Salis und Josephine machten sich ebenfalls auf den Weg in ihr Quartier. In der Haupthalle war Ruhe eingekehrt und nun konnte man sehen, wie weit die Handwerker mit den Renovierungsarbeiten schon gekommen waren. Das Mauerwerk wirkte wie neu und nun verputzte man eine Seite, um darauf ein altes Mosaik zu befestigen. Meister Gatsi hatte es achtlos verscharrt im Schutt gefunden.
Sie liefen durch den Turm die Treppen hinauf bis zur Tür ihrer Unterkunft. Salis öffnete und ehe sie sich versah, hatte Josephine sie lachend über die Türschwelle getragen. Die beiden fielen sich stürmisch in die Arme und eilten Hand in Hand die letzten Stufen hoch, um vor dem Kamin auf eine Decke zu sinken. Dankenswerterweise hatte ein Bediensteter das Kaminfeuer in Gang gehalten und so genossen sie die Wärme auf ihrer nackten Haut.
Einige Zeit später sank Salis erschöpft und außer Atem auf Josephines Brust. Das Haar der Botschafterin umfloss ihren Kopf wie ein tosendes Meer. Die Elfe spürte den schnellen Herzschlag der anderen, der sich langsam beruhigte. Sanfte Finger strichen ihren Rücken hinab.
Salis hob den Kopf und schaute Josephine zärtlich lächelnd an. „Du siehst aus wie ein Gemälde.“ Sie stützte sich mit dem Ellenbogen ab und betrachtete ihre Liebste andächtig.
Ein dunkles kehliges Lachen drang aus der Kehle der Botschafterin und bescherte Salis von Kopf bis Fuß eine Gänsehaut. Sonst war Josephine immer auf eine bestimmte Tonlage bedacht. Sie nannte es „Die Stimme der Diplomatie“, nicht zu hell, nicht zu dunkel, aber wenn sie alleine waren und sie leise sprach, dann begann das Innere der Elfe lichterloh zu brennen.
Doch nun schlich sich Ernsthaftigkeit in den Blick der Botschafterin. „Ich werde mit allen Mitteln verhindern, dass so etwas wie heute noch einmal passiert, das verspreche ich Dir, ma'arlath.“ Ihre Finger berührten den Verband am Arm der Elfe.
Diese stand auf. „Warte einen Moment.“ Sie nestelte in ihren Sachen herum, drehte sich dann zu Josephine um, eine Hand hinter dem Rücken versteckt. Sie wirkte nervös.
„Ich glaube, für so etwas gibt es keinen idealen Zeitpunkt.“ Sie legte sich wieder neben Josephine, die neugierig versuchte herauszufinden, was die Elfe vor ihr versteckte. Ihre Hand kam mit einer kleinen Schachtel hinter ihrem Rücken hervor und Salis öffnete diese mit zitternden Fingern. „Josephine Cherette Montilyet, willst Du mich heiraten?“
Die Botschafterin starrte abwechselnd auf die Ringe und auf ihre Liebste. Sie wollte etwas sagen, aber ihr fehlten die Worte. Dann weinte sie und Salis küsste ihre Tränen sachte weg. „Nun?“, fragte sie ängstlich.
„Ja, ich will“, antwortete Josephine heiser. Sie schlang ihre Arme um Salis Hals.
Die Elfe nestelte mit einer Hand einen der Ringe aus dem Kästchen, Josephine hielt ihr aufgeregt die Hand hin. „Bei den Göttern, zum Glück passt er“, kicherte Salis erleichtert.
Die Botschafterin betrachtete das Schmuckstück staunend. „Er ist wunderschön, ma'arlath.“ Sie biss der Elfe sanft ins Ohr. „Deswegen bist Du also heute Mittag kurz verschwunden?“
Salis Augen glänzten. „Ich hatte sie bei einem Juwelier in Auftrag gegeben.“
Einen Moment lang überlegte Josephine und meinte dann völlig überrascht: „Du hattest also schon länger vor, um meine Hand anzuhalten?“
Die Elfe grinste breit. „Ist mir gut gelungen, das für mich zu behalten, hm?“
Josephine nahm den anderen Ring und streifte ihn über Salis Ringfinger. „Was sind das für Zeichen?“ Sie besah sich die Ringe näher und rief aufgeregt: „Das ist ja mein Familienwappen.“
„Die anderen Motive sind Elfenglyphen. Auf Deinem Ring steht ma vhenan und auf meinem  ma'arlath. Niin hat sie mit mir zusammen entworfen. Heimlich. Nicht einmal Leliana wusste davon.“
Jetzt war es um Josephines Fassung endgültig geschehen. „Beim Erbauer … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Wieder kullerten ihre Tränen auf die Decke und auch Salis konnte sich nicht länger beherrschen. Die beiden lagen sich in den Armen, schwiegen und genossen die Nähe der anderen.

