Cullen machte einen Umweg über die Küche und hörte sich das übliche Gezeter des Kochs an, der sich darüber beschwerte, dass sein Reich als Durchgangsraum genutzt wurde. Der Kommandant murmelte etwas, das den aufgebrachten Mann beruhigen sollte, schnappte sich zwei Äpfel und stieg die Treppe in den unteren Hof hinab.
Hier setzte er sich ächzend an einen der Tische und beobachtete, wie sich die flinken Handwerker endlich daran machen konnten, das Badehaus fertigzustellen. Heute morgen hatte er auf seine übliche Rüstung verzichtet und trug über dem Leinenhemd eine Jacke aus dunkelbraunem Bärenleder, deren Kragen er hochstellte. Noch kam die Sonne nicht bis ins Innere der Festung und der Morgentau lag  auf dem Gras.
Vielleicht hätte er den Koch darauf hinweisen sollen, dass es nun einen weiteren Grauen Wächter mit Heißhunger gab. Er schmunzelte vor sich hin und biss herzhaft in einen der Äpfel. Obst war ja generell gut für die körpereigene Abwehr und gerade die seine war immer noch etwas angeschlagen. Er spürte Adamant und die lange Rückreise in den Knochen, auch letzte Nacht hatte er keinen Schlaf finden können, da er die Wachen auf den Wehrgängen neu einteilen musste.
Annabelle kam näher und er winkte ihr zu, dass sie ihm Gesellschaft leisten solle. Die Magierin berührte kurz seine Schulter im Vorbeigehen und holte sich dann ihr Frühstück, außer Tee hatte man hier nichts anderes, das einem morgens die Kälte der Nacht aus den Knochen vertreiben konnte. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und musterte ihn besorgt. „Ihr seht müde aus. Abgekämpft und kurz davor, im Stehen einzuschlafen.“
Ein tiefer Seufzer entfleuchte ihm. „Genauso fühle ich mich. Ich sollte umziehen. Dieser Turm hat drei Türen. Irgendwer kommt immer ungebeten herein, rüttelt an der Tür oder steht auf einmal vor meinem Schreibtisch. Ruhe findet man da selten.“ Er gähnte herzhaft und streckte die Arme in die Luft. Munterer machte ihn das allerdings auch nicht.
Annabelle lächelte ihn verschmitzt an. „Ich wüsste einen Ort, an dem Ihr Euch einmal so richtig ausschlafen könnt.“ Sie beugte sich verschwörerisch vor und flüsterte: „Wenn Ihr Euch traut.“ Dann lachte sie schallend.
Cullen runzelte fragend die Stirn. „Ich soll mich aber nirgendwo im Schnee eingraben, oder?“
„Oh, nein! Obwohl das sicher recht lustig anzusehen wäre. Ihr als Schlittenhund.“ Sie deutete auf das Lager der Kampfmagier. „Schlaft in einem unserer Zelte. Dort wird Euch niemand vermuten.“
„Das kann ich doch nicht machen!“ Er schüttelte entschieden den Kopf und unterhielt sich mit der Magierin noch eine Weile über die Kinder der Grauen Wächter. Als sie ihr Frühstück beendet hatte, zog sie ihn einfach mit sich in ihr Zelt. „Ihr habt mich nun mindestens fünfmal angegähnt. Jetzt ist Schluss damit.“ Sie deutete auf ein Feldbett. „Hier schlafe ich.“ Er bekam einen freundlichen Schubser und saß auf der Bettkante, ehe er weiter protestieren konnte. „Wünsche wohl zu ruhen, Cullen.“ Schon hielt sie ihm die Decke entgegen und sein Widerstand schwand dahin.
Zu groß war seine Sehnsucht nach Schlaf, also stellte er sorgsam seine Stiefel unters Bett, hängte seine Jacke ans Kopfende und ließ sich von Annabelle zudecken. „Gute Nacht, Kommandant.“ Sie küsste seine Stirn und er lächelte sie glücklich an. Als sie das Zelt von außen schloss, rollte er sich auf die Seite und genoss den Geruch der Magierin, der dem Kopfkissen anhaftete. Binnen weniger Minuten schlummerte er selig.

