„Die haben ja keine Kosten gescheut!“, rief Dorian entzückt auf und langte beim Frühstück herzhaft zu. Sie hatten in einer Herberge in Redcliff übernachtet, während Leliana gleich weitergezogen war, um mit den Spähern das Schloss zu infiltrieren.
Dadurch dass es in Redcliff von aufständischen Magiern nur so wimmelte, ließ es sich nicht vermeiden, dass sich sowohl Salis und Cassandra als auch Dorian und Blackwall ein Zimmer teilen mussten. Während es die Frauen gewohnt waren, herrschte bei den Männern am Morgen eisiges Schweigen.
„Was ist los bei Euch?“, fragte die Sucherin während sie ihr Brot mit Wurstscheiben belegte.
Der Magier winkte lachend ab. „Ach, nicht Besonderes. Blackwall fürchtete die ganze Nacht um seine Jungfräulichkeit und im Nachbarzimmer feierte ein Hochzeitspaar.“
Der Graue Wächter brummte etwas Unverständliches und Salis beruhigte Dorian. „Blackwall ist morgens immer sehr unleidlich. Das ist normal. Lasst ihm einfach eine halbe Stunde und dann ist er wach.“
„Ihr kennt Euch wohl schon sehr genau?“
Cassandra nickte. „Man kennt sogar die Schlafgewohnheiten der anderen. Schließlich nächtigen wir oft im Freien. Unser Wächter redet im Schlaf.“
Blackwalls Bart zuckte ein wenig. Es war anzunehmen, dass er lächelte oder grinste als er sich der Sucherin zuwandte. „Und Ihr stehlt mir die Decke im Schlaf. Und das nicht nur einmal.“
Sie wurde rot. „Ich kann nichts dafür, das versichere ich Euch. Mir war wohl kalt, da habe ich etwas zum Aufwärmen gesucht.“
„Ihr hättet den Wächter nehmen sollen, das wäre effektiver gewesen“, warf Dorian keck grinsend ein.
Salis lachte und verschluckte sich dabei fast. Nun mussten sie endlich aufbrechen. Die Elfe merkte, wie sich ihr Magen leicht zusammenkrampfte. Bis zum Schloss war es nur noch ein kurzes Stück Weg und Dorian verschwand auf einmal spurlos. Er sagte, dass es besser wäre, erst einmal nicht gesehen zu werden. Wie er das gemacht hatte, war Salis ein Rätsel.

Sie wurden in den Thronsaal geführt. Es ging einige Treppen hoch und sie kam sich wie eine kleine Bittstellerin vor. Perfekte Inszenierung, schoss es ihr durch den Kopf. Oben angekommen überschlug sich Magister Alexius mit geschauspielerter Freude. „Herold, Ich grüße Euch und heiße Euch herzlich willkommen. Seid mein Gast.“ Sein Sohn Felix hielt sich wortlos im Hintergrund.
Salis redete nicht lange herum. „Schön, dass Ihr uns empfangt, reden wir doch ein wenig über Zeitmagie.“
„Wovon sprecht Ihr?!“, rief er aufgebracht.
In diesem Moment trat sein Sohn Felix hinter ihm hervor. „Vater, sie wissen es, ich habe es ihnen gesagt.“
„Was? Felix, wie konntest Du nur?“
„Eure Falle wurde entschärft, Alexius.“ Salis sah aus den Augenwinkeln eine Gestalt.
Dorian stellte sich neben sie. „Beendet es, bevor es zu spät ist.“
Alexius schrie so laut, dass sich seine Stimme überschlug. „Ich diene dem Ältesten! Ihr könnt ihn nicht aufhalten!“
„Hört Euch doch selbst zu! Was ist aus Euch geworden? Ihr wart einst ein Vorbild für mich!“ Dorians Stimme klang flehentlich.
Alexius schrie verzweifelt: „Der Älteste hat mir versprochen, meinen Sohn zu retten. Er ist mit der Verderbnis infiziert.“
Felix fasste nach seinem Arm: „Vater, lass' von diesem Wahnsinn ab!“
Der Magister schüttelte den Kopf und rief seinen Wachen zu: „Tötet den Herold!“ Aber da gingen seine Handlanger reihenweise zu Boden und hinter ihnen traten Lelianas Späher hervor.
