Salis hatte keine Ahnung, warum Josephine sie mit sanfter Gewalt durch die Halle zur großen Treppe schob. Sie blinzelte ins Licht der langsam untergehenden Sonne und erblickte dann im unteren Hof eine große Menschenmenge. Cassandra und Leliana warteten schon auf der Treppe. Die Sucherin trat vor sie und sagte feierlich: „Wir brauchen jemanden, der die Inquisition anführt und wir alle denken, dass Ihr die Richtige dafür seid.“
Die Dalish starrte sie verdattert an. „ICH? Aber ich bin nur eine Elfe.“
Cassandra stellte sich neben sie und sagte leise: „Nein, das seid Ihr nicht. Ich seid genau das, was diese Menschen dort unten brauchen. Und ich war zu verbohrt um es zu erkennen. Verzeiht mir. Es war meine Aufgabe, nach einer Lösung des Konfliktes zwischen Magiern und Templern zu suchen und ich habe mich in die Idee verrannt, dass nur der Champion von Kirkwall uns helfen könnte.“
Sie lächelte die Sucherin an und klopfte ihr herzhaft auf die Schulter. „Verdammt, ja. Ihr seid verbohrt.“ Sie lachte laut. „Aber ich mag Euch trotzdem, auch wenn ich Euch manchmal erwürgen könnte.“
Josephine räusperte sich hinter ihr, Leliana kam näher, sie hielt ein Schwert in Händen und überreichte es der Elfe. „Ihr seid der Inquisitor und dies ist Euer Zeichen“, sie flüsterte ihr zu: „Ich hoffe, Ihr leiht es mir einmal, damit ich es Cassandra um die Ohren schlagen kann.“
Salis kicherte und drehte sich zur Botschafterin um. „Was muss ich jetzt tun?“
Lady Montilyet verdrehte die Augen. „Halt' das Schwert hoch.“
„Zu Befehl“, raunte Salis ihr zu und hielt das Zeichen des Inquisitors in die Höhe. Die Menge jubelte, angestachelt von Cullen, der mittendrin stand, und selbst Josephine erlaubte sich einen lauten Jauchzer der Freude.
„Das hab' ich gehört, ma vhenan.“ Salis grinste die Botschafterin unverschämt an. Sie hatte diesen Satz recht laut ausgesprochen und die Menschen lachten befreit, weil die Elfe kein Blatt vor den Mund nahm. Sie war ihnen sympathisch, weil sie keine unnahbare Heldin war, zu der man aufblickte und die unerreichbar blieb.
Allerdings musste Cassandra sie abbremsen, als sie rief: „Dann feiert mal schön. Leider sitzen wir hier ein wenig auf dem Trockenen, aber das können wir ja nachholen.“ Sie vernahm das Lachen des Eisernen Bullen irgendwo am Rande der Menge. Seltsamerweise konnte sie ihn nicht ausfindig machen, dabei war er nicht zu übersehen.
„Wollt Ihr Euch nicht wieder ausruhen, Inquisitor?“ Die Sucherin versuchte sich in Schadensbegrenzung.
„Mir geht’s prächtig.“ Salis reckte sich und grinste. Josephine meinte allerdings: „Dann wollen wir mal einen Platz für das Schwert suchen.“ Sie betrachtete den Zweihänder misstrauisch.
„Gut, ich verabschiede mich für heute und wünsche allen eine gute Nacht.“ Sie drehte sich zur Botschafterin um. „Ich wüsste einen guten Platz. In Deinem Arbeitszimmer.“
Die beiden Frauen gingen und ließen die anderen feiern. In Josephines Reich angekommen musterte Salis die Wände und kam schließlich zum Entschluss, dass das Schwert über dem Kamin am besten zur Geltung kam. Vorerst legte sie die Waffe auf dem Kaminsims.
Die Botschafterin trat hinter sie, legte ihre Arme um Salis Hüften und bettete ihr Kinn auf die Schulter ihrer Liebsten. „Wie fühlt man sich als frisch ernannter Inquisitor?“ Sie küsste behutsam die Wange der Elfe.
