Glocken … Alarm … Geschrei … Durcheinander …
Die beiden fuhren entsetzt auseinander. Sie wurden angegriffen! Salis blickte hinaus, die Berge hoch und dort war alles voller flackernder Lichter. Kleine tanzende Punkte, die sich auf Haven zubewegten.
„Zum Haupttor!“ schrie Cullen und rannte vor, Salis folgte ihm und aus den Augenwinkeln sah sie Cassandra, die ihre Waffe noch nicht abgelegt hatte. Sie selbst stieß die Tür zur Hütte auf, um ihren Bogen zu holen.
„Gegen diese Übermacht können wir Haven nicht halten, Herold!“ Cullen jagte seine Männer zu den beiden Triboks vor der Befestigung. „Wir müssen sie so ausrichten, dass sie die Berghänge treffen.“
Salis überlegte kurz. „Gut, evakuiert Haven, wir sichern die Triboks.“
Er nickte ihr zu. „Viel Glück.“
Cassandra rief einem der Soldaten zu: „Wie lange braucht Ihr zum Ausrichten?“
„Haltet uns den Feind vom Leib. In ein paar Minuten sind wir so weit, Sucherin.“
Dann kam die erste Angriffswelle und vor ihren Augen verwandelte sich einer der Templer in eine verkrüppelte Abscheulichkeit.
„Scheiße! Was ist das?!“, brüllte Varric.
Der Orden der Templer war der Macht des Ältesten anheim gefallen, der oben auf einem Hügel stand und zusah, wie seine Vasallen Soldaten und Zivilisten massakrierten.
Keiner kam zum Antworten, denn die zweite Welle ergoss sich, diesmal von der anderen Seite des Triboks, über sie. Salis schoss im Knien, Cassandras und Blackwalls Schwerter pflügten sich durch die Menge der Angreifer. Dorian verwandelte die Bogenschützen der Templer mit seinen Feuerzaubern in Asche. Er fluchte und schrie seine Wut hinaus, so wie alle anderen es taten. Dann war der Tribok einsatzbereit. Er schoss und ein großer Teil des Hanges schob sich als Lawine ins Tal.
„Verteidigt den anderen Tribok! Der hier kann nicht mehr geladen werden!“, schrie Salis und rannte los. Auch dort waren schon Templer zu sehen und sie deckten diese mit einem Hagel aus Pfeilen und Feuerzaubern ein. Dann stürmten wieder die Sucherin und der Wächter vor.
„Richte ihn aus!“, rief Salis. Varric kurbelte verzweifelt und sah, wie sich der Katapultarm langsam drehte. Der Tribok feuerte seine Ladung an den gegenüberliegenden Berghang. Auch dort ging eine Lawine ins Tal. Keine Lichter mehr. Für einen Moment jubelten sie, dann erschien ein riesiger Schatten am Himmel. Ein Drache! Er jagte über die Gruppe hinweg und zerstörte den Tribok.
„Zurück zum Tor.“ Sie rannten allesamt und kamen am Stall vorbei. Meister Denneth hatte die Reitpferde freigelassen. „So haben sie wenigstens eine kleine Chance.“ Er und seine Stallburschen trieben die Maultiere vor sich her, über die Treppen zur Quartiermeisterin. Der Drache kreiste über ihren Köpfen und Cullen stand schon am Eingang der Kirche und schrie: „Schnell, hinein! Nur dort sind wir sicher. Denneth! Beladet die Maultiere!“
Sie eilten die Treppe hoch und hörten Rufe. Einige Templer hatten die Barrieren durchbrochen und sprangen nun in das Innere der Befestigung.
„Wir kommen nach!“ Salis und die anderen versuchten, das Eindringen des Feindes aufzuhalten. Die Taverne brannte lichterloh, aber aus dem Inneren hörte man Schreie. Zwei Personen befanden sich noch darin. Ein Mann und eine Frau.
Blackwall trat die Haupttür ein, die Sturmbullen eilten um das Haus herum und versuchten von der anderen Seite hineinzugelangen. Krem schmiss sich mit voller Wucht gegen die Hintertür, fiel mitsamt dieser ins Innere und blieb stöhnend liegen. Balken brachen über ihm zusammen.
Der Bulle hob die wimmernde Tavernenwirtin in die Höhe und brüllte durch die Feuerwand: „Salis, habt Ihr den Mann?!“
„Ja, er ist draußen! Hier greifen noch mehr Templer an! Bringt die Leute in die Kirche, Bulle!“
Der Qunari wollte wieder hinein, um seinen Hauptmann zu holen, aber das Feuer versperrte ihm den Weg. Er fluchte und schrie, da legte sich eine Eisschicht über die Wände und den Boden, welche das Feuer löschte. Er drehte sich um und erblickte Großverzauberin Fiona mit drei ihrer Magier. Sie selbst sorgte dafür, dass das Dach nicht einbrach und es kostete sie einige Anstrengung.
Der Bulle stürmte in die Taverne und warf sich den bewusstlosen Krem einfach über die Schulter. „Los!“ Seine Leute sicherten den Rückzug.
Schließlich kamen auch Salis und ihre Gruppe an der Kirche an. Schon von weitem hatten sie Feuerbälle und Blitze durch die Luft flackern sehen und nun wurde ihnen klar, woher diese Magie stammte. William Trevelyan stand mit seinen Leuten am Eingang und verteidigte diesen gegen die Templer, während der Stallmeister immer noch damit beschäftigt war, die Vorratskisten auf die acht Maultiere zu laden.
Salis schrie: „Was macht Ihr da, Denneth? Kommt endlich rein!“
Er brüllte zurück: „Wir sind noch nicht fertig! Geht einfach vor.“
Sie hechteten hinein und blieben völlig außer Atem in der Haupthalle stehen. Draußen kämpften die Magier weiter.
„Damit konnten wir nicht rechnen. Mit einem Drachen. Das ändert alles.“ sagte Cullen verzweifelt.
„Was schlagt Ihr vor?“ Salis ließ sich von einem Soldaten neue Pfeile bringen.
Ein schwer verletzter Mann in Kirchenrobe flüsterte etwas. Er lag am Boden und Dorian versuchte notdürftig, die schwere Bauchverletzung des Verwundeten zu behandeln. Dessen Stimme war kaum noch zu vernehmen. „Hinter der Kirche verläuft ein alter Pilgerpfad.“
„Cullen?“ Cassandra war über und über mit Blut bespritzt ebenso wie Blackwall.
