Nach der Abreise des Inquisitors verlief Krems Vormittag recht unerfreulich. Offensichtlich nutzten einige Templer die Abwesenheit Cullens, um Streit mit den Magiern anzufangen. Schon am frühen Morgen riss ihn Geschrei aus dem Schlaf. Er verlor keine Zeit mit seiner Rüstung und eilte in Hemd und Hose hinunter in den unteren Hof.
Eine Gruppe Templer, und zwar jene, die mit Cullen aus Kirkwall gekommen war, redete auf zwei ihrer Kameraden ein. Diese schienen anderer Meinung zu sein und als Krem sie erreicht hatte, wurde ihm klar, warum. Beide hatten sich in Magier verliebt und das passte den restlichen Mitgliedern natürlich gar nicht. Nun standen sie ihren Kameraden gegenüber, die Gesichter rot vor Zorn, in den Augen Verzweiflung.
„Was ist hier los?!“ Krems Stimme donnerte über den Hof. Er fragte sich, wo Korporal Vale bloß steckte? Er sollte Cullen vertreten und ließ sich nicht blicken.
Fiona kam ebenfalls angelaufen, nachdem ein Magier sie gerufen hatte. Sie stellte sich neben den Hauptmann und natürlich hatte das Geschrei viele Schaulustige angelockt.
„Du hast den Orden verraten!“, schrie einer von Cullens Leuten, den Blick auf sein Gegenüber gerichtet und spuckte vor sich aus. Seine Augen waren gerötet, die Wangen eingefallen. Die ehemalige Großverzauberin erkannte, dass er unter den gleichen Symptomen litt wie Cullen. Er hatte das Lyrium abgesetzt und war unberechenbar geworden.
Sandon, der blonde Templer, der sich in Rianne, die Magierin verliebt hatte, schnaubte vor Wut. Neben ihm stand seine Kameradin und ein Magier hatte den Arm schützend um sie gelegt. „Es gibt keinen Orden mehr!“ Dann ließ er resignierend die Arme sinken. „Werdet doch endlich vernünftig. Wir alle wollen das Gleiche. Frieden. Wenn wir uns dauernd die Köpfe einschlagen, wird Corypheus gewinnen. Soll der Tod unserer Schwestern und Brüder wirklich umsonst gewesen sein?“ Er blickte seine sechs Kameraden der Reihe nach an. Einige schüttelten betreten den Kopf, aber ihr Rädelsführer ließ sich davon nicht beeindrucken.
Mittlerweile kam Korporal Vale angerannt und stellte sich zwischen die Streithähne. „Hört sofort auf damit!“
Der aufsässige Templer trat einige Schritte auf ihn zu. „Ihr habt mir gar nichts zu befehlen“, knurrte er bedrohlich.
„He! Es reicht jetzt!“ Krem ging dazwischen, im Gegensatz zu Vale war er den raueren Ton gewohnt.
„Von einer Witzfigur lasse ich mir schon gar nichts sagen“, provozierte ihn der Templer, aber Krem blieb äußerlich ruhig.
„Ich bin Hauptmann, Ihr Soldat. Es ist so einfach, dass Ihr es sicher auch verstehen werdet.“
„Ich nehme nur von einem Templer Befehle entgegen!“ Wieder spuckte er aus und bemerkte nicht, dass sich die Sturmbullen oben an der Mauer postiert hatten. Sie kannten sich so lange, dass jeder wusste, was er zu tun hatte.
„Wenn es Euch nicht passt, dass hier Magier zugegen sind, dann geht.“ Fionas Stimme klang klar und bestimmt, schneidend wie eine Schwertklinge.
Der Hitzkopf schaute sie einige Sekunden lang zögernd an, dann brüllte er: „Wenn hier jemand verschwindet, dann Ihr! Wegen Euch Magiern sind wir erst alle hierher gekommen. Ihr musstet ja unbedingt den Aufstand lostreten.“
„Du bist ja vollkommen irrsinnig geworden“, rief Sandon und eine Sekunde später wollte sein Kamerad mit gezogenem Schwert auf ihn losgehen, aber er prallte gegen eine unsichtbare Mauer. Fiona hielt das Energiefeld aufrecht, Krem trat ihm das Schwert aus der Hand und schlug ihm die Faust ins Gesicht. „Korporal, nehmt ihn in Haft. Ihn und seine Mitläufer. Soll Cullen entscheiden, was mit ihnen geschieht.“
Die Templerin sah Sandon stumm an, dann zogen beide ihre Rüstungen aus. Es war ihnen egal, dass sie in der Unterwäsche da standen. Sie wollten nichts mehr mit den Templern zu tun haben. Annabelle brachte ihnen schnell zwei Decken. Vier weitere Templer, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten, taten es ihnen gleich. Der Orden der Templer war tot. Gestorben an diesem Tag.