Salis drehte sich in Josephines Armen um und nahm ihr Gesicht zärtlich in beide Hände. „Großartig, wenn Du da bist.“ Sie liebkoste deren Hals und die Lippen der Elfe strichen über ihre Wange, legten sich sanft auf ihren Mund.
Die Botschafterin zog sie enger zu sich heran. Ihre Hände wanderten abwärts zu Salis Gesäß, der nächste Kuss war fordernd, verlangend. Die Elfe drückte sie gegen den Schreibtisch und einige Schreibutensilien fielen zu Boden. Ihre Herzen pochten und Salis Hände erkundeten Josephines Taille, schoben sich geschickt unter den Stoff des Hemdes auf der Suche nach einem Stück Haut. Josephines hielt inne und holte Luft. „Wir sollten das nicht hier …“ Sie stöhnte leise auf, als Salis Zunge über ihren Hals fuhr und sie ihr sanft ins Ohrläppchen biss.
Sie setzte sich auf den Tisch und wurde von der Elfe nach hinten gedrückt. Beide lagen mehr als dass sie standen. Noch mehr Dinge fielen zu Boden. „Lass uns gehen, lass uns schnell gehen.“ flehte Josephine und Salis zog sie zu sich. Ihr Atem ging stoßweise und die beiden eilten in die Halle um durch die nächste Tür endlich im Quartier des Inquisitors zu verschwinden.
Varric hatte es sich am anderen Ende der Halle bequem gemacht in der Hoffnung, dass ihn die Sucherin hier nicht fand, so lange er sich hinter einem Berg Bauschutt verbarg. Er beobachtete das Paar und grinste breit.
Salis trat die Tür auf und küsste die Botschafterin so ungestüm, dass die beiden gegen den Türrahmen prallten, dann flog die Tür hinter ihnen wieder zu. Sie schafften es bis zur Treppe, dann küssten sie sich erneut und taumelten gegen die Wand. Salis fingerte hektisch an Josephines Uniform herum, öffnete die Knöpfe und riss ihr das Oberteil regelrecht vom Leib.
Die Botschafterin hatte genau wie die Elfe keine Unterwäsche an, da sie diese heute früh gewaschen hatten. Salis Finger fuhren über Josephines Brüste, deren wohl sortiertes Haar löste sich auf und eine wilde schwarze Haarflut ergoss sich über Salis, als die Botschafterin sie auf die Treppe drückte und ihr Stiefel und Hose auszog.
„Weiter hoch.“ stöhnte Salis fast von Sinnen.
„Gerne.“ Josephine knöpfte die Jacke der Elfe auf.
„Ich meine in unser Zimmer.“ ächzte die Elfe und glaubte, den Verstand zu verlieren. Sie ließ die Jacke fallen. Josephines Hände schienen überall zu sein und sie schafften es durch die zweite Tür, die Salis schnell verriegelte. Warum mussten sie auch durch den halben Turm klettern um in ihr Quartier zu gelangen? Auf dem obersten Treppenabsatz setzte sich die Botschafterin damit die Elfe ihr aus der Hose helfen konnte, welche achtlos davonflog.
Aller Kleidungsstücke entledigt küssten sie sich ungezügelt, Salis lag halb auf Josephine, stützte sich mit einem Arm ab, während die Finger der anderen Hand einen Tanz um die steifen Brustwarzen ihrer Liebsten vollführten. Der Oberschenkel der Elfe rieb sich am feuchten Schritt der Botschafterin, die sich aufbäumte, stöhnte und ihr in die Schulter biss.
„Bleib so.“ grinste Salis und küsste sich immer tiefer Josephines Schoß entgegen.

***

Niin und Leliana hatten eine Zeit lang bei den Sturmbullen und Dorian am Feuer gesessen und sich nun verabschiedet. Sie gingen in die Haupthalle und waren schon fast an der Tür, als Varric in seinem Versteckt wisperte: „He, habt Ihr Euch amüsiert?“
Die Stadtelfe zuckte erschrocken zusammen und die Hand der Meisterspionin langte nach dem Dolch in ihrem Stiefelschaft.
