„So, dann habt Ihr jetzt also einen Übernachtungsgast, Mylady Herold?“ Leliana lehnte sich lässig an den Türrahmen an und schaute neugierig zu. Ihre Rüstung glich mehr einer kirchlichen Tracht. Um den Kopf trug sie ein lavendelfarbenes Tuch, das auf die Schultern reichte und dort von einer Spange zusammengehalten wurde. Die Robe hatte die gleiche Farbe und war sowohl an den Seiten, als auch vorne und hinten bis zu den Hüften geteilt und zudem mit einem kettenhemdartigen Material verstärkt.
„Sieht so aus. Irgendwo muss sie ja schlafen. Und hier ist es ruhig.“ Salis deckte die erschöpfte Elfe vorsichtig zu. „Was wollt Ihr eigentlich von Niin?“, fragte sie misstrauisch. „Ein Verhör?“
Leliana winkte unwirsch ab. „Nicht doch! Ich wollte mit ihr über Denerim reden. Sie war dort, als wir dem Erzdämon entgegengetreten waren. Wir hatten uns im Gesindeviertel getroffen. Zuerst konnte ich mich nicht erinnern, aber dann waren all die Bilder wieder da.“ Sie seufzte schwer. „Und ich sah eine junge Elfe, welche die Dunkle Brut mit dem Dreschflegel verprügelte, weil sie keine andere Waffe zur Hand hatte. Ihre Mutter wollte sie beschützen und sie starb vor ihren Augen.“
Varric fluchte. „Als ob dieser Lord nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Manche erwischt es aber auch wirklich heftig.“
„Wem sagt Ihr das?“, erwiderte Leliana leise. „Meine Liebste, die Heldin von Ferelden, opferte sich für uns alle.“ Ihr Körper straffte sich als sie sich aufrichtete und räusperte. „Und diese Elfe hat Mut. Das konnte ich sehen.“ Sie wandte sich Salis zu. „Wenn Ihr etwas braucht, dann sagt Bescheid.“ Dann ging sie davon und hing ihren Gedanken nach.
Zehn Jahre war es nun her, seit der Erzdämon besiegt wurde. Kurz danach trat Leliana in den Dienst der Göttlichen Justinia. Sie war ihrer einstigen Retterin und Mentorin zutiefst ergeben gewesen, half diese ihr doch, zu sich selbst und zum Glauben zu finden.
Man gab Leliana viele Namen: Meisterspionin, Lady Nachtigall, Schatten hinter dem Thron der Göttlichen. Ihre Fähigkeiten waren immer dann gefragt, wenn die Diplomatie versagte und ihre Späher bezeichnete sie gerne als ihre Augen und Ohren. Ihre Methoden allerdings waren immer wieder Anlass zu heftigen Diskussionen mit Botschafterin Montilyet, die Gewalt verabscheute.

„Denerim war eine gottverdammte Scheiße“, murmelte Varric bedrückt.
„Es gibt Wunden, die verheilen nie. Und wenn man denkt, dass dem so ist, reißen sie wieder auf. Dann kommt der Schmerz wie am ersten Tag über einen. Wir alle kennen ihn, nicht wahr?“ Salis setzte sich auf die Bettkante ihrer eigenen Schlafgelegenheit. „Kurz vor der Verderbnis  fanden zwei Mitglieder meines Clans eine elfische Ruine. Sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, diese zu durchsuchen und fanden ein uraltes Artefakt. Einer der beiden Jäger verschwand darin.“ Sie zog die Beine an und legte das Kinn auf die Knie. „Er war mein Bruder.“
„Wisst Ihr was, Herold?“, Varric winkte sie zur Tür. „Wir gehen jetzt einen trinken.“
Salis lachte. „Keine gute Idee. Wenn ich jetzt trinke, höre ich nicht eher auf bis ich unterm Tisch liege.“
„Das will ich sehen.“ Der Zwerg grinste bis über beide Ohren.