Der restliche Tag verlief zäh und Krem verbrachte die meiste Zeit damit, hinter dem Zelt auf und ab zu laufen. Er suchte nach Worten, aber wenn man so lange wie er in der Armee gedient hatte, dann fielen einem wenig romantische Sätze ein. Er fluchte, raufte sich die Haare, trat Cassandras Übungspuppen und ließ sich dann erschöpft auf einen Baumstamm am Lagerfeuer nieder.
Flicker reichte ihm eine Tasse Tee. „Du kannst Dir jetzt die schönste Liebeserklärung einfallen lassen, aber ich denke, wenn Du vor ihr stehst, ist eh alles wie ausgelöscht.“
„Sehr ermutigend“, brummte Krem verstimmt. Er beobachtete einen der Späher, der geradewegs auf sie zulief und ihm dann einen Zettel überreichte: „Das kam eben aus Redcliff.“ Der Mann grinste breit und eilte wieder davon.

Bin gut angekommen und werde gemästet.
Ich vermisse Dich so sehr. Pass auf Dich auf.
Lace

Krem sprang auf und bemerkte nicht, dass er seinen Becher umgeworfen hatte. Er wedelte aufgeregt mit dem Zettel vor Flickers Nase herum. „Sie vermisst mich!“, rief er glücklich und achtete nicht darauf, dass seine Stimme immer höher wurde. „Ich … morgen früh …“ Er rannte hektisch ins Zelt, wühlte seine Sachen zusammen, flitzte an die Wäscheleine und pflückte seine Sachen herunter.
„KREM!“ Flicker schüttelte mitleidig den Kopf. „Komm, setz' Dich und beruhige Dich.“ Der Hauptmann gab ihm den Zettel zu lesen. „Also, es ist ja schon mal eine gute Sache, dass Harding Dir eine Nachricht zukommen lässt. Hm, und dass sie Dich vermisst … ich denke, sie hatte eine schlaflose Nacht hinter sich und darüber ordentlich gegrübelt.“ Der Magier klopfte Krem ermunternd auf den Rücken. „Auf ins Gefecht, mein Freund.“
Wie üblich blieben die Sturmbullen lange am Lagerfeuer sitzen und amüsierten sich über ihren Hauptmann, der aufgedreht und zu Scherzen bereit war. So gut gelaunt hatten sie ihn noch nie erlebt. Jedenfalls nicht nüchtern. Das laute Lachen wirkte offensichtlich ansteckend und verbreitete sich an mehreren Feuern.
Kurz vor Mitternacht erreichte sie die Nachricht, dass die Kaiserin gerettet war. Alle liefen im oberen Hof zusammen und der arme Späher musste die Zeilen dauernd wiederholen. Für einen Abend war jeder Streit vergessen. Magier, Soldaten, Templer und Späher saßen zusammen und erzählten sich Geschichten.

Salis wohnte dem Frühstück mit einem schelmischen Grinsen bei und strich sich geradezu penibel Butter aufs Brot, während Josephine neben ihr Joghurt aß, in den sie Erdbeermarmelade hineingerührt hatte.
Alle waren versammelt und sahen mehr oder weniger ausgeschlafen aus. Varric war verkatert und der Bulle hatte etliche Adlige unter den Tisch getrunken. Solas konnte sich nicht entscheiden, was er sich vom reichhaltigen Buffet nehmen sollte. Er stand jetzt schon Minuten davor, als Niin sich neben ihn stellte. „Ich empfehle das Rührei, dazu etwas Schinken und ein Brötchen.“ Sie lächelte ihn aufmunternd an.
„Ihr habt Recht. Das ist leicht und gut verträglich für die Reise.“ Er lächelte erleichtert zurück und setzte sich wieder neben den Bullen, dessen Teller ziemlich überladen war.
„Wie habt Ihr Josie zu so früher Stunde wach bekommen?“, fragte Leliana neugierig, während sie zum Nachtisch ein Schokoladentörtchen aß und verzückt mit den Augen rollte.