„Ihr habt verloren. Gebt auf!“ Salis machte einen verhängnisvollen Schritt auf Alexius zu und befand sich nun in seiner Reichweite. Dieser hielt ein Amulett in der Hand und eine Art Riss öffnete sich. Dorian war schnell genug, um einen Gegenzauber zu wirken und sich das Amulett zu schnappen. Und dennoch verschwanden er und die Elfe im Riss.
Leliana konnte nicht glauben, was gerade geschah. Zehn Sekunden später kamen die beiden wieder zum Vorschein. Sie sahen mitgenommen aus, aber sie waren unversehrt. Alexius ließ sich ohne Gegenwehr gefangen nehmen. Er hatte jeden Lebenswillen verloren und schaute seinem Sohn ein letztes Mal in die Augen: „Du wirst sterben, Felix.“
Dieser antwortete mit leiser Stimme: „Es gibt Schlimmeres als den Tod, Vater.“ Dann führte man Alexius ab und ließ Felix gehen.
Cassandra fasste nach Salis Arm. „Geht es Euch gut?“, fragte sie besorgt.
Die Elfe schüttelte den Kopf. „Ich habe Dinge gesehen …“ Sämtliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.
Die Tür zum Thronsaal wurde geöffnet und knallte laut gegen die Wand. Ein neugieriger Mann und eine zornige Frau traten in die Halle. Leliana rief laut: „Alistair!“ Sie korrigierte sich schnell. „Ich meine: Eure Hoheit.“ Aber da hatte er sie schon stürmisch umarmt. „Leliana! Was für eine Freude!“ Seine Gattin schaute weniger begeistert zu. „Anora, sieh' doch, wer da ist!“
Die Meisterspionin stellte ihm den Rest der Gruppe vor und Salis bemerkte eine fast kindhafte Neugier in seinen Augen. Königin Anora war indes wütend. „Ich möchte, dass die Magier unser Schloss verlassen und zwar schnell. Sie sollten hart bestraft werden. Uns hier festzusetzen, nachdem wir so freundlich zu ihnen waren!“
Kleinlaut erschien Großverzauberin Fiona, Anführerin des Aufstandes, eine Elfe mittleren Alters mit kurzen braunen Haaren. Eine etwas unvorteilhafte Frisur für ihr rundliches Gesicht, wie Leliana feststellte, zumal die recht kurze Nase diesen Eindruck noch verstärkte. Sie trug die typische zweigeteilte Robe eines Magiers, bestehend aus einem Mantel über einem bodenlangen Gewand. „Eure Hoheiten, wir wollten nie, dass es so weit kommt.“ Ihre Haltung war unterwürfig.
„Verschwindet einfach von hier!“
Die Magierin bettelte fast. „Wir sind so viele und wir wissen nicht, wo wir hin sollen. Die Templer werden uns töten.“
Salis stand eine Weile etwas abseits und stellte sich nun vor Fiona. „Wir brauchen Euch um die Bresche zu schließen. Alleine schaffen wir das nicht.“
„Zu welchen Bedingungen?“, fragte die Großverzauberin misstrauisch.
„Beschissener als der Pakt mit Tevinter kann es nicht werden, meine Liebe“, warf Dorian ein.
Salis lächelte. „Ihr seid unsere Verbündete“, und reichte ihr die Hand. Fiona schüttelte diese erleichtert. „Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.“
Cassandra flüsterte dem Herold erzürnt ins Ohr: „Wir sprechen uns noch.“

Vier Stunden später startete die Entourage der Inquisition gen Haven. Die durch den Kampf mit den Templern verletzten Magier verteilte man auf Ochsenkarren und Pferde. Auch Salis und ihre Begleiter waren zu Fuß unterwegs. Großverzauberin Fiona führte die Magier an, es waren um die dreißig Personen und man sah anhand ihrer Kleidung, dass sie aus allen möglichen Zirkeln und Ländern kamen. Sie trugen Roben, Lederkleidung oder sogar Rüstungen. Mit einer so großen Anzahl an Menschen hatte man nicht gerechnet und nach Fionas Angaben würden sich im Laufe der nächsten Tage und Wochen sicherlich noch mehr Magier in Redcliff einfinden. Es konnte also nicht schaden, einige Späher dort zurückzulassen.