Leliana stapelte unter den Wehklagen des Kochs einige Scheiben Brot auf dem Teller, legte noch Käse und Wurst dazu und stibitzte ihm außerdem zwei Spiegeleier, die gerade in einer Pfanne vor sich hin brutzelten. Ungerührt hamsterte die Meisterspionin alles zusammen und verzog sich grinsend mit ihrer Beute über die Treppe zur Haupthalle.
Niin hatte Hunger. Heißhunger. Ein gutes Zeichen zum einen und zum anderen würde sich dieser Zustand nach einiger Zeit wieder legen. Leliana kannte das schon von Annae, die erst kurz Zeit eine Graue Wächterin gewesen war, als sie sich kennenlernten. Jeder Graue Wächter machte diese Phase nach dem Beitritt durch. Auch Alistair. Die älteren Wächter hatten ihn ausgelacht, als man ihn mitten in der Nacht vollgefuttert und mit Soße beschmiert in der Küche erwischte.
Sie öffnete leise die Tür, aber Niin war schon wach und wirkte gut erholt. Leliana gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Guten Morgen, Nari.“ Sie ließ die Tür auf, damit der Raum ein wenig durchlüftet werden konnte.
„Morgen Leli.“ Die Elfe schob ihren Oberkörper in die Höhe und man sah ihrem Gesicht an, dass die Wunde sehr schmerzte, denn immerhin waren die Schnitte der Klaue so tief gewesen, dass diese fast ihre Organe zerfetzt hätten. Annabelle kam mehrmals am Tag vorbei und setzte ihre Heilkräfte ein. Die Elfe erspähte das Essen und angelte sich gierig ein Stück Käse vom Teller. „Ich könnte ein Schwein verdrücken“, bemerkte sie mit vollem Mund.
Leliana lachte herzhaft, nahm sich ein Stück Brot und legte sich neben Niin. „Das hört irgendwann wieder auf. Bei einigen dauert es Tage, bei anderen Wochen. Viele Wächter haben dazu noch schlimme Alpträume, die während einer Verderbnis schlimmer sind, als zu anderen Zeiten.“
„Ich hasse es, nichts tun zu können“, jammerte die Elfe und schmiegte sich mit der Schulter an Leliana an, die ihrerseits einen Arm um ihre Liebste legte.
„Du bist ja schon recht munter, aber werd' mir nicht zu übermütig, Schatz.“
Niin blickte sie mit großen unschuldigen Kulleraugen an. „Ich bin ganz brav.“ Dann siegte der Schalk und sie grinste frech. Mittlerweile hatten die Spiegeleier dran glauben müssen. Die Geschwindigkeit, mit der Niin aß, war beängstigend.
„Ich muss gleich los, mein kleines Wölfchen“, gluckste Leliana vergnügt. Sie war überglücklich, ihre Freundin wieder bei sich zu haben und auf dem Wege der Besserung zu wissen. „Varric kommt vorbei.“
„Ihr müsst Euch nicht alle abwechseln. Mir geht’s ...“ Sie wollte sich noch weiter aufrichten, blieb aber stöhnend liegen.
„... immer noch beschissen?“ Der Zwerg äugte vorsichtig um die Ecke. Leliana verabschiedete sich, blickte Niin noch einmal sorgenvoll an und trat dann vor die Tür, als Varric ihr mit einem Kopfnicken bedeutete, dass er sich um die Elfe kümmern würde. Er grinste, als wüsste er, warum sie so früh am Morgen unterwegs war.

Der Weg der Meisterspionin führte sie durch die Haupthalle. Salis hatte heute in aller Frühe eine Besprechung anberaumt. Die Nachrichten aus den Westgraten verhießen nichts Gutes. Tatsächlich schien es so zu sein, dass sich die Grauen Wächter in der Festung Adamant versammelten.
Sie traf auf den Bullen und Krem mit denen sie gemeinsam Josephines Arbeitszimmer durchquerte und in den großen Raum dahinter eintrat. Für diese frühe Stunde war hier erstaunlich viel los. Salis hatte sich wie immer auf die Kante des großen Tisches gesetzt und die Botschafterin tat es ihr gleich. Eine recht entspannte Geste, die man in dieser Form selten in der Öffentlichkeit von ihr sah.
