Leliana schüttelte ungläubig den Kopf. „Jetzt sind wir fast drei Tage durch das Gebirge geirrt und in einem halben Tag haben wir es bis Redcliff geschafft.“
„Angst macht einen blind.“ William benutzte seinen Magierstab wie einen Wanderstock. „Außerdem sind wir mehrmals wieder abgestiegen, weil uns der Weg versperrt war. Und dann wieder rauf in die Berge. Im Zickzack.“
„Ja, wir waren kopflos.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Und verzweifelt.“
„Es gibt immer einen Ausweg, Schwester Nachtigall.“ Der Magier lächelte freundlich.
„Woher nehmt Ihr diese Gewissheit?“
„Ich habe Ostagar überlebt, die Korcari Wildnis, die Templer. Aber wisst Ihr was? Als ich diesen Drachen über Haven kreisen sah, da ...“ Er suchte nach Worten. „Da war es mir, als ob mich alle Hoffnung verlassen hätte. Ich dachte nur noch an meinen Sohn.“
Sie blickte ihn ernst an. „Die Korcari Wildnis?“
„Oh ja, wir flüchteten dorthin und hätten fast nicht herausgefunden, wenn wir nicht auf eine Hütte gestoßen wären, in der eine alte Dame lebte. Sie wies uns den Weg nach Lothering, aber wir konnten sie nicht überreden, uns zu begleiten.“
Leliana schrie fast. „ALTE DAME?!“ Sie starrte ihn fassungslos an. „Ihr habt wirklich ein verdammtes Glück gehabt. Niemand trifft Flemeth und überlebt es.“
William ließ fast seinen Stab vor Schreck fallen. „DIE Flemeth?!“
„Ja, genau diese. Flemeth, Hexe der Wildnis oder Asha'bellanar, wie sie von den Dalish genannt wird. Frau der vielen Jahre. Wir dachten, wir hätten sie getötet, aber sie tauchte wieder auf. Oh, was habt Ihr bloß für ein Schwein gehabt, Trevelyan. Sie verwandelte sich in einen Drachen und hatte uns fast geröstet. Manchmal aber hilft sie Leuten. Keiner weiß, warum.“
„Na danke, jetzt ist mir schlecht“, murmelte er vor sich hin.
Sie kamen an der Wegkreuzung nach Redcliff an und die Gruppe teilte sich auf. Stallmeister Denneth ging mit einigen Spähern zu den Höfen, Harding blieb, um die hier stationierten Soldaten der Inquisition auf den neuesten Stand zu bringen und um Vorräte zu sammeln. William verabschiedete sich, sein Versteck musste ganz in der Nähe sein. Am nächsten Tag wollten sich alle wieder hier treffen.
Sie selbst ging mit einigen ihrer Leute weiter zum Schloss. Hoffentlich würde sie der Königin nicht begegnen. Verdammte Zicke! Schoss es ihr durch den Kopf. Es verwunderte den wachhabenden Offizier am Tor, dass die Inquisition zu Fuß unterwegs war und offensichtlich schon mehrere Tage nicht gebadet hatte. Er rümpfte die Nase und verschwand im Innenhof des Schlosses.
Ihre Späher sahen sich ratlos an. „Stinken wir wirklich so sehr?“
„Tut einfach so, als hättet Ihr nichts bemerkt.“ Ihr eigener Schweiß stieg ihr unangenehm in die Nase. „Auch wenn es schwer fällt. Immer schön Haltung bewahren, Jungs.“
„Wenn Ihr das sagt, Schwester Leliana.“
„Was bleibt uns anderes übrig? Vielleicht lässt man uns ein Bad nehmen?“ Sie zuckte mit den Schultern. In diesem Moment wurde das Tor geöffnet und man ließ sie hinein. Alistair kam ihnen entgegen geeilt, immer scherten ihn höfische Umgangsformen nicht. Er fiel Leliana um den Hals, zuckte dann zurück. „Hu, sag' mal, was ist denn mit Euch los?“
Sie winkte müde ab. „Ich erzähle Dir alles, aber könntest Du meine Leute versorgen? Sie sind hungrig und müde. Genauso wie ich.“
Der Abend wurde lang, Leliana und Alistair saßen alleine am Kamin und der König ließ sich in allen Einzelheiten die Ereignisse der letzten Tage erzählen. Danach redeten sie über die alten Zeiten und wieder spürte sie den sorgenvollen Blick des Freundes auf sich ruhen. Ihr wurde jetzt erst klar, wie sehr es ihn geschockt hatte, sie mit aufgeschlitzten Pulsadern vorzufinden. Sie legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. „Alistair, Du musst Dir keine Sorgen mehr um mich machen. Ich bin darüber hinweg.“
Er seufzte schwermütig. „In all den Monaten, die wir unterwegs waren, wurdest Du mir mehr und mehr zu einer kleinen Schwester. Du warst teilweise liebenswert naiv, hattest den Kopf voller Flausen. Und nun? Manche sagen, Du seist kalt, berechnend. Stimmt das?“
Sie schaute ihn traurig an. „Nein, das stimmt nicht. Aber ich darf keine Gefühle zulassen. Das wäre meiner Position nicht förderlich. Für die Göttliche Justinia habe ich immer wieder Entscheidungen treffen müssen, vor denen andere zurückschreckten.“