Nach einer Weile fing die Karawane an, sich in die Länge zu ziehen, so dass Leliana einige ihrer Leute am hinteren Ende mitlaufen ließ, um die zurückgefallenen Magier anzutreiben. Sie schien genervt. „Wir kommen langsamer voran als gedacht und werden im Freien übernachten müssen.“ Ihre Bemerkung war an die Dalish Elfe gerichtet, welche die ganze Zeit schweigend neben ihr lief.
Salis ließ die Schultern hängen und sagte erschöpft: „Die meisten Magier sind in ihren Zirkeln eingesperrt gewesen. Erwartet also nicht, dass sie die Kondition Eurer Leute haben.“
„Manche sind hilflos wie Kinder, denen man genau sagen muss, was sie tun sollen. Es ist traurig. Sie jammern und beschweren sich, dabei sind wir noch nicht lange unterwegs.“ Cassandra trat angesäuert einen Stein zur Seite.
„Vielleicht sollten wir ein Lager aufbauen? Es wird bald dunkel und ehrlich gesagt ist mir auch nicht mehr nach Marschieren zumute.“ Die Elfe machte immer noch einen angeschlagenen Eindruck.
Leliana nickte zustimmend. „Gute Idee und dann erzählt Ihr uns, was passiert ist. Selbst der quasselnde Magier ist ruhig.“
Dorian maulte: „He, man wird doch wohl ein wenig nachdenklich sein dürfen, oder? Das, was wir gesehen haben, nimmt mich genauso mit.“
Es war schwer, den Magiern mitzuteilen, dass sie die Nacht in der Kälte auf der Erde schlafen mussten. Die meisten fügten sich, aber einige besonders verwöhnte Exemplare hörten nicht auf zu meckern. Sie waren das Leben in den Zirkeln gewohnt, alles wurde für sie geregelt und sie mussten sich über nichts anderes Gedanken machen als über dämonische Besessenheit, welche sie im Schlaf ereilen konnte. Man wusch ihre Kleidung und stellte ihnen das Essen dreimal am Tag vor die Nase. Sie konnten sich ganz ihren Studien widmen.
Großverzauberin Fiona rief drei Magier herbei um die Lagerfeuer zu entzünden. Mit einigen Feuerzaubern eine recht schnelle Sache. Als die wärmenden Feuer brannten, kehrte zum Glück etwas Ruhe ein. Man gab Essen aus und Decken.
Die Gruppe um Salis saß ein wenig abseits ums Feuer herum. Die großen Äste knackten in der Glut und ein Hauch von Harz lag in der Luft. Leliana sog die Luft ein und schwärmte: „Ich liebe diesen Geruch. Es erinnert mich an früher. An die Zeit der fünften Verderbnis. Wir lagerten auch oft in der Natur und hörten uns Alistairs Gejammer an, wenn er mal wieder ein Loch in seinem Hemd hatte. Er fand immer jemanden, der es ihm stopfte, weil er so traurig dreinschauen konnte.“ Sie schubste Salis leicht am Arm an. „Und nun erzählt.“ Es war eine sanfte Aufforderung.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Die Elfe schüttelte den Kopf.
„Das Amulett. Was bewirkte es? Ihr und Dorian wart verschwunden und tauchtet nur Sekunden später wieder auf,“ fragte Cassandra eindringlich.
„Es hat uns in der Zukunft stranden lassen und wir sahen, was nach unserem Verschwinden geschehen würde … wenn es uns nicht gelingt, dem Einhalt zu gebieten.“ Salis schloss die Augen. „Ein Jahr nur. Ein verdammtes Jahr. Kaiserin Celene wurde ermordet und damit Orlais ins Chaos gestürzt. Fällt Orlais, so fällt ganz Thedas. Ein Dämonenheer überrannte das Land. Dorian und ich fanden uns im Kerker des Schlosses wieder. Wir suchten nach einem Ausweg und fanden Euch drei schließlich.“ Ihre Stimme versagte und Dorian redete weiter.
