Auch wenn die Reiter fast vor Müdigkeit von den Pferden fielen, so hielten sie durch. Zumindest hatten sie die Wüste lange hinter sich gelassen und befanden sich nun wieder auf der alten Handelsstraße, welchen um den Celestine See herumführte. Nun kam es ihnen zugute, dass sie auf dem Hinweg einen Teil der Lager hatten stehen lassen. Sie erfrischten sich kurz, ruhten sich eine Stunde aus und ritten dann die Nacht hindurch weiter. Zu groß waren die Bedenken, dass die Kinder schon zu lange alleine in der Festung festsaßen. Wie verzweifelt mussten die Eltern gewesen sein?
Die Wächter erzählten ihnen unterwegs, dass die Kinder zwar über Proviant und genügend Trinkwasser verfügten, aber auf sich alleine gestellt waren. Außerdem hatten sie mitbekommen, wie man ihre Eltern davon schleifte und niemand konnte sagen, ob nicht doch eines der Kinder bei dem Handgemenge verletzt worden war. Wer wusste schon, was das für Spuren in den Kinderseelen hinterließ?
Völlig erschöpft kamen sie im Morgengrauen in Montsimmard an. William war nicht gerade wohl dabei, den Ort zu betreten, an dem der Aufstand der Magier begonnen hatte. Diese Stadt beherbergte den Zirkel, der nun geplündert worden war. Von der einst so prachtvollen Bibliothek fanden sich vielleicht noch eine handvoll zerfledderter Bücher. „All das Wissen, das nun verschollen ist“, murmelte er vor sich hin. Cassandra ritt so dicht neben ihm, dass sich ihre Beine berührten und griff nach seiner Hand.
Die Festung der Wächter war größer, als erwartet. Staunend machten die Reiter Halt und trabten dann vorsichtig durch das riesige Tor. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Haupteingang zu verschließen. Gerade so, als hätte niemand erwartet, zurückzukehren. Sie stiegen im Innenhof ab und überließen die Pferde zwei mitgereisten Soldaten. Auf dem Boden zeigten sich dunkle Spuren.
„Wo müssen wir hin?“ Salis blickte sich fragend zu einem der Wächter um. Sie wusste nun, dass sich elf Kinder hier befanden, vier davon hatten noch Eltern. Sieben Waisen aller Altersstufen mussten sie versorgen und sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete.
Eilig schritten die Wächter voran. Es ging durch eine Art Kellergewölbe, an dessen Ende eine massive Tür den Weg versperrte. Die Anhäufung dunkler Flecken auf den Steinfliesen entpuppte sich als getrocknetes Blut.
„Habt Ihr einen Schlüssel?“ Der Bulle tastete das Holz auf Schwachstellen ab, während Salis das Schloss untersuchte.
„Nein, die Kinder haben die Tür von innen verschlossen, damit auch wirklich niemand mehr auf die Idee kommen konnte, sie doch noch zu holen.“ Der Wächter schaute beschämt zu Boden.
Sein Kamerad schlug mit der Faust gegen die Tür und brüllte: „Kinder, wir sind's! Adrien Ricard, Dianne Ferguson und Henry Darnell!“
Hinter der Tür rief es: „Mama?“ und die Wächterin trommelte verzweifelt gegen das massive Holz.
„Wir sind da, Kleines!“, schrie sie unter Tränen.
„Woher wissen wir, dass Ihr uns nicht töten wollt?“ Die Stimme klang bestimmt und gehörte einem Mädchen, das sicherlich älter war.
„Das ist Ataash. Eine Qunari. Siebzehn Jahre alt. Sie hat einen zwölfjährigen Bruder“, der Wächter musste sich einen Moment lang sammeln und flüsterte: „Ihre Mutter fiel den Magiern zum Opfer.“
Salis richtete sich auf. „Ataash? Ich bin Salis. Wir sind von der Inquisition. Wir haben gehört, dass Ihr Hilfe braucht.“
Stille. Offensichtlich besprachen sich die Kinder auf der anderen Seite. Sie begannen zu flüstern und stritten darüber, ob ihnen Gefahr drohte. Einer der Wächter trat an die Tür und rief: „Pierre, wir holen Dich da raus!“ Die Antwort war ein Wimmern.