Die Dalish Elfe grinste noch breiter als zuvor. „Das ist nicht so ganz jugendfrei.“
„Schatz!“, rief Josephine empört und lief rot an, während der Bulle und Varric lauthals lachten. Sie versuchte, von sich abzulenken. „Ihr habt ja recht lange ausgehalten, Sucherin. Wir sahen Euch beide tanzen, als wir auf dem Weg zum Gästeflügel waren.“
Cassandra lächelte den Magier glücklich an. „Ich hatte William einen Tanz versprochen. Daraus sind dann mehrere geworden.“
Dorian schmunzelte süffisant. „Ihr seid erst in den Morgenstunden ins Bettchen gegangen. Zumindest ist mein Vetter dann erst in unseren gemeinsamen Gemächern aufgetaucht.“ Er schaute über den Tisch zu Leliana hin. „Aber Ihr beiden habt auch eine recht ordentliche Ausdauer an den Tag gelegt. Und davon einmal abgesehen, wart Ihr das Tagesgespräch. Ich schätze, etliche Chevaliers werden sich jetzt in ihre Schwerter stürzen, weil unsere Lady Nachtigall vergeben ist.“ Er zwinkerte der Meisterspionin gut gelaunt zu.
Niin kicherte verhalten, ihre Augen strahlten und Leliana küsste ihre Wange. „Wir machen uns gut, nicht wahr?“ Die Stadtelfe nickte und streichelte gedankenverloren die Hand der Spionin.
„Was bringst Du eigentlich Nathaniel mit?“, fragte Cassandra William beiläufig und alle Gespräche verstummten schlagartig. Hatten sie sich verhört?
Der Magier sah die fragenden Blicke der anderen. Sein Lächeln wirkte etwas verzweifelt, weil er es einfach nicht wusste.
„Schade, da waren wir in der Schatzkammer ...“ Der Bulle verstummte, als Niin ihm den Ellenbogen in die Rippen stieß und ihn tadelnd anschaute.
„Na ja, ich habe hier einen Stein aus dem Garten“, murmelte William und ließ den Kiesel durch seine Finger gleiten.
„Ihr seid bescheiden, Magier.“ Er drehte den Kopf, wie alle in seiner Stuhlreihe, um zu sehen, wer da sprach. Briala trat durch die Tür und schmunzelte. „Ein Raum voll Gold und Ihr nehmt einen Stein aus dem Garten. Das ehrt Euch. Ich hätte sicherlich etwas anderes bevorzugt.“
Sie musterte die illustre Runde. Alle waren zur Begrüßung kurz aufgestanden und wie es schien, hatten sie die Nacht besser überstanden als die meisten anderen Gäste, wenn man den schimpfenden Elfen, die fürs Putzen eingeteilt waren, Glauben schenken durfte.
Sie blieb hinter William stehen. „Was würde Euren Sohn denn erfreuen?“
Der Magier erhob sich erneut und antwortete ohne nachdenken zu müssen: „Er liebt Bücher.“
Sie bedeutete ihm mit einem Wink, ihr zu folgen. „Dann lasst uns in die Bibliothek gehen. Dort finden wir mit Sicherheit etwas.“  Die Freude war ihm anzusehen. Er strahlte mit dem Kronleuchter um die Wette.
Als er fort war, konnte sich Varric eine Bemerkung nicht verkneifen. „So, so, Ihr seid also jetzt beim Du gelandet?“
Cassandras Wangen fingen an leicht zu glühen. Sie blickte scheu unter sich, aber ihre Augen leuchteten verräterisch. Salis half ihr aus der Verlegenheit. „Vielleicht solltet Ihr Trevelyan folgen? Dann könnt Ihr ihm sagen, dass wir aufbrechen. Wir warten draußen auf Euch.“
Die Sucherin nickte eifrig und eilte dem Magier hinterher. Ihre Taschen hatten sie schon gepackt und an die Tür des Frühstücksraumes gestellt. Josephine verkniff sich ein Gähnen. Gestern hatten Salis und sie noch lange mit ihrer Schwester Yvette zusammen gesessen, bei dieser Gelegenheit hatte der jüngste Spross der Montilyets die Briefe an sich genommen.

Sie standen im vorderen Hof und warteten, als Morrigan die Treppen hinunter kam. Sie trug eine Art Rock aus schwarzem Leder, schwarze Stiefel und verhüllte ihre Oberweite nur spärlich mit etwas Stoff. Für die meisten Frauen würde das Kleidungsstück nicht einmal als Unterwäsche in Frage kommen. Sie schleppte zwei größere Reisetaschen aus hellem Leder mit sich, drehte sich kurz um und rief einen Namen.
Ein Junge rannte zu ihr und seinem Gesicht nach zu urteilen, war er über die Abreise alles andere als begeistert. Sie stellte ihn der Gruppe vor: „Das ist Kieran, mein Sohn.“ In der Stimme schwang Stolz mit und eine Zärtlichkeit, die Leliana neu war. Sie kannte Morrigan als zynisches Miststück, das nur seinen eigenen Vorteil kannte und immer wieder für hitzige Diskussionen zwischen ihren Begleitern gesorgt hatte.
