Die Meisterspionin ergriff die Gelegenheit um mit Niin ungestört ein paar Worte zu wechseln, trat vor die Hütte und klopfte laut vernehmlich an.
„Ja?“
Sie trat ein, man hörte ihre Lederstiefel leise knarren und blieb erstaunt stehen. Niin saß am Schreibtisch und dieser war übersät mit Zeichnungen. Die Elfe stand schnell auf, schob sich vor den Tisch um die Sicht zu verdecken, doch Leliana kam näher und fragte verblüfft: „Das ist ...“ sie angelte um Niin herum nach einem der Blätter und hielt es vor sich. „Das ist wundervoll.“ Die Zeichnung zeigte einen Widder und war schnell mit einem Bleistift skizziert worden.
Leliana ließ ihre sonstige Zurückhaltung fallen und ihre Finger fuhren sachte über die kleinen Kunstwerke. Allesamt aus dem Gedächtnis gezeichnet. Varric beim Holzhacken, der Eiserne Bulle beim Trinken, Cassandra mit dem Übungsschwert, die Blackwall verprügelt …
Sie konnte es kaum fassen wie naturalistisch die Zeichnungen aussahen. Ihr war die Begeisterung anzusehen. „Niin, das ist großartig. Woher könnt Ihr das?“ Sie setzte sich und bedeutete der Elfe an, ebenfalls Platz zu nehmen. Diese ließ sich auf dem Feldbett nieder. „Ich habe eines Tages damit angefangen. Einfach so. Ich wollte mir einen bestimmten Ort merken und skizzierte ihn.“
Leliana überlegte kurz. „Heißt das, Ihr seht etwas und könnt es dann zeichnen?“
Niin rief eifrig: „Ja, ich kann mir Vieles merken. Das war schon immer so. Der Winterpalast hat so schöne Statuen.“ Sie wühlte im Papierstapel herum und holte eine Zeichnung hervor, die einen Löwen zeigte. „Die sieht man auf dem Weg zum Gesindetrakt.“
Leliana setzte sich neben sie und stellte erleichtert fest, dass Niin richtiggehend aufblühte. Sie schleppte den ganzen Schwung Blätter an und es war ergreifend, wie munter sie auf einmal war. Voller Leben und Energie. Sie ließ die kleine Elfe gerne reden, hörte geduldig und interessiert zu. Offensichtlich waren Niins ehemalige Herrschaften oft am Hof von Kaiserin Celene zu Gast gewesen. Auch die Elfe selbst hatte die besten Umgangsformen und schien gebildet zu sein. Besonders die Kunst hatte es ihr angetan.
Nach einer Weile sprang Niin auf und stammelte fast verzweifelt: „Bitte verzeiht mir, Mylady. Ich wollte Euch nicht die Zeit stehlen. Ihr müsst ja Schlechtes von mir denken.“
Leliana blickte sie prüfend an. „Warum sollte ich? Setzt Euch wieder, Ihr habt nichts falsch gemacht. Ich hätte nie im Leben geahnt, was für ein Talent in Euch schlummert. Eigentlich wollte ich mit Euch über Denerim reden.“
Um ein Haar wäre Niin auf die Knie gefallen. „Oh, und ich blöde Pute rede dauernd über meine Arbeiten. Ich ...“
Leliana hob die Hand und winkte ab. „Wenn es mich nicht interessieren würde, dann hätte ich mir Eure Zeichnungen nicht angesehen.“ Es fiel ihr schwer, fortzufahren. „Kanntet Ihr die Heldin von Ferelden? Ihr seid im gleichen Gesindeviertel aufgewachsen.“
Niins Gesicht wurde ernst, fast versteinert. „Ja, ich kannte Annae sehr gut. Sie war einige Jahre älter als ich. Als die Menschen kamen und sie verschleppten, ließen sie mich zum Glück gehen. Ich war ihnen zu jung.“
„Meine Liebste hatte sich oft Vorwürfe gemacht, dass sie sich gegen ihre Peiniger zur Wehr setzte. Letztendlich führte das zur Schließung des Gesindeviertels und das, obwohl man ihr versicherte, es habe keine Folgen.“
„Die meisten von uns haben ihr nicht die Schuld dafür gegeben. Es wäre so oder so passiert. Früher oder später.“
„Wie war Annae als Kind?“ Sie wollte diese Frage gar nicht stellen. Es war nicht gut, alte Wunden immer wieder aufzureißen.
„Sie hat mich oft vor den Größeren beschützt.“ Niin schaute verlegen unter sich. „Na ja, ich war halt immer die Kleinste von allen.“ Sie grinste. „Dafür habe ich die größten Ohren.“
Leliana schmunzelte. „Gut, ein wenig größer sind sie schon, das passt aber zu Euch.“
„Sie nannten mich 'Fledermaus'. Nicht gerade nett.“
„Aber irgendwie süß“, entfuhr es der Spionin und sie wurde rot. „Im Sinne von niedlich.“
„Ja, niedlich,“ reagierte Niin leicht säuerlich. „Alle denken immer, man müsste mich mit Samthandschuhen anfassen.“ Sie schaute Leliana fragend an. „Denkt Ihr das auch?“
„Ich glaube, das denken wir alle.“
„Ich bin eine erwachsene Frau und kein Kleinkind“, entfleuchte es Niin trotzig.
„Gut, Botschaft angekommen. Ihr wollt also keine besondere Fürsorge, sondern wie all die anderen behandelt werden?“ Niins große Augen lösten bei Leliana im Handumdrehen warme Gefühle aus. Sie schüttelte den Kopf. „Ihr macht es einem nicht leicht.“
„Dem Lord hat es auch nichts ausgemacht mich quer durch die Küche zu treten.“ Sie zuckte mit den Schultern. Es sollte gleichgültig wirken, aber ihr Gesicht brannte heiß.
Leliana nahm sie in den Arm, strich ihr tröstend durchs Haar und spürte wie ihre Hand nass wurde. Es machte sie wütend, wie viele Menschen mit den Elfen umsprangen. Sie fing an, ein altes Kinderlied zu summen und Niin beruhigte sich langsam. Dann erzählte die Elfe ganz leise von Annae.
