Der Eiserne Bulle betrat das Zelt, um seine Sachen zu packen. Hoffentlich bemerkte bei Hofe niemand, dass die Inquisition ohne Gepäck reiste. Adlige waren die größten Tratschbasen unter der Sonne von Thedas und es galt als Statussymbol, mit einem ganzen Hofstaat anzurücken, wenn man einmal verreiste. Sie hatten schon überlegt, ob sie sich von Meister Lennard eine Kutsche ausleihen sollten, aber diesen Gedanken wieder verworfen. Sie würden in Galauniformen morgen Mittag abreisen, denn der Ritt nach Halamshiral dauerte nicht lange, besonders da es einen zweiten Pass nach Orlais gab, der zur anderen Seite des Gebirges hinab führte. Die Erbauer dieser Festung hatten sich diesen Ort sehr genau ausgesucht.
„Und jetzt greif mich an!“ Hörte der Bulle die Meisterspionin sagen. Neugierig ging er um das Zelt herum und erblickte Leliana, die Niin offensichtlich im Nahkampf trainierte. Beide umschlichen sich und die Elfe hielt einen hölzernen Übungsdolch in der Hand. Sie sprang schnell vor, ihre Hand ruckte hoch, aber da hatte die Spionin schon ihren Arm gepackt und sie entwaffnet.
Er nickte anerkennend. Niin war unglaublich schnell und doch kam sie nicht gegen Lelianas Reflexe an. „Probiert es mal mit mir, Lady Nachtigall.“
Er trat grinsend vor und der rothaarigen Frau entfuhr ein ächzender Laut. „Wenn Ihr mir versprecht, mich nicht in den Erdboden einzustampfen, dann gerne.“
Die Elfe setzte sich derweil zu Cassandra ins Gras, die ihre täglichen Schwertübungen an den Strohpuppen unterbrochen hatte.
„Dann mal los, Dickerchen.“ Die Spionin lächelte unschuldig.
„Ich lasse mich nicht provozieren, Mylady.“ Er grinste zwar, wirkte aber sehr konzentriert, da er sein Gegenüber nicht einschätzen konnte. Er hatte viel vom Können der Barden gehört, aber er wusste nicht, wie gut Leliana war. Sie gab ihm nun eine Kostprobe.
Er bewegte sich vorwärts mit einer Gewalt, der man sich besser nicht in den Weg stellte. Trotz seiner Masse war er in der Lage, abrupt zu stoppen, aber da war die flinke Frau schon unter seinem rechten Arm abgetaucht, der das Messer hielt. Er fuhr herum, versuchte sie zu greifen, aber sie entkam ihm abermals, brachte ihn zum Straucheln und hielt ihm dann einen Dolch an die Kehle. „Ihr seid schnell, kräftig, aber zu unbeweglich, Bulle.“ Lächelnd packte sie ihre Waffe wieder in den Stiefelschaft.
„Verdammt! Ihr seid gut, Nachtigall“, knurrte er geschlagen, aber anerkennend.
„Sonst würde ich jetzt nicht hier stehen und mit Euch reden.“ Es war keine Prahlerei, nur eine nüchterne Feststellung. „Noch eine Runde, Bulle?“
Er winkte dankend ab. „Nein, ich muss mich nicht unbedingt mehr als nötig blamieren.“ Er wollte sich schon umdrehen, als ihm noch etwas einfiel. „Übrigens wird sich mein Stellvertreter morgen oder übermorgen auf den Weg nach Redcliff machen. Grim vertritt mich solange. Ein guter Mann mit wachem Verstand.“ Leliana stand die Frage nach dem Warum ins Gesicht geschrieben und er antwortete lediglich: „Herzensangelegenheit. Bevor er das nicht geklärt hat, ist er eh nur ein Nervenbündel.“
Niin schaute ihn traurig an. „Darum ist Harding mit ihren Eltern abgereist?“
Er seufzte. „Das ist das Leidige mit Euch Frauen. Ihr seid echt wankelmütig oder es ist Euch niemand gut genug“, polterte es verärgert aus ihm heraus. „Sie hat ihm den Kopf verdreht, Hoffnungen gemacht und dann heißt es: 'Ich muss erst darüber nachdenken'.“ Aus unerfindlichem Grund reagierte er gereizter, als beabsichtigt.
„Aua! Das hätte mich sicher auch umgehauen.“ Leliana sah Niin an.
