Morrigan befand sich auf dem Weg zu ihrem Quartier, da der Vormittag recht anstrengend verlaufen war und sie noch immer unter gelegentlichen Kopfschmerzen litt. Unten im Garten saßen ihr Sohn, Nathaniel und Alina im kleinen Pavillon. Die Magierin lehnte sich an die Balustrade und schaute den Kindern eine Weile zu. Endlich konnte Kieran mit Gleichaltrigen zusammen sein und der sonst so scheue Junge schien regelrecht aufzublühen. Was dann geschah, verstärkte ihre Kopfschmerzen allerdings erheblich.
„Warum küssen sich Erwachsene dauernd?“ Nathaniel konnte nicht verstehen, warum sein Vater so versessen darauf war, sich den ein oder anderen Kuss von Cassandra zu stehlen, wann immer er konnte.
„Die finden das halt schön“, Alina ging diese geheimnisvolle Sache eher experimentell an. „Wenn Du es nicht mal probiert hast, kannst Du auch nicht wissen, wie das ist“, forderte sie Nathaniel heraus.
„Wie macht man das überhaupt?“ Kieran hatte noch nie über dieses Thema nachgedacht. Das war Mädchenkram.
„So.“ Alina schürzte die Lippen und schloss die Augen.
„Und wie treffen die sich, wenn sie nichts sehen? Papa hat dabei auch nicht immer die Augen zu, wenn er Cassandra küsst. Mogelt er dann?“ Für Nathaniel stand fest, dass Küssen äußerst dämlich und unpraktisch war.
„Quatsch! Man muss das halt üben“, meinte Alina fachkundig, Williams Sohn blickte sie misstrauisch an.
„Mit was?“
„Mit meiner Hand.“ Zur Bestätigung ihrer Worte drückte sie ihre Lippen gegen ihren Handrücken und verursachte ein schmatzendes Geräusch.
„Ekelhaft!“, entfuhr es Kieran.
„Das klingt bei meinem Vater aber ganz anders.“
„Wie denn?“
„Der schnauft eher, wenn er länger an Cassandras Mund hängt.“ Seine beiden Freunde sahen Nathaniel erstaunt an.
„Schnaufen?“
„Ja, und dann umarmen die sich ganz eng.“
Alina zupfte aufgeregt an seinem Ärmel. „Komm, wir probieren das mal.“ Wieder spitzte sie die Lippen und Nathaniel drückte die seinen zögernd dagegen.
 Einige Sekunden verharrten sie so, dann zuckte der Junge zurück. „He, Du hast nicht gesagt, dass Du den Mund aufmachst!“ Er fuhr sich mehrmals angewidert mit dem Handrücken über die Lippen.
„Aber das macht man so.“ Alina verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.
„Wer sagt das?“ fragte Kieran fassungslos.
„Das steht so in Büchern.“
„In Deinen Romanen vielleicht?“ Nathaniel wusste, dass Alina sich heimlich die Literatur ihrer Mutter einverleibte.
„Also, Küssen ist nichts für mich. Das mache ich mit Sicherheit nie.“ Morrigans Sohn schüttelte den Kopf, um sein Vorhaben zu bekräftigen.
„Feigling.“ Nathaniel grinste frech und ehe er sich versah, landete Kierans Mund auf seinen Lippen. Niemand nannte ihn einen Feigling! Nach einer Minute lösten sie sich voneinander und schauten sich einige Sekunden lang an. „Der war besser“, kommentierte Nathaniel fachkundig.
„Wieso?“, murmelte Alina pikiert.
„Weil Kieran den Mund zulässt.“
„Jungs sind doof.“ Die kleine Magierin sprang auf. „Dann küss' halt ihn!“ Sie lief zu ihren anderen Freunden, die sich bei den Zelten aufhielten.
Nathaniel zuckte mit den Schultern. „Verstehst Du die Mädchen? Ich nicht.“ Er kratzte sich nachdenklich am Kopf.
Kieran grinste. „Die versteht niemand.“ Er drückte sich an die Schulter des anderen. „Nochmal?“
Eigentlich wollte Nathaniel nein sagen, aber die Gelegenheit erschien ihm zu verlockend. Aus unerfindlichem Grund küsste er Kieran erneut und wunderte sich darüber, dass diese zuerst so verachtete Tätigkeit anfing, ihm Spaß zu machen.

