Geweckt durch den schon altbekannten Lärm vor ihrer Hütte streckte sich Salis und rempelte Niin dabei an. „Was'n los?“, murmelte es unter der Decke.
„Entschuldige, ich bin es nicht gewohnt, dass jemand neben mir liegt.“
„Frag' mich mal. Du hast mich die Nacht zwei Mal getreten“, jammerte Niin. Sie schaute zum Feldbett. „Wo ist die Sucherin?“
„Sie steht gerne früh auf. Sehr früh.“ Salis stellte sich vor die kleine Waschschüssel, die an der Tür stand und schmiss sich eine Ladung Wasser ins Gesicht. Um sich ganz zu waschen, war der Vorraum zu offen. So würde sie jeder sofort sehen, wenn jemand die Tür öffnete, was auch prompt passierte, als Cassandra mit dem Frühstück ankam. Etwas Brot, Käse und Wurst. „Ich war froh, dass ich überhaupt etwas zum essen organisieren konnte. Die Magier fressen uns die Haare vom Kopf wie eine Horde Raupen.“
„So schlimm?“, fragte Niin erschrocken. Da sie nur zwei Stühle hatten, schob sie den Tisch so in den Raum, dass man auch auf dem Feldbett daran Platz nehmen konnte.
Schließlich aßen sie und Cassandra bemerkte, dass Salis an ihrem Brot nur herum knabberte. „Herold, Ihr müsst etwas essen.“
„Und wenn mir schlecht wird? Mein Magen krampft sich immer noch zusammen.“
„Ein Happen für Josephine ...“ Niin hielt ihr das Brot vor die Nase. „Los, rein damit!“
Salis biss brummend ab und kaute lange darauf herum.
„Einen Happen für Zuckeröhrchen.“
„Niin, davon wird’s auch nicht besser. Was macht das für einen Eindruck, wenn der Herold sich vollkotzt?! Mein Magen ist wie zugeschnürt.“
Es klopfte und Leliana steckte ihren Kopf durch die Tür. „Guten Morgen zusammen. Seid Ihr bereit zum Üben?“ Die beiden Frauen nickten, verabschiedeten sich und gingen zum Haupttor, während die Meisterspionin lächelnd sagte: „Niin ...“
Die Elfe lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja ja, nichts anstellen.“ Sie grinste keck und Leliana knuffte sie in die Seite. „Dann weißt Du ja Bescheid.“

Cassandra bemerkte in der Nähe des Haupttores eine Gruppe Magiern, die sich optisch deutlich von den anderen abhob. Die acht Männer und vier Frauen trugen derbe Lederkleidung oder Rüstungen und außer ihren Magierstäben zusätzliche Waffen. Von den anderen Magiern schienen sie gemieden zu werden. Ihr Anführer war ein weißhaariger Mann. Er drehte sich zu ihr um, weil er sich instinktiv beobachtet fühlte und kam lächelnd näher. Sein gepflegter Vollbart zeigte die gleiche Farbe wie sein Haupthaar. „Lady Pentaghast?“ Er verneigte sich leicht.
„Woher wisst Ihr meinen Namen?“, fragte die Sucherin überrascht.
„Ich habe Euch in Redcliff gesehen, Mylady. Jemand sprach dort Euren Namen aus.“ Seine wachen hellen Augen, die mal grau, mal blau erschienen, fingen jede auch noch so kleine Regung seines Gegenübers aufmerksam ein. Das schulterlange Haar trug er zu einem Seitenscheitel und selbst seine Augenbrauen waren weiß. Kleine Furchen über der Nasenwurzel ließen ihn als nachdenklichen Mann erscheinen und sein schmaler Mund verstärkte diesen Eindruck.
Er drehte kurz den Kopf in Richtung seiner Gruppe. „Ich bin William Trevelyan. Magier des Zirkels von Ostwick. Des ehemaligen Zirkels ...“ Sie merkte ihm seinen Unmut an.
„Das klingt nicht so, als ob Ihr über die Auflösung der Zirkel glücklich seid.“ Cassandras Neugier war geweckt. Ein Magier, der keine Freiheit wollte?
Cassandra bestaunte seinen hellbeigen, weich fallenden Ledermantel. Unter diesem kam eine ebenfalls sehr edel aussehende Lederweste zum Vorschein, passend zu den Stiefeln und Gamaschen. Diese Kleidung verlieh ihm Würde und Glanz.
„Ich habe dagegen gestimmt, aber die Mehrheit entschloss sich zur Revolte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wir haben Glück, dass wir nun hier sind. Trotz allem. Ich sah uns schon reihenweise von Templern abgeschlachtet die Straßen von Redcliff rot färben.“
„Eure Einstellung überrascht mich. Ich hätte Euch gerne noch mehr gefragt, aber die Pflicht ruft.“
Er lächelte charmant und neigte sein Haupt abermals. „Ich laufe nicht weg, Mylady.“
Cassandra stolperte fast über eine Kiste, fluchte wenig damenhaft und gesellte sich wieder zu den anderen. Immer, wenn man sie in Verlegenheit brachte, war es vorbei mit ihrer sonst so meisterhaften Körperbeherrschung.