Cassandra war sicherlich mal wieder am Lagerfeuer der Kampfmagier hängen geblieben bis in die Nacht, denn sie gähnte mit William um die Wette. Fiona stand schweigend daneben. Blackwall machte einen in sich gekehrten Eindruck und Solas wie immer ein neutrales Gesicht. Dorian hatte sich von den anderen zurückgezogen.
Zuletzt kamen Lace und Cullen zur Besprechung. Die Zwergin schien sich von ihrer Verletzung gut erholt zu haben. Sie hinkte nicht mehr und versicherte, dass sie wieder voll einsatzfähig war. Die beiden hatten einen Teil ihrer Leute in die Westgraten vorausgeschickt. Der Adel von Val Royeaux entsandte Pioniere und die Truppen würden sich am Ritualturm treffen und dort lagern. Weitab vom Riss im Fels.
Salis wartete, bis die Gespräche von alleine verstummten und alle im Raum sie fragend anblickten, dann ergriff sie das Wort: „Zuerst einmal möchten Josephine und ich etwas verkünden.“ Sie machte eine Pause und konnte nicht verhindern, dass sich ein zufriedenes Grinsen in ihrem Gesicht ausbreitete. „Wir haben uns verlobt.“ Die beiden hielten glücklich ihre Hände in die Höhe und zeigten den sprachlosen Anwesenden ihre Ringe.
Leliana entwich eine Art quietschender Laut, bevor sie ihrer besten Freundin um den Hals fiel um dieser zu gratulieren. Dann drängelten die anderen nach.
„Das muss gefeiert werden“, rief Cassandra aufgeregt und wollte Salis gar nicht mehr loslassen vor Begeisterung. Als die Dalish Elfe sie dann auch noch fragte, ob sie ihre Trauzeugin sein wollte, gab es kein Halten mehr für die immer um Beherrschung bemühte Sucherin. William drückte sie zur Beruhigung an sich, indem er seinen Arm um sie legte.
Auch Leliana war von Josephines Frage überrascht worden. Trauzeugin ihrer besten Freundin zu sein, das erforderte einen ausgiebigen Einkauf in Val Royeaux. Die Botschafterin lachte. „Langsam, langsam! Wir warten mit der Hochzeit, bis wir das alles hinter uns haben.“
„Warum?“, fragte Dorian. Er zog Salis am Arm zu sich heran. „Hört mal: Ihr lebt jetzt und nicht irgendwann. Verschiebt das nicht.“
Die beiden Verlobten sahen sich prüfend an und errieten einander ihre Gedanken. „Vielleicht sollten wir wirklich früher heiraten, ma'arlath?“
Salis lächelte bis über beide Ohren. „Am liebsten sofort.“
Die Botschafterin schubste  sie liebevoll am Arm an und erwiderte das Lächeln mit blitzend weißen Zähnen. „Lass uns erst einmal den nächsten Schritt hinter uns bringen.“
Die Dalish Elfe wusste, wovon sie sprach: Adamant … Sie nickte und wurde ernst. Schnell ebbte auch bei ihren Freunden die ausgelassene Stimmung ab und es wurde still. „Morgen früh marschieren wir los.“ Dieser Satz hallte den Anwesenden in den Ohren.
Cullen ergriff das Wort. „Wir wissen nicht genau, was uns erwarten wird. Unsere Späher berichten, dass ein Großteil der Grauen Wächter von Orlais in den Westgraten eingetroffen sein muss. Kommandantin Clarel wurde gesehen.“
„Was ist mit den Grauen Wächtern Fereldens?“ Die Frage des Bullen lenkte alle Blick auf ihn.
„Ich konnte sie warnen. Zum Glück hörten sie auf mich, aber einige Wächter konnten dennoch nicht aufgehalten werden. Es kam zu einer Revolte, die erst durch das Auftauchen König Alistairs in Virgils Wacht, dem Sitz der fereldischen Wächter, beendet wurde.“ Leliana stellte sich neben den Kommandanten. „Wir wissen nicht, was mit den Grauen Wächtern in Anderfels geschah. Dort befindet sich ja das Hauptquartier, die Festung Weißhaupt, und bisher erreichten uns von dort keine Nachrichten.“
„Hört Niinara eigentlich auch den Ruf?“ Blackwall stieß sich von der Wand ab, gegen die er sich die ganze Zeit mit dem Rücken gelehnt hatte.
