Mehrere Personen warteten nervös auf König Alistairs Ankunft. Leliana lief im unteren Hof auf und ab, während Morrigan alle zehn Minuten über die Mauer des oberen Hofes spähte.
„Warum seid Ihr so erpicht auf den König?“ Varric saß am Feuer und sah ihr schon eine Weile zu.
Die Hexe der Wildnis schaute ihn wütend an. „Das geht Euch nichts an, Zwerg.“
„He, irgendwie kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass Ihr uns kleinen Leute hasst.“
Endlich zeigten sich drei Reiter, die gerade durch das Haupttor ritten. Keiner trug die Rüstung der Wächter, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
„Da unten seht Ihr den Grund, warum ich Zwerge nicht ausstehen kann.“ Morrigan deutete auf einen zotteligen Kerl, dessen rote Haare zu Berge standen und sein Rauschebart würde sicherlich ein gutes Vogelnest abgeben, auch wenn dieser an den Seiten recht kunstvoll geflochten war. Er schaute in die Höhe, entdeckte seine ehemalige Weggefährtin und winkte. „He, mein Täubchen! Noch so liebreizend wie eh und je.“
„Fahr' zum Stein, Oghren!“, spie die Magierin ihm entgegen.
„Ah, Du liebst mich also immer noch“, er lachte grollend und hüpfte vom Pferd, seinem Begleiter direkt vor die Füße. Einem dunkelhaarigen Mann mit langem Umhang. Der Dritte im Bunde trug ein einhändiges Schwert an seiner Hüfte und einen Schild auf dem Rücken. Leliana fiel ihm umgehend um den Hals. „Alistair!“ Er umarmte sie und hob sie in die Höhe, die beiden lachten und freuten sich über das Wiedersehen.
„Noch ein Rotschopf!“, Oghren breitete die Arme aus und ließ sich von der Meisterspionin ebenfalls aufs Herzlichste willkommen heißen.
„Darf ich Dir Nathaniel Howe vorstellen?“ Alistair trat zur Seite und der wortkarge Mann hinter ihm nickte zur Begrüßung.
„Ich habe viel von Euch gehört.“ Leliana beließ es ebenfalls bei einem Nicken.
„Sieh' an. Alle wieder vereint.“ Morrigans Stimme ließ sie herumfahren und ihr Freund runzelte missgestimmt die Stirn.
„Sei gegrüßt“, mehr sagte Alistair nicht.
„Ach, kommt schon! Vertragt Euch!“ Oghren ignorierte die Spannung, die zwischen den beiden herrschte und schaute sich um. „Alle Achtung, solides Mauerwerk.“
„Nachdem Ihr Euch ein wenig erfrischt habt, kann ich Euch herumführen.“ Leliana behielt die streitsüchtige Magierin im Auge, aber diese machte keine Anstalten, Ärger zu suchen. Dafür kam Kieran angerannt und rief: „Mama! Darf ich mit Nathe und William raus zum Üben?“
Alistair und Oghren machten große Augen, besonders, als sie mit sanfter Stimme antwortete: „Sicher, Schatz, aber zieh' Dir etwas Warmes an, ja?“ Sie strich ihrem Sohn liebevoll über den Kopf und küsste seinen Scheitel, dann flitzte er davon, um sich umzuziehen. „Was starrt Ihr mich so an?“
„Ah … Du … hast einen Sohn?“, stotterte Oghren.
Alistair schaute dem Jungen nach. „Wie …“, er räusperte sich. „Wo ist der Vater?“
Morrigan lächelte geheimnisvoll. „Der weiß nichts von seinem Glück.“
„Typisch. Du enthältst ihm seinen Sohn vor?“
Sie zog die Luft tief ein. „Es war das Beste, glaub' mir.“
Leliana ging dazwischen. „Wie wäre es mit einer Stärkung?“ Sie hakte sich bei Alistair unter und zog ihn einfach mit sich, die beiden anderen Wächter trotteten hinterher.

„Ihr esst im Freien?“ Alistair kippelte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her und wartete auf das Essen, welches der Koch ihm unter etlichen Verbeugungen versprochen hatte. Nathaniel Howe schlürfte seinen Tee und Oghren konnte es nicht fassen, dass es in der gesamten Festung keinen Alkohol gab. Von den Vorräten der Botschafterin erzählte Leliana wohlweislich nichts.
„Noch sind Räumlichkeiten rar, zumal wir nun auch die Grauen Wächter eine Zeit lang beherbergen werden. Unsere Steinmetze haben jetzt die drei großen Wachtürme instand gesetzt, so dass bald niemand mehr im Zelt schlafen muss.“
„Hier ist es zwar seltsam warm im Gegensatz zu draußen, aber nachts wird es sicher dennoch empfindlich kalt?“ Der Zwerg schaute sich prüfend um. „Wir wollen keine Umstände machen.“
„Wenn Ihr etwas zusammenrücken könntet, wäre noch Platz für Euch in der Taverne.“ Sie blickte Alistair fragend an. „Ich weiß, einen König sollte man anders beherbergen“, meinte sie entschuldigend.
Ihr Freund winkte ab. „Ich bin als Wächter hier und auf Besuch bei einer alten Freundin.“ Als diese eine Augenbraue missgestimmt in die Höhe zog, korrigierte er sich schnell. „Bei einer GUTEN Freundin.“
„Nochmal Glück gehabt.“ Oghren grinste durch seinen roten Rauschebart.
