„Wir warten ein wenig, dann suchen wir ihn.“ Cassandras Mundwinkel zuckten und sie versuchte ernst zu bleiben schon wegen Sera, die ernsthaft besorgt um ihren Freund war.
„Ach, der taucht wieder auf. Meine Pferde kommen immer wieder zurück.“ Denneth ließ sie einfach stehen und widmete sich der Stallarbeit.
„Die Pferde schon, aber was ist mit den Reitern?“ Nadira setzte sich auf die oberste Stange des Zaunes und beschloss einfach zu warten, die anderen taten es ihr gleich, während die Hunde die Gegend erkundeten.
Eigentlich hätte Cullen noch länger so dasitzen können, aber dann kam Denneths Pferd zurück zum Stall. Alleine. Die beiden Mabari fingen an zu bellen und in der Ferne tauchte ein humpelnder Elf auf. „Der Kleine geht so schnell nicht verloren, wusste ich's doch!“ Varric war die Erleichterung anzusehen.
„Eli!“, rief Sera aufgeregt und rannte ihrem Freund entgegen der sich liebend gerne von ihr bedauern ließ.
Bei den anderen angekommen, rieb er sich den Hintern und erklärte mit schmerzverzerrtem Gesicht: „Dalish Elfen sollten laufen und nicht reiten.“
„Nehmen wir den Riesen jetzt mit?“ Cassandra schaute das Pferd zweifelnd an.
„Der wäre was für Hörnchen.“ Varric begutachtete den Fereldischen Forder von allen Seiten und Nadira kam langsam näher, bis das Tier sie anschubste. „Ich glaube, der will Bestechungszucker.“ Der Zwerg lachte und hielt sich dann die Wange. „Oh, verdammt.“
Während sich die Qunari eine Möhre aus dem Stall holte und das Pferd langsam an ihren Geruch gewöhnte, untersuchte Solas den Backenzahn genau. „Es scheint mir, als sei er zerbrochen. Habt Ihr in letzter Zeit auf etwas Hartes gebissen?“
„Ich hab' mir an Cassandra die Zähne ausgebissen.“ Varric zuckte mit den Schultern und grinste schief. Dann fiel es ihm schlagartig ein. „Seras Kekse!“
Die Verursacherin seiner Schmerzen schob sich unbemerkt hinter Elion, da ihr die Sache höchst unangenehm war und zu allem Überfluss flüsterte ihr Freund ihr zu: „Nie wieder backen. Versprochen?“
„Varric, es tut mir wahnsinnig leid.“ Kam es hinter dem Dalish Elfen hervor.
„Schon gut. Das nächste Mal bin ich gewarnt. Und nun zieht mir endlich diesen scheiß Zahn.“ Seine Wange war über Nacht noch einmal deutlich dicker geworden.
„Seid Ihr sicher?“ Cullen schaute ihn zweifelnd an und der Zwerg stellte sich mit offenem Mund vor ihn. Nur widerwillig riskierte der Kommandant einen Blick. „Beim Atem des Erbauers!“
„War wohl weniger der Atem des Erbauers, mehr ...“ Cassandra schaute sich den Zahn ebenfalls an. „Varric, in Deinem Hals ist ein Tier verendet.“
„Das ist die Entzündung, Sucherin.“ Solas suchte in seiner Tasche nach etwas, mit dem er den Zahn ziehen konnte, er hatte immer Nadel, Faden und eine Schere für die einfache Wundversorgung dabei. „Lasst mir etwas Zeit.“