„Ich werde jetzt versuchen, sie zu öffnen“, flüsterte Salis und fingerte ihre Dietriche aus dem Gürtel, sie wollte das Schloss auf jeden Fall ohne Gewaltanwendung öffnen und war so konzentriert, dass ihr Schweißperlen über die Stirn liefen. Sie glaubte nicht, dass die Kinder die Tür so schnell öffnen würden. „Verdammt, geh' auf“, murmelte sie entnervt und nach einem weiteren Fluch hörte sie es leise Klicken. Die Elfe drückte die Türklinke hinunter und der Eingang öffnete sich.
Hinter ihr spähten die drei Wächter ins Halbdunkel und ein kleiner Junge rannte Salis fast um auf dem Weg zu seiner Mutter. Auch die beiden Wächter nahmen ihre Kinder in die Arme, Cassandra sah die Enttäuschung und die Angst in den Gesichtern der anderen. Das Wissen darum, dass es keine weiteren Umarmungen und Begrüßungen geben würde. Sie folgte Salis, dicht hinter ihr lief Annabelle. Alle auf einmal wollten sie den Raum nicht betreten, es wäre zu einschüchternd gewesen.
Wobei die Bezeichnung „Raum“ recht untertrieben war, denn hier setzte sich das Kellergewölbe fort, offensichtlich handelte es sich um einen ehemaligen Weinkeller, der gut und gerne fünfzehn Meter Länge maß und sicherlich an die sechs Meter breit war. Es roch nach Exkrementen und säuerlich nach Erbrochenem. Für Salis ein Zeichen dafür, dass den Kindern die Nahrung verdorben war und sie wohl oder übel verschimmeltes Essen zu sich genommen hatten.
Vor ihr baute sich Ataash auf, die selbst für ihr junges Alter schon eine beachtliche Größe aufwies und einen Kopf größer als Salis war. Die Qunari hatte eine recht dunkle olivfarbene Haut und Hörner, die an einen Widderkopf erinnerten. Hinter ihr versteckte sich ein Junge der gleichen Hautfarbe, aber er war etwas kleiner und hatte wohl noch nicht vollends ausgewachsene Hörner.
Ataash schaute durch die Tür hinaus in den Gang. „Sonst ist keiner mitgekommen?“ Ihre Stimme schwankte unsicher.
Einer der Wächter schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Ataash. Es gibt niemanden mehr, der hätte mitkommen können.“ Er fing an zu weinen und Salis spürte einen dicken Kloß im Hals.
Langsam wurde den Kindern der Inhalt dieser Worte klar. Cassandra versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Die meisten Kinder waren in einem Alter, in dem sie wussten, was der Tod bedeutete. Drei von ihnen lagen auf Decken und weinten leise. Annabelle und William untersuchten sie, redeten beruhigend auf sie ein und versuchten zusammen mit den Wächtern, sie zu trösten. Die Ärmsten hatten sich den Magen verdorben und nun kam die Trauer dazu. Zudem wies ein Junge Schnittwunden am Arm auf, er war seinen Häschern wohl nur um ein Haar entkommen.
Salis zählte die Kinder im Gedanken durch. Sieben mussten es noch sein. Drei hier, dann Ataash mit ihrem Bruder … und ein Kleinkind, das in seinem Bettchen lag. Wo war was Siebente? Etwas zupfte an ihrem Hosenbein und als sie hinab schaute, musste sie lachen. Da saß ein kleines Elfchen auf seinem dicken Windelhintern und machte sich an den Schnallen ihres Stiefels zu schaffen. Vorsichtig hob sie das Bündel hoch und betrachtete es. „Wer bist Du denn?“
„Das ist Assan, der kleine Ausreißer“, sprach die Wächterin.
