Salis bestand gegen Mittag auf einer Pause, um zu sehen, ob sie mit Niin weiter reiten konnten, oder hier kampieren mussten. Die schmächtige Stadtelfe halluzinierte und war nicht ansprechbar. Sie hatten die Ausläufer des Wachen Meeres erreicht, der sie von Val Royeaux trennte. Ein Bachlauf lieferte endlich genug Wasser für die Pferde.
Ein Rabe zog seine Kreise über ihnen, William sprang freudig schreiend auf und winkte. Keiner verstand, was in ihn gefahren war, bis der schwarze Vogel vor ihm landete und langsam näher hüpfte. Eine Rauchwolke umhüllte ihn, sein Schatten wurde größer und schließlich stand vor ihnen Annabelle und schmunzelte. „Seid gegrüßt.“ Wieder verlor sie nicht viele Worte und ging sogleich neben Niin in die Hocke um sie zu untersuchen.
Die grauen Haarsträhnen waren geblieben, aber die dunklen Adern schienen sich zurück zu bilden, stellte Salis fest. Sie schaute der Magierin erstaunt zu, die ihre Tränke, ähnlich wie William, in Phiolen an einem Gürtel trug. „Leider kann ich auf diese Art keine Tasche mitnehmen.“ Ihre Heilzauber ließen Cassandra die Nackenhaare zu Berge stehen. Als Sucherin konnte sie die Magie spüren.
„Sie ist die Mächtigste von uns allen.“ In Williams Stimme schwang Bewunderung mit. Er neidete ihr diese Fähigkeiten nicht.
„Wir sollten heute nicht mehr weiter reiten.“ Alle fügten sich Annabelles Einschätzung und bauten ein Lager auf.
Es war schon dunkel, als sie den Hufschlag mehrerer Pferde hörten. Sofort gingen sie in Verteidigungsstellung, ließen aber die Waffen sinken, als sich drei erschöpfte Reiter aus der Dunkelheit schälten und ins Licht des Lagerfeuers traten.
Leliana ließ sich mehr vom Pferd fallen, als dass sie abstieg. Ihre Beine wollten ihr nach dem langen Ritt nicht mehr so recht gehorchen. Varric knickte erst einmal ein und rappelte sich fluchend wieder in die Höhe. Salis half Josephine aus dem Sattel und die beiden fielen sich wortlos in die Arme.
Die Meisterspionin kniete neben Niin und streichelte sachte die Wange ihrer Liebsten. „Nari“, hauchte sie und eine Träne tropfte auf die Stirn der Elfe, deren Augenlider zu flattern begannen. Leliana hielt vor Schreck den Atem an, als Niin die Augen öffnete, welche immer noch gelblich waren, auch wenn die großen Pupillen wieder eine normale Größe erreicht hatten.
„Leli.“ Es war mehr ein Flüstern, kaum zu verstehen, aber die Spionin weinte vor Glück.
Cassandra klopfte Salis auf die Schulter. „Es war gut, dass wir angehalten haben.“ Sie musterte ihre Freundin. „Du brauchst unbedingt Ruhe.“
Varric schob auf der anderen Seite seinen Kopf in Niins Blickwinkel. „He, Krümelchen.“ Er schmunzelte selig und seine Augen leuchteten.
„He.“, raunte die Elfe ihm zu und ihre Mundwinkel zuckten zu einem schwachen Lächeln in die Höhe, dann schloss sie müde die Augen und schlief ein.
Josephine drückte Leliana energisch an den Schultern auf eine Decke, die sie neben die Verletzte gelegt hatte. „Ruh' Dich aus“, sagte sie mit sorgenvollem Ton und zu ihrer Überraschung gehorchte ihre beste Freundin ohne zu murren.
Dann ging sie zu Salis und ließ sich neben ihr nieder. „Du siehst auch sehr müde aus, ma'arlath.“ Sie hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, die beiden Frauen legten sich nieder und kuschelten sich unter einer gemeinsamen Decke aneinander.
Niin war umringt von Leliana, Varric und Annabelle. Cassandra lächelte amüsiert. Es sah ein wenig so aus wie eine Rudel Schlittenhunde im Schneesturm und erinnerte sie an die erste Nacht in der Himmelsfeste. Der Stadtelfe würde es heute Nacht sicher nicht kalt werden.
Die Sucherin übernahm die erste Wache und schickte den zweiten Vogel mit folgender Nachricht los:

Alle Vier angekommen. Käuzchens Zustand stabil, mussten pausieren. Aufbruch morgen früh.
Cassandra Pentaghast

Sie setzte sich im Schneidersitz auf einen großen Felsen, William nahm neben ihr Platz und lehnte sich an ihre Schulter an. Es fühlte sich so vertraut an, als würden sie dies jeden Tag machen. Sie küsste seinen weißen Haarschopf. „In Deiner Nähe scheinen alle Probleme zu verblassen.“
Er hob überrascht den Kopf und schaute sie lange an. „Ich wünschte, ich könnte in Momenten wie diesem die passenden Worte finden.“ Sein Bart kitzelte ihre Wange, als seine Lippen sich den ihren näherten.
