Salis erwachte recht früh, da in den Westgraten die Temperaturen schnell anstiegen, wenngleich es einem wegen des trockenen Wüstenklimas nicht ganz so schlimm vorkam. Sie mussten trotzdem mit den Wasservorräten haushalten, solange sie keine Quelle fanden. Das hieß mal wieder, Katzenwäsche zu betreiben. Mittlerweile waren alle darin geübt, sich mit dem Nötigsten zu begnügen.
William ließ heute seine morgendliche Teestunde aus. Es schien, als sei es ihm wichtiger, sich so lange wie möglich an Cassandra zu kuscheln, die ihm verschlafen jenen Arm streichelte, den er um ihre Mitte gelegt hatte.
„Hoch mit Euch“, ächzte Dorian und streckte sich.
Widerwillig falteten sie ihre Decken zusammen und setzten sich ans Feuer zum gemeinsamen Frühstück. Salis erteilte Niin und den vier Spähern Instruktionen. „Einen Teil des Weges gehen wir gemeinsam, dann seht Ihr zu, wo Ihr auf der Hochebene ein Lager errichten könnt. Haltet nach Wasserstellen Ausschau.“
Hawke schärfte ihnen ein: „Es gibt hier viele Tiere, die uns als Appetithäppchen ansehen. Hyänen, Stachelrücken, Varghests. Die Stachelrücken sind schwer zu erwischen. Die Viecher haben lange Schnäbel und eine ganzen Reihe von Stacheln auf dem Rücken. Den Varghests geht Ihr lieber so gut es geht aus dem Weg. Sie sind entfernt mit Drachen verwandt.“
Salis schubste Niin grinsend an. „Hier wird Deine Tierliebe auf eine harte Probe gestellt.“
Die Stadtelfe knuffte ihr lachend in den Arm. „Es gibt Viecher, mit denen möchte nicht mal ich Freundschaft schließen.“
Blackwall, der Graue Wächter in den Reihen der Inquisition, hatte seit gestern Abend kein Wort mehr von sich gegeben. Cassandra fragte sich, ob es daran lag, dass er an seine ehemaligen Kameraden denken musste.
Sie machten sich zu Pferde auf den Weg, der Ochsenkarren folgte gemächlich mit den Zelten. Schnell konnten sie nicht reiten, da sich der Weg an einer Schlucht entlang schlängelte, die für den Karren fast zu schmal war.
Plötzlich glitt ein riesiger Schatten über sie hinweg und die Sucherin schrie: „Ein Abyssischer Hochdrache!“
Ein vielfaches Fluchen antwortete ihr, aber das gigantische Tier flog einfach auf und davon. Sie waren von den Pferden abgesprungen und hatten sich an die Felswand gedrückt. Nun atmeten alle auf und schwangen sich wieder in die Sättel.
„Verdammte Scheiße, war das Biest groß!“ Salis saß der Schreck noch in den Knochen und Niins Augen waren noch größer als sonst. Sie hatte von Drachen gehört, aber nun selbst einen gesehen zu haben, das sprengte all ihre Vorstellungen.
Die Schlucht hatten sie binnen einer halben Stunde umrundet und sie ließen das Gewirr der Canyons hinter sich. Vor ihnen lag also die berüchtigte Hochebene. Berüchtigt vor allem wegen der Wegelagerer, aber Hawke erzählte, dass sie keinem einzigen begegnet war. Ein Zeichen, dass dort etwas vor sich ging.
Die Ebene war nicht flach, es ging noch einmal terrassenförmig bergauf und dahinter lag irgendwo der Ritualturm. Salis verabschiedete sich von Niin und den Spähern, die sich überlegten, wie sie mit dem Ochsenkarren nach ganz oben kamen. Schlimmstenfalls mussten sie alles den Hang hinauf schleppen.

Stroud rutschte nervös im Sattel hin und her, stellte sich dann und wann im Steigbügel auf, um sich einen besseren Überblick verschaffen zu können. War man erst einmal auf der obersten Ebene angekommen, dann konnte man den Turm gar nicht übersehen. Die Baumeister aus Tevinter schienen an wuchtigen Formen Geschmack gehabt zu haben. Vor den Mauern ragten Stacheln aus Metall in die Höhe wie Zähne eines Raubtieres und zum Bauwerk führte eine Brücke. Sie ließ den Turm mächtiger aussehen. Bedeutender.