„Assan, also 'Pfeil'?“ Salis grinste. „Das passt.“ Eine Sekunde später langte Assan nach ihren Ohren und zog wie verrückt daran, während er aufgeregt quietschte. „Au, au, au! Ja, ist gut. Ich habe auch solche Ohren wie Du, aber lass' meine dran!“
„Mama?“ Diese Frage des Jungen traf Salis zutiefst, er fing an zu weinen.
„Wie alt ist der Kleine?“, fragte Cassandra..
„Unsere Papiere sind hier drin. Assan ist zwei Jahre alt.“ Ataash zeigte ihr eine Tasche, die sie aber nicht hergeben wollte. Ihr Bruder klammerte sich weiter an ihr fest und mit der freien Hand strich sie ihm über den Scheitel.
„Kommt erst mal alle mit an die frische Luft. Ihr braucht etwas zu essen und wir sind nicht weit von einem unserer Lager entfernt.“ Salis behielt den Elfenjungen auf dem Arm und bemerkte, dass er die Windeln voll hatte. „Puh, Du kleiner Stinker.“
William, der Bulle und Dorian trugen die drei entkräfteten Kinder auf ihren Armen wie rohe Eier, Hawke nahm das Kleinkind. Für einen Moment des Erschreckens sorgte Annabelle, die sich verabschiedete und im Innenhof der Festung als Rabe in die Lüfte stieg. Sie wollte in der Himmelsfeste die passenden Zutaten für Tränke besorgen und Vorbereitungen für die Ankunft treffen. Am nächsten Lager würde sie wieder auf die Gruppe stoßen.
Da sich die Reiter immer auf der alten Handelsstraße fortbewegten, konnte sie die Magierin auf dem Rückweg gar nicht verfehlen. Ataash schwang sich gekonnt in den Sattel und ließ sich vom Bullen ihren kleinen Bruder hinauf reichen, so dass dieser vor ihr Platz nehmen konnte. Es war beruhigend, einen von ihrer Art in den Reihen der Inquisition zu wissen.
Hawke, William, Der Bulle und Dorian nahmen jeweils ein Kind mit aufs Pferd, während Salis den vor sich hin stinkenden Assan unter ihre Fittiche nahm. „Wir brauchen unbedingt frische Windeln oder geht der schon alleine auf den Topf?“
William lachte. „Das ist sehr unterschiedlich. Alina ist bereits mit achtzehn Monaten aufs Töpfchen gegangen, während Nathaniel mit zwei Jahren noch nicht bereit dazu war.“
Varric schmunzelte. „Recht hat er, wozu alleine aufs Klo gehen, wenn einem der Arsch abgeputzt wird?“
„Vielleicht, weil es demütigend ist, mit so einem gewaltigen Hintern durch die Gegend laufen zu müssen?“ Dorian wickelte die Decke enger um seinen Schützling, aus Angst, dieser könne ihm vom Pferd rutschen, immerhin hielt sich seine Erfahrung mit Kindern in Grenzen. Der blonde Haarschopf des Jungen war das Einzige, was man von ihm sah.
„er heißt Nicholas“, meinte einer der Grauen Wächter. „Sein Vater ist Magier“, er räusperte sich. „War Magier. Einer der wenigen Vernünftigen, der dachte, er könne das Blutritual noch abwenden. Er starb am Ritualturm durch die Hand eines seiner Brüder.“ Wieder kamen ihm die Tränen und er drückte seine Tochter, die vor ihm im Sattel saß, enger an sich.
Dorian seufzte schwer. „Schon schlimm genug, dass er krank ist, aber er hat auch tiefe Schnittwunden.“ Um sich abzulenken beobachtete er Salis, die versuchte, sich vom Gestank vollgeschissener Windeln nicht beeindrucken zu lassen.