„Stell Dir vor, ich hätte das zu Dir gesagt.“ Die Elfe schüttelte traurig den Kopf und die Spionin küsste ihre Wange. „Dann würde ich sicher genauso geknickt herum laufen wie Krem. Er sieht ja echt bemitleidenswert aus.“
Der Hauptmann kam gerade angeschlichen, ging geradewegs ins Zelt, rollte sich auf seinem Bett zusammen und zog sich die Decke über den Kopf. Zu viert standen sie ratlos am Eingang. „Wir lassen ihn am besten in Ruhe.“ Cassandra schloss die Zeltplane.
„Kommt, wir packen unsere paar Sachen und schauen mal nach den Mauern.“ Die drei Frauen verzogen sich und kamen auf ihrem Weg zu den Quartieren an Solas Domizil vorbei. Er diskutierte lautstark mit Salis und Josephine darüber, dass ihn niemand bedacht hatte und er nun als Einziger in der Feste bleiben musste.
„Seit Ihr hier seid, redet Ihr mit keinem und bleibt für Euch, als ginge Euch das alles nichts an. Ich hatte deshalb nicht angenommen, dass Ihr erpicht auf den Ball seid, obwohl ich Euch mit auf die Liste gesetzt hatte.“ Die Botschafterin versuchte zu schlichten, nachdem Salis diesen Vorwurf zuvor etwas deftiger formuliert hatte.
„Es geht Euch doch nur darum, dass ich ein Abtrünniger bin.“ Er zog ein beleidigtes Gesicht.
Cassandra schaltete sich ein. „Macht Euch nicht lächerlich, Solas. William Trevelyan kommt mit uns, wir haben keine Probleme mit ihm und mit Dorian auch nicht.“ Sie verschränkte kämpferisch die Arme vor der Brust. „Unter uns sind Elfen, Zwerge, Abtrünnige und Qunari. Wir kommen aus allen Herren Ländern und sprechen mit allen möglichen Akzenten. Bunter geht es kaum. Worum geht es Euch wirklich?“
„Er wollte gefragt werden, aber keiner tat es“, rutschte es Niin heraus, aber sie fuhr fort ohne aufzublicken, als horche sie in den Raum hinein. „Er fühlt sich einsam hier und ohne Freunde.“
Solas betrachtete die Elfe aufmerksam. „Ihr hört nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen, nicht wahr?“ Er lächelte sie an, so wie ein Vater das Kind.
„Manchmal … da spüre ich die Gedanken oder Gefühle.“ Sie zuckte fast entschuldigend mit den Schultern.
„Solas, wenn Ihr Euch hier eingrabt, dann ist das Eure Entscheidung. Warum geht Ihr nicht hinaus, redet mit den Leuten und schließt Freundschaften?“ Salis Verärgerung ebbte langsam ab.
„Weil ich nicht weiß, wie man das macht“, erwiderte der Magier und sein Trotz wich Unsicherheit, zumal ihn nun verblüffte Gesichter anstarrten.
Josephine dachte praktisch, schnappte sich seinen Arm und zerrte ihn nach draußen. „Kommt, wir lassen Euch eine Uniform schneidern. Meister Lennard ist noch nicht abgereist.“ Er ließ sich ohne Gegenwehr mitschleifen.
„Wir packen unsere Sachen und was machst Du?“ Niins Frage richtete sich an Salis.
Die Dalish Elfe lachte fröhlich. „Nachdem mir Lady Montilyet Benimmregeln eingetrichtert hat, dachte ich an ein Mittagessen.“
Leliana sah ihren Schatz kurz an und grinste: „Wir sind dabei. Gepackt haben wir eh in zwei Sekunden. Hoffentlich ist Meister Gatsi mittlerweile in unseren Quartieren und repariert die Mauern.“
Cassandra winkte ab. „Ich habe in der Nähe der Küche eine kleine Bibliothek entdeckt, die Dorian offensichtlich noch nicht kennt. Ich dachte mir, dass ein wenig Lektüre nicht schaden könnte.“
„Ihr seid ein echter Bücherwurm, Sucherin.“ Die Dalish Elfe schmunzelte.
„Ja, ich kann einfach nicht ohne ein gutes Buch sein.“ Sie verabschiedete sich grinsend.

Diese Festung war recht verwinkelt, die Sucherin musste erst wieder in die Haupthalle und von dort durch die nächste Tür ins untere Geschoss. Der große Aufenthalts- und Schlafraum war mittlerweile recht gemütlich eingerichtet. Jemand hatte kleine Kräuterbündel auf die Tische gelegt, so dass es angenehm roch, auch wenn dort Dutzende von Menschen schliefen.