„Glaubt mir, das ist kein schöner Anblick. Besonders wenn ich vorher noch fereldische Trinklieder geschmettert habe.“
„Mit Euch zu feiern muss ein Fest sein.“
„Eher ein Alptraum.“ Sie blieb stehen. „Aber zur Besserung meiner Laune werde ich die Botschafterin Montilyet heimsuchen.“
„Oh Herold, treibt es nicht zu bunt mit ihr. Rüschchen mag ja diplomatisch zurückhaltend sein, aber immerhin kommt sie aus Antiva. ANTIVA. Ihr wisst schon … die sind da alle recht heißblütig.“
„Seid ihr sicher, dass Josephine nicht adoptiert wurde?“, fragte Salis mit irritiertem Gesichtsausdruck.
„Reizt sie nur weiter, dann werdet Ihr es herausfinden“, feixte Varric.
„Gut. Wenn Ihr mich morgen nicht findet, dann wisst Ihr warum.“ Salis stapfte entschlossen auf die Kirche zu, in der die Botschafterin einen Arbeitsraum hatte.
„Oh Salis, was machst Du da nur?“, knurrte der Zwerg vor sich hin und schüttelte den Kopf.

„Das kannst Du doch nicht im Ernst meinen, Leliana!“, rief Lady Montilyet aufgebracht aus. Sie wanderte nervös durch den Raum, wie immer ihr Schreibbrett in der linken Hand, so dass sie sich schnell Notizen machen konnte. Auf diesem Brett waren eine Kerze und ein Tintenfass angebracht.
Die Botschafterin hatte einen Faible für höfische Kleidung und wollte auch hier nicht darauf verzichten. Immerhin vertrat sie die Inquisition und die Meinung, man müsse diese dementsprechend repräsentieren. Ihr schwarzes Haar war hochgesteckt und das hellgelbe Rüschchenhemd kontrastierte gut zu ihrem dunklen Teint.
Angefreundet hatten sie und Leliana sich während Josephines diplomatischer Ausbildung in Val Royeaux. Danach repräsentierte sie Antiva am Hofe von Kaiserin Celene. Leliana beschrieb ihre Freundin gerne als Mensch von schmerzhafter Rechtschaffenheit und rühmte ihr Verhandlungsgeschick. Schließlich war sie es auch, die Josephine als Botschafterin der Inquisition vorgeschlagen hatte. Lady Montilyet lenkte außerdem als älteste Tochter und Erbin eines alten antivanischen Adelshauses die Geschicke ihrer Familie.
Leliana saß auf einer Holzbank und amüsierte sich köstlich über Josephines Aufregung. Die beiden Frauen waren seit langer Zeit sehr gut befreundet, trotz ihrer recht unterschiedlichen Art. „Josie, Du musst mal etwas tun. Ist ja auch kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nur sitzt und sich bei Hofe durch die Buffets futtert.“
„Ich bin nicht zu … dick. Na ja, ich habe eben breite Hüften. Das liegt in der Familie.“
Leliana lachte nicht sehr oft und schon gar nicht so herzhaft. Ihr Blick war sonst stets ernst. Nun zauberte ihr das Lachen eine leichte Röte ins Gesicht, passend zu ihrem roten und recht kurzen Haar, zu erkennen an den störrischen Strähnen, welche unter dem Kopftuch herausfielen.