Leliana schloss die Augen und lauschte. Erst zerbrach ihr Herz erneut, dann wurde es still in ihr und zuletzt fühlte sie sich sonderbar leicht und friedlich.
Als sich beide voneinander lösten war über eine Stunde vergangen. Niin stand auf und ging zum Kamin. Sie zog einen Dolch und hielt ihn so fest umklammert, dass die Knöchel hervor traten. Langsam hob sie ihn an.
„Nein, Niin, nicht!“ Leliana flog regelrecht heran, umklammerte mit der Rechten die Dolchhand und zog die Elfe mit dem linken Arm zu sich heran. „Tu das nicht. Tu das nicht“, flüsterte sie in Niins Ohr, ihr Atem ging schneller. Langsam senkten sich beide Hände mit der Waffe.
„Ich wollte nicht ...“ Niin drehte ihren Kopf und schaute die Spionin fassungslos an. „Du glaubst, ich wollte mich töten?!“
Lelianas Griff lockerte sich etwas. „Ja, natürlich dachte ich das“, meinte sie unsicher. „Was beim Erbauer hattest Du damit vor?“
Niin lächelte seltsam. „Wenn Du mich loslässt, dann zeige ich Dir, was ich damit tun wollte.“ Sie fasste sich ins schulterlange Haar an der Schläfe, zog eine Strähne in die Länge und schnitt sie ab. Warf sie ins Kaminfeuer und verfuhr mit der anderen Seite genauso. Sie drehte sich zu Leliana um. „Jeder hat seine Art und Weise, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das ist mir eben klar geworden.“
Die Spionin blickte sie prüfend an und sagte lächelnd: „An Deiner neuen Frisur müssen wir aber noch ein wenig Hand anlegen. Im Moment sieht das noch recht wüst aus. Warte ...“ Sie nahm den Dolch, wies Niin an sich zu setzen und rasiert ihr die Schläfen aus. „Besser.“
Die Elfe strahlte. „Danke.“
Leliana sah auf die Tür. „Ich muss jetzt los. Mach mir keinen Unsinn, hörst Du?“
„Versprochen“, antwortete Niin grinsend. „Warte noch. Ich habe etwas für Dich.“ Sie nestelte auf dem Schreibtisch herum, wühlte ganz unten aus dem Stapel ein Bild hervor und überreichte es ihr. „Vorhin wollte ich Dir die Zeichnung nicht geben, aber ich denke, jetzt bist Du dazu bereit.“
Leliana starrte mit offenem Mund auf das Papier. „Das ist … das sind wir. Annae und ich!“ Sie ließ das Blatt sinken. „Oh Niin. Es ist wunderschön. Danke.“ Sie küsste behutsam die Stirn der Elfe. „In Dir ist so viel Güte und Mitgefühl. Bewahre Dir das.“
„Ich bin nur eine Elfe aus dem Gesindeviertel. Mehr nicht.“
„Dann musst Du erst noch erkennen, wer Du bist.“ Die Meisterspionin öffnete die Tür.
„Wie kann ich das?“
Leliana drehte sich noch einmal um. „Andere werden es Dir sagen, wenn Du es nicht siehst. Dazu sind Freunde da.“ Sie ging zur Kirche hoch und hoffte Josephine dort anzutreffen, schließlich gab es noch Einiges zu besprechen bevor es nach Redcliff ging. Wie leicht ihr bei Niin doch das Wort „Freund“ über die Lippen gekommen war. Sie kannten sich kaum und doch so sehr. Leliana riss sich zusammen und dachte wieder an die Planung. Sie mussten noch die Baupläne des Schlosses studieren und die genaue Anzahl der Späher festlegen, die an der Aktion beteiligt waren.

Salis und die Botschafterin kamen vom Spaziergang am Seeufer zurück schlenderten zum Tor. Dort verabschiedeten sie sich schweren Herzens und die Dalish Elfe wandte sich dem Lager der Sturmbullen zu. „Na, wie geht’s Eurem Hauptmann?“
Der Eiserne Bulle räkelte sich in der Sonne, der Stuhl begann unter ihm bedrohlich zu knacksen. „Ach, ab und zu höre ich einen wütenden Fluch oder einen Seufzer. Nichts Bedrohliches. Lelianas Zielgenauigkeit ist legendär.“ Er lachte dröhnend.
Salis rief neugierig: „Krem, könnt Ihr mal raus kommen?“
„Gleich,“ kam die zaghafte Antwort. Nach einigen Minuten öffnete sich das Zelt, Krem trat heraus, bemüht sich nichts anmerken zu lassen.
„Leliana hat einige Vorwürfe gegen Euch erhoben und ich wollte dem nachgehen.“ Salis hatte alle Mühe, ernst zu bleiben. Krem sah einfach zu bemitleidenswert aus.
Es war ihm peinlich und er hätte sich am liebsten auf seiner Bettstatt zusammen gekauert. „Mir war nicht bewusst, dass meine Worte so aufgefasst werden. Es tut mir leid.“ Den letzten Satz hauchte er eher dahin.
„Seht ihr, das kommt davon, wenn man eine dicke Lippe riskiert.“ Salis grinste sadistisch über beide Ohren und der Bulle lachte dermaßen, dass sein Stuhl zusammenbrach. Er lag auf dem Boden und sein Lachen dröhnte über den ganzen Platz.
„Ja, schon klar. Wer den Schaden hat ...“ Krem seufzte. „Ich seh's ja ein, ich hab' Mist gebaut. Ich bitte um Verzeihung.“
Salis überlegte kurz und entschied dann: „Ihr werdet Euch bei jeder Frau entschuldigen, die Ihr beleidigt habt. Und zwar mit Blumen. Handgepflückt. Und für Leliana lasst Ihr Euch etwas Besonderes einfallen.“
„Ist das ein Befehl, Mylady?“
„Es ist mehr eine Bitte, aber wenn Ihr unbedingt einen Arschtritt braucht, dann fasst dies als Befehl auf. Und nun solltet Ihr Blumen organisieren.“
„Aber hier liegt Schnee!“ protestierte Krem weinerlich.
„Dann lasst Euch etwas einfallen. Der Kavalier weiß sich zu helfen, wenn er einer Dame gefallen will.“ Sie zwinkerte ihm belustigt zu und wanderte ins Innere der Befestigungsanlage.
