Niin und Leliana konnten es kaum erwarten, zu ihrem Quartier zu gelangen. Während die Spionin hektisch die Tür öffnete, hatte die Elfe ihren Arm um die Hüfte der anderen gelegt und küsste deren Hals. Sie traten ein und bestaunten das große Bett, aber dann fiel ihr Blick auf die halbfertigen Mauern und Niin löste sich von ihrer Liebsten. „Was soll das?!“ Sie betrachtete das unfertige Werk aus der Nähe.
„Wo ist Meister Gatsi?“, fragte Leliana verwirrt, dann brummte sie schlecht gelaunt: „Na toll und ich dachte, wir könnten unser Bett heute ein wenig einweihen.“
Die Elfe schaute sie sehnsüchtig an. „Warum haben die mittendrin aufgehört? Und vor allem: wann machen die Handwerker weiter?“
Leliana schnappte sich Niins Hand und zog sie wieder ins Freie. „Komm, wir gehen ihn suchen, Nari.“ Das ließ sich die Elfe nicht zweimal sagen und in der Haupthalle trafen die beiden energischen Frauen auf den Steinmetzmeister. „Was hat Euch davon abgehalten, die Mauern in unseren Quartieren fertig zu stellen, Meister?“ Die Spionin bemühte sich, höflich zu bleiben.
Der Zwerg wedelte vielbeschäftigt mit den Armen. „Jeder will was. Wir haben kein Baumaterial mehr. Die Mauern hatten wir zweifach hochziehen wollen, aber dann stürzte eine Wand der Schmiede ein und wir mussten das Material dort aufbrauchen. Das ging vor. Morgen kommt eine Ladung bestes Material. Gatsi bestellt keinen Schund.“ Damit drehte er sich wieder um und kommandierte seine Gehilfen über ein Gerüst.
Die Himmelsfeste schien in verschiedenen Bauphasen erstellt worden zu sein und einige Gebäude hatte man wohl recht schlampig im Nachhinein errichtet. Die Steinmetze ersetzten die mit minderwertigem Mörtel schnell hochgezogenen Mauern nach und nach.  
Das leuchtete den beiden Frauen ein und sie schauten im Vorraum des Besprechungszimmers nach Josephine, um sie zum Abendessen mitzunehmen. Salis hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht, den Leliana mitbestellt hatte. Sie las ein Buch, während ihr Schatz Briefe schrieb und Akten wälzte. Das Nickerchen hatte ihr gut getan.
„Was ist? Kommt Ihr mit, eine Kleinigkeit essen? Wir haben schon das Mittagessen ausgelassen. Wird langsam Zeit, etwas in den Magen zu bekommen.“ Niins Magen knurrte zustimmend.
Zu viert machten sie sich auf den Weg in den unteren Hof und Leliana erzählte vom Ärgernis mit den Mauern. Es dämmerte bereits und überall spendeten Fackeln warmes Licht. Um diese Zeit waren die Tische an der Küche gut belegt und es war Salis sehr unangenehm, dass man einen davon für den Inquisitor räumen wollte. „Bleibt bitte sitzen!“, rief sie den Leuten zu. Sie konnte nicht erkennen, ob es Magier, Templer oder Späher waren.
Die Vier plünderten die Küche, packten sich die Teller voll und setzen sich jeweils zu zweit nebeneinander auf die Treppen, so wie es Niin, Krem und Harding des öfteren zu tun pflegten. Von dort hatte man wenigstens einen Überblick über den Hof und selbst Josephine hatte sich mittlerweile an die rustikale Art zu essen gewöhnt.
Leliana schubste ihre alte Freundin mit der Fußspitze an. „Schau mal, da sitzt Cassandra am Lagerfeuer mit William und den anderen.“ Sie grinsten und schmunzelten allesamt. Die Sucherin saß auf einem Baumstamm und aß ebenfalls eine Kleinigkeit, während der Magier Tee zubereitete.
Als die Frauen fertig waren, überlegten sie, was sie nun anstellen könnten. Um schlafen zu gehen war es noch zu früh. „Warum setzen wir uns nicht zu den Sturmbullen? Da ist immer was los.“ Niins Vorschlag wurde einstimmig angenommen, sie organisierten sich ebenfalls eine Kanne Tee und einige Becher.
Wie erwartet saßen der Qunari und seine Sturmbullen um das große Lagerfeuer herum, aber da waren weitaus mehr Leute als gewöhnlich. Neugierig nährte sich Salis Gruppe und wurde freudig empfangen. „Wie geht es Euch, Inquisitor?“ Der Bulle lud die Ankömmlinge mit einer Geste ein, Platz zu nehmen.