„Ho, langsam, Nachtigall!“ Er tauchte aus dem Schatten auf, blickte sich suchend um. „Niemanden im Schlepptau?“
„Ihr meint Cassandra? Die müsste gleich hier vorbei kommen. Sie wollte ebenfalls schlafen gehen. Bleibt am besten noch eine Weile in Eurer Schutthalde,“ feixte Leliana lachend.
„Ich glaube nicht, dass sie noch sauer auf Dich ist, Varric.“ versuchte Niin ihn zu beruhigen.
„Und Ihr beiden verschwindet wieder in Euer Nest, was?“, brummte der Zwerg missmutig.
„Fangt Ihr jetzt auch schon an, Tethras?“, sagte Leliana lauter als beabsichtigt.
„Was dagegen?“ Die Elfe wirkte nicht minder angenervt und er ließ es gut sein für heute.
Die Frauen schlichen sich an Solas vorbei, der oben auf dem Gerüst zu schlafen schien. Sie machten es sich auf ihrem Lager bequem, allerdings hatte das Gerede heute dazu geführt, dass jede brav auf ihrer Seite lag. Es dauerte eine Weile bis Niin eingeschlafen war und ein recht unsanfter Schlag in den Rücken weckte sie auf. Für einen Moment wusste sie nicht, woher der Angriff kam, wenn es denn einer war. Sie drehte sich zu Leliana um, die sich hin und her wälzte und offensichtlich einen Alptraum hatte.
Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, das Gesicht war verzerrt in Schmerz und sie rief verzweifelt: „Nein! Lass mich gehen!“ Niin kniete sich vor sie hin, packte sie bei den Schultern und rüttelte sie. „Wach auf!“
Leliana riss mit einem Seufzer die Augen auf und starrte die Elfe verwirrt an. Niin strich ihr sachte das wirre Haar aus der Stirn, legte sich dicht neben sie und drückte ihre Nase an das Ohr der Spionin. „Sag' mir, was Du Furchtbares geträumt hast.“
Ihr Atem fing an, sich langsam zu beruhigen. Leliana sog die Luft tief durch den offenen Mund ein. „Marjolaine“, brachte sie krächzend hervor, ihre Zunge schien am Gaumen zu kleben. Niin sprang auf, holte einen Becher mit Wasser, den die Spionin mit zitternder Hand trank und danach auf einer Kiste abstellte.
Leliana legte sich auf den Rücken und Niin rollte sich auf die rechte Seite, ihren Kopf mit der Hand abstützend. „Erzähl' mir von ihr.“ Die beiden Frauen schauten sich lange schweigend an, bis die Elfe hinzufügte: „Und von Dir.“
Die Spionin wandte sich ihr zu, weil es auf die Dauer zu beschwerlich war, sich den Hals zu verrenken um die Elfe anschauen zu können. Sie stützte sich mit dem Unterarm ab. „Meine Mutter diente einer Adligen und als sie starb, nahm Lady Cecile mich auf. Ich studierte den Adel, den Hof und die orlaisianischen Sitten ausführlich. Später lernte ich Marjorlaine kennen und wurde ihre Leibwache.Sie bildete mich zur Bardin aus.“
Leliana ließ Niin nicht aus den Augen um jede Reaktion erkennen zu können, doch die Elfe schwieg und hörte interessiert zu. „Ich verliebte mich in Marjorlaine, aber wir kamen nie zusammen. Eines Tages fielen mir Dokumente in die Hände, die bewiesen, dass meine einstige Mentorin Informationen über Orlais an andere Regierungen verkauft hatte. Ich stellte sie zur Rede und sie ließ mich festnehmen, hängte mir den Verrat an. Ich wurde gefoltert, konnte aber fliehen. So landete ich in Ferelden und dem kleinen Dorf Lothering. Ich trat als Laienschwester in das Kloster ein und traf Mutter Dorothea, die spätere Göttliche Justinia. Durch diese Frau kam ich zum Glauben und ich blieb zwei Jahre dort. Dann kam die Verderbnis und Annae, die mit Alistair und der Hexe Morrigan geflohen war. In einer Taverne half ich ihnen bei einer Auseinandersetzung und schloss mich ihnen an. Annae und ich wurden ein Paar. Marjorlaine fand mich eines Tages und hetzte mir Auftragsmörder auf den Hals. Einer der Mörder sagte mehr als bereitwillig aus. Annae und Alistair begleiteten mich nach Denerim, wo wir ihren Unterschlupf ausfindig machten. Da stand sie also vor uns. Meine ehemalige Mentorin. Ich wollte sie töten, aber Annae hielt mich davon ab. 'Du bist nicht wie sie', sagte sie. Wir ließen Marjorlaine gehen. Annae hat verhindert, dass ich genauso werde wie mein einstiges Vorbild.“
Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen der Spionin als die Erinnerungen sich langsam aus dem Unterbewusstsein erhoben und wieder Form annahmen. Niin wollte sie nicht unterbrechen, sie spürte, dass es wichtig war, jeder Erinnerung nachzuspüren. Das Lächeln erlosch. „Für Marjorlaine war ich nur ein Werkzeug. Ich führte ihre Aufträge ganz zu ihrer Zufriedenheit aus.“ Verbitterung lag in ihren Augen.