„Ein mächtig hartes Urteil, Krem.“ Mittlerweile hatte sich der Bulle erhoben und hieb seinem Hauptmann freundlich auf den Rücken, so dass es diesen fast von den Beinen fegte. „Und nun solltest Du anfangen zu suchen.“ Wieder erschallte sein Lachen und als er Krem davonschleichen sah, sagte er zu sich selbst: „Dieser Morgen ist unbezahlbar.“

Josephine hatte sich gerade umgezogen und an den Schreibtisch gesetzt, da kam Leliana herein. „Sag' mal, witterst Du, wann ich hier bin?!“, bemerkte die Botschafterin lachend.
Die Meisterspionin trat an den Tisch, schmunzelte und fragte scheinheilig: „Und? Wie war Euer Spaziergang?“
Josephine lief rot an und erwiderte zaghaft: „Sehr nett. Wir setzten uns ans Ufer und unterhielten uns eine ganze Weile ungestört.“
Leliana beugte sich wissbegierig über den Tisch. „Uuuund?“
„Und wir haben … Händchen gehalten.“
„Wie?! Das ist alles? Der Herold ist endlich mal alleine mit Dir und Ihr haltet Händchen?! Oh, Josie, in diesen Dingen bist Du wirklich so unschuldig wie ein Baby.“
Die Botschafterin sprang erzürnt auf und zischte eingeschnappt: „Bin ich nicht! Ich habe Erfahrung.“ Dann ließ sie sich in ihren Stuhl fallen. „Allerdings nicht mit Frauen.“ Sie blickte ihre beste Freundin verzweifelt an. „Herrje, was mache ich da nur?!“
Leliana verschränkte die Arme vor der Brust. „Dich verlieben. Was man halt so zu tun pflegt, wenn man sich sehr mag.“
„Verstehst Du nicht?! Meine Familie … was soll ich ihnen sagen?!“ Sie begrub ihren Kopf in ihren Händen. „Und ich habe keine Ahnung, was zwei Frauen miteinander tun könnten.“
„So weit seid Ihr ja noch nicht und ich gebe Dir ein paar Tipps, wenn es Dir hilft. Ich denke aber, dass Salis durchaus in der Lage ist, solche Situationen zu meistern.“
„Leliana, Du explodierst gleich!“
Die Meisterspionin prustete los. „Entschuldige, Liebes, aber das ist echt zu süß.“
„Ich hoffe, bis zur Besprechung kriegst Du Dich wieder ein.“
„Klar doch“, japste Leliana zwischen zwei Lachanfällen und wischte sich eine Träne aus den Augen. Sie holte tief Luft und holte Niins Zeichnung hervor. „Schau mal, das hat unser Krümelchen gemalt. Und wenn sie wüsste, dass ich sie so nenne, dann gäbe es mächtigen Ärger.“
Sie gab Josephine das Papier, diese machte große Augen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Das ist … ist das Annae?“ Sie blickte Leliana prüfend an. Wenn sie sonst von ihrer verstorbenen Liebsten erzählte, war ihr der tiefe Schmerz anzusehen, doch diesmal lächelte sie.
„Ja, das sind Annae und ich. So wie uns Niin in Denerim sah.“
Die Botschafterin traute sich kaum, die Zeichnung anzufassen. „Wenn ich daran denke, dass ich meiner kleinen Schwester Yvette diese ganzen Kunstkurse, Akademien und Meisterklassen bezahle und hier auf ein solches Talent treffe, wird mir ganz schwindelig.“
Leliana nahm das kleine Kunstwerk wieder an sich. „Deine Familie lebt auf Deine Kosten, Josie. Du solltest mal hart durchgreifen.“
Die Botschafterin seufzte. „Ich bin dabei, neue Handelsbeziehungen zu knüpfen. Drück' mir die Daumen. Wenn das nicht klappen sollte, sind wir bankrott.“
„So schlimm?!“, rief Leliana entsetzt.
„Ja, da lässt sich nichts mehr beschönigen. Du hast Recht: meine Familie tut immer noch so, als würden wir uns den ganzen Prunk leisten können. Na ja, nicht alle. Meine beiden Brüder bemühen sich, unsere Handelsflotte wieder aufzubauen, aber diese Bemühungen fruchten kaum.“
„Tut mir leid, das zu hören, Josie.“ Leliana streichelte liebevoll den Arm ihrer Freundin. In diesem Moment hörten sie die Glocken des Kirchturmes. „Nun gut, dann wollen wir uns mal streiten gehen.“

Im Hauptgang warteten schon Salis und Cassandra, die sich rege über Krems Ausrutscher unterhielten und seine auferlegte Strafe. „Ihr seid zu milde mit ihm umgesprungen, Herold.“
Salis winkte ab. „Er war mit Lelianas Knie schon genug gestraft. Nun wird er sich reihum entschuldigen.“
„Auch bei mir?“, fragte Leliana stirnrunzelnd.
„Besonders bei Euch.“
„Ich weiß nicht, ob mich das freut oder mir Angst macht.“
Als Letzter in der Runde kam Cullen herbeigeeilt. „Wie immer zu spät, Kommandant,“ bemerkte Cassandra verärgert.
„Neue Rekruten, neuer Ärger … neue Probleme. Dann lasst uns mal rein gehen, meine Damen.“ Er deutete eine elegante Verbeugung an und ließ der Schar den Vortritt.
Das brachte Salis auf eine Idee: „Wisst Ihr, Cullen, es wäre wirklich nett, wenn Ihr Hauptmann Aclassi von den Sturmbullen Manieren beibringen könntet.“
„Was hat er getan? Jemanden belästigt? Dann lasse ich ihn einkerkern.“
„Nein, so schlimm ist es nicht. Er sollte nur einmal einen anderen Umgangston Frauen gegenüber lernen. Etwas mehr Höflichkeit. Nicht dieses: 'He Süße, schwing' Deinen Hintern her!' Das ist inakzeptabel.“
„Bin ich jetzt schon der Anstandswauwau der Truppe? Mir reicht es gerade, dass ich für meine Rekruten die Amme spielen muss“, schnaufte Cullen ungehalten.