Die Meisterspionin verglich die beiden miteinander. Sie hatten das gleiche energische Kinn, das recht ausgeprägt war, aber während Morrigans fast gelbe Augen stechend waren, erschienen die Kierans eher sanftmütig, zumal sie farblich zum Dunkelbraunen tendierten. Ihr Haar glänzte schwarz, das seine bräunlich mit einem leichten Rotstich. „Jetzt hast Du es wirklich geschafft, mich zu erstaunen. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass Du mal Mutter wirst.“ Leliana grinste sie frech an.
Die Zauberin hob unwirsch eine Augenbraue. „Ja, die Zeiten ändern sich.“ Sie gingen vor die Tore. „Wenigstens konntet Ihr Pferde für uns beide organisieren.“
Salis lachte. „Nicht so ganz. Wir verteilen uns nur besser.“
Cassandra und William kamen angelaufen und sahen mit ihren Umhängetaschen aus, als kämen sie gerade von einem Einkaufsbummel. Der Magier hörte nicht auf, zu grinsen. Briala hatte ihm allen Ernstes drei Bücher geschenkt und er wusste, dass Nathaniel Luftsprünge vor Freude machen würde.
Josephine saß als erste auf und Salis kletterte hinter ihr in den Sattel. „Nimm Du die Zügel, ma vhenan, dann kann ich mich in aller Ruhe an Dich klammern.“ Sie kicherte gut gelaunt und schmiegte sich an den Rücken der Botschafterin, das Kinn auf deren Schulter gelegt.
Niin hopste aus dem Stand hinter Leliana aufs Pferd, aber da sie wesentlich kleiner war, verschwand sie regelrecht hinter der Meisterspionin. Sie tippte ihr auf den Rücken. „Ich glaube, wir wechseln lieber“, nuschelte sie in den Stoff der Galauniform vor ihr.
Leliana nickte, schwang das rechte Bein über den Kopf des Pferdes, stand im Steigbügel und nahm hinter Niin Platz ohne dass ihre Füße den Boden berührt hätten. „Tolle Einlage, Nachtigall.“ Varric applaudierte begeistert. „Damit könnt Ihr bei Hofe auftreten.“
„Nun hätten wir zwei Pferde übrig.“ Salis bedeutete Morrigan aufzusteigen und merkte, dass diese sich auf dem großen Tier unwohl fühlte. „Eine Kutsche kann ich Euch leider nicht bieten.“
„Ich reise am liebsten zu Fuß“, entgegnete die Magierin gereizt, was zur Folge hatte, dass sie während des gesamten Ritts niemand mehr ansprach. Nur Leliana wusste, dass es Morrigans normaler Tonfall war, Sie hasste die meisten ihrer Mitmenschen aus Prinzip. Kein Wunder, wenn man in der Korcari Wildnis aufgewachsen und ständig auf der Flucht vor Templern war. Die Magierin lernte so schon früh, dass von Menschen nur Gewalt ausging.
Ihr Sohn schien da aufgeschlossener zu sein. Er zeigte sich sehr neugierig, als er davon erfuhr, dass es in der Feste vier Gleichaltrige gab. Er hatte selten Kontakt zu anderen Kindern gehabt, da seine Mutter ihn von anderen Menschen abschottete. Er verstand nicht, warum, aber er fragte nie.
Kierans Kleidung entsprach der höfischen Mode. Auch er war in Schwarz gekleidet, die engen Stoffhosen steckten in Lederstiefeln und über dem Hemd trug er eine seidene Weste. William machte sich ein wenig Sorgen, was passieren würde, wenn er auf die Rasselbande der Magier traf. Sein Sohn und die anderen waren in der Natur aufgewachsen, sie hatten zwar allesamt recht gute Manieren, aber sie waren auch kleine Wildfänge.
Salis fasste sich ein Herz. Sie hatte sich schon lange vorgenommen, mit Cassandra zu reden. Es gab Dinge, die ausgesprochen werden sollten und so bat sie Josephine, neben der Sucherin her zu reiten, damit sie sich unterhalten konnten. Sie räusperte sich nervös und erntete die Aufmerksamkeit der Sucherin, die sie fragend anblickte.