Dafür kehrte Meister Denneth mit einer großen Zange aus dem Stall zurück. „Wie wäre es damit?“
Diesmal war es Varric, der hinter Elion in Deckung ging. „Kommt mir nicht zu nahe!“
„Wir brauchen einen starken Faden.“ Der Dalish Elf begutachtete nun auch den Trümmerhaufen, der in Varrics Mund steckte und Cassandra hielt die Zange in die Höhe.
„Ich könnte es mal damit versuchen.“
„Eher grabe ich mich im Wald ein!“ Varric suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit.
Solas hatte derweil aus seinen Utensilien einen stärkeren Faden gedreht mit einer Schlinge an einem Ende. „Die Legen wir um den Zahn und binden das andere Ende fest.“
„Woran?“ Elion kratzte sich skeptisch am Kopf.
„An eines der Tiere. Vielleicht Fen?“ Der Magier hasste es, diesen Namen auszusprechen.
„Gut. Fen liebt Stöckchenwerfen.“ Der Elf suchte nach einem passenden Stück Holz und Solas befestigte die Schlinge um Varrics Zahn.
„Ist zum Glück nicht der große Backenzahn, sondern der vordere. Beugt Euch ein wenig vor, dann ist die Zugkraft größer.“
„Oh, ich weiß nicht“, nuschelte Varric, aber da flog schon etwas an ihm vorbei und Fen sprintete begeistert los. Alle hielten den Atem an, als das Seil sich spannte, aber statt den Zahn herauszukatapultieren, landete Varric mit dem Gesicht im Dreck, dann riss das Seil.
Sera half ihm wieder hoch. „Nehmen wir doch die Zange oder bitten wir Nadira, Dir eine reinzuhauen?“
„Nein!“ Die Qunari schüttelte energisch den Kopf.
„Du hast Kraft, wenn jemand den Zahn ziehen kann, dann Du, Hörnchen.“ Varric plagten mittlerweile schlimme Schmerzen, die alles bisher gewesene verblassen ließen.
Denneth hatte ein ganzes Sammelsurium an Zangen angeschleppt und sie suchte sich die kleinste aus. Die anderen nickten ihr aufmunternd zu und mit einem leisen Knirschen umfassten die Backen der Zange den morschen Zahn. „Tut mir leid, Varric.“ Nochmal änderte sie den Griff und riss den Übeltäter mit einem Ruck samt Wurzel heraus. Der Zwerg musste sich an Elion festhalten, weil ihm für einen Moment schwarz vor den Augen geworden war und Solas versorgte sofort die eiternde Wunde.
„Das ist ja mal ein Monstrum.“ Cassandra betrachtete den Zahn mit Abscheu.
„Ich glaube, Varric hat genug für heute. Wir sollten zum Lager zurückkehren.“ Cullen pfiff seinen Hund zurück, der im Kräutergarten von Denneths Gattin herumbuddelte.
„Willst Du ihn haben, Varric?“ Nadira hielt ihm den Zahn entgegen, aber er winkte angeekelt ab.
„Ich bin froh, dass das Mistding draußen ist. Soll er unter Pferdescheiße verrotten.“ Er schob sich müde in den Sattel, wobei ihm Cullen half und auch die anderen saßen auf. Nadira tätschelte ihrem neuen Reittier den Hals und ritt grinsend an Elion vorbei, der ihr finster hinterherblickte.