„War nur so eine Idee. Vergesst es.“
Cassandra konnte sich eine bissige Bemerkung nicht verkneifen. „Am Ende wird aus Krem genauso ein Miesmuffel.“
Das war ein wenig ungerecht, denn immerhin versuchte der ehemalige Templer aus einem zusammengewürfelten Haufen Freiwilliger gute Soldaten zu machen. Er arbeitete hart und gönnte sich nur wenig Schlaf.
Schon im Alter von dreizehn Jahren war er dem Templerorden beigetreten und er diente im Zirkel von Ferelden als die Verderbnis ausbrach. Er sah dort schreckliche Dinge, welche ihn bis heute verfolgten. Später wurde er in Kirkwall stationiert und entschied sich dafür, seiner irrsinnig gewordenen Kommandantin an der Seite des Champions und der Magier entgegenzutreten. Sucherin Cassandra holte ihn schließlich in die Inquisition.
„Können wir uns jetzt unserer aktuellen Aufgabe widmen?“ Er wusste, dass er gegen die Frauen keine Chance hatte und kam zum Grund dieser Besprechung. „Als der Herold sich in Redcliff mit der Rädelsführerin der aufständischen Magier treffen wollte, Großverzauberin Fiona, trat auf einmal ein Magister aus Tevinter auf den Plan. Alexius. Ihm gelang es, der Inquisition zuvorzukommen, indem er selbst die Magier verpflichtete. Ein genialer Schachzug, der ihm nur durch Zeitmagie möglich war, wie wir wenig später herausfinden konnten. Sein Sohn Felix hatte uns verraten, wie Alexius das angestellt hat. Wir sind nun gezwungen, ihn auf Schloss Redcliff aufzusuchen, weil wir ohne die Hilfe der Magier oder Templer die Bresche nicht schließen können. Ich bin immer noch der Meinung, dass wir die Templer um Hilfe bitten sollten.“
Salis schüttelte den Kopf. „Die haben uns in Val Royaux die kalte Schulter gezeigt. Dort wollten wir mit den Klerikerinnen der Kirche reden. Überraschenderweise trafen wir dort auf Templer und Lordsucher Lucius. Sie sagten sich von der Kirche los und verließen Val Royeaux. Damit sehe ich die Option, die Templer um Hilfe zu bitten, als nicht mehr existent an und schlage vor, dass wir uns an die Magier wenden.“
„Alexius wartet doch nur darauf, dass Ihr seiner Einladung folgt. Er will nicht verhandeln, er will Euch töten, Herold“, warf Leliana ein.
„Wir müssen dorthin, weil wir so eine Bedrohung durch Tevinter im eigenen Land, vor der eigenen Tür, nicht dulden können. Außerdem bekriegen sich Magier und Templer. Das muss endlich aufhören.“ Cassandra setzte sich auf die Kante des schweren Holztisches, auf dem etliche Landkarten von ganz Thedas lagen. Außerdem bildeten am Tischrand Einsatzpläne und Berichte der Späher einen größeren Stapel.
In diesem Moment flog die Tür auf und ein Mann trat ein. „Das wäre dann wohl mein Stichwort.“ Er blickte in die Runde. „Verzeiht, aber ich liebe dramatische Auftritte. Gestatten, mein Name ist Dorian Pavus.“ Er machte eine höfische Verbeugung.

Offensichtlich störten ihn die auf ihn gerichteten Schwerter nicht sonderlich. Salis kam ihm zu Hilfe und beschwichtigte die Anwesenden. „Wartet! Das ist der Magier, den wir in Redcliff trafen nachdem wir das erste Mal mit den Aufständischen geredet hatten.“
Der Eindringling genoss seinen Auftritt sichtlich. Er trug das Gewand eines Magiers, das zwar größtenteils aus Stoff bestand, aber sowohl Schultern als auch die Außenseiten der Oberarme waren mit Metallplatten gepanzert, die von Ledergurten gehalten wurden. Der dunkle Haarschopf stand vorne in die Höhe, fast wie ein kleiner Hahnenkamm, und der Knebelbart verstärkte den geckenhaften Eindruck noch, eine eigenwillige Kombination aus gezwirbelten Schnauzer und Ziegenbart. Er stolzierte wie ein Pfau durch den Raum.
„Wie habt Ihr Euch das eigentlich vorgestellt? Wir gehen da rein, sagen Hallo, bringen einen Obstkorb mit und fragen, ob wir uns ein paar Magier ausleihen können?“
Cassandra fuhr ihn von der Seite an. „WIR?!“
Dorian wurde ernst. „Ich kenne Magister Alexius und werde mitkommen. Wenn er den Herold beseitigen will, dann braucht Ihr einen Vorteil.“ Er lächelte die Sucherin charmant an. „Und dieser bin ich.“
Salis betrachtete ihn nachdenklich. „Gut, wir nehmen Euch mit.“
Der Magier lächelte sie zufrieden an, aber Leliana fragte misstrauisch: „Woher kennt Ihr den Magister?“ Sie umkreiste ihn wie ein lauerndes Raubtier.
Traurig antwortete er: „Alexius war einst mein Mentor. Jene Zeitmagie, die in Redcliff zum Einsatz kam, ist mir nicht unbekannt. Wir forschten beide in Tevinter daran, allerdings war das rein theoretisch und ich dachte nie, dass er die Forschungen zum Erfolg führen könnte. Wenn er etwas ähnliches im Schloss plant, dann werde ich es verhindern.“
„Was habt Ihr davon?“, fragte Cassandra voller Argwohn.
„Ich verabscheue das, was aus Alexius geworden ist. Er ist fanatisch und diesem Venatori Kult verfallen. Genau wie sie ist er vom Herold Andrastes regelrecht besessen. Er will Euch unbedingt auf Schloss Redcliff sehen.“
„Dann gilt es, herauszufinden warum das so ist.“ Salis verschränkte die Arme. So ernst sah man sie selten und in Josephine stieg ein ungutes Gefühl auf. Unbehagen zuerst, dann Angst.
Bis in den Abend hinein besprachen sie die beste Vorgehensweise. Binnen dreier Tage wollten sie wieder in Haven sein. Mit den Magiern. Ihre genaue Anzahl war kaum abzuschätzen. Man musste genügend Vorräte mitnehmen.