Harding saß auch am Feuer und wie immer hatte sich Krem neben ihr niedergelassen. Allerdings machten es sich auf der anderen Seite Fremde bequem und ein Mabari. „Das sind meine Eltern“, stellte die Späherin die beiden Zwerge kurz und bündig vor.
Leliana nickte ihnen erfreut zu. Schon lange hatte sie gerätselt, wie wohl Hardings Familie aussehen könnte, die ihr immer so liebevolle Nachrichten zu schicken pflegte. „Habt Ihr schon einen Übernachtungsplatz gefunden?“
Bronda winkte dankend ab. „Wir schlafen hier. Die Sturmbullen haben uns ein kleines Zelt aufgebaut.“ Sie musterte Salis andächtig. „Und Ihr seid also der Inquisitor?“
Die Dalish Elfe schüttelte energisch den Kopf. „Bitte nennt mich Salis. Mein Titel ist mir einfach nicht geheuer.“
„Ihr seid zu bescheiden, meine Liebe.“ Die Zwergin schmunzelte. „Aber so beschrieb Lämmchen Euch.“
„Mama!“, äußerte sich Harding entrüstet. Das verdächtige Zucken einiger Mundwinkel war ihr trotz der Dunkelheit nicht entgangen.
„Salis. Wir würden unsere Tochter gerne mit zu uns auf den Hof nehmen, um sie dort gesund pflegen zu können“, wandte sich Dem ernst an den Herold.
„Das muss der Leutnant selbst entscheiden.“
„Mir fehlt es hier an nichts, Papa.“ Sie kuschelte sich an Krem an, der seinen rechten Arm um ihre Schulter legte und sie anlächelte.
„Wir verstehen das.“ Bronda schubste ihren Mann grinsend an und registrierte, dass der Inquisitor und die Botschafterin wohl zusammen gehörten, denn Josephine hatte gedankenverloren ihre Hand auf Salis Oberschenkel gelegt.
Sera platzte wie immer in die Runde und erschreckte die Anwesenden. Dorian schüttete sich sein Getränk über die Schuhe. Diesmal hangelte sie sich von einem Baum hinunter, schnupperte am Tee und murrte: „Ich könnte jetzt was Hochprozentiges vertragen.“
Varric und der Bulle wechselten hektische Blicke und überlegten, ob sie ihren Weinvorrat noch besser verstecken sollten. Wenigstens kam sie diesmal nicht auf die Idee, ihren Becher ungefragt in den Tee zu tunken. Sie fragte höflich und ließ sich von Flicker einen Schluck einschenken. Die merkwürdige Elfe blickte in die Runde. „Ah, lauter Verliebte.“ Sie musterte Krem. „Und lauter Frauen.“
Niin schaute Leliana an und flüsterte: „Ablenkungsmanöver.“ Doch da war es schon zu spät.
Sera wandte sich an Bronda und fragte: „Stört es Euch nicht, dass Krem ...“
Es gab auf einmal viele Hustenanfälle und lautes Räuspern, um die Elfe zu übertönen. Erstaunlicherweise blieb die Zwergin ganz ruhig und entgegnete: „Was? Dass Krem eine Frau ist? Ich bin nicht blind, Liebes.“ Sie lächelte ihre Tochter an und Harding glaubte in jenem Moment, dass ihr ein Steinbruch von Herzen zu Tal donnern würde. Oder ein ganzer Berg.
Sie spürte, dass Krems Hand sich regelrecht in ihr Hemd verkrallt hatte, schaute ihn beunruhigt an und wisperte: „Es ist alles gut.“
Er atmete pfeifend aus und versuchte, sich zu beruhigen. Das war das erste Mal, dass jeder wusste, was mit ihm los war und niemand beschimpfte ihn oder schlug ihn zusammen. Er konnte es nicht fassen, dass Hardings Eltern so gelassen blieben, während ihn seine eigene Mutter verstoßen hatte. Ein Kloß steckte ihm im Hals. Die rechte Hand der Späherin tastete nach der seinigen.
Brondas Lächeln hielt an und alle Anwesenden verfolgten die Unterhaltung gespannt. „Wisst Ihr, es kommt nicht darauf an, was man ist ...“
Krem vervollständigte ihren Satz: „...sondern wer.“ Er lächelte zaghaft. „Jetzt weiß ich auch, woher Lace diesen weisen Satz hat.“
„Meine Schwägerin lehrte ihn mich einst.“ Sie schaute Harding an. „Tante Neny.“ Sie grinste.