„Eines Tages wird Dich das erdrücken. Es gab immer wieder Frauen, die Dich für ihre Zwecke benutzt haben. Erst Marjolaine, die Dich zur Bardin ausbildete, dann Justinia. Wirst Du je wieder einem anderen Menschen vertrauen können?“ Er wusste, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte und wollte es dabei belassen. „Komm, lass uns noch ein wenig über Morrigan lästern. Dann wird’s Zeit für eine Runde Schlaf.“
Dreißig Minuten später lag Leliana wohlig seufzend in einer feudalen Badewanne, umringt von Kerzen und Blütenduft. Sie ließ sich ordentlich einweichen. Danach fiel sie übernächtigt in ein riesiges Bett und dankte Alistair im Geiste für seine Gastfreundschaft.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich sehr herzlich voneinander. Es imponierte den Spähern, dass ihre Vorgesetzte den König von Ferelden so gut kannte. Leliana wollte sich schon zum Gehen umdrehen, da holte Alistair eine Tasche hervor. „Hier, Seife aus Val Royeaux. Meine Frau hat so viel davon, dass ein paar fehlende Stücke sicher nicht auffallen.“
Die Meisterspionin strahlte glücklich und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Das ist lieb von Dir. Und tausend Dank für die zehn Ochsenkarren. Ich weiß wirklich nicht, wie wir das wieder gutmachen können.“
„Immerhin habt Ihr die Venatori aus meinem Schloss gejagt und die Magier mitgenommen. Ich schicke Euch noch mehr Vorräte, wenn ich kann. Vor allem Feuerholz, aber es wird sicher drei Tage dauern.“
Sie entschieden sich, in Redcliff einige Dinge einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit sammelten sie ein Dutzend Magier ein. Nachzügler des Aufstandes, die herumirrten und die anderen suchten. Mitnehmen konnten sie diese Leute natürlich nicht, aber dafür sorgen, dass man sich im Stützpunkt an der Wegkreuzung um sie kümmerte.
Die Schmiede in der Himmelsfeste musste erst instand gesetzt werden, also kauften sie Waffen und vor allem Rüstungen. Josephine war trotz des Angriffes auf Haven geistesgegenwärtig genug gewesen, die kleine Goldkassette aus ihrem Arbeitszimmer mitzunehmen. Das ganze Barvermögen der Inquisition. Lange würde dieses nicht reichen. Früher oder später mussten sie nach Val Royeaux, denn dort hatten sie das restliche Gold sicher angelegt. Die Ochsenkarren waren schnell überladen und die Last musste auf die Pferde umverteilt werden, es fehlte an allem.
Leliana hatte Unterwäsche bei einem Bekleidungshändler entdeckt, nahm gleich den ganzen Bestand mit und zahlte ihn aus eigener Tasche. Sie trug immer einen kleinen Lederbeutel voll Gold bei sich. Einer ihrer Späher schaute sie verwirrt an. „Was ist? Wollt Ihr ewig in den gleichen Unterhosen herumlaufen?“ meinte sie trocken und bestellte eine weitere Ladung direkt in die Himmelsfeste. Der Weg dorthin hatte sich eh schon herumgesprochen wie ein Lauffeuer.
„Ihr habt Recht, Mylady. So langsam könnte ich frische Wäsche gut gebrauchen.“ Er drehte sich zum Händler um und flüsterte verlegen: „Habt Ihr auch etwas für den Herrn?“
Der Verkäufer trompetete los: „Aber sicher führen wir auch Wäsche für Männer. Wir haben hier verschiedene Modelle, wenn ich sie mal vorführen dürfte.“
„Nein! Ich … nehm' alle“, antwortete der Späher schnell und wurde rot, weil Leliana sich das Lachen nicht verkneifen konnte.
„Bringt unsere Beute zur Wegkreuzung. Ich komme gleich nach“, rief die Meisterspionin und war schon unterwegs ans andere Ende von Redcliff. Dort befand sich ein Buchhändler, der auch Schreibmaterial verkaufte. Federn, Tinte und Papier für Josephine … dann fiel ihr Blick auf eine kleine Schatulle, die liebevoll bemalt war. Zwei Hallas, die über eine Wiese liefen. Fasziniert betrachtete sie das Kleinod und kaufte es für Niin. Sie fand auch einige Kohle- und Bleistifte zum Zeichnen und zog zufrieden von dannen.

William führte seine Gruppe an, wie versprochen tauchte er mit zwei Ochsenkarren auf und jeder Menge Menschen. Vier Kinder saßen auf einem der Karren und empfanden den Umzug als großes Abenteuer. Ihre Augen leuchtenden unternehmungslustig.
„Welcher davon ist den Eurer?“, fragte Harding neugierig. Sie hatte die Nacht bei ihren Eltern in der Nähe verbracht.
