Dorian und Solas kamen neugierig aus ihrer Behausung und boten gleich ihre Hilfe an. Zu Lelianas Überraschung traten Cullen, Cassandra und Nadira ebenfalls ein, denn die drei hatten die Templer  an den Vorräten hantieren gehört und Griffon schnupperte aufgeregt an Delrin Barris Bein, dem man einen Stuhl angeboten hatte. Dann eilte der Mabari zu seinem Herrchen zurück und schaute zu diesem hoch, was ihm einige gedankenverlorene Streicheleinheiten einbrachte, während Cullen die Eindringlinge musterte. Er wusste nur zu gut, was Barris fehlte, denn dieser zeigte alle Symptome des Lyriumentzugs, den er selbst durchlitten hatte. Der Kommandant legte seine Hand auf die Schulter des Templers und schaute ihn prüfend an. „Wir geben Euch Lyrium.“

„Nein!“, schrie Barris ihn so unerwartet an, dass der Blonde zwei Schritte zurücksprang. „Geht mir weg mit diesem Zeug!“
„Seid kein Narr, Templer! Ihr werdet sterben, wenn Ihr es nicht nehmt.“ Cassandra ließ sich von Dorian eine Flasche Lyrium reichen, aber Cullen hielt sie davon ab diese vor Barris auf den Tisch zu stellen.
„Es ist seine Entscheidung und ich kann ihn verstehen.“ Der dunkelhäutige Templer forderte ihm Respekt ab. Sein Körper mochte versagen, aber Delrins Blick war fest und zeigte wilde Entschlossenheit. „Nun, dann bringen wir Euch in eine Hütte und versorgen Euch so gut wie möglich. Wir werden viele Heiltränke brauchen und einen Magier, der sich auf das Heilen versteht.“ Er tauschte einige besorgte Blicke mit der Sucherin aus.
„Unser Orden ist untergegangen“, murmelte Delrin und schüttelte resigniert den Kopf. „Man zwang meine Kameraden rotes Lyrium zu nehmen und sie verwandelten sich in Monster.“ Seine drei Begleiter bedankten sich etliche Male dafür, dass die herbeigerufene Tavernenwirtin Flissa ihnen etwas zu essen machte und schlangen die Mahlzeit gierig herunter.
„Rotes Lyrium? Scheiße!“ Varric drängte sich ebenfalls in den kleinen Schankraum, dicht gefolgt von Elion, Sera, Josephine und dem riesigen Bullen.
„Damit können wir uns wohl von der Idee verabschieden, die Templer um Hilfe zu bitten.“ Der Dalish Elf war zwar von Anfang an dafür gewesen, die Magier zur Zusammenarbeit zu bewegen, aber diese Wendung hatte niemand erwartet.
„Eine Gefahr mehr, zumal wir nicht wissen, warum.“ Leliana versuchte, dem Trubel etwas auszuweichen und prallte gegen Fen, der sie vorwurfsvoll ansah.
„Ist Lordsucher Lucius nun total übergeschnappt?“ Cassandra machte ein ratloses Gesicht.
„Wir können uns nicht um alle Probleme gleichzeitig kümmern. Vorrang hat die Bresche.“ Josephine war diesmal ohne ihr Klemmbrett unterwegs, auf dem sie sonst Notizen zu machen pflegte, außerdem blieb ihr keine Zeit, die Haare zu frisieren, sodass diese ihr nun offen über die Schultern wallten.
„Gut, dann lasst uns morgen früh nach Redcliffe aufbrechen.“ Elions Vorschlag stieß auf mürrische Gesichter. „Kommt schon! Wir sind vorbereitet, haben genügend Leute und Leliana kennt einen Zugang zum Schloss. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Die Sucherin nickte. „Das sehe ich genauso. Zuerst schalten wir Alexius aus, schließen die Bresche und dann kümmern wir uns um die Templer.“ Es klang so einfach und trotzdem sprachen die angespannten Gesichter um sie herum Bände.
„Packen wir unsere Sachen und statten diesem Magister einen Besuch ab.“ Sera hatte sich zwar nach etwas Zweisamkeit gesehnt, aber dieser Venatori Kult aus Tevinter war ihr unheimlich. Je eher sich dieser wieder dahin verzog, wo er herkam, desto besser.