„Lady Pentaghast ...“ Das hörte sich zu formell an, zumal ihr Gegenüber nun leicht zusammen zuckte und eine Standpauke erwartete. „Cassandra … ich wollte Euch danken. Ihr wart zweimal bereit, für mich in den Tod zu gehen. Als wir in der Zukunft strandeten und in Haven. Ich habe gesehen, dass Dorian Euch wegziehen musste. Ihr wärt sonst an meiner Seite geblieben. Das ist nicht gerade selbstverständlich und solche Freunde sind selten. Ich wollte das schon lange einmal aussprechen, weil es Dinge gibt, die gesagt werden sollten. Habt Dank, Lethallan.“ Sie bedeutete Josephine, das Tempo des Pferdes ein wenig zu erhöhen, damit ihr am Ende nicht vor Rührung die Tränen kamen.
Cassandra hingegen saß versteinert auf ihrem Reittier und schaute der Dalish Elfe verdattert nach. Solas schloss zu ihr auf und ritt neben ihr her. „Was bedeutet Lethallan?“
Er lächelte sanft. „So bezeichnen die Dalish jene, die ihnen am Herzen liegen. 'Freund' trifft es nicht ganz, denn es ist mehr. Jemanden Lethallan, oder in der männlichen Fassung Lethallin, zu nennen, bedeutet, ihn in die Familie aufzunehmen.“
Die Sucherin holte tief Luft und starrte ihn mit offenem Mund an. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Ihre Augen brannten und sie hielt ihr Pferd an. Also hatte Salis ihr schon lange verziehen, dass sie so auf den Champion von Kirkwall als einzige Hilfe fixiert gewesen war. William, der wortlos neben ihr her geritten war, stieg ab, schwang sich hinter sie und überließ die Zügel seines nun reiterlosen Tieres Solas.
„Ich dachte mir, Du könntest etwas Nähe gebrauchen, oder?“ Er küsste ihre Wange und schlang seine Arme um sie. Sie lehnte sich zurück und drückte sich an ihn. Es tat gut, seine Wärme zu spüren.

„Sechs Templer sitzen im Kerker und sechs wollen in die Inquisition aufgenommen werden.“ Krems Meldung an Cullen war kurz, aber sie brachte den Kommandanten aus der Fassung.
„Da sind wir mal einen Tag weg ...“ Er rieb sich erschöpft die Nasenwurzel und stieg dann müde vom Pferd. Cassandra fragte sich, ob er sich nicht im Winterpalast zu viel zugemutet hatte und mehr  Ruhe brauchte. „Gut, ich will genau wissen, was vorgefallen ist. Ich werde in den Kerker gehen und die Meuterer verhören.“
„Befehlsverweigerung, Meuterei, Aufwiegelung zum Aufstand. Auf jeden Punkt alleine steht schon die Todesstrafe.“ Leliana registrierte jede von Cullens Regungen. Sie wusste, dass er zu weich urteilen würde.
„Prachtvoller Empfang.“ Salis Laune sank in den Keller und Josephine gelang es diesmal nicht, ihre Liebste aufzuheitern, weil ihr ebenfalls zum heulen zumute war. Ihnen wurde klar, wie zerbrechlich die Inquisition doch war. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Krem und Fiona nicht eingegriffen hätten. Die Dalish Elfe streckte das Kreuz durch. „Ich beraume eine Besprechung für morgen früh an. Ich will dort jeden Offizier sehen und alle Berater. Wir müssen das Problem angehen, sonst erwischt es uns, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können. Schwäche ist unser Untergang und das können wir nicht zulassen.“
Sie wandte sich an Krem. „Holt Harding zurück. Nehmt Euch ein schnelles Pferd. Wir schicken derweil eine Nachricht mit einer unserer Krähen zu unserem Stützpunkt, dass zwei Pferde für den Rückweg bereit gestellt werden sollen.“ Der Hauptmann salutierte und wollte sich schon umdrehen, da rief Salis ihm noch zu: „Es reicht, wenn Ihr am späten Abend zurück seid.“ Sie grinste verschmitzt.

Den ganzen Ritt über grübelte Krem darüber nach, was er sagen würde, wenn er vor Harding stand. Ihm gingen tausend Worte durch den Kopf und jedes erschien ihm unzureichend, um auszudrücken, was er für die Zwergin empfand. Seine Rüstung hatte er im Zelt gelassen, er trug seine übliche Kleidung mit der offenen Lederweste und ein Schwert am Gürtel.
Beim Stützpunkt angekommen ließ er sich den Weg zum Gehöft der Hardings erklären und sein Herz schlug schneller, als er am großen hölzernen Weidezaun ankam, der das Gelände umgab. Die Familie hatte sich vom Hüten der nachbarlichen Schafe hochgearbeitet und besaß nun selbst eine große Herde, die unbeeindruckt graste, während er durch sie hindurch ritt. Das Gatter hatte er vorher wieder hinter sich geschlossen.