„Der Blondschopf“, sagte William nicht ohne Stolz und grinste. „Können wir die Kinder auf dem Karren lassen?“
„Ja, sicher. Wir haben die Maultiere gut bepackt und ...“ Sie erblickte die Karawane aus Redcliff und rief erstaunt: „Das ist mal ein Anblick!“
Aus der gleichen Richtung kam Stallmeister Denneth mit einigen Pferden herbei. Als er an Leliana vorbei ritt, rief diese freudig: „Zuckeröhrchen!“
Der Hengst bewegte die Ohren. „Er hatte die Pferde wieder in den heimischen Stall zurückgeführt. Sie waren zum Glück in die richtige Richtung geflohen.“
Die Meisterspionin sah einige Wunden. Sicher hatten die Tiere noch die Ausläufer der Gerölllawine mitbekommen. „Es ist nichts Schwerwiegendes“, meinte der Stallmeister.
„Gut, dann wären wir jetzt alle bereit für den Aufbruch?“ Sie wartete, bis sich alle in eine Reihe eingegliedert hatten und gab dann das Zeichen.

Niin überprüfte die Seifenklötze. Sie waren noch nicht komplett durchgehärtet, aber man konnte die Seife schon als Paste benutzen und zerschneiden. Die Elfe hatte vorher an ihrem Handrücken getestet, ob sie die Lauge gut genug abgeschöpft hatte. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte sie ein Brennen verspürt. Die Seife konnte für alle Körperteile ohne Bedenken verwendet werden und dank Salis Kenntnisse der Kräuter duftete sie wunderbar.
Sie arbeiteten im Freien und hatten die Seifenstücke auf zwei lange Holzbretter gelegt. Die beiden Späher hatten aufgehört, zu klagen und konnten es ebenfalls nicht abwarten, sich endlich zu waschen. Ein wenig Katzenwäsche hatten sie alle betreiben können. Mal schnell ein oder zwei Eimer Wasser über sich gießen und die wichtigsten Stellen ein wenig säubern, aber nun konnten sie bald auch ihre Kleidung richtig reinigen. Niin teilte die Seife in handliche Portionen, so dass jeder etwas davon bekam.

Es war Abend, die Sonne hatte sich aus den Innenhöfen schon lange verabschiedet und der Schnee der Berge schimmerte golden. Niin ging zum Stall und streichelte das verbliebene Maultier. Zum Glück waren die Jäger erfolgreich gewesen und kamen mit reichhaltiger Beute zurück. Vor allem mit erlegten Widdern, Hasen und sogar einem Bären, den sie auf einem improvisierten Schlitten hinter sich hergezogen hatten.
„Du hast vielleicht Glück, Schwarzpelz.“ Die Elfe drückte ihre Wange an den Hals des Maultieres, kraulte seine Mähne und Schwarzpelz wühlte sich mit dem Maul sanft durch ihr Haar.
„Es scheint, als habt Ihr ein Händchen für Tiere.“ Sie erschrak, weil sie Blackwall im Stall nicht entdeckt hatte. „Verzeiht, ich wollte Euch keinen Schrecken einjagen.“ Er kam langsam näher. „Mit Tieren umzugehen ist eine Gabe.“
Sie seufzte. „Wir sind für sie verantwortlich. Sie können sich nicht wehren. Wenn ich ein Tier mein Eigen nenne, dann muss ich es so gut wie möglich versorgen.“ Ihre Augen glänzten traurig. „Ich behandle sie so, wie ich behandelt werden will.“
Blackwall sah noch etwas anderes in ihrem Blick. Diese Elfe mochte klein sein, hager, verschüchtert, aber ihr Wesen hatte gerade erst begonnen sich entfalten. Etwas war erwacht. Es lag nicht mehr der Ausdruck einer verschreckten und misshandelten Magd in ihren Augen. Bestimmtheit, Wachsamkeit. Der Graue Wächter war neugierig, wie sich Niin in den nächsten Wochen entwickeln würde.

Sie hörten aufgeregte Rufe und sahen Leliana mit einer großen Karawane am anderen Ende der Brücke auftauchen. Sicherlich waren die Heimkehrer erschöpft nach diesem erneuten Gewaltmarsch. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Feste und alle kamen angerannt. Salis und Josephine standen auf der großen Treppe zum Hauptgebäude und schauten in den Hof hinab.
„Schaffst Du's?“, fragte die Botschafterin besorgt.
Die Dalish Elfe nickte matt lächelnd, ihr kurzes Haar war zerzaust, weil Josephine sich nicht getraut hatte, es wegen der Kopfwunde zu bürsten. „Was ein wenig Schlaf, etwas zu Essen und eine Botschafterin aus Antiva doch ausrichten können.“ Sie konnte es einfach nicht lassen, Josephine zu necken, die den Kopf in den Nacken reckte, schallend lachte und dabei ihre makellos weißen Zähne zeigte. Das lange Haar trug sie offen, weil es noch am Trocknen war vom improvisierten Bad, das sie vor zwei Stunden genommen hatte. „Ich liebe es, Dich so zu sehen.“ Salis rieb ihre Nase verspielt an Josephines Wange und hauchte ihr dann einen Kuss aufs Ohr.
Den gestrigen Nachmittag hatte die Elfe im Garten verbracht um dem Treiben der Heiler zuzuschauen, die eifrig damit beschäftigt gewesen waren, aus dem mit Unkraut überwucherten Innenhof einen Kräutergarten zu machen. Sowohl die Inquisition als auch die Magier verfügten über Kräuterkundige in ihren Reihen und diese leisteten gemeinsam ganze Arbeit. Sehr zur Freude des Maultieres fielen dabei sehr viele Leckerbissen für ihn ab, die Niin eifrig sammelte.