Sie schritten eine Treppe hoch und wurden geradewegs Zeugen eines schrecklichen Rituals. Ein Magier der Grauen Wächter schnitt seinem Kameraden die Kehle auf und rief einen Dämonen herbei. Ein Mann zeigte dem Wächter, wie man ein solches Wesen unter Kontrolle brachte.
Salis flüsterte entsetzt: „Das ist also die Dämonenarmee, von der Dorian und ich in der Zukunft gehört hatten. Bei allen Göttern.“
Erst jetzt bemerkte man die herannahende Gruppe, aber statt zu kämpfen, grinste der Magier und begrüßte sie mit einer höfischen Verbeugung: „Ich bin Magister Livius Erimond von Vyrantium.“
Salis schrie: „Hört auf mit diesem Wahnsinn!“
Den Magister beeindruckte das wenig. „Sie tun nur das, was notwendig ist. Kommandantin Clarel hat dies erkannt.“
Blackwall brach sein Schweigen und wandte sich an seine Brüder: „Glaubt diesem Lügner kein Wort! Noch ist es nicht zu spät!“
Der Magister lachte höhnisch. „Ich glaube kaum, dass die Wächter auf Euch hören werden.“ Mit einer Geste demonstrierte er, dass sie vollkommen unter seiner Kontrolle standen. Er hob den Arm und alle Wächter taten es ihm gleich, fast wie Marionetten. „Sie werden mir und Corypheus gehorchen.“
„Der Ruf ...“ Stroud verlor die Fassung.
„Eine List meines Meisters, welche die Grauen Wächter zu verängstigten Kindern machte.“ Erimond bleckte seine Zähne zu einem wölfischen Grinsen. „So konnte ich Kommandantin Clarel das Angebot schmackhaft machen, mittels Blutmagie Dämonen zu beschwören.“
„Was hatte sie damit vor?“ Cassandras sonst so feste Stimme zitterte leicht.
„Sie wollte damit in die Tiefen Wege ziehen zu einer letzten großen Schlacht. Die Alten Götter töten, bevor sie zu Erzdämonen werden.“ Er kicherte. „Keine Erzdämonen, keine Verderbnis. Mein Meister allerdings hat andere Pläne. Die Grauen Wächter werden uns helfen, ganz Thedas zu überrennen.“ Sein Lachen klang wahnsinnig.
„Nicht, wenn wir es verhindern können.“ Salis griff nach ihrem Bogen, aber sie sank stöhnend auf die Knie. Erimonds Hand leuchtete rot, ebenso wie das Mal der Elfe grün flackerte.
„Mein Meister wusste, dass Ihr kommen würdet und er zeigte mir, wie ich Euch in Schach halten kann.“
Sie nahm all ihre Kraft zusammen, richtete sich auf und schleuderte dem arroganten Erimond die Magie des Mals entgegen. Er flog einige Meter durch die Luft und rutschte an einer Mauer herab. So hatte er sich seinen Triumph über den Inquisitor nicht vorgestellt.
„Wie könnt Ihr ...“ Er wirkte verunsichert, fast panisch und brüllte: „Angriff, Wächter!“ Dann rannte er wie ein Hase davon.
„Mit dem Arschloch befassen wir uns später“, knurrte Hawke und zog ihr Schwert.
Salis spannte den Bogen, während Blackwall, Stroud und Cassandra nach vorne gingen. Die beiden Magier, William und Dorian, agierten aus einiger Entfernung und ihre Magie ließ die Luft im Umkreis etlicher hundert Meter flimmern. Erst jetzt wurde Cassandra bewusst, wie mächtig Williams Magie wirklich war. Er schrie sich die Seele aus dem Leib und seine Blitzzauber zerrissen die Dämonen regelrecht. Zur Unterstützung seiner Magie verleibte er sich einen Lyriumtrank ein. Dorian tat es ihm gleich.
Die Dalish Elfe zeigte, warum sie die beste Bogenschützin ihres Clans war. Einige ihrer Pfeile hatten eine seltsam runde Pfeilspitze. Es handelte sich um Explosivgeschosse, die einem Wächter die Gedärme herausrissen.
Die vier Krieger metzelten den Rest der Gegner binnen Minuten nieder und standen dann blutbeschmiert und schwer atmend im Halbkreis.
