Niin saß mit Harding und Krem auf der Treppe, die hoch zur Küche führte. Die Sonne hatte die Stufen aufgewärmt und die drei frühstückten in aller Ruhe, ihre Teller auf den Knien balancierend. Sowohl der Leutnant als auch der Hauptmann der Sturmbullen verzichteten auf die Brustpanzer ihrer Rüstungen. Harding trug ein Leinenhemd, ähnlich dem, das alle Späher besaßen, und Krem war mit einer wattierten Lederweste bekleidet, die sich vorne mit mehreren Riemen schließen ließ.
Seine muskulösen Arme waren nackt, denn das Hemd aus Wolle hatte er vorhin gewaschen. Es musste schon heftig gerochen haben, dass selbst er lieber mit weniger Kleidung herum lief. Normalerweise packte sich Krem in seine unförmige Rüstung ein und man sah ihm an, dass er sich jetzt unwohl fühlte.
Als Harding auch noch seinen Oberarm mit dem Zeigefinger antippte, zuckte er leicht erschrocken zusammen. „Wie lange habt Ihr trainiert, um solche Muskeln zu bekommen?“ Die Zwergin kaute weiter auf ihrem Brot herum, während sie ihn ungeniert musterte.
„Ich kam früh zur Armee. Erst drückte man mir einen Dolch in die Hand, aber das war nichts für mich. Ich kämpfte lange mit Schwert und Schild, aber nun bin ich beim Zweihänder gelandet“, erzählte Krem stolz.
„Wie die Mama.“ Niin schubste ihn grinsend mit dem Fuß an, weil sie einige Stufen über ihm saß. Der Elfe verzieh' er solche Frechheiten gerne, denn er wusste, dass sie es nicht böse meinte. Bei Harding war er nie sicher, wie er mit ihren Bemerkungen umgehen sollte. Sie giftete ihn manchmal grundlos an und ihre Launen waren sehr wechselhaft. Bei anderen schien es ihr leichter zu fallen, nett zu sein.
„Ja, wie die dicke Mama mit den zwei Hörnern“, tönte Krem laut lachend.
Niin kicherte vor sich hin und Harding drehte sich zu ihr um. „Du wirkst heute recht überdreht.“ Die Elfe guckte sie verdattert an. „Wieso?“
Sie nahm ein Stück Brot, legte es auf die Gabel und schoss es, wie von einem Katapult abgefeuert, in Varrics Nacken, der es sich gerade mit seinem Essen auf einem der wenigen Stühle direkt vor ihnen bequem gemacht hatte. Er taste danach, als wollte er eine Mücke töten und schaute sich suchend um. „He, Ihr Witzbolde! Mit dem Essen spielt man nicht.“ Seine Stimme klang nicht besonders wütend und schließlich lachte er, als Niin schnell das Geschirr hinter ihren Rücken verschwinden ließ. „Krümelchen, so langsam taust Du auf, was? Vielleicht solltest Du mal zu Salis gehen oder zu Leliana. Ich denke, die haben Dir etwas Interessantes zu sagen.“
„Spann' mich nicht auf die Folter, Varric“, bettelte Niin.
Der Zwerg drehte seinen Stuhl in ihre Richtung um und nahm seinen Teller auf den Schoß. Mit vollem Mund sagte er: „Wir gehen nach Kammwald und Du sollst mitkommen.“
Sie sprang vor Freude auf, trat Krem fast auf die Hand und rief völlig aufgekratzt: „Wann geht’s los?“
Harding schien wenig amüsiert: „Tethras, ich gratuliere Euch. Ihr habt es geschafft, dass unser Krümel nun total durch den Wind ist.“
„Leutnant, kommt Euch auch mal ein liebenswürdiges Wort über die Lippen?“, ächzte der Hauptmann der Sturmbullen kopfschüttelnd.
Die Späherin funkelte ihn kampflustig an. „Zu wem? Zu Euch? Mit Sicherheit nicht.“
Krem hob ratlos die Schultern. „Ich habe mich bei Euch entschuldigt. Was ist los mit Euch? Was soll ich denn noch tun?!“
Sie sprang auf und fauchte: „Mir den Buckel hinunter rutschen!“ Dann eilte sie in den oberen Bereich der Feste.