Großverzauberin Fiona ließ zwanzig Magier sich in einer Reihe aufstellen. Salis verfolgte das Treiben in angemessenem Abstand und beobachtete die Szene. Fiona hob den Arm und eine gleißend helle Kugel schwebte dreißig Meter vor ihnen über dem Boden. „Fixiert Eure Kräfte auf diesen Punkt. Dies ist der Riss, den Ihr destabilisieren sollt.“
Gespannt warteten die Umstehenden und die Magier konzentrierten sich. „JETZT!“ Auf Kommando erschienen mehrere Lichtsäulen, die von den Magiern ausgingen, ein paar trafen die Kugel, aber etliche sausten vorbei. Obwohl Salis nicht direkt getroffen wurde, riss sie die Energie von den Beinen. „He, seid Ihr irre geworden?!“, schrie die Elfe und stand schnell auf, um sich einige Meter weiter in Sicherheit zu bringen.
Cassandra gesellte sich zu Leliana, die nahe dem Lager der Sturmbullen zugeschaut hatte, und flüsterte verwundert: „Wird wohl eine Weile dauern, bis die so weit sind.“
„Hoffentlich nicht länger als ein paar Tage.“ Die Meisterspionin schüttelte den Kopf, stutzte dann und  lauschte angestrengt. „Hört Ihr das auch, Cassandra?“
Von weitem konnten sie Josephine wütend schreien vernehmen und sie entschieden sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Kurz vor der Kirche sahen sie dann die Ursache für den Wutausbruch der Botschafterin. Sie stand ratlos vor ihrem Gepäck, aber zu ihrem Schreck erkannte Leliana darunter auch ihre eigenen Koffer. „Was ist hier los?“
„Die nehmen einfach mein Zimmer in Beschlag.“ Josephine ließ die Schultern resigniert sinken, während die Meisterspionin einen ihrer Späher unsanft anhielt. „So geht das nicht! Wo sollen wir denn schlafen? Bringt das Gepäck sofort zurück.“
„Verzeiht, Mylady, das ist ein Befehl von Kommandant Cullen“, stotterte der eingeschüchterte Mann. „Er hat Feldbetten in das Quartier des Herolds bringen lassen.“
„Dann schläft er hoffentlich auch mit anderen zusammen in einem Raum, sonst reiße ich ihm …“ Leliana schäumte vor Wut.
Der Späher antwortete schnell: „Gewiss, Mylady, auch er ist umgezogen und bewohnt jetzt mit Solas, Varric, Dorian und Blackwall eine Hütte.“
„Illustre Runde.“ Cassandra musste trotz des Ärgers lauthals loslachen. Dann hob sie zwei Koffer hoch und machte sich auf den Weg zur Hütte. Sie rief über die Schulter: „Na, kommt schon. Sonst weichen Eure Sachen noch auf.“
Leliana brummelte den ganzen Weg schlecht gelaunt vor sich hin und Josephine konnte sich mit dem Gedanken ganz und gar nicht anfreunden, ihr gemütliches und prunkvolles orlaisianisches Bett gegen ein Feldbett eintauschen zu müssen.
In der Hütte saß Niin am Tisch und zeichnete. Sie ließ erstaunt den Griffel fallen, hatte es sich gerade gemütlich gemacht und ihre Füße steckten in wohlig warmen Wollsocken. Auf dem Tisch standen ein Becher Tee und eine kleine Schale mit Keksen. „Noch mehr Übernachtungsgäste?“
„Hat Cullen keine Betten aufstellen lassen?“ Josephine blickte sich suchend um.
„Da kam eben jemand mit einer großen Kiste und stellte sie im Vorraum ab.“
„Ich fasse es nicht! Sollen wir jetzt unsere Betten auch noch selber zusammenbauen?!“ Leliana schubste die Kiste verächtlich mit dem Fuß an und Cassandra öffnete das Behältnis um darin herum zu wühlen. „Zwei Betten. Das sind mit den beiden schon vorhandenen vier und wir sind zu fünft.“ Sie holte das erste Bettgestänge heraus und legte es sich auf dem Boden zurecht. „Wenn Ihr mir mal helfen würdet, ginge es schneller.“
Die Betten waren recht schnell aufgebaut und im Raum an den Wänden verteilt, den Tisch schob man ans Fenster. Leliana pirschte sich an die Kekse heran und tastete sich über den Tisch hinweg langsam zur Schale vor. KLATSCH! „Na, wer wird denn stibitzen?“ Niin hatte ihr auf die Finger geklopft und die Meisterspionin zog ihre Hand mit gespieltem Schmerz zurück. „Keine Kekse für mich?“ Sie versuchte es mit großen traurigen Rehaugen und Josephine lachte: „Vergiss es, Leliana. Gegen Niins Welpenblick kommst Du im Leben nicht an.“
Die Elfe schob ihr die Schale hin und lächelte unverschämt, aber schon landete ein Keks im Mund der Spionin und sie verdrehte verzückt die Augen. „Pfie pfind pfo waff von lecker.“ Sie schluckte erst einmal runter, bevor sie weiter sprach. „Wo hast Du die her?“
„Selbst gebacken“, antwortete Niin nicht ohne Stolz. Es gab also doch etwas, das sie gut konnte, denn oft kam sie sich einfach nur im Wege vor und das nagte etwas an ihrem eh recht wackeligen Selbstbewusstsein. „Ich konnte den kleineren Ofen in der Küche benutzen.“
Josephine betrachtete grübelnd den Vorraum der Hütte. „Wie wäre es, wenn wir hier etwas mehr Komfort hinein bringen würden?“
Leliana war gerade dabei, das Gepäck der Botschafterin einfach unter ein Bett zu schieben und blickte sie fragend an.