Nach dem Essen führte Leliana die drei Männer durch die Festung. William kam gerade mit den beiden Jungen zurück und Salis stieg vorsichtig mit Assan im Arm die Treppe hinab, um ihn an der frischen Luft etwas müde zu machen.
„Lady Lavellan.“ Alistair verbeugte sich elegant, die Elfe erstarrte kurz und sah ihn erstaunt an.
Lächelnd erwiderte sie: „Eure Hoheit.“ Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen. „Bald heißt es: Lady Montilyet. Ich nehme Josephines Familiennamen an.“
„Wirklich?“, fragte Leliana verblüfft. „Und was meint die Hüterin Eures Clans dazu?“
Ein Hauch von Traurigkeit schlich sich in Salis Augen. „Für die Dalish zählt nur, dass der Clan fortbesteht. Alles dreht sich darum und wer sich dem entzieht, der gehört nicht mehr dazu. Die Dalish denken da engstirnig und nicht gerade fortschrittlich.“ Sie riss sich zusammen. „Ihr bleibt doch bis zur Hochzeit, oder? Wir werden heiraten, sobald Cullen und unsere Truppen hier sind.“
Alistair lächelte gewinnend. „Dann haben wir die Ehre, diesem großen Moment beizuwohnen. Obwohl wir gerne mit den Wächtern aufbrechen würden, müssen sich diese sicher erst einmal erholen.“
Leliana zupfte nachdenklich an einer Efeuranke herum, welche die Außenmauer der Haupthalle hinauf wucherte. „Wir müssen die Reise nach Vigils Wacht tarnen. Falls bekannt werden sollte, dass die Wächter Thedas fast ins Chaos und in den Untergang getrieben haben, würde man Euch lynchen. Zumindest die orlaisianischen Wächter wären dem Tode geweiht.“
„Wir werden sie möglichst unauffällig durch Ferelden schleusen.“ Endlich einmal sprach Ser Howe einige Worte und erntete dafür überraschte Blicke. Offenbar waren es seine Begleiter gewohnt, dass er kaum etwas sagte.

Sie gingen in die Haupthalle und bestaunten das rege Treiben der Handwerker und Bediensteten. Mittendrin hatte Josephine das Kommando und scheuchte ihre Geschwister durch die Gegend. Die Dekoration war fast komplett. Links und rechts vom Gang hatte man Stuhlreihen aufgebaut, an den Wänden standen im Abstand von drei Metern riesige Blumentöpfe, welche mit Bändern und Schleifen verbunden waren. Der Gang endete vor einer Art Altar, aber in Wahrheit hatte man nur den großen Tisch aus dem Beratungsraum hierher geschleppt. Auf diesem lag eine weiße Tischdecke und zu beiden Seiten standen jeweils etliche Kerzen.
Mutter Giselle würde einige Zeilen aus dem Gesang des Lichts rezitieren und Leliana freute sich diebisch auf ihre Hochzeitsüberraschung. Sie würde für ihre beste Freundin singen und übte dafür heimlich mit Niin, die ihrerseits vorhatte, die Hochzeit auf einem Skizzenblock festzuhalten.

Als hätte sie darauf gelauert, eilte Morrigan herbei und zog Alistair beiseite. „Kann ich Dich unter vier Augen sprechen?“ Der ehemalige Weggefährte blickte sie zwar verwundert an, nickte dann aber und folgte ihr in den Garten. Es verschlug ihm den Atem, was er hier erblickte. All die Mühe, welche man sich hier offensichtlich mit den Beeten gemacht hatte.
„Das ist wunderschön.“ Sein Blick fiel auf den Pavillon, in dem Niin saß und den Zeichenstift schwang.
„Das ist übrigens Niinara Larion.“ mehr musste Morrigan nicht sagen, denn Leliana und Alistair pflegten sich mindestens einmal in der Woche Briefe zu schreiben. Er war bestens informiert darüber, dass die Meisterspionin eine Beziehung mit der Elfe eingegangen war und nickte lediglich.  Als die Magierin ihn allerdings in eine ruhige Ecke schob wurde er unruhig.
„Ich muss Dir etwas sagen und ich weiß, dass ich es schon viel eher hätte tun sollen.“ Sie kämpfte um die richtigen Worte. „Alistair, Du hast einen Sohn.“
Einen Moment lang wurde ihm schwindelig und er schwankte kurz. „Was?“ Irgendwie ahnte er, dass er sich nicht verhört hatte. „Der … der Junge ...“
Morrigan fuhr sich nervös durch die Haarsträhnen, die sich aus der Frisur gelöst hatten und ihr ins Gesicht fielen. „Ja, Kieran ist Dein Sohn.“
„Kieran … bist Du sicher?“
Er merkte zu spät, dass diese Frage ein Fehler war, denn Zornesröte tauchte Morrigans Wangen in tiefes Rot. „Was glaubst Du eigentlich, mit wie vielen Männern ich schlafe?“, rief sie erzürnt.
Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Na ja, Du bist eine Hexe der Wildnis. Die sind bekannt für ihre … Freizügigkeit.“
Der Mund sackte ihr sprachlos hinab und sie stemmte ihre Fäuste gegen die Hüften. „Also hör' mal, da war sonst niemand, glaub' mir. Es ist passiert, als wir beide recht … angetrunken waren und ich Dich in mein Lager geschleppt hatte.“
„Du hättest ...“ Er rang verzweifelt nach Worten.