Leliana wollte ihre Späher anführen, die sich durch einen alten Fluchttunnel ins Schloss schleichen würden. Sie hatte die Pläne des Schlosses studiert und diskutierte mit Cullen und Cassandra lange, wo ihre Leute am besten positioniert werden sollten. Josephine verließ die Besprechung etwas früher, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Ihr oblag der gesamte Schriftverkehr der Inquisition und sie musste noch die Versorgung der Soldaten in die Wege leiten, da sie jetzt erst über die genaue Truppenstärke informiert worden war. Cullens Soldaten würden das Schloss nicht betreten, aber in Redcliff in Stellung gehen und heute Abend schon abmarschieren. Josephine wollte den Stützpunkt bei Redcliff informieren, dass eine größere Anzahl Soldaten unterwegs sei.

Es war bereits lange dunkel, als Salis vor die Tore der Kirche trat und die kalte Luft mit einem tiefen Atemzug einsog. „Das macht mich auch nicht munterer.“
Dorian stellte fröstelnd den Kragen seiner Robe hoch. „Netterweise darf ich mir das Quartier mit einigen schnarchenden Soldaten teilen. Ich nehme an, ich werde morgen auf dem Pferd einschlafen.“
„Zumindest können wir auf dem Hinweg reiten. Sicherlich werden wir den Rückweg zu Fuß zurücklegen müssen. So viele Pferde und Ochsenkarren haben wir nicht, um die Magier alle transportieren zu können.“ Salis drehte sich um und sah zum Tor. Dann verabschiedete sie sich und ging den Mittelgang der Kirche zurück bis zu Josephines Arbeitszimmer. Sie klopfte leise an, öffnete zugleich die Tür, und steckte vorsichtig den Kopf hindurch. „Lady Montilyet?“
Die Botschafterin lächelte entwaffnend. „Seit wann seid Ihr so zaghaft, Herold? Sonst reißt Ihr die Tür auf noch ehe ich 'Herein' gesagt habe.“
Salis kam zögernd näher und blieb vor dem Schreibtisch stehen. „Ich wollte mich von Euch verabschieden,“ sprach sie leise.
Josephine stand auf, griff nach ihrem unverzichtbaren Schreibbrett und ging um den Tisch herum. „Ich musste noch einige Papiere ausstellen, damit Ihr auch wirklich reibungslos in Redcliff ankommt. Eure Übernachtung ist nun geregelt. Unsere Späher vor Ort wissen Bescheid und beobachten die Gegend. Lelianas Leute haben mehrere Vögel losgeschickt, um die Nachrichten zu überbringen.“
„Ich will Euch nicht lange aufhalten“, meinte Salis unsicher.
Josephine stellte sich vor sie. „Aber nein, das tut Ihr nicht.“ Ihr Lächeln trieb der Elfe die Hitze ins Gesicht. Diese blickte auf das Schreibbrett. „Sieht man Euch auch einmal ohne Euren Abstandhalter?“, fragte sie verschmitzt grinsend.
„Was? Abstand … oh … Wie kommt Ihr denn darauf?“ Die Botschafterin schaute sie verwirrt an.
„Na ja, so kann Euch niemand zu nahe treten, nicht wahr?“
Josephine legte das Brett wieder auf den Schreibtisch und stellte sich so nahe vor Salis hin, dass sich fast ihre Zehenspitzen berührten. „Besser so?“ Sie musterte Salis abwartend und hatte natürlich registriert, dass deren Gesichtsfarbe gerade eine Stufe roter geworden war.
„Ich ...“ Die Elfe hatte das Gefühl als würde es in ihr lichterloh brennen. Sie räusperte sich verlegen. „Morgen früh brechen wir so zeitig auf, dass zu einem Abschied sicher keine Gelegenheit mehr sein wird.“
Josephines Hand tastete nach der ihren, sie hauchte Salis einen Kuss auf die Wange und flüsterte: „Passt auf Euch auf, Herold.“
Es klopfte energisch an der Tür und die beiden zuckten erschrocken zusammen. „Botschafterin?!“ Cullen riss die Tür auf und interessierte sich nicht dafür, dass er gerade gestört hatte. „Sind alle Nachrichten raus?“
„Natürlich haben wir alle Botschaften abgeschickt, Kommandant“, antwortete Josephine verärgert.
„Gut, dann sehen wir uns morgen.“ Er knallte die Tür wieder zu.
„Als wüsste ich nicht, was ich zu tun hätte. Das muss er MIR nicht sagen!“, rief die Botschafterin aufgebracht und fing an, wutentbrannt im Zimmer auf und ab wandern. Salis stellte sich ihr einfach in den Weg, nahm Josephines Gesicht in ihre Hände und küsste sie zaghaft. „Bis bald, Lady Montilyet.“ Sie sahen sich eine Weile schweigend in die Augen. Schließlich seufzte Salis. „Ich wünschte, ich würde die Zeitmagie beherrschen. Dann wäre ich schon wieder zurück.“ Das darauf folgende Lächeln der Botschafterin ließ die Elfe die halbe Nacht nicht schlafen.

Laute Rufe, Das Poltern von Kisten, eilige Schritte …
Salis wachte unsanft auf, streckte sich benommen und gähnte laut. Es duftete nach Essen, sie rappelte sich hoch, blickte in der Hütte umher. Niin deckte gerade den Tisch und lächelte sie an. „Guten Morgen, Herold. Du solltest etwas essen, bevor Du abreist.“
Die beiden Elfen setzten sich an den Tisch und ließen sich das Frühstück schmecken. Rührei mit Speck, Griespudding, Brot und verschiedene Käsesorten. Salis feixte: „Hast Du die Speisekammer ausgeraubt?“
Niin winkte grinsend ab. „Ach, die waren heute alle so beschäftigt, dass ich in aller Ruhe kochen konnte. Die Küche war so leer wie die Taverne, denn es gab heute nur belegte Brote wegen der Aufbruchshektik.“
Die Dalish Elfe verdrehte genießerisch die Augen. „Hm, das ist wirklich mal ein leckeres Frühstück. Davon nehme ich mir noch etwas für unterwegs mit.“ Sie schmierte ein paar Brote und belegte sie mit Käse. Sorgsam in Pergament eingewickelt, verschwand die Wegzehrung in einer großen Ledertasche, die sich Salis umhing, als sie sich umgezogen hatte.