Der Hof bestand aus einem Stall, der größer als das Hauptgebäude war, und einem eher bescheidenen Haus, aus dessen Kamin Rauch aufstieg. Essensduft kam ihm entgegen und erinnerte ihn daran, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Vielleicht war das wegen seiner Nervosität auch ganz gut so?
Vor dem Haus erblickte der Hauptmann Contessa, die in der Sonne gelegen hatte und nun interessiert den Kopf hob. Als er abstieg begrüßte sie ihn begeistert und rannte ihn fast um vor Freude. Er hörte die Tür hinter sich aufgehen. „Hallo Krem.“ Ihre Stimme klang sanft, fast zärtlich, nicht so barsch wie sonst.
Er drehte sich um, stand auf und sie schauten sich abwartend an. Tausend Worte … die einem im passenden Moment alle nicht mehr einfallen wollen. Er schluckte. „Hallo Lace.“ Ihm blieb fast die Stimme weg.
Harding lehnte sich an den Türrahmen an, die Arme vor der Brust verschränkt, weil sie nicht wusste, wohin mit den Händen vor Nervosität und vielleicht blieb es ihm verborgen, dass sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
„Kinder, wollt Ihr ewig da herumstehen und Euch anstarren?“ Brondas Stimme ließ beide zusammenfahren. Die energische Frau meinte zu ihrer Tochter: „Jetzt lass doch den armen Hauptmann nicht draußen stehen.“
Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte ihm und als Harding näher kam, sank er auf die Knie und sie fiel ihm doch noch um den Hals. „Du hast mir so gefehlt“, flüsterte sie in sein Ohr.
Krem wurde von seinen Gefühlen überrollt wie ein Kieselstein am Meer, wenn die Flut kommt. Er umarmte sie, dann fing er an zu weinen. Noch nie hatte ein Gefühl so in ihm getobt. Ein loderndes Feuer, das ihn verbrannte.
„Du großer Sturkopf“, schniefte Harding.
„Die sind vielleicht süß!“ Tante Nenys Kopf schob sich durch die Tür, wobei die Qunarifrau den Kopf einziehen musste, und sie grinste ihre Schwägerin an.
„Und ich heul' gleich los wie ein Wolf bei Vollmond.“ Bronda seufzte gerührt. Sie zerrte Neny am Ärmel hinein. „Lassen wir die beiden alleine.“ Ein Pfiff und Contessa kam angelaufen.
Harding strich mit dem Handrücken über Krems Wange. „Es macht Dir nichts aus, dass Du Dich jedes Mal zu mir hinunter beugen musst, wenn wir uns umarmen wollen?“
Er lächelte, aber in seinen Augen zeigte sich eine Spur Traurigkeit. „Das macht mir gar nichts aus.“ Einen Moment lang suchte er nach Worten und überlegte. „Macht es Dir nichts aus, dass ich nicht das habe, was andere Kerle haben?“ Er wurde rot. „Du weißt schon … ich meine, immerhin stehst Du auf Männer.“ Unsicherheit schwang in seiner Stimme mit.
Harding berührte seine Stirn mit der ihren. „Dummerchen. Glaubst Du, das interessiert mich? Wie dämlich müsste ich denn sein, wenn ich einen Menschen über ein paar Zentimeter Fleisch definiere? So bescheuert ist doch keiner.“ Sie küsste seine Nasenspitze. „Ich mag Dich so, wie Du bist.“
Er lachte erleichtert, streichelte Hardings Genick und zog sie an seine Lippen. Fast wären sie nach hinten umgekippt, wenn er sich nicht mit der verletzten Hand abgestützt hätte. „Ah!“ Er stöhnte vor Schmerz auf. Sie nahm seine Hand und strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über den Verband. Er sah ihr die Besorgnis an und bewegte seine Finger. Es ging nur ein wenig, eine Faust konnte er noch nicht ballen, aber immerhin wusste er nun, dass seine Hand verheilen würde. „Siehst Du, Lace. Ich übe jeden Tag.“ Er hatte sich damals in Kammwald einige Sehnen verletzt und die Wunde heilte nur langsam.
