Leliana hörte schon wieder Stimmen in der Nähe ihres Nachtlagers. Noch im Aufwachen begriffen fuhr sie hoch und murmelte verstört: „Kann man denn nicht einmal hier in Ruhe schlafen?“ Ihr standen die roten Haare wirr zu Berge und sie blinzelte jene Person verschlafen an, die vor ihr stand. Es war Josephine. Die Spionin gähnte herzhaft und brummte: „Tschuldigung, Josie. Hab' Dich gar nicht erkannt ohne Dein Schreibbrett.“
Sie drehte sich zu Niin um, die auf dem Bauch lag. Leliana ließ sich wieder auf den Rücken fallen und tippte sie an der Schulter an. Die Elfe schlug mit der Hand nach einer imaginären Fliege, wachte aber nicht auf. Die Hand der Spionin wanderte zu Niins Ohr und kitzelte es. Wieder fuchtelte die Elfe im Schlaf um sich und sowohl Leliana, als auch Josephine grinsten belustigt. Schließlich flüsterte die Spionin: „Aufwachen, Krümel.“
Niin öffnete ein Auge und blickte sie ungehalten an. Sie drehte sich um und rieb sich schlaftrunken die Augen. „Ist es schon wieder so weit? Wir sind doch gerade erst ins Bett gegangen“, murmelte sie quengelig.
Leliana stand auf und setzte sich zum Ankleiden auf eine Kiste. „Was verschafft uns die Ehre Eures Besuches, Botschafterin?“ Josephine wirkte ebenfalls nicht besonders wach, wie die Spionin amüsiert feststellte.
„Salis ist schon in Richtung Haupttor unterwegs, um Hawke zu treffen.“ Lady Montilyets Blick wanderte über den Tisch und Lelianas Tasche. „Sag mal, hast Du noch Unterwäsche übrig?“
Die Spionin angelte einige Wäschestücke heraus. „Bedien' Dich. Ich hatte gestern vergessen, Salis und Dir welche anzubieten.“
Niin ging derweil auf den Balkon und nahm die Unterwäsche von der Leine. Auch die Socken konnte sie wieder anziehen. Sie reichte Leliana ihre Unterkleider mit der frechen Bemerkung: „Wie orlaisianische Reizwäsche sieht das aber auch nicht aus.“
Das Grinsen der Elfe wurde immer breiter und die Spionin ergriff schnell ihre Unterwäsche. „Das wäre für diesen Alltag auch recht unbequem.“ Sie blickte Niin tadelnd an, musste sich aber ein Lachen verkneifen.
„Nichts ist prachtvoller, als sich auf dem Weg durch die Berge einen Wolf zu laufen.“ Josephine kicherte vor sich hin.
„Aha, sind wir endlich aufgewacht, Frau Botschafterin?“ Leliana nannte ihre Freundin immer so, wenn sie Josephine aufziehen wollte. Sie verstaute die Wäsche schnell unter ihrer Bettdecke. „Sag mir nicht, dass Du Seide und Spitze trägst.“
Die Angesprochene winkte ab. „Im Moment trage ich gar nichts. Hängt alles auf der Leine und ich muss sagen, es fühlt sich nicht allzu bequem an. Ich werde gleich nachher die neue Wäsche anziehen, das kann ich Dir flüstern.“ Josephine musterte den Schlafplatz akribisch. „Hier zu nächtigen ist doch sicher nicht besonders ruhig, oder?“
Leliana seufzte ein wenig hilflos. „Es ist ein Dach über dem Kopf. Mehr nicht. Außerdem stehen morgens dauernd Leute vorm Bett und nerven.“ Sie bedachte die Botschafterin mit einem bösen Blick, der sich aber gleich wieder verflüchtigte, denn Josephine reichte ihr einen Schlüssel.