Der Hauptmann blickte Varric hilfesuchend an. „Kann mir einer sagen, was das eben sollte? Hardings Stimmungsschwankungen sind echt beängstigend.“
Niin sprach leise: „Sie mag keine Männer.“
Krem schaute sie ein wenig bestürzt an. „Soll ich mich jetzt darüber freuen, dass sie in mir einen Kerl sieht? Warum sollte sie keine Männer mögen? Bevorzugt sie Frauen?“
Die Elfe flüsterte: „Jemand hat ihr das Herz gebrochen.“
„Hat sie Dir das gesagt, Krümelchen?“, fragte Varric und erwartete eigentlich keine Antwort, aber Niin meinte achselzuckend: „Nein, das hat sie mir nicht gesagt. Ich spüre es.“ Sie schaute erst den Zwerg aus großen Augen an und dann Krem. „Vielleicht sagt sie es Dir, wenn Du mit ihr redest?“
Der Hauptmann schnaufte missmutig. „Sie dreht mir höchstens den Hals um.“
„Geh' zu ihr“, sagte die Elfe und ihr energischer Tonfall ließ keine Widerworte zu.
„Warum sollte ich?“ Seine Stimme klang unsicher.
„Weil Du es willst.“ Niin lächelte ihn sanftmütig an.
„Raus aus meinem Kopf, Rekrutin Larion.“ Er überspielte seine Verlegenheit mit einem rauen Lachen, aber schließlich verließ er die beiden und ging nach oben, um Harding zu suchen.
Varric bedachte die Stadtelfe mit einem verwunderten Blick. „Hast Du nur geblufft, oder stimmt es wirklich, dass Du merkst, wo einem der Schuh drückt?“
Sie legte den Kopf ein wenig schief und ließ sich mit der Antwort Zeit. „Manchmal kann ich spüren, was in einem Menschen vorgeht. Aber manchmal trifft es mich recht unvorbereitet.“ Sie musste an Leliana denken und schmunzelte glücklich.
Der Zwerg verabschiedete sich seufzend. Es wurde Zeit, ein ernsthaftes Gespräch mit der Meisterspionin zu führen. Niin blieb noch eine Weile in der Sonne sitzen und hielt die Augen geschlossen, als Cassandra sich neben sie setzte.
Die Sucherin aß ihr Frühstück ohne ein Wort zu sagen. Eine Seltenheit. Sie beobachtete das Treiben im Hof und William, der wild mit den Armen rudernd vor seinen Schützlingen auf und ab lief und dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. Wenn das Aufklärung sein sollte, dann hätte das lieber ein anderer machen sollen. Cassandra grinste erheitert.

Harding war nicht einfach zu finden, aber nach einigen Hinweisen, die Krem in der Haupthalle erhalten hatte, konnte sie sich nur im Kräutergarten aufhalten. Er öffnete vorsichtig die Tür zum Hof und spähte in die Runde. Der Garten wurde von einem überdachten Rundgang umrahmt und wenn man diesen entlang lief, gelangte man zu einer kleinen Kapelle am anderen Ende. Die Magier hatten Kräuterbeete angelegt. In der Feste war es so warm, dass man sicher das ganze Jahr über ernten konnte. Schmale Wege verliefen dazwischen. In der Mitte des Hofes befand sich ein Brunnen und am Rand, in der Nähe der Kapelle, stand ein Pavillon, dessen Dach mit den gleichen Schindeln gedeckt war, die man auch für die übrigen Dächer der Feste genommen hatte.
Dort saß die Zwergin, an einen Stützpfeiler gelehnt, das rechte Knie angezogen und den Arm darauf gestützt. Sie hielt den Kopf gesenkt und sah den Hauptmann nicht kommen. Als er schließlich vor ihr stand, räusperte er sich leise und sie blickte ihn überrascht an. Sogleich machte sich Unmut in ihrem Gesicht breit. „Was wollt Ihr?“, schnauzte sie ihn lauter als gewollt an.