Sie durchquerte den Saal und kam in einen recht kleinen Raum, der vollgestopft mit zimmerhohen Regalen war. Staub lag auf den Möbeln und in der Mitte stand ein riesiger Sessel mit einem Beistelltisch. Cassandra stellte sich vor eines der Regale und tastete die Buchrücken mit den Fingern ab, während sie die Titel studierte.
Sie fuhr erschrocken herum, als eine leise Stimme hinter ihr meinte: „Ich mag Bücher über Drachen.“
Beinahe hätte sie das Exemplar, welches sie gerade in der Hand hielt, fallen gelassen. „Nathaniel!“ Der erste Schreck wich schnell ihrer gewohnten Neugier. Sie betrachtete den Jungen eingehend, der im Schneidersitz auf dem staubigen Sessel thronte und ein großes Buch auf dem Schoß hielt. Sein blondes Haar hing ihm ins Gesicht, wenn er sich zum Lesen vorbeugte und gelegentlich beförderte er allzu störrische Haarsträhnen mit einer energischen Kopfbewegung zurück an ihren Ursprungsplatz.
Er trug Hemd und Hose in beiger Farbe und Stiefel der Späher. Wegen der Zwerge und der Elfen hatten sie Kleidungsstücke in allen Größen bestellt. Jeder fand, was er brauchte, aber die Kinder der Kampfmagier waren bestens mit ihren eigenen Sachen ausgerüstet. Allerdings brauchten sie hier oben im Schnee festeres Schuhwerk.
„Drachen?“ Cassandra schaute ihm erst über die Schulter und setzte sich dann auf den recht solide gebauten Beistelltisch, um ihn in Augenhöhe ansehen zu können. „Wunderschöne Kreaturen und doch so gefährlich.“
„Habt Ihr schon mal einen gesehen?“, fragte der kleine Magier wissbegierig und seine hellgrauen Augen leuchteten.
Sie lächelte versonnen. „Ja, schon oft. Damals, als ich mit meinem Bruder auf die Jagd nach ihnen ging. Manche spucken Feuer, andere Blitze und wieder andere vereisen alles um sich herum. Sie sind riesig, wenn sie ihre Flügel ausbreiten und ihre Schreie lassen die Erde erzittern.“
Nathaniel starrte sie staunend an und der Mund stand ihm offen. „Wie groß werden die denn?“
Die Sucherin überlegte kurz. „Den unteren Hof würde so ein Drache leicht zur Hälfte ausfüllen vom Tor bis zu Cullens Turm.“
„Kommen die hierher?“, fragte er ängstlich.
Cassandra konnte ihm seine Gedanken ansehen und sagte schnell: „Nein, die sind froh, wenn sie ihre Ruhe haben. Sie wohnen an verlassenen Orten und dort wagt sich kein Mensch hin.“
Das schien ihn zu beruhigen. „Dann ist ja gut.“ Er musterte sie sehr genau. „Papa mag Euch.“
Zuerst erschrak sie über seine Worte, zumal Cassandra geradewegs William anblickte, der in der Tür stand und seinen Sohn wohl gesucht hatte. Sie schaute ihn über Nathaniel hinweg an. „Ich mag ihn auch.“ Sie erhob sich und ging lächelnd an ihm vorbei. Ihre Schulter streifte dabei wie zufällig die seine, während seine Finger, ebenfalls wie zufällig, über ihren Handrücken glitten und eine Gänsehaut auf ihrem Arm hinterließen.

Cassandra lief mit ihrer Beute durch die Küche und musste sich die Beschwerde des Kochs anhören, der es Leid war, dass minütlich Leute durch sein Reich trampelten, um vom Schlafsaal in den unteren Hof zu gelangen. Sie vertröstete ihn damit, Meister Gatsi mit einer Lösung des Problems zu beauftragen und schnappte sich einen Teller, den sie mit Brot, Wurst und Käse belud.