„Salis und ich hatten die Nacht lange miteinander geredet. Cullen dachte mir ja bei der Verteilung der Quartiere auch eines zu, aber das brauche ich nicht. Dies ist der Schlüssel zu meiner Unterkunft. Nehmt ihn bitte.“
Leliana angelte freudig danach und hielt ihn in die Höhe. „Niin, keine morgendlichen Spanner mehr am Bett. Pack' die Sachen, wir ziehen um.“
Die Elfe starrte sie verdattert an. „Du nimmst mich mit? Ehrlich?“
Die Spionin lächelte. „Natürlich, oder glaubst Du, ich lasse Dich hier weiterhin schlafen?“ Sie schubste Niin liebevoll am Arm an. „Wir verteilen das Heu in zwei Decken und nehmen unser Quartier in Beschlag. Komm'!“
Die beiden warfen sich die Decken über die Schultern und eilten fröhlich lachend die Treppen hinunter. Josephine schüttelte schmunzelnd den Kopf, ging auf den Balkon und schaute in den unteren Hof. Dort stand Salis und wartete. Dann bewegte sich jemand bei den Zelten der Kampfmagier und sie erkannte Cassandra.

Die Sucherin streckte sich behutsam, denn William schlummerte neben ihr tief und fest. Sein weicher Bart kitzelte an ihrer Stirn und jeder seiner gleichmäßigen Atemzüge bewegte einige ihrer Haarsträhnen hin und her. Es war unmöglich, aufzustehen, ohne ihn aufzuwecken, also versuchte sie es so sanft wie möglich.
„Trevelyan?“ Sie wartete eine Reaktion ab und der Magier murmelte im Schlaf einige Worte. Dann fasste sie nach seinem Arm und drückte diesen ein wenig. „Aufwachen.“ Die Aufforderung klang schon etwas lauter und endlich schlug er die Augen auf. Er schaute sie schläfrig an und lächelte ein wenig verwirrt. Offensichtlich gehörte er zu jenen Zeitgenossen, die morgens etwas länger brauchten, um wach zu werden.
„Guten Morgen, Sucherin.“ Der Magier streckte sich, gähnte und schaute sich um, als müsse er sich erst orientieren.
„Dann mal auf zu neuen Taten, oder wollen die morschen Knochen nicht mehr?“ Cassandra grinste ihn herausfordernd an, ließ die Decke von den Schultern rutschen und stand auf.
William musterte sie von unten hoch und antwortete empört: „Na, jetzt aber! Ich bin erst achtunddreißig!“ Wie zur Untermauerung seiner Worte sprang er in die Höhe.
Sie schaute ihn perplex an. „Oh, ich wollte Euch nicht beleidigen.“
„Seid Ihr wieder bei Eurer Lieblingsbeschäftigung, dem Fettnapf-Weitsprung?“ Salis hatte sich unbemerkt genähert und grinste sie putzmunter an.
Cassandra lenkte geschickt ab. „Es scheint Euch recht gut zu gehen, Inquisitor?“ Sie warf William einen entschuldigenden Blick zu.
Die Elfe strahlte sie an. „Mir geht es blendend, Sucherin.“ Sie zeigte zur Brücke hin. „Wollt Ihr mitkommen? Ich wandere Hawke ein Stück entgegen.“
Sie sahen Varric die Treppen hinunter hasten und ihnen hektisch zuwinken. „Er möchte uns sicher begleiten“, raunte Salis Cassandra zu. Die Frauen blieben stehen, bis der Zwerg sie erreicht hatte und gingen dann schweigend die Brücke entlang auf die andere Seite zu den neu angelegten Pferdeställen. Im unteren Hof der Feste war nur Platz für zwei Tiere und vor lauter Zelten sah man im Moment davon ab, hier regelmäßig Pferde unterzubringen.
Cullens Leute bauten gerade vor der Feste an einem Unterstand für den Tag und man sah schon das Fundament für einen großen Stall, in dem die Tiere zukünftig die Nacht verbringen würden. Salis suchte ihren Hengst Zuckeröhrchen auf der großen Koppel und staunte nicht schlecht, weil dieser gerade dabei war, eine Stute zu decken. Sie bemerkte lachend: „Ich glaube, er ist derzeit ziemlich beschäftigt.“
Cassandra lehnte sich an den Zaun und schüttelte den Kopf. „Ihr hattet doch nicht vor, heute auszureiten, oder?“
„Jetzt nicht mehr“, prustete Varric los.
„Gönnen wir ihm seinen Spaß. Immerhin hatte er seine Mädels heil aus dem Chaos von Haven heraus  geführt.“ Salis konnte einfach nicht mit dem Grinsen aufhören, denn schon wandte sich ihr Hengst einer anderen Stute zu.