Krem ließ sich nicht beirren und setzte sich neben sie. „Reden“, war seine simple Antwort.
„Über was?“, knurrte die Späherin.
„Über den, der Euch das Lachen genommen hat.“ Krem schaute sie unumwunden an.
„Woher ...“, sie schnappte nach Luft. „Ich möchte über diesen Mistkerl nicht mehr nachdenken“, rutschte es ihr heraus.
„Eine gute Freundin hat mir vor einiger Zeit gesagt, dass Reden hilft. Und sie hat Recht.“ Er lächelte die Zwergin freundlich an.
„Hat Niin Euch hierher geschickt?“ Hardings Unmut verflog.
„Nein, aber sie sagte mir, dass es sicherlich einen Grund gibt, warum Ihr mir dauernd die Augen auskratzen wollt. Nun sitze ich hier und möchte wissen, warum“, sagte er bestimmt.
Die Zwergin starrte geradeaus, ihr Blick war auf keinen bestimmten Punkt fixiert und sie sprach leise: „Vor vier Monaten lernte ich einen Soldaten kennen. Beim Erbauer! Ich war verknallt bis über beide Ohren.“ Sie schnaufte und war über sich selbst erzürnt. „Ich dachte wirklich, er würde das Gleiche empfinden, aber es stellte sich heraus, dass er lediglich endlich einmal mit einer Zwergin schlafen wollte. Nach dieser Nacht ließ er mich sitzen und prahlte damit bei seinen Kameraden. 'Stellt Euch vor, ich habe den Leutnant flach gelegt!'“
Tränen liefen ihr die Wange hinab. „Es war so...“ Ihre Stimme würde brüchig. „... demütigend.“ Sie zog auch das andere Bein an und vergrub ihr Gesicht in ihren Armen.
Hardings Schluchzen berührte Krem zutiefst. Auf der einen Seite hätte er diesem Soldaten am liebsten sämtliche Zähne ausgeschlagen und auf der anderen schmerzte es ihn, dass die Zwergin offensichtlich so sehr verletzt worden war. Er legte seinen linken Arm um sie, sagte kein Wort und wartete, bis Harding sich etwas beruhigt hatte.
Sie hob den Kopf und schaute ihn aus hochroten Augen an. „Danke, Aclassi“, murmelte sie verlegen.
„Nicht alle Kerle sind Schweine und ich glaube, unter den Frauen gibt es genauso viele, denen es nur ums Eine geht und die Gefühle mit Füßen treten.“ Er wischte eine Träne auf Hardings Wange behutsam mit dem Zeigefinger weg.
„Wart Ihr mal verliebt?“, fragte Harding und ärgerte sich im gleichen Moment, weil ihr diese Frage so herausgerutscht war.
Krem schüttelte den Kopf und in seinen Augen zeigte sich Angst. „Nein, nicht mal annähernd. Ich lasse nicht gerne jemanden an mich heran. Weder gefühlsmäßig noch räumlich.“
„Ihr haltet mich gerade im Arm, Hauptmann. Näher geht’s wohl kaum noch.“ Die Späherin schielte ihn mit einem unbestimmbaren Blick von der Seite an.
Er lachte unsicher, aber seine Hand verweilte unbeirrbar auf Hardings Oberarm. „Stimmt auch wieder. Ich hoffe, Ihr kratzt mir dafür nicht die Augen aus?“
„Verzeiht, dass ich Euch dauernd so angeschnauzt habe. Ich hielt Euch für einen dieser Sprücheklopfer.“ Ein sachtes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab.
Er fragte verhalten: „Dann denkt Ihr jetzt anders über mich?“ Krem spürte das Pochen seines Herzens.