„Rotes Lyrium hatte Euch verderbt, Blackwall und Sucherin Pentaghast, aber Leliana musste ein Jahr lang schlimmste Folter über sich ergehen lassen. Wir fanden sie zuletzt und machten uns dann auf den Weg in den Thronsaal. Ich fand heraus, wie wir in die Gegenwart zurückkehren konnten, aber da erzitterten die Wände des Schlosses. Der Älteste kam. Was oder wer er auch immer sein mag. Uns blieb keine Zeit mehr, also habt Ihr drei den Feind so lange in Schach gehalten, bis ich den Zauber wirken konnte.“
Salis sagte traurig: „Ihr habt Euch für uns geopfert. Leliana, ich habe Euch sterben sehen.“
Die Meisterspionin lächelte. „Und Ihr seid wieder hier. Zu diesem Handel bin ich jederzeit bereit.“
„Es war ehrenvoll. Von Euch allen und es bewegt mich zutiefst. Danke.“ Die Elfe schluckte schwer. „Niemand außer Euch hatte überlebt. Niemand.“ Sie schaute unter sich. „Alle starben bei einer der ersten Angriffswellen der Dämonenarmee. Varric … Lady Montilyet ...“
Cassandra wechselte den Platz, setze sich dicht neben Salis hin und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. „Dank Euch ist diese grausame Zukunftsvision nicht eingetreten. Wir sind alle da, auch Josephine.“ Sie lächelte wissend.
„Ist das so offensichtlich?“, fragte Salis verwirrt.
„Dass Ihr die Botschafterin mögt? Ja, ist es, aber es scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen.“ Die Sucherin tätschelte ihr beruhigend den Rücken.
Dorian rief eingeschnappt aus: „Und solchen Tratsch enthaltet Ihr mir vor?! Schämt Euch.“ Er lachte schalkhaft. „Eine gute Partie, Herold.“
Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte Salis zaghaft, versuchte aber geschickt, vom Thema abzulenken. “ Wir sollten schlafen gehen.“
„Seht Ihr, das liebe ich an der Natur: man lässt sich einfach nach hinten umfallen, zieht sich eine Decke über den Kopf und hofft, dass einem keine Käfer in die Hose krabbeln.“ Dorian schnappte sich eine Wolldecke und wickelte sich darin ein.
Leliana reichte die Decken reihum weiter und sagte zu Cassandra feixend: „Und beklaut Blackwall nicht wieder in der Nacht.“
Salis grinste frech. „Dann würde ich an seiner Stelle unter ihre Decke kriechen.“
„Bloß nicht!“, schnaubte die Sucherin, deckte sich zu und drehte den anderen den Rücken zu.
„Na dann bin ich hier wohl in Sicherheit“, meinte der Graue Wächter lachend und legte sich trotzdem einige sichere Meter von Cassandra entfernt schlafen.

Als die ersten Vögel Nachrichten vom Erfolg der Mission brachten, wurde es hektisch in Haven. Man hatte die Anzahl der Magier unterschätzt und baute nun eilig weitere Zelte auf. Da es sehr unangenehm war, bei dieser Kälte draußen zu nächtigen, versuchte man zuerst die Hütten zu belegen. Die Leute mussten eng zusammenrücken.
Die umliegenden Höfe lieferten weitere Vorräte an. Holz, Getreide und haltbares Trockenfleisch. Ein paar Bedienstete versuchten ihr Angelglück am See.
Man fragte sich, ob die Decken reichen würden und das Klappern der beiden Webstühle in der Nähe  der Schmiede hörte auch nachts nicht auf. Die Schreiner waren damit beschäftigt, weitere Gestelle für Feldbetten herzustellen.
Die große Küche wurde um eine weitere Kochstelle in der Nähe der Zelte beim Haupttor erweitert. Man teilte die Vorräte auf und rechnete mit einem Ansturm hungriger Mäuler. Cullen traf mit seinen Soldaten in der Nacht ein, um bei den Vorbereitungen zu helfen.

„Sie kommen!“, rief ein Späher am nächsten Mittag aus und rannte die Treppen hoch zur Kirche. Helle Aufregung herrschte in Haven und überall gingen die Türen zu den Hütten auf, Menschen rannten umher, alles sollte für den Empfang bereit sein.
Auch Niin lief ans Haupttor und traf dort auf Varric und die Sturmbullen. Als die Karawane in Sichtweite kam, wurde ihnen das ganze Ausmaß der Aktion bewusst. Die kleine Elfe staunte. „Das sind ja viele Leute!“
Eine Zahl zu lesen, war eine Sache, aber nun zu sehen, wie viele Menschen da auf Haven zumarschierten, das stand auf einem anderen Blatt.
Allen voran erblickte sie Salis und die anderen. Ihre Gesichter waren ernst und sie wirkten ein wenig abgespannt. „Wo ist eigentlich Rüschchen?“ Varric blickte sich suchend um. Späherin Harding gesellte sich zu ihnen. „Die Botschafterin versucht verzweifelt, Cullens Wutanfall einzudämmen. Ich weiß nicht, wer von beiden lauter schreit, aber man hört es bis vor die Tür.“
„Wieso ist er so sauer?“, fragte Niin.
