte sie kichernd an, während sie ihren Schlüpfer vom Kaminsims pflückte. „Wie kommt der eigentlich da hin?“
Josephine hielt den Büstenhalter ihrer Frau in die Höhe. „Sagen wir einfach, dass eine gewisse heißblütige Elfe gestern Abend nicht schnell genug aus ihren Klamotten springen konnte.“ Sie zog ihre Hand schnell zurück, als Salis nach dem vermissten Kleidungsstück schnappte. „Was kriege ich dafür?“
„Einen Kuss Deiner heißblütigen Elfe.“

Cullen wachte durch ein Geräusch auf, welches sich wie ein dumpfer Schlag anhörte. „Nummer drei“, murmelte Annabelle, die ihren Kopf auf seiner Brust gebettet hatte. Er musste lachen, so dass sie ihr Haupt vorwurfsvoll erhob und ihn anblickte. „Sie werden es lernen, dass sie nicht zu jeder Zeit durch meinen Turm rennen können.“
„Wir müssen aufstehen, oder?“ Die Magierin streckte sich und gähnte ungeniert. Das erste Tageslicht fiel durch die kleinen Fenster.
Cullen küsste ihre Stirn und nickte. „Es gibt noch viel zu tun, wenn wir morgen früh in die Arbor Wildnis ausrücken wollen.“
„Ich komme mit.“ Annabelles Gesichtsausdruck war entschlossen.
„Nein, bleib' bitte hier. Ich möchte nicht ...“, seine Stimme versagte.
„...dass mir etwas zustößt?“, Ihre rechte Hand wühlte sich durch sein blondes Haar. „Ich war in Ostagar, vergiss das nicht.“ Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände. „Und ich möchte bei Dir sein.“
Seine Hände schoben sich sanft über ihren Rücken und sie blieben noch eine Weile in dieser engen Umarmung liegen. In das Schweigen hinein klang Cullens Stimme lauter als beabsichtigt. „Ich habe Angst um Dich.“ Als sie aufsah, bemerkte sie, dass er weinte.

Varric und der Bulle waren früh unterwegs. Sie frühstückten im Hof und schauten zu, wie die Sonne langsam die Wehrgänge eroberte. „Komm', wir gehen zu Blackwall. Ich muss ihn fragen, ob er noch etwas von diesem Fett hat, mit dem ich meine Klinge einreiben kann.“ Der Qunari stand auf und stiefelte in den Stall. Sie blickten sich um und stellten fest, dass die Handwerker das Erdgeschoss schon entrümpelt hatten. Die Leiter auf den Heuboden gab es aber noch und sie wussten, dass der Graue Wächter dort seinen Schlafplatz hatte.
Entschlossen griff der Bulle zur Leiter und stapfte die Sprossen hinauf. Oben angekommen rief er laut: „Blackwall! Aufwachen!“
Auf dem Lager aus Heu kam die Bettdecke in Bewegung, gerade so, als versuche jemand, sich recht orientierungslos daraus zu befreien. Ein zerzauster Kopf erschien und schaute ihn fragend an. Der Bulle starrte blinzelnd zurück. Das war nicht … träge reagierte sein Gehirn und Fiona brauchte genauso lange, um endgültig wach zu werden. „Oh, verzeiht. Ich wusste nicht ...“, stammelte der riesige Qunari und die Magierin kicherte erheitert.
Hinter ihr erschien Blackwalls Gesicht mit ebenfalls recht struppigen Haaren. „Guten Morgen, Bulle. Gebt uns ein paar Minuten Zeit, ja?“
„Na … natürlich.“ Mit hochroten Kopf versuchte der Qunari, so schnell wie möglich hinunter zu kommen. Er stemmte sich gegen die Leiter und sauste daran hinab, wie an einem glatten Baumstamm. Unten stand Varric, der den riesigen Hintern des Bullen in atemberaubender Geschwindigkeit auf sich zurasen sah und sich in letzter Sekunde mit einem kühnen Sprung zur Seite rettete. „Scheiße! Was war da oben los?“, wetterte er seinen Freund an. Dieser legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und schlich auf Zehenspitzen aus dem Stall. Erst als sie schon beim Lager der Kampfmagier waren, wagte er es sich umzudrehen.