„Ich konnte Dir nichts sagen. Ich musste meinen Sohn an einen sicheren Ort bringen, weit weg von dieser Welt. Als ich erfuhr, dass Flemeth lebt, hätte ich uns alle mit der Wahrheit in Gefahr gebracht.“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.
Alistair bemerkte dies und es irritierte ihn, denn er kannte sie nicht so emotional. „hat Kieran nie gefragt?“
„Doch, in letzter Zeit sehr oft.“
„Glaubst Du nicht, dass ein Kind das Recht hat zu erfahren, wer seine Eltern sind?“ Seine Hand griff instinktiv nach dem Medaillon, dass er stets um den Hals zu tragen pflegte. Es gehörte einst seiner Mutter. So wurde es ihm gesagt, er kannte sie nicht. Das Schmuckstück schien nicht vollständig zu sein, denn man konnte es öffnen und dann sah man, dass es wohl einst ein Bildnis enthalten hatte.
Statt ihm zu antworten, drehte Morrigan sich verärgert um und rief: „Kieri, hör' auf mit dem Versteckspiel. Mich kannst Du nicht täuschen, schließlich habe ich es Dir beigebracht.“
Ihr Sohn kam murrend hinter einer Hecke zum Vorschein. Er hatte sich herangepirscht und sich sogar mit Hilfe seiner Magie getarnt, die dafür sorgte, dass man ihn einfach nicht wahrnahm. Seine Mutter konnte ihm nicht böse sein und lächelte. „Hast Du etwa alles gehört?“
Also funktionierte seine Tarnung doch gut genug, dass selbst seine Mutter ihn so spät erst bemerkt hatte! Vorsichtig nickte er und betrachtete Alistair eingehend. Dieser fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut, stand vor ihm doch sein Kind. „Hallo“, sagte er unbeholfen, um das Eis zu brechen.
„Hallo“, antwortete Kieran misstrauisch und ebenso kurz angebunden. Er musterte das Gesicht seines Vaters und suchte sich darin. Eine Ähnlichkeit konnte er nicht feststellen, bis auf die Augen und genau diese faszinierten den Jungen, denn es war, als würde er in einen Spiegel sehen. Der wache Blick, die Farbe und die Wärme des Ausdruckes, wenn Alistair lächelte.
„Verzeih', aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin überwältigt.“ Er fing sich zusehends und richtete das Wort an Morrigan: „Wenn Flemeth eine solche Gefahr darstellt, warum bist Du dann hier? Und warum warst Du vorher am Hof der Kaiserin?“
Die Magierin setzte sich auf eine kniehohe Mauer, ihre Hand fuhr sanft über Kierans Schulter, der es sich neben ihr gemütlich machte. „Ich kam an den Hof, weil ich einsah, dass Kieran unter Menschen aufwachsen sollte. Nicht so wie ich, in der Wildnis, auf sich alleine gestellt. Am Hof würde man mich wenigstens nicht als Abtrünnige jagen und mir meinen Jungen wegnehmen.“
„Du hast Dir noch nie um jemanden Sorgen gemacht.“ Alistair schaute sie nachdenklich an.
„Ich habe auch noch nie geliebt.“ Die Sanftheit, mit der Morrigan ihren Sohn ansah, ergriff ihn. „Ich würde alles tun, um Kieran zu schützen und ich tat alles, um meine Macht zu steigern. Eines Tages werde ich meiner Mutter begegnen und ich habe weder vor, ihr Kieran, noch meinen Körper kampflos zu überlassen. Dazu war der Aufenthalt im Palast sehr geeignet. Ich konnte mich dort in aller Ruhe meinen Studien widmen.“
„Was aber, wenn Flemeth hier auftaucht?“
Sie lächelte geheimnisvoll. „Ich bin fast so mächtig wie sie geworden.“
Alistair starrte sie perplex an. „Wirklich?“
„Jetzt schon.“ Morrigan schien entschlossen zu sein, sich ihrer Mutter entgegenzustellen, wenn es sein musste. „Um auf Deine Frage zurückzukommen: ich bin hier, weil Corypheus ein mächtiger Magier ist und nur ein anderer Magier gleichen Formates seine Schritte vorausahnen kann.“
„Ah! Da ist sie wieder, die alte Morrigan. Überheblich mit einem Hauch von Arroganz.“ Alistair grinste dreist.
„Gib's zu, Du hast mich vermisst.“ Sie lachte laut. „Immerhin habe ich erfahren, was Corypheus als nächstes plant. Der Weg führt in die Arbor Wildnis.“
„Dort wimmelt es nur so vor Elfenruinen.“
„Ja, und in einer steht ein Artefakt, das er um keinen Preis in die Hände bekommen darf.“
„Ganz schön viel von der Inquisition verlangt, sich von einer Schlacht in die nächste zu stürzen.“ Er kratzte sich grüblerisch am stoppelbärtigen Kinn.