„Angeber!“ johlte der Zwerg los, aber ein Blick auf den Weg zur Feste ließ ihn verstummen. Fast gemächlich kam dort eine Gestalt angeritten, die auf einem Dalish-Halbblut saß. Diese Rasse war einst durch Kreuzungen entstanden und berühmt für ihre Robustheit. Das richtige Tier für unwegsames Gelände. Es war schwarz-weiß gefleckt.
Die Rüstung der Reiterin reflektierte das Sonnenlicht und Salis betrachtete den Harnisch eingehend. Sie fragte sich, wie man sich in so viel Stahl überhaupt bewegen konnte. Der Brustpanzer lief spitz zu und die Schulterplatten ragten wie Stacheln empor. Am beeindruckendsten waren allerdings die Stiefel, welche über die Knie reichten. Die Platten am Gelenk waren zugespitzt, so dass man jemanden durchaus töten konnte, wenn man das Bein anwinkelte. Hinten ragten Sporen aus den Fersen. Salis dachte an das arme Pferd.
Die Reiterin stieg behende ab und führte das Pferd hinter sich her. Sie hatte rotbraune kurze Haare und hellgrüne Augen. Ihr Gesicht wirkte recht rund und das ausgeprägte Kinn schob sich energisch vor. Einen Moment lang blieben sie und Varric voreinander stehen, dann fielen sie sich wortlos in die Arme. Hawke fasste den Zwerg mit beiden Händen am Kragen an und schüttelte ihn ordentlich durch. „Was machst Du nur für Sachen?! Wir hatten uns solche Sorgen gemacht, als wir von Haven hörten.“ Aber sie war nicht wütend, sondern fing an zu weinen. Varric legte eine Hand auf ihre Wange und streichelte diese sachte mit dem Daumen, auch ihm standen die Tränen in den Augen.
Cassandra und Salis warteten geduldig ab, sie hatten sich einige Meter zurückgezogen um die beiden nicht zu stören. Schließlich drehte sich Varric zu ihnen um, während ihm Hawke eine Hand auf die Schulter legte, wie um sich zu versichern, dass der Freund auch wirklich in Sicherheit sei. „Darf ich vorstellen: das ist Marian Hawke, der Champion von Kirkwall.“
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Varric, Du weißt, dass ich diesen Titel hasse. Er stammt aus besseren Tagen, als man mich für die Verdienste um die Stadt noch ehrte. Ich hatte die Stadt von den Qunari befreit. Einige Zeit später jagte man mich, weil man mich für den Magieraufstand verantwortlich machte.“ Sie blickte Cassandra misstrauisch an. „Und nun stehe ich vor Euch und Ihr könntet mich endlich einkerkern lassen. Irgendwann ist man das Versteckspiel leid.“
Die Sucherin antwortete leise, aber bestimmt. „Niemand wir Euch festnehmen oder weiter nach Euch suchen, Hawke. Ihr seid gekommen um zu helfen. Das rechne ich Euch hoch an.“ Sie zog ein weiteres Dokument aus jenem breiten Tuch, das sie um die Hüften trug. „Ihr seid frei. Wie Varric. Dies ist Euer und Merrils Freispruch.“
Hawke nahm das Stück Papier, welches die Freiheit bedeutete, zögernd entgegen und starrte ungläubig darauf. „Es ist also endlich vorbei? Drei Jahre, Sucherin. Drei Jahre.“ Sie ließ matt die Hand sinken und lächelte zurückhaltend. „Ich kann endlich zu meiner Ehefrau zurückkehren und bei ihr bleiben. Ich muss mich nicht mehr nach einigen Tagen verabschieden, weil mir die Häscher der Inquisition auf den Fersen sind. Merrill wird sich über alle Maßen freuen.“
„Oh, das wird sie sicher.“ Varric strahlte über das ganze Gesicht. „Und nach einer Woche schlägt sie Dir den Besen um die Ohren, damit Du Faulpelz auch mal was im Haushalt machst.“
„Ich gelobe Besserung.“ Sie schmunzelte in sich hinein.
„Ihr seid verheiratet?“ Cassandra konnte ihre Neugier nicht mehr bremsen.
„Ja, wir feierten vor zwei Jahren eine kleine Hochzeit und Varric war unser Trauzeuge.“ Hawkes Augen leuchteten auf, als die Erinnerungen lebendig wurden.