Lady Montilyet nahm eine Wolldecke und hielt sie in die Höhe. „Wir könnten den einen Teil abtrennen, um uns dahinter umzuziehen.“
Cassandra stellte sich neben sie und schüttelte zweifelnd den Kopf. „Seid Ihr so schüchtern? In der Armee ist es einem schnell egal, ob einem die Zimmergenossinnen dabei zuschauen oder nicht.“
Josephine verdrehte entnervt die Augen. „Es ist ja nicht wegen Euch. Es ist ...“, es klopfte an der Tür. „... genau deswegen.“ Sie angelte nach der Türklinke, öffnete und schaute irritiert in Cullens Gesicht. „Ihr seht irgendwie ein wenig verzweifelt aus, Kommandant.“
Er druckste herum und spähte an ihr vorbei in die Hütte. „Habt Ihr noch Platz?“
Die Botschafterin baute sich energisch vor ihm auf. „Stapelt uns doch gleich an der Wand entlang“, rief sie empört.
Leliana versperrte Cullen ebenfalls den Weg. „Wen wollt Ihr denn noch hier hinein pferchen?“
Draußen fluchte jemand laut. „Lass gefälligst meine Decke nicht auf dem Boden schleifen!“ Hinter dem Kommandanten tauchte Späherin Harding auf und ihr Gesicht war vor Wut fast so rot wie ihre Haare. Zwei Soldaten hatten ihr Gepäck einfach auf ihr Feldbett gelegt und trugen es wie eine Bahre, nun stellten sie es vor der Hütte ab und machten sich schnell aus dem Staub. Auch Cullen drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand im Laufschritt.
„Nur schnell abhauen!“ maulte Harding hinter ihm her. „Also, die Damen, wo darf ich schlafen?“
„In der Raummitte vorm Kamin wäre noch Platz.“ antwortete Leliana und die energische Zwergin drängte sich an ihr vorbei um den Schlafplatz zu begutachten. Es war ihr nicht geheuer, mit ihrer Vorgesetzten in einer Hütte schlafen zu müssen.
Niin hatte sich derweil die Stiefel angezogen und trug mit Cassandra zusammen das Feldbett hinein. „Wird langsam eng hier.“ Harding zählte die Schlafplätze durch und fragte misstrauisch: „Wie viele Leute schlafen hier? Ich sehe fünf Betten.“
„Richtig erkannt, Späherin. Wir sind zu sechst.“ Leliana grinste schief. „Wir losen aus, wer im großen Bett schlafen muss. Am besten ziehen wir Zündhölzer. Wer ein Kleines zieht, muss ins Bett.“
„Das heißt, da schlafen immer zwei?“ Harding überlegte einen Moment, ob es nicht besser wäre, im Freien zu nächtigen oder im Pferdestall.
Josephine hatte die Decke endlich so angebracht, dass diese die rechte Seite des Vorraumes abteilte. Dahinter stellte sie die kleine Waschgelegenheit und auf die linke Seite kam das Gepäck. „Sieht doch schon ordentlicher aus.“
„Salis wird’s umhauen.“ murmelte Niin. „So viele Leute auf einen Fleck, das ist sie nicht gewöhnt.“
Die Botschafterin schnaufte gereizt: „Wer schon?“
Leliana klatschte in die Hände, um alle aufzuscheuchen. „Wir haben sicher alle etwas zu tun. Also, dann mal los. Wir sehen uns heute Abend.“ Sie kam an Niin vorbei und hakte sich bei ihr unterm Arm ein. „Und Du kommst mit mir.“
Die Elfe schaute sie mit großen verwunderten Augen an. „Wohin denn?“
„Ich überwache das Training im Bogenschießen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Du geübt hast. Dann wollen wir mal an Deiner Schusstechnik arbeiten.“ Die Meisterspionin spürte, wie Niin sich sträubte, aber sie zog sie einfach mit hinaus.