„Ja, wir könnten auf diesem Pfad fliehen, aber dann würde uns der Drache einäschern.“
„Nicht, wenn ich ihn ablenke.“ Salis schaute entschlossen in die Runde.
„Nein!“ Die Sucherin wusste, was die Elfe tun wollte. „Ihr dürft Euch nicht opfern.“
„Habt Ihr eine bessere Idee? Wir richten den alten Tribok am Stollen aus … und zwar direkt auf den Berg oberhalb von Haven. Das wird sicher alles hier begraben.“
„Euch auch“, erwiderte Cullen.
„Ja, mich auch.“ Salis Blick war entschlossen. „Ein Leben für viele.“
Cassandra umarmte sie kurz. „Ich gehe mit bis Ihr den Tribok in Position gebracht habt.“
„Ich auch.“ Blackwall stellte sich an die Tür.
„He, wollt Ihr den ganzen Spaß alleine haben?“ Dorian gesellte sich zum Wächter.
„Wartet kurz. Habt Ihr etwas zum Schreiben?“ Salis sah sich fahrig um und ein Späher reichte ihr Papier und Bleistift. Sie schrieb hastig ein paar Worte auf, dann reichte sie Cassandra den Zettel. „Gebt das Josephine.“ Die Sucherin nickte traurig.
„Lasst uns gehen.“
Cullen rief den Stallmeister zu sich und sie trieben die Maultiere durch die Kirche. Trevelyan folgte zuletzt und blickte sich noch einmal besorgt um.

So schnell sie konnten, rannten sie zum letzten verbliebenen Tribok. Auch hier hatten sich schon Templer versammelt. Die Sucherin kämpfte wie ein Berserker und Blackwall köpfte mit einem Hieb seines Zweihänders gleich zwei Templer. Dorian betätigte die Kurbel, aber das alte Katapult war schwergängiger als die beiden kleineren Exemplare. „Gebt mir Rückendeckung!“ Er versuchte, gegen den Kampflärm anzuschreien und Salis stellte sich hinter ihn.
Wieder verwandelte sich ein Templer in ein rotes Monster. „Beim Erbauer!“ Cassandra und der Wächter droschen auf dieses Vieh ein.
Endlich rastete der Tribok in der vorgegebenen Position ein. „Und nun LAUFT!“, schrie Salis.
„Nein!“, schrie Cassandra, aber Dorian zog die Sucherin mit sich.
„Geht endlich!“, rief die Elfe verzweifelt. Ein letzter Blick, dann drehten sich die drei um und rannten davon. In diesem Moment kam der Drache angeflogen und blies seinen feurigen Atem knapp an Salis vorbei, die von der Druckwelle einige Meter durch die Luft geschleudert wurde und dann benommen liegen blieb.
Durch das Flammenmeer schritt eine Gestalt und sie rappelte sich auf. Hinter ihr landete der Drache, doch die Gestalt befahl ihm, zurück zu bleiben. „Ihr habt etwas, das mir gehört.“
Das Mal auf ihrer Hand leuchtete auf und nun konnte sie den Dämon, oder was auch immer er war, sehen. Die Verderbtheit selbst. Er war riesig und seine Knochen schienen aus dem Fleisch zu wuchern. Das Gesicht wirkte verschoben, auch hier ragten Knochen heraus.
Er hob eine rot leuchtende Kugel in die Höhe, ihre Hand brannte wie Feuer, aber es passierte nichts.   Dann packte er ihr Handgelenk und riss sie in die Höhe. „Ich bin Corypheus und Ihr werdet mich nicht von meinen Plänen abhalten, auch wenn ich Euch den Anker nicht entfernen kann.“
„Ihr macht mir keine Angst“, knurrte Salis.
Er lachte. „Die gleichen Worte sprach einst auch ich. Nichts als leere Versprechungen.“
„Der Anker? Wozu braucht Ihr ihn?“
„Um ins Nichts zu reisen und ein Gott zu werden.“ Er ließ sie achtlos fallen.
Der Tribok! Er war unversehrt. Sie kroch darauf zu, während ihr Corypheus seine Allmachtsfantasien enthüllte. Dann nahm sie einem toten Templer das Schwert ab und stellte sich neben den Auslöser des Triboks.
„Ich glaube, Ihr habt jetzt lange genug geredet.“ Sie zertrennte das Seil. Das Katapult schoss einen gigantischen Felsbrocken in den Hang und die Erde fing an zu beben. Schon rutsche der halbe Berg in die Tiefe und eine Staubwolke raste auf Salis zu. Sie sprintete los, aber die Lawine kam zu schnell, um es zur Kirche zu schaffen.
Cassandra und ihre zwei Begleiter rannten um ihr Leben. Sie sahen, wie der Berg ins Tal schoss. „Schneller, wir müssen höher!“

Die Flüchtlinge blieben kurz stehen. „Seht doch!“ rief einer der Magier entsetzt aus.
Josephine starrte auf Haven, das vom Fels geradezu überflutet wurde. Leliana nahm sie in den Arm.
„Schaut mal, da kommen sie!“ Ein Späher deutete auf den Weg unter ihnen. Aus dem Staub schälten sich ein paar Gestalten. Für kurze Zeit flackerte Hoffnung in der Botschafterin auf.
„Es sind nur drei, Josie“, flüsterte Leliana.
„Nein!“, schrie Josephine gequält auf, dann brach sie ohnmächtig zusammen.