Nun wagte es Niin, eine Frage zu stellen: „Was waren das für Aufträge?“
„Diebstahl, Auftragsmord, Beschaffung von Informationen. Das Aufgabengebiet einer Bardin ist vielfältig. Manchmal betörte ich die Menschen mit meinem Gesang ...“
„... und manchmal hast Du sie verführt“, ergänzte Niin ohne sich eine Regung anmerken zu lassen. Das hoffte sie zumindest, aber Leliana entging nicht das leichte Zucken der Augenbraue.
„Ja, wenn es die Situation erforderte, dann schlief ich mit dem Opfer. Es war mir egal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Meistens hatte ich meinen Spaß dabei.“ Sie musterte die Elfe eindringlich.
„Letztendlich hast Du für die Göttliche Justinia fast das Gleiche gemacht. Du führtest ihre Aufträge aus, da wo sich kein anderer die Hände schmutzig machen wollte.“ Niin betonte jedes Wort und war sich bewusst, dass sie mit dieser Bemerkung sehr weit ging.
Leliana rutschte unbehaglich etwas höher, um sich auf das Kopfkissen zu stützen. „Ja, das ist wahr. Du hattest mir gesagt, dass ich zweifle. Das betrifft nicht nur Haven. Ich zweifle an der Richtigkeit meines Handelns oder ich sollte besser sagen: an der Art, wie ich die Aufträge ausgeführt habe. Es war Justinias Wort, aber es ist mein Gewissen.“
„Du zweifelst an dem, was Du bist. Was andere aus Dir gemacht haben?“ Niin rückte ein Stückchen näher und Leliana konnte ihrem Blick kaum standhalten.
„Was ist von mir geblieben? Bardin, die linke Hand der Göttlichen.“ Tränen schimmerten in ihren Augen.
„Wie war Leliana, bevor sie Marjorlaine traf?“ Niin tastete nach Lelianas rechter Hand.
Die Meisterspionin lächelte verhalten. „Sie war verspielt, liebte das Leben und lebte es in vollen Zügen. Sie war wissbegierig, sang gerne und besaß einen großen Sinn für Gerechtigkeit. Sie wollte helfen und gegen das Unrecht kämpfen.“ Sie schloss die Augen. „Annae gab mir einen Teil meiner Unschuld zurück. Ich hatte schon aufgehört, an die Liebe zu glauben. An mich. Nach ihrem Tod verlor ich mich wieder, diente der Göttlichen, aber im Grunde verlangte sie das Gleiche von mir wie Marjorlaine. Das hast Du richtig erkannt, Niin. Ich habe Jahre dazu gebraucht.“
Niin streichelte Lelianas Hand. „Aber nun hast Du die Möglichkeit, den Menschen zu helfen und Corypheus zu vernichten. Die Inquisition hat sich der richtigen Sache verschrieben und sie kämpft da, wo es kein anderer wagen würde.“
Es erschrak sie fast, als die Spionin ihre Hand ergriff und ihr einen zärtlichen Kuss auf den Handrücken hauchte. „Danke, Niin. Wieder einmal.“
Die Elfe lächelte bis über beide Ohren. „Dafür sind Freunde doch da.“
„Ich weiß, wie ich mich bei Dir bedanken kann.“ Sie ließ diese Worte mit Absicht im Raum stehen, um Niins Reaktion zu sehen. Die Elfe schaute sie verblüfft und ein wenig misstrauisch an, während die Spionin lachte. „Nein, keine Sorge. Ich verführe Dich schon nicht.“
„Wie beruhigend.“ Niins Augenbraue schob sich die Stirn hoch, Leliana drückte sie mit dem Zeigefinger wieder sachte nach unten und flüsterte ihr ins Ohr: „Nur, wenn Du es willst.“ Dann begann sie leise zu singen, die Elfe lauschte gebannt und mit pochendem Herzen ihrer klaren Stimme.