Ähnlich ging es Salis. Auch sie hatte seit etlichen Tagen kein Auge mehr zugetan und dementsprechend kniff sie ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Sie und Josephine gingen wieder hoch zu ihrem Quartier, Madame Montilyet ablösen. Nachts schreckte sie Assan immer wieder aus dem Schlaf, die Dalish Elfe fiel einfach auf das breite Bett, murmelte noch etwas und war dann eingeschlafen.
Die Botschafterin zog ihr die Stiefel von den Füßen, wickelte sie kurzerhand in eine Decke ein und begab sich mit ihrer Mutter, nebst Assan auf dem Arm, wieder in die Haupthalle. Dort angekommen hielt Carla sie zurück. „Kann ich Euch helfen, solange ich hier bin?“
Die Sorge um ihre Tochter war ihr anzusehen, aber Josephine lächelte sanft. „Mama, Du hättest sehen sollen, wie es hier vor einigen Wochen noch zuging. Wir schliefen auf dem Boden, hatten nichts zu essen und nur unsere Kleider am Leib. Ich finde, dafür haben wir uns ganz gut gemacht, aber wir verbessern die Lage stetig.“
Assan hatte sich an die Botschafterin gewöhnt, immerhin schlief er schon die zweite Nacht zwischen den beiden Frauen und auch er gähnte. „Armes Kerlchen.“ Carla streichelte seinen rotblonden Haarschopf. „Was hältst Du davon, wenn Du Deine Arbeit erledigst und ich mit ihm zu den anderen Kindern gehe? Er kann ja ein wenig mit Hawkes Mädchen spielen.“
So wechselte der kleine Elf die Trägerin und befingerte eifrig Carlas Locken, die er eine nach der anderen aus ihrer Frisur angelte. Josephines Mutter ging in den großen Schlafsaal und traf dort auf Hawke, die ihre kleine Elena gerade aufs Töpfchen setzte und geduldig abwartete. Assan schaute sich diese Angelegenheit misstrauisch, aber recht interessiert an und man sah, dass Marian Hawke, der Champion von Kirkwall, schon Übung darin besaß, dem Mädchen den Hintern abzuwischen. Sie kicherte leise und versuchte sich vorzustellen, was ihre Ehefrau Merrill dazu sagen würde.
„Wird wohl noch eine Weile dauernd, bis der kleine Mann hier ebenfalls bereit ist, das Töpfchen zu benutzen.“ Carla dachte mit Schaudern an Josephine, die erst mit dreieinhalb Jahren so weit gewesen war.
„Wir können ihn öfter mal zuschauen lassen.“ Hawke lächelte vergnügt und meinte dann: „Die Kinder ziehen in einen der Türme um, zusammen mit den kleinen Magiern. Hier sind zu viele Leute, es ist einfach zu laut und im Zelt zu schlafen ist auf die Dauer auch nichts.“
Dorian packte gerade die Sachen seines Schützlings zusammen und die beiden Qunari saßen abwartend auf ihren Betten. Hier ging es zu wie in Lelianas Turm, wenn um die Mittagszeit etliche Vögel mit Nachrichten eintrafen. Die Kinder brauchten Ruhe, um sich erholen zu können. Varric, der Bulle und Sera rollten das Bettzeug zusammen, während Cassandra und William schon dabei waren, das neue, gerade eben erst fertig gewordene, Domizil einzurichten.
„Na, dann kommt mal alle mit.“ Annabelle winkte den Kindern freundlich zu und sie folgten ihr wie auf einer Schnur aufgefädelt. Unterwegs wurden Nathaniel, Alina und die anderen Magierkinder eingesammelt, die ebenfalls ihre Sachen trugen. Sie wanderten hinauf in den oberen Hof, vorbei am Lagerplatz der Sturmbullen und kamen zu einem Gebäude hinter Cassandras Übungsplatz, dem Krems Quartier angeschlossen war.