Die Meisterspionin schüttelte erleichtert den Kopf. „Nein, gar nicht. Das mag daran liegen, dass ihr Beitrittsritual erst vor kurzem stattfand. Für jemanden, der schon länger ein Grauer Wächter ist, muss der Ruf wahrhaft beängstigend sein. Kein Wunder, dass Clarel zu solch verzweifelten Mitteln wie der Blutmagie greift. Sie ist kopflos und Magister Erimond hat ein leichtes Spiel mit ihr. Adamant könnte der Untergang der Grauen Wächter sein.“
„Was genau machen wir dort und wie gehen wir vor?“ Man merkte die Kampferfahrung des Qunari an der Art, wie er seine Fragen stellte.
Cullen musste sich beherrschen, um nicht wieder mit den Markierungen auf der Landkarte zu spielen, was er gerne tat, wenn er über seine Pläne redete. „Diese Festung wurde vor der Erfindung moderner Belagerungstechniken erbaut. Die Pioniere des orlaisianischen Adels werden mit ihrem Rammbock das Haupttor einreißen. So verschaffen wir dem Inquisitor Zutritt. Meine Soldaten versuchen derweil, über Leitern hoch zu den Wehrgängen zu gelangen. Zuvor heizen wir den Wächtern mit Triboks und Geschossen aus brennendem Pech ein. Leutnant Harding kommandiert ihre Bogenschützen, denn die Soldaten sind auf den Leitern ungeschützt. Varric wird bei den Schützen sein.“
„Oberste Aufgabe ist es, die Wächter davon abzuhalten, ihr Blutritual zu vollziehen. Sie rufen damit Dämonen hervor und binden diese an sich.“ Leliana lehnte sich gegen den Kartentisch.
Salis ergriff das Wort und trotz ihres Temperamentes wirkte sie besonnen in solchen Momenten. „Ich werde versuchen, mit Kommandantin Clarel zu reden. Vielleicht nimmt sie ja Vernunft an. Groß sind meine Hoffnungen allerdings nicht. Außerdem wird sich Magister Erimond in der Festung aufhalten. Dieser Hetzer handelt in Corypheus Namen und will die Dämonenarmee für seine eigenen Zwecke nutzen. Er hat nur die Zerstörung von Thedas im Kopf.“ Sie wandte sich an den Bullen. „Die Sturmbullen und Blackwall gehen mit mir. Ich rechne in der Festung mit Kämpfen auf engstem Raum und brauche Schwertkämpfer. Die Magier Solas und Dorian bleiben an meiner Seite, genauso wie die Magier der Sturmbullen.“
Cassandra räusperte sich und trat zwei Schritte vor. „William, Deine Kampfmagier folgen mir. Des weiteren stehen die Templer unter meinem Befehl. Unser Ziel ist es, die Magier der Wächter auszuschalten.Wir folgen dem Inquisitor durch das Haupttor. Eine Beschwörung in diesem Ausmaß braucht Platz und wir vermuten, dass wir tief ins Innere der Festung müssen. Dort befindet sich eine Art Versammlungsplatz, der groß genug ist. Fionas Magier haben wir auf die verschiedenen Truppengattungen verteilt. Sie wird mit uns kommen, da sie als ehemalige Graue Wächterin vielleicht einige ihrer Brüder auf unsere Seite ziehen kann.“
Cullen schob eine kleine Figur aus Zinn über die Karte, wie einen Gedanken, den er neu einsortieren musste. „Sobald wir auf den Wehrgängen angekommen sind, rücken Hardings Leute durch das Haupttor nach. Auf diese Art kreisen wir die Wächter von zwei Seiten ein. Das hält dem Inquisitor hoffentlich den Rücken frei.“
„Ich hoffe, wir können einige meiner Brüder und Schwestern umstimmen“, seufzte Blackwall traurig.
Salis legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir werden es zumindest versuchen.“
Die Flügeltür zum Besprechungsraum wurde schwungvoll aufgerissen und Morrigan trat ein. „Eine Beraterin kann nur dann tätig werden, wenn man sie auch konsultiert.“ Ihrer Verärgerung machte die Magierin dadurch Luft, dass sie die Tür laut knallend ins Schloss fallen ließ. Kämpferisch verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Leliana versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie vor Wut gleich die Decke hochgehen würde, weswegen ihre Bemerkung für einen Außenstehenden auch ungewöhnlich sanft klang. Morrigan wusste es besser und grinste sie herausfordernd an. „Du bist mit uns gekommen, um Corypheus nächste Schritte herauszufinden. Adamant gehört nicht dazu.“
„Auch hier ist Magie im Spiel und das ist nun mal ein Gebiet, auf dem ich mich auskenne.“ Morrigan beharrte auf ihrem Standpunkt.