„Ich war nie stolzer, als ich Merrill zum Altar geführt habe“, sagte der Zwerg mit erhobenem Haupt. „Kommt, lasst uns hinein gehen und etwas essen. Oder hast Du schon, Hawke?“
Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Ich lagerte unterhalb der Schneegrenze und brach bei Sonnenaufgang zur Feste auf. Es wäre nett, wenn Ihr ein wenig Brot für mich hättet und etwas Heu für mein Pferd.“ Sie erblickte Zuckeröhrchen, der sich mit seinen „Mädels“ munter auf der Koppel fortpflanzte und meinte unsicher: „Aber könnte ich meine Stute woanders unterbringen?“
Salis grinste ungezwungen. „Ihr könnt den Stall in der Feste benutzen. Ein Pferd steht da sicher nicht zu sehr im Weg, aber ich warne Euch: bei uns sieht es noch ein wenig wüst aus. Wir haben die Festung erst seit ein paar Tagen in Beschlag genommen. Davor standen die Gebäude lange Zeit leer und sind recht verfallen. Die Instandsetzung wird Wochen dauern.“
William, Annabelle und die Kinder wanderten an den Pferden vorbei um wieder ein wenig abgeschieden üben zu können, als sein Sohn laut ausrief: „Papa, warum hat das Pferd fünf Beine?“
„Oh, heilige Sch..., ich meine …“, stammelte der Magier verlegen vor sich hin. Er schaute Salis fast bettelnd an. „Könnt Ihr Euren Hengst nicht von den anderen trennen?“
Die Elfe zuckte gelassen mit den Schultern. „Gönnt ihm doch seinen Spaß. Außerdem soll es bald kleine Fohlen für die Inquisition geben. Er ist ein ausgezeichneter Deckhengst.“
„Das ist nicht zu übersehen.“ William zischte durch die Zähne. „Danke, Inquisitor.“ Zu seinem Sohn sagte er: „Die machen gerade Babys.“
Nathaniel starrte ungläubig auf die Weide „Damit?!“ Er wusste wie das zwischen Mann und Frau funktionierte, aber so etwas hatte er aus der Nähe noch nicht gesehen. In ihrem Versteck gab es Kaninchen, Hunde und Katzen, aber das war kein Vergleich zu der recht brachial anmutenden Szenerie, die sich ihm da gerade bot.
„Na ja, bei Pferden sieht das ein wenig anders aus.“ William seufzte und wandte sich an die Umstehenden. „Eigentlich müsstet Ihr das den Kindern jetzt erklären.“
„Lieber nicht“, warf Cassandra schnell ein und schüttelte energisch den Kopf.
„Was denn? Ich könnte Eure Kinder nach Elfenart aufklären.“ Salis lachte laut.
Annabelle brachte die Kinder schnell außer Hörweite.
Die Sucherin verdrehte entnervt die Augen. „Und wie machen Elfen das?“
„Sie drücken ihre Kinder einem unvorsichtigen Elf aufs Auge, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Wer zuletzt am Lagerfeuer sitzt, darf die Brut aufklären. Ich habe mal erlebt, dass sich meine Clanschwestern und -brüder gegenseitig auf der Flucht umgerannt haben.“
Hawke kicherte ungezwungen. „Das erinnert mich an meine Eltern. Die wollten das Thema bis nach meiner Hochzeitsnacht vertagen.“
„Besser spät, als nie“, feixte die Sucherin. „Meinem Onkel war dieses Thema nicht geheuer. Wann immer ich oder mein Bruder damit anfingen, drückte er uns ein Buch in die Hände.“
William erklärte freimütig: „Bei uns im Zirkel war die Sache ein wenig komplizierter. Wen fragt man, wenn keiner eine Ahnung hat? Ich löcherte also einen älteren Templer mit meinem Anliegen und er antwortete mir.“ Er machte eine Pause und sah Cassandras neugierigen Blick. „Allerdings sollte man von einem Soldaten keine allzu feinfühligen Schilderungen erwarten. Ich war einige Wochen zutiefst geschockt.“ Er seufzte schwer. „Na, dann werde ich Annabelle mal beistehen. Es wird wirklich Zeit, dass wir den Kindern die ganze Wahrheit über den Klapperstorch sagen.“ Er ging mit der Gruppe bis in die Feste hinein und verabschiedete sich dann schweren Herzens.