„Pass auf Dich auf, Niinara.“ Die beiden Frauen umarmten sich herzlich. Als Salis gerade zur Tür gehen wollte, klopfte es und Leliana trat ein. Sie koordinierte seit Stunden ihre Späher, gab Instruktionen und hatte einige kleine Gruppen vorausgeschickt.
„Es ist so weit, Lady Lavellan.“
Salis nickte und ging zu den Stallungen, während Leliana in der Hütte blieb. „Stell mir nichts an, Niin“, meinte sie schmunzelnd.
Die Elfe grinste verschmitzt. „Sicher werden wir die Taverne umfunktionieren, das Glücksspiel einführen und die Kirche durch wilde Feiern verwüsten. Aber davon mal abgesehen, sind wir ganz brav. Versprochen.“
Leliana lachte. „Irgendwie reizt es mich zu sagen: Das will ich sehen!“ Sie lächelte Niin an. „Auf bald.“ Dann drehte sie sich um und folgte Salis.
Bei den Stallungen herrschte ein großer Auflauf. So langsam formierte sich der Tross, bestehend aus Reitern, drei Ochsenkarren mit der Ausrüstung und zwei weiteren Karren, in denen die Späher saßen, die Leliana ins Schloss einschleusen wollte.
Salis saß auf ihrem Hengst Zuckeröhrchen, der unruhig zu tänzeln anfing. Sie musste ihn mit der ganzen Erfahrung einer hervorragenden Reiterin beruhigen. „Ja, Du willst los, ich weiß.“ Sie streichelte seinen Hals.
Josephine kam herbei geeilt, nachdem sie das Laden des Gepäcks peinlichst genau überwacht und der Quartiermeisterin den letzten Nerv geraubt hatte. Sie blickte hoch zu Salis und ihr war die Sorge anzumerken. „Wir sehen uns in drei Tagen, Lady Lavellan.“
„Lebt wohl, Josephine.“ Die Elfe ließ ihrem Pferd die Zügel locker um, den Abschied nicht noch schmerzhafter zu machen, schnalzte mit der Zunge und Zuckeröhrchen schoss freudig davon. Dicht hinter ihr ritten Leliana, Cassandra und Blackwall. Sie hatten vor, auf halber Strecke Rast zu machen, so dass die Karren sie wieder einholen konnten.

Niin und Varric winkten ihnen wehmütig auf der Treppe nach. „Nun, Krümelchen? Was stellen wir an?“ Da sie mit einem ratlosen Schulterzucken antwortete, meinte der Zwerg: „Wie wäre es mit einigen Übungen im Kampf? Vielleicht mit dem Bogen und natürlich nur, wenn es Deinen Füßen gut geht.“
„Die schmerzen kaum noch. Die Salbe wirkt Wunder.“
„Gut, dann lass uns mal sehen, ob Elfen Naturtalente im Bogenschießen sind.“
Niin schaute ihn verwundert an. „Wer hat Dir denn diesen Blödsinn erzählt?“
„Keine Ahnung. Gehört dann wohl ins Reich der Sagen und Legenden, was?“
„Klingt aber gut.“ Niin grinste ihn frech an.
Sie kamen an einer Art Schießstand an, nicht weit vom Lager der Sturmbullen. Hier waren drei Tische aufgebaut, in einiger Entfernung standen mehrere Zielscheiben und Puppen aus Stroh. Eine Zwergin übte das Zielschießen auf die am weitesten entfernte Scheibe und traf ins Schwarze.
Varric pfiff anerkennend. „Leutnant Harding, Euch macht keiner etwas vor.“
Sie drehte sich um und Niin blickte in ein lustiges und rundes Sommersprossengesicht. Ihre roten Haare trug Harding streng zu einem Dutt verknotet. „Wollt Ihr wieder mit Eurer Armbrust Bianca angeben, Tethras?“ bemerkte sie zynisch.
Er lehnte sich an den Tisch. „Nein, ich wollte der Meisterspäherin zusehen und von ihr lernen.“
„Der Meisterspäherin?“ Sie lachte kurz auf.
„Ja, die Meisterspäherin der Meisterspionin.“
„Jetzt wird mir klar, warum Eure Bücher so ein Mist sind.“
Niin kicherte leise hinter vorgehaltener Hand und amüsierte sich köstlich über das Geplänkel. Nur Varric fühlte sich an seiner Ehre als Autor gepackt. „Meine Bücher verkaufen sich bestens, Harding. Ich signiere Euch gerne ein Buch, wenn Ihr wollt.“
„Nur, wenn mir mal das Klopapier ausgeht.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschoss einen weiteren Pfeil, der an der Zielscheibe vorbei sauste. Sie fluchte. „Das ist Eure Schuld. Ihr stört meine Konzentration.“ Harding musterte Niin. „Weshalb seid Ihr hier? Wollt Ihr üben?“
Die Elfe schüttelte bedauernd den Kopf. „Um zu üben, müsste ich das Bogenschießen erst einmal beherrschen, aber ich habe davon überhaupt keine Ahnung.“
Die Späherin überlegte kurz. „Na, dann kommt. Ich bringe es Euch bei. Hier ist ein Übungsbogen.“
Sie übergab Niin die Waffe und die Elfe starrte ratlos darauf. Harding zeigte ihr, wie man den Bogen hielt, nachdem sie herausgefunden hatte, ob die Elfe Links- oder Rechtshänderin war.
Die ersten Pfeile sausten recht weit an der Zielscheibe vorbei. Niin war mehr damit beschäftigt, allen Anweisungen zu folgen, wie man sich stellte und den Bogen hielt, als das Ziel genau anzuvisieren. Die ersten Treffer ermutigten sie und Harding nickte anerkennend. „Das wird was mit Euch und dem Bogen.“
Die Gruppe erweckte Hauptmann Aclassis Neugier und er kam unsicheren Schrittes auf sie zu, als warte er eine Reaktion ab. Diese ließ auch nicht lange auf sich warten. Harding schnaufte verärgert: „Was wollt IHR denn hier, Aclassi? Noch mehr dumme Sprüche machen?“ Sie war immer noch beleidigt und gekränkt. Auf ihre Größe wurde die Zwergin nur ungern hingewiesen, schon gar auf jene tumbe Art, wie Krem es getan hatte.