Varric tauchte vor ihnen auf und nickt in Richtung Hof. „Ich passe lieber auf und gehe vor, nicht dass Du runter kullerst, Salis.“
„Ich habe Dich seit unserer Ankunft nicht gesehen, wo hast Du gesteckt?“
Der Zwerg wurde ernst und seine Miene verfinsterte sich regelrecht. „Darüber können wir nachher reden. Ich habe einen alten Freund gerufen und dafür wird Cassandra mich umbringen.“
Josephine sog die Luft entsetzt ein. „Oh nein, jetzt sagt mir nicht, dass es der ist, von dem ich denke ...“
Varric ließ sie nicht ausreden und drehte sich zum Gehen um. „Morgen, Botschafterin.“

Niin rannte der Karawane entgegen und Leliana sah erstaunt, wie schnell die Elfe laufen konnte. „Da sind ja meine Blitzzauber langsamer.“ lachte William amüsiert.
Sie strahlte über das ganze Gesicht und begrüßte die Ankömmlinge. „Wie habt Ihr das alles so schnell geschafft?“ Sie schaute die Karawane entlang. „Und so viel!“
Leliana legte ihr die Hand auf die Schulter und die beiden gingen nebeneinander her. „Erzähle ich Dir beim Abendessen, Niinara. Ich bin hungrig wie ein Wolf.“ Die Elfe lächelte sie glücklich an.
Auf Varrics Stirn bildeten sich Sorgenfalten, die sich immer tiefer gruben, je näher sie kamen. Es gefiel ihm nicht, dass Niin so viel Zeit mit Leliana verbrachte. Vielleicht sollte er einmal mit der Elfe reden? Aber nun hatte er Dringenderes zu tun.
Er stand bei Salis und Josephine am Haupttor. Als Cassandra sich dazu gesellte, war er auf einmal verschwunden, was im Willkommenstrubel niemandem auffiel.
Salis wisperte auf einmal zur Botschafterin: „Kneif`' mich, ich seh' Zuckeröhrchen.“ Dann war sie nicht mehr zu halten, sie hastete ihrem Pferd entgegen und fing an zu weinen, als sie den Hals des Tieres umfasste und zärtlich kraulte. Ihre Hände glitten das Fell entlang über die Flanke und sie betrachtete die Wunden mit großer Sorge.
Die Steine der Gerölllawine schienen wie Wurfgeschosse auf die armen Tiere eingeprasselt zu sein. Denneths Familie hatte die Pferde gut versorgt und die Heiler der Himmelsfeste würden sicher zur schnellen Genesung beitragen können. Salis selbst fühlte sich nach einigen Behandlungen heute wesentlich kräftiger.

Cassandra stand im Innenhof und beobachtete William Trevelyan neugierig dabei, wie er seine beiden Ochsenkarren in der Nähe des Stalls abstellte. Die vier Kinder begannen sofort, sich umzusehen und obwohl William ihnen noch etwas hinterher rief, waren sie schon im oberen Bereich der Feste verschwunden.
Der Magier ging auf die Sucherin zu und schüttelte lachend den Kopf. „Sie sind zu ausgeruht und aufgeregt. Seit gestern Abend fiebern sie diesem Moment entgegen und Nathaniel konnte die ganze Nacht nicht schlafen.“
„Dann wird er nachher sicher umso schneller einschlafen, schätze ich“, erwiderte Cassandra mit einem Lächeln. Sie hörte die Kinder oben laut rufen auf ihrer Entdeckungsreise. Diese brachten etwas Normalität in die Feste. Einen Alltag. Hier gab es ansonsten nur Lelianas hektische Späher, Cullens ehemalige Templer, welche mit ihm aus Kirkwall weggegangen waren, und die Magier. Die letzten beiden Parteien bereiteten der Sucherin Grund zu Sorge. Wie lange würde es dauern, bis sie aufeinander losgingen?
Aber dann sah sie etwas, das sie fassungslos machte. Nicht vor Entsetzen. Nein, es war so ungewöhnlich und rührend, dass ihr die Worte fehlten, um sich weiter mit William zu unterhalten.

Mittlerweile waren auch die Nachzügler der Magier im unteren Innenhof angekommen, die sie in Redcliff eingesammelt hatten. Sie wurden freudig von ihren Kollegen begrüßt und von einigen Templern argwöhnisch begutachtet. Da löste sich einer von Cullens Leuten aus der Gruppe und rannte auf die Neuankömmlinge zu. „Rianne? Du bist hier?“ Er riss sich den Helm von Kopf, ließ diesen achtlos auf den Boden fallen und eine mehr als schulterlange blonde Mähne kam zum Vorschein.
Eine der Magierinnen drehte sich erschrocken um. Sie war im gleichen Alter wie der Templer, noch recht jung, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, hatte dunkelbraunes kurzes Haar und trug die typische Magierrobe, die reichlich ramponiert aussah. Sie musste seit vielen Tagen zu Fuß unterwegs gewesen sein und das getrocknete Blut ließ auf unangenehme Zwischenfälle während der Reise schließen.