Morrigan hatte von ihrem Beobachtungsposten aus alles mitangesehen, trat zwei Schritte zurück und rieb sich die Schläfen. Die Tür zu Lelianas Quartier stand offen und eigentlich wollte sie vorbei schleichen, aber die Meisterspionin fing sie ab. „Du siehst etwas blass um die Nase aus.“
„Ich glaube, ich lege mich eine Weile hin. Mein Schädel explodiert gleich.“
„Bist Du überhaupt in der Lage, morgen aufzubrechen?“
Der Magierin entfuhr ein Seufzer. „Sicherlich.“ Sie deutete auf den Hof unter ihr. „Kieran übt fleißig das Küssen.“
Leliana grinste. „Mit der kleinen Alina? Das ist doch süß!“
„Nein, mit Nathaniel“, raunte ihr Morrigan zu.
„Oh, das ist …“ Die Meisterspionin wurde unterbrochen.
„Voll putzig!“, rief es von drinnen. Niin hatte Ohren wie ein fuchsähnlicher Fennek.
Nun musste die Magierin lachen. „Hoffentlich hat er in Sachen Männer mehr Glück als ich.“
Leliana winkte beschwichtigend ab. „Ach, das ist in diesem Alter doch noch nichts Ernstes.“
Morrigan verzog das Gesicht. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. „Da! Sie tun es schon wieder! Erzähl' mir nicht, dass die beiden das aus Neugier machen.“
„Nö, beim ersten Mal vielleicht. Der Rest ist Absicht.“ Niin lachte und fluchte sogleich, weil ihr jede Bewegung der Bauchdecke weh tat.
„Beim Erbauer kennst Du Flüche, Schatz!“ Leliana drehte sich um und schaute der Stadtelfe dabei zu, wie diese wütend ein Kissen traktierte. „Sei nicht so ungeduldig, Nari.“
Morrigan setzte einen Fuß in den Raum und blickte ihre ehemalige Kampfgefährtin fragend an. „Vielleicht kann ich ja ein wenig Linderung verschaffen? Ich möchte Annabelles Künste nicht schmälern, aber unter Umständen weiß ich ein paar Zauber, die sie nicht kennt.“
Zu ihrer Überraschung ließ Leliana sie passieren und Morrigan setzte sich auf die Bettkante. Niin sah immer noch recht bleich aus, aber die Augen waren nicht mehr gerötet und die Adern ganz verschwunden. Die Elfe zog das Hemd hoch und die schwarzhaarige Zauberin begutachtete den tiefen Schnitt oberhalb der linken Hüfte. Sachte ließ sie ihre Magie in die Wunde fließen und Niin entspannte sich, denn der Schmerz ließ umgehend nach.
„Werdet aber nicht noch übermütiger, denn fast alle Heiler kommen mit uns in die Westgraten.“ Morrigan erhob sich lächelnd und Niin bedankte sich überglücklich.
Wieder draußen vor der Türe hielt Leliana die Magierin zurück. „Danke.“ Sie druckste herum. „Was wirst Du Kieran sagen wegen Nathaniel?“
Der Ausdruck in Morrigans Augen bestätigte ihre Worte: „Dass ich ihn immer lieben werde.“
Leliana kannte die Magierin als kalte Person und nun kam sie nicht umhin, kurz deren Arm zu berühren als liebevoll gemeinte Geste. „Du hast Dich wirklich sehr verändert.“
Wieder lächelte Morrigan versonnen. „ER hat mich verändert. Er hat alles geändert.“ Dann drehte sie sich um und ging in ihre Unterkunft.
Die Meisterspionin schüttelte fassungslos den Kopf. Es waren seltsame Zeiten. Sie musste noch eine Menge Schreibkram erledigen, aber zuerst wollte sie wissen, dass es Niin gut ging. Sie legte sich neben die Elfe und strich ihr die grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Brauchst Du noch etwas, mein gieriges Wölfchen?“ Sie grinste verschmitzt.
„Alle lachen schon über meinen Heißhunger“, maulte Niin, aber dann lächelte sie ihre Liebste zärtlich an und ihre Hand tastete sich über Lelianas Hüfte.
„Damit sollten wir noch eine Weile warten, Schatz“, bemerkte die Meisterspionin bedauernd und küsste sie sanft auf den Mund.