„Sprücheklopfer rennen nicht zwei Tage durch die Gegend um einer Frau ihre Lieblingsblumen zu pflücken. Das hätte ich erkennen sollen.“ Sie boxte ihm leicht in die Rippen. „Was habt Ihr Euch bloß dabei gedacht?“
„Dass ich mich wie ein Idiot verhalten hatte, der sich entschuldigen sollte.“ Er machte ein grimmiges Gesicht und ärgerte sich über sein Verhalten.
„Dann hätten gekaufte Blumen sicherlich Euren Ansprüchen genügt.“ Hardings Blick war durchdringend.
Er seufzte und nahm seinen Mut zusammen. „Ich wollte Euch eine Freude machen und Euch lächeln sehen.“ Sein Magen krampfte sich zusammen in Erwartung einer Ohrfeige oder eines Wutausbruches.
Stattdessen starrte ihn Harding fassungslos an. „In der Taverne 'Na Kleine, wie wär's mit uns' zu sagen, ist nicht gerade der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“
„Ich war betrunken“, stammelte Krem entschuldigend.
„Ja, und das wart Ihr recht oft“, antwortete sie, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Krem beteuerte: „Ich habe damit aufgehört.“
„Echt? Jetzt habt Ihr es wirklich geschafft, mich zu verblüffen. Und was war in Euren Bechern, wenn die Sturmbullen mal wieder in die Taverne eingefallen sind?“ Hardings Blick glich dem eines Falken. Ihr würde nichts entgehen, nicht einmal die kleinste Notlüge.
„Milch“, erwiderte Krem schlicht. „Weswegen mich der Bulle schon heimlich 'Milchbubi' nennt“, brummte er leicht angenervt. Sie schauten sich längere Zeit an und dann hielt er Harding die rechte Hand hin. „Freunde?“
Sie schlug zögernd ein. „Freunde.“ Dann lächelte sie Krem an und eine leichte Röte überzog seine Wangen. „Wollt Ihr Euren linken Arm nicht langsam mal zurückpfeifen?“
Er wusste auch nicht, woher er die Sicherheit nahm, aber er antwortete entschieden: „Nein.“
Zu seiner Überraschung meinte Harding lediglich: „Gut, dann nicht.“ Sie lehnte sich an seine Schulter und ihr entfleuchte ein kaum hörbarer Seufzer.

Varric war gar nicht wohl zumute, aber er hielt es jetzt für angebracht, der Nachtigall auf den Zahn zu fühlen und nutzte den Moment, in dem Niin nicht in ihrer Nähe war. Er öffnete die Tür zum Treppenaufgang des Turmes und stand völlig verdattert in jenem Raum, in dem Solas sich aufzuhalten pflegte.
Dieser war gerade dabei, die Wände zu bemalen, blickte kurz über die Schulter und pinselte dann eifrig weiter während er sprach: „Seid gegrüßt, Varric. Was meint Ihr? Habe ich hier zu viel Grün aufgetragen?“ Er machte ein paar Schritte zurück und betrachtete sein Werk. Noch konnte man nicht viel erkennen, es schien sich lediglich um die Grundierung zu handeln.
Der Zwerg fragte fasziniert: „Woher habt Ihr die Farbe?“
„Die stelle ich selbst her. Ich möchte einige Szenen aus der Sagenwelt der Elfen darstellen.“ Er machte sich wieder an die Arbeit und Varric verließ ihn leisen Fußes. Verrückt! Jeder hatte wohl so seine Art mit Haven fertig zu werden. Ein Stockwerk höher sortierte sich Dorian immer noch durch seine Bücherberge. Er schlug um den Magier einen großen Bogen, weil dieser dazu neigte, einem stundenlang Geschichten über sich selbst zu erzählen und stapfte hinauf in Lelianas Reich. Leider unterhielt sie sich immer noch mit Rüschchen, die in ihrer strengen Uniform nur noch wenig gemeinsam hatte mit ihrem Spitznamen. Er nickte beiden zu und wenn er jetzt nicht den Mut fand, dann nie. Also riss er sich zusammen und bat Josephine, ihn mit der Meisterspionin alleine zu lassen.
Leliana schaute ihn argwöhnisch an. „Was führt Euch in luftige Höhen, Tethras?“ Sie begann, die gerade angebrachten Vogelkäfige zu inspizieren, welche von der Decke hingen.