 

***

Zwei Tage waren seitdem vergangen und zwei Nächte, in denen Lelianas Späher vergeblich die Vorräte bewacht hatten. Elion schenkte Nadira das Pferd und seitdem lief die Qunari mehrmals am Tag zum Stall, um ihrem Reittier eine Kleinigkeit mitzubringen, außerdem wurde es schnell zutraulich ob der ganzen Streicheleinheiten, aber einen Namen hatte es immer noch nicht. Alle nannten es nur „den Großen“, weil es selbst für einen Fereldischen Forder riesig erschien.
Sera war auf der einen Seite froh, dass ihr Freund so zurückhaltend war, fragte sich aber auch, wie es wohl mit ihnen weitergehen sollte, aber nicht nur ihr ging diese Frage durch den Kopf, wie sie eines Morgens feststellte, als sie recht früh in der Taverne erschien und nur Cassandra beim Frühstück vorfand. Sie setzte sich dazu, nachdem sie sich zwei belegte Brötchen, einen Joghurt und etwas Tee aufs Tablett geladen hatte. Die Sucherin nickte ihr lächelnd entgegen und blätterte weiter in einer Zeitschrift aus Val Royeaux, welche ihr Josephine immer auslieh. „Ich wusste gar nicht, dass Comte Albert eine Vorliebe für jüngere Männer hat.“
Sera schaute sie interessiert an. „Ach, der feiert doch öfter mal Orgien.“
„Mag sein, aber diese geriet etwas außer Kontrolle, als ein Unwetter das Festzelt davonwehte und dreißig unbekleidete Männer zurückließ.“
Die Stadtelfe kicherte, dann fragte sie fast zeitgleich mit Cassandra: „Wo hast Du Nadira gelassen?“
„Wo hast Du Elion gelassen?“
Sie schmunzelten beide. „Dira schläft noch ihren beneidenswerten Tiefschlaf.“
„Elion schnarcht mit Fen um die Wette. Die sind beide erkältet.“
„Oh. Kein Wunder, dass Du schon auf bist.“
Sera kratzte mit dem Messer auf dem Tisch herum und suchte nach Worten. „Sag mal. Kann ich Dich mal was fragen?“
Cassandra legte die Zeitschrift zusammen und lehnte sich zurück. „Du bist doch sonst nicht so zurückhaltend.“
„Es ist persönlich.“
Die Sucherin zog eine Augenbraue in die Höhe. „Dann lass mal hören.“
„Ich brauche Deinen Rat. Du kennst Dich mit Männern aus.“ Seras Blick war geradezu verzweifelt.
Cassandra runzelte misstrauisch die Stirn. „Und?“
„Wie geht das so? Also das Mann-Frau-Dings?“
Nun klappte der Sucherin die Kinnlade hinunter. „Das fragst Du mich allen Ernstes?“ Sie starrte ihr Gegenüber fassungslos an.
„Ja, es ist mir ernst und ich kriege Bauchschmerzen, weil ich davon keine Ahnung habe.“ Die Elfe raufte sich die Haare und Cassandra überlegte kurz.
„Gut, aber unter einer Bedingung.“
„Soll ich Dir die Stiefel putzen?“ Sera schniefte und schnappte sich schnell das angebotene Taschentuch.
„Nein, aber danach erklärst Du mir, wie es zwischen zwei Frauen zugeht.“ Das hochrote Gesicht der Sucherin sprach Bände und sie schaute sich verlegen um.
„Oh, da haben wir aber was vor.“ Die Laune der Elfe stieg wieder an.
Cassandra wedelte mit den Händen vor Seras Nase herum. „Scht! Nicht so laut.“

Gegen Mittag war die Sucherin wenigstens theoretisch im Bilde, aber deshalb nicht weniger nachdenklich. Ihre Gefühle für Nadira drohten immer öfter außer Kontrolle zu geraten, wenn diese ihr nahe war. Es kostete Cassandra alle Kraft, nicht doch mit der Tür ins Haus zu fallen. Ein Wort geisterte immer wieder durch ihre Gedanken: Liebe. Sie wehrte sich dagegen und verfluchte ihren Onkel, der eben jenes Wort in seinem letzten Brief niedergeschrieben hatte. Zwischen ihren Zeilen erkannte er, was in ihr vorging und er kündigte seinen Besuch an. Noch ein Grund mehr, in Panik zu verfallen.
„Cassandra?“ Cullen und sein stetiger Begleiter auf vier Pfoten traten auf sie zu. „Wird Zeit, dass wir die neue Ausrüstung verteilen.“ Er hielt ihr eine lange Liste hin und vor ihnen stapelten sich etliche Kisten.
Sie fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung durch das Haar. „Na gut, lass uns nachsehen, ob alles da ist, was Josephine bestellt hat.“
Der Kommandant schaute sie besorgt an. „Ich bin Dein Freund. Sag mir, was los ist.“
Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen traten und Cullen bugsierte sie ein gutes Stück weiter in eine ruhige Ecke. „Ist es wegen Nadira?“ Er zog den Handschuh aus und streichelte ihre Wange.
„Was mache ich nur?“ Eine Träne kullerte über seinen Handrücken, er zog sie an sich und strich ihr sanft über das Haar.
„Ist das so schlimm?“
Sie stieß sich von ihm ab und starrte ihn verwirrt an. „Nadira ist eine Frau. Eine Qunari. Eine Magierin.“ Sie ging vor ihm auf und ab und gestikulierte wild.
„Am Ende zählt nur eines.“ Cullen versuchte erst gar nicht, sie wieder einzufangen.
„Und das wäre?“
„Dass sie Dich auch liebt.“ Er lächelte zärtlich.
„Keine Vorhaltungen? Keine Bedenken?“
Er schüttelte den Kopf. „Anfangs vielleicht, aber ich habe Euch beide die letzten Tage beobachtet. Nadira sucht nur Deine Nähe und die Art, wie Ihr Euch anlächelt, spricht sowieso Bände.“ Er lachte und packte sie nun doch an den Schultern. „Komm, wir haben noch Arbeit vor uns.“ Sie räusperte sich, wischte mit einem Taschentuch über ihr Gesicht und stapfte hinterher.

