"Aufstehen!“ Jemand hämmerte an die Tür und Niin fuhr erschrocken hoch. Sie blickte sich benommen um und ihr Blick fiel auf Leliana, die fest schlief, ein glückliches Lächeln umspielte ihren Mund.
Es klopfte ein zweites Mal ungestüm. „Rekrutin Larion! Raus aus den Federn! Aufbruch in zehn Minuten!“ Harding konnte einem wirklich auf die Nerven gehen mit ihrem Kasernenhofton. Dagegen war Cassandras Stimme sanft wie Honig.
Die Spionin riss die Augen auf und blinzelte Niin irritiert an. „Haben wir verschlafen?“
„Sieht so aus.“ Die Elfe sprang hoch, zog sich hastig den Rest der Uniform über und schnappte sich ihren neuen Rucksack, den sie am Vorabend fertig gepackt an der Tür neben ihrem Bogen abgestellt hatte.
Leliana rappelte sich ebenfalls in die Höhe und zog sich die Robe über. „Warte, ich komme mit!“
Die beiden Frauen hasteten durch die Haupthalle, die Treppen hinab in den unteren Hof. Dort hatten sich die Sturmbullen schon versammelt und waren gerade dabei, den zweiten Ochsenkarren zu besteigen. Hardings Späher saßen bereits im ersten Karren, der auch die Ausrüstung mit sich führte. Drei Zelte, Verpflegung für eine Woche, Feldbetten.
Die Späherin war putzmunter und sprang auf den zweiten Karren. Sie winkte Niin zu. „Los, komm. Frühstücken können wir unterwegs.“
Die Elfe reichte Krem ihren Rucksack und drehte sich zur Spionin um. Einem Moment lang standen sie unschlüssig voreinander, dann stelle sich Niin auf die Zehenspitzen und legte ihre Arme um Lelianas Hals. Diese wisperte: „Pass auf Dich auf, Nari.“
„Los jetzt, Krümel!“ Der Bulle konnte es gar nicht abwarten, endlich wieder unterwegs zu sein.
„Nicht, dass mir diese Szene irgendwie bekannt vorkäme“, murmelte Leliana und ihr Lächeln geriet in leichte Schieflage.
Die Elfe drückte ihr einen Kuss auf die Wange und sprang flink in den Ochsenkarren, um sich dort neben Krem zu setzen. Sie winkte der anderen zu, bis sie das andere Ende der Brücke erreicht hatten.

Die Meisterspionin saß mit Salis und Josephine beim Mittagsessen und stocherte selbstvergessen auf ihrem Teller herum. „Jetzt weiß ich, wie sich das für Dich anfühlt, Josie, wenn der Inquisitor unterwegs ist“, brummelte sie schlecht gelaunt.
Die Botschafterin seufzte. „Ja, wahrscheinlich sitze ich morgen Mittag auch so da.“
Salis strich ihr tröstend über den Rücken und gab ihr einen aufmunternden Kuss auf die Wange. „Wir werden ja nicht lange weg sein. Wenn Harding sich mit den Spähern ran hält, dann sind sie in spätestens fünf Tagen wieder hier. Die Strecke ist wesentlich kürzer als die nach Redcliff. Mit dem Ochsenkarren vielleicht sieben oder acht Stunden, zu Pferde drei bis vier.“
„Insofern sich Zuckeröhrchen von seinen Stuten mal loseisen kann“, bemerkte Josephine lachend.
„Oder wir ihn ...“, ergänzte Leliana und grinste breit.
„Cassandra, Varric, Dorian und ich werden morgen Mittag in Kammwald eintreffen und uns dann am nächsten Tag auf die Suche nach Hawke machen, ich hoffe aber, dass die Späher sie dann schon ausfindig gemacht haben.“ Die Dalish Elfe schnitt sich großzügige Wurstscheiben auf ihre Brotscheibe und winkte die Sucherin herbei, welche gerade auf dem Weg zu Cullen war um das obligatorische tägliche Gespräch zu führen. „Habt Ihr schon gegessen?“
Cassandra schüttelte bedauernd den Kopf. „Heute noch nicht. Kann ich mich gleich zu Euch setzen?“ Die Frauen nickten und so machte sie sich auf den Weg zur Küche. Sicherlich hatte man um diese Zeit nicht mehr allzu viel Auswahl, aber das war sie gewohnt. Nach all den Jahren des militärischen Drills war man froh, wenn man überhaupt etwas im Magen hatte.
Zu ihrer Überraschung traf sie William in der Küche, der sich in aller Ruhe sein Essen zusammen rührte, misstrauisch beäugt vom Koch und seinen Gehilfen. Er trug seine Weste diesmal offen, hatte aber ein braunes Hemd darunter an, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt waren. Ihre Neugier siegte und sie spähte ihm über die Schulter. „Was wird das?“
Der Magier hatte etwas Haferflocken in eine Schale gegeben, einige Waldbeeren, etwas Zucker und goss nun Milch darüber. Dann hielt er ihr den großzügig gefüllten Löffel hin. „Mal probieren? Verspätetes Frühstück für Dachdecker.“ Er schaute sie belustigt an, als sie den Löffel vorsichtig in ihren Mund bugsierte und argwöhnisch auf dem Mischmasch herum kaute. Ihre Miene erhellte sich zusehends. „Hm, das schmeckt richtig lecker. Wie nennt Ihr das?“
„Frühstücksbrei vielleicht? Ich weiß es nicht.“ Es schien ihm nichts auszumachen, mit dem gleichen Löffel zu essen und die restliche Milch schlürfte er aus der Schale, während er Cassandra dabei zusah, wie sie sich eine Scheibe Brot mit Käse und etwas Wurst belegte.