„Ich muss mit Euch reden, Schwester Nachtigall.“ Hoffentlich reichte dieser Satz, um ihre volle Aufmerksamkeit zu erlangen und in der Tat drehte sie sich ganz zu ihm um und sah ihn fragend an. Er fuhr fort: „Es geht um Krüm …. um Niinara.“
Sie sog die Luft tief ein. Irgendwie ahnte sie, was jetzt kommen würde. „Nur zu, Varric.“
Der Zwerg suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „Ich weiß, dass Ihr beide Euch sehr nahe steht.“ Er machte eine Pause und bemerkte, dass Lelianas Gesichtsausdruck langsam in Richtung Verärgerung wechselte. „Ihr seid eine Frau mit viel Erfahrung.“
„Was soll DAS denn jetzt?“, polterte sie dazwischen.
Er hob beschwichtigend die Hände. „Ich will damit sagen, dass es … ach, in meinen Gedanken klang das noch so gut.“ Er hüstelte, um sich Zeit zu verschaffen. „Ich habe die Befürchtung, dass Ihr Niin das Herz brecht.“
„Was?!“ Leliana starrte ihn bestürzt an.
Währenddessen drückte sich ein Schatten an die Wand des Treppenhauses und lauschte. Niin hatte ein Brot für die Meisterspionin dabei und wollte es ihr gerade bringen, als das Gespräch an ihre Ohren drang. Eigentlich sollte sie sich bemerkbar machen, aber die Neugier hielt sie davon ab.
„Kommt schon, Nachtigall! Ihr könntet jede und jeden haben, ohne große Anstrengung. Warum ausgerechnet Niin? Lass die Kleine doch aus dem Spiel.“ Varric sah den Wutanfall kommen.
Leliana ballte die Fäuste und zischte ihn an. „Was zwischen mir und Niinara passiert, geht nur uns beide etwas an, verstanden, Zwerg?“ Sie lief aufgebracht hin und her und musste unwillkürlich an Josephine denken. „Wie kommt Ihr eigentlich darauf, dass ich es NICHT ernst meinen würde?“
„Hört mir zu. Ich mag Niin sehr und ich möchte verhindern, dass ihr jemand ein Leid zufügt.“ Varric stutzte. „Wie ernst meint Ihr es?“
Wäre da nicht ihr Kopftuch im Weg gewesen, dann hätte sich Leliana sicherlich die Haare gerauft. Sie atmete heftig und rang nach Luft. Er ließ ihr Zeit, sich ein wenig zu beruhigen. Schließlich blieb sie stehen, schloss die Augen und sagte leise: „Ich liebe sie.“
Niin entfuhr ein unterdrückter Aufschrei, den sie mühsam mit der Hand vor dem Mund unter Kontrolle hielt, aber er war laut genug, um bemerkt zu werden. Varric und Leliana entdeckten sie auf der Treppe und der Zwerg lächelte die Meisterspionin entschuldigend an. Er lief schnell an der Elfe vorbei hinab und machte sich aus dem Staub.
„Sag mal, wie lange stehst Du schon da, Nari?“ Leliana verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie streng.
„Eine ganze Weile“, antwortete die Elfe kleinlaut und wagte es kaum, näher zu kommen.
Die Meisterspionin winkte sie lächelnd hoch. „Komm schon, ich tue Dir nichts.“
Niin stand vor ihr, hatte den Kopf leicht gesenkt und schaute sie von unten hoch mit jenem unwiderstehlichen Blick an, der Lelianas Knie weich werden ließ. Die Spionin strich ihr über das wirre Haar und wisperte: „Ich liebe Dich.“ Sie hatte mit einer verlegenen Reaktion gerechnet, aber die Elfe fiel ihr stürmisch um den Hals.