Salis wartete auf den nächsten Versuch. Großverzauberin Fiona hatte mittlerweile gut die Hälfte der Magier ausgetauscht. In vorderster Reihe knieten William Trevelyan und seine elf Leute. Sie hatten Kampferfahrung und waren gut aufeinander abgestimmt. Dahinter standen zehn weitere Magier. Wieder leuchtete die Kugel auf, bündelten Fionas Leute ihre Energie. Diesmal trafen alle. „Wenn Ihr das an der Bresche ein paar Mal wiederholen könnt, dann haben wir eine Chance, das verdammte Ding zu schließen.“
Sie erschuf eine weitere Kugel aus Licht und auch diesmal trafen die Magier ihr Ziel. Sie nickte zufrieden und lächelte. „Genug für heute. So viel Energie aufzuwenden kostet viel Kraft.“
Salis kam auf sie zu und atmete erleichtert auf. „Scheint ja nun zu klappen, oder?“
„Es muss. Wir haben nur einen Versuch.“ Fiona schaute auf die Hand der Elfe und auf das Mal, das sachte leuchtete. „Wie fühlt sich das an?“
„Merkwürdig. Wenn es aufleuchtet, zieht es ein wenig und meine Hand kribbelt.“ Sie blickte die Großverzauberin sorgenvoll an. „Was meint Ihr, wann wir uns zur Bresche aufmachen können?“
Fiona dachte einen Moment nach und sagte dann: „Ich denke, wir sind übermorgen so weit. Lasst uns morgen noch üben, dann werden wir sehen. Es ist eine Sache, einen Zauber zu wirken, aber eine ganz andere, seine Kräfte einzusetzen, um jemanden zu unterstützen. Das hat noch niemand von uns gemacht.“
„Je eher wir los können, desto besser.“ Salis nickte ihr zu und machte sich dann auf den Weg in die Taverne. Ihr Magen knurrte mal wieder und es wurde langsam dunkel. Am Haupttor drehte sie sich um und betrachtete das Gelände, das sich in den letzten beiden Tagen sehr verändert hatte. Der Tribok nahm die gesamte Fläche ein und sowohl die Übungsplätze als auch die Zelte waren weiter nach rechts gewandert. Aus den vereinzelten Zelten war eine große Zeltstadt geworden.
Den zweiten Tribok hatte man in hundert Meter Entfernung auf der linken Seite aufgebaut, nicht weit entfernt von der Schmiede.
Sie sog die Abendluft tief ein. Es roch nach Rauch und nach Essen. Ein paar Schneeflocken taumelten vom Himmel herab in die Dunkelheit. Salis spürte die Müdigkeit und wurde vom Lärm in der Taverne regelrecht erschlagen, als sie die Tür öffnete. Sie blieb stehen und suchte nach einem freien Platz. Dann entdeckte sie Leliana und Niin an einem kleinen Tisch. Die beiden winkten ihr zu und die Schankmagd kam mit einem Hocker angelaufen. Sie setzte sich und bestellte eine Kleinigkeit.
Die beiden Frauen hatten ihr Essen auch erst vor einigen Minuten bekommen und entschieden sich schnell, das Mahl durch drei zu teilen. Niin holte einen Teller und Besteck, dann verteilten sie das Fleisch. Zwei Hühnerkeulen und ein Stück Schweinefleisch.
„Danke. Das ist lieb von Euch.“ Salis lächelte glücklich und aß mit großem Appetit. Als ihr eigenes Essen kam, wanderte der Teller in die Runde und jede nahm sich ein wenig.
„Hasenbraten. Lecker,“ schwärmte Leliana. „Die Versorgungslage sieht doch gar nicht mehr so schlecht aus wie gestern. Wir haben alles, was wir brauchen.“ Sie musterte Salis forschend. „Wie sind die Übungen verlaufen?“
Die Elfe kaute nachdenklich auf einem Stück Fleisch herum. „Zum Schluss recht gut. Fiona meinte, dass wir übermorgen so weit sind. Und was habt Ihr gemacht?“
Niin grinste breit. „Bogenschießen geübt.“ Man sah ihr die Freude darüber an, dass sie mittlerweile recht passabel mit dieser Waffe umgehen konnte.
„Noch ein wenig mehr Übung und Niinara könnte Scharfschützin werden.“ Leliana schmunzelte, als die Stadtelfe über das ganze Gesicht strahlte. „Wer weiß, vielleicht sind Elfen doch Naturtalente.“
Salis zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich konnte schon mit dem Bogen umgehen, bevor ich das Laufen lernte. Allerdings beherrscht das jeder in meinem Clan so früh.“
Niin wollte die Dalish nach den Eltern fragen, aber irgendetwas in Salis Stimme und ihrem Blick sagten ihr, dass es besser wäre, dieses Thema nicht zu vertiefen. Sie hatten sich einige Male über den Lavellan Clan unterhalten, über den Alltag, die Religion und das Reisen, aber nie hatte Salis andere Angehörige als ihrem Bruder erwähnt.
Sie redeten noch eine Weile und lästerten über die Männer um Cullen, die sich heute Nacht sicherlich gegenseitig durch ihr Schnarchen um den Schlaf bringen würden.
„Blackwall schläft total ruhig, aber Varric grunzt manchmal wie ein Eber.“ Salis schüttelte den Kopf. „Wie aus einem so kleinen Kerl solche Geräusche kommen können, ist mir rätselhaft.“ Sie stand auf und meinte: „Ich verabschiede mich für heute und werde mal die Botschafterin heimsuchen.“
Leliana lächelte geheimnisvoll. „Tut das. Wir sehen uns in Bälde.“

Salis konnte sich keinen Reim aus dem letzten Satz machen. Sie eilte hoch zur Kirche. Rund um das Zelt der Quartiermeisterin herrschte reger Betrieb. Hier stapelten sich Vorratskisten, wurden registriert und dann verteilt.
Die Kirche war ebenfalls recht voll, in der Kapelle beteten etliche Magier, Templer und Soldaten Seite an Seite. Es gab also doch etwas, das alle vereinte, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten. Mutter Giselle hörte sich die Nöte der Gläubigen an mit einer engelsgleichen Geduld.