„He, turteln könnt Ihr später! Passt lieber auf.“ Varric drehte sich brummelnd auf die andere Seite und die beiden Ertappten fuhren auseinander. Der Magier lächelte Cassandra entschuldigend an.
Als die Wachablösung kam, legten sich beide schlafen, wie immer eng aneinander geschmiegt, doch als William ihr diesmal einen Gutenachtkuss geben wollte, drehte sich die Sucherin geschwind zu ihm um und schlang ein Bein um seine Hüfte. Der Kuss, der dann folgte, raubte ihnen den Atem und  Cassandra flüsterte erregt: „Ich glaube, das mit dem Warten war eine bescheuerte Idee.“
Er nickte und versuchte, sein wild schlagendes Herz zu beruhigen. Mittlerweile brachte ihn die Nähe der Sucherin fast um den Verstand. Ihr Lächeln, ihr Geruch, ihre Stimme. Er wollte mehr, er begehrte sie. William schluckte, als sich ihre Lippen über seine Wange zum Ohr bewegten und sie flüsterte: „Ich mag Dich sehr, William Trevelyan.“
Er war fest davon überzeugt, dass seine Brust gleich zerspringen würde. Seine Finger glitten sanft durch ihr Haar. „Und ich Dich auch, Cassandra Allegra Portia Calo...“, weiter kam er nicht, weil ein ungestümer Kuss seine Lippen verschloss.
Salis räusperte sich laut, weil sie die Befürchtung hegte, dass die beiden gleich die Beherrschung verlieren würden. Sie hockte sich grinsend ans Feuer und schenkte sich ein wenig Tee in einen Becher ein. Josephine schlummerte wie üblich den Schlaf der Gerechten.
„Mietet Euch ein Zimmer.“ Dorians Laune rutschte mit jedem Meter, den sie auf die Himmelsfeste zuritten, mehr in die Tiefe und dann noch etliche Paare zu sehen … das war einfach zu viel für ihn. Überall heile Welt, während sein Herz zerbrach und er auch noch selbst daran Schuld war. Er hatte es so gewollt.
Bis zum Morgengrauen saß er schweigend auf seinem Posten, schaute ab und zu nach Niin und hüllte sich dann wieder in Schweigen. Varric machte das karge Frühstück. Er röstete das trockene Brot und schnitt etwas geräucherte Wurst auf, während William und Annabelle die Wunde der verletzten Elfe versorgten.
Leliana hielt Niins Hand als diese die Augen öffnete. Blau! Sie waren wieder blau! Schoss es ihr durch den Kopf und sie lächelte zärtlich. „Guten Morgen, Nari.“
Die Elfe erwiderte das Lächeln matt. Ihre Haut war nicht mehr so durchscheinend und das Adergeflecht kaum noch sichtbar. Lediglich die grauen Haarsträhnen am vorderen Haaransatz  blieben.
Dank Dorians nächtlicher Zurechtweisung hatten sich Cassandra und William wieder brav in ihre Schlafpositionen gerollt. Die Sucherin schlief ebenfalls noch und musste genauso wie Josephine sanft geweckt werden, was der Magier gerne tat. Er liebte es, Cassandra beim Aufwachen zuzusehen, wenn er es denn mal schaffte, vor ihr aufzustehen.
Salis küsste die Botschafterin sachte und erntete ein tiefes Grollen, bis Josephine wieder wusste, wo sie sich befand. „Die Sonne lacht, mein Herz.“
Die Antivanerin drehte sich auf den Rücken, blinzelte ihre Freundin verschlafen an und streckte sich gähnend. Das Gras war noch feucht von der Nacht und verbreitete einen besonderen Geruch. Leichter Nebel schwebte über den See, der von Sonnenstrahlen langsam aufgelöst wurde. Etwas heißer Tee vertrieb die Müdigkeit und weckte die Lebensgeister.
Sie brachen zeitig auf, denn heute mussten sie die Hälfte der Strecke überwinden, wenn sie nicht noch einmal im Freien übernachten wollten. Annabelle verabschiedete sich auf ihre unnachahmliche Art und flog in den blauen Himmel hinein.

Cullen saß wieder an seinem aufgeräumten Schreibtisch und verzweifelte bald. Wie schaffte Josephine dieses Arbeitspensum nur? Den halben Tag hatte er sich durch Briefe gewühlt und immer noch lag ein großer Stapel vor ihm.
Seine aufmüpfigen Templer ließ er nach wie vor im Kerker schmoren. Er wusste jetzt, wie er sie bestrafen konnte, ohne dabei zu grausam zu sein. Es widerstrebte ihm, ein Exempel an seinen Leuten zu statuieren.
Seine Hand fuhr willkürlich in den Stapel und er zog lustlos den nächsten Brief hervor. Ein Siegel der Montilyets? Er stutzte und betrachtete das Schreiben, welches nicht direkt an Josephine adressiert war. Er öffnete es deshalb und las mit geweiteten Augen, was dort stand. Nicht nur einmal. Nein, er las es dreimal, um ganz sicher zu gehen, dass er sich nicht verlesen hatte. Schließlich lehnte er sich in seinem bequemen Stuhl aus massiver Eiche zurück, seufzte und starrte gegen die Zimmerdecke. „Kann denn nicht einmal etwas gut laufen?“ Wie sollte er das bloß Josephine beibringen und vor allem Salis?