Salis strich sich beim Nachdenken über das Kinn und zog dabei eine Augenbraue hoch. „Wie könntet Ihr uns beim Angriff auf eine Festung unterstützen?“ Ihre Stimme war geradezu engelsgleich. „Versteht mich nicht falsch. Ich bin Kaiserin Celene dankbar dafür, dass sie mir ihre Beraterin in arkanen Fragen überlässt, aber ich sehe keinen Sinn darin, dass wir Euch jedes Mal zu Rate ziehen, wenn wir ausrücken.“ Sie umwanderte die Magierin, die sich nervös nach ihr umdrehte. „Niemand stellt Eure fachliche Kompetenz in Frage, aber hier geht es in erster Linie um militärische Strategien.“
Die Dalish Elfe lächelte sie geradezu charmant an. „Natürlich könnt Ihr gerne an der Schlacht um die Festung teilnehmen, wenn Ihr das wünscht. Und eine blutige Schlacht wird es werden, das könnt Ihr mir glauben. Die Kampfmagier freuen sich mit Sicherheit über Eure Unterstützung.“ Sie wartete seelenruhig Morrigans Reaktion ab und Leliana war erstaunt darüber, dass Salis offensichtlich in Sachen Diplomatie viel von Josephine dazugelernt hatte.
Die Magierin machte einen vorsichtigen Rückzieher. „Ich wusste, dass Ihr ein Einsehen habt, Inquisitor, und natürlich fühle ich mich nicht berufen, Euch überall reinzureden. Ihr müsst aber verstehen, dass ich Euch nur optimal beraten kann, wenn ich über Eure nächsten Schritte informiert bin.“
Die Meisterspionin war versucht, ihrer ehemaligen Kampfgefährtin eines auszuwischen. „Vor Ort gelingt Dir das sicher am besten und die Westgraten sind weitaus schöner, als die meisten denken. Besonders zur Paarungszeit der Stachelrücken.“ Sie grinste unverschämt. „Den Drachen wollen wir mal nicht vergessen. Der hat dort sicherlich sein Futterrevier.“
Cullen erinnerte sich an Annabelles fulminante Bruchlandung auf seinem Schreibtisch. „Eure Schwester reist mit uns und wird die Festung aus der Luft auskundschaften. Wie wäre es, wenn Ihr zu zweit … ähm … losfliegen würdet?“
Einen Moment lang zögerte Morrigan. Sie dachte an ihren Sohn, aber die Magier mussten ihre Familien ebenfalls zurücklassen. Ihr Stolz überwog ihre Bedenken, zumal Salis ihr entgegen kam: „Josephine wird auf die Kinder aufpassen.“
Die Botschafterin lächelte gewinnend. „Ich habe früher immer meine jüngeren Geschwister gehütet. Das wird schon klappen.“
„Wir haben nun also zwei Gestaltenwandler unter den Kundschaftern. Sehr gut.“ Innerlich rieb sich Leliana die Hände. Was für eine grandiose Idee, zwei Raben über Adamant kreisen zu lassen. Welche Möglichkeiten der Spionage sich hier boten!
„Begleitest Du uns?“, fragte Morrigan die Meisterspionin.
Diese schüttelte bedauernd den Kopf. „Nachdem hier einiges aus dem Ruder gelaufen ist, als wir alle im Winterpalast waren, haben wir uns entschlossen, dass immer einer von uns hier sein sollte. Entweder der Inquisitor, Cullen, Cassandra oder ich. Harding hat das Kommando über meine Späher.“ Außerdem konnte sie bei Niin bleiben und diese pflegen. Unter solchen Umständen fiel es ihr nicht schwer, in der Feste zurück zu bleiben.
„Ob wir Templern begegnen?“ Blackwall spielte nervös mit einer Schnalle seiner wattierten Jacke.
„Ich glaube, Corypheus hat andere Pläne mit ihnen. Sie suchen elfische Ruinen nach Artefakten ab.“ Morrigan musterte den Grauen Wächter argwöhnisch, dann wandte sie sich an Salis und ihre Stimme klang überheblich. Sie fühlte sich den anderen überlegen und ließ es jeden im Raum wissen. „Die Templer dringen auf ihrer Suche in die Arbor Wildnis vor.“
„Und Ihr wisst wahrscheinlich, um welche Artefakte es sich handelt?“ Die Dalish Elfe hasste es, Celenes Beraterin die Würmer aus der Nase ziehen zu müssen.