Salis klopfte an der Tür von Josephines Arbeitsraum an und steckte forschend den Kopf durch den Türspalt. „Guten Abend Botschafterin.“ begrüßte sie Lady Montilyet erfreut.
„Guten Abend Mylady Lavellan.“ Sie lächelte die Elfe mit hinreißendem Augenaufschlag an. Der schwarze Lidstrich verlieh Josephines dunklen Augen noch mehr Ausdruck und wenn sie Salis erblickte, schien ein Feuer darin zu lodern. „Ich glaube, ich höre jetzt auf. Es ist schon spät.“ Sie stand auf und stellte sich vor Salis. Die beiden schienen auf die Reaktion der jeweils anderen zu warten. Auf ein Signal, ein Zeichen.
Schließlich schlang Josephine ihre Arme um Salis Hals und die Elfe umfasste die Taille der Botschafterin. Sie küssten sich ungestüm, gegen die Tür gelehnt, eine Hand wühlte sich durch Salis Haar. „Ich werde Euch zu Eurer Hütte begleiten“, flüsterte Josephine und löste sich von Salis, der das Bedauern ins Gesicht geschrieben stand. Moment! Was hatte sie gesagt?
Die Elfe stotterte: „Ihr wollt … mit mir in meine … Hütte gehen?“ Sie schaute reichlich verwirrt drein, während die beiden in den Hauptflur gingen und dort stehen blieben. „Wir könnten auch Euer Quartier nehmen, schließlich ist es gleich gegenüber.“
Josephine schnappte erst verblüfft nach Luft und lächelte dann verschmitzt mit jenem verführerischen Blick, der Salis stets aus ihrem inneren Gleichgewicht katapultierte und ihr Hitzewellen durch die Magengegend jagte. „Bedaure, aber mein Zimmer steht uns nicht mehr zur Verfügung.“
Elend langsam krochen diese Worte durch das Gehirn der Elfe. „Wollt Ihr damit sagen ...“ Sie stutzte und wurde rot. „Oh, Ihr seid bei uns eingezogen?“ Das Rot verfärbte sich Dunkelrot. „Verzeiht, dass ich annahm ...“ Salis suchte im noch verbliebenen Teil ihres Verstandes nach Worten und ihr traten die Schweißperlen auf die Stirn.
Josephine beobachtete sie belustigt, entschied nun aber, die Ärmste zu erlösen. „... dass Ihr angenommen habt, ich würde ein paar ungestörte Stunden mit Euch verbringen wollen?“ Sie hauchte Salis ins Ohr: „Da liegt Ihr gar nicht so falsch, allerdings denke ich, wir sollten damit warten, bis wenigstens eine von uns über eine eigene Unterkunft verfügt.“
Die Knie der Dalish Elfe wurden weich. Sie hätte am liebsten laut aufgeschrien vor Freude, starrte aber stattdessen ihr Gegenüber weiterhin mit einem reichlich dümmlichen Gesichtsausdruck an. Josephine zog Salis einfach mit zur Hütte.

„Hier sind sechs Zündhölzer. Zwei davon kürzer als die anderen. Fehlen nur noch der Herold und Josie.“ Leliana hielt die Hölzer so in der Hand, dass sie alle gleich lang aussahen. Die Tür ging auf und die beiden Frauen traten ein. „Da wir jetzt vollzählig sind, fangen wir mit der Ziehung an. Sucherin?“ Die Meisterspionin hielt ihr die Zündhölzer hin, Cassandra zupfte ihr zögerlich eines aus der Hand und atmete erleichtert auf. Niin starrte die Hölzer an und zog eines mit geschlossenen Augen. Auch sie grinste heilfroh. Harding kicherte fast hysterisch über ihr langes Zündholz und Salis griff einfach mit einer flinken Bewegung zu.
Leliana seufzte. „Josie, hier sind die letzten beiden Hölzer und wir beide wissen, was das bedeutet.“
Der Botschafterin war die Enttäuschung anzusehen. „Oh, nicht schon wieder. Das letzte Mal, als wir in einem Bett schlafen mussten, kam mitten in der Nacht die Marquise von Morgat durch eine Geheimtür herein und fragte, ob wir einen flotten Dreier machen wollen.“ Sie schüttelte es bei diesem Gedanken.
„Ach, danke, Josie, dass Du mich an etwas erinnerst, das ich erfolgreich verdrängt habe.“ Leliana schaute sie vorwurfsvoll an. „Dafür kassierst Du heute Nacht einige Tritte.“ Sie grinste unverschämt.
„Mit Sicherheit macht Euch heute Nacht keiner obszöne Angebote.“ Cassandra warf einen schnellen Blick auf Salis und konnte sich folgende Bemerkung nicht verkneifen: „Zumindest nicht in dieser Konstellation.“ Ein zusammengeknülltes Stück Papier prallte von ihrer Schläfe ab und Salis funkelte sie wütend an.
Leliana überreichte ihr lächelnd das kurze Streichholz. „Ich glaube, wir haben das Problem um die Schlafplätze gelöst.“
Salis schnappte überglücklich danach und konnte nicht verhindern, dass sich auf ihrem Gesicht ein zufriedenes Grinsen breit machte.