Er legte den Brief beiseite, schob mit einer fahrigen Geste seine blonde Haarmähne nach hinten. Ihm war gar nicht aufgefallen, wie schnell die Zeit verging und er blickte sich um. Der Turm war von drei Seiten begehbar und Cullen hatte mittlerweile sein Bett ein Stockwerk höher hinaufbefördert, dieses konnte man nur mit einer Leiter erreichen. Dank der Magier eine schnelle Angelegenheit, seine wuchtige Schlafgelegenheit zu transportieren.

Annabelle näherte sich der Festung. Sie drehte einen Kreis und hielt nach einer Landemöglichkeit Ausschau. Auf der Wehrmauer vor Cullens Turm befand sich niemand und da der weite Flug sie recht erschöpft hatte, wollte sie nicht noch lange laufen müssen. Sie steuerte ihr Ziel an, als sie aus den Augenwinkeln einen Schatten heran schießen sah. Krallen schlugen sich in ihre Federn und ein Schnabel hackte auf sie ein.
Zu einem Federball verkeilt rauschten die beiden Vögel in die Tiefe, bis sich der Angreifer von ihr löste. Annabelle versuchte, die Kontrolle wieder zu erlangen, aber sie raste immer noch auf den Turm zu und würde an der Mauer aufprallen. Verzweifelt visierte sie das kleine Fenster neben der Tür an.
Die Scheibe zerbarst und dem zu Tode erschrockenen Cullen stand der Mund offen. Sie verwandelte sich zurück in ihre menschliche Gestalt, strampelte und schlitterte über die glatte Holzoberfläche des Tisches. Papiere, Schreibutensilien, alles flog durch die Gegend auf den Boden und Annabelle prallte auf der anderen Seite unsanft gegen ein Bücherregal, dessen Inhalt sich über ihr ergoss.
Der Kommandant war erstarrt und hielt noch seine Schreibfeder in der Hand, die Tinte tropfte auf seine Hose. Eine Frauenhand tastete an der Tischkante entlang auf der Suche nach Halt, in diesem Moment knallte die Tür schwungvoll gegen die Wand und Morrigan drang wutschnaubend mit hochrotem Kopf in Cullens allerheiligstes Arbeitszimmer ein. Sie schrie heiser: „Du bekommst mich nicht, Mutter!“
Annabelle stand mittlerweile auf wackeligen Beinen und hielt sich am Tisch fest. „Was redest Du da für einen Mist?!“ Sie spürte, dass etwas ihre Stirn hinab lief und tastete danach. Als sie die Finger betrachtete, waren sie rot.
Der Kommandant fand seine Sprache wieder und brüllte: „Was, beim Erbauer, ist hier los?!“ Die beiden Hexen der Wildnis erschraken, denn dadurch, dass er sich auf dem Wege der Besserung befand, lief er langsam aber sicher zu früherer Form auf. Seine Stimme drang den Frauen durch Mark und Bein.
Morrigan war sonst nicht gerade zimperlich, aber das eben Geschehene brachte sie um ihre Beherrschung. Sie näherte sich Annabelle langsam und stotterte: „Aber die Magie. Ich hätte schwören können, dass es Flemeth war.“ Die Hexe streckte eine Hand aus und berührte die Schulter ihrer Schwester. „Es tut mir leid.“ Ein wütender Blick traf sie trotzdem.
„Womit wohl endgültig erwiesen ist, dass wir miteinander verwandt sind.“ Annabelle klopfte sich vorsichtig einige Scherben aus der Kleidung, löste ihren Pferdeschwanz auf und tastete ihre schwarzen Haare ab. Sie zuckte zusammen und Cullen trat an sie heran, um zu begutachten, wie schlimm die Verletzung war. Morrigan verschwand ohne ein Wort zu sagen.
„Nur eine Schramme.“ Es sollte aufmunternd klingen, aber die Magierin fand es unangebracht, dass er ihre Situation so herunterspielte. Etwas mehr Einfühlungsvermögen hätte hier sicher nicht geschadet, also schaute sie ihn mit gerunzelter Stirn an und schwieg.
Er bemerkte endlich, dass Annabelle etwas Trost brauchte und bot ihr seine feudale Sitzgelegenheit an. Morrigan kam zur Überraschung der beiden zurück und hatte Verbandszeug dabei, um die Wunde zu reinigen. Danach empfahl sie sich um zu sehen, wo Kieran steckte, denn er hinkte seinem Lernpensum bereits beträchtlich hinterher.
Cullen zückte wieder den Brief der Montilyets, seufzte und gab ihn Annabelle zu lesen. „Ich brauche einen Rat.“
Die Magierin zeigte sich erschüttert. „Die Botschafterin schuftet hier wie ein Ochsengespann und dann so etwas! Ich kann ihre Eltern nicht verstehen.“ Sie überlegte kurz. „Vielleicht solltet Ihr erst mit dem Inquisitor sprechen?“
Er nickte zustimmend. „Das wäre besser.“ Dann setzte er sich auf die Tischkante und musterte Annabelle neugierig. „So, Ihr seid also eine Hexe der Wildnis?“
„Treffend bemerkt, Kommandant.“ Sie schmunzelte belustigt.