Cullen, der ein Gespür für unpassende Momente zu haben schien, kam die Treppen hoch gestapft und ging an den beiden vorbei zum Tisch um dort seinen Papierstapel abzulegen. „Ja, ja, ich weiß schon. Es ist nicht so, wie es aussieht“, meinte er schief grinsend und war schon wieder auf dem Rückweg als Leliana ihn lächelnd ansah. „Doch, es ist genauso, wie es aussieht.“ Sie küsste Niins linkes Ohr und zog sie fester an sich.

Der Kommandant stürzte fast die Treppen hinab und kratzte sich nachdenklich am Kopf. Es war ja nichts Ungewöhnliches, dass sich Menschen in extremen Situationen schneller näher kamen und jetzt, da sie ein wenig Ruhe fanden, sah man überall flirtende und händchenhaltende Leute in der Feste. Sie freuten sich des Lebens und offenbarten sich, vielleicht angesichts dessen, was sie gemeinsam erlebt hatten, eher ihre Gefühle. Ein wenig beneidete er Leliana und auch die Botschafterin.
Er trat aus der Haupthalle hinaus ins Sonnenlicht, schirmte die Augen mit einer Hand ab und beobachtete Williams Handwerker, die auf dem Dachstuhl der Taverne herum kletterten und die morschen Dachbalken bereits entfernt hatten. Neben den drei Männern hangelte sich auch der Magier in luftiger Höhe entlang, gesichert durch ein Seil um seine Hüften.
William trug lediglich seine Lederweste als Oberteil und genau wie Krem, hatte er nichts darunter an. Von seinen Stiefeln hatte er die Gamaschen abgenommen und ohne Mantel konnte man sehen, dass seine Lederhose den Körper gut betonte. Cullen bemerkte erstaunt, wie kräftig der Magier war und fragte sich, was diesen davon abgehalten hatte, ihn anzugreifen.

Cassandra machte im Hof weiter unten die gleiche Feststellung, allerdings blieb ihr Blick länger an Williams Hintern hängen, als sie sich eingestehen wollte. Die Haut des Magiers war sonnengebräunt, was sein weißes Haar noch stärker hervorhob. Die Männer auf dem Dach beratschlagten nun, wie sie die neuen Balken am besten hochziehen konnten. Alistair hatte Wort gehalten und im unteren Hof wurden immer noch die zehn Ochsenkarren voll Baumaterial abgeladen.
Mittlerweile war dort so viel los, dass man die Karren gleich nach dem Entladen wieder hinaus vor die Festung bringen musste, weil schon die nächsten Fuhren draußen warteten. Ein beruhigendes Bild.
„Wo man hinsieht, ist Neues am Entstehen.“ Cassandra drehte sich um und wollte wissen, zu wem die Stimme gehörte. Großverzauberin Fiona lachte sie an und die Sucherin hätte sie fast nicht wiedererkannt, denn die Magierin steckte in einer Späheruniform.
„Verzeiht, dass ich Euch so anstarre, aber Euch in dieser Kleidung zu sehen, ist recht ungewöhnlich.“
Fiona schmunzelte. „Es fühlt sich auch genauso an, denn ich bin die langen Roben gewöhnt. Mich in Hosen zu bewegen, fühlt sich ein wenig fremd an.“ Sie strich sich über den Oberschenkel. „Und der Stoff ist recht rau, oder?“
Cassandra antwortete schmunzelnd: „Nur, wenn man keine Unterwäsche trägt.“
„Das ist wohl wahr, Sucherin.“ Die Magierin schaute nach oben aufs Dach. „Wie bekommen die das Holz dort hoch?“ Sie bildete mit beiden Händen einen Trichter und rief: „William!“ Der Magier schaute fragend herunter. „Ich wüsste eine bessere Art, das Holz zu Euch zu transportieren als mit Seilen!“
„Wie denn, Großverzauberin?“, schrie er und bedeutete seinen Leuten zu schweigen, damit er sie besser verstehen konnte.
„Gebt mir einen Moment! Ich bin gleich wieder da!“ Sie lief in das Hauptgebäude und Cassandra wartete neugierig, was jetzt passieren würde.