„Es passt ihm nicht, dass der Herold die Magier als Verbündete verpflichtet hat. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann würden diese jetzt Gefangene der Inquisition sein.“
„Na, das kann ja was werden.“ Varric schüttelte den Kopf.
Die Elfe lief los und fiel Salis um den Hals. „Herzlich willkommen!“ Sie musterte ihre Freundin. „Du siehst müde aus.“
Der Herold lächelte matt. „Ein Bad und ein Bett. Das wäre jetzt genau das Richtige.“ Ihr Blick suchte nach Josephine.
„Die Botschafterin hat einen heftigen Streit mit Cullen“, erriet Niin ihre Gedanken.
„Ich sehe mal nach,“ seufzte Salis und machte sich auf den Weg hoch zur Kirche.
„Hallo Niin. Das Lager steht noch“, witzelte Leliana. „Wie war die Zeit?“
„Oh, ich habe versucht, mit dem Bogen klar zu kommen und ansonsten haben wir etliche Latrinen ausgehoben.“ Niin grinste dreist.
Die Meisterspionin meinte mit einem Augenzwinkern: „Ist Euch nicht langweilig geworden, was?“
„Nö, aber die Masse an Magiern haben wir dennoch völlig unterschätzt.“
„Ja, es wird spannend, alle unterzubringen und mir graut's ehrlich gesagt davor. Ich muss los.“ Damit lief sie zu den anderen und sie gingen dicht hinter Salis her. Leliana und Cassandra tuschelten miteinander, schließlich hörten sie das Geschrei.
Die Dalish Elfe blieb erst horchend stehen und stapfte dann wütend und entschlossen voran.
„Wir müssen etwas tun“, flüsterte die Sucherin. „Sonst gibt es gleich Mord und Totschlag.“
Diese Befürchtung war gar nicht mal so unberechtigt, denn Salis riss die Tür zum Besprechungsraum so schwungvoll auf, dass diese gegen die Wand krachte. „Gibt es einen Grund für Euer Gelärme, Cullen?“ Sie stellte sich zwischen ihn und Josephine.
Der Kommandant beruhigte sich nicht. Er schrie den Herold an. „Was habt Ihr getan?! Seid Ihr wahnsinnig, den Magier eine Allianz anzubieten?! Das hättet Ihr gefälligst mit uns absprechen müssen! Ich komme die Nacht hier an und erfahre, was Ihr angerichtet habt.“
„Ich musste eine Entscheidung treffen.“ Salis verlor die Fassung. „Ihr habt gut Reden, Ihr wart in Redcliff und seid gleich, nachdem wir Alexius an Euch übergeben hatten, wieder abmarschiert. Wann hätte ich denn mit Euch reden sollen?“ Die Botschafterin fasste sie am Arm und zog sie etwas von Cullen zurück, während sich Leliana und Cassandra in die Mitte stellten.
„Leute, beruhigt Euch!“ Dorian hob beschwichtigend die Hände und wandte sich an den Kommandanten. „Ihr seid ungerecht und das wisst Ihr.“
„Ich hätte niemals eine solche Entscheidung gut geheißen“, bemerkte Cullen zornig.
Blackwall, der schweigsame Wächter, warf ein: „Niemand kämpft gut für seine Kerkermeister. Die Magier gefangen zu nehmen war keine Option. Und jetzt beruhigt Euch. Seht Ihr nicht, dass dem Herold noch der Schreck ins Gesicht geschrieben steht?“
Cullen schwieg. Er schnaufte aufgebracht, sagte aber nichts. Salis verließ kopfschüttelnd den Raum und lief zu ihrer Hütte. Dort legte sie sich aufs Bett und starrte die Wand an. Nach einiger Zeit ging die Tür leise auf, sie hörte Schritte und jemand setzte sich auf die Bettkante.
„Was ist im Schloss passiert, Salis?“ Josephines Hand streichelte ihre Wange und die Elfe drehte sich auf den Rücken. Sie begann der Botschafterin zu erzählen, was sie gesehen hatte.
„Der Gedanke, dass Ihr nicht mehr da wart ...“ Ihr kamen die Tränen. „...so unerträglich.“
„Nun bin ich hier.“ Josephine küsste sie sacht und tupfte die Tränen mit einem Taschentuch weg.