Die Sonne war längst untergegangen, als sich der Feste eine Gruppe Reiter näherte. Im unteren Hof rutschten die erschöpften Gestalten mehr oder weniger elegant von ihren Pferden und hielten sich das schmerzende Kreuz oder die malträtierte Sitzfläche.
Leliana überließ ihren Platz hinter Niin William, der mehr Kraft hatte, um die Elfe vorsichtig an Dorian nach unten zu reichen. Schnell sprach sich die Ankunft herum, die Sturmbullen übernahmen die Bahre der Verletzten und trugen sie in ihr Quartier.
Salis wollte hinterher laufen, aber Cullen hielt sie am Arm zurück. „Ich muss dringend mit Euch reden. Unter vier Augen.“ Er klang eindringlich und ernst.
Die Dalish Elfe folgte ihm mit einem unguten Gefühl in der Magengegend, zumal ihr der Kommandant seinen Sitzplatz anbot. „Ist es so schlimm, dass ich mich setzen muss?“
„Ja.“ Das war alles, was er ihr antwortete und das ungute Gefühl wich leichter Übelkeit, als Cullen ihr nun mit einem Seufzer den Brief überreichte.
Salis starrte auf den Adressaten. Es handelte sich unzweifelhaft um Josephines Eltern, welche das offizielle Siegel der Familie benutzten, aber den Empfänger mit „Administration der Inquisition“ angaben. Seltsam förmlich und unpersönlich. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Brief öffnete und durchlas. Danach starrte sie einige Minuten lang auf Cullen, während ihr Gesicht sämtliche Farbe verloren hatte. Sie raufte sich die kurzen Haare. „Wie mache ich das bloß Josephine klar?“
Benommen stand sie auf und machte sich auf die Suche nach der Botschafterin. Fündig wurde sie in Lelianas Quartier, wo sie die Meisterspionin gerade mit Essen versorgte. Als Josephine ihre Liebste erblickte, wurde ihr sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Salis sah kreidebleich aus. „Was ist mit Dir?“ Sie fasste die Elfe vorsichtig am Arm an.
Salis holte tief Luft und antwortete verzweifelt: „Du bist verlobt.“
Die Botschafterin ließ ihren Arm los und starrte sie entgeistert an. „Mit wem? Mit Dir?“
Die Elfe schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Deine Eltern haben Dich mit Lord Adorno Ciel Otranto verlobt.“
„Nein! Das haben sie nicht wirklich gemacht?“ Leliana schob sich hinter Josephine durch die Tür. Ihr rotes Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab, da sie zwei Tage lang keinen Gedanken an ihre Frisur verschwendet hatte und auch jetzt war es ihr egal. Niin war hier und das war die Hauptsache.
Die Botschafterin stand wie ein begossener Mabari vor Salis und stützte sich an die Mauer. Die Elfe befürchtete schon, dass Josephine gleich ohnmächtig werden könnte, aber stattdessen kochte die Wut in der sonst so sanftmütigen Frau hoch. „Das ist also der Dank dafür, dass ich versuche, meine Familie vor dem Bankrott zu retten, während alle anderen Montilyets das Gold zum Fenster hinaus werfen, als gäbe es kein Morgen.“
Sie wanderte vor den Quartieren auf und ab. Immer, wenn sie sich aufregte, überkam sie ein solcher Bewegungsdrang. Salis kannte das schon und wartete geduldig. „Ich werde diese unselige Verlobung annullieren lassen.“
Die Dalish Elfe meinte nüchtern: „Was wäre denn der schnellste Weg?“
„Ein Duell“, kam Leliana ihrer Freundin zuvor. „In Antiva pflegt man auf diese Weise die meisten Probleme zu lösen.“
„Gut, dann duelliere ich mich mit diesem Lord.“ Salis blieb ruhig.
„Das wirst Du nicht tun!“, fuhr Josephine sie an und im gleichen Moment traten ihr die Tränen in die Augen. „Ich lasse nicht zu, dass Dich dieser Otranto mit dem Degen aufspießt.“ Sie fiel Salis um den Hals.
Cassandra wagte sich näher heran, das Geschrei war bis in den Garten zu hören gewesen, wo sie sich mit William zusammen das von Nathaniel angelegte Kräuterbeet hatte vorführen lassen.
„Ich verstehe nicht, wie meine Eltern mir so etwas antun konnten“, schluchzte Josephine aufgelöst.
Die Dalish Elfe strich ihr beruhigend mit der Hand über den Rücken. „Wie kann ich diesen Kerl kontaktieren?“, fragte sie Leliana über die Schulter der Botschafterin hinweg und gab ihr den Brief zu lesen.