Am Morgen schwangen sich etliche müde Gestalten auf ihre Pferde, kaum da die Sonne aufgegangen war. Den Reitern folgten einige Ochsenkarren voll mit Spähern, Soldaten und Ausrüstung und es sah fast ein wenig aus, als würde sich die Inquisition nach einem anderen Platz umsehen. Nadira ritt neben Cassandra her und freute sich darüber, wieder mit ihrer Freundin unterwegs sein zu können. Leliana war der Meinung gewesen, dass die vier Magier unbedingt an dieser Unternehmung beteiligt sein sollten, auch wenn Dorian sich der Meisterspionin anschloss und durch den Fluchttunnel ins Schloss gelangen wollte.
Umso wichtiger waren Vivienne, Solas und die Saarebas, um die Magier in Redcliffe davon zu überzeugen, dass die Inquisition niemanden diskriminieren würde. „Ich bin froh, dass Du mitkommst.“ Cassandra blickte zu Nadira hoch, die auf „dem Großen“ noch stattlicher wirkte als sonst.
Die Qunari lächelte sie glücklich an. „Ich bin gerne in Deiner Nähe.“
„Ich auch in Deiner.“ Am liebsten hätte sich die Sucherin zu ihrer Freundin aufs Pferd gesellt, aber wahrscheinlich könnte nicht einmal der riesige Fereldische Forder zwei Frauen dieser Größe tragen.
Leliana ritt schweigend hinter ihnen her und hing ihren Gedanken nach, welche sich um Benjamin und Josephine drehten. Jedes Mal fiel ihr der Abschied von ihrer Familie schwerer, die ihrer Meinung nach wegen den vielen Aufgaben, vor die sie die Inquisition stellte, viel zu kurz kam. Auch Varric ließ sich schläfrig durchschaukeln und verschwand mit seinem kleinen Dalish-Halbblut fast zwischen Cullens und Blackwalls Pferden. Vivienne ritt neben Dorian her und versuchte sich von Solas fernzuhalten. Der Tevinteraner entsprach eher ihrem Gedanken von Stil und Bildung.
Sera setzte jene Idee in die Tat um, die Cassandra durch den Kopf gegangen war, und hangelte sich zu Elion in den Sattel. Die beiden schienen alles um sich herum zu vergessen, die Stadtelfe drehte sich ab und zu um und küsste den überglücklichen Herold. Griffon und Fen rannten den halben Tag lang umher und sprangen dann gegen Abend auf einen Ochsenkarren. Die Nacht war schon hereingebrochen, als sie die Wegkreuzung nahe Redcliffe erreichten und Corporal Vale, der die Soldaten dort anführte, fiel aus allen Wolken, weil sich der Besuch nicht zeitig genug angekündigt hatte und er kaum etwas vorbereiten konnte.
Seine Sorge war unbegründet, da die mitgebrachten Vorräte sogar noch reichten, um diese mit den Flüchtlingen zu teilen, die sich dort immer noch sammelten. Nadira schloss Cassandra wieder in ihre Arme, als die beiden in ihrem Zelt schlafen gingen. „Ist doch wesentlich besser, als diese Feldbetten“, murmelte die Saarebas der Sucherin ins Ohr, die deren Hand streichelte und mit der anderen über die Wange der Qunari strich.
„Viel besser, Dira, viel besser.“
Nur für Leliana und Cullen gab es keinen Schlaf, weil sie ihre Leute im Schutz der Dunkelheit nach Redcliffe führen wollten, sodass es niemand bemerken würde, wenn um die alte und zerfallene Windmühle oberhalb des Dorfes herum auf einmal reger Betrieb herrschte, denn dort versteckte sich der Zugang zum Schloss. Der Kommandant und seine Soldaten hingegen warteten außerhalb der Stadtmauern. Sie würden den Herold zum Schloss eskortieren.