Die Späherin schmunzelte. „Oh ja, das klingt ganz nach ihr.“
„Mein Bruder Belfor verliebte sich in sie, als sie eine seiner Karawanen begleitete.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Sie ist eine Qunari. Der Liebe ist es egal, wen sie trifft.“
„Ein schönes Schlusswort“, sagte Salis und erhob sich. „Verzeiht mir, dass ich mich zurückziehe, aber ich befürchte, wir haben übermorgen eine anstrengende Zeit vor uns und ich brauche immer noch viel Ruhe.“ Sie wandte sich an Josephine. „Bleib doch noch hier, mein Herz.“
Die Botschafterin erhob sich jedoch ebenfalls. „Nein, Du hast Recht. Es ist schon spät. Lass uns zusammen gehen.“ Sie verabschiedeten sich und Josephine hakte sich bei Salis unter, als sie die Treppen hinauf gingen.
Hardings Vater Dem lachte. „Da sieht man, wohin die Liebe fällt. Die beiden sind sehr unterschiedlich und doch haben sie sich gefunden.“
Leliana hielt Niin in den Armen und küsste sie aufs linke Ohr. Sie hatte sich auf den Boden gesetzt und an einem Baumstumpf angelehnt, während die Elfe vor ihr saß und sich an sie schmiegte.
„Bei so viel Zuneigung wird einem ja ganz schwummerig“, brummelte Sera und schubste Dorian plump vertraulich an. „Ihr Kerle seid da ein wenig flatterhafter, oder?“
Der Magier blickte sie mit Abscheu an. „Ich mag vielleicht das Klischee eines Mannes sein, der seinesgleichen bevorzugt, aber das heißt noch lange nicht, dass mir Liebe fremd ist.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich hatte bisher nur noch nicht den Richtigen gefunden.“ Dann fuhr er in die Höhe. „Ich werde mich auch zurückziehen. Gute Nacht.“ Eilig lief er die Treppen hinauf zu seinem Quartier.
Der Bulle blickte ihm nachdenklich hinterher. „Ein Qunari redet nicht lange um den heißen Brei herum. Ihr Menschen hingegen wartet oft so lange, bis die Gelegenheit vorbei ist. Ihr verkompliziert die einfachsten Dinge.“
Leliana bemerkte, dass Cassandra und Fiona die Treppen vom unteren Hof hoch kamen und winkte ihnen zu. „Wir sollten uns ebenfalls zu Bett begeben, oder Nari?“ Die Elfe gähnt, statt zu antworten und nickte schläfrig. Beide rappelten sich auf und schlossen sich den beiden Frauen nach einer Verabschiedung an. „Ihr wisst, was mit unseren Quartieren passiert ist?“, fragte Niin.
„Ja, Fiona sagte es mir. Na ja, jetzt haben wir so oft die Nächte zusammen verbracht, da können wir das sicherlich auch ein weiteres Mal tun, oder? Ich hoffe nur, ich träume heute Nacht nicht wieder“, seufzte Cassandra.
Die Großverzauberin klopfte ihr tröstend auf die Schulter. „Manchmal wirken Worte Wunder, Sucherin.“
Sie öffneten die Türen zu ihren Unterkünften und Dorian rief über zwei Mauern hinweg: „Meine Damen, das ist nicht lustig.“ Er schien schlechte Laune zu haben.
Niin rief ihm zu: „Hört Ihr uns vielleicht lachen?“
Sie setzte sich auf das Bett und zog ihre Stiefel aus, als es an Dorians Tür klopfte. Der Magier öffnete und der Qunari lehnte lässig im Türrahmen. „Bereit für einen weiteren Ritt auf dem Bullen?“ Sein Kopf folgte dem hektischen Blick seines Liebhabers und er schaute in vier entsetzte Gesichter. „Oh, schönen guten Abend, die Damen.“ Sein Grinsen geriet etwas schief.
„Zum Glück habt Ihr es noch rechtzeitig bemerkt.“ Cassandra schüttelte den Kopf, zog sich ebenfalls die Stiefel aus und legte sich ins Bett. „Beim Erbauer, habe ich das vermisst. Eine bequeme Schlafgelegenheit.“
Dorian schaute gequält drein. „Ich wünsche Dir eine gute Nacht, mein Großer.“ Er küsste den Bullen auf die Wange, dieser drehte sich lächelnd um und ging.
Leliana hatte ihre Robe ausgezogen und behielt Hemd und Hose an, wie alle anderen. „Ungleiche Paare, hm?“ Sie zwinkerte dem Magier zu.
„Na ja, wir saßen die letzten Abende immer zusammen und haben uns viel erzählt. Fragt mich nicht, wie es dann dazu gekommen ist.“ Er kratzte sich versonnen an der Schläfe.
„Recht unverhofft, vermute ich.“ Die Spionin lächelte ihn an. „Gute Nacht, Dorian.“
„Gute Nacht zusammen.“ Er blies seine Kerze aus, als er im Bett lag.