„Wie lange bloß?“
„Vielleicht eine oder zwei Wochen.“
„WAS?“ Niin riss die Augen entsetzt auf und Leliana drehte sich laut lachend auf den Rücken.
„Glaub' nur nicht, dass nur Dir das schwerfällt.“ Mit einem Ruck war die Spionin über ihr und biss ihr erregt ins Ohrläppchen. „Ich könnte Dir die Kleidung vom Leib reißen.“
„Da wären wir schon zu zweit.“ Niin versuchte, Leliana an sich zu ziehen, diese stemmte sich erst dagegen, aber ihre Gefühle überwältigten sie und sie küssten sich wilder, als geplant.
„Genug“, japste Leliana. „Bevor ich über Dich herfalle.“ Sie stand auf und strich sich durch das eben zerwühlte rote Haar. „Bis später Nari. Ich sage Krem, dass er zu Dir geht. Am besten, er bringt noch etwas Essen mit.“ Sie hauchte Niin einen Luftkuss zu und die Elfe lächelte glücklich.

Alina saß am Lagerfeuer und sah immer noch erbost aus. Ihre Mutter setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm. „Was ist los, mein Häschen?“
„Jungs sind blöd.“ Ihre Tochter zog ein beleidigtes Gesicht. William und Cassandra schauten auf. Die beiden packten gerade die Sachen des Magiers zusammen. „Hat Nathe etwas Dummes gemacht?“
„Er mag Kieran lieber küssen als mich“, brummelte Alina vor sich hin.
Das Gesicht des Magiers spiegelte alle Empfindungen wieder von erstaunt bis entrüstet. „Er küsst Kieran?“
„Ja, und er sagt, dass ihm das besser gefällt. Und Kieran auch.“
Annabelle schaute ihren Freund prüfend an, aber William blieb ruhig. „Na ja, man kann nicht jeden Menschen gleich gut küssen. Mal gefällt es einem, mal nicht.“
Cassandra streichelte den Arm des Magiers, um ihn zu beruhigen, aber das schien gar nicht nötig zu sein. „Das hat sicher nichts zu bedeuten. Und wenn … nun, dann ist es halt so.“
„Ich schreibe meinem Sohn sicher nicht vor, was er zu tun hat.“
„So wie Dorians Vater es tat?“ Die Sucherin dachte an die Traurigkeit, mit welcher der Tevinteraner   von seiner Familie erzählte.
„So etwas würde ich niemals tun“, entfuhr es dem Magier.
„Ich weiß“, flüsterte sie in sein Ohr und küsste seine Wange.
In diesem Moment kam Fiona auf sie zu. „Kann ich mit Euch reden?“ Beide nickten und sie fuhr fort. „Es ist an der Zeit, dass Ihr ein wenig Abgeschiedenheit haben solltet. Einen Platz, an dem Ihr mal ganz für Euch sein könnt. Ich habe vorhin mit Morrigan gesprochen und wir tauschen einfach die Zimmer. Sie meinte, es sei für die Entwicklung ihres Sohnes besser, wenn er sein eigenes Bett hätte.“
„In dem Alter mit der Mutter in einem Bett zu nächtigen ist wirklich nicht gesund.“ Dann sickerte der Sinn des Zimmertausches langsam in Cassandras Bewusstsein und sie blickte Fiona irritiert an.
„Natürlich schlafen wir beiden dann nicht in einem Bett, werte Sucherin“, entgegnete die Magierin grinsend. „Ich werde mit Williams Schlafplatz hier im Zelt Vorlieb nehmen.“
„Wirklich?“, fragten beide gleichzeitig und konnten ihre Freude nicht verbergen. Cassandras Wangen wurden vor Aufregung von einer leichten Röte überzogen und Williams Augen funkelten verdächtig. Als sie wieder alleine waren, raunte die Sucherin ihm zu: „Ich weiß wirklich nicht, wie ich  mich jetzt noch auf die Besprechung mit Cullen konzentrieren kann.“ Sie kicherte leicht überdreht.
„Bis heute Abend, Lady Pentaghast.“ Williams dunkle Stimme vibrierte noch lange in ihrem Bauch.

„Wer klaut mir eigentlich immer die Kerzen?“ Josephine wühlte sich durch die Truhe, die sich in ihrem Arbeitszimmer befand und in der sie Schreibmaterial aller Art aufbewahrte. Eben auch jene  Kerzen, die sie immer auf ihrem Klemmbrett befestigte, um sich überall und zu jeder Zeit Notizen machen zu können.