„Wenn nicht sie, wer sonst? Du? Dazu fehlen Dir die Truppen. Kaiserin Celene? Die steckt mitten in einem Bürgerkrieg. Die Kirche? Sie existiert nicht mehr, genauso wenig wie die Templer oder die Grauen Wächter.“
„Noch gibt es uns. Wir müssen den Orden der Wächter neu formieren.“ Alistair blickte sie entschlossen an. „Allerdings sind wir dem Inquisitor in unserem momentanen Zustand keine große Hilfe.“
„Wir brauchen Euch, falls eine neue Verderbnis auftaucht. Das ist Eure Aufgabe, nicht jene, einen Ältesten der Dunklen Brut zu jagen.“
„Aber wir werden helfen, so gut wir können. Wir stellen der Inquisition die Festung in Montsimmard zur Verfügung.“
„Überzeug' erst einmal Kaiserin Celene davon, dass es nötig ist, auf ihrem Land eine fremde Streitmacht zu stationieren. Die Banns von Ferelden knurren ja schon wegen Caer Bronach in Kammwald. Für sie kommt das einer Art Okkupation gleich.“
„Du bist gut informiert.“
Sie hob die Schultern. „Das sollte eine kaiserliche Beraterin eben sein, sonst hat sie ihre Aufgabe nicht erfüllt.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Und ich habe meine Nase schon immer gerne in Dinge hineingesteckt, die mich nichts angehen.“
„Lelianas Beziehung zum Beispiel.“ Alistair fing wieder an, in der Vergangenheit zu wühlen und Morrigan schickte Kieran weg.
„Glaub' es, oder nicht, aber ich wollte Leliana warnen. Annae hatte durchaus ihre netten Seiten und dennoch hat sie Lelianas Gutmütigkeit und Naivität oft genug ausgenutzt. Erzähl' mir nicht, dass Du es nicht auch bemerkt hast, Al.“
Er schaute betreten unter sich und scharrte mit der Fußspitze in der Erde. „Ich weiß, dass Du Recht hast, aber Annae hat Leliana auch gut getan, so ist es nicht. Nach Marjorlaine brauchte sie jemanden, der ihr wieder auf die Beine half.“
„Das Mädchen war verliebt und blind. Wie oft sind wir in Situationen geraten, die uns fast das Leben gekostet hätten? Und wie oft habe ich mich gefragt: war das wirklich nötig? Annae hat zu viel riskiert und dabei auch keine Rücksicht auf ihre Geliebte genommen. Vielleicht wurde es ihr klar, als sie für uns in den Tod ging?“ Morrigan seufzte schwer.
Alistair schniefte traurig. „Das erinnert mich an den Abend nach der Schlacht.“
„Ich wollte Euch verlassen, aber da es mir nicht gut ging, blieb ich auf meinem Zimmer. Ich hatte Angst, mein Kind zu verlieren. Wer hätte geahnt, dass Du mir fast die Tür eintreten würdest? Weißt Du eigentlich, dass mich Lelianas Anblick in der Badewanne heute noch zutiefst schockiert?“
„Wirst Du ihr je sagen, dass ich in jener Nacht nicht alleine ihr Leben gerettet habe?“
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Belassen wir es dabei. Du bist ihr Held und das stimmt ja auch, schließlich hast Du sie rechtzeitig gefunden, bevor sie verblutet ist. Ich denke, es wäre Leliana ein Graus, wenn ihr bewusst wäre, dass ich ebenfalls von ihrem Selbstmordversuch weiß. Soll sie weiterhin denken, dass ich Denerim kurz nach dem Ende des Erzdämons verlassen habe.“
Sie beobachtete Niin beim Zeichnen und Leliana gesellte sich zu ihr. Die Meisterspionin lächelte Alistair und der Magierin kurz zu, dann setzte sie sich neben Niin, legte ihren Arm um die Elfe und ließ sich die Skizzen erklären.
„Genau deswegen sollte man die Vergangenheit hinter sich lassen.“ Morrigan schnupperte an einer aufgeblühten Rose.
„Aber es ist fatal, alles in eine Kiste zu packen und sie auf den Dachboden zu stellen in der Hoffnung, dass die Erinnerungen verblassen würden. Man muss die Dinge aufarbeiten, dann kann man loslassen.“
„Alistair, woher kommen nur auf einmal diese weisen Worte?“ Sie grinste ihn von der Seite an.

Alistair nahm sich den gesamten Nachmittag Zeit, über seinen Sohn und Morrigan nachzudenken. Er saß im Erdgeschoss der Taverne und grübelte vor sich hin, bis Leliana ihm Gesellschaft leistete, um ihren Freund etwas aufzumuntern.
Vor dem Haupttor warteten Korporal Vale und seine Leute abmarschbereit, eigentlich war es viel zu spät den Abstieg ins Tal zu wagen, aber wenigstens würden sie die Schneegrenze noch bei Tageslicht erreichen. Endlich kam das Signal, als sich von der anderen Bergseite die Truppen aus den Westgraten hinauf schlängelten.
Die beiden Beraterinnen nebst Salis und Cassandra stellten sich auf die Treppe zum unteren Hof, damit sie dort nicht beim Entladen im Weg waren. Wie immer hatte die Dalish Elfe den kleinen Assan auf dem Arm, der dem Treiben mit großen Augen folgte. Ser Aclassi schaute vorsichtig über die Mauer des oberen Hofes und versuchte, Krem zu erspähen, der seinen Vater schon längst ausgemacht hatte, vom Karren sprang und die Brücke entlang rannte. Lucky war Lace unerwartet vom Schoß gesprungen, flitzte freudig bellend hinterher und der Hauptmann nahm den kleinen Mabari schnell hoch.
Nun verstand Alistair, warum die Festung aus allen Nähten platzte. Was sich da ins Innere drängte, war schon eine logistische Meisterleistung. Aus dem Nichts erschaffen, mit dem Wenigen, dass ihnen anfangs zur Verfügung stand. Er empfand tiefen Respekt für diese Leute, welche sich dem Kampf gegen Corypheus verschrieben hatten und sich dabei ihre Menschlichkeit bewahrten.