William saß wie üblich am Feuer. Er war mit Cassandra aufgestanden, die zusammen mit Josephine und Salis eine Besprechung vorbereitete. „Sagt mal, Bulle, Ihr habt nicht zufällig Fiona gesehen? Ich bin ein wenig besorgt.“
Der Qunari zuckte zusammen. „Oh, glaubt mir, es geht ihr blendend. Sie ist bei Blackwall.“ Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter in Richtung Stall.
„Ach, deswegen bist Du wie der Blitz die Leiter runter gesaust?“ Varric grinste unverschämt breit, William lachte lauthals los.
„Na, dann kann ich ja aufhören, mir Sorgen zu machen“, meinte der Magier gelassen und ging weiter seinem morgendlichen Ritual nach.

Lace scheuchte wenig später ihre Späher in die Ochsenkarren. Sie brachen schon eher in die Arbor Wildnis auf, um dort Lager zu errichten und etwaige Nachzügler von Corypheus Armee abzufangen. Dreißig ihrer Leute hatte man mit neuen Waffen ausgestattet und sie brannten darauf, diese an den Roten Templern zu testen.
Krem und zwanzig Soldaten begleiteten den Tross zu Pferd. Die Verabschiedung von den Freunden fiel spärlich aus. Man würde sich in einigen Tagen wiedersehen, um dann gemeinsam auf den Tempel von Mythal vorzurücken. Der Hauptmann drückte seinem Vater den winselnden Lucky in die Arme.
„Ich passe gut auf ihn auf, keine Sorge.“ Es schmerzte den ehemaligen Sklaven, seinen Sohn wieder gehen zu sehen. Am liebsten wäre er mitgekommen, aber ihm war klar, dass er den Kämpfern eher ein Klotz am Bein sein würde.

Leliana hatte der Abreise ebenfalls beigewohnt und saß danach wieder an ihrem Schreibtisch im obersten Turmzimmer. Sie wollte die Nachrichten aussortieren, bevor die Besprechung begann. Niin war mit Varric auf den Übungsplatz vor der Festung gegangen. Sie ließ sich nicht davon abbringen, mit in die Arbor Wildnis zu kommen und die Meisterspionin versuchte erst gar nicht, es ihr auszureden, denn im Grunde war sie froh, die Elfe in ihrer Nähe zu wissen. Seite an Seite.
Einer ihrer Späher versorgte gerade eine frisch eingetroffene Krähe, nahm dieser die Nachricht ab und rannte sofort zu seiner Vorgesetzten. Leliana überflog das Schreiben und sprang auf. „Ich muss König Alistair benachrichtigen.“ Sie eilte die Treppen hinab und rannte hinaus am Bullen vorbei, der am Lagerfeuer saß und Dorian gerade lang und breit erklärte, was er eben im Stall gesehen hatte.
Lelianas Weg führte sie in die Taverne, sie platzte regelrecht hinein und blickte sich suchend um, während sich ihre Augen langsam an das schummrige Licht gewöhnten. Ihr Freund winkte ihr zu, er hatte sich mit dem Zwerg Oghren und Nathaniel Howe in einer Ecke niedergelassen und frühstückte recht ausgiebig. Als er bemerkte, dass die Meisterspionin außer Atem war, schoss er in die Höhe. „Was ist los?“
Sie reichte ihm die Nachricht. „Montsimmard brennt.“ Dies war die Erläuterung für alle anderen am Tisch.
Alistair ließ das Dokument sinken, ebenso wie seine Schultern. „Wer hat das getan?“
Er blickte Leliana traurig an und wusste die Antwort, noch ehe sie sprach: „Der Mob tat es aus Rache. Sie haben erfahren, was die Grauen Wächter von Orlais tun wollten.“
„Wir müssen los. Weiter bei Euch zu bleiben, hieße Euch ebenfalls in Gefahr zu bringen.“ Er fasste sie sanft bei den Schultern und schaute sie ernst an.