Niin kam angelaufen und hatte ebenfalls bemerkt, dass Salis fehlte. Sie beugte sich gleichermaßen über die Botschafterin, der Leliana die Wangen tätschelte und schluchzte leise. Die Meisterspionin packte sie unsanft am Arm und blickte sie eindringlich an. „Jetzt nicht, Niin. Jetzt ist nicht die Zeit dafür. Hilf mir.“
Die Elfe nickte benommen. Zusammen mit Cassandra und Varric stellten sie Josephine auf die wackligen Beine. Sie kam langsam zu sich und in ihrem Gesicht wechselten sich Unverständnis und Schmerz ab. Leliana rüttelte sie an den Schultern. „Josie, wir müssen weiter. Komm, ich helfe Dir.“
Cullen schrie weiter vorne: „Jetzt macht schon! Wir sind noch nicht in Sicherheit!“
Varric wollte zu ihm laufen, um ihm endlich das Maul zu stopfen. Schließlich riskierte der Kommandant mit seinem Gebrüll eine Lawine. Aber der Zwerg verschwand fluchend in einer Schneewehe, aus der ihn die Sturmbullen ausbuddelten. „Sag' doch mal einer diesem Vollidioten, dass er die Fresse halten soll!“
Blackwall setzte sich in Bewegung und riss Cullen am Arm zur Seite. „Noch ein lautes Wort und wir gehen alle drauf.“ Der Rest der Befehle erfolgte flüsternd.
Kurz vor der Baumgrenze entschieden sie sich dafür, zwei der Maultiere zusätzlich mit Brennholz zu beladen, nachdem sie auf eine alte Holzschlagstelle gestoßen waren. Ein Teil der Kisten wurde auf die anderen Tiere verteilt.
Krem rührte sich stöhnend auf der Schulter des Bullen. „Was? Wo?  … He, Häuptling! Das ist doch nicht Dein Arsch, oder?“
Der Bulle schnaufte unter seiner Last, die er den halben Berg hoch geschleppt hatte. „Doch, ist er. Wenn's Dir nicht passt, dann lauf' gefälligst selber.“ Aber da hatte der Hauptmann schon wieder das Bewusstsein verloren.
Die Magier wanderten stillschweigend hinter Großverzauberin Fiona her. Niemand hatte sein Hab und Gut mitnehmen können. Einige der Verletzen mussten getragen werden. Es gab keine Bahren, so dass sich die Träger abwechselten.
Kurz bevor der Morgen graute, erreichten sie den ersten Berggipfel. Von nun an würden sie sich vom Tal aus ungesehen auf der anderen Bergseite bewegen.
Josephine taumelte abwesend neben Leliana her, die sie manchmal stützte und Niin hatte sich zu Varric gesellt. „Was machen Deine Füße, Krümelchen?“, fragte er besorgt.
„Könnte besser sein. Sie schmerzen.“ Sie schaute sich um. Ringsherum Berge und Schnee. „Wo wollen wir hin?“
„Erst einmal weit weg von Haven. Es gibt einen Pass nach Orlais, den müssen wir erreichen.“ Cassandra seufzte, es klang resigniert. „Ich wünschte, ich könnte glauben, dass das alles einen Sinn ergibt.“
Leliana drehte sich um. Das war das erste mal, dass sie die Sucherin ratlos erlebte und sie selbst wusste auch nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste ja nicht einmal, ob es einen Unterschied machte, den nächsten Berg links oder rechts zu überqueren. „Wir müssen bald Rast machen. Besonders die Magier sind mit ihren Kräften am Ende.“ Sie warf einen sorgenvollen Blick auf die Botschafterin, die apathisch auf den Boden schaute.
Die meiste Zeit des Tages wanderten sie stillschweigend. Jeder hing seinen Gedanken nach und als gegen Nachmittag die ersten Magier vor Erschöpfung zusammenbrachen, suchten die Späher nach einem geeigneten Platz zum Lagern. Sie fanden eine windgeschützte Senke und fingen an, die Zelte aufzubauen, ein Lagerfeuer zu errichten. Für mehrere Feuer reichte das Holz nicht aus.
Leliana setzte Botschafterin Montilyet auf eine Kiste und legte ihr eine Decke um. Josephine schaute sie dankbar an und versuchte zu lächeln.
„Ich weiß nicht, ob es der richtige Zeitpunkt ist, aber Lady Lavellan gab mir etwas mit für Euch.“ Cassandra zog den Brief hervor, den Salis eilig geschrieben hatte. „Das sollte ich Euch geben falls …,“ ihre Stimme versagte und Josephine las mit zitternder Hand:

ar lath ma, vhenan, ich liebe Dich, mein Herz
Salis

Die Botschafterin brach in Tränen aus und ihr war egal, wer sie dabei beobachtete. Jeder bekam mit, dass sie um den Herold trauerte, aber was spielte das noch für eine Rolle? Sollten es alle sehen.
Niin drückte sich tief in Varrics Arme und er streichelte ihr Haar. „Ich wollte, ich könnte Dich irgendwie trösten, Krümelchen, nach allem, was passiert ist, aber ich kann es nicht.“
„Weil Du selbst traurig bist. Man kann niemanden trösten, wenn man weinen muss.“ Sie küsste seine stoppelbärtige Wange sacht.
„Komm Niin, wir besorgen uns Decken und machen es uns so gemütlich, wie es irgend geht.“
Die Elfe stand auf. „Ich will nach Krem sehen.“
Dieser lag mittlerweile auf einer Decke und war bei Bewusstsein. Ein Heiler untersuchte ihn, aber Krem wollte einfach nicht seine Rüstung ausziehen. Der Heiler rief verzweifelt: „Wie soll ich Eure Schulter einrenken?!“
„Ganz einfach so.“ Der Bulle wies Krem an, sich zu setzen und kniete sich hinter ihn. „Blackwall, Harding, ich brauche Eure Hilfe. Haltet ihn fest. Bei drei renke ich seine Schulter ein.“ Die beiden packten den Hauptmann von der Seite so fest sie konnten. „Eins … zwei …“ Der Bulle riss Krems Arm nach hinten in die Höhe. „AAAAAHHHHH!“ Er brach erneut bewusstlos zusammen. „Das nennt man Überraschungseffekt.“ Der Qunari deckte seinen Hauptmann behutsam zu.

Es war dunkel geworden, die Kälte ließ alle eng zusammen rücken. In den Zelten schlief man in mehreren Schichten und wechselte sich alle paar Stunden ab. Leliana behielt Josephine ständig im Auge und versuchte gleichzeitig, ihre Späher zu koordinieren. Einer ihrer Leute meldete: „Ich habe dort vorne ein kurzes Leuchten gesehen. Etwas flackerte auf.“ Die Meisterspionin starrte angestrengt in die Dunkelheit. „Wo denn? Ich sehe ...“ Da war es wieder! Ein grünlicher Schimmer. Grün?