An einem der Tische saßen Salis, Niin und Leliana. Die Dalish Elfe winkte die Sucherin herbei. „Setzt Euch. Hier ist genug Platz.“ Dann erblickte sie die Botschafterin, welche gerade die Treppen hinab eilte und lächelte ihr entgegen. „Ist Solas nun glücklich?“
Josephine ließ sich ächzend auf einen Stuhl fallen, während Salis ihr einen Teller mit gegrilltem Widderfleisch hinschob. Das schien ihre Laune ein wenig zu heben. „Ja, nun kommt er also auch mit. Zum Glück konnte ich ihm ausreden, dass er mit einem dieser riesigen Hüte auftaucht, die orlaisianische Magier zu tragen pflegen.“
Cassandra nahm sich einen Stuhl vom Nachbartisch, legte ihr Buch mit dem Titel nach unten neben den Teller und widmete sich ihrem Essen. Niin stützte sich mit dem Ellenbogen auf Lelianas Rückenlehne ab und kraulte versonnen deren Genick. Die Meisterspionin schloss kurz die Augen und lächelte genießerisch.
Die Sucherin reagierte zu langsam, als Salis das Buch vorsichtig an einer Ecke anhob, um es dann mit einer schnellen Bewegung ganz in die Hand zu nehmen. „Liebesgedichte?“ Sie grinste breit und Cassandras Augen wurden immer größer. Sie versuchte, das Buch zu erhaschen, aber die Dalish Elfe hielt es zu weit weg von ihr und begann nun auch noch zu allem Überfluss, darin zu lesen. Das Grinsen wich einem undeutbaren Lächeln. „Das liest sich wunderschön.“
„Ihr überrascht mich, Inquisitor. Ich dachte, Ihr würdet Euch darüber lustig machen.“ Die Sucherin spürte, wie sich Röte in ihrem Gesicht ausbreitete.
„Ich mag Gedichte. Leider habe ich kein Talent zum Schreiben, sonst würde ich Josephine jeden Abend eines aufs Kopfkissen legen.“ Salis Augen strahlten, als sie die Botschafterin anblickte.
„Was legst Du ihr stattdessen aufs Kissen?“, fragte Niin beiläufig.
„Mich.“ Alle kicherten. „Ich wälze mich in Schokolade, umwickele mich mit Goldpapier und bin das größte Praline von Thedas.“ Ihre Mundwinkel zuckten verräterisch, aber Salis versuchte, ernst zu bleiben.
„Lass das Papier einfach weg, ma'arlath“, bemerkte Josephine lachend und drückte ihrer Liebsten einen langen Kuss auf die Wange.
Mittlerweile hatte Leliana ihren Kopf auf Niins Schulter gelegt und ihre rechte Hand ruhte auf deren Knie. Einige Späher kamen vorbei und sahen die beiden. Sie schubsten sich gegenseitig an und schmunzelten. „Offensichtlich denken sie, dass ihre Vorgesetzte kein Privatleben hat.“
„Zumindest keines, dass sie so offen zeigt.“ Cassandra eroberte in einem unbewachten Moment ihr Buch zurück und legte es auf ihren Schoß. „Wenn Ihr mich fragt, ist das gut so.“
Leliana hob eine Augenbraue fast zeitgleich mit Niin. „Ich denke nicht daran, etwas zu verheimlichen.“
Salis zuckte mit den Schultern. „Das sehen wir auch nicht ein.“ Josephine nickte zustimmend.
William kam mit Nathaniel an ihnen vorbei und blieb stehen. Er grüßte sie, während sein Sohn davon flitzte und das Buch über seinem Kopf schwenkte. „Alina, guck' mal, was ich gefunden habe!“ Und schon saßen die beiden auf dem Boden vorm Feuer und lasen begierig.
Der Magier schüttelte den Kopf, aber sein Lächeln war liebevoll. „Mein kleiner Bücherwurm.“
„Und hier sitzt ein großer Bücherwurm“, meinte Salis augenzwinkernd und deutete auf die Sucherin.
Cassandras Röte wurde eine Stufe dunkler. Sie schaute zu William hoch, der schelmisch schmunzelte. „Ah, dann seid Ihr diejenige, die sich ein Buch nach dem anderen ausleiht? Nathe meinte schon, dass noch jemand außer ihm gerade dabei sei, sich durch die Bibliothek zu lesen.“
„Schuldig. Ich liebe Bücher.“ Sie lächelte verhalten und tastete nach den Liebesgedichten, die er besser nicht zu Gesicht bekommen sollte.
Die Sucherin stand auf, wollte den Teller zurück bringen, aber Niin winkte ab. „Lasst ruhig. Den nehmen wir gleich mit.“
Cassandra umklammerte das Buch und wollte sich mit ihrer Beute unauffällig davon machen, aber da rief Nathaniel sie herbei. Sie setzte sich auf den Baumstamm hinter den beiden Kindern, beugte sich vor, während der Junge das schwere Buch hoch hielt und auf eine Illustration deutete. „Was ist das denn für ein Drache? Das steht nirgends.“
„Der ist so schön bunt“, meinte Alina verzückt.