Der Koch seufzte entnervt: „Wollt Ihr nicht vielleicht auch das Abendessen vorbereiten, wenn Ihr schon meine Küche belagert?“
Die Sucherin lachte schallend. „Das solltet Ihr Euch nicht mal im Traum wünschen. Ich habe so viel Ahnung vom Kochen wie ein Drache vom Tanzen.“
Zusammen mit William verließ sie die Gefilde des Kochs so schnell wie möglich, doch am Eingang hielt sie ihn für ein Gespräch unter vier Augen zurück. Sie musterte seinen Oberkörper. „Ihr hättet mit Cullen den Boden aufwischen können. Warum habt Ihr es nicht getan, Trevelyan?“
Er lächelte wieder sanftmütig, doch in seinen Blick schlich sich eine Spur von Traurigkeit. „Es gab eine Zeit, da hat man mit mir den Boden aufgewischt. Kein schönes Gefühl. Cullen ist krank und er braucht Eure Hilfe. Er kann froh sein, dass Ihr ihn schützt und nicht einfach seines Amtes enthebt.“
Cassandra antwortete ernst: „Das werde ich tun, wenn ich es muss. So hatten wir es abgemacht.“
Der Magier überlegte kurz und meinte dann: „Vielleicht kann Annabelle ihm helfen?“
„Eure Heilerin?“ Die Sucherin zog skeptisch die Augenbrauen hoch.
„Ja, genau diese. Sie kennt sich wie keine andere mit Heilkräutern aus. Sie könnte ihm helfen, seinen Zustand zu stabilisieren.“
Sie schaute ihn fragend an. „Und was macht Annabelle so besonders?“
Wieder lächelte er. „Sie ist eine Chasind.“
„Am Ende gar eine Hexe der Wildnis?“ Cassandra wurde es etwas mulmig zumute. Die Chasind lebten in der Korcari Wildnis und waren für die restlichen Bewohner Fereldens einfach nur primitive Wilde. Zwar lebten sie heute meistens recht friedlich, aber in der Vergangenheit stellte dieses Volk eine ernsthafte Bedrohung für den Norden dar. Ihre Schamanen lernten angeblich von den Hexen der Wildnis. Abtrünnige Magierinnen, welche sich in die Korcari Wildnis geflüchtet hatten.
Um diese Frauen rankte sich allerlei Aberglaube. So in etwa, dass sie Gestaltenwandler waren, die sich in allerlei Tiere verwandeln konnten.
Zu ihrem Entsetzen nickte William. „Ja, das ist sie.“ Gleich darauf winkte er beruhigend ab. „Ich kenne Annabelle seit über zehn Jahren. Sie hat eine kleine Tochter, ich kann Euch also versichern, dass die Gerüchte um die Hexen der Wildnis ein wenig übertrieben sind. Sie klauen keine Kinder und opfern sie. Jedenfalls die meisten nicht.“
Cassandra ließ nicht locker. „Aber dann ist sie eine Gestaltenwandlerin?“
Der Magier antwortete, weil er das Gefühl hatte, er müsse seine Freundin rechtfertigen. „Ja, diese Art von Magie beherrscht sie, setzt sie aber selten ein.“ Er grinste die Sucherin an. „Jetzt schaut mich nicht so misstrauisch an. Ihr habt sie doch kennengelernt. Kommt sie Euch denn wie eine Wilde vor?“
Sie holte tief Luft. „Wenn Cullen das erfährt, springt er Euch doch noch an die Kehle.“
William setzte seinen ganzen Charme ein und lächelte hinreißend. „Muss er ja nicht.“
„Mit der Nummer kommt Ihr bei mir nicht weiter, Trevelyan“, sie schmunzelte spöttisch, ließ ihn stehen und ging mit ihrem Frühstück zum Tisch, an dem die anderen saßen.
„Uh! Hat da einer gerade eine Abfuhr bekommen?“ Salis grinste Cassandra unverschämt an und die Sucherin antwortete mit möglichst gleichgültigem Tonfall: „Wenn Ihr so wollt: ja.“ Dann biss sie herzhaft in ihr Brot.

Niins Schultern stießen hin und wieder an Krems Oberarm, wenn der Karren über einen Stein fuhr und die Sturmbullen samt Harding ordentlich durchschüttelte. Sie hielten sich an den Seitenwänden fest und ließen sich ansonsten vom monotonen Schaukeln einlullen.
Langsam veränderte sich die Landschaft. Das satte Grün der Ebenen wich roter Erde, das Gras hatte teilweise eine bräunliche Farbe angenommen. Der Himmel bewölkte sich zusehends und die ersten Regentropfen fielen auf die ungeschützte Gruppe. Die Elfe zog sich ihre Kapuze über, aber der Rest verharrte einfach im Regen. „Was für ein Scheißwetter!“, brummte Harding schlecht gelaunt.