Josephine schaute die Elfe eindringlich an. „Habe ich da Mitspracherecht?“
„Gut, dann bekommt Lady Nachtigall das Hölzchen wieder.“
„Nein!“ Die Botschafterin angelte nach Salis Hand und hielt sie davon ab.
Cassandra stand von ihrem Bett auf. „Gut, dann ziehen wir uns jetzt alle um. Muss jemand noch einmal vor die Tür?“ Allgemeines Kopfschütteln. „Dann ab in die Nachthemden!“
Harding verschwand schnell hinter dem Vorhang. „Entschuldigt, aber ich bin da eigen.“
Die Sucherin zuckte gleichgültig mit den Schultern, schloss die Tür ab und begann, sich zu entkleiden. Leliana und Salis taten es ihr gleich, während Niin eingeschüchtert in der Ecke stand, das Nachthemd in der Hand, und wartete, bis Harding endlich fertig war. Josephine seufzte, setzte sich aufs Bett und wühlte ebenfalls ihre Schlafsachen aus einer ihrer Taschen. „Das ist ja wirklich wie im Mädchenpensionat.“ Sie versuchte, Salis nicht allzu genau beim Umziehen zu beobachten, erwischte sich  aber dabei, immer wieder hin zu spähen. Die Elfe hatte einen recht muskulösen Körper und Josephine entdeckte etliche Narben, besonders auf den Armen. Der Blick der Botschafterin glitt an Salis Rücken hinab zum Gesäß, ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie schaute schnell zum Fenster hin.
Salis und Leliana trugen keine Nachtgewänder, sondern Hemden und Hosen aus beigem Leinenstoff. Cassandra sah im Nachthemd höchst gewöhnungsbedürftig aus und schließlich entschied sich Niin ebenfalls dazu, sich vor den anderen umzuziehen. Sie drehte den anderen verschämt den Rücken zu und nun konnte jeder die schrecklichen Narben auf ihrem Rücken sehen und die Rippen zählen, denn Niin war nicht nur klein und schlank, sondern entsetzlich dünn.
Leliana hielt die Luft an und blickte entsetzt zur Sucherin, die ein trauriges Gesicht machte. Josephine fasste erschrocken nach Salis Arm und die Elfe nickte wissend. Schließlich zog sich Niin das Nachthemd über und drehte sich um. Alle starrten sie für einen Moment fassungslos an. „Das hätte ich gerne für mich behalten, aber es sollte wohl nicht sein.“ Selbst Harding stand wie vom Donner gerührt da.
„Krümelchen, warum bist Du nicht geflohen?“, fragte Salis leise, es klang fast gequält.
„Weil der Lord damit gedroht hatte, mich umbringen zu lassen.“ Niin setzte sich auf ihr Bett und zog die Beine an.
„Wir hätten dieses Dreckschwein der dunklen Brut in die Arme jagen sollen“, schnaufte Cassandra verächtlich. „Was hätte er für Interesse daran gehabt, Euch tot zu sehen, Niinara?“
Die Antwort kam flüsternd. „Weil er ein Blutmagier ist.“ Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Wir bringen dieses Schwein zur Strecke, das verspreche ich Dir“, knurrte Leliana erbost. Sie wanderte aufgebracht durch den Raum, so gut es die Betten zuließen. „Blutmagie? Darauf steht die Todesstrafe. Kein Wunder, dass er Dir gedroht hat.“
Diese Art der Magie wurde von den Magistern Tevinters praktiziert. Außerhalb dieses Landes wachten die Templer streng über die Einhaltung des Verbotes. Ein Magister sah nichts Verwerfliches darin, sein eigenes Blut zu benutzen um einen Zauber zu verstärken, aber dabei blieb es oft nicht. Ein mächtiger Zauber erforderte auch eine entsprechende Menge an Blut.
Josephine schlüpfte schnell hinter den Vorhang um sich ebenfalls umziehen und Salis machte es sich im Bett bequem. Nun würden sie doch noch die Nacht miteinander verbringen, wenn auch anders als geplant.

Leliana wachte auf und hob träge den Kopf. Sie blinzelte einige Male verschlafen, gähnte und stemmte dann den Oberkörper in die Höhe. Es war früh am Morgen und die Sonne gerade aufgegangen. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Niin hatte sich zusammengerollt und lag auf der Seite. Die Meisterspionin widerstand der Versuchung, das rechte Ohr der Elfe zu kitzeln. Irgendwie fand sie den Anblick einfach zu entzückend.
Josephine und Salis hatten sich unter einer Decke aneinander gekuschelt und Cassandra lag auf dem Bauch, ein Arm hing aus dem Bett. Von Harding war nur eine Kugel unter ihrer Decke zu sehen.
Leliana zog sich schnell an und wollte sich zu den Waschgelegenheiten begeben. Niemand hatte die Lederarmbänder um ihre Handgelenke bemerkt. Sie atmete auf. Die Sucherin regte sich und rappelte sich ebenfalls hoch. Langsam kam Leben in die Hütte und alle bis auf Josephine wachten auf. „Lady Montilyet braucht wieder eine Extraeinladung“, seufzte die Meisterspionin.
Salis küsste Josephines Wange sachte, pustete ihr leicht ins Gesicht und kitzelte sie an der Nase. „Aha, da wird jemand wach.“ Die Elfe amüsierte sich königlich und die Botschafterin schaute sie verschlafen an.