„Der dicke Windelhintern erinnert mich an Vetter Elgar, als er sich in ein Wespennest gesetzt hatte.“ Alleine der Gedanke an einen Elf, der verzweifelt im Eiswasser eines Sees hockte, trieb Salis ein Lächeln ins Gesicht, während Assan immer noch ganz fasziniert von ihren Ohren war und seine Fingerchen nicht davon lassen konnte. Er brabbelte dabei unverständlich vor sich hin und so versuchte die Dalish Elfe, ihm ihren Namen beizubringen.

Sie brauchten doch länger zum nächsten Lager, da sie nicht so schnell voran kamen wie gedacht, aber immerhin war Assan schon bei „Sai“ angekommen und den Rest würde Salis ihm am nächsten Tag beibringen. Oder Josie, das ließ sich mit Sicherheit genauso gut aussprechen.
Endlich bekamen die Kinder eine warme Mahlzeit und nicht das zähe Trockenfleisch aus den Satteltaschen. Varric und der Bulle setzten sich mit improvisierten Angeln ans Ufer des Wachen Meeres, in welchem sich wieder die Lichter Val Royeaux spiegelten. Die Vorräte überließen sie den Kindern und sie selbst gaben sich mit den gefangenen Fischen zufrieden.
Zwei Kinder übergaben sich erneut, aber inzwischen war Annabelle wieder zurück und eifrig dabei, über dem Feuer einen Kräutersud anzumischen. Hawke und Varric setzten sich zu den kleinen Patienten und beruhigten sie. Einige Kinder saßen apathisch da, andere wichen vor ihren Rettern ängstlich zurück. Sie standen unter Schock, also nahm William Dorian zur Seite und flüsterte: „Lass uns versuchen, sie zu beruhigen.“
„Was schwebt Dir vor, Vetter?“
„Wir wirken einen Zauber, der ihre Angst abmildert. Fiona hatte ihn an mir früher auch öfter angewandt, als ich in den Zirkel kam.“ Es dauerte nur Minuten, da wurde es im Lager stiller und die Kinder ließen sich versorgen.

William zeigte Salis, wie man Windeln wechselt, dabei hätte Assan ihn fast angepieselt, aber der Magier zuckte rechtzeitig zur Seite. Die Elfe hielt sich angewidert die Nase zu. „Da kommt doch nix Festes rein, wie kann das, was rauskommt, so stinken?“
„Bitte werft das weit weg.“ Der Magier drückte ihr einfach ein vollgeschissenes Paket in die Hand.
„Macht Ihr Witze?“ Salis hielt das Bündel voll Verachtung in die Höhe. „Auswaschen wollte ich das nun wirklich nicht.“
„Das ginge eh nicht, weil wir hier kein salzfreies Wasser zur Verfügung haben, ich reinige seinen Po mit Trinkwasser und wir nehmen Verbandsmaterial zum Wickeln.“ Cassandra assistierte ihm zurückhaltend. Dorian zerrieb unterdessen das Essen, so gut er konnte, zu einem Brei für die beiden Kleinkinder.
Die drei Wächter hatten den Vorteil, alle Kinder zu kennen und so ließen sich diese leicht überreden,  Annabelles Medizin zu schlucken. Cassandra setzte sich neben das Qunari Mädchen Ataash, die ihrem Bruder wieder den Kopf streichelte, den er auf ihrem linken Oberschenkel gebettet hatte. Die Sucherin legte ihr eine Decke über die Schultern. „Ruht Euch aus. Morgen werden wir ins Gebirge reiten, wenn Ihr alle gestärkt genug seid.“
Die Qunari nickte nur. Seit dem Verlassen der Festung hatte sie sich lediglich hin und wieder leise mit ihrem Bruder unterhalten. Sie sprach mit heiserer Stimme: „Was wird nun aus uns?“ Die Köpfe der anderen Kinder ruckten fragend in die Höhe.