„Wohin ist dieses stinkende Wiesel abgehauen?“, schnaufte Salis wütend.
„In der Richtung gibt es eine alte Wächterfestung: Adamant.“ Stroud strich sich wieder durch den Bart. „Hawke und ich werden ihm folgen.“
Blackwall schüttelte den Kopf. „Ich werde unsere Brüder beerdigen. Was sie taten, war falsch, aber dieses Ende verdienen sie nicht. Kein Raubtier soll sich an ihnen satt fressen können.“
Cassandra nickte und lehnte sich gegen die Mauer, um wieder zu Atem zu kommen. In diesem Moment schoss ein heller Funke in die Höhe. „Da! Das Notsignal!“
Salis fuhr herum. „Das ist Niins Lager!“ Sie sagte zu Blackwall: „Das hier muss warten. Hawke, Stroud, kommt bitte mit. Keine Ahnung, was da los ist.“
Sie waren zwar erschöpft, aber jeder riss sich zusammen und sie schwangen sich auf die Pferde, um in einem wilden Ritt so schnell wie möglich am Lager zu sein. Cassandra fragte sich bange, was passiert war.

Das Lager hatten Niin und die Späher schnell aufgebaut, nachdem sie einen Weg für den Ochsenkarren gefunden hatten. Sie stellten zwei Wachposten auf und einer davon deutete auf eine Ruine. „Das ist ein alter Wasserturm. Schaut mal nach, ob wir da fündig werden.“
Zu dritt machten sich Niin und zwei der Späher auf den Weg dorthin. „Hier gibt es anscheinend etliche Bauten.“ In der Ferne sahen sie eine Festung und auf einem Berg riesige Mauern.
Die Drei blickten sich nervös um, als sie an der Ruine angekommen waren. „Hm, pfurztrocken“, bemerkte einer der Späher verärgert.
„Mir ist das unheimlich hier“, murmelte Niin.
„Ach, komm schon. Du bist ne Anfängerin. Man gewöhnt sich daran.“ Er lehnte sich lässig gegen die verfallene Mauer, eine Sekunde später fehlte ihm der Arm und er hörte nicht auf zu schreien. Sein Blut spritzte den beiden ins Gesicht, er ging in die Knie und um sie herum wurde der Sand lebendig.
Sie kamen aus dem Nichts. Genauer gesagt: sie kamen aus dem Sand.
„Scheiße! Dunkle Brut!“ Der andere Späher zog seinen Bogen, Niin hatte die Sehne gespannt und bereits auf das erste Scheusal angelegt. Für ihren Kameraden konnten sie nichts mehr tun. Er lag mit dem Gesicht auf dem Boden und rührte sich nicht.
Rücken an Rücken versuchten sie, zurück zum Lager zu gelangen oder zumindest auf sich aufmerksam zu machen. Noch nie war der Elfe eine Entfernung so unerreichbar vorgekommen. Ihre Pfeile durchlöcherten die Dunkle Brut, aber aus dem Sand gruben sich immer weitere Gestalten aus.
Eine davon packte Niins Knöchel und riss sie zu Boden. Sie trat panisch um sich, zog ihren Dolch und rammte ihn der Bestie ins fratzenartige Gesicht. Er ließ von ihr ab, aber sie lag immer noch auf der Erde. Eine Klaue packte ihre Seite, der Schmerz durchfuhr sie, lähmte sie für einen Augenblick, dann wurde der Unhold von ihr weggerissen.
Ihr Begleiter kämpfte nun ebenfalls mit zwei Dolchen und stieß sie dem Biest in den Rücken. „Los! Hoch mit Dir, Larion!“
Sie kam taumelnd auf die Beine, hielt sich die Seite und bemerkte das Blut an ihrer Hand. Sie liefen weiter auf das Lager zu. Ihre Kameraden hatten gesehen, dass sie angegriffen wurden und rannten ihnen entgegen. Niin schleppte sich zwischen die Zelte und sackte zusammen.
„Gib' das Notsignal!“ rief der Späher, welcher sie begleitet hatte. Er riss Niins Hemd hoch und versuchte, die Blutung zu stoppen. „Oh, Erbauer!“ schrie er und fiel nach hinten auf seine Sitzfläche.
„Was ist?“ Die Elfe tastete nach der Wunde und verlor fast das Bewusstsein, als sie den Kopf anhob und sah, was ihn erschreckt hatte. Die Haut rund um die Verletzung hatte sich schwärzlich verfärbt. Die Adern hoben sich dunkel ab.