Am Morgen ging Harding von Zelt zu Zelt und weckte die restlichen Mitglieder der Inquisition. Nach einem kargen Frühstück legten sie die Wegstrecke zu Pferd binnen zwei Stunden zurück, stießen zu Cullens Leuten und gingen zu Fuß weiter. An der Brücke zum Schloss postierten sich die Soldaten, denn Elion würde mit nur wenigen Begleitern bei Magister Alexius vorsprechen.
„Pass auf Dich auf.“ Nadira gab Cassandra einen Kuss auf die Stirn und winkte ihr besorgt hinterher. Die Sucherin seufzte laut und versuchte, sich zu konzentrieren, indem sie sich nicht mehr umdrehte.
„Wir sind sicherlich bald zurück.“ Varric lief neben ihr und auch ihm war die Anspannung anzusehen. Vor ihnen gingen Elion und Sera, die heute auch nicht besonders gesprächig waren. Schon am Eingang wurden sie von zwei Venatori abgefangen und der Herold brauchte all seine Überredungskünste, um diese davon zu überzeugen, dass er auf seine Begleiter nicht verzichten wollte. Und immer wieder fragte er sich, ob Leliana es auch geschafft hatte, das Schloss zu infiltrieren.
Der Thronsaal wirkte karg, was ihn verwunderte, denn immerhin residierte hier der König von Ferelden, aber in diesem Land liebte man das Rustikale eben, ohne jeglichen Pomp, dem man in Orlais frönte. Zu ihrer aller Überraschung war Alexius, welcher es sich auf dem Königsthron bequem gemacht hatte und der beim Anblick des Herolds nun aufsprang und sie überschwänglich willkommen hieß. „Mein Freund! Wie schön, Euch zu sehen!“ Der Magister kam ihnen auf den Stufen entgegen, blieb dann stehen und breitete mit einer gönnerhaften Geste die Arme aus.
Elions Nasenwurzel legte sich automatisch in Falten, als er diesen großkotzigen Kerl erblickte, aber er bemühte sich um einen Plauderton. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“
„Uh!“ Sera verzog angewidert das Gesicht und bekam von Varric einen Schubser in die Seite.
„Lasst uns über die Magier verhandeln, Herold. Was habt Ihr im Gegenzug anzubieten?“
Elion grinste. „Nichts.“
Noch ehe Alexius zu einer wütenden Litanei ausholen konnte, wurde er von seinem Sohn Felix gebremst. „Vater, sie wissen alles.“
„Eben! Eure Falle wurde entschärft!“, rief der Dalish Elf triumphierend aus und der Magister brüllte: „Venatori! Tötet sie!“ Aber all seine Wachen wurden von heranschleichenden Schatten getötet, Lelianas Spionen, die seinen Leuten Dolche zwischen die Rippen rammten oder ihnen das Genick brachen.
„Ging nach hinten los, Arschloch!“ Sera spuckte ihm eine Ladung Speichel entgegen.
Cassandra zog ihr Schwert, aber dann legte sich eine Hand auf ihren Arm. Dorian trat hinter einer Säule hervor. „Alexius. Was ist bloß aus Euch geworden?“
„Dorian?“ Der Magister starrte seinen ehemaligen Schüler entgeistert an.
„Wozu das alles?“
Alexius schrie mit bebender Stimme: „Dieser Elf ist ein Dieb! Er stahl, was meinem Meister gehörte!“
„Vater, hör' Dich doch nur an!“ Aber auch Felix konnte ihn nicht mehr bremsen.
„Der Älteste hat mir versprochen, Dich zu retten und ich werde ihm geben, was er verlangt. Ich mache den Fehler rückgängig.“ Alexius zog ein Amulett aus der Tasche und noch ehe jemand reagieren konnte, öffnete sich vor ihm eine Art Riss, der Elion, Sera und Dorian regelrecht in sich hineinsaugte.

Die drei wurden durcheinandergewirbelt, die Umgebung verschwamm und sie landeten unsanft in einem Kerker, angefüllt mit Dreckwasser. Der Dalish Elf stemmte sich völlig durchnässt in die Höhe und japste nach Atem.
„Warum landest Du immer mit dem Gesicht im Dreck?“ Sera drehte sich um ihre eigene Achse, um zu sehen, wo es sie hin verschlagen hatte. Eine Art Kerker und vor ihnen standen zwei Venatori mit gezogenen Schwertern. „Oh, Scheiße!“ Die Stadtelfe zog ihre Dolche zeitgleich mit Elion, während Dorian zwei Schritte zurückging, um Platz für seine Zauber zu haben.

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