Leliana wachte mit dem Kopf auf Niins Bauch auf. Die rechte Hand der Elfe lag auf ihrem Rücken und die Spionin schob sich langsam hoch, um sich an ihre Liebste zu kuscheln. Die Hand bewegte sich allerdings und Niin erwachte ebenfalls. Sie lächelte und schien noch nicht so ganz wach zu sein.
„Guten Morgen, Schatz.“ Die Spionin hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Morgen, Leli“, nuschelte Niin schlaftrunken und rieb sich gähnend den Schlaf aus den Augen. Sie blinzelte ein paar Mal und bemerkte, dass Fiona ebenfalls dabei war, aufzustehen. Die Magierin legte sich den Zeigefinger auf den Mund und deutete auf Cassandra.
Neugierig standen die beiden Frauen auf und spähten über die Mauer. Die Sucherin lag selig schlummernd in ihrem Bett, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Leise kichernd meinte Niin: „Hoffentlich macht Dorian keinen Lärm.“
Sein Kopf ruckte in die Höhe, er spähte erst über die Mauern, flankte dann darüber, um sich neben Leliana zu stellen und die schlafende Sucherin zu beobachten. Es klopfte leise an der Tür und die Elfe öffnete vorsichtig. Vor ihr stand Salis und bevor diese etwas sagen konnte, hatte die Stadtelfe ihr die Hand auf den Mund gelegt. Jetzt waren sie also schon fünf Zuschauer.
Cassandra schlug die Augen auf und schaute erschrocken in grinsende Gesichter. „Habe ich geschrien?“ Sie musterte ihre Mitbewohner verwirrt. „Ihr habt meine Hand doch nicht in warmes Wasser gepackt, oder so?“ Misstrauisch blickte sie sich um.
Salis kicherte. „Schade, die Gelegenheit haben wir verpasst.“ Niin rempelte sie leicht mit dem Ellenbogen an und schüttelte tadelnd den Kopf.
Die Sucherin setzte sich auf die Bettkante und versuchte, wach zu werden. Sie sah Fiona an. „Ja, manchmal wirken Worte Wunder. Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier.“
„Gehen wir frühstücken“, schlug die Magierin schmunzelnd vor.
„Wo hast Du Josephine gelassen?“, fragte Niin die Dalish Elfe.
„Sie schläft tief und fest. Wie immer. Ich bring's nicht über's Herz, sie aufzuwecken“, seufzte Salis und lächelte gleich darauf verträumt. „Bin gespannt, wann Meister Lennard mit unseren Uniformen fertig ist.“, fügte sie hinzu und ihre Neugier wurde immer größer.
Niin überlegte kurz und hielt den Herold dann davon ab, vor die Tür zu treten. „Die Inquisition könnte doch einen eigenen Schneider einstellen, oder? Das käme sicher billiger, als einen von weit her kommen zu lassen.“
Salis durchschaute sie mit Leichtigkeit. „Du fragst doch nicht ohne Grund, oder?“
„Na ja, mir geht da was durch den Kopf. Krems Vater ist Schneider.“ Niins große blaue Augen wirkten wie die eines Hundewelpens, dem man nichts abschlagen konnte.
„Aber er ist ein Sklave in Tevinter“, warf Leliana ein.
„Wartet. Krems Vater hat sich in die Sklaverei verkauft?“ Dorian zwirbelte nachdenklich seinen Schnauzbart zurecht. Alle schauten ihn an, schließlich kam er aus dem gleichen Land und seine Familie genoss dort hohes Ansehen. „Oh, ich weiß, was Ihr wollt. Ich soll ihn auslösen?“ Er kniff die Augen zusammen und sein Mund wurde schmal. „Ich habe zu meinen Eltern keinen Kontakt mehr und ich befürchte, dass mein Status als Altus nicht ausreichen wird.“
Niin fragte verwirrt: „Was ist ein Altus?“
Er fuhr fort. „Ein Magier, der aus einer angesehenen Familie von hohem Rang stammt. Das perfekte Zuchtergebnis.“ Den letzten Satz presste er durch die Lippen. „In meinen Kreisen heiratet man nicht aus Liebe, sondern um die Eigenschaften zweier Blutlinien zu veredeln. Ob sich die Ehepartner hassen, ist unerheblich. Ich wollte jedenfalls nicht in feudaler Verzweiflung enden und ging fort.“
„Vielleicht könnte Josephine ihre Verbindungen spielen lassen?“, schlug Salis vor und erntete einen dankbaren Blick von Niin. „Schau einen doch nicht immer so an.“ Die Dalish Elfe schnappte sich lachend die Kapuze der Späherrüstung und zog sie der anderen über den Kopf bis zur Nase runter.
„Könnte mich bitte jemand ins Freie führen?“, murmelte Niin kichernd.