Ein zweiter Späher drückte schließlich einen Verband auf die Wunde und meinte leise: „Sieh' mich an, Larion.“ Sie schaute fragend zu ihm hoch und sah seine traurigen Augen. „Dich hat's erwischt.“
Es dauerte, bis sie verstand. Die Verderbnis, sie war in ihr. Infiziert. Langsam sickerte diese Erkenntnis zu ihr durch. Sie war dabei, das Bewusstsein zu verlieren und nahm nur verschwommen wahr, dass Gesichter vor ihr hin und her zu tanzen schienen.

Salis schlimmster Alptraum wurde wahr, als sie im Lager ankamen. Jemand, der ihr am Herzen lag, war verletzt worden. Während sie sich um Niin kümmerte, sicherten Blackwall, Hawke und Stroud das Lager. Cassandra wühlte mit zitternden Händen im Verbandsmaterial herum und Dorian untersuchte die Wunde.
„Komm schon, Krümel, red' mit mir.“ Die Verzweiflung ließ ihre Stimme brüchig werden. Salis tätschelte Niins Wange und als diese die Augen öffnete, hätte die Dalish Elfe am liebsten aufgeschrien. Niins blaue Augen waren nun gelblich. Die Adern in ihrem Gesicht verfärbten sich ebenfalls langsam, sie wirkten grau und traten hervor. Um die Augen herum bildeten sich dunkle Ringe und einige ihrer Haarsträhnen verloren die dunkelbraune Farbe.
„Sie ist verderbt.“ Stroud kam hinzu, er ließ den Kopf hängen und Salis Hand krallte sich in seinen Ärmel.  
„Ihr müsst etwas tun. Nur ein Grauer Wächter kann jetzt noch helfen.“ Tränen standen in ihren Augen. „Ich bitte Euch!“ Es war mehr ein Flüstern und er schüttelte den Kopf.
„Führt das Beitrittsritual durch. Stroud! Blackwall!“ Cassandra blickte flehentlich von einem Wächter zum anderen.
„Ich weiß nicht, wie.“ Blackwall wirkte ratlos.
Stroud sprang in die Höhe. „Aber ich.“ Er sah sich um. „Wir brauchen Lyrium und das Blut der Dunklen Brut.“
Dorian spuckte auf den Boden. „Ich besorge Euch gerne etwas vom Blut dieser Bastarde.“
William gab ihm eine Phiole seines Lyriumvorrates, den er immer am Gürtel trug. „Reicht das?“ Er nahm Niins Verband wieder ab und begann damit, einen Heilzauber zu wirken, um die Blutung zu stoppen.
Stroud nickte und schöpfte wieder Hoffnung. „Ich habe immer etwas getrocknetes Blut eines Erzdämonen bei mir. Lyrium ist vorhanden. Also, lasst uns auf die Jagd gehen nach der letzten Zutat. Schnell.“
Cassandra, Blackwall, Dorian und Stroud machten sich auf die Suche nach der Dunklen Brut. Auf einmal hielt Stroud die Sucherin und den Magier aus Tevinter zurück, während Blackwall weiter ging. „Dort sind sie. Er muss sie doch spüren. Ich tue es jedenfalls.“
Aber der ältere Wächter ging weiter und wäre angefallen worden, wenn nicht Dorian zeitig eine Feuerwand zwischen ihm und dem Angreifer gezaubert hätte. Darüber nachdenken, was dies zu bedeuten hatte, konnten sie immer noch. Jetzt galt es, das Blut in eine Phiole abzufüllen und schnell wieder ins Lager zu kommen.
Dort hatte sich Niins Lage verschlechtert. Salis redete immer noch auf sie ein. „Bleib bei mir Krümel.“ Sie streichelte ihre Wange. Niins Gesicht war nun von schwarzen Adern durchzogen, die Augen verschwanden in dunklen Höhlen und ihr Haar wies etliche graue Strähnen auf.
Stroud beeilte sich, den Trank zu mischen. Das Blut des Erzdämonen hütete er wie eine Reliquie und bewahrte es getrocknet in Pulverform auf. Er hielt Niin den Becher an die Lippen.
„Trink, Niinara.“ Salis Worte schienen sie erreicht zu haben, die Stadtelfe öffnete die Augen und nahm einen Schluck. Sie hustete.