„Cassandra?!“ Leliana winkte die Sucherin aufgeregt zu sich. „Seht Ihr etwas dort vorne? Ich bin mir nicht sicher.“ Wieder leuchtete es kurz auf und die beiden Frauen sahen sich erstaunt an, dann rannten sie los. Ganz nahe vor ihnen flackerte das Licht erneut auf und sie erblickten eine Gestalt, die im Schnee lag.
„Helft uns!“, schrie die Sucherin über ihre Schulter und drehte die Leblose um. Auf dem Schnee blieben mehrere rote Flecken zurück. „Salis?!“ Sie hob sachte den Kopf der Elfe an und schob ihren Arm darunter. Blut sickerte aus deren Haarschopf. „Sie lebt!“
Leliana lächelte erleichtert und rief Cullen herbei. Schnell machte die Nachricht die Runde. Niin sprang von ihrem Lager auf. Der Kommandant trug den Herold ins Lager. „Botschafterin, seht doch!“
Josephine blickte langsam hoch, riss die Augen auf und schlug die Hände vors Gesicht. Salis war bewusstlos und verletzt, aber sie lebte. „Wir bringen sie in ein Zelt. Niin, hol' Verbandszeug.“ Leliana verscheuchte ein paar Magier aus ihrer Unterkunft. Als die Elfe mit einer großen Tasche über der Schulter zurück kam, waren Cassandra, Josephine und die Meisterspionin gerade dabei Salis zu entkleiden. Sie hatten die Dalish Elfe auf zwei Decken gelegt.
„Alles nass und voller Blut.“ Die Sucherin legte die Sachen auf einen Haufen und nun konnten sie erst das Ausmaß der Verletzungen begutachten. „Prellungen an der linken Schulter, Holzsplitter im Unterarm. Bluterguss auf der linken Seite, vielleicht eine gebrochene Rippe. Schnittwunden am ganzen Körper. Und eine Platzwunde auf dem Kopf, die wir zuerst versorgen sollten.“
Leliana teilte das Haupthaar des Herolds und kam zum Entschluss, die Wunde zu nähen. „Hat jemand von Euch das schon mal gemacht? Wir holen am besten einen Heiler der Magier.“
„Ich kann das.“ Niin blickte selbstbewusst in die Runde. „Was denn? Traut mir das keiner zu?“
„Wo habt Ihr das gelernt?“ Cassandra runzelte zweifelnd die Stirn.
„Ich musste nach der Verderbnis das halbe Gesindeviertel zusammenflicken.“ Sie schaute sich die Wunde an. „Nadel, Faden, Alkohol. Das brauchen wir jetzt.“
Leliana seufzte. „Wir haben all unsere Sachen in Haven gelassen.“
Doch Niin fand die Lösung: „Krem.“
Die Sucherin blickte sie verständnislos an. „Der Hauptmann der Sturmbullen?“
„Ja doch. Er kann nähen und das sehr gut. Sein Vater ist Schneider gewesen und er hat immer Nähzeug dabei. Ich gehe los, aber wo finden wir Alkohol zum Desinfizieren?“
Die Meisterspionin und Cassandra antworteten gleichzeitig: „ Varric.“
Die Sucherin ging derweil einen Heiler holen und wurde bei Trevelyan fündig, der ihr eine Kameradin mitgab.
Josephine krempelte sich die Ärmel hoch und zog mit einer kleinen Zange ein Stück Holz aus Salis Arm. Die Wunde wurde gesäubert und mit einer Salbe beschmiert. Sie tastete die Rippen auf der linken Seite ab, konnte aber nicht feststellen, ob eine davon gebrochen war. Salis zuckte zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerz, dann flackerten ihre Augenlider und sie wachte auf. Völlig verstört sah sie Josephine an und fragte ängstlich: „Bin ich tot?“
Die Botschafterin küsste ihre Stirn. „Nein, fühlt sich das so an?“ Sie streichelte Salis Wange.
Salis schloss kurz die Augen und tastete fröstelnd nach der Decke. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie nackt war und das vier Frauen um sie herum standen, die alle damit beschäftigt waren, ihre Wunden zu versorgen. Sie blickte Josephine verunsichert an, aber diese ließ sich nichts anmerken. „Kommt keiner auf die Idee, dass mir das eventuell ziemlich peinlich sein könnte?“
Cassandra hielt inne. „Doch, ich kann's mir lebhaft vorstellen, aber was ist Euch lieber: ein paar peinliche Momente oder entzündete Wunden?“
Die Magierin aus Trevelyans Gruppe versorgte die Verletzungen mit heilenden und reinigenden Energien. „Wir können zwar keine Wunden wie durch ein Wunder schließen, aber dafür sorgen, dass der Körper den Heilungsprozess beschleunigt.“
Niin kam zurück und hatte alle Zutaten für eine kleine Operation gefunden. Nadel und Faden wurden in Alkohol getaucht und sehr zum Leidwesen der Dalish Elfe verfuhr Niin mit der Wunde am Kopf genauso. Mit ein paar Stichen konnte die Blutung gestoppt und die klaffende Verletzung verschlossen werden. „Kein Meisterwerk, aber immerhin.“ grinste Niin.
„Ich hätte vorher einige Schlucke von dem Zeug nehmen sollen.“ Salis lächelte matt, dämmerte wieder hinweg und wurde in die warme Decke gewickelt.
Leliana gähnte herzhaft. „Ich schlafe gleich im Stehen ein.“ Sie blickte Cassandra fragend an, die lediglich müde nickte. Die Sucherin schaute sich im Zelt um und meinte: „Hier passen sicher noch einige Leute hinein. Da hinten können mehrere quer liegen und hier vorne auch noch zwei bis drei Personen schlafen.“
„Josie wird dem Herold sicher nicht von der Seite weichen wollen. Wir bauen ihr Lager direkt daneben. Insofern wir noch Decken finden.“ Die Meisterspionin trat wieder in die Kälte, welche ihr in die erschöpften Glieder fuhr. Niin und sie gingen zu den Vorratskisten. „Krümel, Du solltest Dich ausruhen.“ Leliana öffnete eine Kiste und ihr Gesicht hellte sich auf. „Ah, Decken. Na also.“
„Könntest Du bitte aufhören, mich Krümel zu nennen“, erwiderte die Elfe verärgert.