Josephine erwachte, als sie spürte, dass Salis nicht mehr neben ihr lag. Sicher wollte die Elfe Rücksicht nehmen, aber die Botschafterin liebte es, wenn sie zusammen aufwachten. Sie zog sich an und ging zuerst in ihr Arbeitszimmer. Bis weit nach Mitternacht hatte sie wach gelegen und überlegt, wie sie den Brief an ihre Eltern am besten formulieren konnte.
Salis war keine Liebschaft, sondern die Frau, mit der sie ihr Leben verbringen wollte. Einfach würde es nicht werden, ihrer Familie das zu vermitteln, denn Josephine war als Erbfolgerin dazu verpflichtet, den Namen an ihre Nachkommen weiterzugeben.
Sie setzte sich in den großen Sessel hinter ihrem Schreibtisch, sortierte einige Papiere und spürte, dass sie das Schreiben des Briefes hinauszögerte. Sie riss sich zusammen, drückte das Kreuz durch und nahm die Feder in die Hand.
Leider hatte sie ihrer kleinen Schwester Yvette die Teilnahme am Ball nicht ausreden können. Dieser Umstand bereitete ihr große Sorgen, und auch wenn Salis ihr gut zuredete, so blieb die Angst. Josephine hatte in ihrer Jugend eine Ausbildung als Bardin genossen, allerdings merkte sie nach einiger Zeit, dass sie für diesen mörderischen Beruf nicht geschaffen war. Und dennoch wusste sie, wie man mit einem Dolch umzugehen hat. Sie wollte unbedingt in der Nähe ihrer Schwester bleiben.
Nach dem Ball würde sie Yvette den Brief mitgeben und ihr Salis offiziell vorstellen. Sie freute sich schon darauf, denn sie hatte einige Anspielungen gemacht und ihre Schwester war entsprechend neugierig, wer derjenige war, welcher der Botschafterin dermaßen den Kopf verdreht hatte. Ihren Brüdern schrieb sie ebenfalls. Die beiden waren nicht so konservativ wie ihre Eltern.
Als sie fertig war schaute Salis vorsichtig durch einen Türspalt ins Zimmer, hauchte ihr dann einen Kuss auf die Lippen und stellte einen Teller mit belegtem Brot vor ihr auf den Tisch. „Wie ich sehe, hast Du es hinter Dich gebracht, ma vhenan. Wie geht es Dir?“ Der sorgenvolle Blick ihrer Liebsten ruhte auf ihr.
Josephine lächelte sie glücklich an. „Wenn Du bei mir bist, erscheint mir alles leicht.“
Salis setzte sich auf die Tischkante. „ Wir müssen gleich zur Anprobe.“
Die Botschafterin begann schon wieder, im Gedanken alles zu organisieren. „Wissen die anderen davon?“
Die Elfe winkte ab. „Ja, und wir sind alle gespannt, wie wir aussehen werden.“ Sie grinste keck. „Vor allem bin ich gespannt, wie Du darin aussehen wirst, mein Herz.“
Josephine hob eine Augenbraue und schmunzelte. „Und was glaubst Du, wie neugierig ich auf Dich bin?“
Salis stand auf und verbeugte sich. „Darf ich um diesen Tanz bitten, Mylady?“
Die Botschafterin nahm die angebotene Hand und sie tanzten beschwingt durch den Raum. „Alle werden vor Neid erblassen, wenn ich mit dem Inquisitor über die Tanzfläche schwebe.“
Die Elfe küsste Josephines Handrücken. „Und mich werden alle beneiden, weil ich mit der schönsten Frau im ganzen Winterpalast tanze.“

William saß Cassandra gegenüber und riss hin und wieder die Augen weit auf. Sie hatten es sich in der Nähe der Küche bequem gemacht, nachdem sie ihn am Lagerfeuer hatte stehen sehen, und frühstückten nun zusammen. „Ihr seid aber wirklich ein regelrechter Morgenmuffel.“ Sie grinste in ihren Becher Tee hinein.