Es klopfte energisch an der Tür und Josephine war froh, diese peinliche Diskussion beenden zu können. Allerdings wurde ihr gleich darauf mulmig zumute, denn Salis trat ein und es würde sicher nicht lange dauern, bis diese wieder eine ihrer Bemerkungen machte, welche die Botschafterin zur Verzweiflung brachten. Zu allem Überfluss meinte Leliana: „Herold, ich bitte Euch um Eure ehrliche Meinung.“
Salis blieb stehen und schaute sie verwundert an. „Nur zu, Schwester Nachtigall.“
„Findet Ihr nicht auch, dass Josephine etwas Bewegung guttun würde?“
Die Elfe blickte abwechselnd zwischen der Botschafterin und der Meisterspionin hin und her. „Und Ihr glaubt ernsthaft, ich antworte darauf, wenn ich mich mit Lady Montilyet in einem Raum befinde?!“
„Ich glaube nicht, dass Josie schnell genug wäre um Euch einzuholen, wenn Ihr flüchtet.“
„LELIANA!“, sie stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Schluss jetzt!“
„Du bist ein Teil der Inquisition und musst stets damit rechnen, Dich auch mal zur Wehr setzen zu müssen. Das werden wir üben“, meinte die Angesprochene ungerührt und stand auf. Sie wandte sich an Salis. „Ihr achtet ja auch auf Eure Kondition.“
Die Elfe rieb sich grinsend den Bauch. „Ach, ich kann in mich hineinstopfen, was ich will. Spätestens am nächsten Tag laufe ich so viele Kilometer, dass nichts ansetzen kann.“
Leliana schnippte mit den Fingern. „Laufen ist ein gutes Stichwort.“ Den nächsten Satz ließ sie sich auf der Zunge zergehen. „Morgen früh hole ich Dich ab, Josie, und dann laufen wir ein paar Runden am See entlang.“
„Wie?! Das ist doch wohl nicht Dein Ernst?!“, Die Botschafterin schmiss das Schreibbrett so schwungvoll auf den Tisch, dass die Tinte quer über ihre Unterlagen kleckerte.
„Herold, kommt Ihr mit? Sozusagen als Aufmunterung.“
Salis rief jauchzend: „Na klar, darauf könnt Ihr einen … ähm … Eid schwören!“ Ihr Grinsen konnte kaum breiter sein, stellte Josephine verbittert fest.
„Gut, ich suche Josie derweil ein paar passende Kleidungsstücke aus. Hoffentlich finde ich etwas in der Größe.“ Leliana lächelte süffisant, beeilte sich aber, die Tür hinter sich zu schließen. So hörte sie nur noch, wie ein Wasserglas gegen dieselbe flog.
Der Herold war ganz angetan von Josephines Temperamentsausbruch. „Das ist das erste Mal, dass ich Euch dermaßen außer Fassung sehe.“
Die Botschafterin stemmte die Fäuste in die Hüften und baute sich vor der Elfe auf. „Ach ja? Dann solltet Ihr mit Euren Äußerungen vorsichtig sein.“ Sie ließ die Schultern sinken und fragte kleinlaut: „Findet Ihr mich auch zu dick?“
Salis trat unbehaglich von einem Bein aufs andere. Sie wedelte mit den Händen herum. „Oh nein, natürlich nicht, Mylady. Ihr seid … Ihr seid …“, sie presste die Lippen aufeinander.
„Ich bin was?“ Das Zischen einer Schlange wäre jetzt willkommener gewesen.
„Ihr seid … wohlproportioniert.“ Salis kniff ein Auge zusammen und wappnete sich fürs nahende Donnerwetter.
„Wohlproportioniert?!“, schrie Josephine, draußen blieben Cullen und Cassandra auf dem Weg zum Besprechungsraum erstaunt und neugierig stehen.
„Na ja, Ihr seid kein Hungerhaken, meine Liebe. Aber manche Frau wäre sicherlich glücklich, wenn sie solche … wenn sie Eure Oberweite hätte und die seeeeehr weiblichen Hüften.“ Salis schielte nach der Tür. „Ich habe mich gerade um Kopf und Kragen geredet, oder?“
„Raus hier“, knurrte Lady Montilyet.
„Das war jetzt wirklich nicht negativ gemeint.“ Die Elfe hob beschwichtigend die Hände. „Im Gegenteil. Ihr seid sehr attraktiv.“
„RRRAUS!“ Immer, wenn Josephine sich aufregte, kam ihr antivanischer Akzent noch deutlicher hervor und sie rollte das R dermaßen, dass es fast wie ein Knurren klang.
„Bin schon weg.“ Salis flitzte durch die Tür und schleuderte sie schnell ins Schloss. Wieder flog etwas dagegen. Was für ein Temperament!
„Das mit den Komplimenten müsst Ihr noch üben, meine Liebe.“ Cassandra lächelte amüsiert und Cullen versuchte, so zu tun, als hätte er nichts mitbekommen.