Niin betrachtete die Sturmbullen ausführlich. Brecher, der Schurke und Fallenspezialist, war ein Zwerg mit einem riesigen Schnauzbart. Flicker, ein Mensch, konnte zugleich als Heiler und Kämpfer eingesetzt werden. Grims von unzähligen Kämpfen vernarbtes Gesicht sprach Bände. Sense war eine elfische Bogenschützin und Dalish eine Magierin, die nicht so genannt werden wollte.
Am frühen Nachmittag kamen sie am Zielort an. Sie folgten einer alten Handelsstraße, die an einem See entlang führte, und hielten kurz vor der Kreuzung an, die nach Kammwald oder der Festung Caer Bronach führte. Die Sturmbullen sicherten das Gelände und schwärmten in zwei Gruppen aus, während die Späher die Zelte aufbauten. Vom Lagerplatz aus konnten sie den See überblicken und was sie dort sahen, überraschte alle. Mitten auf dem Wasser zeigte sich ein riesiger Riss. Damit hatte keiner gerechnet.
„Ich glaube, Salis wird hier länger verweilen, als ihr lieb ist“, wunderte sich Niin. Sie hatte noch nie einen Riss aus der Nähe gesehen und fand den Anblick beängstigend. „Spuckt das Ding Dämonen aus?“, fragte sie Harding.
„Mit Sicherheit.“ Die Laune der Späherin passte sich dem schlechten Wetter an. „Halte die Augen offen.“
Mitten im strömenden Regen die Zelte aufzubauen, war alles andere als einfach. Schon bald gab es an den Leibern der Späher keinen einzigen trockenen Faden mehr und auch Niin tropfte der Regen stetig von der Kapuze auf die Nase hinab. Der grobe Leinenstoff hielt zwar einiges ab, aber der feine Nieselregen drang durch jede Naht. Als sie fertig waren, besetzten die Späher zwei Anhöhen in der Nähe des Lagers, von denen sie die Gegend besser überschauen konnten. Niin und Harding gingen die Straße hinab bis zum Ufer und die Elfe stöhnte angewidert: „Beim Erbauer, das stinkt zum Himmel!“ Sie hielt sich die Nase zu, aber der Verwesungsgeruch war allgegenwärtig. „Was ist das bloß?“
Sie starrten auf die braune Schlammbrühe, die träge ans Ufer schwappte. „Jedenfalls beneide ich Salis nicht, dass sie da raus muss um den Riss zu schließen. Wir können das Ding nicht einfach ignorieren.“ Harding spürte ihren Magen langsam rebellieren. „Komm, lass uns wieder zum Lager gehen und auf die Sturmbullen warten.“
Niin wollte sich schon umdrehen, da bemerkte sie eine Bewegung im Schlamm. Wer oder was konnte sich in dieser Pampe fortbewegen?! Sie hielt den Arm der Zwergin fest und zeigte in diese Richtung. Beide starrten gebannt auf den Schlamm, der zu Leben erwachte und machten instinktiv einige Schritte rückwärts. Erst bildeten sich Blasen, dann erhoben sich Schemen, ganz bedeckt mit Schlamm und Algen, und führten einen grausigen Totentanz auf. Sie bewegten sich langsam, aber unaufhaltsam auf das Ufer zu.
Harding schrie entsetzt: „Scheiße, das sind Untote!“ Beide Frauen zogen ihre Bögen und versuchten, sich zum Lager zurück zu bewegen, aber der Weg wurde ihnen abgeschnitten. „Noch mehr von diesem Dreckszeug“, knurrte die Späherin und erkannte, dass ihre Leute ebenfalls zu den Waffen gegriffen hatten.
Niin blickte sich, hektisch nach einem Ausweg suchend, um. Sie entdeckte einen großen Felsen, von dem aus sie die Straße besser im Blick hatten und schubste Harding an. „Da rauf!“ Die Zwergin nickte und beide rannten los bis Hardings Schrei die Elfe herumfahren ließ. Ein Pfeil hatte die linke Wade der Späherin durchbohrt und sie war gestrauchelt.
Niin verstaute ihren Bogen auf dem Rücken und kniete neben Harding nieder. Sie untersuchte die Wunde und brach den Pfeilschaft einfach ein gutes Stück weit oberhalb der Wunde ab, damit sie nicht am Ende irgendwo dagegen stießen und den Pfeil noch tiefer ins Bein trieben. Sie zog die Zwergin hoch und legte sich den linken Arm über die Schulter, um sie abstützen zu können. Von weitem schrien die Späher ihnen zu. Sie hatten eine Schneise in die Reihen der Untoten gebrochen und winkten. Zwei der Männer liefen ihnen entgegen und nahmen Niin die Last ab.
Die Elfe griff wieder zu ihrem Bogen und erkannte jetzt erst genauer, dass sie von Skeletten angegriffen wurden, da der Schlamm langsam von deren fauligen Knochen abgefallen war. Nun grinsten ihr blanke Schädel entgegen, an denen hin und wieder noch Hautfetzen hingen. Wer hätte gedacht, dass diese Ungeheuer nicht nur mit verrosteten Schwertern kämpften, sondern auch mit Pfeil und Bogen? Das war absurd. Diese Biester kamen aus dem Schlamm und verschossen Pfeile! Zum Glück bewegten sie sich sehr langsam, aber vor ihren Waffen musste man sich dennoch in Acht nehmen.