„Sandon?“ Sie sprach den Namen ganz leise aus, so als wäre sie sich nicht sicher, ob sie träumte oder wach sei. Der Templer kam näher und dann fielen sie sich wortlos in die Arme. Beide weinten und einigen der Umstehenden standen ebenfalls die Tränen in den Augen. Was hatten diese beiden wohl Schreckliches erlebt?

Cassandra drehte sich wieder zu William um, immer noch beeindruckt vom gerade Gesehenen. Der weißhaarige Magier hatte die Lippen zusammen gekniffen und seine Augen verengten sich. „Genau deswegen begann der Aufstand. Weil man Menschen nicht so sein lassen kann, wie sie sind, sie einsperrt und ihnen vorschreibt, wie sie zu leben haben.“
Die beiden standen vor dem Stall und hatten Cullen nicht kommen sehen. Blitzschnell griff dieser nach Williams Arm und zog ihn hinein in eine dunkle Ecke. Er schien rasend vor Wut, die seine Stirn zerfurchte und seine Nasenwurzel in Falten legte.
Wie von Sinnen packte Cullen den Kragen des Magiers, schmiss ihn regelrecht gegen einen Stützbalken und drückte ihn daran in die Höhe. „Anmaßendes adliges Arschloch!“, knurrte er ihn an. Er war nicht mehr Herr seines Handelns und hielt den Magier mit hochroten Augen fest.
„Cullen! Beruhigt Euch!“ Cassandra hing von hinten an ihm und versuchte verzweifelt, ihn von William wegzuziehen. „Lasst ihn los! Das ist ein Befehl!“ Die Sucherin legte ihren Arm um seinen Hals und nahm ihn in den Schwitzkasten.
„ICH habe die Magierin aus dem Zirkel von Kirkwall weggeschickt. Was glaubt Ihr wohl, hätte man mit ihr gemacht, wenn heraus gekommen wäre, dass sie eine Tändelei mit einem meiner Männer angefangen hat?“ Speichel schäumte in Cullens Mundwinkeln auf.
Der Magier blieb ganz ruhig und seine Stimme leise. „Habt Ihr es wegen der Liebenden getan oder nicht eher wegen Eurer eigenen Karriere? Ich kenne zu viele ähnliche Geschichten und kommt mir nicht mit Menschlichkeit.“
Der Kommandant verstärkte seinen Griff, so dass William langsam die Luft ausging. Cassandra konnte an ihm zerren so viel sie wollte, er ließ nicht los. Plötzlich trat Cullen einen Schritt zurück, sein Atem ging stoßweise, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Sucherin ließ von ihm ab, dann fiel er auf die Knie und wandte sich in Krämpfen. Er musste sich übergeben.
Der Magier starrte entsetzt auf ihn herab. „Was hat er?“
Cassandra versuchte, den schweren Blonden in die Höhe zu wuchten. „Helft mir bitte, Trevelyan.“ In ihrem Blick lag so viel Verzweiflung, dass er nicht anders konnte, als den anderen Arm des Kommandanten um seine Schulter zu legen. Cullen wollte diesen zurück ziehen und lallte: „Fasst mich nicht an!“ Doch William war beharrlich und sie schleppten ihn über die hintere Treppe heimlich hinauf zum Wehrgang.
Von den Höfen aus ungesehen erreichten sie den Turm, in dem der Kommandant sich niedergelassen hatte. Noch lagen dort wahllos Bretter herum, aber immerhin gab es einen Schlafplatz auf dem Boden. „Wir müssen seine Rüstung ausziehen. Zumindest seinen Brustpanzer.“ Cullen saß willenlos auf seinem Lager und war kaum mehr bei Bewusstsein. William und Cassandra nestelten an seinem Brustpanzer herum, zogen ihm die Stiefel aus und packten den blonden Hünen in Decken ein.
Die Sucherin schaute den Magier prüfend an. „Ihr seht aus, als wüsstet Ihr, was Cullen fehlt?“
William nickte niedergeschlagen. „Es ist das Lyrium, nicht wahr? Ich habe so etwas schon oft gesehen. Wenn einem Templer das Lyrium vorenthalten wird, dann führt das zu Entzugserscheinungen wie diesen.“
„Ja, leider ist das Lyrium nötig. Einen Templer macht es immun gegen Magie, während ein Magier damit ins Nichts reisen und seine Magie verstärken kann.“
William verschränkte die Arme vor der Brust und blickte sie eindringlich an. „Die Kirche nutzt die Sucht um den Orden gefügig zu machen. Sie kontrolliert alle Abgaben.“
Cassandra schob störrisch das Kinn vor. „Wenn die Kirche es nicht täte, dann würde der Lyriumhandel bald in ganz Thedas blühen.“
„Es kann nicht im Sinne der Kirche sein, einen Orden von Süchtigen zu befehligen.“ Er merkte, dass er bei der ehemaligen rechten Hand der Göttlichen Justinia auf Granit biss. In seinen Augen war sie so uneinsichtig wie alle, die der Kirche dienten.