„Das macht Varric doch auch.“
„Ja, aber er meint es anders. Liebevoll.“
Leliana musterte Niin verständnislos. „Und wie klingt das bei mir?“
„Es macht mich klein Dir gegenüber.“ Die Elfe kramte weiter in der Kiste herum.
„Das wollte ich nicht. Verzeih'“, sagte die Meisterspionin irritiert. „Ich wollte Dich sicher nicht klein machen. Du bist … Du warst so schutzlos. Aber ich sehe auch, dass Du Dich verändert hast. Ich hätte das erkennen müssen.“ Sie schlug einen versöhnlichen Ton. „Und wie könnte ich Dich sonst nennen, wenn nicht gerade Niin?“ Leliana legte den Kopf schief und schmunzelte.
„Weiß nicht. Wie könnte ich Dich sonst nennen, wenn nicht gerade Leliana?“
„Ja, das ist eine gute Frage. Komm', wir schleppen unsere Beute ins Zelt bevor noch jemand Anspruch darauf erhebt.“

Im Nebenzelt machten sich die Sturmbullen daran, so viele Leute wie möglich unterzubringen, aber der Bulle selbst brauchte mit seinen ausladenden Hörnern recht viel Platz. Keiner wollte ihm zu nahe kommen. Er zog Krem, der seinen linken Arm kaum bewegen konnte, die Stiefel sowie den Brustpanzer aus und packte ihn in eine Decke.
„Danke, Mama“, witzelte der Hauptmann, lächelte seinen Häuptling aber dankbar an.
„Wenn ich Deine Mama wäre, hätte ich Dir in Haven tüchtig den Arsch versohlt“, brummte der Qunari.
Derweil hatten die Frauen ihre Lager aufgebaut. Josephine rollte sich auf die Seite und legte ihren rechten Arm beschützend um die Dalish Elfe. Cassandra machte es sich dicht daneben bequem, es war ein kleiner Durchgang geblieben, so dass Leliana und Niin nach hinten zu ihren Schlafstellen gelangen konnten. Die Meisterspionin hängte vorher noch schnell Salis Kleidung nahe dem Zelteingang zum Trocknen auf, dann kletterte sie nach hinten an die Zeltwand und legte einen Teil ihrer Rüstung ab, die sie ans Fußende schob.
Niin tat es ihr gleich und kroch in ihre Decke. Als beide lagen, fragte sie Leliana: „Hoffentlich musst Du nicht nochmal raus?“
Die Angesprochene hob überrascht den Kopf. „Nein, keine Angst. Ich werde nicht über Dich kriechen müssen. Zumindest nicht für die paar Stunden Schlaf.“
„Das ist beruhigend“, kam es gedämpft unter der Decke hervor.
Salis war aufgewacht und ließ Josephine nicht aus den Augen, die ihre Wange streichelte.
In diesem Moment der Stille ertönte ein recht unziemliches Geräusch gefolgt von Krems gequältem Aufschrei: „Bulle! Musste das jetzt sein?“ Er hustete und die anderen maulten ebenfalls. „Willst Du uns vergiften?“
„Entschuldigt, aber ich vertrage nun mal keinen Eintopf“, raunzte der Qunari ihn an.
Im Nebenzelt war das Geräusch nicht ungehört geblieben, weshalb Cassandra angewidert sagte: „Auf Reisen lernst Du die Leute kennen, spricht man.“ Sie wälzte sich auf die andere Seite. „Ich verzichte dankend.“
„Unsere Hallas klingen so ähnlich, wenn sie auf der Weide grasen“, meinte Salis trocken, Josephine gluckste ein unterdrücktes Lachen hinaus und Niin motzte: „Jetzt zerstör' mir bloß nicht das Bild von den heiligen Hallas der Dalish! Jeder schwärmt von der Anmut dieser hirschartigen Tiere.“
„Die können scheißen als gäb's kein Morgen.“
Das Lachen des Sturmbullen dröhnte aus dem Nachbarzelt und auch Leliana kicherte verhalten vor sich hin. „Ich weiß, wenn sie sich untereinander verständigen, klingt das wirklich ein wenig wie ...“
„Pupsen?“, fragte Niin indiskret.
„Jaaaa, schon. Und schlaf' jetzt!“
„Ich kann nicht auf Kommando einschlafen“, meckerte die Stadtelfe vor sich hin, aber einige Minuten später forderte die Erschöpfung ihren Tribut und schickte sie ins Reich der Träume. Leliana lag noch länger wach und beobachtete sie nachdenklich. Harding fand ebenfalls noch einen Schlafplatz und machte es sich an Cassandras Fußende bequem.

Niin wachte auf und wusste zuerst nicht, wo sie war. Verwirrt drehte sie sich um und blickte in Lelianas verschlafenes Gesicht. Was hatte sie beide geweckt? Sie setzte sich auf und lauschte, während die Meisterspionin aus dem Lager glitt und sich anzog. Der Morgen dämmerte und im Lager wurde es langsam lebendiger. Man hörte Stimmengewirr, lautere Rufe, die anzeigten, dass die Zelte langsam abgebaut wurden.
„Wir müssen aufstehen.“ Cassandra schoss regelrecht in die Höhe und wunderte sich nicht mehr sonderlich über die noch fest schlafende Botschafterin.
„Josie ist und bleibt halt ein Siebenschläfer“, kommentierte Leliana lachend. „Stellt sie an die Wand und sie kann schlafen. Die Glückliche.“ Sie rüttelte Josephine an der Schulter wach. Erst öffnete diese misstrauisch ein Auge, runzelte ungehalten die Stirn und rappelte sich dann auf. Die Meisterspionin beugte sich zu ihr hinunter. „Versuche, unseren Herold reisefertig zu machen. Ruf mich, wenn Du Hilfe brauchst.“ Die Botschafterin nickte lediglich.
Sie brachte es fast nicht übers Herz, Salis zu wecken, küsste zuerst deren Nasenspitze und rief leise ihren Namen. Die Elfe schlug die Augen auf und lächelte zugleich.
„Guten Morgen, Salis.“ Josephines Stimme klang sanft, weich und glitt durch Salis Seele wie eine leichte Sommerbrise.
„Guten Morgen Josephine.“ Sie räusperte sich, aber sie musste es wissen. „Hat Cassandra Dir meinen Brief gegeben?“, fragte sie ängstlich.