Varric machte es sich auf dem Wehrgang gemütlich. Der Himmel war klar und von einem Meer aus Sternen überflutet. Heute morgen hatte er einen verschlossenen Raum gleich hinter der Küche entdeckt und dank seiner Kenntnisse im Schlossknacken war die Tür binnen weniger Minuten geöffnet.
Erfreut hatte er zwei Kisten alten Weines vorgefunden, die in einer Ecke vergessen worden waren. Rotwein aus Antiva, der besten Weingegend von ganz Thedas. Er schmiedete einen Plan, wie die Kisten zu „bergen“ seien und weihte den Eisernen Bullen ein. Während der Feier zu Salis Ernennung waren die beiden auf den Wehrgängen entlang geschlichen bis zu einem verfallenen Turm am anderen Ende der Feste, gleich oberhalb des kleinen Übungsplatzes an der Taverne. Dort deponierten sie das kostbare Gut und eine Flasche davon hielt Varric nun in Händen.
Der Korken war zwar etwas krümelig und brach beim Öffnen ab, aber der Zwerg drückte einfach den Rest in die Flasche hinein und füllte sich einen Becher voll. Er betrachtete den Wein im Schein des Mondes, schwenkte ihn ein wenig, nippte schließlich daran und schloss genießerisch die Augen.
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken: „Ich hatte mich schon gefragt, ob Ihr vielleicht von der Mauer gefallen seid.“
Cassandra stand vor ihm und Varric entfuhr ein: „Oh, Scheiße. Dann ist wohl jetzt der richtige Zeitpunkt, mir den Hals umzudrehen, oder?“ Er hob den Becher in die Höhe. „Lasst mich nochmal davon kosten.“
Zu seiner Überraschung setzte sich die Sucherin neben ihn, griff nach der Weinflasche und schnupperte daran. „Der riecht noch gut.“
„Und er fließt einem die Kehle hinunter wie nichts. Meinen Becher möchte ich Euch nicht anbieten. Trinkt ruhig aus der Flasche.“
Sie genehmigte sich einen Schluck, ließ den Wein langsam über die Zunge gleiten. „Alle Achtung. Der hat nichts von seiner Rasse verloren. Ich frage lieber nicht, wo Ihr ihn her habt.“ Sie studierte das Etikett, konnte aber in der Dunkelheit nicht alle Einzelheiten entziffern.
Varric stellte seinen Becher ab und schaute sie fragend an. „Und nun raus mit der Sprache. Ihr seid also nicht hier, um mich unauffällig zu töten?“
Cassandra lächelte vor sich hin, dann sah sie ihn ernst an. „Nein, nicht mehr. Ich muss zugeben, heute morgen wäre mir noch danach zumute gewesen. Aber nach einigen Gesprächen mit guten Freunden wurde mir klar, dass ich mich in eine Idee verrannt hatte. Hawke hätte nichts gegen das ausrichten können, was im Tempel der Heiligen Asche geschehen ist.“
Sie nestelte an einem Stück Papier herum, das sie sich in den Gürtel geklemmt hatte, und überreichte es Varric. Er blickte sie verwundert an. „Was ist das?“
„Ihr wart bis vorhin immer noch Gefangener der Inquisition. Das ist Eure Freilassungsurkunde.“ Die Sucherin betrachtete ihn abwägend. „Was werdet Ihr tun?“
Der Zwerg lachte glücklich auf und verstaute das wichtige Schreiben schnell in seinem Hemd. „Ihr glaubt wohl ich würde bei der erstbesten Gelegenheit abhauen?“
„Um ehrlich zu sein: ja“, antwortete Cassandra prompt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
„Nein, mein Platz ist hier.“ Varric grinste wie ein kleiner Wolf. „So schnell werdet Ihr mich nicht los.“
Die Sucherin nahm daraufhin einen großen Schluck Wein zu sich. „Ich weiß, dass ich es noch bereuen werde.“ Seufzend stand sie auf und nickte dem Zwerg zum Abschied zu. Dann verschwand sie in der Dunkelheit und ließ ihn wieder alleine mit seinen Gedanken.