Überall wurde gerufen, sich umarmt, geholfen und versorgt. Ein Buffet war im Freien aufgebaut worden, so dass sich die Ankommenden auf die Schnelle mit Nahrung eindecken konnten. Bald waren die beiden Innenhöfe mit futternden und sich laut unterhaltenden Soldaten, Spähern und Magiern überfüllt. Natürlich wollten die Daheimgebliebenen genauestens wissen, was in Adamant passierte.
Die Verletzten brachte man in einen der frisch renovierten Türme und die gerade angekommenen Grauen Wächter schlichen König Alistair wie die geprügelten Hunde hinterher, der sich mit ihnen in die Taverne begab, um dort mit ihnen zu besprechen, wie es weiterging. Krem rempelte ihn dabei fast an, er hechtete die Treppen hinauf und hatte nur noch Augen für seinen Vater, dessen Strahlen im Gesicht immer größer wurde. Schnell wurde Lucky abgesetzt, damit er nicht versehentlich in der Umarmung unterging.
Varric, der am Lagerfeuer der Sturmbullen saß und langsam von allen Seiten zusammengedrückt wurde, weil jeder einen Sitzplatz ergattern wollte, schaute zu Boden, damit niemand merkte, dass er wegen Krem weinte. Der Bulle war deswegen schon im Zelt verschwunden.
Jemand schob dem Zwerg ein Taschentuch hin und er folgte dem Arm bis er Cassandra ins Gesicht sah, die ihn anlächelte. Er schnappte sich dankbar das Tuch und schnäuzte herzhaft hinein. „Das wollt Ihr nicht wiederhaben, oder?“
Sie schaute ihn angewidert an. „Nein, behaltet es ruhig, Varric.“
„Krem hat sein Glück wirklich verdient. Erst Harding und nun sein Vater. Andraste ist offensichtlich mit den Mutigen.“
Die Sucherin schubste kurzerhand einen Soldaten etwas zu Seite und quetschte sich neben Varric. „Wir haben schon so viel zusammen durchgemacht und sicher noch viel mehr vor uns.“
„Wolltet Ihr je eine Familie gründen?“ Der Zwerg schaute sie interessiert an. „Ich meine, wegen der Qunari Kinder und so.“
„Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich dachte immer, ich ende in einer Ehe mit einem Adligen, dem ich einen Schwung Kinder gebäre. Zum Glück kam es anders und ich konnte mich aus dem goldenen Käfig meines Onkels befreien. Ich verließ Nevarra.“ Sie grinste Varric an. „Na ja, dass ich nun für drei Kinder zu sorgen habe, ist wirklich etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte. Nathaniel und ich haben zum Glück die Liebe zur Literatur gemeinsam. Es gibt immer etwas, über das wir reden können. Ataash ist sehr klug und in ihr pulsiert das Blut einer Kriegerin. Naraan kann ich bis jetzt nicht richtig einschätzen. Er nimmt unsere Hilfe an, distanziert sich dann aber wieder von uns.“
„Ist nicht leicht für die Kinder.“
„Nein. Für niemanden und dennoch gibt es hier keinen, der sein Herz verschließt.“ Sie blickte den Zwerg an. „Darauf sollten wir stolz sein.“
Er grinste wieder auf seine gewohnt wölfische Art. „Verdammt, Sucherin, wenn ich etwas Wein hätte, würde ich Euch glatt das Du anbieten und mit Euch anstoßen.“
Cassandra hielt ihm einen Becher Tee hin und tippte damit gegen Varrics Tasse. Der Zwerg rief lachend: „Auf das Leben und die Liebe.“
„Auch gut.“
„Wenn mir jemand vor zwei Monaten gesagt hätte, dass ich einmal mit Sucherin Cassandra per Du sein würde, hätte ich ihn erwürgt.“
„Das kannst Du laut sagen.“

Die Lagerfeuer brannten fast die ganze Nacht hindurch. So waren wenigstens alle Wege für die Helfer hell erleuchtet, welche dauernd zwischen den einzelnen Gebäuden hin und her liefen. Annabelle, Fiona und die anderen Heiler hatten sich aufgeteilt, aber gegen Morgen rollte sich die ehemalige Großverzauberin am Ende ihrer Kräfte auf einer Pritsche zusammen und schlief umgehend ein. Sie merkte nicht mehr, dass jemand sie behutsam in eine Decke einpackte und eine große Hand zärtlich über ihr Haar strich. Blackwall drehte sich um und stieß fast mit Annabelle zusammen, die ihn nach draußen zog und ernst anblickte. Seine Augen fielen ihm ebenfalls fast zu, mit traurigen Sorgenfalten auf der Stirn sprach er leise: „Ich werde gehen.“
Die Magierin ließ seinen Arm erstaunt los. „Warum?“
„Ich werde mich meinem Schicksal stellen. Zu lange habe ich mit einer Lüge gelebt.“ Er verließ sie und ging hinauf zur Haupthalle. Dort führte ihn sein Weg in den Turm zu Lelianas Hauptquartier und obwohl er in dieser Frühe noch nicht mit ihr gerechnet hatte, saß sie schon an ihrem Arbeitstisch und blätterte eifrig in Briefen und Berichten. Sie hob den Kopf und lächelte ihn an.
„Eure herzliche Begrüßung habe ich nicht verdient, Mylady.“ Der Krieger stellte sich vor sie und verweigerte den angebotenen Stuhl, was dazu führte, dass sie die Augen misstrauisch zusammen kniff.