Nun stemmte die Sucherin aufgebracht die Fäuste in die Hüften und baute sich vor William auf. „Ohne Lyrium könnten die Templer mit dämonischer Besessenheit nicht fertig werden. Was wäre dann?“ Sie kam immer näher und ihre Nasen hielten nur noch einen Abstand von wenigen Zentimetern. „Wo Magier sind, da sind auch Dämonen nicht weit. So ist das nun mal.“
In ihm stieg das Gefühl hoch, als ob er gleich ein zweites Mal gegen einen Stützpfeiler geschoben würde und so schwieg er, auch wenn er gerne dazu noch einige Worte verloren hätte. Doch Cassandra war nun richtig in Fahrt. Sie stach mit jedem der folgenden Worte mit dem Zeigefinger auf sein Brustbein ein. „Macht nicht die Kirche für etwas verantwortlich, das auf Eurem Mist gewachsen ist. Es gibt die Templer, weil es Magier gibt.“ Ihre recht ausgeprägten und geschwungenen Augenbrauen wiesen wütend nach unten zur Nasenwurzel hin.
William hob beschwichtigend die Hände. „ Dies ist nicht der richtige Ort für eine Diskussion.“
Sie lächelte spöttisch. „Kneift Ihr?“
Er schaute sie überrascht an und machte dann ein leicht verschämtes Gesicht. „Ein wenig. Ich habe Bedenken, dass mir gleich noch jemand an die Gurgel springt.“
Cullen regte sich, stöhnte leise und erinnerte beide an den Grund ihres Hierseins. „Das sollte sich ein Heiler ansehen. Hier gibt es doch Lyrium, warum benutzt er keines?“ fragte der Magier argwöhnisch.
„Weil er es vor einiger Zeit abgesetzt hatte.“ Cassandra kniete sich hin und tupfte Cullens Gesicht mit einem Tuch ab, das auf einem kleinen Waschtisch gelegen hatte, der neben der Tür stand. „Nach den Vorfällen in Kirkwall brach er mit den Templern. Er will nicht mehr so sein wie sie.“
„Und dennoch ist er es“, meinte William schnippisch.
„Er ist mit dreizehn Jahren den Templern beigetreten. Was erwartet Ihr? Dass er Euch Magiern allen um den Hals fällt?“
William sog die Luft scharf ein, seine Nasenflügel weiteten sich. „Ich bin mit zehn Jahren in den Zirkel geschleppt worden. Was erwartet Ihr? Dass ich den Templern um den Hals falle?“ Er drehte sich um und verließ den Turm, nicht ohne die Tür ordentlich zuzuschlagen.
Cassandra zuckte erschrocken zusammen, auch wenn sie den Knall erwartet hatte. Im Grunde waren sich sowohl Templer als auch Magier ähnlicher als sie es je zugeben würden. Beide Seiten verzichteten auf alles, was ein Leben ausmachte. Die einen freiwillig, die anderen unter Zwang. Sie stand auf um einen Heiler zu holen, dem sie vertrauen konnte.

Leliana nahm ihre Tasche von einem der Ochsenkarren und schaute belustigt zu, wie die Menschen in der Feste sich über Kleinigkeiten wie frische Wäsche, ein Handtuch oder eine Decke freuten. Sie wollte es erst nicht wahr haben, aber es ergriff sie zusehends. Diese Leute hatten viel zusammen erlebt und waren hier mit nichts angekommen. Es gab keinen Streit bei der Ausgabe. Jeder bekam, was er am dringendsten brauchte und zog damit dankbar von dannen. War von einer Sache zu wenig vorhanden, so wurde geteilt, wenn möglich.
Josephine hatte Salis gut im Griff. Die Meisterspionin lächelte verstohlen in sich hinein. Die beiden waren wieder zum Quartier des Herolds gegangen, denn die Botschafterin schien zu erspüren, wann die Kräfte der Dalish Elfe nachließen.
Niin hatte alle Seifenstücke unter die Leute gebracht und sicher würden die improvisierten Badegelegenheiten heute bis spät in die Nacht überlaufen sein. Die Stadtelfe gesellte sich wieder an ihre Seite und Leliana schlug vor: „Was hältst Du davon, wenn wir nach oben in den Turm gehen? Ich habe hier noch zwei Decken. Es dürfte diese Nacht also nicht mehr so kalt werden. Oder hast Du nun eine Unterkunft?“
„Nein, ich war den ganzen Tag hier unten und habe nicht mitbekommen, dass die Räume verteilt wurden.“ Niin schien recht wütend darüber zu sein. Sie stopfte trotzig ihre Hände in die Hosentaschen. Leliana schien es nicht zu stören, im Heu schlafen zu müssen. Sie schubste die Elfe sachte an der Schulter an. „Ach komm schon, Niinara, wir finden was für Dich … und für mich hoffentlich auch.“
Sie kamen an Solas vorbei, der es sich auf dem kleinen Baugerüst mittlerweile gemütlich gemacht hatte. „Mit Nestbau beschäftigt?“, rief Leliana grinsend hinauf. Sein Kopf erschien und seine Miene zeigte zuerst Unverständnis, bis er begriff, was sie gemeint hatte. Er lachte. „Ja, wie ein Adler. Von hier oben aus hat man alles im Griff und die Mäuse lassen einen in Ruhe.“
Ein Stockwerk höher wühlte sich Dorian durch die Bibliothek. Er jammerte: „Was für ein Durcheinander und kaum bedeutende Werke dabei. Dafür hundert Abhandlungen, wie man Furunkel am Gesäß los wird.“ Er schüttelte empört den Kopf. „Und wohin seid Ihr beiden Hübschen unterwegs?“
Leliana hätte ihm für diese dreisten Worte am liebsten eine passende Bemerkung an den Kopf geworfen, aber Niin antwortete höflich: „Ganz nach oben. Habt Ihr eigentlich einen Schlafplatz?“
Der Tevinteraner zuckte mit den Schultern. „Der Eiserne Bulle, Varric und ich wollten uns in der Taverne breit machen, aber sie ist zu verfallen. Das Dach muss erst repariert werden.“
„Taverne?“, fragte die Elfe irritiert.