Salis lächelte zaghaft, sie setzte sich neben die Botschafterin und fasste nach deren Hand. „Ja, Ihr seid hier. Das ist alles, was zählt.“
Josephine stand auf, ließ die Hand aber nicht los. „Kommt, wir müssen wieder zurück. Es hilft nichts. Wir müssen besprechen, wie wir die Bresche nun endlich schließen können.“
„Am liebsten noch heute“, murmelte Salis doch die Botschafterin dämpfte ihren Tatendrang schnell. „Zuerst müssen die Magier versorgt werden. Dann brauchen wir eine Art Angriffsplan, der den genauen Einsatz von Großverzauberin Fionas Leuten regelt. Sie sollten Euch optimal unterstützen, damit das Unternehmen erfolgreich wird.“ Sie seufzte. „Und schließlich müssen wir dafür sorgen, dass die Magier ihre Energien bündeln können. Es wird sicher Tage dauern, um das zu üben.“
Sie gingen zum Eingang, Josephines Hand berührte den Türknauf schon, aber Salis hielt die Tür zu. „Krieg' ich noch einen?“, fragte sie vorsichtig und ehe sie sich versah, spürte sie Josephines Kuss auf ihren Lippen. Diesmal  nicht mehr so vorsichtig und sie hätte am liebsten die Hütte verschlossen.

Niin beobachtete neugierig, wie Soldaten auf dem freien Platz vor dem Haupttor, der ihnen bislang als Übungsgelände diente, Holzbohlen und -planken aufschichteten. Kistenweise wurde Material herangeschafft. „Was machen die da?“, fragte sie Krem.
„Sie bauen zwei Triboks vor den Befestigungsmauern auf. Das alte Riesenmonstrum am stillgelegten Bergwerk reicht nicht aus, um Haven verteidigen zu können.“ Dieser Tribok war in der Tat gewaltig und in der Lage, gigantische Felsbrocken zu schleudern. Man richtete ihn auf einen der Felshänge aus, um notfalls eine Lawine auslösen zu können.
Das Grundgerüst auf dem Platz war schon zu sehen, es stand auf Rädern und der Geschützturm mit der großen Steinschleuder würde sich drehen können. „Ich schätze, morgen ist das Ding schon fertig. Eigentlich dienen diese kleineren Triboks der Belagerung“, fachsimpelte Krem und war ganz in seinem Element. Militärtechnik war sein Steckenpferd.
„Irgendwie beruhigend, oder?“, fragte Niin ein wenig zweifelnd.
Der Hauptmann blickte sie an und zog eine Augenbraue hoch. „Du glaubst es offensichtlich nicht und ich auch nicht. Alleine die Tatsache, dass die Triboks aufgebaut werden, lässt darauf schließen, dass man mit einem Angriff rechnet.“
Sie hörten Späherin Hardings verärgerte Stimme von weitem und entschlossen sich, nachzusehen. „Nein, es gibt für jeden nur EINE Decke!“ Um sie herum standen Magier und redeten auf sie ein. „Wir haben keine besseren Unterkünfte!“ Sie schien langsam zu verzweifeln. Und schaute in Niins und Krems Richtung. „Ich weiß langsam nicht mehr, was ich noch sagen oder tun soll. Die sind wie die kleinen Kinder.“
„Das sind sie im Grunde auch. Sie waren noch nie außerhalb der Zirkel. Dort hatten sie alles, was sie brauchten und mussten sich darüber nie Gedanken machen.“ Die Elfe schaute auf das Chaos an den Zelten. Sie mussten so viele Betten wie möglich hineinstellen und das war für viele Magier eine Zumutung. Sie stritten darum, wer in die wärmeren Hütten durfte und wer draußen schlafen musste.  Man hatte in der Kirche ebenfalls Schlafstätten errichtet. Einfache Lager aus Stroh, mit einer Decke darüber. Cullen war klar, dass diese Art der Unterbringung keine Lösung auf Dauer war und plante längerfristig den Bau weiterer Hütten und die Erweiterung Havens.