„Alles.“ Stroud war unerbittlich und zum Glück konnte sie den Trank hinunter würgen. Dann verlor Niin das Bewusstsein. „Nun müssen wir abwarten.“
„Was passiert jetzt?“, fragte Cassandra kreidebleich.
„Sie wird sterben oder ein Grauer Wächter werden. Und der Tod wäre ihr sowieso gewiss gewesen.“ Stroud warf Blackwall einen finsteren Blick zu, den nur Salis mitbekam.
Sie setzte sich neben Niin und zog die Beine an. „Warten wir ab. Mehr können wir nicht tun. Sollen wir eine Nachricht in die Himmelsfeste schicken?“
„Dazu ist es noch zu früh, finde ich.“ Dorians Knie waren immer noch weich. Es ging ihm an die Nieren, Niin in diesem Zustand zu sehen. William nahm Cassandra in den Arm.
Sie warteten die halbe Nacht. Der Zustand der Elfe blieb unverändert, was Stroud als gutes Zeichen wertete. Salis wünschte sich, dass sie seinen Optimismus hätte teilen können. Sie wachte über ihre Freundin und wollte sich nicht davon abbringen lassen. Dorian und William wechselten sich mit dem Wirken von weiteren Heilzaubern ab, die Niins Abwehrkräfte stärken sollten.
„Du brauchst Schlaf, meine Liebe.“ Cassandra legte Salis eine Decke über die Schultern. „Komm, ich löse Dich ab.“ Niin stöhnte leise und die beiden Frauen zuckten zusammen.
„Sieht so aus, als hätten wir demnächst eine Graue Wächterin in unseren Reihen.“ Dorian hätte vor Erleichterung weinen können. Er versuchte diesmal nicht, dies zu überspielen.
„Wir müssen Niin so schnell wie möglich von hier weg bringen, aber sie wird nicht transportfähig sein.“ Salis hätte sich ohrfeigen können. Sie hatte sich selbst versprochen, auf Niin aufzupassen und wie konnte sie jetzt noch Leliana je wieder in die Augen blicken?
Cassandra drückte sie kurz an sich. „Mach Dir keinen Vorwurf.“
„Kannst Du Gedanken lesen?“ Die Dalish Elfe grinste schief.
„Schick eine Nachricht und frage nach Annabelle. Sie soll uns entgegen … eilen.“ Die Sucherin führte eindeutig etwas im Schilde.
„Warum Annabelle?“ Salis runzelte skeptisch die Stirn.
„Weil sie am schnellsten ist. Glaub' mir.“
William nickte. „Sie ist nicht nur eine erstklassige Heilerin, sondern auch Gestaltenwandlerin.“ Irgendwann kam es sowieso heraus und es gab schlechtere Momente. Sie schickten eine Krähe mit der Nachricht los:

Späher Hemmings getötet. Käuzchen schwer verletzt. Stroud musste Beitrittsritual vollziehen.
Schickt uns Annabelle entgegen. Schnell.
Salis Lavellan

„Wir haben noch etwas zu erledigen.“ Stroud deutete auf den alten Wasserturm. „Irgendwo dort kommen sie an die Oberfläche. Wir müssen diesen Zugang versiegeln.“
Sie warteten, bis der Tag anbrach, dann gingen Stroud, Dorian, William und Blackwall los und untersuchten den Erdboden. Sie entdeckten einen großen Riss unter dem Sand, der mehrere Meter lang war.
„Deswegen schien die Brut also direkt aus dem Sand zu kommen.“ William ging in die Hocke und überlegte, wie sie den Riss verschließen konnten. Sein Blick fiel auf die Ruine und dann kam ihm eine Idee: „Wie wäre es, wenn wir den Schutt in den Riss befördern und einige große Steine drauf packen?“
„Das dauert Tage“, warf Blackwall ein, aber der weißhaarige Magier lächelte bloß.
„Dorian, verstehst Du Dich auf Telekinese?“
Sein Vetter nickte eifrig. „Nicht so gut wie auf Feuermagie, aber es dürfte reichen, um die Steine bewegen zu können, allerdings müssen wir erst den Riss komplett freilegen.“
William streckte seine Arme in die Höhe. Vor ihm entstand ein Luftwirbel, der immer größer wurde. Einmal in Bewegung gesetzt, schleuderte er den Sand beiseite und hinterließ blankes Gestein.