Er blieb in sicherem Abstand vor der Zwergin stehen und machte eine tiefe Verbeugung. „Ich bitte Euch vielmals um Verzeihung, Leutnant Harding. Es war nicht meine Absicht, Euch zu beleidigen. Es wird nicht nochmal vorkommen.“
„Das hoffe ich, denn das wird Euer letztes Mal sein.“ Ihre Antwort klang aufgebracht.
Varric flüsterte ihm zu: „Ihr habt die Blumen vergessen, Aclassi.“
Krem schaute in verwirrt an. „Was? Oh, ich … einen Moment!“ Er rannte zu seinem Zelt, man hörte einen seiner Kameraden scherzen und ihn selbst fluchen. Dann kam er zurück, eine Hand hinter dem Rücken verbergend. Schließlich holte er einen kleinen Blumenstrauß hervor und hielt ihn Harding hin. „Als Zeichen meiner Ernsthaftigkeit.“
Der Späherin blieb die Sprache weg. Völlig verdattert fragte sie Varric: „Meint er das wirklich so?“ Sie verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
„Oh ja, er meint es ernst.“ Der Zwerg nickte.
Harding nahm die Blumen vorsichtig aus Krems Hand. „Na, dann danke ich Euch.“ Versonnen roch sie daran. „Hm, die erinnern mich an meine Heimat. Rund um Redcliff wächst diese Sorte.“
Krem lächelte scheu. „Ich weiß, daher sind sie auch.“
Überrascht schaute sie ihn an. „Habt Ihr die echt dort gekauft?“
Nun wurde sein Lächeln selbstsicherer. „Nein, ich habe sie selbst gepflückt.“
Varric kam ihm zu Hilfe. „Gebt Euch einen Ruck, Harding und verzeiht ihm. Ich meine, welcher Kerl rennt schon selbst über eine Blumenwiese und nimmt eine Tagesreise für einen Strauß in Kauf?“
Sie blickte Krem mit einem nicht näher zu definierenden Gesichtsausdruck an. „Gut, vergeben und vergessen, Aclassi. Aber eine weitere Bemerkung solltet Ihr Euch zukünftig verkneifen. Mein Name ist Harding und nicht 'Kleine'.“ Sie musste ihn nochmals auf seinen Ausrutscher hinweisen, weil sie diese Worte als sehr verletzend empfunden hatte.
„Wie wäre es, wenn wir uns ins Warme setzen und ein wenig unterhalten um die Wogen zu glätten?“, schlug Varric vor. Eigentlich wartete er die Antwort gar nicht ab, sondern schob die beiden Streithähne einfach vor sich her, aber die Gegenwehr war nicht allzu groß und sich bei dieser Kälte aufzuwärmen, schien allen eine gute Idee zu sein.

Niin stellte sich in der Taverne erst einmal fröstelnd vor den Kamin und rieb sich die Hände. Varric rief: „Kein Wunder, dass Du so leicht frierst, Krümelchen! An Dir ist ja auch nichts dran.“
Harding versuchte, ihn unter dem Tisch zu treten, aber ihre Beine waren zu kurz. Stattdessen raunte sie ihm zu: „Das war nun wirklich nicht nett, Tethras.“
Krem kam mit einem Teller voll süßer Leckereien an und stellte ihn in die Tischmitte. „Also, wenn wir Niin damit nicht ein wenig Speck auf die Hüften zaubern können, dann weiß ich auch nicht. Ein wenig Gewichtszunahme kann ihr nicht schaden.“
Die Späherin angelte nach einer Zimtschnecke mit Zuckerguss. „Gut, Ihr habt ja Recht, aber wer futtert das Zeug am Ende wieder? ICH.“
Hauptmann Aclassi langte bei den Plätzchen zu. „Geteiltes Leid.“
Niin setzte sich nun ebenfalls und schnappte sich ein Stück Kuchen. „Oh, ist das lecker“, erklärte sie mit Puderzucker in den Mundwinkeln.
Harding lehnte sich zurück und musterte Krem neugierig. „Sagt mal, wie kommt eine Frau dazu, sich als Mann zu geben?“
Er wirkte überrascht, vielleicht auch ein wenig beleidigt, antwortete jedoch bereitwillig. „Ich wurde vielleicht als Frau geboren, aber ich empfinde mich als Mann. Mit einer Frau habe ich nicht viel gemeinsam.“
„Rein anatomisch muss ich Euch da Unrecht geben. Ihr habt nun mal den Körper einer Frau und daran lässt sich auch nichts ändern, auch wenn Ihr Euch die Brüste abbindet und einen großen Brustpanzer tragt, der das Meiste kaschiert.“
Krem seufzte betrübt. „Ja leider. Ich war schon immer zu dieser Scharade gezwungen, wollte zum Militär, aber in Tevinter bleibt das Frauen verwehrt. Ich gab mich als Mann, was mir natürlich leicht fiel, allerdings musste ich den Heiler bestechen, damit er mein Geheimnis für sich behielt. Das ging recht lange gut. Dann stand eine Beförderung an und diese benötigte der Musterung durch den Heiler. Zu meinem Entsetzen hatte man ihn ausgetauscht und ich flog auf. Man verhängte die Todesstrafe über mich, ich floh, aber kurz vor der Grenze nahm man mich in einer heruntergekommenen Kaschemme gefangen. Die Soldaten wollten ein Exempel statuieren und schlugen mich halb tot, da kam mir der Eiserne Bulle zu Hilfe. Er verlor bei dieser Schlägerei ein Auge, nahm mich mit und flickte mich wieder zusammen.“
Niin starrte ihn fassungslos an. „Niemand sollte für das, was er ist, leiden müssen.“ Sie schüttelte den Kopf.