Derweil stand Josephine mitten im Raum und schaute zu, wie die Tinte an der Tür hinab lief. Also, das war doch wirklich das Letzte! Doch dann dämmerte ihr, was Salis gemeint hatte. Attraktiv? Sie ließ sich verwirrt in den einzigen Stuhl im Raum fallen und starrte eine Stunde lang nachdenklich auf die Tür.

Salis beeilte sich, die Kirche zu verlassen und kam auf dem Weg zu ihrer Unterkunft an Lelianas Zelt vorbei. Es war offen und diente den Spähern als notdürftige Befehlszentrale.
„Hat sie auch etwas nach Euch geschmissen?“, wollte Leliana wissen.
Die Elfe seufzte ratlos. „Ja, und es klang größer.“
„Sie beruhigt sich wieder. Bestimmt. Josie kann recht feurig sein.“
„Ach, was Ihr nicht sagt“, murmelte Salis und lief weiter die Treppen hinab zu ihrer Hütte. Sie trat ein und sah, wie Niin sich mit einem Nachthemd abmühte, das sie sich gerade über den Kopf ziehen wollte. Salis bemerkte etliche Narben, die über den Rücken liefen. Niin fuhr herum und starrte Salis erschrocken an.
„War das … der Lord?“, fragte die Dalish Elfe leise.
Niin nickte lediglich niedergeschlagen.
„Wie geht es Euch jetzt?“ Salis konnte nicht anders und nahm das kleine Häufchen Elend in die Arme. Niin fing an zu weinen. „Schon gut. Hier passiert Dir nichts. Es wird alles gut“, versuchte Salis sie zu trösten. Ein Schluchzen antwortete ihr und beide setzten sich auf die Kante des Feldbettes.
Der Herold angelte mit der freien Hand nach der Decke und legte sie um Niin, während sie diese immer noch im Arm hielt.
„Verzeiht, Mylady.“ Es kam mehr schluchzend als sprechend.
„Schon gut. Manchmal braucht man einfach mal eine Schulter zum Ausweinen. Und nenn' mich einfach Salis.“
Nach einiger Zeit hatte sich Niin beruhigt und war eingeschlafen. Die Dalish Elfe schob sie ins Bett und packte sie sorgsam in die Decke. Am besten ging sie jetzt in die Taverne und besorgte etwas zu essen.

Als Salis eintrat hörte sie Varric und den Eisernen Bullen lautstark Karten spielen. Einen größeren Unterschied zwischen zwei Personen konnte es kaum geben. Der eine ein Zwerg, der andere ein riesiger Qunari mit Augenklappe und Hörnern wie ein Drache, der auch den größten Menschen um mindestens einen Kopf überragte. Die Qunari wurden von vielen gerne „Ochsenmenschen“ genannt. Sie waren riesig und verbissene Krieger.
Der Eiserne Bulle, oder kurz „Der Bulle“ hatte sich der Inquisition als Söldner angeschlossen. Er brachte eine recht exotisch zusammen gemischte Gruppe mit, die sich die „Sturmbullen“ nannten. Sie würden für den Qunari durchs Feuer gehen und waren ihm treu ergeben.
Salis wusste zuerst nicht, ob sie ihm überhaupt trauen konnte, denn er arbeitete immer noch für den Geheimdienst der Qunari und erstattete ihnen regelmäßig Bericht über die Lage in Thedas, die man besorgt beobachtete. Aber da sie diese Dienste ebenfalls nutzen konnten, holten sie ihn als Verbündeten nach Haven.
Zum Glück versorgten er und seine Leute sich selbst mit Nahrung und gaben sich mit einer kargen Zeltunterkunft vor den Toren zufrieden. Der Bulle war laut und so mancher lief rot an, wenn er seine Bemerkungen machte, aber Salis mochte ihn.
„Setzt Euch zu uns!“, Varric winkte sie herbei und die Elfe nahm am kleinen Tisch Platz. Sofort eilte die Schankmagd herbei und überschlug sich bei der Bestellung regelrecht vor Eifer.