„Ja, ich bin mir sicher.“ Dann wandte Morrigan sich der Tür zu. „Eines dieser Artefakte habe ich wiederherstellen können. Kommt mit mir.“

Einer Prozession gleich wanderten die Mitglieder der Inquisition hinter der Magierin her, bis zur kleinen Kammer neben der Kapelle. Leliana stieß im Hof einen Pfiff aus, Varric erschien ein Stockwerk höher an der Balustrade und eilte zu ihnen hinunter. Morrigan trat zuerst in die Kammer ein. Es wurde recht eng in dem länglichen Raum, in dem sich nichts weiter befand  als ein Stapel alter Bretter und ein riesiges Möbelstück, das mit einem Laken abgehängt vor dem Fenster stand. Die Magierin riss den Stoff beiseite und alle starrten auf einen Spiegel, dessen Oberfläche perlmuttfarben schillerte.
„Dies ist ein Eluvian.“ Sie ließ die Worte wirken und beobachtete besonders Salis Reaktion. Die Dalish Elfe nickte, sie wusste um welches Artefakt es sich handelte. „Es hat mich etliche Mühen gekostet, diesen hier zu beschaffen. In der Arbor Wildnis gibt es einen weiteren Eluvian und ich glaube, dass Corypheus diesen bergen will.“
Gemurmel brandete durch den Raum und Salis trat nahe an das Artefakt heran, um es zu begutachten. „Was will er damit anstellen? Mein Bruder ist einst für immer in so einem Ding verschwunden.“
Morrigans Hand strich über die Oberfläche des Spiegels und dieser fing an, in einem bläulichen Licht zu leuchten. Muster waberten darüber wie bei einem Ölfilm. „Kommt mit, ich zeige es Euch.“ Sie schritt wieder voran und einfach durch den Spiegel hindurch. Er verschluckte sie regelrecht.
Salis zuckte mit den Schultern, setzte einen Fuß in den Spiegel hinein. Sie spürte keinerlei Widerstand und durchquerte ihn ganz, dabei spürte sie Josephines Hand fest auf ihrer Schulter. Sie tauchten in einer grauen und nebligen Welt wieder auf. Morrigan wartete geduldig, bis der ganze Tross den Spiegel passiert hatte.
„Wo sind wir hier?“, fragte Varric erstaunt, ihm war nicht so ganz wohl bei dieser Sache und er sah, dass es den anderen genauso gehen musste. Lace hatte nach Krems Hand gefasst und Josephine hielt sich an Salis Arm fest.
Dutzende von Eluvians standen hier aufgerichtet in Ruinen, dazwischen verliefen gepflasterte Straßen an deren Seiten Skulpturen standen, die stilisierte Bäume darstellten.
„Ich nenne es: den Kreuzweg. Dies ist die Art, wie die Altelfen reisten. Habt Ihr Euch nie gewundert, warum man in jeder noch so verlassenen Ecke von Thedas ihre Bauten findet, aber keine Straßen? Sie bewegten sich hiermit fort.“
„Ich kann das Nichts spüren“, murmelte Dorian, Fiona und William nickten zustimmend, während Solas schwieg.
„Wir sind zwar hier nicht im Nichts, aber sehr nahe dran. Der Schleier ist hier dünner als irgendwo sonst.“ Morrigan war ganz in ihrem Element und hatte ihre Arroganz abgelegt. Zumindest vorläufig.
„Und Corypheus will hierher?“ Salis drehte sich unbehaglich um. „Warum?“
„Um von hieraus ins Nichts zu gelangen. Euren Anker, das Mal, konnte er Euch zwar nicht entwenden, aber er wird einen anderen Weg finden, um körperlich ins Nichts einzudringen.“ Die Magierin vollführte mit dem Arm eine kreisende Geste. „Viele dieser Eluvians funktionieren nicht mehr. Sie sind verderbt oder zerbrochen. Der einzig Funktionierende, außer meinem, von dem ich weiß, befindet sich im Tempel von Mythal in der Arbor Wildnis.“
„Scheiße, an wie vielen Fronten sollen wir denn noch kämpfen? Sobald wir eine Aufgabe erledigt haben, tauchen ein Dutzend weitere auf.“ Der Bulle kratzte sich verärgert an der Schläfe. „Ist das unser nächstes Ziel, Boss?“
Salis blickte ihn ernst an. „Ja. Erst Adamant und dann der Tempel.“ Verzweiflung loderte in ihr auf. Sie wusste ja noch nicht einmal, ob sie den Kampf gegen die Wächter überstehen würden und dann kam schon der nächste Einsatz. Die Dalish Elfe versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber Josephine konnte sie nicht täuschen. Diese hauchte ihrer Verlobten zur Aufmunterung einen Kuss auf die Wange.