Und wie erschießt man einen Untoten? Das fragte sich Niin, während sie versuchte, auf die Köpfe zu zielen. Schließlich ebbte die Angriffswelle ab und der Weg war gepflastert von verwesenden Kadavern. Einer der Späher musste sich übergeben. Er und zwei seiner Kameraden blieben draußen, während Niin sich ihre Kapuze vom Kopf riss, während sie das Zelt betrat, in welches Hardings Leute ihre Vorgesetzte gebracht hatte.
Die Zwergin war blass, aber Niin konnte keinen nennenswerten Blutverlust feststellen und das beunruhigte sie. „Kannst Du mich hören, Harding?“ Sie tätschelte ihr leicht die Wangen, aber die Augen der Späherin blieben geschlossen und sie gab lediglich ein leises Stöhnen von sich. Die Elfe versuchte es etwas weniger zärtlich. „Lace! Wach auf!“ Endlich schaute Harding sie mit fiebrigem Blick an.
Die Zwergin packte Niin am Kragen und zog sie zu sich heran. Sie ächzte: „Vergiftet. Der Pfeil ...“, dann fiel sie wieder zurück aufs Kissen und verlor das Bewusstsein.
Die Elfe kämpfte gegen die aufkommende Panik an. Sie musste den Pfeil entfernen und einen klaren Kopf behalten. Sie hatte das schon einige Male gemacht, auch wenn es zehn Jahre her war. „Bringt mir die Kiste mit dem Verbandsmaterial“, bat sie den Späher, der drei Minuten später mit den gewünschten Sachen zurück kam. Mit seiner Hilfe drehte sie Harding auf die rechte Seite, zog ihr den Stiefel aus und schlitzte das Hosenbein bis zum Oberschenkel auf. „Kein Wunder, so dreckig wie der Pfeil ist“, murmelte sie vor sich hin, als sie den Pfeilschaft musterte. Sie machte sich große Sorgen, denn ein normaler Pfeil hätte Harding nicht umgehend das Bewusstsein verlieren lassen. Die Späherin hatte eine große Narbe, die quer über den linken Kiefer verlief. Sie kannte also Schmerzen und war sicher nicht sehr zimperlich.
Einer der Späher vor dem Zelt kam hinein und reichte Niin einen Pfeil, den er gefunden hatte. Die Elfe betrachtete das Projektil von allen Seiten und ihr fiel vor allem der schleimige Überzug auf, der den ganzen Pfeil bedeckte. Die Spitze hatte zum Glück keine Widerhaken. Vielleicht konnten sie den Pfeil, der Harding traf, ja einfach wieder herausziehen?
Sie wandte sich an den Späher, der neben ihr vor dem Feldbett kniete. „Was sollen wir tun? Den Pfeil herausziehen oder die Wunde durchstoßen?“
Er betrachtete die Wunde und meinte unsicher: „Ich würde den Pfeil ziehen. Er scheint nicht so weit im Bein zu stecken, dass sich ein Durchstoßen lohnen würde.“
„Wir laufen so oder so Gefahr, dass etwas vom Pfeil in der Wunde bleibt.“ Niin legte sich alle Hilfsmittel griffbereit auf einer Kiste zurecht. Alkohol und Wasser zum Desinfizieren und Reinigen, nebst Nadel und Seidenfäden zum Nähen.
Sie bedeutete dem Späher, den Pfeil behutsam am Schaft anzufassen und langsam herauszuziehen. Er machte ein verdutztes Gesicht, denn die Prozedur ging leichter als gedacht. Erleichtert wusch Niin die Wunde mit Wasser aus und desinfizierte sie anschließend mit dem Alkohol. Sie goss sich davon etwas über die Hände und das Nähzeug, dann vernähte sie das Einschussloch sorgsam.
Draußen wurde laut gesprochen, als die Sturmbullen zurückkehrten und erfuhren, was passiert war. Das Zelt ging auf und die beiden Heiler, Dalish und Flicker, traten ein. Der Magier begutachtete die Wunde und den Pfeil besorgt, roch daran. „Ein unbekanntes Gift.“ Er schaute auf Harding, die sich in krampfartigen Anfällen hin und her warf und mittlerweile schweißgebadet war.
Flicker nickte seiner Kameradin zu und beide Magier wirkten gleichzeitig ihre Heilzauber, brachen aber nach einer Minute ab. „Nicht stark genug“, murmelte Dalish verärgert.
Niin senkte resigniert den Kopf und bemerkte nicht, dass der Bulle und Krem hinter ihr standen, auch wenn der große Qunari sich ziemlich bücken musste, um nicht an die Zeltplane über seinem Kopf zu stoßen. Sein Hauptmann starrte entsetzt auf Harding und er rief flehentlich: „Wir müssen doch irgendetwas tun können?“
Der Bulle grollte leise und schickte den Späher vor das Zelt. „Ihr in Tevinter seid der Blutmagie ja nicht unbedingt abgeneigt, oder, Krem?“
Der Angesprochene schaute ihn und seine beiden Kameraden hilflos an. Dalish schüttelte energisch den Kopf. „Ich glaube, Du spinnst, Bulle. Ist Dir klar, dass wir viel Blut benötigen würden, um erfolgreich zu sein?“
Der Hauptmann zog langsam seinen Brustpanzer und die Weste aus, krempelte den linken Ärmel seines Hemdes hoch. Er zückte seinen Dolch und hielt ihn sich ans Handgelenk. „Würde das reichen?“
„Krem! Mach' keinen Mist!“, rief Niin ängstlich, doch er schien sie nicht zu hören. Er atmete tief durch und schloss die Augen.