„Wir finden für jeden von Euch ein gutes Zuhause. Versprochen.“ Salis ging vor Ataash in die Hocke und reichte ihr eine Wasserflasche.
„Können wir nicht zusammenbleiben? Wir haben keine Verwandten.“ Ein Junge, vielleicht dreizehn Jahre alt, rollte sich auf seinem Schlafplatz in seine Decke ein.
„Das wird schlecht gehen. Es kommt darauf an ...“, den Rest des Satzes sprach Cassandra nicht aus.  Es kam darauf an, wer ihre Eltern getötet hatte. Die Wächter oder die Inquisition. Wer wollte schon einen Schützling aufnehmen, dessen Eltern er getötet hatte? Sie mussten diese Kinder von den anderen trennen und würden sich in der Himmelsfeste genau informieren, indem sie die Grauen Wächter befragten. Vor den Kindern wollte sie dies nicht tun.
Die Qunari erkannte das Problem, aber sie schwieg und half dabei, die anderen zuzudecken und zum schlafen zu bewegen. Dann zog Ataash Cassandra energisch zur Seite. „Wer starb durch Eure Hand?“
„Vor allem die Magier“, flüsterte die Sucherin, die nichts von Beschönigungen hielt. „Sie waren besessen und wir konnten sie nicht retten. Die Späher kamen meistens durch die Hand ihrer Schwestern und Brüder um. Das Ritual verlangte Unmengen an Blut. Dann starben Soldaten. Jeder, der ihnen irgendwie entbehrlich schien. Es gab auch Wächter, die sich widersetzten.“
„Wie Mama.“ Ataash zitterte, ließ sich aber nicht von Cassandra in den Arm nehmen. Diese blickte William hilfesuchend an.
„Wo ist sie jetzt?“,fragte Ataash gequält.
„Wir haben sowohl unsere Toten, als auch die der Wächter in den Westgraten beerdigen müssen.“ Der Magier bemühte sich um eine möglichst sanfte Stimme, aber er war als Vater einfach zu aufgewühlt.
„Aber Ihr habt sie bestattet, oder?“ Die Qunari sackte auf die Knie und Cassandra fing sie gerade noch ab.
„Ja, wir haben sie würdig begraben. Genauso wie unsere eigenen Soldaten. Die Gräber sind markiert, falls … na ja, falls die Angehörigen dorthin wollen.“
So lange war Ataash stark gewesen, aber nun hatte sie die Grenze der Belastbarkeit überschritten. Sie weinte leise und spürte, wie sich die Arme der Sucherin um sie legten. Trost spendend, Geborgenheit gebend. Cassandra streichelte das Haar der jungen Qunari, darum bemüht dabei den Hörnern aus dem Weg zu gehen.

Varric und Salis versuchten währenddessen, den beiden Kleinkinder den Brei einzuflößen. Das dreijährige Mädchen, welches Hawke betreut hatte, schaffte es mühelos, den Löffel zu benutzen, aber Assan fand es spaßiger, der Dalish Elfe den Brei um die Ohren zu spucken. Seine kleine Hand platschte in den Brei und er jauchzte vor Freude.
„Schön, dass wenigstens Du Deinen Spaß hast“, knurrte Varric, der einen Teil des Essens von seiner Schulter wischte und den anderen aus Salis Haaren zupfte.
„Am besten, Du isst selber.“ Sie drückte Assan den Löffel in die Hand und zu ihrem Erstaunen fing er an, sich den Brei in den Mund zu schaufeln. „Etwas unkontrolliert, aber es geht.“ Sie grinste und die nächste Ladung Brei landete umgehend auf ihrer Stirn.