Der Magier gähnte unverhohlen. „Nathaniel hatte Alpträume.“ Die Sucherin musterte ihn misstrauisch und er konnte ihre Gedanken erraten. „Nein, kein Dämon, der ihn versucht hat. Keine Sorge. Er hat Angst, weil er soviel schlimme Dinge über die Läuterung gehört hat und er befürchtet, dass man so etwas auch mit ihm tun könnte.“
„Aber die Läuterung gibt es nicht mehr, seit die Zirkel aufgelöst wurden.“ Sie sah ihn ernst an. „Ob das ein Problem werden könnte, lässt sich noch nicht absehen.“
William nickte zustimmend. „Wir müssen so schnell wie möglich eine Institution aufbauen, die jungen Magiern das Lernen ermöglicht, um sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Das wäre die beste vorbeugende Maßnahme gegen dämonische Besessenheit.“
„Oder Ihr lernt von den Hütern der Dalish. Seit vielen Generationen kommen diese ohne Zirkel aus.“ Cassandra schaute zum Lager der Kampfmagier und erblickte Annabelle. „Eine Hexe der Wildnis wäre vielleicht eine gar nicht so schlechte Lehrerin.“ Sie ergänzte schnell. „Zumindest was das Beherrschen der Magie angeht.“
Er lachte ungezwungen. „Mit ihrer ein wenig lockeren Moral lassen wir sie besser nicht auf die armen Schüler los. Aber ich muss sagen, dass sich Annabelles Denkweise in den letzten Jahren sehr geändert hat. Nicht zuletzt wegen ihrer Tochter Alina.“
Sie erhoben sich und schauten sich im unteren Hof um. Zum Zelt mit den Badewannen hatte sich eines mit Duschen gesellt, das direkt an der Mauer stand. Man wollte hier später ein Badehaus einrichten und dafür den alten Stall, der viel zu klein war, abreißen. Blackwall musste sich nach einem neuen Domizil umsehen.
Einigen der Magier schien es offensichtlich viel Freude zu machen, beim Erhitzen des Badewassers zu helfen, denn etliche Feuerzauber sorgten dafür, dass sich die Wannen in Windeseile mit wohlig warmem Wasser füllten.
Gute gelaunte Soldaten kamen ihnen entgegen, die sicherlich eine ruhige Nacht in ihren neuen Etagenbetten verbracht hatten. Auf diese Art konnten doppelt so viele Leute im großen Schlafsaal hinter der Küche untergebracht werden. Der ehemalige Speisesaal besaß außerdem in der Mitte Tische und Bänke, während die Betten an den Wänden standen.
Die Lieferungen in die Himmelsfeste nahmen nicht ab und zum Glück waren die Bauern in der Umgebung wieder bereit, mit der Inquisition Geschäfte zu machen, nachdem Josephine und Leliana den finanziellen Engpass beseitigt hatten. Mittlerweile gab es viele orlaisianische Adlige, die sie unterstützten.
Cullens Soldaten hatten immer viel damit zu tun, dem ein oder anderen Anliegen nachzukommen. Mal waren es Banditen, mal wilde Tiere, die beseitigt werden mussten. Auf diese Art wuchs das Ansehen der Inquisition als Organisation, die sich um die Belange aller kümmerte, nicht nur um die derjenigen, die genug Gold dafür zahlten. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Gegend zu befrieden, errichteten Wachposten und -türme, befestigten Dörfer. Da die Himmelsfeste aus allen Nähten platzte, bildete man neue Rekruten im Stützpunkt an der Wegkreuzung nach Redcliff aus.
William und Cassandra sammelten unterwegs den Kommandanten ein, der sich von Annabelle gerade seine tägliche Medizin geben ließ, zudem packte sie ihm eine Extraration für die Reise ein. Auf die Sucherin machte Cullen einen gesunden Eindruck. Die dunklen Ringe unter seinen Augen waren fast verschwunden und er schien sich wieder mehr um sein Aussehen zu kümmern. Seine blonde Mähne war frisch geschnitten und der Stoppelbart an den Rändern sorgsam ausrasiert.
Er lächelte die beiden unternehmungslustig an. „Ihr wollt sicher auch zur Anprobe, oder?“ Sie nickten und machten sich zu dritt auf den Weg zur Taverne. Dort herrschte schon Hochbetrieb und Meister Lennard ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. „Meine Nerven!“ Offensichtlich hatten sich seine Gesellen beim Bullen vermessen, der nicht in seine Jacke hinein passte.
Leliana war dabei, Niin in eine blaue Schärpe einzuwickeln und beäugte sie kritisch. „Zu breit.“ Die Schneider nestelten an der Elfe herum, während die Spionin einen Schritt zurück tat und lächelte. „So siehst Du perfekt aus, Nari.“
Sie erntete einen zweifelnden Blick. Niin schaute an sich hinab. „Ich weiß nicht so recht. Fühlt sich seltsam an.“ Sie schaute in einen mannshohen Spiegel und drehte sich zur Seite. „Doch nicht so schlecht.“
Die Galauniformen waren sehr dezent gehalten. Über den braunen Lederhosen trugen sie Lederstiefel in der gleichen Farbe, die bis über die Knie reichten. Die rote Jacke harmonierte perfekt mit dem Braunton. Eine blaue Schärpe wurde um die Taille gewickelt und von einem hellbeigem Ledergürtel gehalten. Diese Farbe wiederholte sich in den Handschuhen und den Epauletten. Die seitliche Knopfleiste war golden abgenäht.