Krem fragte leise: „So, was bin ich denn?“
Die Elfe lächelte: „Ein Kerl mit dem Herzen am rechten Fleck.“
Krem erwiderte das Lächeln glücklich und Varric lachte dröhnend. „Also, wenn es nicht noch so früh am Tage wäre, dann würde ich jetzt einen ausgeben.“ Er drehte sich zu Harding um. „Wie seid Ihr eigentlich zu diesem Haufen gestoßen, Späherin?“
„Recht unspektakulär. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Hinterlanden nahe Redcliff und hatte Schafe gehütet als ich sah, wie ein Späher der Inquisition von Banditen überfallen wurde. Meine Steinschleuder streckte zwei Kerle nieder, den Rest machte mein Mabari.“
Krem rief völlig fasziniert dazwischen: „Ihr habt einen Mabari?“
Sie fuhr fort. „Sie heißt Contessa und wir eskortierten den Späher sicher zu seinen Leuten. Dann schoben sie mir eine Landkarte vor die Nase und ich zeichnete ihnen einige interessante Punkte ein.  Schien sie beeindruckt zu haben, denn sie fragten mich kurz darauf, ob ich nicht Späherin werden wollte. Leider konnte ich meinen Hund nicht mitnehmen. Ich vermisse sie, aber ich weiß, dass meine Eltern gut auf sie aufpassen.“ Sie lächelte ein wenig wehmütig und stand auf. „War nett, mich Euch geplaudert zu haben. Ehrlich. Ist immer gut, wenn man ein wenig mehr über die Leute weiß, die mit einem kämpfen, wisst Ihr.“
Varric schnappte sich die verbliebenen Plätzchen vom Teller und sagte mit vollem Mund: „Deschwegen wollte isch Eusch hierher manövrieren.“
„Äh, Tethras! Spuckt doch nicht alles in meine Richtung!“ Harding schnippte sich mit zwei Fingern einen Krümel von der Schulter.
Niin lächelte. „An den Tischmanieren arbeiten wir noch.“
„Na, hoffentlich. Stellt Euch vor, Ihr wäret mit ins Schloss gegangen. Was macht das für einen Eindruck?“
„Für Etikette ist Rüschchen verantwortlich“, grinste der Zwerg mit Krümeln zwischen den Zähnen.
„Wir könnten ja heute Abend die höfischen Tischsitten üben, Varric.“ Niin schaute ihn unschuldig mit dem Wimpern klimpernd an.
„Warum nicht? Vielleicht lenkt das die Botschafterin ab?“
„Von was?“ fragte Krem unwissend.
Varric stieß die Luft mit einen entnervt klingenden Seufzer aus. „Von wem müsste die Frage lauten … ich glaube, sie wird jemanden vermissen.“
Hauptmann Aclassi tappte weiterhin im Dunkeln. „Hab' ich was verpasst?“
Harding hatte sich nicht zum Gehen aufraffen können. Das Thema war gerade zu spannend und ihr entfuhr die Bemerkung: „Ja, als Ihr im Zelt Eure Seelenpein auskuriert habt.“ Sie grinste dreckig.
„Kommt schon, hat sie einen Liebsten?“
„Also dafür, dass Ihr Sturmbullen überall Eure Ohren habt, seid Ihr erstaunlich taub“, meinte Harding kopfschüttelnd. „Sie wirft jemandem schrecklich verliebte Blicke zu. Das ist nun schon einigen aufgefallen.“
„Jetzt spannt mich doch nicht auf die Folter, Späherin!“
„Der Herold. So einfach ist das.“
„Na ja, wobei das Wort 'einfach' dann doch recht untertrieben ist.“ Varric schaute in seinen Becher, in dem der Tee kalt geworden war. Das erinnerte ihn wieder an Marian Hawk und Merrill. Vielen Leuten war diese Beziehung ein Dorn im Auge gewesen. „Eine Adlige und eine Elfe. Diese Geschichte wurde schon einmal erzählt. Der Champion von Kirkwall ist auch mit einer elfischen Frau zusammen.“
„Ich wünsche den beiden, dass sie in Frieden gelassen werden.“ Niins Stimme klang bestimmt. „Sie haben es verdient.“
Krem kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Mylady Lavellan und Botschafterin Josephine?“ Er schmunzelte. „Wer weiß schon, wo die Liebe hinfällt?“
Harding antwortete knurrig. „Und wenn mir abwertende Bemerkungen zu Ohren kommen, dann stopfe ich demjenigen den Mund, das kann ich Euch sagen.“
Niin hielt ihren Becher hoch. „Abgemacht.“
Varric und Hauptmann Aclassi stießen ebenfalls mit an. „Was macht Ihr jetzt?“, fragte Letzterer.
Die beiden zuckten mit den Schultern. „Entweder wir gehen wieder zum Schießstand oder wir helfen beim Zeltaufbau.“ Der Zwerg stand ebenfalls auf und wirkte etwas unschlüssig. „Späherin Harding? Können wir uns nützlich machen?“
„Was denn, Ihr wollt arbeiten?“, sie zwinkerte ihm zu und grinste bis über beide Ohren. „Und was ist mit Euch, Krem?“
Der Hauptmann verbeugte sich erneut. „Ich stehe Euch ganz zu Diensten, Leutnant.“ Dann lächelte er die Zwergin erfreut an. „Na, wie war das?“
Harding konnte ihm nicht mehr böse sein. Es schien ja wirklich so, als hätte er sich über die Wirkung seiner Worte nie Gedanken gemacht. Vielleicht stammte sein ungeschlachter Ton ja auch aus der Kaserne, in der er gedient hatte? Oder er hatte sich zu viel vom Eisernen Bullen abgeschaut. „Nicht schlecht, aber tragt bitte nicht ganz so dick auf.“
„Das habe ich durchaus ernst gemeint.“ Er wirkte ein wenig beleidigt.
„Dann seid Ihr herzlich eingeladen uns zu helfen. Übermorgen überrennen uns ein paar Dutzend Magier. Wir brauchen Zelte, eine weitere Feldküche und … mehr Klos. Das vor allem.“
Varric brummelte: „Klingt nach einem Scheißjob.“
„Ich denke, keiner wäre darüber glücklich, am Abort anstehen zu müssen.“ Niin schauderte es beim bloßen Gedanken daran.
Den Rest des Tages verbrachten sie mit dem Ausbuddeln von Sickergruben. Die Sturmbullen halfen, aber Niin musste sich am frühen Abend zurückziehen und aufs Bett legen. Sie fragte sich, was Salis gerade tat und da war sie bestimmt nicht die einzige. Schließlich schlief sie ein.

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