„Du weißt hoffentlich, was Du tust. Harding wird Dir den Arsch aufreißen, wenn sie davon erfährt.“ Die Stimme des Bullen klang besorgt.
Flicker schaute Dalish zweifelnd an. „Meinst Du, dass es so gehen wird?“
Die elfische Magierin seufzte. „Ich denke, dass wir es so schaffen können, das Gift aus ihrem Körper zu entfernen. Nur … wir müssen zeitig aufhören, sonst töten wir Krem.“
Der Hauptmann flüsterte: „Seid Ihr bereit?“ Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
„Ja“ antworteten ihm die Magier, dann schlitzte er sich das Handgelenk auf. Das Blut pulsierte mit jedem Herzschlag heraus aus seiner Wunde und die Magier nutzten diese Lebensenergie. Das Zelt wurde eingehüllt in einen gleißend hellen Schein, dessen Mittelpunkt Harding bildete. Die Blutstropfen wurden empor gerissen und glitzerten wie Edelsteine, dann lösten sie sich auf.
Niin kauerte am Fußende des Feldbettes und starrte auf Krem, der zusammenbrach, gehalten vom Eisernen Bullen, der ebenfalls in die Knie ging. Verzweifelt tastete der Qunari nach der Halsschlagader seines Hauptmannes und fühlte den Puls. „Aufhören!“ Seine Stimme durchfuhr alle Anwesenden wie ein Stromstoß und die beiden Magier unterbrachen den Zauber umgehend.
Der Bulle hielt den bewusstlosen Krem im Arm und raunte ihm ins Ohr: „Du verdammter Narr.“
Niin ließ sich neben ihm auf den Boden fallen und sah ihn besorgt an. „Ist Krem ...“
Der große Krieger der Qunari hatte Tränen in den Augen, aber er lächelte matt. „Er lebt.“ Er hob Krem an und küsste dessen Stirn. Der Hauptmann schlug kurz die Augen auf und die beiden blickten sich stumm an, dann seufzte der Bulle: „Dass man aber auch immer auf Dich aufpassen muss.“ Er lachte und weinte zugleich.
Benommen versorgten Niin und die beiden Magier die Wunde des Hautmannes und legten ihn auf ein Feldbett neben Harding. Der Zwergin schien es besser zu gehen, die Krämpfe hatten aufgehört, aber das hohe Fieber bereitete ihnen nach wie vor Sorgen.
„Wir müssen Salis benachrichtigen“, meinte Niin, als sie und der Bulle nach draußen gingen, um sich ein Bild von der Lage machen zu können. Es zeigten sich keine weiteren Untoten, aber nach einiger Beobachtung stellten sie fest, dass das Aufleuchten des Risses mit dem Auftauchen der Untoten zusammenhing. Diesmal war die Angriffswelle recht klein und die langsamen und schwankenden Gestalten ließen sich schnell eliminieren. Trotzdem gingen alle in Deckung aus Angst vor den Pfeilen. Niin verfasste eine Nachricht an Leliana:

Stießen auf einen Riss und Untote. Harding schwer verletzt durch vergifteten Pfeil. Krem bewusstlos durch hohen Blutverlust. Käuzchen
Der Bulle schrieb darunter:
Kammwalds Stadtoberhaupt bittet um Hilfe. Bulle

Sie ließen einen Vogel in den regnerischen Himmel aufsteigen. Eine halbe Stunde später landete das Tier auf seinem Käfig in der Himmelsfeste. Ein Späher nahm ihm die Nachricht ab, steckte ihn hinein und überreichte der Meisterspionin das Papier. Danach versorgte er den Vogel fürsorglich.
Leliana runzelte beunruhigt die Stirn und eilte die Treppen hinab zu Josephines Arbeitszimmer. Wie erwartet, traf sie Salis dort an, die jammernd einen Berg von Dokumenten unterschreiben musste. „Tut mir leid, mein Schatz, aber da musst Du jetzt durch.“ Die Botschafterin legte ihr den nächsten Stapel hin und bedachte sie mit einem liebevollem Blick.