 

***

„Seid Ihr so weit?“ Sera sprang auf den Schlitten, vor welchen ein Pferd gespannt war und winkte die anderen herbei. Elion, Varric und Dorian nahmen auf der Ladefläche Platz, während Nadira und der Bulle vorne saßen, einen Kutschbock hatte dieses Gefährt zum Holztransport nämlich nicht, was für die beiden Qunari bedeutete, dass sie ihre Füße einziehen mussten. Außerdem besaß der Schlitten nur Seitenteile, sodass Sera sich dort festhalten musste, um nicht nach hinten runterzufallen. Der Bulle ließ den Schlitten langsam anfahren bis sie um die Kurve kamen auf jenen Weg, der am Haupttor vorbeiführte.
Dort standen gerade Cullen, Cassandra, Vivienne und Leliana zusammen, eifrig damit beschäftigt, die eben eingetroffene Lieferung zu katalogisieren. Die Sucherin nahm ein langes Paket entgegen und legte es auf die Seite. Auf Cullens fragenden Blick hin grinste sie verschwörerisch, aber das verging ihr schlagartig, als sie den Schlitten erblickte, der sich ihnen mit hoher Geschwindigkeit näherte und dessen Insassen johlten und grölten.
„Zumindest geht es Varric besser“, zischte Leliana verärgert zwischen den Zähnen hindurch.
Die fröhliche Rutschpartie machte keinerlei Anstalten langsamer zu werden und als sie an den Erstaunten vorbei preschten, zog Sera die Hose runter und streckte ihnen ihr blankes Hinterteil entgegen. „Mach Dich locker, Cullen!“
Der verdatterte Kommandant schaute ihr verstört nach, Cassandra und Leliana blickten den Wahnsinnigen nicht minder irritiert hinterher. „Entzückend. Nun kennen wir also den dürren Hintern dieser Elfe.“ Vivienne drehte sich um und widmete sich wieder ihren Bestellungen, welche dazu dienten, ein wenig Komfort in ihre schmale Unterkunft zu bringen.
„Bremsen!“, schrie Varric, der Bulle hielt das Pferd an, zusätzlich stemmten er und Nadira die Beine in den Schnee. Sera flog Elion im hohen Bogen entgegen, riss ihn um und beim Versuch, sie festzuhalten landete seine Hand auf ihrem nackten Gesäß.
„Hups.“ Er starrte ihr aus sehr geringem Abstand in die vor Schreck geweiteten Augen.
„Nimm Deine Pranke von meinem Arsch“, raunte sie ihm zu und ihre Stirn kräuselte sich verdächtig. Elion hob beide Hände in die Höhe und sie fiel auf den Rücken, wobei sie hektisch versuchte, die Hose wieder hochzuziehen. Dann sprang sie vom Schlitten und suchte das Weite.
„Schon Scheiße, wenn Streiche nach hinten losgehen.“ Varric kratzte sich das Kinn.
„Ich gehe nachher mal nach ihr sehen“, murmelte Elion betroffen.
„He! Kopf hoch, Boss! Die kriegt sich schon wieder ein.“ Der Bulle lachte lauthals los. „Die Nummer war doch echt Klasse.“
Er schubste Nadira an, die leise kicherte. „Verlief etwas anders als gedacht, aber es hat Spaß gemacht.“ Sie kletterte vom Schlitten, den der Bulle nun wendete und zu den Stallungen zurückfuhr.
Auch Dorian war abgesprungen und bemerkte lachend: „Ich hätte nicht gedacht, dass man bei der Inquisition einen solchen Spaß haben kann.“ Varric klopfte ihm grinsend auf dem Oberarm und ging dann mit Elion zum Haupttor, während der Magier aus Tevinter noch eine Weile an der Schmiede stehen blieb. Schade, dass der Eiserne Bulle schon vergeben war, aber da da gab es ja noch diesen blonden Kommandanten und der war ja schließlich auch nicht zu verachten. Dorian zwirbelte nachdenklich seinen Schnauzbart und legte sich eine Strategie zurecht, um Cullen näherzukommen.

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