„Hat doch seine Vorteile, der Herold Andrastes zu sein, oder?“
Salis lächelte schief und Varric runzelte die Stirn. „Was ist Euch denn widerfahren?“
„Botschafterin Montilyet warf etwas nach mir und Niin hat sich in meinen Armen in den Schlaf geweint.“
„Oh, das Krümelchen ...“ Der Zwerg schaute betrübt in sein Glas.
„Der Lord hat sie ausgepeitscht. Ich habe die Narben gesehen.“
Varrics Glas schlitterte schwungvoll über den Tisch gegen die Wand. „Dieses Schwein! Wir hätten ihn in einen Riss stopfen sollen!“ Er hob den Kopf. „Moment! Was habt Ihr gesagt? Rüschchen hat Euch fast etwas an den Kopf geworfen?“ Jetzt musste er doch grinsen.
„Mir und Leliana.“
„Was habt Ihr verbrochen, Boss?“ Der Eiserne Bulle stützte sich auf seine Arme und war ganz Ohr. Salis erzählte seufzend, was passiert war.
„Da habt Ihr aber echt in die Scheiße gelangt, Herold.“ Varric schüttelte belustigt den Kopf.
„Ich wollte das nicht sagen. Ist mir einfach so raus gerutscht.“ Salis schaute die beiden an. „Ja, ich weiß. Ich habe eine zu große Klappe.“
„Wer weiß, wozu es gut ist, Boss. Macht Euch keine Gedanken. Wenn die Botschafterin nichts an Euch findet, dann übergeht sie diese Bemerkung. Wenn sie Euch nett findet und das nach allem, was Ihr mit ihr veranstaltet habt, dann ist ihr nun klar, dass Ihr vielleicht Interesse an ihr habt.“ Der Bulle verzog das Gesicht zu einem so schiefen Grinsen, dass einem Außenstehenden sicherlich Angst und Bange geworden wäre.
„Soll mich das jetzt beruhigen?“, fragte Salis verwundert.
„Wartet doch einfach ab, wie sich Rüschchen verhält.“ Varric bestellte eine weitere Runde Wein.
Der Qunari schielte in sein Glas. „Ist auch nicht schlecht, das Gesöff, aber ich bevorzuge schärfere Sachen.“
„Erinnert mich nicht. Als wir vor Redcliff lagerten, hatten wir abends ganz schön zugeschlagen. Cassandra fiel über die Zeltschnur, Ihr habt gesungen und Blackwall erzählte dreckige Witze.“
„Wo ist unser Grauer Wächter eigentlich?“
„Er bevorzugt die Gesellschaft der Pferde und hockt sicherlich wieder am Stall.“ Salis kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Normalerweise ist er weniger gesprächig. Aber an dem Abend redete er wie ein Wasserfall.“
„An dem Abend haben wir alle jede Menge Mist erzählt.“ Varric lachte laut. „Aber es war lustig. Wir waren endlich mal alle friedlich und einer Meinung.“
„Kommt selten genug vor.“ Salis stand auf. „So, meine Herren, ich nehme noch etwas Proviant für Niin mit und gehe dann zu Bett. Der Tag war … beschwerlich lang. Gute Nacht.“ Sie drehte sich im Gehen noch einmal um. „Ach, Bulle? Seht zu, dass Ihr morgen früh beizeiten vor Eurem Zelt seid.“
„Warum?“, fragte er argwöhnisch.
„Ihr werdet sehen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“

Eigentlich war es viel zu früh um aufzustehen, aber der Gedanke an eine Botschafterin, die von der Meisterspionin zum Frühsport getrieben wurde, verlieh Salis ungewohnte Energie. Niin war auch schon wach und recht munter. Es schien ihr wesentlich besser zu gehen.
„Bis später, Niin.“ Salis winkte ihr zum Abschied zu, trat ins Freie und blickte sich suchend um. Sie entschied sich dafür, die Treppe hoch in Richtung Kirche zu gehen und kaum oben angekommen, hörte sie Josephine drinnen schimpfen. Die Dalish Elfe grinste schelmisch und versuchte krampfhaft, ihre Gesichtsmuskeln zu beherrschen.