Er holte tief Luft. „Ich möchte mich stellen.“ Nachdem er sich ihrer ganzen Aufmerksamkeit sicher war, fuhr er fort. „Ich bin Tom Rainier, ein Kriegsverbrecher.“
Leliana wühlte in ihren Unterlagen einen Fahndungsbefehl hervor. „Falls dem so ist, wartet auf Euch die Todesstrafe.“
„Ja, ich verdiene den Tod.“
Diese wenigen Worte erschreckten sie. „Demnach wart Ihr Offizier der orlaisianischen Armee und habt Euren Vorgesetzten samt Familie töten lassen?“
Er schloss die Augen. „Ich wusste nicht, dass er dieses Mal mit Familie reisen würde. Es war zu spät, um meine Männer zurückzurufen.“ Blackwall senkte den Kopf und Leliana ließ nach Salis rufen. Zehn Minuten später hatte er einen weiteren Zuhörer. Die Dalish Elfe lehnte sich gähnend gegen die Tischkante und bedeutete ihm mit einem Nicken, fortzufahren.
„Ich bekam Gold dafür, Lord Callier, einen Verbündeten Kaiserin Celenes, zu töten und ich war gierig genug, auf diesen törichten Handel einzugehen, zumal ich Herzog Gaspard an der Macht sehen wollte.“ Dieses Leben als Tom Rainier lag so lange zurück, dass es ihm unwirklich vorkam. So als würde er von einer anderen Person erzählen. „Ich floh, ließ meine Leute im Stich, die inhaftiert wurden. Ich irrte umher und traf auf Blackwall. Damals waren die Grauen Wächter für mich Zuflucht, denn jeder, der das Beitrittsritual überlebt, legt seine Vergangenheit ab. Verbrecher, Bettler, Adliger, es spielt keine Rolle, wer man war. Er rekrutierte mich und wir wollten zum Hauptquartier reisen, wurden aber unterwegs überfallen. Blackwall starb und ich nahm seinen Namen an.“
„Ich kann nicht glauben, dass Ihr einst so niederträchtig gewesen wart. So kenne ich Euch nicht.“ Salis schaute ihn traurig an und er konnte ihrem Blick nicht standhalten. „Ihr seid ein Freund für mich. Wir haben in Haven Seite an Seite gekämpft, Ihr habt mich durch die Berge getragen und vor einigen Tagen sind wir zusammen im Nichts gelandet.“
„Blackwall hat mein Leben verändert. Ich habe mich verändert, aber nun ist der Moment gekommen, Buße zu tun.“ Seine Stimme klang fest und entschlossen.
„Ihr seid wirklich ein Grauer Wächter geworden. Ihr lebt nach deren Prinzipien.“ Sie schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Und dennoch muss ich Euch verurteilen.“
Er nickte. „Das verstehe ich und ich bitte Euch um Vergebung dafür, dass ich Euch in solch eine Lage bringe.“
Salis wandte sich an Leliana. „Beruft den Rat ein. Schickt außerdem nach meinen Begleitern, König Alistair, Niin und Fiona. Wir treffen uns dann gleich im Besprechungsraum.“ Sie bedeutete zwei Spähern, Blackwall dorthin zu eskortieren.
Die Meisterspionin legte ihr bedauernd die Hand auf die Schulter. „Das konnte niemand ahnen.“
„Ich werde einen Freund töten“, flüsterte die Elfe, den Tränen nahe. „Wenn mir nicht noch etwas einfällt.“

Zwanzig Minuten später versammelten sich alle im großen Raum hinter Josephines Arbeitszimmer. Salis lief in ihr Quartier, weckte ihre Verlobte und übergab Assan in die Obhut ihrer zukünftigen Schwiegermutter, die ihr gefolgt war. Die Botschafterin stolperte verschlafen hinter der Elfe die Treppen hinab. Die meisten Anwesenden wirkten übermüdet und hatten eine kurze Nacht hinter sich.
Leliana räusperte sich und verkündete: „Blackwall ...“, sie korrigierte sich verärgert: „Tom Rainier, Ihr seid schuldig am Tod von Lord Callier und seiner Familie. Danach habt Ihr die Identität eines toten Wächters angenommen, um dem Urteil zu entfliehen.“
„Habt Ihr etwas dazu zu sagen?“ Salis war darum bemüht, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen.
Blackwall schaute zu Fiona, die ihn wütend ansah. „Ich möchte noch etwas sagen.“ Er drehte sich zu ihr um und sprach sie direkt an. „Ihr glaubt, dass ich Euch nur über die Grauen Wächter aushorchen wollte. Das stimmt nicht. Mein Interesse galt Euch alleine. Ich würde nie … ich wollte Euch nicht verletzen. Verzeiht mir.“ Völlig verdattert klappte der ehemaligen Großverzauberin die Kinnlade hinunter.