Die Sucherin betrachtete die Zeichnung eingehend. Die obere Seite des Tieres war violett und der Bauch gelborange. „Das ist ein Gamordanischer Sturmreiter und er lebt in den Erhabenen Ebenen. Er spuckt kein Feuer, sondern Elektrizität.“
„Wie Papa“, prustete Nathaniel los und seine kleine Freundin kicherte wenig verhalten mit.
William verzog  missgestimmt die Mundwinkel. „Ich spucke doch nicht.“
„Würde auch reichlich seltsam aussehen, oder?“, Cassandra lachte ausgelassen und steckte ihn damit an.
„Einmal ist ihm der Tee aus der Nase geschossen.“ Sein Sohn amüsierte sich prächtig damit, ihn ungewollt in Verlegenheit zu bringen.
„Nathe!“ William setzte sich neben die Sucherin. Direkt auf das Buch. „Hoppla!“ Er fuhr in die Höhe und griff danach. „Die Tränen des Mondes, von Danielle Crépuscule. Melancholische Gedichte und darin eingebettet eine philosophische Anschauung, der ich zutiefst zustimme.“
„Ihr schreibt auch Gedichte?“ Sie blickte ihn neugierig an. So ganz hatte sie Fiona doch nicht glauben können und musste ihn einfach fragen.
William lächelte verlegen. „Na ja, hin und wieder. Nichts Bedeutendes.“
„Er sammelt sie in einer kleinen Mappe“, rief Annabelle ihr zu, während sie die Wäsche von der Leine nahm. „Deine Unterhosen sind noch nicht trocken, Will!“
„Geht das auch etwas leiser, Anna?“, fragte er pikiert.
„Hab' Dich nicht so!“ Die Magierin zupfte weiter Kleidungsstücke herunter und legte sie in ein Weidenkörbchen. „Jeder hängt seine Sachen hier draußen auf.“
Er wusste auch nicht, welcher Dämon ihn ritt, als er sagte: „Na ja, nicht alle.“ Er grinste Cassandra frech an.
„Ich wusste, dass das nochmal zur Sprache kommen würde. Leider ist mir diese Bemerkung in der Taverne so heraus gerutscht.“ Sie lachte, dann rempelte sie Williams Oberarm verspielt mit der Schulter an und er rempelte sachte zurück. Es entbrannte ein Hin und Her in dessen Verlauf Cassandras Hand auf der des Magiers landete. Beide erstarrten und schauten sich irritiert an, dann nahm er ihre Hand in die seine und lächelte.

Da Leliana Vorbereitungen für die Abreise treffen musste, trainierte Niin mit dem Bullen weiter bis zum späten Abend. Krem stand daneben und gab ihr Tipps. Es war schon dunkel als sie aufhörten und sich ums Lagerfeuer herum setzten.
Der Bulle ließ sich seufzend ins Gras sinken. „Ich kann gegen jeden Mann kämpfen, der mir ein Schwert um die Ohren hauen will, aber nicht gegen eine kleine flinke Maus.“ Er schmunzelte. Die Elfe nahm auf einem Baumstamm Platz und Krem setzte sich davor, mit dem Rücken daran gelehnt.
„Ach, ich bin nicht fürs Kämpfen geschaffen. Das liegt mir nicht.“ Sie strich sich die Haare zurecht.
„Laut Leliana bist Du aber die geborene Kämpferin.“ Er betrachtete sie ausgiebig. „Du hast Denerim überlebt. Die Dunkle Brut. Ja, ich weiß. Menschen zu töten ist etwas anderes.“
„Ich habe auch viele Menschen töten müssen.“ Sie schaute traurig auf den Boden. „Nach der Verderbnis kamen die Plünderer und Sklavenhändler. Wir mussten uns wehren. Sie fielen über die Stadt und das Gesindeviertel her wie Hyänen. Der Lord erschien mir damals die Rettung zu sein. Ich konnte nicht ahnen, was dann passieren würde.“
„Es sagt sich so leicht, dass man die Vergangenheit hinter sich lassen muss, aber das können weder Du, noch Krem, noch ich. Wir müssen das, was geschehen ist, erst verstehen lernen.“ Er putzte gedankenverloren die Klinge seiner zweihändigen Axt mit dem Stoff seiner Pluderhose ab.