Krem wurde ernst. „Ich muss Dich mitnehmen auf die Feste. Die Kaiserin wurde zwar gerettet, aber während alle im Winterpalast waren, probten einige Templer den Aufstand. Sämtliche Offiziere nehmen morgen früh an einer Besprechung teil.“
Harding schüttelte traurig den Kopf. „Als ob Corypheus nicht schon schlimm genug wäre.“ Sie half dem Hauptmann beim Aufstehen. „Mama hat gekocht und Du hast sicher noch nichts gegessen, wie ich Dich kenne?“ Sie schmunzelte und zog ihn ins Haus hinein. „Tante Neny und Onkel Belfor sind auch da.“
Er blinzelte einige Sekunden ins Dunkle hinein, dann sah er einen großen Esstisch vor sich, an dem die riesige Qunari Frau mit ihrem Zwergengatten saß. Die beiden lächelten ihn an und er stellte fest, dass die Qunarihörner offensichtlich viele Formen aufweisen konnten. Neny hatte, im Gegensatz zu den ausladenden Hörnern des Bullen, kleinere, die nach hinten verliefen. Ihre Hautfarbe war dunkel  und hatte eine leichte Blauschattierung.
Sie wirkte immer noch beeindruckend, wenngleich die Qunari Frauen wesentlich schmaler gebaut waren, als ihre männlichen Landsleute und etwas kleiner wirkten. Hinter dem Bullen hätte auch sie sich gut verstecken können. Neny hatte in die Familie eingeheiratet und Krem fragte sich heimlich, wie wohl ihr Nachwuchs aussehen könnte, aber die beiden hatten keine Kinder. War das überhaupt möglich? Er würde seinen Häuptling fragen.
Im rechten Teil des Hauses befand sich die Küche, in der Bronda gerade hektisch hantierte und zur linken entdeckte er eine gemütliche Sitzecke und zwei Bücherregale. Dahinter verlief ein Flur, vermutlich zu den Schlafzimmern.
Krem setzte sich neben Harding und ihre Hand tastete unterm Tisch nach der seinen. Sie rückten ein Stückchen näher zusammen und er bekam große Augen, als die Dame des Hauses auftischte. „Glaubt nur nicht, wir würden jeden Tag so festlich speisen“, bemerkte Bronda lachend.
„Sie verwöhnt Lämmchen bei jeder Gelegenheit“, stöhnte Dem genervt, aber seine Augen funkelten belustigt. Er schien viel Humor zu besitzen, der bei Harding selbst allerdings oft in Sarkasmus endete. Dem großen Esstisch nach zu urteilen, schien das Zwergenpaar öfter Besuch zu haben. Eine große Tafel ließ auf rege Kontakte schließen und Krem fragte sich, wie groß die Familie der Späherin eigentlich war. Für ihn eine ganz neue Erfahrung, er fühlte sich wohl und konnte sich so geben, wie er war.
Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als Hardings Hand loszulassen, wenn er etwas essen wollte. Bronda bedachte ihn mit einem wohlwollenden Blick, denn er aß mit Appetit und bedankte sich am Schluss artig, indem er betonte, wie gut ihm das Essen gemundet hatte.
Sie winkte ab, aber natürlich freute sie sich als Köchin insgeheim über sein Lob. „Das ganze Gemüse ist aus eigener Ernte. Wir bewirtschaften einen kleinen Acker hinterm Haus. Gar nicht so leicht, die Schafe davon fern zu halten.“
„Die Biester sind schlauer, als man denkt, wenn es darum geht, einen Weg durch den Zaun zu finden.“ Dem stellte Contessa einen Napf in die Küche, denn die ganze Zeit schon warf sie ihm von der Tür aus bettelnde Blicke zu. Nun wackelte sie wie wild mit dem Hinterteil, da Mabaris keinen Schwanz hatten, um ihre Freude kund tun zu können.
„Wir müssen zurück zur Festung.“ Irgendwann musste Krem mit der Sprache herausrücken. Alle sahen ihn fragend an und so erzählte er, was vorgefallen war.
„Ist die Katze aus dem Haus …“, brummte Dem und schüttelte den Kopf.
„Wenn zwei Parteien sich Jahrzehnte bekriegen und ihnen eingetrichtert wird, dass die andere Seite eine Gefahr ist, dann kann man keine Zusammenarbeit erwarten. Jedenfalls nicht in wenigen Wochen. Die Menschen müssen sich erst kennenlernen, um Vorurteile abzubauen.“ Neny, mit vollem Namen Anenda, zwinkerte ihrem Gatten zu. „So wie wir.“ Sie streckte ihre langen Beine unterm Tisch aus.