„Ich würde ja schon gerne Mäuschen spielen und zuhören“, gab Cassandra zu. „Kommt, lasst uns etwas essen gehen.“

Niin schloss die Tür zu Josephines ehemaliger Unterkunft auf, welche neben Cassandras Quartier lag. Man gelangte auf einigen Umwegen dorthin, denn einen direkten Zugang von der Haupthalle aus gab es nicht. Die beiden Frauen spähten vorsichtig durch den Türspalt und traten dann ein. Der Raum bot nichts weiter als einen kleinen Schemel, der in einer Ecke stand.
„Recht trostlos“, seufzte Leliana und begann damit, das Heu auf dem Boden zu verteilen. Niin tat es ihr gleich, dann legten sie die Decke darauf und stopften die Seiten unter das Heu, damit sich dieses in der Nacht nicht zu sehr verteilen konnte.
Die Elfe ließ sich auf den Schlafplatz fallen und grinste den Rotschopf an. „Liegt sich gut. Solange einem hier keine Mäuse übers Gesicht rennen, während man schläft.“
Leliana legte sich neben sie, schob hier und da das Heu auseinander, damit sich keine Beulen bildeten, auf denen man dann nachts unruhig schlief. Niin drehte sich zu ihr um und schaute sie nachdenklich an. „Hast Du Deinen letzten Satz von gestern Nacht ernst gemeint?“
Die Spionin wandte sich ihr zu, sie lagen eng beieinander und versuchten, gegenseitig herauszufinden, was die jeweils Andere dachte. „Ja, ich habe es ernst gemeint, Niinara.“ Unsicherheit klang in ihrer Stimme mit, aber die Elfe lächelte sanft.
„Wie kann eine Frau wie Du es mit einer Elfe wie mir ernst meinen? Ich bin weder wunderschön, so wie Du, noch elegant, edel oder besonders mutig.“ Ihr Blick war traurig und zweifelnd.
Leliana hob die rechte Hand und strich ihr zärtlich über die Wange. „Wer sagt Dir, dass Du nicht bildhübsch bist?“
Niin runzelte skeptisch die Stirn. „Früher haben mich alle gehänselt und so dachte ich immer, ich sei hässlich wie die Nacht.“ Sie schloss die Augen und schluckte, als die Lippen der anderen ihre Haut berührten und ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn hauchten.
Lelianas Finger wanderten weiter und strichen der Linie ihrer linken Augenbraue nach. „Du hast so ausdrucksvolle Augen. Unwiderstehlich blau. Tief wie ein Bergsee und klar wie der Himmel.“ Die Finger glitten weiter, jeden Zentimeter erkundend. Niin wagte es kaum zu atmen. Leliana fuhr die Kontur ihrer Lippen entlang. „Dein Mund ist sinnlich.“ Sie beugte sich vor und flüsterte der Elfe ins Ohr: „Und verlockend. So verlockend, dass ich ...“ Sie hielt inne und Niin spürte den schnellen Atem an ihren Hals. „Dass ich mich vergesse.“ Lelianas Finger hinterließen eine Gänsehaut, aber dann zog sie ihre Hand wieder zurück und man merkte ihr an, dass sie sich nur noch mühsam zurückhalten konnte. Sie wollte die Elfe nicht mit Unbeherrschtheit erschrecken.
„Wann ist das passiert?“ fragte Niin unsicher.
„Was?“
„Das zwischen uns.“ Die Elfe ließ sie nicht aus den Augen. Sie wollte eine Antwort.
Leliana spürte, dass es keine Ausrede mehr gab. Kein Drumherumreden. „Als ich in Haven meine Hand unter Dein Kinn schob und Dich ansah.“
Zu ihrer Überraschung kicherte Niin erleichtert und wurde rot. „Als Du mich festgehalten hast in der Hütte, weil Du dachtest, ich würde mir etwas antun. Ich hatte mir gewünscht, dieser Moment würde ewig dauern.“
Wieder sahen die beiden sich lange schweigend an, dann lächelte Leliana zärtlich und durch Niins Körper raste eine wahre Feuerwalze. „Jede Nacht schmiegst Du Dich an mich und jede Nacht nehme ich Dich in die Arme, darauf hoffend, dass der Morgen nie kommt und Dich mir wieder entreißt.“
Die Elfe setzte sich auf, stotterte ganz irritiert und nervös: „Hör auf, so etwas zu sagen, bevor ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.“
„Ich glaube, Du befürchtest, dass ich diese Worte als Bardin oft gebraucht habe?“ Sie kniete vor Niin und nahm deren Gesicht in ihre Hände. „Sieh' mich an, Nari“, bat sie flehentlich und ihre Blicke trafen sich wieder. „Ich würde Dir niemals weh tun. Ich ...“, ihr versagte die Stimme. „Du bedeutest mir so unendlich viel.“
Die Elfe fasste nach ihrer rechten Hand und streichelte sie selbstvergessen. „Ich habe noch nie etwas Derartiges für jemanden empfunden. Es ist wie ein loderndes Feuer, es fühlt sich seltsam und fremd an.“ Lelianas Stirn berührte die ihre.