„Gut gezielt“, Varric lachte, aber nur so lange, bis sein Schützling sagte: „Ich muss mal.“

In der Nacht drängten sich die Kinder aneinander, die Nähe schien sie zu beruhigen. Dorian legte sich von der einen Seite außen hin und der Bulle von der anderen, so waren ihre Schützlinge dem Wind vom Meer nicht so sehr ausgesetzt. Es war zwar eine warme Sommernacht, aber trotzdem fröstelten die entkräfteten Kinder.
Ataash und ihr Bruder Naraan hatten es sich etwas weiter weg bequem gemacht und Salis fragte sich, ob es am Charakter der Qunari lag oder an Vorurteilen ihrer Rasse gegenüber. Sie selbst erlebte es als Elfe immer wieder, dass man sie einfach für eine Magd hielt und die Menschen sie abfällig behandelten. Cassandra blickte ihre Freundin wissend an, sie schien sich ähnliche Gedanken zu machen, denn sie flüsterte William etwas ins Ohr. Danach standen die beiden auf und gingen zu den Qunari, um sich links und rechts von ihnen niederzulassen.
„Wir haben genug Decken.“ Die Sucherin reichte Ataash eine von zwei, die sie sich unter den Arm geklemmt hatte, in die andere hüllte sie sich ein.
Naraan schaute William derweil misstrauisch an. Natürlich hatte er längst die Magierstäbe bemerkt, welche Dorian und er trugen. Der Junge hatte wie seine ältere Schwester dunkelbraune Haare und grüne Augen. Die dunkle Hautfarbe verlief bei ihm allerdings mehr ins Bläuliche. Seine Haare fielen ihm fast bis auf die Schultern, Ataash machte sich daran, ihm einen Zopf zu flechten. Sie selbst bevorzugte eine Kurzhaarfrisur, im Genick ähnlich streng ausrasiert wie Leliana, während ihr der Pony stets ins Gesicht zu fallen drohte.

Salis übernahm die erste Wache zusammen mit Hawke und Varric. Die beiden Frauen saßen nebeneinander und die Elfe flüsterte: „Ich hatte noch keine Gelegenheit, Euch und Merrill zu meiner Hochzeit einzuladen. Ihr seid herzlich willkommen.“
Marian Hawke grinste verschmitzt. „Merrill hat mir oft von Euch erzählt.“ Sie ließ die Worte wirken und in der Tat erstarrte Salis erstaunt. „Ich weiß, dass Ihr einmal ein Paar gewesen seid und dass Ihr Euch regelmäßig schreibt.“ Sie klopfte der Elfe freundschaftlich auf die Schulter.
„Oh ... gut … ich hatte Bedenken, es Euch zu erzählen“, stotterte diese.
„Warum? Jeder hat ein Vorleben und das Recht darauf.“
Hawkes sanftes Lächeln beruhigte Salis ein wenig, dann blickte sie auf die beiden Kleinkinder, die gut eingewickelt zu ihren Füßen schliefen. „Was machen wir bloß mit den beiden?“
Der Champion von Kirkwall kicherte leise. „Als wenn wir zwei das nicht schon längst wüssten, oder?“
Varric bemühte sich, ein Prusten zu unterdrücken. „Salis als Mama? Oh, Andraste! Und Du auch noch, Hawke?“
Die Elfe warf empört einen Kieselstein gegen seine Wade und schmunzelte. „Josephine wird mich umbringen.“
„Wird sicher interessant, wenn sie Dich durch die ganze Festung jagt.“ Der Zwerg duckte sich geschickt vor einem heranfliegenden Dreckklumpen. „Ich sage nur: Antiva!“
Assan wachte unvermittelt auf und schrie nach seiner Mama. Er strampelte und ließ sich von Salis nicht anfassen, daher versuchte sie beruhigend auf ihn einzureden. Auch das Mädchen erwachte und weinte. „Wie bringt man so einem Wurm nur bei, dass ...“, Hawke biss sich auf die Lippen. Es würde seine Zeit brauchen bis die Wunden auf den Seelen der Kinder vernarbten.