„So früh?“, beklagte sie sich, aber da hatte ihr Salis schon die wärmende Decke weggezogen und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ebenfalls aufzustehen. Josephines Haarpracht war reichlich zerzaust. Sie hatte am Vorabend ihre strenge Frisur gelöst und nun machten ihre langen schwarzen Haare, die ihr bis zur Mitte des Rückens reichten, was sie wollten. Salis fand diesen Anblick atemberaubend und wickelte verspielt eine der Haarsträhnen um ihren Finger. Sie bemerkten beide nicht, dass die anderen Frauen sich vor Eile fast gegenseitig umrannten, um möglichst schnell die Hütte zu verlassen.
Die Tür schloss sich wieder und die Botschafterin zog Salis am Hemdkragen sanft zu sich. „Guten Morgen, Herold.“ Sie spürte die weichen Lippen der Elfe auf den ihren.
„Guten Morgen, Botschafterin.“ Salis lächelte erfreut. „Hast Du gut geschlafen?“
Josephine lachte auf. „Das fragst Du noch? Ich habe geschlafen wie ein Bär im Winterschlaf.“ Sie ließ die Elfe bedauernd los. „Wir sollten uns ebenfalls fertig machen.“ Mit diesen Worten verschwand sie hinter dem Vorhang und zog sich an.
„Warum tust Du das?“ fragte Salis erstaunt.
„Tue ich was?“
„Na, Dich dort umziehen?“
Josephines Kopf kam zum Vorschein. „Was glaubst Du wohl, würde passieren, wenn wir beide nackt voreinander stehen?“ Der Kopf verschwand wieder.
Salis grinste schelmisch. „Das hätte mir die Arbeit erspart, Dich aus Deiner orlaisianischen Kleidung fummeln zu müssen.“
Die Botschafterin tauchte in Unterwäsche hinter dem Vorhang auf. „Auf Befehl von Leliana trage ich ab sofort meine Uniform.“ Sie wühlte in ihrem Gepäck herum, angelte die passenden Sachen heraus und zog sich an. Ihre Kleidung glich der Rüstung eines Spähers, Oberteil und Hose waren aus olivfarbenem Leinenstoff gefertigt, dazu trug sie braune Lederstiefel und Handschuhe. Wie bei Niin, so fehlten auch hier die Schulterteile und der Schienbeinschutz aus Metall sowie die orangene Kapuze.
„Du siehst umwerfend aus, Josephine“, schwärmte Salis versonnen.
„Meine Haare sind eine einzige Katastrophe“, protestierte die Botschafterin und bat die Elfe, ihr beim Flechten des Zopfes zu helfen.

Ihre Wege trennten sich nach dem Frühstück. Salis ging zum Übungsplatz, auf dem sich die Magier schon versammelte hatten. Dort trainierten sie den ganzen Tag. Es war wichtig, dass jeder einzelne Magier nicht nur lernte, mit den anderen gleichzeitig seine Energie zu fokussieren, sondern er musste auch erspüren, wie viel davon er auf einmal abgab und ob nicht zu viel eher schadete.
Leliana verfasste einige Briefe und zog Erkundigungen über Lord Levevre ein. Sie würde dieses Untier zur Strecke bringen. Danach überwachte sie wieder das Training ihrer Späher und behielt Niin im Auge, die weiterhin fleißig mit dem Bogen übte.
Offensichtlich hatten sich die Magier ein wenig eingelebt, denn Cassandra wurde heute nicht mit Beschwerden zugeschüttet. Sie ging zum Besprechungsraum, in dem Cullen der armen Josephine gerade sein Leid klagte. „Ich habe keine Sekunde geschlafen. Varric schnarcht wie ein kranker Mabari, Blackwall murmelt im Schlaf und Dorian erzählt einem bis in die Nacht dreckige Witze.“
„WIR haben sehr gut genächtigt.“ Die Sucherin weidete sich schadenfroh an seinem Gejammer.
„Ihr Frauen grunzt ja auch nicht wie verwundete Warzenschweine im Schlaf.“
„Eher selten“, meinte Cassandra trocken.
Josephine mutmaßte: „Vielleicht schnarcht Varric wegen seiner gebrochenen Nase so sehr?“
„Übrigens steht Euch die neue Frisur ausgezeichnet, Lady Montilyet.“ Die Sucherin musterte sie akribisch.
„Das ist Salis Werk.“ Die Botschafterin lächelte glücklich. „Sie meinte, sie hätte ihrer Hüterin früher immer die Haare flechten müssen.“
„Sie erwähnt nie ihre Eltern“, hakte Cassandra nach und sah die Traurigkeit in den Augen Josephines.
„Sie kamen während der Verderbnis vor zehn Jahren um. Dunkle Brut infizierte ihre Eltern und ihr Clan musste sie töten.“
„Oh, das … gut, dass ich es nun weiß. Tragisch.“ Cassandra senkte den Kopf.