Salis diskutierte mit Josephine darüber, wie Schärpe zu tragen sei und man hatte bei den schmaler gebauten Elfen einfach zu viel Material bemessen.
Varric wunderte sich darüber, dass Cassandra ihre Lederhose anbehielt. „Wollt Ihr Euch nicht umziehen? Habt Ihr Angst, dass man Euch in Unterwäsche sehen könnte?“
Sie drehte sich langsam zu ihm um. „Ich trage keine.“
Der Zwerg glotzte sie sprachlos an und William trat aus Versehen einem Schneidergesellen auf die Finger.
Es dauerte nicht lange und Josephine konnte die Gruppe zusammen scheuchen. Alle stellten sich brav nebeneinander hin und sie schritt die Reihe wie ein Feldmarschall ab. Hier und da zog sie am Stoff, bis alle Uniformen perfekt saßen. Sie nickte zufrieden und Cullen wurde endlich gehen gelassen. Er saß schon auf heißen Kohlen, denn die Späher und Soldaten waren abmarschbereit.
„Und zieht Euch gleich wieder um!“, rief die Botschafterin den Davoneilenden hinterher.
Salis streichelte beruhigend Josephines linken Arm. „Wenigstens machen wir morgen Eindruck.“
„Hoffentlich genauso, wie geplant“, stöhnte die Antivanerin.

Harding saß vor dem Zelt und war an diesem Morgen nicht mehr ganz so abgeneigt, eine Weile bei ihren Eltern zu bleiben. Ihre Gefühle für Krem waren verwirrend und sie brauchte Abstand, um sich darüber klar werden zu können, was sie für ihn empfand. Natürlich mochte sie ihn, weil er so liebevoll sein konnte, aber als er sich heute früh vor ihr umzog, kamen Empfindungen zum Vorschein, die ihr bis jetzt unbekannt waren.
Sie hatte sich nie etwas aus Frauen gemacht, sich aber dabei ertappt, wie sie Krem betrachtete und sich wünschte, ihn berühren zu können. Er hatte gespürt, wohin ihre Blicke gewandert waren und sein Kuss war nicht mehr unsicher gewesen, sondern leidenschaftlich. Um ein Haar hätte sie ihn zu sich ins Bett gezogen und schon der Gedanke daran ließ ihre Wangen erröten.
Ihre Eltern holten den Karren herbei und sie musste sich vom Hauptmann verabschieden. „Krem?“ Er hockte vor dem Feuer, drehte sich um und schaute sie fragend an. „Ich werde mit meinen Eltern nach Redcliff reisen. Für ein paar Tage.“ Sie kraulte Contessa und hoffte, dass er ihre Nervosität nicht bemerkte.
Er setzte sich neben sie und machte ein trauriges Gesicht. „Ist es wegen vorhin? Ich … ich wollte nicht … aufdringlich sein. Verzeih'.“ Er wollte sich nichts anmerken lassen und trotzdem spürte er, wie er anfing, sich die Tränen wegzublinzeln.
„Das warst Du nicht!“, rief Harding schnell und verfluchte sich dafür, diese Entscheidung getroffen zu haben, die ihm offensichtlich weh tat. „Ich … muss nachdenken.“
Er stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose, als könne er damit seine Gedanken abschütteln. „Ich verstehe.“ Dann ging er die Treppen hinab in den unteren Hof, aber das war auch kein guter Gedanke, denn die Hardings befanden sich dort. Er nickte ihnen zu und versuchte krampfhaft, die Fassung zu bewahren. Sein Gang wurde schneller, er lief an Annabelle vorbei, riss die Tür zu Cullens Turm auf und knallte sie hinter sich zu.
Er rutschte an der Mauer nach unten, zog die Knie an und verbarg sein Gesicht in den Armen. Hoffentlich hörte hier niemand sein Schluchzen. Er hatte sich etwas vorgemacht. Was konnte Harding schon an ihm finden?
„Kein Schmerz ist schlimmer als ein zerbrochenes Herz.“ Er kannte diese sanfte Stimme. Eine Hand strich über sein Haar, er hob den Kopf und sah in Brondas besorgtes Gesicht. „Lasst ihr Zeit.“
Krem nickte tapfer, während ihm die Tränen das Kinn hinab tropften. Die Zwergin nahm seine Hand in die ihre. Er konnte nicht sprechen, seine Lippen bebten und er hatte sich noch nie im Leben so scheußlich gefühlt. So ungeliebt und weggestoßen.
„Manchmal muss man gehen um zu verstehen, was man verloren hat.“ Sie streichelte mit der anderen Hand seine Wange. „Ich weiß, was Ihr für meine Tochter empfindet.“ Dann erhob sie sich entschlossen. „Ich werde mit ihr reden, Krem. Bitte verzagt jetzt nicht. Kann ich Euch alleine lassen?“, fragte sie und runzelte die Stirn. Er nickte schwach.