Niin erschrak, als sich zwei Hände von hinten auf ihre Schultern legten und diese sanft massierten. Sie schaute hoch in Lelianas Gesicht, griff nach deren Händen und zog sie zu sich hinunter zu einem Kuss. „Kopfüber ist wenigstens nicht meine Nase im Weg“, kicherte die Elfe.
„Ach, mittlerweile kollidieren wir nur noch recht selten“, stellte die Spionin lachend fest. Sie blieb hinter Niin stehen und legte ihre Arme um sie. „Wie geht es Euch jetzt, Krem?“
Er schreckte aus seinen Gedanken hoch und lächelte schief. „Am liebsten würde ich gleich nach Redcliff reiten, aber zum einen werde ich meine Pflichten als Stellvertreter nicht vernachlässigen und zum anderen Lace Zeit geben zum Nachdenken. Ich reise übermorgen ab, dann seid Ihr hoffentlich wieder hier.“ Er druckste ein wenig herum. „Vielleicht ist es ein Fehler, Lace nachzureisen?“
Wie aus einem Mund ertönte ein mehrfaches: „Nein!“
Er lachte verbittert auf. „Was soll sie schon an mir finden? Ich mache mir etwas vor.“ Krem starrte ins Feuer und wieder traten ihm die Tränen in die Augen. Er ließ sie gewähren.
Niin streichelte seine Wange und schaute ihn traurig an. „Du hast Hardings Leben auf den Kopf gestellt und sie ist verwirrt. Lass ihr etwas Zeit und sie wird merken, was sie an Dir hat.“
„Aclassi, ich bin sicher, dass ihr etwas an Euch liegt.“ Leliana hätte nie gedacht, dass sie den einst so großmäuligen Hauptmann einmal trösten würde. Er tat ihr leid.
Krem schluckte laut hörbar und flüsterte dann kaum vernehmbar: „Ich liebe sie.“ Dann zog er wieder die Beine an und vergrub sein Gesicht in den Armen. Sein Herz zerriss und jeder Gedanke an Harding schmerzte ihn unendlich.
Er merkte, dass ihn mehrere Personen umarmten und schließlich landete er an der breiten Brust seines Häuptlings. „Geht nur, ich passe auf ihn auf. Es ist schon spät. Ihr solltet morgen ausgeruht sein.“ Der Qunari strich beruhigend über Krems Rücken. Flicker und Dalish setzten sich ebenfalls ans Feuer. „Wir passen alle auf ihn auf“, meinte der Magier und begann damit, einige Becher mit Tee zu füllen.
Leicht bedrückt gingen Leliana und Niin hoch in ihr Quartier. Zu ihrer Überraschung standen Cassandra und Fiona vor ihrer Unterkunft und unterhielten sich. „Meister Gatsi hat gerade das Feld geräumt und solide Arbeit geleistet.“
Die Elfe konnte es nicht fassen und tastete die frisch hochgezogene Mauer ab. „Da dringt kein Geräusch mehr durch.“ Die Sucherin grinste unverschämt breit und schaute dann Niin erstaunt an, die sich zu ihr umdrehte und trocken meinte: „Was zu beweisen wäre.“
„Ich wünsche wohl zu ruhen.“ Cassandra zog die Magierin schnell mit in ihr Zimmer, um die beiden alleine zu lassen.
Leliana schloss schmunzelnd die Tür ab und lehnte sich dann mit verschränkten Armen dagegen. „So, so, wir haben heute also noch Einiges vor, meine Liebe?“
Niin grinste herausfordernd und begann sich vor den Augen der Spionin aufreizend langsam zu entkleiden. Schließlich hielt Leliana nichts mehr an ihrem Platz.

Krem hatte sich beruhigt. „Ich bin vielleicht eine Heulsuse. Das kenne ich gar nicht von mir“, bemerkte er entschuldigend.
Der Bulle winkte ab. „Ich glaube, Du hast so lange sämtliche Gefühle unterdrückt, dass nun alle auf einmal zutage treten. So ist das nun mal, wenn man alles in eine Truhe stopft und diese dann öffnet. Kommt einem alles entgegen, was man jemals hineingetan hatte.“ Er schenkte seinem Hauptmann noch einen Tee ein, damit dieser nicht wieder Schluckauf bekam. „Übrigens bin ich stolz auf Dich, weil Du mit dem Saufen aufgehört hast.“ Er klopfte Krem heftig auf den Rücken, so dass dieser sich fast verschluckte. „Milchbubi.“ Der Qunari lachte lauthals los.