Cassandra wanderte die Wehrmauer entlang und sah William im unteren Hof am Feuer sitzen. Offensichtlich konnten viele heute Nacht nicht schlafen. Sicher lag es an der Enge und den unbequemen Lagern. Sie selbst teilte sich eine Unterkunft mit Großverzauberin Fiona. Zu ihrem Erstaunen gab sich die Magierin mit der primitiven Bettstatt zufrieden ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Die Sucherin stieg die Treppe nahe Cullens Turm hinab und trat vorsichtig in den Schein des Lagerfeuers. William drehte sich überrascht zu ihr um. „So spät noch unterwegs, Lady Pentaghast?“
Sie setzte sich einfach in den Schneidersitz neben ihm, lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken gegen den liegenden Baumstumpf, welcher sonst als Sitzfläche diente und eine hauchzarte Duftnote des Rotweines stieg in seine Nase. „Ihr habt wohl ein wenig gefeiert, oder?“
Sie hauchte gegen ihre Hand und schnupperte. „Ach, es waren nur zwei Schlucke Wein aus Varrics Flasche. Wenn dieser durchtriebene Kerl eines kann, dann Sachen organisieren.“
„Und? Hat er Euer Treffen überlebt?“ Die Stimme des Magiers klang skeptisch, aber Cassandra nickte lediglich während sie ins Feuer starrte.
Schließlich sprach sie leise und ohne aufzublicken: „Danke, Trevelyan.“
„Wofür?“ Der Magier zuckte unwissend mit den Schultern.
„Ihr habt mir heute die Augen geöffnet. Danke für dieses Gespräch.“
Sie drehte den Kopf, schaute ihn unvermittelt an und er lächelte sacht. Dann stand er zu Cassandras Verwunderung auf, breitete die Arme aus, welche die Decke festhielten und legte diese über ihre Schulter während er sich wieder dicht neben sie setzte. Sie streckte ihre Beine aus, lehnte sich an seine Schulter und die beiden sahen schweigend den Flammen des Lagerfeuers zu bei ihrem Tanz durch die Dunkelheit.

Salis war aufgewacht und beobachtete Josephine eine Weile, die auf dem Rücken lag, das friedliche Gesicht umrahmt von wilden schwarzen Haarsträhnen. Dann stand die Elfe auf, sammelte die Kleidung ein, welche sie über die gesamte Treppe hoch zum Quartier verstreut hatten und grinste dabei kopfschüttelnd.
Sie zog sich ihr Oberteil an, stellte sich auf den Balkon, von dem aus sie keiner sehen konnte, und ließ ihre Gedanken schweifen. Nach einer Weile hört sie hinter sich das leise Tapsen nackter Füße auf dem Steinboden. Eine Decke legte sich um ihre Schultern, zwei Arme schoben sich um ihre Taille und zogen sie zu Josephine heran. „Komm' wieder ins Bett, mein Sonnenschein. Hier ist es zu kalt“, flüsterte die Botschafterin in ihr Ohr.
Salis Finger glitten versonnen auf Josephines nackten Armen entlang. „Ich musste ein wenig nachdenken über all das, was in letzter Zeit passiert ist.“ Ihre rechte Hand streichelte die Wange der Botschafterin.
„Was heißt: 'meine Liebe' auf Elfisch?“, fragte Josephine und küsste Salis Hals.
„Ma'arlath“ antwortete die Elfe mit geschlossenen Augen.
„Dann komm' wieder ins warme Bett, ma'arlath.“ Josephine blickte sie liebevoll an und schob sie langsam, aber bestimmt, in Richtung des Schlafplatzes.