Leliana schüttelte den Kopf. „Ihr habt Schwerverletzte, für die schon der Abtransport aus den Westgraten fast zu viel war.“ Sie überlegte. „Wer sagt eigentlich, dass überhaupt ein Wächter Adamant überlebt hat? Wir könnte Gerüchte verbreiten, dass alle umkamen.“ Dann weiteten sich ihre Augen, als ihr das ganze Ausmaß bewusst wurde.
Einen Moment lang befürchtete Alistair, dass sie umfallen könnte und verstärkte seinen Griff. „Die Kinder“, hauchte sie entsetzt. „Stell Dir vor, sie wären noch dort gewesen.“ Der Gedanke, dass Assan und die anderen wahrscheinlich in den Kellergewölben grausam erstickt wären, trieb ihr die Tränen in die Augen. Alistair umarmte sie kurz und sie riss sich zusammen. „Komm' am besten mit zur Besprechung.“

Sie zog ihn an der Hand hinter sich her, sah Niin und Varric aus den Augenwinkeln den unteren Hof durchqueren und hastete Mit Alistair im Schlepptau durch die Haupthalle, Josephines Büro und stand schließlich im Besprechungsraum, in dem sich nach und nach alle Mitglieder der Inquisition einfanden. Cullen kam kurz nach ihr an, er hielt die Tür für den Zwerg und die Stadtelfe auf, die eine sperrige Kiste trugen, welche aber nicht allzu schwer zu sein schien.
Zuletzt erschien Morrigan und Leliana hätte ihr für diesen Auftritt die Augen auskratzen können. Immer diese Extrawürste! Das änderte sich aber, als sie die übernächtigten Augen der Magierin bemerkte. „Die Kinder hatten jede Menge Alpträume letzte Nacht.“
Sie gähnte unverhohlen und Cassandra machte ein trauriges Gesicht. „Wir haben Leute in die Wächterfestung geschickt, einige Sachen bergen.“
Leliana seufzte. „Nein, sie werden dort nichts mehr finden. Die Festung brennt lichterloh. Zwar wurde die Mauer aus Stein errichtet, aber die Gebäude sind alle aus Holz.“
Betretenes Schweigen bemächtigte sich aller Anwesenden. „Wie sollen wir das nur den Kindern klarmachen?“ Die Sucherin schüttelte ratlos den Kopf.
„Indem wir demjenigen den Arsch aufreißen, der für die ganze Scheiße verantwortlich ist.“
Varric und Niin setzten die Kiste auf dem Boden ab und Leliana begann mit ihrem Vortrag. „Wir haben unsere Späher mit neuartigen Waffen ausgerüstet, die sie zusätzlich zu ihren Bögen tragen können.“
Niin holte eine Armbrust hervor, präsentierte diese und reichte sie danach an Cassandra weiter. „Ziemlich klein. Leicht, aber klein“, gab diese zu bedenken.
„Das täuscht.“ Niin fischte den Brustpanzer einer Templerrüstung aus der Kiste und hielt ihn in die Höhe. „Wir haben das Metall aus fünfzig Metern Entfernung beschossen und der Bolzen hat nicht nur das Metall durchschlagen, sondern auch das Holz dahinter. Die maximale Reichweite der Armbrust liegt bei hundert Metern, vorausgesetzt, die Ziele sind entsprechend groß.“ Sie hängte sich die Armbrust an den Gürtel und fixierte sie mit einem Gurt um das Bein.
Dann schnallte sie sich den Köcher für die Pfeile ihres Bogens um. „Wie Ihr seht, hat mein Trageriemen vorne nun Schlaufen, in die ich meine Munition schieben kann. Dreißig Bolzen passen hier hinein, weitere dreißig nehme ich in einer kleinen Tasche an meinem Gürtel mit. Dazu kommen dreißig Pfeile.“ Niin wirkte sehr martialisch und bis auf die Zähne bewaffnet. Den Bogen trug sie auf dem Rücken.