Dann erspähte er Dorian, der gerade aus dem unteren Hof die Treppe hinauf kam. Sicher hatte er wieder mit Varric und Sera eine Flasche Wein geköpft. Die vulgäre Elfe schien es ihnen angetan zu haben.
Der Bulle stand auf und ging zum Magier aus Tevinter, aber dieser winkte ab. „Wir sollten unsere gelegentlichen Treffen nicht weiter fortführen.“ Dorian wirkte fahrig und er zwirbelte nervös seinen Bart zurecht.
Dieser Satz traf den Qunari wie eine Faust in den Magen. Er spürte, wie sich alles in ihm zusammen zog und er versuchte, seine Worte möglichst lapidar klingen zu lassen. „Wie Du meinst. Gibt es dafür einen Grund? Ich dachte, Du stehst auf Unverbindlichkeiten?“
Dorian musterte ihn, konnte aber nicht herausfinden, was der Bulle wirklich dachte. „Eben. Und dabei sollten wir es belassen.“ Er drehte sich um und lief schnell die Treppen hinauf.
Der Qunari sah ihm hinterher und ließ die Schultern hängen als er sich wieder zu Krem setzte. Er seufzte tief.
„Bin ich jetzt dran mit in den Arm nehmen?“ Sein Hauptmann schaute ihn bekümmert von der Seite an.
„Vergiss, was ich Dir über Frauen gesagt hatte. Männer können genauso sein.“ Der Bulle rammte einen großen Ast ins Feuer, so dass die Glut in die Höhe stob und alle die Köpfe einzogen. „Entschuldigung.“ Er klopfte sich die Hose ab und hoffte, dass es keine Brandflecken geben würde.
Zum Nachdenken kam er allerdings nicht, denn Sera setzte sich zu ihnen ans Feuer. Diesmal war sie normal die Treppen hoch gekommen ohne jemanden zu Tode zu erschrecken. „Sagt mal, Dorian redet immer von den Venatori, die er abgrundtief hasst. Was sind das eigentlich für Leute?“
Man musste ihr zugute halten, dass sie beim Angriff auf Haven noch nicht dabei war und ihr deshalb einige Informationen fehlten. „Da hat die Rote Jenny gepennt, was?“, meinte Krem und leichter Spott schwang in seiner Stimme mit.
Der Bulle hatte ein Brandloch in seiner Hose entdeckt und fluchte. Er würde seinen Hauptmann bitten müssen, es zu nähen. Dann widmete er sich wieder dem Gespräch. „Gut, von Anfang an: Corypheus ist ein Magister aus Tevinter. Zumindest war er das mal vor tausend Jahren. Nun möchte  er seiner Heimat zu neuer Macht verhelfen, das alte Tevinter auferstehen lassen. Einige machtbesessene Magister haben sich ihm nun angeschlossen und den Kult der Venatori gegründet. In Redcliff bekamen wir es das erste Mal mit ihnen zu tun, als Salis und Dorian durch die Zeit gereist sind.“
„Uh, gruselig.“ Die Elfe schüttelte sich vor Unbehagen.
„Ja, vor allem, weil Corypheus nun gleich mehrere Gruppierungen um sich herum geschart hat: Die Venatori und die Templer, die er in Monster verwandelt hat, weil er ihnen rotes Lyrium eintrichtert.“ Krem hatte sein Nähzeug gezückt und nestelte an der Hose des Bullen herum, der ihm dankenswerterweise den Faden eingefädelt hatte.
„Wir haben uns ganz schön was vorgenommen. Aber immer eines nach dem anderen. Jetzt retten wir erst einmal der Kaiserin den Arsch.“ Der Qunari zuckte zusammen, als Krems Nadel sein Bein traf. „He, nicht festnähen!“

„Aufstehen, meine Damen!“ Niin wusste nicht, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Cassandras tief dröhnende Stimme oder das Hämmern an der Tür. Sie ruckte hoch und versuchte, sich zu orientieren. Das Erste, was sie sah, war Lelianas nackter Po. Die Spionin schlief auf dem Bauch, Niin hatte ihren Kopf auf deren Rücken gebettet. Unter ihr brummelte es verschlafen und unverständlich.
„Schatz, wach auf!“ Die Elfe gab ihrer Liebsten einen leichten Klaps aufs Hinterteil, der Wirkung zeigte. Leliana drehte sich langsam um und lächelte Niin an. „Guten Morgen, Nari.“ Sie küssten sich und es hämmerte erneut gegen die Tür.