Die Spionin hielt der Dalish Elfe den Zettel hin mit den Worten: „Wir stießen auf unerwartete Schwierigkeiten in Kammwald.“
Salis las und fragte verdutzt: „Wer ist Käuzchen?“
Leliana schmunzelte. „Niinara. Ich gebe vielen Spähern Decknamen.“
„Das Käuzchen und die Nachtigall. Wie passend.“ Die Botschafterin grinste ihre Freundin an, wurde aber schnell wieder ernst, denn Salis stand auf und verkündete: „Wir reisen sofort ab und nehmen ein paar von Cullens Soldaten mit.“
Josephine war die Enttäuschung anzusehen, aber auch die Angst, denn nun schienen die Dinge in Kammwald aus dem Ruder zu laufen. „Hawke suchen und den Wächter finden. So war's zumindest geplant.“ Sie schüttelte den Kopf und ging mit den beiden Frauen in die Haupthalle. Dann hielt sie Salis am Arm fest. „Geh' Du Cassandra und die anderen suchen. Ich bringe Dir Deine Sachen in den unteren Hof.“ Sie küssten sich und die Elfe murmelte bedauernd: „Ich hatte mich schon auf einen wunderschönen Abend mit Dir gefreut, ma vhenan.“ Sie wollte sich umdrehen, aber Josephine kniff ihr in den Hintern und zeigte ihren verführerischsten Augenaufschlag. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“

Es wurde dunkel als Salis mit ihren Begleitern im Lager vor Kammwald eintraf. Ihnen bot sich ein merkwürdiges Bild, denn überall auf den Anhöhen ringsherum standen Späher und Sturmbullen. Erst jetzt bemerkte die Dalish Elfe den Riss über dem See. „Ach Du Scheiße!“, raunte sie Cassandra ehrfürchtig zu, die neben ihr ritt. „Wie sollen wir da drankommen?“
Niin wartete vor den Zelten und wirkte nervös. Varric und Dorian stiegen ab und suchten einen geeigneten Platz für die Pferde, außerdem folgten ihnen vier Soldaten und Annabelle, die Heilerin. Mehr Reittiere hatte die Inquisition im Moment leider nicht, denn sonst hätten sie noch ein paar Späher mitgenommen.
Die Hexe der Wildnis schien nicht viel von Höflichkeiten zu halten, sie nickte kurz zur Begrüßung und verschwand dann im Zelt um sich die Verwundeten anzuschauen. Die beiden Magier der Sturmbullen sahen ihr neugierig über die Schulter, als sie den Inhalt ihrer Schultertasche auspackte und allerlei Flaschen und Salben zum Vorschein kamen.
Sie begutachtete den Pfeil, drehte ihn, roch ebenfalls daran und begann, eine Kräutermischung zusammen zu stellen. Sie erblickte den Alkohol, der eigentlich zum Desinfizieren gedacht war und schüttete ein wenig davon in eine kleine Schale, dann rührte sie diverse Pasten hinein. Es entstand ein übel riechender Sud. „Leider haben wir kein Feuer, um die Kräuter aufzukochen, aber es wird auch so gehen“, murmelte Annabelle mehr zu sich selbst. „Helft mir, der Zwergin das Gebräu einzuflößen.“
Die drei Magier hoben Hardings schlaffen Oberkörper an, Dalish hielt ihren Kopf hoch.
„Wartet.“ Die Heilerin der Kampfmagier griff zu einer kleinen Flasche, öffnete sie und hielt sie der Späherin unter die Nase. Die Zwergin begann zu husten und erwachte aus ihrer Ohnmacht. Sie blinzelte die Umstehenden mit fiebrigem Blick an und man hielt ihr den Sud an den Mund. Sie trank automatisch und hustete erneut. „Alles runter schlucken“, sagte Annabelle leise, aber bestimmt.
Hardings Magen kämpfte mit der Arznei und sie erkannte Krem, der leblos neben ihr lag, um das linke Handgelenk einen dicken Verband. Ihre Augen weiteten sich entsetzt, aber Flicker sprach beruhigend auf sie ein. „Keine Sorge, er schläft jetzt.“
„Was … was ...“, krächzte die Zwergin, man bettete ihren Kopf wieder auf das Kissen und sie schlief umgehend ein.
Nun schaute sich Annabelle Krems Wunde an und kniete an seinem Lager. Sie drehte sich fragend zu den beiden Magiern um. „Die meisten Menschen verabscheuen Blutmagie.“
Flicker stammelte: „Wir hatten keine Wahl. Unsere Magie war zu schwach.“
Sie winkte ab. „Ihr müsst Euch vor mir nicht rechtfertigen. Ich stelle nur fest. Mehr nicht.“ Sie stand auf, ihre Hand schwebte über Harding und schien zu glühen. Die Haut der Zwergin schillerte in der gleichen Farbe, dann verblasste das Glühen. Der Eingang des Zeltes war offen und jede Menge neugierige Gesichter schauten zu.
Cassandra nahm Niin beiseite und fragte verärgert: „Blutmagie? Stimmt das?“
Die Elfe antwortete barsch: „Wir hatten keine Wahl, sonst wäre Harding gestorben. Was hättet Ihr denn getan, Sucherin?“
Mit so einer forschen Antwort hatte Cassandra nicht gerechnet, sie öffnete den Mund zu einer Entgegnung und überlegte dann einen Moment. „Wir können nicht etwas ächten und dann selbst einsetzen, aber ...“, sie zuckte mit den Schultern, „... ich kann verstehen, dass Ihr Harding nicht sterben lassen wolltet.“ Ihr Gewissen befand sich in einer Notlage und man sah ihr den inneren Konflikt an.