Josephine schlief äußerst beengt, denn die Kinder der Magier lagen kreuz und quer, unter etlichen Decken, auf ihrem großen Bett herum und hatten die Botschafterin dabei vollends in Beschlag genommen. Im Laufe einer weiteren Märchennacht war Alinas Enttäuschung darüber abgeklungen, dass sich ihre Mutter so schnell wieder auf den Weg machen musste. Annabelle hatte ihr die Lage der Wächterkinder erklärt und nachher würden sie Betten für die Neuankömmlinge herrichten.
„Aufwachen, Josie!“ Leliana streckte den Kopf ins Zelt und grinste vergnügt, denn ihre beste Freundin versuchte wach zu werden, umzingelt von Alina und Nathaniel, die jeweils halb auf ihr lagen. Zur Verstärkung hatte die Meisterspionin Yvette mitgenommen, die ebenfalls kopfschüttelnd dabei zusah, wie sich ihre große Schwester brummend aufrichtete und die Kinder wachrüttelte. Kieran bekam einen Klaps auf den Rücken und Williams Sohn wurde kurzerhand aus dem Land der Träume gekitzelt.
Die Frauen der Magier kümmerten sich um den weiteren reibungslosen Ablauf des Morgens, während Josephine gähnend vor das Zelt trat, ihre Schwester anblinzelte und sich dann mit den beiden Frauen zur Küche aufmachte. „Ein gutes Frühstück muss schon sein.“
Leliana hingegen ließ sich einen großen Teller mit belegten Broten bepacken. „Nari futtert zwar nicht mehr so viel, aber ich werde gleich mit ihr frühstücken.“ Sie feixte gut gelaunt: „Sie passt nicht mehr in ihre Uniform.“
„Na, zum Glück hat sie ordentlich was auf die Rippen bekommen.“ Die Botschafterin lächelte erleichtert und versuchte, die leckeren Apfeltörtchen, welche der Koch zu verführerisch auf dem kleinen Buffet ausgebreitet hatte, zu ignorieren.  

Die Meisterspionin verabschiedete sich und wählte den kurzen Weg durch den großen Schlafsaal hinauf in die Haupthalle. In Kürze würden hier noch mehr Menschen unterzubringen sein, Meister Gatsi und seine flinken zwergischen Maurer schufteten fast rund um die Uhr, damit die riesigen Wehrtürme endlich bezogen werden konnten. Die Gäste waren alle in der Taverne untergebracht und in deren Erdgeschoss stand der Schankraum kurz vor der Fertigstellung. Die zweite Küche für die Entlastung der viel zu kleinen Hauptküche war schon einsatzbereit. Es ging voran. In spätestens drei Tagen musste niemand mehr im Zelt schlafen.
Leliana öffnete die Tür zu ihrer Unterkunft und hatte eigentlich erwartet, dass Niin noch schlief. Das Bett war leer und die Meisterspionin starrte einen Moment lang irritiert darauf, bis sie hinter sich ein leises Geräusch hörte. Der wohlvertraute Geruch von Niins Lieblingsseife stieg ihr in die Nase und so ließ sie sich, ohne sich umzudrehen, den Teller aus der Hand nehmen, der auf den Nachttisch gestellt wurde. „Guten Morgen, Schatz.“
„Guten Morgen, Leli.“ Die Elfe umarmte sie von hinten, Küsse bedeckten ihren Nacken.
Leliana drehte sich in Niins Armen um und machte ein besorgtes Gesicht. „Du weißt doch noch, was Annabelle gesagt hat?“ Sie löste sich seufzend und trat einen Schritt zurück bis ihre Beine gegen das Bett stießen.
Niin lächelte geheimnisvoll und trat ebenfalls einen Schritt vor. Dann legte sie ihre Hände auf Lelianas Schultern und drückte sie sanft gegen das Bett. Die Meisterspionin ließ sich einfach nach hinten fallen und schaute gebannt zu, wie die Elfe sich über sie schwang und wie ein kleines Raubtier zu ihr hoch gekrochen kam. „Das heißt dann wohl, dass die Patientin geheilt ist?“ Es gefiel ihr ausnehmend gut, dass Niin die Initiative ergriff. Offensichtlich erstreckte sich ihr Heißhunger heute morgen nicht nur auf das Frühstück.