Die Sturmbullen machten es sich zu siebt so gemütlich wie möglich in einem größeren Zelt, das sie an der Schmiede, gleich gegenüber der Taverne im oberen Hof aufgebaut hatten. Es war beengt und der Geruch von Schweiß hing in der Luft, wie überall, wo Menschen auf engem Raum in Kleidung schlafen mussten, die sie seit vielen Tagen nicht wechseln konnten.
Krem saß am Lagerfeuer und stocherte gedankenverloren in der langsam verlöschenden Glut herum, um das Feuer wieder anzufachen. Er konnte nicht schlafen, zumal der Bulle sich mit seinen Hörnern  ziemlich breit machte und diese ihm zweimal im Schlaf ins Kreuz gerammt hatte.
Es raschelte und der Hauptmann schaute träge nach oben. Harding setzte sich ungefragt neben ihn. Man sah ihr die Müdigkeit an und so fragte er: „Ihr solltet Euch ausruhen. Was hält Euch ab?“
Die Zwergin seufzte matt und schaute zu, wie er zwei Holzscheite ins Feuer legte. Glut flog empor in den Nachthimmel und das Feuer fraß sich erneut gierig durch das Holz. Es roch leicht nach Harz. „Meine Eltern haben mich gar nicht mehr gehen lassen wollen.“ Sie stocherte ebenfalls mit einem kleinen Stöcken im Feuer herum, weil das Spiel mit den Flammen etwas sehr Reizvolles an sich hatte. „Am liebsten hätten sie mich gleich verheiratet mit dem Sohn der Nachbarn.“
Krem schaute sie lange abwägend an und äußerte sich dann in leisem Tonfall: „Sie lieben Euch und machen sich Sorgen.“
Aber Hardings Temperament war eben einfach unberechenbar und so erschrak er, als sie das Stöckchen wütend ins Feuer rammte und erzürnt auf seine Bemerkung reagierte. „Ach, und ich habe da nichts zu entscheiden, oder was?“ Gleich darauf tat ihr der Ausbruch leid. „Verzeiht, ich wollte Euch nicht anschreien.“
Im Zelt murmelte der Bulle: „Dann ist es ja gut. Denn das hat Krem wirklich nicht verdient.“ Kurz darauf schlug er die Plane beiseite und trat ins Freie. Er schloss das Zelt wieder sorgsam mit der Bemerkung: „Einige Gerüche bleiben besser da, wo sie sind.“ Dann setzte er sich dazu.
Krem starrte ins Feuer. „Seid froh, dass Ihr Eltern habt, Harding.“
„Habt Ihr Eure verloren?“, fragte die Zwergin vorsichtig.
Er schloss die Augen und begann mit tonloser Stimme zu erzählen. „Meine Eltern leben noch. Glaube ich zumindest. Meine Mutter hasst mich und mein Vater ...“, er schluckte ein paar Mal. „... er verkaufte sich in die Sklaverei, um uns ernähren zu können. Seine Schneiderei machte bankrott. In Tevinter ist es keine Seltenheit, dass sich Menschen als Sklaven anbieten. Ich weiß nicht, wo er ist.“ Er stand hastig auf und ging davon in die Dunkelheit.
Harding blickte den Bullen ratlos an. „Das scheint ihn sehr mitzunehmen, oder?“
Der Qunari seufzte laut. „Ja, manchmal überkommt es ihn. Er nennt mich oft scherzhaft 'Mama', aber ich denke, dass ich es wirklich für ihn bin.“ Er lächelte traurig. „Und ich glaube, dass die riesige Mama ihn nun trösten gehen sollte.“ Er folgte Krem und die Zwergin hörte ihn in einigen Metern Entfernung leise mit dem Hauptmann sprechen.
Bis vor einigen Tagen hatte Harding noch geglaubt, dass der Söldner lediglich ein Großmaul war, wie man sie in jeder Taverne zuhauf antraf. Sprüche klopfen und Frauen mit dummen Bemerkungen zur Weißglut bringen. Das konnten diese Schwätzer allesamt sehr gut, aber nun änderte sich ihre Meinung zusehends, was den Hauptmann anging.

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