„Stroud sagte im Nichts etwas zu mir, kurz bevor wir durch den Riss sprangen. Er war der Meinung, dass Ihr, Blackwall, einen guten Grauen Wächter abgebt.“ Salis wandte sich an Alistair. „Hoheit, würdet Ihr einem Beitrittsritual zustimmen?“
Der König verständigte sich wortlos und fast unsichtbar mit Leliana, kaum jemand nahm ihr leichtes Nicken zur Kenntnis. Sie konnte die Situation besser einschätzen als er. „Nun gut, nennt mir die Gründe dafür.“
Salis trat vor Blackwall. „Mut, Treue, Freundschaft, Ehre, Pflicht.“
Der Bart des Verurteilten zitterte und zeugte von den Empfindungen, die in ihm tobten. „Diese Worte habe ich nicht verdient, Inquisitor.“
„Doch, das habt Ihr und deswegen spreche ich nun folgendes Urteil: Tom Rainier, wählt zwischen dem Tod am Galgen und dem Beitrittsritual.“
Seine Augen weiteten sich überrascht und Fiona hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. Ein Raunen brandete durch den Raum. Salis hatte eine kleine Ledertasche dabei und zog zwei Phiolen heraus, welche sie Niin übergab. „Dies soll ich Dir von Stroud geben. Das Blut des Erzdämons und jenes der Dunklen Brut. Er meinte, dass diese Zutaten bei Dir in besten Händen seien.“
Niin wagte es kaum, die Kostbarkeiten anzufassen. Alle drehten sich zu Blackwall um und die Dalish Elfe hob ihre Stimme an. „Ihr könnt nun das werden, was Ihr schon lange seid und Buße tun, indem Ihr für die Inquisition kämpft, oder Ihr sterbt wie ein Verbrecher.“ Die letzten Worte sprach sie heiser aus.
Dorian stellte eine Phiole Lyrium auf den kleinen Tisch, der vorläufig als Kartentisch herhalten musste. „Macht es nicht zu spannend, mein Freund.“ Er klopfte seinem Kampfgefährten freundschaftlich auf die Schulter.
Blackwall schloss die Augen, überlegte und nickte dann, mehr zu sich selbst als zu Salis. „Was passiert mit Tom Rainier, wenn ich mich für das Ritual entscheide?“
Leliana ergriff stattdessen das Wort, als sie sah, dass die Elfe zu aufgewühlt war. „Wir senden ein Schreiben nach Val Royeaux, welches besagt, dass wir ihn festnehmen wollten und töten mussten, als er sich widersetzte. Niemand wird diese Aussage anzweifeln und Ihr bleibt Blackwall.“
„Ich soll also mit einer Lüge leben?“
„Nicht nur Ihr, sondern auch wir.“ Salis holte einen Becher aus ihrer Tasche, diesen hatte sie vorhin schnell in ihrem Quartier eingepackt. „Obwohl es nur gelogen ist, was Eure Vergangenheit angeht. Hoffe ich zumindest“, zweifelnd wartete sie auf seine Antwort.
„Ich habe Euch nie etwas vorgemacht, Lady Lavellan. Niemandem hier.“ Wieder fiel sein Blick auf Fiona. Er trat vor die Dalish Elfe. „Vor zwei Monaten hätte ich den Tod gewählt.“ Blackwall besah sich seine Gefährten. Einen nach dem anderen. „Aber nun möchte ich mich an das Leben klammern, das ich seitdem führe. An meine Freunde, meine Aufgabe.“ Er nahm den Becher in die Hand. „Wie lange hatte ich mich danach gesehnt, ein Wächter zu sein. Aus den falschen Gründen, aus Egoismus. Ich wollte mich in ihren Reihen verstecken.“ Er drehte das Gefäß und betrachtete es nachdenklich. „Letztendlich aber ist ein Grauer Wächter ein Versprechen, den Schwachen zu helfen.“ Er reichte den Becher Niin und nickte.
Die Stadtelfe begann damit, den Trank für das Beitrittsritual gemäß den Angaben Strouds anzumischen, die er Salis diese ebenfalls schriftlich mitgegeben hatte. Alistair und Fiona traten jeweils an Blackwalls Seite, um den Vorgang zu überwachen. Er nahm den Becher in die Hand, schaute die ehemalige Großverzauberin ein letztes Mal an, dann trank er vorsichtig.
Zwei Minuten passierte nichts, dann verdrehte er die Augen, so dass man nur noch das Weiße sah und fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Fiona beugte sich über ihn, seinen Atem prüfend. Sie blickte Alistair fragend an.
„Falls er es schafft, wird er in ungefähr fünf Minuten aus der Bewusstlosigkeit erwachen.“ Allerdings verschwieg er, wie das normalerweise geschah. Das Erwachen war grausam, man tauchte auf aus einem Meer von Alpträumen über Erzdämonen und Dunkle Brut. Blackwalls Körper bäumte sich plötzlich auf, er stöhnte, die Augenlider flatterten und er griff reflexartig nach Fionas Kragen, riss sie mit einer rohen Kraft zu sich heran, dass ihr Amulett, welches sie nie abzunehmen pflegte, im hohen Bogen vor Alistair landete. Die Magierin versuchte, sich mit der rechten Hand aus Blackwalls Griff zu befreien und stützte sich mit der anderen ab, um nicht auf ihm zu liegen. Während Cassandra und Dorian ihr zu Hilfe eilten nahm Alistair das Amulett in seine Hand. Fiona starrte ihn aus vom Entsetzen geweiteten Augen an. „Nein!“ Es war ihr in diesem Moment egal, dass Blackwalls Griff die zwei oberen Knöpfe ihres Hemdes abgerissen hatte. Der bärtige Mann kämpfte sich immer noch zurück ins Wachsein.
Alistair schien niemanden mehr um sich herum zu bemerken. Das Amulett zeigte einen Mann und eine Frau. Eine sehr detaillierte Arbeit. Das Bildnis war in einen silbernen Rahmen eingelassen, dessen Verzierungen ihm nur zu bekannt waren. „König Maric ...“, hauchte er. „Und … Ihr?“ Er blickte sie verständnislos an und bekam gar nicht mit, dass sie immer noch über Blackwall hing.