„Ach ja. Herzlichen Glückwunsch.“ Morrigan lächelte amüsiert und Leliana hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Sicherlich waren der Magierin Gefühlsäußerungen fremd, aber wenigstens anderen sollte sie diese zugestehen können, ohne sich darüber lustig machen zu müssen. Der zynische Tonfall war nicht zu überhören gewesen. Schon damals, während der fünften Verderbnis, hatte sie für ihre Beziehung zu Annae nur Spott übrig gehabt. Gefühle waren für Morrigan ein Zeichen von Schwäche und Leliana glaubte immer noch nicht, dass sich dies geändert haben könnte.
„Wir müssen den Eluvian vor Corypheus finden, sonst sind all unsere Bemühungen vergebens. Und jetzt lasst uns wieder an einen gastlicheren Ort gehen.“ Salis hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut und ihre Begleiter zögerten diesmal beim Durchqueren des Eluvians keine Sekunde.
Sie standen alle im Hof und diskutierten über das eben Erlebte. Niin hörte die Stimmen, sie stand auf und schaute neugierig über die Balustrade. „He, Krümelchen, ab ins Bett mit Dir!“ Varric wedelte mit der Hand herum, um sie wieder in ihr Quartier zu scheuchen, aber die Elfe winkte störrisch ab. Erst als Leliana erbost die Hände in die Hüften stemmte, und ihr einen entsprechenden Blick zuwarf verschwand der dunkelbraune Haarschopf mit den grauen Strähnen schleunigst.
„Euch sollte man eben nicht verärgern, meine Liebe“, frotzelte Dorian, wieder fleißig darauf bedacht, seine wahren Gefühle zu überspielen. Der Abstecher eben hatte ihn zutiefst erschüttert. Ihm wurde jetzt erst klar, dass Corypheus damals in Haven fast sein Ziel erreicht hätte, wäre es ihm gelungen, Salis das Mal zu entreißen.
„Ich gehe mal nach Nari schauen. Sie wird langsam zu übermütig.“ Die Meisterspionin eilte zu den Quartieren hoch und die Gruppe zerstreute sich langsam. Varric hielt Salis zurück, die gerade mit Josephine ins Besprechungszimmer gehen wollte. „Sera hast Du gar nicht eingeplant?“
Die Dalish Elfe lächelte. „Doch, aber ich werde ihr eine andere Aufgabe geben. Ach, eigentlich könnte ich das gleich tun.“ Sie verabschiedete sich von der Botschafterin und ging mit dem Zwerg zusammen zum Lager der Sturmbullen. Wenn man Sera irgendwo finden konnte, dann hier.

Wie erhofft, saß die Stadtelfe missgelaunt am Lagerfeuer und meinte beleidigt: „Schön, dass Ihr Euch alle beraten habt. Ich spiele wohl keine Rolle, was?“ Sie griff beherzt nach dem Teekessel und schüttete sich den Inhalt zu schwungvoll in die Tasse, so dass ihr ein Teil der heißen Flüssigkeit über den Fuß lief. Sie fluchte laut vernehmlich und erntete von William einen tadelnden Blick, der gerade mit Cassandra auf dem Weg in den unteren Hof war. „Ja, schon gut! Die Kinder! Ich fluche nur noch leise, versprochen!“, rief sie ihm hinterher und hörte sein tiefes Lachen.
„Kein Grund für schlechte Laune, Sera.“ Salis klopfte ihr auf die Schulter. „Auch Ihr werdet morgen aufbrechen. Cullen braucht Informationen über den Handel mit rotem Lyrium.“
„Das Zeug, das aus Templern riesige Monster macht?“ Die Stadtelfe war ganz Ohr und auf einmal putzmunter.
„Ja, genau das. Wir müssen herausfinden, wo es abgebaut wird und wer es den Templern verkauft. Ihr habt doch sicherlich Kontakte unter den Händlern?“
Sera kratzte sich unsicher an der Hand und dachte angestrengt nach. „Die ein oder andere Rote Jenny befindet sich garantiert in diesen Kreisen.“
„Euren Leuten also?“ Salis war geduldig mit ihr wie mit einem Kleinkind.
„Das sind nicht meine Leute. Wir kennen uns ja meistens nicht, aber ich weiß, wo ich anfangen muss.“
„Gut, dann habt Ihr jetzt also offiziell eine Aufgabe. Zufrieden?“ Die Dalish Elfe grinste sie aufmunternd an.
„Ja, nur herum sitzen, ist auf Dauer nichts für mich.“ Sera schien sich wirklich aufrichtig zu freuen, denn man vertraute ihr und traute ihr vor allem etwas zu.