Es klopfte an der Tür, aber die beiden rührten sich nicht. Kurz darauf steckte jemand seinen Kopf in den Raum und ließ die Tür gleich darauf wieder ins Schloss gleiten. Josephine konnte nicht glauben, was sie da gerade gesehen hatte. Wirklich nicht? Sie fragte sich, wie blind sie gewesen war. Blind vor Liebe. Die Botschafterin schmunzelte. Sie war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie es um ihre Freundin bestellt war. Nun, zum Glück schienen die beiden das alleine geklärt zu haben.
Salis nahm Josephine in der Haupthalle mit einem Kuss in Empfang. „Und? Hast Du Leliana gefunden?“
Sie erzählte der Dalish Elfe, was sie gesehen hatte und ihre Augen glänzten verdächtig.

„Leli?“ Niins Stimme schien von weither zu kommen, die Spionin öffnete die Augen und sah die Elfe an.
Sie küsste deren Nasenspitze. „Nari. Kannst Du Dich erinnern, dass ich Dich gefragt hatte, wie ich Dich nennen soll? Sieht so aus, als hätten wir jetzt beide einen Namen.“
Es klopfte wieder. Diesmal etwas energischer. „Hallo Ihr beiden!“ Salis Stimme klang ungeduldig. „Wir möchten jetzt mit Hawke reden und es wäre gut, wenn Ihr, Mylady Nachtigall, dabei sein könntet.“ Sie betonte das letzte Wort.
Leliana seufzte geistesabwesend und schien das Klopfen gar nicht wahrgenommen zu haben. „Ich bin noch nie vor einer Frau auf die Knie gefallen.“ Ein versonnenes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Salis räusperte sich vor der Tür laut und fragte Josephine, ob sie nicht einfach öffnen sollte. „Gut, bei Drei mache ich die Tür auf!“ Die Botschafterin protestierte, aber da stand Salis schon im Zimmer und scheuchte die beiden Frauen in die Höhe. „Verzeiht, aber die Pflicht ruft. Nein, eigentlich schreit sie.“
Josephine schaute an ihrer Liebsten vorbei und murmelte entschuldigend: „Du willst doch den Champion von Kirkwall nicht warten lassen, Leliana?“
Die Spionin suchte einen Moment lang fahrig nach ihrem Kopftuch und verabschiedete sich von Niin. „Du solltest eine Kleinigkeit frühstücken, Nari.“ Im Vorbeigehen strich ihre Hand wie zufällig über den Handrücken der Stadtelfe, dann rannte sie Salis und Josephine hinterher.
In der Haupthalle drehte sich die Botschafterin zu ihrer besten Freundin um und grinste bis über beide Ohren. „Nari?“
Leliana lief rot an, faltete ihr Kopftuch der Länge nach zusammen und schlug das eine Ende auf Josephines Hinterteil. „Wann nehmen wir eigentlich unseren Frühsport wieder auf, Moppelchen?“, fragte sie mit einem schelmischen Lächeln.
„Sobald man nicht mehr Gefahr läuft, von der Wehrmauer zu fallen. Das ist im Moment der einzig freie Weg. Ansonsten würden wir alle zwei Meter über Zeltschnüre stolpern“, erwiderte Josephine und bog in den Eingang zu ihrem Arbeitszimmer ab. Salis kicherte vor sich hin. Sie wusste, dass sich Leliana und die Botschafterin oft und gerne gegenseitig aufzogen.
Varric, Cassandra und Hawke warteten vor dem Besprechungsraum. Die Tür stand offen und man sah Cullen, der einige seiner Soldaten mit Stühlen herum scheuchte. Offensichtlich stammten sie alle aus dem großen Speisesaal hinter der Küche, der nun als Schlafraum diente.