Der Hauptmann schlich sich gerade zusammen mit Lucky aus der Tür, da Lace, genauso wie Cullen, die Nacht damit verbracht hatte, ihren Spähern neue Anweisungen zu geben. Außerdem schrieb sie allen Angehörigen der Gefallenen und so war sie eben erst völlig übermüdet zu Krem ins Bett gekrochen.
Für die Kinder war der Anblick des Mabariwelpen natürlich eine willkommene Abwechslung und sie freuten sich darauf, mit dem kleinen Kriegshund spielen zu dürfen, der freudig an ihnen hoch sprang.
Im Turm angekommen, ging es ein Stockwerk hinauf, denn im Erdgeschoss hatte der Quartiermeister seinen Arbeitsbereich und Cassandra rief: „Die Jungs bleiben hier, die Mädchen gehen hoch.“
Naraan gefiel es nicht, dass er von seiner Schwester getrennt wurde, aber wenigstens wusste er Nicholas in seiner Nähe, mit dem er zusammen aufgewachsen war. Der kranke Junge wartete, bis Dorian ihm das Bett machte und legte sich dann umgehend hin. Es ging ihm zwar wesentlich besser, aber er war immer noch sehr schwach und der kurze Fußmarsch hatte ihn ermüdet.
„Es wird immer einer von uns Erwachsenen hier schlafen.“ William erntete für diesen Satz ein einstimmiges Gemaule.
„Wir sind keine Babys mehr!“, protestierte Alina und Ataash nickte grimmig.
„Keine Diskussionen, junge Dame“, ermahnte Annabelle ihre Tochter.
„Ach, Papa!“, Nathaniel murrte ebenfalls und setzte sich schmollend auf sein Bett, William nahm neben ihm Platz.
„Und? Wie findest Du's hier? Ist doch schön warm, oder?“ Er strich seinem Sohn ein paar widerborstige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Schon, aber kann Kieran hier auch übernachten?“
„Warum nicht? Frag' ihn, vielleicht stimmt seine Mutter zu?“ Der große Magier stand wieder auf. Varric und der Bulle bauten gerade einen Kleiderschrank zusammen und stritten sich darüber, welches Brett wohin gehörte. Oben wurde über die Kleidung diskutiert und Sera schlug gar abenteuerliche Kombinationen vor, welche allgemeines Gelächter verursachten.
Cassandra stöhnte: „Ich dachte schon, ich hätte keinen Sinn für Mode, aber Ihr treibt es auf die Spitze, Sera.“
„Was denn? So was trägt man jetzt in Val Royeaux“, echauffierte sich die Elfe.
„Und wenn man sich dort einen lebenden Fennek umhängt, dann macht Ihr das auch?“
„Uh! Dass Ihr immer gleich übertreiben müsst, Sucherin.“
Cassandras raues Lachen ließ Williams Nackenhaare in die Höhe stehen. Er liebte ihre tiefe Stimme, auch wenn diese manchmal zu laut eingesetzt wurde. Schuld daran war sicherlich das Leben in Kasernen, ähnlich wie bei Krem. Als sein Kopf im Treppenaufgang erschien, verscheuchte ihn Alina mit einem: „Jungs haben hier nichts zu suchen!“
Er schaute seinen Sohn fragend an, der nur mit den Schultern zuckte. „Mädchen halt.“
Varric lachte lauthals los. „Ja, in dem Alter sind sie noch ...“
Ein Ellenbogen schubste ihn in die Seite und Dorian funkelte ihn kopfschüttelnd an. „Keine Geschichten aus Kirkwall!“
„Sagt gerade der Meister der dreckigen Witze.“
Der Magier aus Tevinter verdrehte theatralisch die Augen. „Ein Witz soll das Publikum erfreuen und nicht zu Tode erschrecken, also erzähl' den Jungs keine Zoten über Frauen.“
Annabelle stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Danke, Dorian.“ Sie sortierte Alinas Sachen in ein kleines Schränkchen ein, das neben dem Bett ihrer Tochter stand. Dadurch, dass es auch hier Etagenbetten gab, war genug Platz für einen Tisch nebst fünf Stühlen und wo Cassandra eine Kommode mit Spiegel aufgetrieben hatte, blieb ihr ein Rätsel. „Ihr habt ein Händchen für Dekorationen, werte Sucherin.“ Die derart Gelobte lächelte dankbar und verkniff sich ein Gähnen. Auch sie war die halbe Nacht wach geblieben, denn die Alpträume der Kinder hatten sie wieder aus dem Schlaf gerissen. Schon alleine deswegen hatten sie untereinander besprochen, dass immer mindestens ein Erwachsener hier schlief, am Anfang vielleicht sogar zwei.