Die schwere Kirchentür öffnete sich und zwei Frauen kamen laut diskutierend heraus. Beide trugen Späheruniformen und Salis verschlug es bei Josephines Anblick fast den Atem. Ihre Kinnlade klappte hinunter. Wer hätte denn auch ahnen können, dass sich unter all dem Brokat und der Seide eine Frau mit dermaßen anziehenden und schwungvollen Formen verbarg?
„Herold?“ Leliana tippte Salis leicht am Oberarm an.
„Was? Oh, Ihr seid da“, stammelte die Elfe völlig fasziniert.
„Scharf beobachtet.“ Über der Nasenwurzel der Meisterspionin bildete sich eine Falte. „Lasst uns vor die Tore gehen und dann eine Runde drehen.“
Salis riss sich von Josephines Anblick los. „Gut, dann wollen wir mal.“ Sie fragte: „Bereit?“
Die Botschafterin verschränkte bockig die Arme vor der Brust. „Nein, aber es hilft ja nichts.“
„Seht es doch einfach als Spaziergang an.“ Die Elfe setzte ein unschuldiges Lächeln auf.
Kaum waren die drei Frauen vor dem Tor angelangt, kam Cassandra herbeigelaufen. Salis rief erstaunt: „Trainiert Ihr schon wieder oder immer noch?!“ Hinter ihr vernahm sie ein leises Kichern.
„Und was macht Ihr hier?“ Sucherin Pentaghast musterte die Gruppe interessiert.
„Wir bewegen uns ein wenig. Kommt doch mit.“
Cassandra zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“
„Wir laufen am See entlang. Mal schauen, wie lange Josie durchhält.“ Leliana grinste schadenfroh.
„Wie lobenswert, dass unsere Botschafterin ebenfalls Körperertüchtigung betreibt.“
„Nicht freiwillig“, knurrte Josephine. „Bringen wir es endlich hinter uns, damit Ihr Euren Spaß habt.“
Der Weg brachte sie am Zeltlager des Eisernen Bullen vorbei, der erstaunlicherweise zu dieser frühen Stunde schon vor seinem Zelt saß und frühstückte. „Ah, guten Morgen meine Damen! Alle so hübsch vereint.“
„Ja, mal schauen, ob wir auf dem Rückweg immer noch so aussehen“, bemerkte Salis feixend.
„Na dann viel Spaß und immer schön auf die Haltung achten.“ Er hob seine Tasse dampfenden Tees und prostete ihnen zu.
„Witzbold!“, fauchte Cassandra ihn im Vorbeilaufen an.
Sie kamen gut voran, auf dem Weg befand sich nicht allzu viel Schnee. Die Botschafterin schnaufte zwar ein wenig, hielt aber gut mit, was alle ein wenig überraschte. Sie machten eine kleine Pause an einigen gefällten Baumstämmen, auf die sie sich setzen konnten.
„Josie, Du bist besser in Schuss als ich dachte“, meinte Leliana und klopfte ihr auf den Rücken.
„Ich war nicht immer Botschafterin. Vergiss das nicht.“ Trotzdem ging ihr Atem stoßweise, während Leliana und Salis kaum außer Atem waren und die Sucherin gar nicht. „Mir ist schon klar, dass Ihr alle auf mich Rücksicht nehmt.“
„Ach, das ist doch verständlich. Wir haben uns in den Hinterlanden die Hacken abgerannt, Botschafterin. Und ich jage, seit ich denken kann, für meinen Clan in den Wäldern.“ Salis zuckte mit den Schultern. „Da bekommt man zwangsweise eine recht gute Kondition.“
„Wie ist das eigentlich, in einem Dalish Clan zu leben?“, fragte Josephine unvermittelt.