Salis schob ihren Kopf von der anderen Seite über die Truhe und zuckte kapitulierend mit den Schultern. „Ich weiß, dass Leliana sich vor einiger Zeit hier bedient hatte für einen romantischen Abend mit Niin.“
Die beiden Frauen blickten sich vielsagend an. „Cassandra oder William?“ Josephine grinste.
„Ich tippe auf Cassie. Sie ist eine verkannte Romantikerin.“
„Verkappt oder verkannt?“ Statt einer Antwort fuhr der Botschafterin eine Hand durch das Haar und löste geschickt die streng hochgesteckte Frisur.
„Warum trägst Du Dein Haar nicht offen, ma vhenan?“ Salis hielt triumphierend zwei Haarspangen in die Höhe.
„Alles an einer Botschafterin der Inquisition sollte die Fassung bewahren. Auch ihre Haare.“  Josephines Stimme hatte wieder jenen dunklen Ton angenommen, den die Elfe so liebte und der ihre Gefühle auflodern ließ. Natürlich war sich die Botschafterin dessen bewusst und ihre Augen funkelten unternehmungslustig. Langsam kam sie näher, ihre Finger strichen dabei über den Deckel der Truhe, während ihre Augen auf Salis ruhten. „Der Tag war lang, ma'arlath. Wir sollten uns ein wenig entspannen.“ Ihre weißen Zähne blitzten im Halbdunkel des Zimmer auf und Salis zog sie ungeduldig an sich.
„Die Nacht gehört uns. Lass uns nicht an morgen denken.“

William verabschiedete sich von seinem Sohn, der es gar nicht toll fand, nun neben Fiona schlafen zu müssen. Der Magier hatte versucht, ihm klar zu machen, was er für Cassandra empfand und dass sich nun im Leben der beiden Männer etwas ändern würde. Er wollte schon das Zelt verlassen, da hielten ihn Nathaniels Worte zurück. „Papa? Magst Du mich noch?“
Er fuhr herum und blickte in traurige hellblaue Augen, in welchen sich Tränen zu sammeln begannen.
William kniete sich vor seinen Sohn, der zusammengesunken auf seinem Feldbett saß und nahm das kleine Gesicht sanft in seine kräftigen Hände. „Nathe, was geht bloß in Deinem Kopf vor? Ich liebe Dich und daran wird sich nie etwas ändern.“ Er wartete, aber Nathaniels Mine hellte sich nicht auf. „Was bedrückt Dich?“
„Dorians Papa hasst ihn, weil er Männer küsst.“ Der Junge schniefte und William hielt ihm reflexartig ein Taschentuch hin, bevor er auf die Idee kam, seinen Hemdsärmel zu benutzen.
„Du kannst küssen, wen auch immer Du magst.“ Er streichelte behutsam einige störrische blonde Haarsträhnen aus der Stirn seines Sohnes.
„Jeden?“,fragte Nathaniel und sein Gesicht hellte sich auf.
„Ja, jeden. Auch Kieran.“ William musste grinsen, er konnte nicht anders. „Ich bin glücklich, wenn Du glücklich bist.“ Er nahm Nathaniels Hände in die seinen. „Soll ich heute Nacht bei Dir bleiben?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Cassandra wartet sicher schon auf Dich. Wann kommst Du wieder?“
„Ich bin zum Frühstück wieder da.“ Unter Williams weißem Bart schob sich Röte langsam in die Höhe.
„Mach, dass Du verschwindest, mein Lieber!“ Fiona jagte ihn lachend aus dem Zelt und der Magier sprang eilig die Treppen hinauf, indem er zwei Stufen auf einmal nahm.
Die Sturmbullen machten sich über seine Hast lustig, aber das bekam er nur am Rande mit. Sein Weg führte ihn an Solas vorbei, der noch nicht einmal von seinen Büchern aufsah. William lief über die Empore, welche die Haupthalle überbrückte und stand dann endlich im Freien oberhalb des Gartens, Cassandras Quartier in Blickweite.