Die Meisterspionin machte ein nachdenkliches Gesicht. „Nun, wir haben drei Krähen, die auf Val Royeaux abgerichtet sind. Dort hält er sich offenbar auf, um die Verlobungsfeier vorzubereiten. Wir schicken unseren Spionen dort eine Nachricht, die sie ihm zügig überbringen können.“
Salis wollte keine Sekunde Zeit verschwenden. „Sehr gut. Ich setze ein Schreiben auf.“ Sie wandte sich an die Sucherin. „Cassandra, kannst Du Dich bitte so lange um Josephine kümmern?“ eine Antwort wartete sie nicht ab. Sie hetzte den Turm hoch in das Reich der Nachtigall und eine halbe Stunde später verließ eine Krähe die Festung in Richtung Val Royeaux.

Die Dalish Elfe eilte zurück zu den Quartieren und erschrak über die Menschenansammlung vor Lelianas Unterkunft, die wie dunkle Trauben vor der Tür hing. Erst als sie näher kam, wurde ihr klar, dass es Niins fürsorgliche Freunde waren, die Decken, Essen, Verbandszeug und Kissen gebracht hatten.
„Alles in Ordnung?“, fragte Salis bange.
Varrics Lächeln wirkte beruhigend. „Mach' Dir keine Sorgen. Wir verwöhnen unseren Krümel nur ein wenig.“
Krem verteilte gerade einen ausreichend großen Vorrat an Kerzen auf dem Nachttisch und Lace hatte zwei Bücher mitgebracht. Dorian trat sein Lieblingskissen ab und der Bulle tippte Niin sachte an der Nasenspitze an. „Du siehst weise aus mit den Haarsträhnen. Elegant. So was würde man sicher bei Hofe tragen.“ Er grinste und war froh, dass die Stadtelfe bei Bewusstsein war.
„So, Freunde, jetzt aber raus mit Euch“, forderte Leliana die Besucher lachend auf.
Morrigan beobachtete den Tumult aus sicherer Entfernung. Schon merkwürdig, dass so viele Leute jemanden mochten, der keine große Bedeutung, keinen Rang und keinen Reichtum hatte. Sie mochten Niin um ihrer selbst willen. Wieder bemächtigte sich der Magierin dieses unbekannte Gefühl von Wehmut und Traurigkeit.
Salis hakte sich bei Josephine ein. Sicherlich würden sie erst morgen eine Antwort erhalten. „Wie vertreiben wir beiden Hübschen uns die Wartezeit, ma vhenan?“, fragte die Elfe, während sie durch die Haupthalle gingen.
Josephine schaute sie traurig an. „Wärst Du mir böse, wenn ich mich einfach nur an Dich kuscheln möchte?“
Salis blieb stehen und küsste die Botschafterin zärtlich auf das Ohr. „Was immer Dir gut tut, mein Herz.“

Leliana wollte schon die Tür schließen, da nahm sie Morrigan in der Dunkelheit wahr, die sie, an die Balustrade gelehnt, anschaute.
„Immer noch so wachsam wie einst, Lady Nachtigall?“ Die Magierin trat in den Schein der Kerzen, der aus der Tür ins Freie fiel.
„Wir beide dürfen uns keine Unachtsamkeit leisten.“ Die Spionin kam nach draußen, um Niin nicht zu stören, die eingeschlafen war.
„Gefühle sind auch nicht gerade ratsam.“
Leliana musterte ihr Gegenüber. Es war fast unmöglich, Emotionen aus Morrigans Gesicht abzulesen. Entweder verstand diese es ausgezeichnet, sie zu verbergen, oder sie hatte schlichtweg keine, aber dann wäre sie nicht so eine liebevolle Mutter geworden. „Ohne sie ist das Leben nicht lebenswert.“
Bedächtig nickte die Magierin. „Ja. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen, aber es hindert einen, die Dinge zu tun, die man tun sollte.“ Es hatte den Anschein, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann überlegte sie es sich anders. „Gute Nacht, Leliana.“ Sie drehte sich um und verschwand in der Tür nebenan. Kieran maulte ein wenig herum, weil sie ihn aufgeweckt hatte.
Die Meisterspionin grinste amüsiert. Mutterfreuden … und das Morrigan! Wenn Alistair das wüsste. Den Rest würde sie ihm natürlich verheimlichen.
Sie legte sich behutsam neben Niin aufs Bett, deckte die Elfe noch einmal sorgsam zu und schmiegte sich dann an sie bis die Müdigkeit sie übermannte.

Cassandra brauchte eine Weile, um aufzuwachen. Nach den Erlebnissen der vergangenen Tage fiel es sogar ihr schwer, aus dem Bett zu kommen. Jemand klopfte an die Tür und die Sucherin hob erschrocken den Kopf. Fiona war ebenfalls erwacht und öffnete dem Störenfried im Nachthemd.
Salis trat ungefragt ein. Sie trug ihre Lederkleidung und war offensichtlich zum Aufbruch bereit. „Cassandra, ich brauche Deine Hilfe.“
Die Sucherin schoss in die Höhe, schlagartig fiel die morgendliche Lethargie von ihr ab. „Was ist passiert?“
„Lord Otranto hat geantwortet. Er ist zu einem Duell bereit. Ich brauche eine Sekundantin.“ Salis blieb erstaunlich ruhig. Ein Späher hatte sie eben benachrichtigt, dass die Antwort eingetroffen war und zum Glück bekam die schlafende Josephine davon nichts mit. Die Elfe hatte ihr einen Brief geschrieben.