„Statt dankbar zu sein, meckern die herum. Verstehe ich nicht.“ Krem schaute dem Treiben ratlos zu und Harding drückte ihm einfach einen Stapel Decken in die Arme. „Los helft mir! Ich dreh' gleich durch“, sie ergänzte widerwillig: „Bitte.“
„Ah, das Zauberwort. Machen wir doch gerne, oder Niin?“ Die Elfe nickte eifrig und so verbrachten sie den Tag mit der Verteilung von Decken und Betten. Am späten Abend standen die drei vor leeren Vorratskisten. Ihnen schmerzte der Rücken und Harding fragte: „Wo bekommen wir jetzt etwas zu essen her? Die Taverne ist so voll, die fallen bald aus den Fenstern.“
„Gesellt Euch zu den Sturmbullen. Wir haben sicher noch Vorräte.“ Kurze Zeit später saßen sie am Lagerfeuer und mussten sich die alten Geschichten des Bullen anhören. Netterweise verzichtete er wegen Niin auf allzu pikante Details.

Salis schleppte sich gähnend aus dem Besprechungsraum am Ende der Haupthalle, hinter dem sich die eigentliche Kirche mit ihrem Andachtsraum befand, und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stunde um Stunde wurde über die beste Strategie diskutiert und als sie Josephine in deren Arbeitszimmer folgen wollte, um ihr Gute Nacht zu sagen, drängelte sich Cullen ebenfalls in den Raum und legte der Botschafterin einen Stapel Papiere auf den Tisch. Lageberichte für den Stützpunkt bei Redcliff, Auflistungen der am nötigsten gebrauchten Dinge für die Magier nebst einigen Bestellungen für seine eigenen Leute, denen es nun an Kleidung mangelte, welche sie abgetreten hatten.
„Dezent wie immer, der Kommandant.“ Leliana hätte ihn am liebsten am Pelzkragen aus der Kirche geschleift.
„Mordgedanken?“ Cassandra grinste müde.
„Wundert Euch das?“
Ein Späher kam mit einigen Gepäckstücken an und stellte sie vor der Sucherin ab. „Das gehört Euch, nehme ich an, Mylady.“
„Was soll das?!“, fragte sie entgeistert.
„Euer Zelt wurde in Beschlag genommen. Dort sind nun Magier untergebracht.“
„Und wo soll ich schlafen?!“
Leliana kicherte unterdrückt. „Verzeiht, aber Euer Gesicht ...“
„Sehr komisch, Schwester Nachtigall.“
Salis kam an und überlegte: „Schlaft einfach bei uns in der Hütte.“ Sie schnappte sich einen Koffer und winkte Cassandra, ihr zu folgen. Die Sucherin trabte fluchend hinter ihr her. „Die Kerle haben meine Unterwäsche in den Pfoten gehabt.“
Die Dalish Elfe musste so lachen, dass sie auf der Treppe fast ausgerutscht wäre. Schlingernd erreichte sie die Hütte, in der Niin schon ein behagliches Feuer gemacht hatte. Sie schaute den Übernachtungsgast überrascht und interessiert an.
Cassandra blieb unschlüssig in der Tür stehen. „Wo kann ich schlafen?“
Salis überlegte kurz. „Da mein Bett recht groß ist und Niin nicht allzu viel Platz braucht, ebenso wie ich, schlafen wir beide hier und Ihr im Feldbett.“
„Ich will Euch keine Ungelegenheiten machen.“
„Sucherin, wir sollten uns schnell einigen. Ich bin hundemüde.“
„Wann wollt Ihr aufbrechen?“ fragte Niin neugierig.
„Wir sollten diese Unternehmung so schnell wie möglich starten. Wenigstens in diesem Punkt waren wir uns alle einig. Aber es ist für die Magier nicht so einfach, all ihre Fähigkeiten auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren. Noch wissen wir nicht, wie viele wir überhaupt brauchen.“ Salis packte ungefragt Niins Bettzeug auf ihre Schlafstätte.
„Und wir wissen nicht, wer dieser ominöse Älteste ist.“ Cassandra wühlte in ihrem Gepäck. „Na, wenigstens habe ich eine Decke.“
„Toll, dann hauen wir uns jetzt aufs Ohr.“ Niin wackelte mit den Ohren und die Sucherin rief begeistert: „Macht das nochmal!“ Salis schmiss sich lachend aufs Bett.
„Los, zieht Euch um. Alle beide!“ Cassandra scheuchte die Elfen durch die Hütte und schließlich ins Bett. Sie selbst lag noch lange wach. Sie mussten erfolgreich sein. Eine weitere Option gab es nicht.

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