„Ja, hat sie.“ Die Botschafterin sah die Angst in Salis Augen. Sie strich der Elfe zärtlich durchs Haar und küsste ihre Stirn. „Ich liebe Dich, Salis.“ Ihre dunklen Augen schienen zu leuchten, zu glühen und die Elfe wünschte sich, dass dieser Moment niemals endete. All das Erlebte stieg in ihr hoch. Josephine war das Letzte, an das sie gedacht hatte, als sie sich verzweifelt in den alten Bergwerksschacht fallen ließ um der Gerölllawine zu entkommen.
Salis fing an zu zittern und schluchzte laut auf. Josephine schob ihren linken Arm unter sie, hob sie sachte an und hielt sie fest. Ihr weicher Mund berührte das Ohr der Elfe und flüsterte: „Ich bin gestorben als ich Dich verlor.“ Die Anspannung wich auch in ihr, Tränen liefen über ihre Wangen und vermischten sich mit jenen von Salis, die leise sagte: „Ich liebe Dich, Josephine. Ich hatte mir so sehr gewünscht, es Dir selbst sagen zu können.“

Leliana und Niin standen nahe genug am Zelt um die leise gesprochenen Worte mitzubekommen. Die kleine Stadtelfe wischte sich eine Träne der Rührung aus den Augenwinkeln, während die Meisterspionin es vorzog, den Himmel so lange anzustarren, bis ihre Augen aufhörten zu brennen. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, dass sie zutiefst ergriffen war.
„Warum unterdrückst Du Deine Gefühle? Wenn Dir nach Weinen zumute ist, dann tu es doch einfach. Immerhin ist Josephine Deine beste Freundin“, sagte Niin besorgt, Leliana aber fasste sie grob am Arm an und zog sie zu einer abgelegeneren Stelle. Sie schob die Elfe gegen einen Felsen, über ihrer Nasenwurzel bildete sich eine tiefe Zornesfalte. Ihre Hände packten Niins Schultern und drückten sie schmerzhaft gegen den Stein. „Sag Du mir nicht, was ich tun oder lassen soll.“
„Ich wollte nur ...“ Die Elfe suchte verzweifelt nach Worten und in ihren Augen zeigte sich Schmerz. Lelianas Griff ließ nach. „Ich weiß, wovon ich rede“, sagte sie heiser. „Mit fünfzehn war mein Leben vorbei, noch ehe es richtig beginnen konnte. Ein Moment der Schwäche wäre mein Tod gewesen. Später … als der Lord mich schlug … musste ich lernen, meine Gefühle zu unterdrücken. Er hätte mich sonst zu Tode geprügelt. Eines Tages waren der Schmerz und die Trauer übermächtig. Gewachsen in all den Jahren zu einem Felsen ähnlich diesem hier. Er lag so schwer auf meiner Seele, dass ich sterben wollte. Ich sprang aus einem Fenster, aber ich brach mir lediglich ein paar Knochen.“
Leliana ließ Niin los. Ihre blaugrünen Augen schimmerten nass. „Verzeih mir, Niin.“ Sie senkte den Kopf und holte tief Luft. „Das hier habe ich außer Josephine niemandem gezeigt. Weißt Du, warum ich meine Handschuhe nie ablege?“ Sie zog den rechten Handschuh aus und Niin sah ein breites ledernes Armband, das Leliana mit zitternden Fingern öffnete. „Deswegen.“ Sie hielt Niin das Handgelenk entgegen und die Elfe sah eine lange Narbe. „Als Annae starb wollte ich nicht mehr leben. Alistair fand mich. Es war schon fast zu spät.“ Sie zuckte zusammen als die Finger der Elfe sachte über die Narbe strichen, ließ es aber zu. „Gefühle sind Schwächen, die ich mir nicht erlauben kann. Ich tue Dinge, die den meisten Menschen nicht mal in ihren Alpträumen erscheinen würden. Da ist für Emotionen kein Platz.“
Niin schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das ist falsch, Leliana. Du bist ein Mensch.“ Sie fasste nach Lelianas Hand, doch diese zog die ihre erschrocken zurück.
„Mylady Nachtigall?“ Späherin Harding winkte sie von weitem zu sich herüber und Leliana zog sich schnell wieder den Handschuh über. Die Zwergin lächelte süffisant. „Verzeiht, ich wollte Euch nicht stören.“
„Ich habe Niin nur etwas gezeigt. Was gibt’s denn?“ antwortete die Meisterspionin um sich zu rechtfertigen. Sie fühlte sich ertappt und wusste nicht einmal, warum oder wobei.
Die Elfe schüttelte benommen den Kopf und nahm das fallengelassene Lederarmband an sich. Sie stellte sich zu den beiden Frauen und hörte schweigend zu, wie Harding verkündete, dass alle reisefertig waren und nun beratschlagten, wie es weitergehen solle.
Leliana wollte schon loseilen, aber Niin hielt sie zurück. „Du hast etwas verloren.“

Endlich hatte Josephine es geschafft, Salis anzukleiden, nachdem diese etliche Mal vor Schmerz zusammengezuckt war. Sie traten vor das Zelt, blieben überrascht und wie angewurzelt stehen. Eine Menschenmenge hatte sich vor ihnen gebildet. Zivilisten, Soldaten, Magier. Als sie den Herold erblickten fielen sie auf ihre Knie.
Salis stotterte verunsichert: „Nein, tut das nicht. Ich bin nur … ich ...“
„Wir erwarten Eure Befehle, Herold Andrastes“, sprach einer der Soldaten.
„Bitte steht auf …. bitte …,“ es klang fast flehentlich.
„Sie sahen Dich sterben und wieder auferstehen“, raunte Josephine ihr zu.
„Aber ich bin nur eine Elfe. Eine einfache Frau.“ Salis blickte die Botschafterin verwirrt an.
„Das bist Du weder für sie, noch für mich.“ In Josephines Blick lag so viel Zärtlichkeit, dass Salis darin zu ertrinken drohte.