Er atmete tief durch und versuchte, seine Bedenken bezüglich seiner nicht vorhandenen Liebeskünste zu verdrängen. Die Sucherin war eine Frau mit Erfahrung und er kam sich wie ein kleiner Junge vor oder wie ein Jüngling vor dem ersten Mal. Im Grunde war es das auch. Das erste Mal. Mit weichen Knien erreichte er die Tür und zögerte kurz.
Seine Hand fand von alleine den Weg und er hörte sich selbst auf das Holz der Tür klopfen, während ihm das Herz zum Hals hoch schlug. Von der anderen Seite wurde geöffnet und William schaute in ein Zimmer, das von dutzenden Kerzen erleuchtet wurde. Ein krächzender Laut drang aus seiner Kehle und er räusperte sich laut vernehmlich. „Das ist wunderschön, Cas.“
Nervös trat er ein und blickte sich staunend um. Überall hatte Cassandra Kerzen verteilt und das große Bett war mit einer bestickten Decke überzogen. Er zuckte zusammen. „Oh, ich habe die Blumen vergessen!“ Fast wäre er an die Tür gerannt, aber die Sucherin hielt ihn davon ab.
„William! Was geht in Dir vor?“ Sie setzte sich auf die Bettkante und zog ihn hinunter neben sich.
Er konnte nichts vor ihr verheimlichen und erzählte ihr von seinem Gespräch mit Nathaniel. „Ich möchte Dir nicht den Abend verderben.“
Sie nahm seine Hand in die ihre. „Das tust Du nicht. Wenn Dir etwas auf dem Herzen liegt, dann sag es mir bitte.“ Sie spürte, dass ihn dieser Abend zu überfordern drohte. „Wenn Du bei Nathaniel sein willst, dann kann ich das verstehen. Wir können warten.“ Auch wenn es ihr schwer fiel, so meinte sie ihre Worte doch ernst.
William sah es in ihren Augen. In der Art, wie sie ihn anblickte und ein Teil der Anspannung fiel von ihm ab. „Ich habe diesen Moment genauso lange herbei gesehnt wie Du. Und jetzt … pocht mein Herz und springt mir fast aus der Brust. Ich habe Angst, ich könnte etwas falsch machen.“
Cassandra küsste seine Wange und ihre geschwungenen Lippen formten sich zu einem unwiderstehlichen Lächeln. Er verlor sich in ihren braunen Augen, beugte sich zu ihr herüber und küsste sie. Endlich einmal mussten sie keine Rücksicht nehmen. Es war niemand in der Nähe und sie ließen sich nach hinten auf das Bett fallen.
„Das wirst Du nicht, Will.“ Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich heran. Das Kitzeln seines Bartes an ihrem Hals brachte sie fast um den Verstand. Seine linke Hand tastete sich suchend die Knopfleiste ihres Hemdes entlang. „Ich wusste gar nicht, dass Magier solch geschickte Hände haben.“ Cassandra schmunzelte belustigt und stöhnte dann leise auf, als seine Hand das Hemd beiseite schob und dabei über ihre Brüste glitt.
„Wir haben viele Talente.“ Er grinste und seine makellosen Zähne machten der Farbe seines Bartes Konkurrenz.
„Das merke ich.“ Die Sucherin zog ihm schwungvoll das Hemd über den Kopf und ihre Hände  strichen über seine Bauchmuskeln. Er sog laut vernehmlich die Luft durch die Nase ein und auf seinem Rücken bildete sich eine Gänsehaut.
William schwang sein linkes Bein über Cassandras Hüfte und presste sich gegen ihren nackten Oberkörper, um ihre Haut auf der seinen zu spüren. Ihre rechte Hand fuhr die Innenseite seines Oberschenkels entlang nach oben und er seufzte stöhnend auf, als sie seinen Schritt erreicht hatte. „Für einen Rückzieher wäre es jetzt auch zu spät“, murmelte sie zufrieden in seinen Kuss hinein.

Vor dem Zelt der Sturmbullen saßen die üblichen Verdächtigen und hielten eine kleine Feier ab. Dorian hatte sich schon einige Gläser Wein einverleibt und seine Wangen leuchteten rötlich. Varric erzählte von seinen Erlebnissen in Kirkwall, von Frauengeschichten, Abenteuern und Helden. Alle hingen an seinen Lippen, denn er verstand es als Buchautor vortrefflich, seine Schilderungen auszuschmücken.