Belfor lachte und seine Augen glitzerten sie zärtlich an. „Ja, wir waren uns anfangs auch nicht grün.“
Krem schaute Harding von der Seite an und grinste spitzbübisch. „Ach?“
Sie pikste ihn sachte mit dem Zeigefinger in die Seite. „Ich packe dann wohl mal.“ Sie humpelte in ihr Zimmer und stopfte ihre Tasche mit Kleidung voll. Einen Schal für Krem nahm sie auch mit. Er war in Hemd und Weste eine ganze Weile durch den Schnee geritten und musste sich in eine Decke einhüllen, bis er die Schneegrenze erreicht hatte. Im Tal dagegen herrschten sommerliche Temperaturen. Sie überlegte, ob sie nicht vielleicht kurz nach Redcliff reiten sollten, damit er sich eine Jacke kaufen konnte.
Als sie mit der großen Umhängetasche in der Wohnstube stand, fragte sie ihn, aber er winkte ab. „Ich habe ja meine Rüstung in der Feste.“
„Du bekommst doch sicher Sold? Da kannst Du Dir ja mal etwas Neues leisten, oder?“ Die Späherin blickte ihn verständnislos an und bemerkte, dass er rot wurde. Schnell wechselte sie das Thema und verabschiedete sich von ihrer Familie.
Krem beneidete sie um die Herzlichkeit, mit der sie aufgewachsen war. Die Erinnerungen an seine hartherzige Mutter verblassten, aber in solchen Minuten kamen sie wieder schmerzhaft zum Vorschein. Sie hatte ihn verflucht, konnte ihn nicht so akzeptieren, wie er war.

Krem half Harding dabei, sich auf das Pferd zu schwingen und setzte sich hinter sie. Es war aufregend, ihr so nahe zu sein und er ertappte sich dabei, wie er verstohlen seine sperrige Weste beiseite schob, um sie durch sein dünnes Hemd besser spüren zu können.
Sie hielt die Zügel und die beiden ritten am Stützpunkt vorbei, um dort Bescheid zu sagen, dass sie die beiden bereitgestellten Pferde nicht benötigten. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, denn keiner von beiden wollte die Nähe des anderen missen. Eine ganze Weile schwiegen sie.
„Raus mit der Sprache. Warum wolltest Du Dir nichts kaufen?“ Harding kam vom Weg ab, aber er ließ sie gewähren. Sie kannte sich hier aus und er vermutete, dass sie einen Rastplatz suchte.
„Ich spare jedes Goldstück, um meinen Vater freikaufen zu können.“ Er hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Es fühlte sich seltsam an, wie alles in diesem Tag.
„Oh, Krem“, seufzte Harding traurig, drehte sich ein wenig zu ihm um und küsste seine Wange. Blätter eines Astes schwangen ihr ins Gesicht. „Mist!“ Sie spuckte ein Blatt aus und er kicherte verhalten hinter ihr. „Sehr witzig, Herr Hauptmann.“ Sein Griff um ihre Taille wurde fester, als er sich noch mehr an sie drückte. Ihr Herz begann noch schneller zu pochen.
Sie hielt das Pferd an einem kleinen Teich an. „Das ist der ideale Platz für eine Pause.“
„Bist Du oft hier?“, fragte Krem, während er ihr vom Pferd half und eine Decke auf dem Gras ausbreitete.
„Ja, zum träumen.“ Sie lächelte, setzte sich auf die Decke, lehnte sich, auf die Ellenbogen gestützt zurück und schaute in den Himmel. „Wolken beobachten.“ Dann sank sie nach hinten und bettete ihren Kopf auf die verschränkten Arme.
Krem legte sich neben sie und begann, die Konturen ihrer Nase sachte mit den Zeigefinger nachzufahren. „Diese Seite kenne ich an Dir gar nicht.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Harding wollte etwas erwidern, aber sie verlor sich in seinen dunklen Augen. Er beugte sich vor und ihre Lippen trafen sich sanft. Wie ein Windhauch, aus dem ein Sturm wird, je länger er andauert.
Eng umschlungen lagen sie im Gras, die Decke hatte sich beim Herumwälzen zusammen gerollt. Vorsichtig tastete Harding nach Krems Hemdknöpfen und ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Sein Atem ging schnell und er stöhnte leise auf, als ihre Hand über seine Brüste glitt. Sein Leben lang hatte er jeden von sich weggestoßen, der ihm zu nahe kam und nun brachte ihn Harding um seinen Verstand. Er wollte mehr und zog sich mit einer hektischen Bewegung das Hemd aus.
Seine Hand zitterte, als er versuchte, das ihre zu öffnen. Lace half ihm dabei mit nicht minder zitternden Fingern. Ihre Haut berührte die seine, hinterließ eine Gänsehaut, ein brennendes Verlangen. Längst hatte die Leidenschaft den Verstand vernebelt und ihre Blicke verklärt. Die  Kleidung hatten sie achtlos um sich herum verstreut, während sie sich liebten.

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