„Gib mir fünf Minuten.“ Cassandra wühlte sich hektisch durch ihre Sachen und Salis wartete ungeduldig draußen.
„Ich habe schon zwei Pferde bereitstellen lassen.“ Sie klopfte der Sucherin auf die Schulter. „Danke, Lethallan.“
Ihre Freundin schmunzelte. „Gut, dann hoffe ich jetzt nur noch, dass Du schon einmal einen Degen in der Hand gehalten hast.“
„Na ja, ein paar Mal.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es wird reichen müssen.“
Cassandra seufzte. „Ich gebe Dir unterwegs einige Ratschläge.“
Im unteren Hof schwangen sie sich auf ihre Reittiere, überquerten die Brücke wegen des Eises sehr langsam, im Hochgebirge herrschte eben ewiger Winter, wenngleich auch im Tal der Sommer Einzug gehalten hatte. Sie fielen dann in einen Trab bis zur Schneegrenze und anschließend in ein schnelleres Tempo.
Auf diese Art kamen sie gegen Mittag in Val Royeaux an. Reiter wie Pferd waren verschwitzt und Lelianas Leute kümmerten sich um die Tiere. Die Frauen standen etwas ratlos auf dem großen Platz, an dem viele Geschäfte lagen.
Sie setzten sich in jene Taverne, in der schon Josephine und Leliana gespeist hatten, bestellten sich etwas zu essen, auch wenn Salis nicht gerade einen großen Hunger verspürte. Ein Kontaktmann des Lords erwartete sie schon und teilte ihnen mit, sich in einer halben Stunde auf dem Platz einzufinden. „Der Lord hat Euch nicht so schnell erwartet, Myladies.“
Cassandra konnte offensichtlich nichts den Appetit verderben, wie Salis einmal mehr feststellte, während sie in ihrem Salat herumstocherte. Die Sucherin hatte sich eine kleine Käseplatte bestellt und schwelgte genussvoll in den unterschiedlichsten Aromen der Köstlichkeiten. „Das musst Du probiert haben.“
Sie hielt der Elfe ein Stück auf der Messerspitze hin und diese bekam große Augen. „Lecker.“
„Die riesige Schimmelschicht wird vorher abgemacht.“
„Vergiss, was ich eben gesagt habe.“
Die Sucherin lachte herzhaft. „Je stinkiger, desto besser.“
„Ich bleibe lieber beim Salat.“ Sie tupfte sich die Mundwinkel mit einer seidenen Serviette ab. Was für eine Dekadenz hier doch herrschte. „Da vorne sehe ich zwei Gestalten auf dem Platz, die hier nicht hingehören. Sie tragen keine Masken und ihre Hautfarbe entspricht nicht gerade dem käsig bleichen Teint der Orlaisianer.“
„War mein Mittagessen doch inspirierend.“ Cassandra grinste und sondierte die Umgebung.
Die beiden Männer drehten sich zu ihnen um und verbeugten sich höflich. Der Kontaktmann schien auch als Sekundant zu fungieren und der andere stellte sich nun vor: „Gestatten: Lord Adorno Ciel Otranto.“ Es folgte die zweite Verbeugung und nun konnte Salis ihn eingehender betrachten. Die Mode in Antiva war zwar ebenfalls extravagant, aber nicht so ausgefallen wie hier. Vielleicht trug der Lord auch nur seine Reisekleidung?
Sein Haar war kurz geschoren und die sehr buschigen Augenbrauen fielen der Elfe auf. Er trug eine Kniebundhose und eine lange Jacke darüber. „Ihr werdet sicher einverstanden sein, dass mir als herausgeforderte Partei die Wahl der Waffen obliegt.“
Der Sekundant reichte Salis einen Degen und sie übergab Cassandra ihren Bogen. „Warum wollt Ihr Josephine heiraten?“, fragte die Elfe ohne Umschweife.
„Lady Montilyets Liebreiz ist bekannt in Antiva und sie erschien meiner Familie eine hervorragende Wahl zu sein, wenngleich bekannt ist, dass die Montilyet finanzielle Probleme haben.“ Er machte einige Lufthiebe mit dem Degen um sich aufzuwärmen.
„Ihr werdet sicher verstehen, dass ich eine Verlobung mit allen Mitteln verhindern muss.“ Salis begann, den Lord zu umkreisen. Schließlich kreuzten sie die Klingen. „Lasst uns das hier beenden.“
Beide sprangen zurück, Salis parierte den ersten Hieb und ließ den Angriff Otrantos ins Leere laufen. Sie belauerten sich und der Elfe war klar, dass einzig ihre Schnelligkeit verhinderte, getroffen zu werden. Ihre Fechtkünste waren mehr als lausig. Cassandra ballte die Hände zu Fäusten und drückte ihrer Freundin die Daumen, mehr konnte sie nicht tun.
„Nicht schlecht für eine Dalish Elfe“, bemerkte er anerkennend, als sie den zweiten Angriff unterlief und ihrerseits den Versuch machte, zuzustoßen. „Und das meinte ich jetzt nicht abwertend. Ich kann mir aber vorstellen, dass in Eurem Volk andere Waffen eine größere Rolle spielen.“
„Und wir verschachern einander nicht“, grollte Salis.