Varric ergriff eine weitere Armbrust. „Ich habe die besten Schmiede von Orzammar kontaktiert. Ihr wisst ja, dass wir Zwerge einzigartige Waffen schmieden können.“ Er sagte dies nicht ohne Stolz, obwohl er ein Oberflächenzwerg war. „Die Wucht dieses Winzlings wird durch eine einfache Umleitung der Kraft erreicht. Seht ihr die Rollen?“ Er hob die Armbrust in die Höhe. „Damit erhöhen wir sowohl die Fluggeschwindigkeit als auch die Durchschlagskraft.“
Er griff wieder in die Kiste, diesmal kam eine Art Zwille zum Vorschein. „Das hier verwenden wir, um die gleichen Explosivgeschosse abfeuern zu können, die wir schon in Adamant verwendet hatten. Sie sind natürlich etwas kleiner, aber wir haben die Rezeptur verfeinert. So eine Schleuder, oder Zwille, schießt ebenfalls an die hundert Meter weit. Das Geschoss explodiert beim Aufprall.“
Cassandra nahm diese Waffe in die Hand und prüfte den Gummizug. „Da braucht man viel Kraft.“
Salis griff sich ebenfalls eine der Zwillen, die Varric an alle verteilte. „Man muss schon viel trainieren, um damit schießen zu können.“
„Deswegen geben wir diese Waffe ausschließlich den Soldaten mit. Sie sind dem Umgang mit großen Schwertern gewöhnt und deshalb etwas kräftiger als meine Späher.“ Leliana warf einen entschuldigenden Blick auf Niin.
Cullen begutachtete derweil die Armbrust von allen Seiten, spannte sie und drückte ab. „Man spürt richtig, was für eine Wucht dahinter ist.“ Er wandte sich an Leliana. „Als Ihr mir von dieser Idee erzählt habt, war ich nicht überzeugt, aber das hier spricht für sich. Ich habe Euren Spähern damit auf dem Übungsplatz zugesehen, die Wirkung der Bolzen ist wahrhaft tödlich.“ Er hielt ihr die Waffe anerkennend hin.
„Meine Späher haben sich gut damit eingeschossen. Ich selbst werde auch eine tragen.“ Die Meisterspionin schaute Alistair an und er machte ihr einen Vorschlag: „Ich könnte Euch zwanzig Graue Wächter mitgeben. Wie wäre das? Ihr könnt jeden Schwertarm gebrauchen.“
„Corypheus könnte Euch immer noch korrumpieren.“ Cassandra misstraute ihnen nach wie vor, aber Leliana dachte praktisch.
„Warum nicht?“ Aber dann unterbreitete sie ihm ein anderes Angebot. „Wir brauchen allerdings auch Soldaten, welche die Festung verteidigen. Korporal Vale kommt zwar wieder mit seinen Leuten aus Redcliff hierher, aber einen Teil seines Trupps musste er an der Wegkreuzung lassen.“
„Du rechnest mit einem Angriff?“, fragte Josephine besorgt.
„Ich wäre verrückt, wenn ich es nicht täte, Josie. Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen, auch jene, dass Corypheus nicht seine ganze Armee in die Arbor Wildnis schickt.“
Cassandra ergriff das Wort. „Bis zum Abend werden sämtliche Zelte aus den beiden Innenhöfen verschwunden sein. Auf zwei der Türmen postieren wir kleine Triboks, das Haupttor wird geschlossen, man kommt nur noch durch einen schmalen Nebeneingang in die Festung. Die Sturmbullen bleiben bis auf den Bullen selbst und Hauptmann Aclassi hier. Ihre Aufgabe besteht darin, auf den Hügeln rund um die Festung Lager zu errichten, deren Feuer über Nacht den Eindruck erwecken sollen, dass hier ein größeres Kontingent an Soldaten zurückgeblieben ist. Eine List, welche dem Beobachter hoffentlich vorgaukelt, dass wir mehr sind als gedacht. Wir werfen unsere gesamte Streitmacht in die Waagschale.“
Cullen setzte sich auf die Tischkante des riesigen Kartentisches. „Um Adamant zu stürmen reichten insgesamt hundertvierzig Mann, uns alle mit eingeschlossen. In der Arbor Wildnis müssen wir uns breiter verteilen, deshalb haben wir so viele Soldaten wie möglich von unseren Stützpunkten abgezogen. Hardings Späher konnten wir auf sechzig aufstocken, die Verluste in Adamant waren hier nicht so groß wie jene unter meinen Soldaten. Wir hatten insgesamt vierunddreißig Mann verloren, die Pioniere nicht mit eingerechnet. Das ist fast ein Drittel.“
Salis nahm auf einem Stuhl Platz. „Wir baten Kaiserin Celene und einige Adlige um Hilfe. Unser Weg führt uns direkt an Halamshiral vorbei. Dort schließen sich uns zwei Kompanien, mit je sechzig Soldaten an, dazu kommen noch unsere fünfzig. Insgesamt wären wir damit bei zweihundertdreißig Mann. Nicht eingerechnet die Kampfmagier und uns.“
„Corypheus Armee ist weit verstreut. Der Rückzug in die Arborwildnis ist überstürzt.“ Leliana zeigte eine Nachricht herum. „Die Roten Templer brauchen rotes Lyrium und wir haben ihnen die Versorgung abgeschnitten, weil wir den Steinbruch besetzten, in dem dieses Zeug abgebaut wird. Außerdem haben wir die Sklavenhändler ausgehoben. Das bedeutet, dass sie auch nicht mehr in der Lage sind, das Lyrium auf Gefangenen zu züchten. Der Drahtzieher dieses Handels geht uns hoffentlich bald in die Falle.“ Niin nickte verbissen.