Nun wussten sie genau, wo die Dunkle Brut ihr Schlupfloch hatte. Die beiden Männer rissen mit ihrer Magie den Turm ein, während die Wächter einen Unhold nach dem anderen töteten.
„Das nimmt ja kein Ende!“, schnaufte Blackwall schweißgebadet.
Nach einer Stunde war der Riss im Fels geschlossen, sie konnten zurück zum Lager gehen und aufbrechen. Cassandra und Hawke hatten die Wache übernommen, damit sich die Späher ausruhen konnten. Salis saß neben Niin und kühlte ihr ab und zu mit einem feuchten Tuch die Stirn.
Die Stadtelfe sah immer noch schrecklich entstellt aus. Das schwarze Adergeflecht auf ihrem Körper hatte aber mittlerweile eine graue Färbung angenommen und die Augen wirkten nicht mehr ganz so eingefallen. Trotz der Heilzauber musste die Wunde vernäht werden, da sonst ein Transport zu Pferde nicht hätte erfolgen konnte. Cassandra übernahm die Operation.
Sie war auch diejenige, die Niin zuerst mit in den Sattel nahm. Die Verletzte saß vor ihr und damit sie nicht zur Seite hinunter fallen konnte, band die Sucherin sie mit einem Seil um die Schultern an sich fest. Besonders schnell konnten sie so nicht reiten, aber wenigstens machten sie sich endlich auf den Weg. Das Lager wurde aufgegeben. Die Späher würden die Grauen Wächter am Turm beerdigen, Blackwall ritt mit ihnen. Hawke und Stroud verfolgten Magister Erimond und wollten die Festung beobachten, in deren Richtung er geflohen war.

Der Späher, welcher die Nachricht der Krähe abnahm, erstarrte und schickte seinen Kameraden weg, der eilig die Treppen hinunter sprang. Er rannte wie der Blitz durch die Haupthalle und trat fast die Tür des Arbeitszimmers ein, in dem Josephine vor Schreck die Feder fallen ließ. So früh am Morgen hasste sie Hektik. Aber irgendetwas alarmierte sie.
„Kommt schnell, es ist etwas Schreckliches passiert. Die Nachtigall, sie wird …“
Mehr musste er nicht stammeln, die Botschafterin schoss durch die Tür und flitzte in erstaunlicher Geschwindigkeit an Solas vorbei, als sie Lelianas verzweifelten Schrei hörte, der ihr durch Mark und Bein ging. Er riss alte Wunden wieder auf. Die Angst um Salis.
„Was ist los?“ Der Magier schaute verwirrt nach oben und Josephine hechtete die Treppen hinauf. In Sorge rannte er einfach hinterher.
Fiona war vor Schreck das Buch aus der Hand gerutscht, sie beugte sich über das Geländer und versuchte, heraus zu finden, was geschehen war. Die Botschafterin und Solas überwanden die letzte Treppe und blieben außer Atem stehen.
Der Späher hatte sich über Leliana gebeugt, die ohnmächtig am Boden lag. Josephine las die Nachricht und es schnürte ihr die Kehle zu. Fiona erschien, um zu fragen, ob jemand ihre Hilfe brauchte und bedachte die Meisterspionin mit einigen Heilzaubern. Endlich schlug sie die Augen auf. Es dauerte einige Sekunden, bis sie wieder wusste, was geschehen war. „Nari.“ Das war alles, was sie hervor brachte, dann brach Leliana in Tränen aus. Sie klammerte sich an Josephine fest, die ihr beruhigend durch das rote Haar strich.
Fiona warf einen Blick auf die Nachricht. „Annabelle?“ Natürlich! Niemand konnte so schnell sein wie ein Vogel. Außer ihr. „Ich rede mit ihr.“ Die ehemalige Großverzauberin war für ihr Alter ziemlich flink unterwegs.
Die Meisterspionin brachte zwischen zwei Schluchzern hervor: „Ich muss zu ihr.“
Josephine seufzte. „Ich werde Dich wohl nicht davon abbringen können, aber ohne mich gehst Du nirgendwo hin.“
„Das kommt gar nicht in Frage!“, wehrte Leliana vehement ab. Sie rappelte sich hoch und stand unsicher auf den Beinen, die ihr fast wieder nachgegeben hätten, wenn Josephines Griff um ihren Arm nicht so fest gewesen wäre. Sie machte ein paar wackelige Schritte und winkte dann ab. „Es wird gehen müssen.“
Ihre Haltung straffte sich, sie begann, die Beherrschung wieder zu erlangen, konnte aber hinterher nicht sagen, wie sie die Treppen hinunter gekommen war. Sie dachte nur noch an Niin.