„Für unsere Vorräte auch nicht. Ihr futtert uns die Küche leer. Dagegen ist Niin ja echt harmlos.“ Krem ließ sich neben Salis auf dem Baumstamm nieder und lachte schallend.
Die Dalish Elfe schubste ihn sachte mit dem Ellenbogen an, bevor ihm noch weitere Bemerkungen herausrutschten. Sie wechselte schnell das Thema. „Die neue Uniform steht Euch sehr gut, Hauptmann.“
Lace, die dicht hinter Krem stand, kraulte sanft sein ausrasiertes Genick. „Nicht wahr? Er sieht zum Anbeißen aus.“ Sie küsste sein rechtes Ohr, Krem kicherte leise und verlegen.
„Uh, das ist ja nicht zum aushalten“, brummte Sera und es klang fast eifersüchtig. „Sind den alle hier verknallt?“
Salis schmunzelte schelmisch. „Ja, nach und nach erwischt es jeden von uns. Ihr werdet sehen, das macht auch vor Euch nicht halt. Ist wie eine Seuche. Muss an der Elfenmagie liegen.“ Sie schaute die Stadtelfe an und prustete dann los. „Euer panischer Blick eben war mit Gold nicht aufzuwiegen.“
„Mit wem wollt Ihr mich denn verkuppeln, bei Andrastes Titten?“, rief Sera laut, das Gelächter des Bullen und seiner Leute dröhnte über den Platz.
„Such Dir eine nette Frau aus. Hier laufen genug davon herum. Oder einen netten Kerl.“ Varric machte eine ausladende Geste und Krem dachte angestrengt nach.
„Ich steh' nicht auf Kerle“, schnaufte Sera angenervt.
„Gut. Wie wäre es mit Annabelle?“, schlug der Hauptmann vor.
Die Stadtelfe fuhr ihn an. „Seid Ihr verrückt? Ne Frau mit Kind? UND eine Magierin?“ Sie wurde kleinlaut. „Ich habe Angst vor Magie.“
„Dann fällt Morrigan auch flach.“ Salis machte die Unterhaltung mittlerweile recht viel Spaß.
„An die traut sich eh keiner heran!“ Schon der schiere Gedanke ließ den Zwerg erschauern und alle schmunzelten.
Dorian setzte sich zu ihnen. Er hatte die letzten Sätze mitbekommen. „Na ja, es dürfte schwer sein, die passende Partnerin für Dich aufzutreiben. Wie sollte sie sein?“
„Humorvoll vor allem.“ Sera überlegte. „Gut aussehend natürlich.“
Varric grinste. „Na, wenn das jetzt ein Mann gesagt hätte ...“
„Oh, ich höre schon die Beschwerden.“ Krem hatte Lace mittlerweile um den Baumstamm herum vor sich gelotst und seine Arme um ihre Taille gelegt.
„Immer diese Kerle! Genau das würden sie sagen.“ Dorian gluckste vergnügt vor sich hin. Etwas Ablenkung tat ihm gut.
„Hat Rüschchen nicht eine jüngere Schwester?“ Varric bereute im gleichen Moment diese Worte, da sie seinen Mund verlassen hatten, zumal Salis ihn erschrocken ansah.
„Du meinst Yvette? Josephine würde jeden umbringen, der etwas von ihr wollte.“
„Yvette … ein schöner Name“, sinnierte Sera.
„Vergiss es, die lebt in einer anderen Welt.“ Dorian konnte sich den Wutausbruch der Botschafterin lebhaft vorstellen, wenn Sera ihrer kleinen Schwester zu nahe kommen würde.
„Tja, der Adel will halt nichts mit dem gemeinen Volk zu tun haben“, seufzte die Stadtelfe.
Salis widersprach. „Das würde ich so nicht sagen. Meinem Schatz war es schließlich auch egal, woher ich stamme. Ich bin im Wald aufgewachsen, habe keine Reichtümer und keinen Titel.“
„Doch, Ihr seid der Inquisitor und Herold Andrastes. Das ist doch was.“ Diesmal klopfte Sera Salis auf die Schulter.
„Aber als wir uns kennenlernten, war ich Gefangene der Inquisition. Nichts weiter. Ich wurde verdächtigt, das Konklave in die Luft gesprengt zu haben.“
„Und dennoch ist bei Euch beiden der Blitz eingeschlagen.“ Die Erinnerungen daran verbreiteten in Varric ein Gefühl der Wärme. Die Liebe bahnte sich ihren Weg durch alle Widrigkeiten. Wenn das nicht ein Grund war, an das Gute zu glauben? Daran, dass nicht alles schlecht war auf dieser Welt.

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