„Jeder von uns trägt seine Last.“ Cullen spielte nachdenklich mit einer der Figuren herum, die er gerne über die Landkarte schob, um einen Punkt zu markieren. „Gegen Nachmittag werden wir alle gemeinsam noch einmal alle Details des morgigen Vorhabens durchgehen.“

Der nächste Morgen kam schneller, als es Salis lieb war. Es blieb keine Zeit, um mit Josephine ein paar ruhige Minuten zu verbringen. Kurz nach dem Aufstehen pochte Cullen gegen die Tür und sie frühstückten hastig im Stehen. Viel konnte sie vor Aufregung eh nicht essen. Sie eilten zum Haupttor und Cullen schritt mit ihr die Reihen der Magier ab. Großverzauberin Fiona begrüßte sie mit einem Kopfnicken. „Wir sind bereit, Herold.“
Zweiundzwanzig Magier und dreißig Soldaten warteten auf das Zeichen zum Aufbruch. Salis ging wieder vor zur Spitze. Dort wartete Cassandra und sie erspähte Josephine, die ihr zuwinkte. Salis wollte zu ihr gehen, aber man belagerte sie regelrecht mit Instruktionen, Plänen und Ähnlichem, bis sie davon eilte. „Josephine?“
„Viel Glück, Salis.“ Die beiden standen etwas scheu voreinander. Zu viele Menschen beobachteten sie.
„Los, mach', Lavellan, wir haben nicht ewig Zeit“, knurrte Varric im Vorbeigehen.
Die Elfe schien unentschlossen, aber dann ging ein Ruck durch sie hindurch und sie küsste Josephine zaghaft. „Der ist nur geliehen. Ich will ihn wiederhaben.“
Die Botschafterin lächelte ein wenig gequält. „Ich hoffe, Du holst ihn Dir heute Abend wieder ab.“ Ein tiefer Blick in Josephines Augen hätte Salis fast vergessen lassen, was sie nun tun sollte. Sie schwang sich auf Zuckeröhrchen und dann setzte sich der Tross in Bewegung. Direkt auf die Bresche zu, die am Himmel toste wie ein Orkan. Je näher sie kamen, desto größer wurde dieses Inferno … und ihre Angst.

Niin und Josephine blieben winkend zurück. Die Botschafterin seufzte schwer. „Hoffentlich geht alles gut.“ murmelte sie.
„Kommt Ihr mit in die Kirche, Mylady?“
„Warum?“, fragte Josephine verwirrt.
„Um zu beten natürlich.“
„Oh, nein das ist nichts für mich. Ich … meine Familie war nie besonders religiös.“
„Gut, dann bete ich für Euch mit“, sagte Niin entschlossen und war schon auf dem Weg.
Gegen Mittag liefen kleinere Grüppchen zusammen und starrten in den Himmel. Würde die Bresche sich schließen lassen? Das bange Warten wurde immer unerträglicher. Niin gesellte sich wieder zu den Sturmbullen, die ebenfalls vor den Zelten standen und in die Höhe schauten.
Plötzlich gab es eine Detonation, ein Lichtblitz schoss vom Boden in den Himmel, das Leuchten verschwand, dann löste sich die Sturmwolke fast zur Gänze auf. „Sie haben es geschafft!“, rief jemand aufgeregt. Der Riss existierte zwar nicht mehr, aber am Himmel waren immer noch grünliche Wolken zu sehen, wenngleich diese auch das bedrohliche Ausmaß eines Orkanes hatten.
Krem legte Niin die Hand auf die Schulter. Beide lachten erleichtert. „Ich wusste es“, murmelte die Elfe. Freudenschreie und Jubelrufe brandeten durch Haven. Kurze Zeit später trafen Vögel der Späher mit Nachrichten ein. Lelianas Zelt wurde umringt von Menschen und Späherin Harding las laut vor: „Es ist niemand zu Schaden gekommen. Alle sind wohlauf.“
Josephine griff sich erleichtert an die Brust und drückte Niin im Überschwang. „Lasst uns eine Feier ausrichten.“

Abends kamen die erfolgreichen Helden zurück. Ja, es waren Helden. Die Nachricht vom Erfolg hatte sich in Windeseile verbreitet. Jeder konnte mit eigenen Augen sehen, dass die Bresche besiegt worden war.
Der Empfang war herzlich, aber für Salis zählte nur, dass sie Josephine im Getümmel fand. Sie schwang sich elegant vom Pferd und musste auf dem Weg zum Haupttor etliche Hände schütteln. War ihr Ruf als Herold Andrastes vorher schon berühmt gewesen, so wurde er nun legendär.
Endlich fand sie die Botschafterin und fiel ihr einfach in die Arme. Die beiden umarmten sich und inmitten einer Menschenmenge schien die Zeit stillzustehen. Dann wurde Salis in die Kirche geschoben. Sie warf der Botschafterin einen sehnsüchtigen Blick zu, aber an diesem Abend gehört sie allen Menschen. Jeder wollte sie sehen und hören, was sie erlebt hatte.
Nach einer Stunde ging Salis nach draußen um frische Luft zu schnappen. Josephine folgte ihr besorgt. Sie standen schweigend nebeneinander. „Wie geht es Dir?“ Josephine streichelte den Arm der Elfe.
Salis drehte ihr den Kopf zu. „Gut, wenn Du da bist,“ sie lächelte müde. „Wir haben es wirklich geschafft.“
„Ja, das hast Du … und das wolltest Du doch zurückhaben, oder nicht?“, sie schob ihre Arme um Salis Hals und sie küssten sich leidenschaftlich.

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