„Gleich gegenüber dem Hauptgebäude. So lange schlafe ich in einem der Zelte. Ist doch bequemer als hier auf den Sesseln.“ Er drehte ihnen den Rücken zu und begann wieder mit dem Sortieren der Bücher. Für Niin hatte es den Anschein, als müsse Dorian sich irgendwie beschäftigen, um nicht an Haven zu denken.
Als sie oben angekommen waren, flüsterte Leliana: „Ich finde Dorian ein wenig … seltsam. Du nicht?“
Niin schaute sie prüfend an. „Das war jetzt die milde Form von 'ich kann ihn nicht ausstehen', oder?“ Sie schmunzelte amüsiert.
Die Meisterspionin lachte. „Ertappt. Sag mal, unsere Schlafstätte kommt mir irgendwie höher vor.“ Sie stellte sich davor und begutachtete das improvisierte Bett.
„Stimmt. Ich habe mir Heu aus dem Stall geholt. War echt bequem letzte Nacht und es fühlte sich nicht mehr so an, als würde man auf dem Boden schlafen.“ Niin legte die beiden Decken darauf. Nun hatten beide jeweils eine Decke, die Übriggebliebene konnten sie zusammenrollen und als gemeinsames Kopfkissen nutzen. „Sieht so aus, als müssten wir hier noch eine Weile nächtigen.“
Leliana nickte seufzend, setzte sich an den großen Tisch, welcher ihr als Schreibtisch diente und winkte die Elfe herbei. Niin setzte sich ebenfalls und beobachtete neugierig, wie die Spionin ihre Tasche vor sich hin legte und darin etwas hervor kramte. Es war in Papier eingewickelt und Leliana hielt es ihr entgegen während sie Niin interessiert betrachtete. „Rate mal.“
Die Elfe machte große Augen und fragte leise: „Für mich?“ Es klang ungläubig.
Leliana beschloss, sie nicht weiter auf die Folter zu spannen und übergab ihr das Geschenk. „Ja, für Dich, Niin.“ antwortete sie sanft und die Elfe packte es behutsam aus.
Niin hielt das kleine Kästchen staunend hoch und die Meisterspionin konnte sich an ihrer Freude gar nicht satt sehen. Die Elfe strahlte und als sie das Kleinod öffnete, überschlug sich ihre Begeisterung regelrecht. Sie blickte Leliana an und dann kamen ihr die Tränen. „Mir hat noch nie jemand etwas so Schönes geschenkt.“
Die Spionin stand auf, stellte sich neben Niin und zog ihren linken Handschuh aus. Dann strich sie der Elfe zärtlich durchs Haar. „Du hast es verdient.“
Niin sprang in die Höhe, fiel ihr um den Hals und Leliana nahm sie tröstend in die Arme.

Harding kam in diesem Moment die Treppen hoch und blieb wie angewurzelt stehen. Wenn sie nicht mit Essen beladen gewesen wäre, dann hätte sie jetzt die Flucht ergriffen. Ein seltsames Bild: Niin in Lelianas Armen, die ihren Rücken streichelte während sie dabei die Augen geschlossen hatte. Und dann bemerkte die Zwergin, dass Niin leise weinte.
Die Späherin schlich sich auf Zehenspitzen zum Tisch, lud dort den vollen Teller ab und machte sich wieder auf den Rückweg. Die beiden schienen sie nicht bemerkt zu haben, bis Leliana die Augen öffnete und sie ansah. „Danke, Harding.“ Sie lächelte verhalten.
„Ich … sagt mir einfach, wenn Ihr etwas braucht, Schwester Nachtigall.“ Dann verschwand sie so schnell wie möglich.
„Oh, Krümelchen“, seufzte die Spionin traurig.
Niin zog ihre Arme zurück und blickte sie verschämt an. „Entschuldige. Es ist einfach so über mich gekommen.“ Sie schaute zu Boden. „Tut mir leid.“
Leliana schob ihr die Hand unters Kinn und hob ihren Kopf an, so wie am ersten Tag. „Es gibt nichts, wofür Du Dich entschuldigen müsstest.“ Sie schielte auf das Essen. „Wir sollten eine Kleinigkeit zu uns nehmen. Komm, wir setzen uns wieder.“
Während des Essens ließ Niin das Kästchen nicht aus den Augen. Sie hatten beide großen Hunger und aßen den Teller leer. Etwas Widderfleisch, Brot, dazu Wasser und doch erschien es ihnen wie ein königliches Mahl.