Immerhin hatte dieser mittlerweile wieder das Bewusstsein erlangt und einen tiefen Einblick in Fionas Ausschnitt erhaschen können, bevor sie seine Hand endlich lösen konnte. Sie blitzte ihn wütend an, während er benebelt lächelte.
„So ganz ist er aber immer noch nicht auf der Höhe, oder?“ Statt Fiona schob sich nun Dorian in Blackwalls Sichtfeld, was diesen ein enttäuschtes „Oh!“ entlockte.
„Gebt mir das Amulett“, bettelte die ehemalige Großverzauberin regelrecht und hielt ihre Hand hin. Alistair stand stattdessen auf, griff nach dem Medaillon seines Vaters, öffnete es und ließ das Amulett in die dafür vorgesehenen Halterungen einrasten. Es passte perfekt!
„Ich habe mich immer gefragt, was da wohl hineingehört. Ein Porträt meiner Mutter vielleicht.“ Er sah die Elfe an und in seinen Augen spiegelte sich Verständnislosigkeit. „Aber das seid Ihr und mein Vater.“
„Hoffentlich kapiert er's bald“, raunte Varric Leliana zu.
„Das dauert beim ihm manchmal etwas.“ Die Meisterspionin konnte nur ahnen, in welchem Gefühlschaos ihr Freund gerade steckte.
Fiona stand nun ebenfalls auf und seufzte. „Wir haben das Porträt anfertigen lassen, kurz nachdem wir aus den Tiefen Wegen kamen. Wir liebten uns.“
„Aber … aber meine Mutter …“
„Beim Erbauer, ALISTAIR!“ Leliana beschloss, ihren Freund auf die richtige Fährte zu bringen. „Sieh' Dir Fiona an und dann Kieran. Er ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Zustimmendes Gemurmel im Raum zeigte ihr, dass die anderen ebenso dachten. Bis auf Fiona selbst, die herumfuhr und stirnrunzelnd fragte: „Morrigans Sohn? Was hat er damit zu tun?“
„Der MUSS mit ihr verwandt sein“, Varric kratzte sich geistesabwesend am Kinn und fragte sich, warum das Leben bessere Geschichten schrieb als er selbst.
Dorian übernahm die Aufklärung. „So, wie ich das sehe, ist Fiona Eure Mutter, Hoheit.“ Er wartete bis der Angesprochene eine Reaktion zeigte und fuhr dann fort. „Und gratuliere, Großverzauberin. Ihr seid Großmutter geworden.“ Er hätte eher damit gerechnet, dass diese einen Schreikrampf bekam, aber dass sie einfach so in Ohnmacht fiel, überraschte ihn dann ziemlich. Und nicht nur ihn. Sofort sprangen alle herbei, wedelten ihr Luft zu und tätschelten ihr die Wange. Blackwall lag einsam und alleine da und fragte sich immer noch, ob sich gerade ein Dämon über ihn lustig machte und er nicht doch tot sei. Salis kniete sich dann grinsend neben ihn und klopfte ihm auf die Schulter. „Ziemlich hektischer Morgen, was?“
Er rappelte sich mühsam in die Höhe und blieb sitzen. „Das ist sicher das verrückteste Beitrittsritual aller Zeiten.“
„Gratuliere, Grauer Wächter.“ Die Dalish Elfe half ihm beim Aufstehen, unterstützt von Niin, die leise vor sich hin kicherte.
„Können wir JETZT wenigstens einen heben, Botschafterin?“ Dorian kam doch ums Verrecken nicht an die Lage des versteckten Weines heran.
Josephine schüttelte energisch den Kopf. „Den gibt es morgen, an unserer Hochzeit.“
Fiona stand wieder auf wackeligen Beinen, gestützt von Leliana. Alistair stellte ihr unvermittelt eine  Frage, die ihm auf der Seele brannte. „Warum habt Ihr meinen Vater verlassen? Er erzählte mir immer, dass meine Mutter bei meiner Geburt gestorben war.“ Er sah gequält aus.
„Wir hielten es für das Beste. Da meine Kräfte als Graue Wächterin verschwanden, hätte man mich wieder in einen Zirkel gesteckt und mir mein Kind weggenommen. So aber konntet Ihr bei Maric bleiben. Eine Flucht zog ich auch in Erwägung, aber ich wollte Euch ein Leben in einem Gesindeviertel ersparen. Es war besser, dass Ihr an meinen Tod geglaubt habt. Eine Elfe als Mutter … wer will das schon?“ Sie ließ die Schultern traurig hängen.
Cassandra wandte sich an ihre Begleiter. „Was hier und heute geschah, darf niemals diesen Raum verlassen. Weder das Beitrittsritual, noch die Tatsache, dass sich Mutter und Sohn fanden.“ Entschlossen trat sie vor. „Schwört es!“
Etwas widerwillig, aber dennoch einverstanden, folgten alle ihrer Aufforderung. „Sollte jemals ans Licht kommen, dass König Alistair eine Elfe als Mutter hat, könnte ihn dies die Krone kosten. Oder sogar das Leben. Fiona wusste es und schwieg deswegen all die Jahre.“
Diese war froh, dass ihr Sohn offenbar bereit zu sein schien, mit ihr zu reden. Die anderen verließen den Raum stillschweigend und Blackwall lächelte ihr noch einmal aufmunternd zu. Als er daran dachte, was er beim Aufwachen gesehen hatte, verwandelte sich sein Lächeln in ein breites Grinsen.

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