„Moment!“, schrie Niin, sprang aus dem Bett und öffnete die Tür einen Spalt weit. „Wir sind wach, Sucherin.“
Cassandra stand mit einem Handtuch um die Schultern draußen, lehnte sich gegen die Balustrade und schmunzelte. „Na, dann sehen wir uns beim Frühstück. Bis gleich.“
Leliana wühlte hektisch ihr Handtuch hervor. „Wo ist die Seife?“
Niin hielt ihr ein Stück entgegen und packte frische Wäsche in die Tasche der Spionin. „Wenigstens sind wir heute Abend alle wohlriechend unterwegs.“ Sie kicherte als Leliana ihr Gesäß streichelte, während sie selbst sich übers Bett beugte und mit Packen beschäftigt war.
„Gelegenheit macht Liebe.“ Die Spionin küsste seufzend den Rücken der Elfe und zog sich an.

Am Badezelt war heute morgen mehr los als sonst. Cullen ließ Cassandra und Sera gähnend den Vortritt. Die Elfe kam zwar nicht mit, aber wo auch immer etwas los war, konnte sie nicht weit sein.  Blackwall gesellte sich zu ihm. „Wollt Ihr es Euch nicht nochmal überlegen und doch mit uns kommen?“, fragte er den Grauen Wächter.
„Nein, der Hof ist nichts für mich. Einer muss ja hier bleiben.“ Er wusste selbst, dass seine Ausrede eher fadenscheinig war, aber Cullen sagte nichts. Korporal Vale, der sonst den Stützpunkt nahe Redcliffs Wegkreuzung kommandierte, war gestern Abend mit einigen Soldaten angekommen und würde ihn vertreten.
Salis und Josephine wollten ebenfalls baden. Die beiden gähnten um die Wette und die Dalish Elfe murmelte Cullen entgegen: „Diese Mäuse sind die Pest. Fängt man eine, tauchen drei weitere auf. Ich glaube, ich stelle mehr Fallen auf.“ Ein entsetzter Blick der Botschafterin ließ sie ergänzen: „Natürlich Käfigfallen. Die Biester setzen wir dann in Corypheus Lager aus.“
Varric schubste sie vertraulich am Arm an und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung Zelt. „Warum fangen wir nicht Sera ein und setzen die aus?“
„He! Ihr seid gemein! Wer möchte schon wissen, wie es in Coryblähus Lager aussieht?“, schrie die Elfe und William lachte.
„Ist ja ganz schön voll. Gibt's irgendwo noch leere Wannen?“ Er spähte ins Zelt hinein.
„Ja, es müssten noch vier frei sein.“ Cassandra tauchte unter, um ihre Haare zu waschen.
„Dann duschen wir lieber und überlassen die Wannen den Frauen, was?“ William, Cullen und Varric verschwanden im Nachbarzelt. Natürlich war das Baden angenehmer, aber bei diesem Auflauf mussten sie zusehen, dass sie allesamt zügig fertig wurden.
Salis und Josephine teilten sich eine Wanne. Diesmal ohne die Hälfte des Wassers zu verschütten. Niin und Leliana taten es ihnen gleich. Der Bulle steuerte sofort die Duschen an, denn die Wanne, in die er passte, musste noch gebaut werden. Solas stahl sich schüchtern ins gleiche Zelt und wurde mit derben Späßen begrüßt. „Haare waschen fällt bei Euch aus, was? Das spart Wasser.“ Der Bulle johlte mit Varric um die Wette.
Sera rief von nebenan: „Sagen gerade die größten Stinker weit und breit!“
Man hört Josephine laut stöhnen: „Der Erbauer stehe uns bei! Ich hoffe, Ihr seid alle heute Abend etwas gemäßigter.“
„Mein Herz, Du willst Dich doch nicht etwa vor meinen Augen ertränken oder?“ Salis kicherte ausgelassen.
„Keine Sorge, ich tauche wieder auf. Und nun hilf' mir bitte beim Haare waschen.“ Die Botschafterin hielt die Luft an und beugte den Kopf vor.
Wenig später versammelten sich alle zu einem ausgiebigen Frühstück. Sie scherzten und man spürte, dass es ihnen gut tat, nach so langer Untätigkeit wieder etwas tun zu können. Am späten Vormittag verließen sie die Himmelsfeste zu Pferde und Salis wurde warm ums Herz, als ihnen so viele Menschen zum Abschied zuwinkten und ihnen Glück wünschten.
„Wir sind schon eine tolle Truppe“, raunte sie Josephine stolz zu. Hinter ihr grinste Varric.

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