Cassandra räusperte sich verlegen. „Wir sind bereit zur Besprechung und neugierig, was Euch in Haven widerfahren ist, Mylady.“
Sie setzten sich auf einige Kisten, die man um das Feuer herum aufgestellt hatte. Cullen stellte sich hinter Leliana. Er wirkte übermüdet und hatte sich bisher nicht einen Moment der Ruhe gegönnt. Salis erzählte von Corypheus und davon, wie sie entkam. Am Ende ihrer Schilderungen schaute sie in ratlose Gesichter.
„Klingt nach Dunkler Brut“, murmelte Cullen betroffen. „Intelligenter Dunkler Brut.“
„Das ist also der Älteste?!“ Die Sucherin schnaufte verächtlich. „Ihr habt uns geschildert, wie er aussieht, aber vorstellen kann ich es mir immer noch nicht so richtig.“
Dorian strich sich geistesabwesend durch seinen Schnauzbart. „Ein tausend Jahre alter Magister der Dunklen Brut“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Salis drehte sich zu Niin um, die ein paar Meter weiter weg zugehört hatte. „Kannst Du mir mal helfen? Sicher finden wir ein Blatt Papier und etwas zum Zeichnen.“
Leliana kramte in einer der Kisten herum und förderte eine Pergamentverpackung zutage, während Niin  in der Asche des Feuers herumstocherte um nach geeigneter Kohle zu suchen. Dann saßen die beiden Elfen nebeneinander und Salis beschrieb Corypheus genau. Dieser Anblick hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Alle scharten sich dicht um Niin herum und sahen sich ihre Zeichnung an. Zwar waren die Striche aufgrund der bröseligen Kohle recht grob, aber nun konnte man sich wenigstens selbst ein Bild machen.
„Ich glaube, das Wort 'gruselig' trifft es nur sehr unzureichend“, staunte Cullen.
„Hässlich wie die Nacht schon eher.“ Dorian schüttelte es vor Abscheu.
Leliana wickelte das Pergament zusammen. „Es ist besser, wenn wir das unter Verschluss halten. Es würde unnötige Panik verbreiten. Widmen wir uns besser wieder den Vorbereitungen zum Abmarsch.“

Etwas abseits der Gruppe führten der Magier Solas, welcher sich bislang im Hintergrund gehalten hatte, und der Herold Andrastes wenig später ein Gespräch unter vier Augen. Der glatzköpfige Elf hatte sich der Inquisition angeboten als es galt, die Risse ins Nichts und die Bresche zu untersuchen, obwohl er wusste, dass er als Abtrünniger jederzeit sein Leben riskierte. Er entdeckte auch die einzigartige Fähigkeit des Mals auf Salis Hand, die Risse schließen zu können. Nun, da die Dalish Elfe von Corypheus berichtet hatte, war es für ihn an der Zeit für eine Unterredung. „Die Kugel, welche der Älteste in Händen hielt um Euch das Mal oder den Anker, wie er es nannte, zu rauben, ist elfischen Ursprungs. Wir sollten diesen Umstand so geheim wie möglich halten.“
Salis nickte. „Ich kann mir vorstellen, was das für uns Elfen bedeuten kann, wenn es bekannt wird.“
„Gut, dann sind wir uns also einig.“ Er lächelte verhalten. Bisher hatten er und der Herold eigentlich nur Streitgespräche geführt. „Wo wollt Ihr eigentlich hin? Wisst Ihr einen Ort, an dem die Inquisition ihr Lager aufschlagen könnte?“
Sie seufzte. „Nein, im Grunde weiß keiner von uns, wohin wir gehen können. Wir wollten nur so schnell wie möglich weg von Haven, den Pass erreichen, der uns wieder in tiefere Lagen bringen soll.“
Solas musterte sie einige Sekunden lang. „Ich wüsste einen idealen Platz, hoch oben in den Bergen. Eine verlassene Festung.“
„Habt Ihr die auch auf Euren Reisen ins Nichts gesehen?“, fragte Salis zynisch. „Verzeiht, ich wollte Euch nicht beleidigen. Ich hoffe, Ihr seht mir das nach. Ich wäre froh, wenn wir ein Ziel hätten.“
„Dann lasst uns aufbrechen, ich führe Euch dorthin.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und lief zur Spitze der sich langsam bildenden Karawane, während die Elfe zu Josephine zurückhumpelte, die sie sorgenvoll ansah. „Kannst Du wirklich laufen?“
„Zumindest eine Weile wird es schon gehen, vermute ich.“ Salis grinste schief und nickte Cullen zu, der den Befehl zum Aufbruch gab.
Der Treck setzte sich behäbig in Bewegung. Voran Lelianas Späher, dann ein Trupp Soldaten. Es folgten die Magier und hinter diesen liefen William Trevelyans Leute in gebührendem Abstand. Niin und Varric gesellten sich wie üblich zu den Sturmbullen. Auch Krem konnte gehen, trug aber seinen linken Arm in der Schlinge. Sie blieben in Salis Nähe, um diese notfalls tragen zu können.

Cassandra eilte schneller voran und holte nach kurzer Zeit Trevelyans Kampfmagier ein. Der weißhaarige Mann drehte sich zu ihr um. „Ah, was verschafft uns die Ehre, Sucherin?“ Er schmunzelte schelmisch.
„Ich hätte da einige Fragen. Zum Beispiel warum Ihr nicht froh seid über die Auflösung der Zirkel.“ Sie hielt mühelos Schritt mit dem großen Magier.
„Die Zirkel sind wichtig. Wo sonst sollte ein junger Magier lernen, seine Kräfte zu beherrschen? Allerdings sollte man niemanden wegsperren. Das halte ich für falsch. So gesehen gebe ich weder den Magiern noch den Templern Recht. Weder das eine Extrem ist gut, noch das Andere.“
„Und wie sollte Eurer Meinung nach so ein idealer Zirkel aussehen?“
„Wie ein Ort des Studiums, der jedem Magier die Möglichkeit bietet, seine Familie zu sehen oder selbst eine zu gründen.“
Und nach ein paar Metern: „Wann hat man Euch in den Zirkel geholt? Wenn Euch diese Frage nicht zu unangenehm ist.“
William blickte nachdenklich geradeaus. „Geholt ist gut. Ich war zehn Jahre alt als die Templer kamen und mich fort zerrten von meiner Familie. Dank meiner adligen Abstammung wurden mir einige Privilegien gestattet, aber das änderte nichts daran, dass ich mir nächtelang die Augen nach meiner Mutter ausheulte.“ Er seufzte schwer.