„Ihr solltet Euch ebenfalls hinlegen.“ Die Magierin deutete auf William, der noch einige Decken hoch brachte. „Das gilt auch für Dich, mein Freund.“
„Wisst Ihr, wo Cullen steckt? Langsam mache ich mir Sorgen.“ Cassandra hielt Annabelle sachte am Arm fest und sah sie fragend an, aber die Hexe der Wildnis winkte lachend ab.
„Er schlummert friedlich in meinem Bett. Sein Quartier ist einfach zu ungeeignet zum schlafen, also habe ich ihn kurzerhand in mein Zelt geschleift.“ Sie grinste amüsiert.
„Oh, na dann … Hauptsache er kommt uns nicht unbemerkt abhanden“, kicherte die Sucherin.
„Und Ihr beide verschwindet jetzt auch mal langsam.“ Sachte wurde Cassandra in Richtung der Treppe geschubst, aber es brauchte keine Überredungskünste, denn schon lange war sie nicht mehr mit William alleine gewesen. Der Magier hatte zugehört und ergriff ihre Hand, nachdem er sich von seinem Sohn verabschiedet hatte. Lachend liefen sie die Treppen hinauf in die Haupthalle und ließen sich von nichts und niemandem aufhalten. Morrigan wurde mit einem „Später!“, abgefertigt, dann fiel die Tür zu Cassandras Quartier laut ins Schloss.

Salis schlug gegen Mittag die Augen auf, nachdem ihr Assan auf den Bauch gekrabbelt war. Josephine hatte ihn kurz auf dem Bett abgesetzt und nun schaute er der Elfe völlig hingerissen beim Aufwachen zu.
„Mutter hat ihn mal das Töpfchen testen lassen, aber irgendwie wusste er nicht so recht, was er damit anfangen sollte“, erzählte die Botschafterin lachend und fragte ihre Verlobte dann: „Wie lernen eigentlich Dalish Kinder, auf den Topf zu gehen?“
Salis grinste sie verschmitzt an. „Willst Du das wirklich wissen, ma vhenan?“
Josephine legte sich neben sie, schmiegte ihren Kopf an den Hals der Elfe und kitzelte Assans kleinen Fuß. „Unbedingt.“
„Na gut. Die Kleidung eines Dalish Kindes ist unten offen, das ist das ganze Geheimnis. Es kann sein Geschäft machen, wo und wann es will.“
„Auch, wenn Ihr länger irgendwo lagert?“ Josephine stellte sich gerade vor, wie angewiderte Elfen durch Berge von Babyscheiße wateten.
„Das geht unterwegs besser. Im Lager tragen die kleinen Pupser dann lieber Windeln, sonst nimmt das Ganze Überhand.“
Josephine lachte der Elfe prustend ins Ohr. „Ich versuche gerade, mir Dich als Kind vorzustellen.“
„Lass es lieber. Ich war alles andere als süß. Als Baby bekam ich einen Ausschlag und mit dreizehn fürchterliche Pickel“, feixte Salis.
Die Botschafterin küsste ihre Wange. „Hast Dich aber gut gemacht, ma'arlath.“
Die Elfe schnupperte angewidert. „Da hat doch wieder einer ein Ei gelegt, oder?“ Sie schaute Assan vorwurfsvoll an und schon war der beschauliche Moment wieder vorbei, denn der Kleine zeigte umgehend, dass er eine sehr kräftige Stimme hatte.

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