„Ohne Lyrium ist ein Templer generell aufgeschmissen. Das geht diesen roten Monstern nicht anders als einem normalen Templer.“ Cassandra lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und blickte Morrigan fragend an. „Ihr werdet den Inquisitor in den Tempel begleiten. Womit müssen wir rechnen?“
Die Magierin schüttelte den Kopf. „Ich kann es Euch nicht sagen. Mit allem am besten. Doch lasst mich zuerst erklären, was der Tempel von Mythal ist. Das Hauptgebäude ist so groß wie ein Palast und unser Ziel. Umgeben ist dieser von zahlreichen Nebengebäuden, einst muss dort ein riesiger Tempeldistrikt existiert haben. Mythal, Göttin der Altelfen, Beschützerin. Ich kann mir denken, dass dieser Ort Fallen enthält. So ein Heiligtum wird sicher gut bewacht worden sein. Mehr kann ich Euch dazu leider auch nicht sagen.“
Salis stand langsam auf. „Unser Vorrücken auf den Tempel wird von Soldaten flankiert. Sie werden uns den Weg zum Eingang freikämpfen. Hinter uns folgen die Späher, sowie unsere restlichen Soldaten und die Orlaisianer. Ziel ist es, die Roten Templer in die Zange zu nehmen und endgültig zu vernichten, während wir uns zum Eluvian durchschlagen. Und nun kommt, lasst uns die letzten Vorbereitungen treffen.“
Die Besprechung löste sich schleppend auf und Cassandra nahm Varric auf die Seite. „Wird Marian Hawke abreisen?“
Sein Blick war eine Mischung aus Besorgnis und Erleichterung. „Nein, ich habe es ihr ausreden können, alleine zu reisen. Sie wartet, bis wir zurück sind, dann machen wir uns gemeinsam auf den Weg nach Hause.“ Heimat … sein Herz zersprang fast vor Sehnsucht. Kirkwall, so finster einem Reisenden die engen Gassen dieser Stadt auch vorkamen, für ihn gab es keinen besseren Ort, aber er hatte andere Pläne. „Hawke hat mir ein Zimmer in ihrem Haus angeboten und ich werde darauf zurückkommen. Irgendwo in den Freien Marschen, in einem Dörfchen voll geflüchteter Elfen.“
Er grinste. „Es ist nicht so, dass ich Dir nicht traue, Cassandra, ich weiß nur selbst nicht, wo Hawkes Ehefrau gerade steckt. Sie musste innerhalb eines Jahres dreimal vor Templern flüchten. Unser Kontakt ist immer noch die Taverne zum Gehängten Mann in Kirkwall. So erreicht Ihr uns.“
Die Sucherin verstand, dass er ihr nichts verschwieg. „Wenn ich kann, werde ich Euch helfen.“ Es war ein ehrliches Angebot und sie lächelten sich an.
„Das ist mal ein Wort.“ Varric schüttelte ihr die Hand.

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