„Das tut mir leid. Ich weiß, wie das ist, auf einmal keine Eltern mehr zu haben.“ Cassandra spürte innerlich, wie alte Wunden erneut aufrissen.
„Was ist mit Euren Eltern passiert, Sucherin?“, fragte der Magier vorsichtig.
„Sie wurden hingerichtet. Mein Bruder und ich wuchsen bei meinem Onkel auf.“ Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Oh, das habt Ihr doch hoffentlich nicht …“, rief William entsetzt.
„Nein, wir wurden vor der Hinrichtung weggebracht.“ Sie wechselte das Thema. „Warum meiden Euch die Magier? Nur weil Ihr anderer Meinung seid?“
„Zum einen das und zum anderen weil wir in Ostagar ein Teil von Loghains Truppen waren.“
„Die Schlacht von Ostagar?“, flüsterte Cassandra beeindruckt.
„Ja. Als wir bemerkten, dass Loghain zum Verräter wurde und seine Truppen abzog, blieben wir. Ich sah König Cailan sterben.“ Er räusperte sich und fuhr heiser fort. „Und unsere Hoffnungen. Die Dunkle Brut überrannte uns einfach. Wir flüchteten in die Korcari Wildnis. Mit den Kräften und unsrem Mut am Ende. Als ich morgens aufwachte, waren meine Haare schlohweiß. Meine Kameraden erkannten mich erst nicht.“
Einer davon drehte sich zu ihnen um. „Oh ja, ich hätte Will fast einen Pfeil verpasst, aber als er verzweifelt schrie, erkannte ich seine Stimme.“
„Ihr benutzt auch andere Waffen. Das ist ungewöhnlich.“ Cassandras Neugier war noch lange nicht gestillt.
„Die meisten tragen Nahkampfwaffen, aber wir haben auch drei Bogenschützen dabei.“ Der Weißhaarige trat in ein zugeschneites Loch, strauchelte und fluchte. „Verdammte Scheiße, hier bricht man sich noch die Knochen.“
Die Sucherin schaute ihn erst entsetzt an. „Das war jetzt aber nicht gerade besonders adlig, wenn Ihr gestattet.“ Dann grinste sie unverfroren.
„Ach, das Adlige geht auf Reisen ein wenig verloren.“ William musste lachen.
„Was geschah mit Euch nach Ostagar?“
„Wir lebten versteckt, wurden als Abtrünnige gejagt. Trotzdem zogen wir dieses Leben dem Zirkel vor.  Mit den Jahren gründeten viele von uns Familien. Und dann kam der Tag … an dem uns die Templer fanden. Sie ließen mit sich handeln. Drei von uns gingen freiwillig mit, die anderen durften gehen.“
„Die Templer ließen den Rest von Euch einfach so gehen?“, fragte Cassandra ungläubig.
„Nein, nicht so ganz. Es kostete mich mein ganzes Vermögen. Ich kam also wieder in den Zirkel von Ostwick und meine Familie schämte sich für mich zu Tode. Die Menschen haben Angst vor uns und einen Magier in der Familie zu haben bedeutet für meine Angehörigen, dass sie ebenfalls gemieden werden. Deshalb sind die Trevelyans nicht gut auf mich zu sprechen.“ Er zuckte mit den Schultern als wäre es ihm gleichgültig, aber sie sah ihm an, dass es ihn beschäftigte.
„Wie habt Ihr und Eure Kameraden wieder zusammengefunden?“
„Ich wusste, wo ich eine Nachricht hinterlassen konnte, falls die Gruppe weitergezogen war. Eine Woche später feierten wir unser Wiedersehen.“
Die Sucherin blickte sich um. „Und wo habt Ihr Eure Familien gelassen?“
„Die befinden sich noch im Versteck und ich hoffe, dass wir sie bald nachholen können. Sie fehlen uns schrecklich.“
„Habt Ihr auch Familie?“
„Meinen Sohn Nathaniel.“ Cassandra bemerkte, dass Williams Augen aufleuchteten. Er fuhr fort. „Seine Mutter warf mir den Kleinen regelrecht in die Arme, als sie erfuhr, dass sie sich mit einem Magier eingelassen hatte.“
Vor ihm höhnte einer seiner Kameraden. „War ja auch nicht gerade die große Liebe, eher ein Unfall.“
Der weißhaarige Magier schmiss ihm einen Schneeball ins Genick. „Nun ja, von da an hatte ich ein Baby im Arm und die Templer im Genick.“
„Ihr habt Euren Sohn alleine lassen müssen, als Ihr zum Zirkel zurückgegangen seid?“
„Ja, aber zum Glück nicht lange. Am Anfang war Nathaniel wütend auf mich und sprach tagelang kein Wort mit mir, aber er ist alt genug und verstand dann, wieso ich gehen musste. Und nun ließ ich ihn wieder alleine. Noch einmal ertragen wir beide das nicht.“ Er zog die Nase hoch und Cassandra reichte ihm ein Taschentuch. Sie gingen schweigend nebeneinander her.

Unterdessen trug der Bulle Salis. Sie war zu schwach, um sich lange auf den Beinen halten zu können. Blackwall, der Graue Wächter und er wechselten sich ab, sie ignorierten alle Proteste der Elfe. Vor ihnen hatten Dutzende von Menschen den Weg zertrampelt, so dass Niin und Leliana öfter ins Straucheln gerieten und sich aneinander festhielten. Mehr als einmal rutschte der Bulle fast aus. Besonders die Zwerge Varric und Harding fluchten, weil sie den Weg meiden wollten und im Tiefschnee stecken blieben. Josephine folgte dem Bullen, der eine festgestampfte Spur hinterließ. „Geht hier entlang. Hier läuft es sich besser“, rief sie Leliana zu.
Sie marschierten schweigend und als gegen Mittag ein Schneesturm aufkam, schlugen sie das Lager erneut auf. Diesmal weniger windgeschützt, so dass sich in den wenigen Zelten noch mehr Menschen drängten. Ein wenig Trockenfleisch wurde verteilt. Gerade so viel, dass der Hunger für eine Stunde verschwand. Dann kam er umso schlimmer zurück. Quälend, schmerzhaft. Man konnte an nichts anderes mehr denken. Essen.

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