Er tänzelte ein paar Schritte zur Seite. „Ich würde es nicht so hart ausdrücken. Antivanische Familien bemühen sich nur, ihr Vermögen und ihr Ansehen zu mehren. In meinem Fall wäre das mein Vermögen und Lady Montilyets Ansehen.“
Eine beachtliche Menschenmenge hatte sich um die Duellanten herum gebildet, aber niemand griff ein. In Orlais war es normal, dass man Zwistigkeiten auf diese Art bereinigte. Trotzdem tuschelten die Menschen, als bekannt wurde, dass der Inquisitor sich gerade duellierte. Mutmaßungen machten die Runde.
Der Lord machte einen Ausfallschritt und erwischte Salis am Ärmel, den er aufschlitzte. Ein brennender Schmerz zeigte ihr, dass nicht nur der Stoff in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sie versuchte, sich nicht von der aufkeimenden Wut ablenken zu lassen. Wieder kreuzten sich ihre Klingen und Salis stieß Otranto mit einem heiseren Schrei von sich.
„Sofort aufhören!“
Diese Stimme … Die Elfe versuchte herauszufinden, woher der Ruf kam, ohne den Lord aus den Augen zu lassen. Die Menschenmenge teilte sich. Besser gesagt: sie wurde geteilt und zwar von einer wutschnaubend heranstürmenden Josephine.
„Ma vhenan?!“ Salis bemerkte, dass Otranto seinen Degen sinken ließ, um die Botschafterin nicht zu verletzen.
„Schluss jetzt!“ Josephine stellte sich zwischen die Duellanten und wandte sich an den Lord. „Ich bitte Euch inständig, die Verlobung zu lösen.“ Sie wirkte verzweifelt und hielt Salis mit einer Hand am Arm davon ab, das Duell fortzusetzen. Ihre Liebste war des Öfteren ein kleiner Hitzkopf.
„Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte?“ Otranto schien recht irritiert zu sein.
„Weil ich Euch niemals lieben werde. Mein Herz gehört Lady Lavellan.“ Josephine legte demonstrativ ihren Arm um Salis Taille. „Ich gehöre zu ihr.“
Der Lord wandte sich an die Dalish Elfe. „Ist das wahr?“
Salis lächelte ihren Schatz glücklich an. „Ja, ich liebe Josephine.“
Er ließ seinen Degen fallen. „Nun, ich habe nicht gewusst, wie tief Eure Gefühle füreinander sind. Gegen die Liebe bin ich machtlos und ich weiß, wann ich mich geschlagen geben muss.“ Er verbeugte sich lächelnd und ging mit seinem Sekundanten davon.
Josephine küsste Salis und flüsterte ihr zu: „Das nächste Mal binde ich Dich am Bett fest.“
Die Elfe grinste keck. „Hattest Du mir das nicht eh versprochen?“
Cassandra verscheuchte derweil die Schaulustigen. Jetzt wusste also bald halb Thedas, dass der Inquisitor und die Botschafterin ein Paar waren. Hoffentlich ließen die Montilyets dann endlich von ihren Plänen ab? „Was haltet Ihr davon, wenn wir uns wieder in die Taverne auf einen Wein setzen?“
Salis löste sich von Josephine und meinte geheimnisvoll: „Nehmt schon mal Platz, ich komme gleich nach.“ Und schon eilte sie um die nächste Ecke.
Als die Elfe wieder zu ihnen stieß, aß die Botschafterin gerade einen gegrillten Fisch. Sie war ebenfalls heute morgen mit leerem Magen los geritten, schaute ihre Liebste fragend an und erntete lediglich ein unverschämt breites Grinsen.
Die drei machten sich nun gemächlicher auf den Heimweg. Lelianas Spione schickten die Krähe wieder zurück, um ihr Kommen anzukündigen:

Verlobung gelöst. Alle wohlauf. Kommen gegen Abend an.
S. Lavellan

Josephine wunderte sich, als Salis ihr Pferd auf halber Strecke anhielt und abstieg. Sie setzte sich auf einen flachen Felsen, nestelte an ihrer Jacke herum und fluchte leise. „Was ist los, ma'arlath?“
Die Elfe zuckte zusammen. „Ach, nichts“ und bedachte Cassandra mit einem hilfesuchenden Blick. „Du hast nicht zufällig etwas Verbandszeug dabei?“
Die beiden Frauen sprang aus den Sätteln und Josephine begann, ihre Liebste abzutasten. „Bist Du verletzt?“ Ihre Hand fuhr über die Wunde am Arm und Salis verzog das Gesicht schmerzverzerrt. „Beim Erbauer, Du blutest!“
„Ist nicht schlimm“, murmelte die Elfe beschwichtigend. Sie zog ihre Jacke aus und begutachtete die Wunde. Der Stoff des Hemdsärmels war rot bis zum Ellenbogen.