Die Gruppe unterlief die Bemühungen des Kommandanten, die Stühle säuberlich auf zwei Seiten des Tisches zu verteilen und setzte sich der Einfachheit und Übersicht wegen einfach in einem Kreis davor zusammen.
Hawke betrachtete die Truppe ausgiebig. Die meisten Mitglieder der Inquisition schienen schlecht oder gar nicht geschlafen zu haben. Auch die Menschen in der Feste wirkten erschöpft. Sie hatte zwar von Haven gehört, aber man sah allen hier Anwesenden an, wie schlimm dieser Kampf wirklich gewesen sein musste. Lediglich die Inquisitorin wirkte gut gelaunt und warf der Botschafterin gelegentlich liebevolle Blicke zu.
Der Champion schmunzelte wissend in sich hinein. Sie ging ihre Gesprächspartner der Reihe nach durch. Varric hatte jedenfalls garantiert zu wenig geschlafen oder einen höllischen Kater. Sie tippte auf beides.
Cassandra saß direkt neben dem Zwerg ohne ihm an die Gurgel zu springen. Es geschahen doch noch Wunder! Auch sie machte den Eindruck, eine kurze Nacht gehabt zu haben.
Cullen sah schrecklich aus. Blass, mit eingefallenen Wangen, die Augen lagen tief in den Höhlen. War er verletzt?
Schwester Leliana fuhr sich gelegentlich durch ihr zerzaustes Haar, war etwas fahrig und hatte leicht gerötete Wangen. Hawke spekulierte auf einen feurigen Liebhaber.
Sie konzentrierte sich auf den Grund ihres Hierseins und räusperte sich laut. „Wie Ihr sicher gehört habt, hatten Varric und ich vor drei Jahren gegen Corypheus gekämpft. Die Grauen Wächter hielten ihn damals in einem magischen Gefängnis unter Verschluss und betrieben Forschungen an ihm. Als wir dort ankamen, war es Corypheus gelungen, die Wächter zu manipulieren und sie gingen auf uns los. Wir mussten sie alle töten und schließlich kam es zum Kampf gegen ihn selbst, er starb. Seit einiger Zeit sind die Grauen Wächter nun verschwunden und ich hege die Befürchtung, dass sie wieder unter seinem Einfluss stehen könnten. Keine Ahnung, wie es ihm gelungen ist, von den Toten aufzuerstehen. Er WAR tot. Ich habe ihm meine Klinge mehrmals in den Leib gerammt.“ Hawke schüttelte den Kopf, es war sinnlos sich darüber das Hirn zu zermartern.
„Das würde erklären, warum wir nur einen Wächter in der Nähe von Redcliff gefunden haben. Sein Name ist Blackwall.“ Leliana nahm sich vor, ihn zu überprüfen.
Hawke legte die Stirn nachdenklich in Falten. „Warum ist er seinen Schwestern und Brüdern nicht gefolgt?“
Die Spionin antwortete grübelnd: „Er meinte, dass er seit Monaten alleine unterwegs sei. Ohne jeglichen Kontakt.“
„Jedenfalls kann uns ein Freund von mir mehr dazu sagen. Er ist ebenfalls ein Grauer Wächter, aber wir müssen nach Kammwald reisen, denn er versteckt sich dort in einer Höhle.“ Das Knie des Champions zitterte unruhig auf und ab. Wenn es nach ihr ginge, dann würden sie alle noch heute aufbrechen, aber sie bezweifelte, dass die abgerissene Inquisition überhaupt in der Lage war, Ausrüstung zu stellen.
„Er versteckt sich?“, fragte Salis erstaunt.
„Ja, Kommandantin Clarel hatte ihn festnehmen lassen und er konnte fliehen. Mehr weiß ich nicht.“ Hawke blickte in ratlose Gesichter und fuhr fort. „Mir ist klar, dass Ihr zur Zeit nicht einsatzbereit seid. Ihr solltet mir aber so bald wie möglich nach Kammwald folgen. Ich werde gleich dorthin aufbrechen. Mein Pferd ist ausgeruht und ich habe noch einige Vorräte, die ich in Redcliff auffrischen kann.“ Sie stand auf und deutete eine leichte Verbeugung an.