Annabelle trat vor sie und legte ihr die Hand behutsam auf den Arm. „Nicht die Magie ist böse, sondern die Absichten des Menschen. Jede Form von Magie kann missbraucht werden, es liegt an demjenigen, der sie verwendet.“
Cassandra musterte das Gesicht der Magierin. Sie hatte einen dunklen Teint und hätte, wie Josephine, auch aus Antiva stammen können. Die Züge waren fein, fast edel zu nennen und gar nicht jene, die man von einer „Wilden“ erwartete. Genau wie William, so trug auch Annabelle einen Ledermantel, allerdings aus dunkelbrauner Bärenhaut gefertigt. Ihre langen schwarzen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Sucherin fragte sich, ob die Magierin nicht noch andere Vorfahren hatte. Sie wurde aus ihrer Betrachtung gerissen, als Salis sie zur ersten Wache einteilte, zusammen mit Varric, Dorian und Cullens Soldaten. Niin, Annabelle und der Bulle legten sich ins Krankenzelt, die Sturmbullen machten es sich nebenan gemütlich und die vier Späher belagerten das dritte Zelt.
Die Hexe der Wildnis bedachte Harding abermals mit einem Zauber und Niin fragte neugierig: „Euer Zauber fühlt sich so anders an. Das ist sonderbar.“
Annabelle betrachtete sie eingehend und lange, bevor sie antwortete. „Und Ihr habt eine seltsame Gabe, Späherin.“ Sie kam näher und die Elfe wich ängstlich zurück. „Keine Angst, ich tue Euch nichts.“ Die Magierin lächelte sanft und Niin entspannte sich wieder. „Diese Gabe kann man fördern, so dass Ihr sie bewusst einsetzen könnt. Was haltet Ihr davon, wenn wir das üben, sobald wir wieder in der Himmelsfeste sind?“
Die Stadtelfe nickte eifrig, dann legte sie sich auf ihr Feldbett und machte es sich bequem. Selbst dieses primitive Bettgestell konnte man komfortabel nennen im Gegensatz zu ihrem Strohlager, dass sie mehrmals in der Nacht wieder zusammenschieben mussten. Der Eiserne Bulle ließ Krem nicht aus den Augen, besser gesagt: aus dem Auge, doch schließlich schlief auch er ein.

Jemand rüttelte an Niins Schulter. Es war Salis, die total durchnässt vor ihr stand, und der das Wasser aus den kurzen Haaren tropfte. „Nettes Wetter haben die hier. Cassandra und ich legen uns jetzt einen Weile aufs Ohr, geht Ihr beiden raus zur Wachablösung.“
Ihre Freude, wieder stundenlang im Regen zu stehen, hielt sich in Grenzen. Sie positionierte sich mit dem Bullen auf einer Anhöhe vor dem Lager in Ufernähe und starrte auf den Riss. Als dieser aufleuchtete, schwappte eine neuerliche Angriffswelle Untoter ans Ufer, aber Niin und die anderen Bogenschützen sorgten dafür, dass die Nahkämpfer erst gar nicht eingreifen mussten.
Der Bulle klopfte ihr anerkennend auf die Schulter und sie lächelte ihn an. „Wird Zeit, Dir den Schwertkampf zu zeigen, Krümel.“ Er bemerkte ihren leicht verärgerten Gesichtsausdruck bei der Erwähnung ihres Spitznamens. „Und es ist an der Zeit für einen neuen Namen, finde ich. Einen Endgültigen, der Dir zur Ehre gereicht.“
Der Tag dämmerte langsam, noch immer regnete es Bindfäden, vor dem Lager versammelten sich Salis und ihre Begleiter. Sie winkte Niin und den Bullen herbei, die durch Späher abgelöst wurden. „Wir werden uns erst um den Riss kümmern, bevor wir Hawke suchen und gehen jetzt nach Kammwald, das ja gleich hinter dieser Anhöhe liegt.“ Sie machte eine Geste in die entsprechende Richtung. „Leider wollte das Stadtoberhaupt gestern nicht mit dem Bullen über alle Einzelheiten sprechen, wie wir an den Riss heran kommen können.“ Salis machte sich entschlossen auf den Weg, nur von Cassandra, Varric und Dorian begleitet.
Niin trat ins Krankenzelt hinein und stellte erfreut fest, dass Krem bei Bewusstsein war. Er lächelte sie schwach an und der Bulle grinste zufrieden. „Hallo Häuptling“, flüsterte der Hauptmann mit kraftloser Stimme, er wollte sich aufrichten, fiel aber wieder nach hinten um und ächzte. „Verdammter Mist.“ Er drehte sich auf die Seite und betrachtete Harding, die tief schlief. „Wie geht es ihr?“
Annabelle hatte die ganze Nacht am Krankenlager der Zwergin gewacht und entgegnete müde: „Die Kräuter haben das Fieber gesenkt. Das Gift ist aus ihrem Körper.“ Sie lächelte Niin an. „Die Wunde ist gut behandelt worden, aber ich kenne Eure Fertigkeiten ja bereits, Späherin Larion.“
Die Elfe schüttelte verneinend den Kopf. „Ich bin Rekrutin.“
„Ich bin sicher, das ändert sich schnell, Krüm ...“ Der Bulle unterbrach sich selbst. „... Niin.“ Dann schaute er zu Krem. „Und wenn Du Dir weiter so den Kopf verrenkst um zu sehen, wie es Harding geht, fällst Du aus dem Bett.“ Er rollte mit dem Auge. „Diese Jugend ...“

Nach zwei Stunden kam Salis mit den anderen drei zurück und schüttelte zermürbt den Kopf, als sie alle zu einer Besprechung rief. Am Ende sagte sie: „Die gute Nachricht: wir wissen jetzt, wie wir den See trocken legen können. Die Schlechte: wir müssen dafür eine Festung stürmen.“
Der Bulle lachte erfreut auf. „Na, endlich was zu tun. Was wartet dort auf uns?“
„Ein paar Banditen. Wenn wir diese Festung beanspruchen würden, dann könnten wir dorthin umziehen … ins Trockene.“ Salis zog den Kragen ihrer Lederjacke enger. „Na, dann lasst uns mal freundlich anklopfen.“ Mit diesen Worten machten sich Salis, ihre drei Begleiter und die restlichen Sturmbullen auf den Weg zur Festung.