„Warum kommt Ihr nicht rauf, Sucherin?!“ William lachte und sah verwegen aus mit halbnacktem Oberkörper und vom Wind zerzaustem Haar. „Der Ausblick ist atemberaubend.“
Cassandras Nackenhaare standen zu Berge.
Einer seiner Leute feixte: „Die Landschaft ist auch wunderschön.“
William motzte ihn an: „Und Du fliegst gleich vom Dach, mein Lieber!“ Dann lachten die Männer und klopften sich gegenseitig auf die Schultern.
Die Sucherin schüttelte den Kopf, ihr war die Neugier vergangen und sie machte sich auf die Suche nach Cullen. Sie hatte heute noch nicht mit ihm sprechen können, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Zehn Minuten später erschien Fiona mit drei Magiern vor der Taverne. Zuerst konnte sich William keinen Reim daraus machen, aber dann stellte sich heraus, dass die drei die Telekinese meisterhaft beherrschten. Das Holz schwebte hinauf aufs Dach und die Handwerker jubelten begeistert. Das hatte ihnen einige Stunden Arbeit erspart.

Der Tag verging schnell und gegen Abend konnten der Eiserne Bulle und Hardings Späher zwei Ochsenkarren für den Aufbruch am nächsten Tag vorbereiten. Die bestellte Ausrüstung war zeitig eingetroffen. Mittlerweile liefen die meisten Menschen in Uniformen der Späher oder Soldaten herum und dies sorgte auf angenehme Art dafür, dass sich die Unterschiede aufhoben. Alle sahen gleich aus, ob Magier oder ehemaliger Templer.
Die Sturmbullen saßen, wie immer abends, an ihrem Lagerfeuer und aßen selbst erlegtes Wild. So hatten sie es in Haven gehalten und so hielten sie es auch hier, wenngleich sich die Versorgungslage mittlerweile stabilisiert hatte. Krem knabberte genüsslich an einem Rebhuhnschenkel. Er trug unter seiner Weste nun ein grünes Leinenhemd und flaxte den Bullen an: „Du musst Dir keine Gedanken um Deine Klamotten machen, weil Du immer barbusig herumrennst. Wenn man mal von Deiner Tittenbremse absieht.“
„Das ist ein Brustharnisch, Krem“, verbesserte der Bulle ihn geduldig.
„Auch ne Art, sich die Möpse abzuklemmen, oder?“ Der Hauptmann grinste ihn frech an.
„Du hast was zwischen den Zähnen.“ Krems dummes Gesicht brachte ihn zum lachen. „Seit wann bist Du so eitel, Krem de la Krem?“ Der Bulle beugte sich vor. „Was ich Dir noch sagen wollte: Du solltest öfter mal Deine Muskeln spielen lassen. Das kommt bei den Damen gut an.“
Aclassi verzog schlecht gelaunt das Gesicht. „Ach was. Ich mache mir nichts vor. Wer sollte mir schon nachschauen?“
„Bist Du blind?! Du kennst doch die blonde Späherin, die immer bei Harding herum steht? Der sind fast die Augen raus gefallen und dann hat sie Dir auf den Arsch gestarrt.“ Der Qunari lachte brüllend. „Sag bloß, das fällt Dir nicht auf? Trag öfter mal was Figurbetontes und Du kannst Dich vor Anträgen nicht retten.“
Krem kratzte sich peinlich berührt am Kinn. „Bis sie merken, dass ich nicht so ganz das bin, was sie erwarten. Danke, darauf kann ich verzichten.“ Er starrte ins Feuer, hörte hinter sich Schritte und den Bullen rufen: „Harding, da seid Ihr ja! Ich hatte mich schon gefragt, wo Ihr steckt. Wir reden gerade über ein interessantes Thema.“
„Das da wäre?“ Die Späherin ließ sich neben Krem nieder, denn der Qunari vereinnahmte schon alleine ein Drittel das Platzes um das Feuer, weil jeder seinen ausladenden Hörnern aus dem Weg ging.
„Titten und Ärsche. Also, besser gesagt: meine Titten und Krems Arsch.“ Er grinste in sich hinein.