„Nicht so frei, wie man sich das vorstellt. Bei uns gibt es feste Regeln und Gesetze. Wir pflegen Traditionen, sofern wir dazu in der Lage sind, aber wir haben so viel von unserem alten Wissen verloren.“ Salis schaute sie traurig an. „Und uns dabei auch. Wir sind nur noch ein Schatten der Altelfen.“
Leliana und Cassandra hörten schweigend zu.
„Wenn ich unterwegs sein konnte, dann war ich wirklich frei. Ich habe mich oft einfach ins Gras gelegt und die Wolken beobachtet.“ Sie lächelte versonnen. „Mir sagte niemand, was ich zu tun habe. Ich musste alle Entscheidungen alleine treffen.“ Salis blickte in die Runde. „Jetzt bekomme ich Heimweh.“
„So langsam verstehe ich, warum man Euch zum Konklave geschickt hat. Ihr seid eine ausgezeichnete Beobachterin, Herold, und dazu versteht Ihr es, nicht aufzufallen,“ bemerkte Leliana, „zumindest könnt Ihr sehr dezent sein, wenn Ihr wollt.“
„Mein Clan war besorgt, als sich die Lage zwischen den Templern und den Magiern zuspitzte. Sie wollten wissen, was da passiert. Wir waren der Meinung, es würde zu einer Einigung kommen. Was dann geschah, das war außerhalb meiner Vorstellungskraft. Was mit mir geschah.“ Salis betrachtete das grün leuchtende Mal auf ihrer Hand. „So viele Menschen starben. Das Nichts spuckte mich aus und nichts ist, wie es einmal war. Es hat alles verändert.“ Erst jetzt bemerkte sie Josephines Hand auf ihrer Schulter und ihr wurde warm. Sie nahm ihren Mut zusammen und blickte die Botschafterin an. „Aber nicht alles hat sich zum Schlechteren geändert. Es gibt Dinge, die hätte ich mir nie auch nur erträumt.“
Die Sucherin wechselte einen schnellen Blick mit Leliana und schmunzelte dann in sich hinein. Sie standen auf. „Wir sollten uns auf den Rückweg machen.“
Josephine lächelte Salis liebevoll an und seufzte beim Aufstehen bedauernd.
„Nur nicht den Kopf verlieren, Josie“, flüsterte die Nachtigall ihr im Vorbeigehen zu.

Der Stall und die Schmiede lagen gleich neben dem Lager der Sturmbullen und schon am frühen Morgen war Blackwall bei den Pferden zu finden. Als er die Gruppe erblickte, grüßte er die Frauen: „Vor so viel Anmut kann man sich nur verbeugen.“
Sie blieben stehen und Salis betrachtete den Grauen Wächter. Sein Alter konnte sie nicht einschätzen, weil er sein Gesicht hinter einem dichten Bart verbarg, der allerdings sehr gepflegt wirkte. Sein dunkelbraunes Haupthaar trug er länger, es reichte ihm fast bis zu den Schultern.
Vor einiger Zeit hatte sich Leliana besorgt über die Tatsache geäußert, dass es in ganz Ferelden keine Grauen Wächter mehr gab. Sie wollte dem Verschwinden auf den Grund gehen und der einzige Wächter, den die Inquisition in den Hinterlanden kontaktieren konnte, war Blackwall. Leider wusste dieser auch nichts über seine Brüder und Schwestern, da er seit Monaten alleine unterwegs war um neue Wächter zu rekrutieren. Er stieß zur Inquisition, um bei der Suche zu helfen.
Ein stiller Mann, nachdenklich, der die Gesellschaft der Tiere vorzog. „Euer Pferd, Herold, ist etwas Besonderes.“ Er streichelte dem Hengst die Blässe.
Salis trat an den Zaun und sofort lief das Tier freudig auf sie zu und begrüßte sie mit einem leichten Nasenstüber. „Oh, Zuckeröhrchen, jetzt habe ich doch echt eine Leckerei für Dich vergessen“, meinte die Elfe bedauernd.
Blackwall drückte ihr unauffällig etwas in die Hand und Salis konnte ihr treues Pferd nun doch mit Naschwerk glücklich machen. Sie verabschiedete sich von ihrem Tier und nickte Blackwall dankbar lächelnd zu.