Am Mittag eilte Josephine gerade die Treppen zum unteren Hof hinab, ihre Schwester im Schlepptau. „Die Kinder müssten bald eintreffen.“ Die Botschafterin winkte einige Bedienstete herbei mit der Order, ihr sofort von der Ankunft zu berichten. Eine Kutsche erregte ihre Aufmerksamkeit. „Ich wüsste nicht, dass wir Besuch erwarten“, raunte sie Yvette zu und stellte sich abwartend an die Seite.
Das Gefährt hielt im Innenhof. Eine durchschnittliche orlaisianische Überlandkutsche, wie man sie überall anmieten konnte. Als die beiden Reisenden jedoch ausstiegen, verschlug es Josephine die Sprache und ihr Mund stand fassungslos offen. Yvette begrüßte die Ankömmlinge freudig. „Mama, Papa … ich bin so froh, dass Ihr doch noch gekommen seid.“
Madame Montilyet lächelte ihre jüngste Tochter glücklich an. „Ich konnte Deinen Vater umstimmen.“ Sie schaute die Botschafterin vorsichtig an und machte einige Schritte auf sie zu. Genau wie Josephine, so hatte auch sie ihre schwarzen Haare zu einer strengen, aber kunstvollen Hochsteckfrisur drapiert. Haare, welche noch kein Anzeichen von Grau aufwiesen. Nun zeigte sich auch, woher die Montilyets ihre Adlernasen hatten, denn ihr Ehemann wies dieses markante Profil nicht auf. „Geht es Dir gut, mein Schatz?“
Die Worte ihrer Mutter rissen Josephine aus der Starre. „Euer Brief hat mich sehr verletzt.“ Mit traurigen Augen sah sie ihre Eltern an.
Madame Montilyet seufzte bedauernd. „Dein Vater hatte ihn geschrieben, ohne mich davon zu unterrichten.“ Ihn traf ein vorwurfsvoller Blick.
Yvette versuchte das unangenehme Schweigen zu durchbrechen. „Wir suchen Euch am besten erst einmal eine Unterkunft.“ Sie stutzte kurz. „Ihr bleibt doch zur Hochzeit, oder?“
Yves Montilyet, das Familienoberhaupt, sah seine Älteste entschuldigend an. „Ich habe überreagiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Du ...“
„… dass ich mich in eine Frau verliebe?“ Josephine versuchte ihre Stimme möglichst neutral klingen zu lassen, aber in ihr tobte es. Eine Mischung aus Schmerz und Wut, sie ballte die linke Hand zur Faust.
Ihre Mutter erkannte, dass sie gleich explodieren würde und hakte sich bei den beiden unter. „Lasst uns in aller Ruhe darüber reden. Können wir das hier irgendwo ungestört?“
In diesem Moment kam ein Späher die Brücke entlang gelaufen und rief schon von weitem: „Der Inquisitor!“
Die Botschafterin löste sich aus dem Griff. „Das muss warten.“
Leliana kam angerannt und die Kinder der Magier purzelten regelrecht aus ihrem Zelt, begierig, ihre Eltern wiedersehen zu können. Über ihnen schwebte ein Rabe, dem Kieran eifrig zuwinkte. Das große Tier landete auf einem Wehrgang und fünf Minuten später fiel der Junge Morrigan in die Arme. Sie war auf dem Rückweg auf Salis Gruppe gestoßen und hatte geholfen, die kranken Kinder mit Heilzaubern auf die letzte Etappe der Reise vorzubereiten. Mit ihrer Wunde am Gesäß zog sie das Fliegen dem Reiten vor.

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