„Ich hole den Bullen.“ Dann eilte sie davon, die Treppen hinauf, wo ihr Mann Harding aufhalf und sich wunderte, dass seine Frau an ihm vorbei ins Zelt lief. Kurz darauf stürmte der Qunari in den unteren Hof und Bronda stand seufzend mit dem Rucksack ihrer Tochter vor ihrer Familie.
„Ist was passiert?“, fragte die Späherin vorsichtig.
„Erzähle ich Dir heute Abend, Lämmchen. Komm, wir müssen abfahren.“ Ihre Mutter ging vor und Harding humpelte hinterher, von Dem gestützt.

„Junge, was machst Du bloß?“ Für die meisten Menschen wäre ein riesiger Qunari, der einen in den Arm nimmt, sicherlich mehr als beängstigend, aber Krem beruhigte sich nach einiger Zeit. Der Bulle packte die Schultern seines Hauptmannes, zog ihn in die Höhe und blickte ihn scharf an. „Wenn ein Qunari etwas für jemanden empfindet, dann sagt er es. Wir umschleichen einander nicht oder schmachten uns aus der Ferne an. Wir sagen es, wie es ist.“
Krem schaute ihn an wie ein getretener Hund. „Das kann ich doch nicht einfach so machen.“ Er bekam Schluckauf. „Was soll ich denn tun?“ Weitere Tränen tropften auf den Arm des Bullen.
„Ich mache Dir einen Vorschlag. Lass Harding heute in Ruhe und morgen oder übermorgen früh schwingst Du Dich auf ein Pferd und reitest zu ihr. Pflück' von mir aus unterwegs Blumen, aber sag' ihr, was sie Dir bedeutet.“ Er klopfte dem Hauptmann auf den Rücken. „Und nun tun wir was gegen Deinen Schluckauf, Du Häufchen Elend.“
Der Bulle spähte durch einen Türspalt in den Hof. „Kein Harding weit und breit. Sie sind abgefahren. Komm, wir schauen mal bei der Heilerin vorbei wegen Deiner Hand.“ Mit diesen Worten zog er Krem hinter sich her zu Annabelle.
Die Magierin machte ein erstauntes Gesicht, als sie den verheulten Hauptmann sah. Sie bedeutete ihm, sich auf einen Baumstamm zu setzen und musterte ihn. „Habt Ihr Schmerzen?“ Er schüttelte den Kopf und sie machte sich daran, den Verband von seinem Handgelenk zu lösen.
„Kann er davon etwas trinken?“ Der Bulle deutete auf einen Topf, der über dem Feuer köchelte.
„Ja, das ist Williams Tee.“ Sie lachte und gab ihm einen Becher. „Er hatte heute morgen alles stehen und liegen gelassen, als Cassandra mit ihm frühstücken wollte.“
Der Bulle grinste. „Er macht sich gut in der Uniform.“ Den vollen Becher reichte er an Krem weiter. „Mich wundert es, dass Euer Kamerad noch nicht vergeben ist“, bemerkte er beiläufig.
„Ich glaube, jene Nacht in der Kaschemme hat ihn nachhaltig verstört“, antwortete sie, um ihren Freund zu verteidigen.
„Das kenne ich. Ich hatte auch mal ...“ Krem zuckte zusammen, als die Heilerin die Wunde berührte. „... ein nettes nachhaltiges Erlebnis, allerdings war danach nicht mehr viel von mir übrig.“ Er dachte mit Schaudern an den Abend in Tevinter, als die Soldaten ihn töten wollten.
Annabelle wirkte einen Zauber und seine Hand wurde heiß. „Nicht zurück zucken. Gleich wird es noch wärmer.“ Sie wiederholte die Prozedur und diesmal kroch die Hitze seinen Arm hoch bis zur Schulter. Dann öffnete sie seine linke Hand und nahm eine Feder, mit der sie sachte über die Innenfläche zu den Fingern hinauf strich. Er zuckte und sie lächelte ihn an. „Sehr gut. Machen wir weiter.“ Sie bemerkte eine weitere Reaktion. „Konzentriert Euch auf den Zeigefinger. Bewegt ihn.“
Krem traten kleine Schweißperlen auf die Stirn, so gebannt starrte er auf seine Hand. Als er schon dachte, dass es nicht klappen würde, zuckte der Finger wieder und er lachte erleichtert auf. Die Magierin fuhr mit der Behandlung fort und der Bulle ließ seinen Hauptmann alleine. Vorhin hatte er gesagt, dass ein Qunari offen mit Gefühlen umgeht, aber stimmte das wirklich? Es war immer leichter, anderen Ratschläge zu geben.

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