Lelianas Tasche beinhaltete noch mehr Überraschungen und sie packte ihre Beute auf den Tisch aus. „Unterwäsche aus Redcliff, Seife der Königin. Was sagt man dazu?“ Sie lachte. „Nicht, dass Anora sie freiwillig herausgegeben hätte. Alistair hatte sie stibitzt. Ich hoffe, dass er nicht dafür büßen muss.“
Niin durchstöberte die Wäsche und schaute die Spionin fragend an. „Nimm, was Dir gefällt. Die Damen in Redcliff haben einen eher gediegeneren Geschmack in Sachen Mode, so scheint mir. Recht komfortabel, aber auch nicht gerade verführerisch.“ Leliana schüttelte verständnislos den Kopf.
Die Elfe sah sie verwirrt an und grinste dann. „Verführung steht nicht gerade oben auf dem Dienstplan der Soldaten.“
Leliana lachte belustigt auf. „Das mit Sicherheit nicht, aber sie ist Teil des Großen Spiels.“
Niins rechte Augenbraue zuckte etwas ungehalten in die Höhe. „Und ich habe gehört, dass Du dieses meisterhaft beherrschst.“
Die Spionin legte ihren Kopf leicht schief. „Und nun fragst Du Dich, wie ich das Große Spiel der höfischen Intrigen spiele, nicht wahr?.“
Die Elfe brummte: „Das geht mich nichts an.“
„Schau mich an, Niin.“ Es klang fordernd und Leliana schlug einen versöhnlicheren Ton an. „Eines Tages werde ich Dir von meiner Vergangenheit erzählen. Versprochen. Und nun lass uns schlafen gehen. Mir fallen die Augen zu.“
Als die beiden nebeneinander lagen, drehte sich Leliana, auf ihren Ellenbogen gestützt, zu Niin um. „Es tut mir leid, dass ich Dich eben so angefahren habe.“
Die Elfe lag auf dem Rücken und musterte das Gesicht der Spionin. „Unsere Vergangenheit können wir nicht ändern. Wir müssen damit leben und sie akzeptieren. Ich habe gespürt, dass da etwas in Dir ist.“
Leliana schaute sie fragend an. „Und was sollte das sein?“
„Zweifel“, sagte Niin unumwunden und wieder schien sie jede Reaktion zu registrieren. Sie war eben eine geniale Beobachterin, stellte die Spionin ein wenig verzweifelt fest. „Und gerade ringst Du um Deine Beherrschung.“
„Unsinn!“ Leliana legte sich erbost auf die andere Seite und murmelte: „Nacht, Niin.“
„Schlaf gut, Schwester Nachtigall.“ Niin rollte sich unter der Decke zusammen.
Nach fünf Minuten drehte sich Leliana seufzend um, hob den Kopf und stützte ihn mit dem linken Arm ab. „Niin?“
Die Elfe öffnete die Augen. Sie blickte die Meisterspionin abwartend an.
„Du hast Recht. Ich zweifle. In Haven hatte ich meine Späher vor dem Angriff zurück gerufen, als sich einige nicht mehr meldeten. Ich wollte abwarten, den Grund heraus finden. Es war ein Fehler und Haven ging unter.“ Den letzten Satz flüsterte sie, die Augen leicht geschlossen. Sie schluckte schwer.
„Es hätte nichts geändert, Leliana. Du warst um Deine Leute besorgt. Das ist kein Fehler.“ Die Elfe schüttelte energisch den Kopf.
„Meine Leute wissen, das ihre Arbeit gefährlich ist.“ Warf der Rotschopf ein.
Eine widerspenstige Strähne hing ihr wieder ins Gesicht und Niin strich diese zärtlich beiseite.  „Es sind Menschen und Dir nicht egal. Du hast Verantwortung für sie übernommen.“ Sie lächelte und Lelianas Sorgenfalten verschwanden von ihrer Stirn.
Sie küsste sanft Niins linke Wange. „Danke.“
Die Elfe sah sie überrascht an. „Wofür?“
„Dafür, dass Du da bist.“ Lelianas Lächeln fuhr warm durch Niins Körper.
Sie räusperte sich verlegen. „Ich … äh … heute ist wohl der Tag von 'das hat mir noch nie jemand gesagt oder geschenkt'.“
„Ich wollte Dich nicht in Verlegenheit bringen, verzeih'.“ Leliana legte wieder den Kopf leicht schief, wie immer, wenn sie versuchte, aus Niin schlau zu werden. In diesen Momenten beobachtete sie jede Regung genau und sie hatte selbst bei dieser schlechten Beleuchtung bemerkt, dass die Elfe rot geworden war. „Wir sollten schlafen. Der Tag wird anstrengend.“
Zu ihrer Überraschung kroch Niin unter ihre Decke, kuschelte sich an sie und legte ihren Kopf auf Lelianas Schulter. Sie konnte den schnellen Herzschlag der Spionin hören. Niins Hand wanderte wie von selbst über Lelianas Bauch auf die andere Seite und die rothaarige Frau legte ihren linken Arm um die Elfe. So blieben sie eine Weile liegen und starrten ins Halbdunkel, jede allein mit ihren Gedanken. Lelianas Finger strichen geistesabwesend über Niins Unterarm und sie drückte ihre Wange an den Haarschopf der Anderen.

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