Niin ging wieder zurück ins Krankenzelt, wo Annabelle gerade dabei war, Krem einen Trank einzuflößen. „Ist gut bei hohem Blutverlust“, raunte sie der Elfe zu. „Wenn wir wirklich bald im Trockenen sein sollten, dann ziehen wir den beiden die Kleidung aus. Alles ist klamm.“
Der Blick des Hauptmannes war ein einziger stummer Protest. Er hob sachte seinen linken Arm, konnte aber die Hand nicht bewegen. Immer wieder wanderte sein Blick zu Harding, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. „Wann werdet Ihr Hawke suchen, Niin?“, fragte er mit tonloser Stimme.
Die Elfe kratzte sich nachdenklich am Ohr. „Wenn Salis mit guten Neuigkeiten zurück kommt, denke ich. Bis dahin bleiben ich und die Späher allesamt hier.“ Sie trat an Hardings Bett und befühlte die Haare der Späherin. „Ich glaube, wir lösen die kunstvoll geknotete Frisur auf.“ Sie nestelte einige Klammern heraus und die Zwergin öffnete die Augen. „Hallo, Lace.“ Die Elfe lächelte sanft und fuhr fort.
„Was machst Du da?“, krächzte Harding und leckte sich mit trockener Zunge über einen noch trockeneren Mund. Annabelle hielt ihr einen Becher Wasser an die Lippen.
„Deine Haare sind immer noch klatschnass“, antwortete Niin und fuhr damit fort, Hardings Frisur zu ruinieren. „Ich hätte nicht gedacht, dass Deine Haarpracht so lang ist.“ Die Elfe hielt eine armlange rote Haarsträhne hoch.
„Was macht Euer Bein, Späherin?“ Annabelle schlug die Wolldecke zurück und begutachtete den Verband. Das Bein lag erhöht auf einer zusammengefalteten Decke.
„Brennt wie Feuer“, stöhnte Harding. Daraufhin verabreichte ihr die Magierin wieder einen Trank, dabei schauten ihr Dalish und Flicker interessiert über die Schultern. Die Späherin schielte in Krems Richtung. „Er hat nicht das getan, was ich befürchte, oder? Ich habe seltsame Bilder im Kopf. Das muss das Fieber gewesen sein.“ Sie wollte sich vergewissern, dass jene Bilder nicht real waren.
Niin fragte vorsichtig: „Was hast Du denn gesehen, Lace?“
Harding sog die Luft durch die recht breiten Nasenflügel ein. „Sein Handgelenk. Er schnitt es auf.“ Sie blickte die beiden Magier an, sagte aber nichts.
„Ja, das stimmt.“ Die Elfe entschied sich für die Wahrheit. Das war zwar oft der schmerzhafte Weg, den kaum einer hören wollte, aber früher oder später würde sich eine Lüge rächen, davon war sie überzeugt. „Es war die einzige Möglichkeit, Dich zu retten.“
Die Zwergin schloss die Augen, als müsse sie das eben Gesagte erst verstehen, dann rief sie so laut sie konnte: „Krem! Du bist so ein Idiot!“
Der Hauptmann lag auf dem Rücken, lächelte vor sich hin und meinte leise: „Du lebst. Das ist alles, was für mich zählt.“
Harding ballte die Hände zu Fäusten und wollte ihn anschnauzen, stattdessen ging ihre wütende Entgegnung in einem Schluchzen unter. „Erst Blumen und nun das. Du hast sie echt nicht mehr alle. Du wärst fast …. fast ….“, Tränen kullerten hinab auf ihr Kissen.
Krem rappelte sich hoch, taumelte zu Hardings Feldbett und ließ sich dort mehr auf die Bettkante fallen, als dass er sich setzte. Niin und die anderen hatten bereits in aller Stille das Zelt verlassen. Die Zwergin schüttelte den Kopf, ihre Stimme zitterte leicht. „Warum tust Du das?“
Er beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann musterte er sie erst ein wenig unsicher und wischte ihr dann zaghaft mit den Fingern einige Tränenspuren aus dem Gesicht. „Wir sind doch Freunde, oder?“ Krem stand wieder auf und legte sich auf sein eigenes Lager.
„Ja, Freunde“, murmelte Harding und fragte sich besorgt, warum ihr Herz auf einmal so schnell schlug.

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