Harding wollte etwas sagen und ließ es dann sein, aber der Bulle war in Fahrt. „Wenn Krem öfter mal seine Rüstung auslassen würde, dann lägen ihm die Frauen zu Füßen.“
„Häuptling, lass gut sein. Es interessiert mich nicht.“ Er stand auf, aber die Zwergin zog an seinem Hemd, das unter der Weste heraus schaute und bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. Sie lenkte den Bullen auf ein anderes Thema. „Ihr solltet heute Abend nicht allzu lange aufbleiben. Wir brechen morgen früh bei Sonnenaufgang auf.“
Der Qunari erhob sich. „Schon gut, ich weiß, wann ich unerwünscht bin.“ Er zwinkerte Krem zu, wollte ins Zelt gehen, blieb aber an der Wäscheleine hängen, die er fluchend von seinem linken Horn pflückte. Krem und Harding kicherten leise.
„Am Häuptling sind einige Dinge recht ausladend.“ Der Hauptmann schmunzelte vor sich hin, dann fragte er die Späherin: „Wie geht es Euch jetzt?“
Die Zwergin lächelte verschämt. „Besser. Danke fürs Zuhören.“
„Danke fürs Erzählen“, erwiderte Krem leise. Er stand auf, holte zwei Decken und gab ihr eine. Sie wickelten sich darin ein und saßen eine Weile schweigend am Lagerfeuer, bis der Bulle brüllte: „Ab ins Bett mit Euch! Jeder in Seines! Wie war das mit 'früh schlafen gehen'?“
Der Hauptmann erhob sich zögerlich und Harding mit einem Fluch. „Ja, ist schon gut. Ich gehe.“ Sie gab Krem die Decke zurück. „Bis morgen früh“, sagte sie und lächelte ihn dabei an. Sein Herz machte einige wilde Sprünge, dann war sie in der Dunkelheit verschwunden.

Niins Finger strichen gedankenverloren über Lelianas rechte Hand. Sie hatte sich an die Spionin gekuschelt und die Augen geschlossen. Seit längerer Zeit hatten sie kein Wort mehr gesprochen. Der Kopf der Elfe lag an Lelianas Hals und diese spürte jeden sachten Atemzug auf ihrer Haut. Sicher wären sie eingeschlafen, wenn Niin nicht den Kopf gehoben und ihn mit der rechten Hand abgestützt hätte.
Sie beobachtete Leliana, die sie lächelnd anblickte. „Wann hättest Du mir eigentlich gesagt, was Du für mich empfindest, wenn Varric nicht so herrlich indiskret gewesen wäre?“
Die Spionin seufzte. „Ich hätte es Dir lieber etwas romantischer gesagt, Nari.“
„Bei Kerzenschein, umgeben von einem Meer aus Rosen?“ Die Elfe lachte und im Halbdunkel leuchteten ihr weißen Zähne wie Perlen.
„Oder auf einer Blumenwiese, während Schmetterlinge uns umflattern.“ Das Kribbeln in Lelianas Bauch breitete sich langsam aus.
Niin angelte nach der Kerze, die in der Ecke stand und stellte sie auf den kleinen Schemel neben die Spionin. „Nur Rosen habe ich leider keine.“ Ihre Augen leuchteten aufgeregt. Sie küsste der anderen Wange und flüsterte: „Ich liebe Dich, Leli.“
Leliana wollte etwas sagen, aber ihre Stimme versagte, so wie schon einmal. Ihr traten die Tränen in die Augen. Niins Lippen berührten vorsichtig die ihren. Für einen Moment verharrte sie so, unsicher, was nun zu tun sei. Dann spürte die Spionin einen leichten Gegendruck, als die Elfe ihren Kuss schüchtern erwiderte. Sie lösten sich langsam voneinander und schauten sich in die Augen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Niin strich zärtlich durch Lelianas Haar, über ihre Wange, dann umarmten sie sich, blieben so liegen, dem Herzschlag der jeweils anderen lauschend, und schliefen eng umschlungen ein.

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