Krem hatte sich wieder auf eine Decke gesetzt und hielt Lace in den Armen, die vor ihm Platz genommen hatte. Er schmiegte seine Wange an ihr Ohr, bedachte sie gelegentlich mit einem Kuss und ließ sich vom Duft ihrer Haare betören.
Nur dem Bullen war nicht nach feiern zumute. Er freute sich über das Glück seines Hauptmannes, aber ihm wurde klar, dass sich ihre Wege wohl trennen würden, wenn sie Corypheus besiegten. Was hielt die Sturmbullen dann noch hier? Sie waren Söldner und Krem blieb sicherlich bei Harding. Der große Qunari seufzte laut.
Dorian legte eine Hand auf den Arm des Bullen. „Was ist los, Großer?“ Eigentlich vermied er es, mit ihm zu reden, aber er hatte sich nun genug Mut angetrunken.
„Hm, vor einer Schlacht wird man schon mal nachdenklich“, brummte der Qunari, während die Traurigkeit in seinem Herzen zunahm. Wenn er ging, würde er viel verlieren. Nicht nur Krem. Er drehte sich zu Dorian um. „Ich muss mit Dir reden.“ Er stand auf und zog den verdutzten Magier in die Höhe, ließ seine Hand nicht los und marschierte zielstrebig die Treppe zu den Wehrgängen hinauf.
„Na endlich!“, rief Sera aus. „Die beiden umschleichen sich seit Tagen.“ Sie hielt Varric ihren leeren Becher hin. „Noch ne Runde, bitte.“
Der Zwerg grinste. „Ah, wir haben also doch noch das Zauberwort gelernt?“
„Hä?“
„Bitte.“
„Wäre Dir ein: schmeiß rüber lieber gewesen?“ Sie kicherte mädchenhaft.
„Ein Glas noch, dann ist es gut für heute, Butterblümchen.“ Er bleckte die Zähne zu einem Lächeln und verteilte den Inhalt der letzten Flasche auf die eilig hingehaltenen Becher.

Fiona saß am unteren Lagerfeuer vor den Zelten der Kampfmagier, während Annabelle die Kinder in ihre Betten scheuchte. Alina protestierte lautstark und verlangte, eine Stunde länger aufbleiben zu dürfen. Nathaniel wollte noch lesen, aber die Magierin pustete seine Kerze mit einem herbeigezauberten Lufthauch aus.
Ein großer Schatten schob sich langsam aus der Dunkelheit und Fiona zuckte erschrocken zusammen. „Verzeiht, ich wollte Euch keine Angst einjagen.“ Blackwall kam langsam näher ans Feuer. „Darf ich?“ Er deutete auf einen Baumstamm und da die Magierin nickte, setzte er sich.
„Was verschafft uns die Ehre?“ Sie legte den Kopf ein wenig schief, lächelte und beobachtete den bärtigen Mann.
„Ich habe gehört, Ihr wart einst eine Graue Wächterin gewesen?“ Er öffnete seine wattierte Jacke, weil das Feuer eine ziemliche Hitze abstrahlte.
„Ja, vor langer Zeit einmal. Was wollt Ihr wissen?“ Fiona legte sich eine Decke um die Schultern. Sicher würde dieses Gespräch länger dauern und dann erzählte sie Blackwall von den Wächtern und den Tiefen Wegen, während er gebannt lauschte.
„Die Grauen Wächter wurden auf mich aufmerksam durch meine mächtige Angriffsmagie und ich glaube, im Zirkel war man ganz froh, dass ich rekrutiert wurde.“ Sie lächelte mit leichtem Spott über ihre ängstlichen Magierkollegen.
„In die Tiefen Wege führte uns der Befehl unserer damaligen Kommandantin, wir sollten ihren Bruder vor der Dunklen Brut retten. Mit mir kamen König Maric und Duncan, der später in Ostagar fiel. Ich verliebte mich in Maric.“
Blackwall fragte sie dann, ohne auf ihren letzten Satz weiter einzugehen: „Aber Ihr sagtet, dass Ihr die Fähigkeiten einer Grauen Wächterin verloren habt? Wie kann das sein?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich wurde schwanger und mit der Geburt meines Kindes hörte ich auf, die Dunkle Brut zu spüren. Den Ruf höre ich auch nicht.“
Die Frage nach dem Kind lag Blackwall auf der Zunge, aber er sah den Schmerz in ihren Augen und so beließ er es heute damit.

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