Die Sturmbullen verstummten am Lagerfeuer. Etwas war passierte, das war zu sehen und zu spüren. Erst rannte Fiona an ihnen vorbei und nun sahen sie die beiden blassen Frauen die Treppe zum oberen Hof hinab gehen. Solas tänzelte nervös und hilflos hinterher.
„Was gibt’s, Botschafterin?“ Varric kam misstrauisch näher. Er ahnte etwas, das sein Verstand zu verdrängen suchte.
Josephine gab ihm den Zettel und niemand hätte mit einem dermaßenen Gefühlsausbruch des sonst so flapsigen Zwerges gerechnet. „Mein Krümelchen?“, japste er und Tränen traten ihm in die Augen. Er schnaufte, atmete heftig und schrie seinen Schmerz hinaus. Dann sackte er auf einem Baumstamm zusammen und nahm den Kopf in die Hände. Er weinte.
„Ich reite ihr entgegen.“ Bei seinem Anblick kamen Leliana wieder die Tränen, aber es war ihr längst egal.
„Ich komme mit.“ Varric wischte sich über das Gesicht.
Krem und der Sturmbulle wühlten eilig einige Sachen zusammen. Etwas Proviant und ein paar Decken. „In dem Zustand kann ich Euch nicht alleine reiten lassen.“ Josephines Entscheidung stand fest. Sie war eine sehr gute Reiterin und weder Varric noch Leliana hatten den Kopf frei. Ihr selbst war zwar übel vor Aufregung, aber sie schickte einen Späher an die Stallungen, um vier Pferde satteln zu lassen. Sie rechnete damit, dass Annabelle sie begleiten würde.
Dann lief sie zum Quartiermeister, dem auch die Waffenausgabe unterstand, deckte sich mit einem Bogen für Leliana ein und legte sich einen Gürtel mit einigen Dolchen an. Ihre bevorzugte Waffe. Varric würde sicher seine Armbrust Bianca mitnehmen.
So ausgestattet, kehrte sie zurück. Cullen versuchte mittlerweile vergebens, Leliana von ihrem Vorhaben abzubringen. „Wer soll die Inquisition führen, wen Euch etwas zustößt? Wir können es nicht riskieren, Euch beide los zu schicken.“
Ihre Nase stieß fast an seine, als sie ihn anknurrte: „Versucht, mich davon abzuhalten.“
Er wandte sich verzweifelt an Josephine. „Lady Montilyet, Ihr seid immer die Stimme der Vernunft gewesen. Sagt doch was!“
„Ich kann meine Freunde nicht im Stich lassen. Das versteht Ihr doch, oder?“ Die Botschafterin schob ihn sanft, aber energisch zur Seite und marschierte an ihm vorbei. Die gesattelten Pferde standen im Hof bereit und Annabelle wartete ebenfalls dort.
Leliana folgte ihr und als Varric an Cullen vorbei kam, murmelte er: „Falls Ihr Freunde habt.“ Ihm graute es davor, sich mit seinen kurzen Beinen auf das riesige Tier schwingen zu müssen, aber einer der Stallburschen half ihm in den Sattel.
„Wir haben ein Pferd für Euch.“ Die Meisterspionin hatte ihren Satz noch nicht richtig beendet, da schwang sich die Annabelle hinter ihr in den Sattel und sagte leise: „Ich brauche kein Pferd. Lasst uns nur außer Sichtweite kommen.“
„Was habt Ihr vor?“
Annabelle grinste. „Werdet Ihr gleich sehen.“
Nach zehn Minuten hielten sie an und die Magierin glitt aus dem Sattel. Sie stellte sich vor die drei Reiter und meinte: „Wir sehen uns.“ Dann verwandelte sie sich in einen großen Raben und flog davon.
Josephine starrte mit offenem Mund in den Himmel und kniff wegen der Helligkeit die Augen zusammen, dann lächelte sie. „Siehst Du, Niin wird schneller Hilfe bekommen, als wir dachten.“

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