Salis erhob sich ebenfalls. „Wir erwarten spätestens morgen die ersten Lieferungen an Ausrüstung. Bis jetzt haben wir nur das, was wir am Leib tragen.“
Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, aber der Champion bemerkte anerkennend: „Ihr habt Haven überlebt und Corypheus eine Niederlage bereitet. Nun seid Ihr hier. Aus der Asche neu geboren. Letzte Hoffnung für die Menschen. Ihr gebt nicht auf und das alleine zählt. Lebt wohl. Wir sehen uns in Kammwald.“ Hawke drehte sich um und marschierte strammen Schrittes in die Haupthalle. Diese Frau war keine Freundin langer Reden, stellte Salis schmunzelnd fest, mit einem Seitenblick auf Josephine, die gerade zu einer Abschiedsrede aufgestanden war und enttäuscht zur Tür schaute.
„Wie viele Späher brauchen wir in Kammwald?“ Salis Frage richtete sich an Leliana, die sich von Cullen eine Landkarte geben ließ. „Das Gebiet ist recht unzureichend kartographiert. Ich würde Leutnant Harding die Sturmbullen mitgeben und vier Späher.“
Die Dalish Elfe blickte ihre Meisterspionin ernst und prüfend an. „Ist Rekrutin Larion gut genug ausgebildet um mitzukommen?“
Leliana schaute sie erschrocken an, fing sich aber schnell. „Im Bogenschießen macht ihr so schnell niemand etwas vor, aber im Nahkampftraining besteht noch Handlungsbedarf. Bei den Sturmbullen ist sie gut aufgehoben.“
„Gut, dann schicken wir sie auf ihren ersten Einsatz. Sie wird eine neue Landkarte zusammen mit den Spähern erstellen.“ Salis Finger umkreisten das in Frage kommende Gebiet auf der Karte. „Harding und ihre Leute reisen einen Tag früher an und wir kommen dann zu viert nach. Cassandra, Varric, würdet Ihr mich begleiten?“ Die beiden nickten eifrig und waren froh, endlich wieder etwas tun zu können. „Dann nehmen wir noch einen Magier mit. Dorian vielleicht.“
„Ihr traut Solas nicht über den Weg, Inquisitor?“ Cassandra grinste, denn sie dachte ebenso. Der Abtrünnige hatte ihnen zwar seine Hilfe angeboten, als es um die Bresche ging, aber seine Ansichten über die Magie stießen selbst bei Seinesgleichen selten auf Einverständnis. Besonders, wenn es um das Thema Blutmagie ging. Salis stritt sich oft mit ihm über die Dalish und deren Versuche, das Erbe der Altelfen zu retten. Für ihn waren es jämmerliche Bemühungen, die zu nichts führten.
„Es ist nicht so, dass ich ihm misstraue, sondern wir sind selten einer Meinung.“ Salis machte ein mürrisches Gesicht, dann klopfte sie auf den Tisch. „Lasst uns die Vorbereitungen treffen, insofern wir dazu momentan in der Lage sind. Wir haben wenigstens genug Pferde für uns Vier, aber kaum Waffen und schon gar keine Uniformen. Die Zelte brauchen wir alle hier. Die Sturmbullen müssen wir mit dem Ochsenkarren nach Kammwald verfrachten oder sie laufen.“
Leliana nahm ihr Kopftuch vom Tisch, das sie dort achtlos abgelegt hatte und Josephine zog sie am Arm in eine Ecke. Sie schaute ihre alte Freundin lange prüfend an und lächelte dann. Die Spionin sah verlegen unter sich und aus ihrem Schmunzeln wurde ein leises Kichern. „Frag' mich nicht, wie das passieren konnte, aber es ist nun mal geschehen.“ Sie blickte die Botschafterin hilflos an und sagte leise: „Ich hab's nicht kommen sehen.“
„Das tun wir in den seltensten Fällen, meine Liebe.“ Sie strich Leliana liebevoll durch die Haare. „Du bist so durcheinander, dass Dir Dein Aussehen vollkommen egal ist und ich weiß ja, wie viel Wert Du sonst darauf legst. Komm, wir gehen zu Dir hoch in den Turm, zu Deinen bezaubernden Vögelchen.“ Sie schleifte die Spionin einfach mit und zwinkerte Salis zum Abschied zu.

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