„Schöner Mist. Zieh' das Hemd aus.“ Cassandra ging vor ihr in die Hocke und packte das Verbandsmaterial aus. Sie bemerkte das Zögern. „Komm schon, ich habe Dich nach Haven aus Deiner Kleidung geschält. Kein Grund, jetzt schüchtern zu sein.“
Josephine half Salis beim Ausziehen und streichelte die Wange der Elfe, während die Sucherin sie verarztete. „Einen ganz schönen Schmiss hat Dir der Lord da verpasst.“ Cassandra legte ihr einen Verband an.
Salis lächelte. „Das war es wert.“
Die Botschafterin schnaufte unwirsch. Sie war wütend auf ihre Eltern. „Er hätte Dich töten können.“
Die Elfe flüsterte: „Für Dich würde ich jederzeit sterben, ma vhenan.“
Josephine standen Tränen der Rührung in den Augen, ihre Lippen hauchten Salis einen Kuss auf die Stirn.

Leliana las die Nachricht aus Val Royeaux mit Erleichterung, trotzdem stellte sie sich die Frage, wie lange es wohl dauern würde, bis Josephines Eltern den nächsten Heiratskandidaten präsentieren würden.
Sie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, wusste sie doch Niin in besten Händen, denn diese wurde von den Sturmbullen und den Kampfmagiern umsorgt. Fast wäre ihr die Ankunft von Blackwall entgangen, der sich still in seine Stallungen zurückzog. Sie wurde aus ihm nicht schlau und nahm sich vor, mit ihm zu reden. Allerdings schien es ihr heute nicht angebracht zu sein. Sie wusste, dass es ihm eine Herzensangelegenheit gewesen war, die Grauen Wächter zu beerdigen. Es schien ihn zu beschäftigen.
Die rothaarige Frau setzte sich mit einem Seufzer an ihren Arbeitstisch und ließ den Blick im Turm umher schweifen. Zwei Späher fütterten und pflegten die Vögel, reinigten die Käfige und unterhielten sich dabei leise.
Bis zum Abend arbeitete sie ihre Unterlagen durch. Etliche Anfragen aus Orlais waren von Josephine an sie weitergereicht worden. Von Grenzstreitigkeiten bis zur höfischen Intrige war alles dabei.
Sie hielt ein Gesuch des Stadtrates von Val Royeaux ans Fenster, um im letzten Tageslicht die Zeilen lesen zu können. Die Kerzen waren noch nicht angezündet worden. Es war ein Fahndungsbefehl nach einem Kriegsverbrecher, der Tom Rainier hieß und früher Offizier der orlaisianischen Armee war. Er hatte aus Gewinnsucht einen Vorgesetzten samt Familie töten lassen. Sie legte das Schreiben zu den unerledigten Akten, stand auf und stellte sich auf den Balkon.
Wie lange sie sich dort aufgehalten hatte, konnte sie nicht sagen, aber sie bemerkte die Ankunft ihrer besten Freundin, winkte freudig und eilte ihr entgegen.
Sie umarmten sich gut gelaunt und Salis strahlte trotz Verletzung. Cassandra blieb im unteren Hof und wurde von William begrüßt, der sie sogleich in die Arme schloss. Die beiden waren ausgelassen und setzten sich zu den Magiern.
Bei den Sturmbullen machten Josephine und die Elfe wie üblich Halt, denn dort befanden sich um diese Zeit eh die meisten ihrer Weggefährten. Leliana eilte allerdings gleich weiter zu Niin.
„Ihr lasst auch nichts aus, Boss.“ Der Bulle schüttelte grinsend den Kopf.
Sera regte sich auf. „Das ist doch Scheiße!“
„Was, Sera?“ Lace war schon wieder drauf und dran, die Geduld mit der Stadtelfe zu verlieren. Sie konnte diese vorlaute Göre einfach nicht ausstehen. Wobei das Wort Göre vielleicht deplatziert war, denn sie mochten im gleichen Alter sein. Es kam auf das Verhalten an, das den Unterschied machte.
„Na, warum können die Leute andere nicht lieben lassen, wen sie wollen?“ Sera machte ein wütendes Gesicht.
Alle starrten sie erstaunt an und Salis schmunzelte. „Das ist das erste Mal, dass ich Eurem Gerede zustimme. Es klingt richtiggehend vernünftig.“
„Fast erschreckend, oder?“ Sera lachte lauthals los und steckte damit die illustre Runde an.
Krem stand gähnend auf und Lace wickelte sich aus ihrer Decke.
„Ist schon spät. Gute Nacht zusammen.“ Sie gingen zu ihrem kleinen Raum und als die Zwergin eintreten wollte, hielt er ihr von hinten die Augen zu. „Kleine Überraschung, Wölkchen.“ Er zog seine Hände wieder weg.
Lace blickte ihn erst verwundert an und lächelte dann regelrecht verzückt. Er hatte sowohl einen Bettüberzug, als auch Kissen und Vorhänge geschneidert, um aus dem kleinen Raum ein Schmuckstück zu machen. Es sah behaglich aus. Ihr kleines Refugium.
Die Zwergin zupfte aufgeregt an seinem Ärmel, er beugte sich zu ihr hinab und sie wisperte ihm ins Ohr: „Du bist so süß, Krem. Einfach zum anbeißen.“ Er schloss die Tür schnell.

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