Diesmal verfielen sie in einen langsameren Laufrhythmus und kamen wieder am Lager des Bullen vorbei. Sein Hauptmann, Krem, konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen. „Wenn ich gewusst hätte, dass die Damen so früh unterwegs sind, dann hätte ich mich als Begleitschutz angeboten.“ Er grinste angeberisch und fuhr sich mit einer Hand durch sein dunkelbraunes, kurz geschnittenes Haar. Er wirkte mit seinen breiten Schultern und seiner bulligen Rüstung wie ein Bollwerk. Seine dunklere Hauptfarbe glich jener von Botschafterin Montilyet, allerdings kam er nicht aus Antiva, sondern Tevinter.
Leliana baute sich vor ihm auf, trotzdem er wesentlich größer als sie war, und zischte: „Wäre das nicht unter Eurer Würde mit uns Frauen zusammen zu trainieren? Wo Ihr es sonst doch so hochnotpeinlich vermeidet, dass man Euch als eine der unseren erkennt.“
Er presste durch die Zähne: „Ich mag als Frau geboren sein, aber ich lebe als Mann, habt Ihr damit ein Problem?!“
„Nicht im Mindesten. Nur mit Eurem Ton, Hauptmann Aclassi. Ich habe mir mehrere Male Eure Kommentare anhören müssen und es reicht jetzt!“
Salis ging dazwischen. „He, jetzt kühlt Euch beide mal ab, ja? Was geht hier eigentlich vor sich?“
Die Meisterspionin winkte ab. „Er versucht nur, männlicher als ein Mann zu sein und vergreift sich öfter im Ton. Auch meinen Späherinnen gegenüber.“
„Was habe ich denn schon großartig gesagt?!“ Krem blickte sie ratlos und wütend an.
„Darf ich Eurer Erinnerung auf die Sprünge helfen? Zu Späherin Harding zu sagen 'Na Kleine, wie wär's mit uns?' ist einfach nur geschmacklos zumal sie eine Zwergin ist und dadurch doppelt beleidigt.“
„War doch nicht so gemeint!“, rief Krem empört.
„Ich sag' Euch was, Aclassi: wenn Ihr unbedingt Dampf ablassen wollt, dann geht ins Bordell.“
Keine der Anwesenden wollte sich einmischen.
Seine Nase war nur noch wenige Zentimeter von Lelianas Gesicht entfernt, als er sagte: „Gut, dann könnt Ihr mich ja begleiten, vielleicht hilft das Eurer Laune auf die Sprünge.“
Sie trat einen Schritt zurück: „Ihr wollt also wie ein Mann behandelt werden? Das könnt Ihr haben.“  Ihr Knie zuckte hoch, genau zwischen Krems Beine. Er schnaufte kurz auf, sein Gesicht wurde hochrot vor Zorn und der Bulle hielt ihn am Ärmel davon ab, auf Leliana loszugehen.
„Gehen wir.“ Sie stapfte voraus zum Haupttor.
„Das tut seinem Ego sicher verdammt weh“, murmelte Cassandra kopfschüttelnd und verabschiedete sich von den anderen.
„Tja, ich denke, der Tag ist gelaufen.“ Josephine sah zu Salis, die lediglich meinte: „Zum Glück gibt’s hier genug Eis, um das Mütchen zu kühlen.“
Die Botschafterin schubste sie im Gehen lachen an. „Aber Herold!“
Der Eiserne Bulle stellte sich neben Krem. „Beruhige' Dich und dann erzähle ich Dir, wie man mit Frauen umgeht. Ich glaube, ich muss Dir endlich Manieren beibringen.“
Vor dem Tor blieb Leliana stehen, drehte sich um und betrachtete zufrieden, wie Krem gedemütigt in sein Zelt schlich. Zu ihrer Verwunderung bogen Salis und Josephine in die andere Richtung ab. Anscheinend hatten sie endlich angefangen, vernünftig miteinander zu reden und setzten den Spaziergang fort. Nur etwas gemächlicher.

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