Cassandra hatte ausgenommen gut geschlafen und wachte, wie die letzten Tage auch, in Nadiras Armen auf, die sich an ihren Rücken geschmiegt hatte, einen Arm um die Sucherin gelegt. Wegen ihrer Größe und der Tatsache, dass die Qunari ihre Hörner über das hohe Kopfkissen schieben musste, um auf der Seite zu liegen, hatte sie ihr Kinn meistens auf Cassandras Scheitel gebettet. Diese drehte sich nun sachte auf die andere Seite und vernahm ein protestierendes Brummen, das ihr ein liebevolles Lächeln auf die Lippen zauberte. „Aufwachen, Murmeltierchen!“
Sie strich Nadira mit dem Handrücken über Wange und ihre Freundin öffnete langsam die grünen Augen, in welchen die Sucherin sich so oft verlor und rollte sich auf den Rücken. „Schon wieder Zeit?“ Sie hatte den linken Arm ausgestreckt und zog Cassandra mit diesem in eine Umarmung.  „Ich würde lieber kuscheln“, murmelte sie dieser ins Ohr.
Auch jetzt fragte sich die Sucherin wieder, ob Nadiras Wunsch nach Nähe so etwas wie Nachholbedarf war, oder wirkliche Zuneigung? Waren es aufkeimende Gefühle? Und was war mit ihr selbst? „Würde ich auch.“ Cassandra schob Nadiras Haare mit einer zärtlichen Geste aus dem Gesicht, dann löste sie sich bedauernd seufzend aus der Umarmung genau in jenem Moment, als Varric den Kopf ins Zelt steckte und rief: „Aufstehen! Braucht Ihr ne Extraeinladung?“

Sera erwachte ähnlich, auch sie spürte jemanden in ihrem Rücken, die Wärme und wunderte sich über Elion, der sonst eigentlich recht schüchtern war. Sie drehte sich um, hob den Kopf und ihre Nase kollidierte mit Fens Schnauze. „Ach, Du bist das! Verschwinde, Fen!“ Sie machte ihrem Ärger Luft, denn eigentlich wäre es schön gewesen, wenn ihr Freund auf die gleiche Idee gekommen wäre, aber dieser hockte im Schneidersitz neben ihr und schüttete sich aus vor Lachen.
„Raus mit Euch! Alle beide!“ Sera schubste den riesigen Mabari aus dem Zelt und scheuchte Elion hinterher. „Blödmänner!“
Immer noch lachend nahm der Dalish am Lagerfeuer Platz und ließ sich von Solas einen Tee geben, um die Nachtkälte zu vertreiben. Der Magier war froh, dass er endlich wieder ein Zelt für sich alleine hatte, während Varric und Cullen zusammengerückt waren. Ein munteres Hin und Her, aber alle befanden, dass die beiden elfischen Schurken zusammengehörten, außerdem bewohnten sie ja immer noch gemeinsam ihre Hütte, aus der Sera nie ausgezogen war, und nun war offensichtlich geworden warum.
„Was machen wir heute?“ Cullen schlürfte sein heißes Getränk und Griffon schlabberte neben ihm etwas Wasser aus seiner Trinkschüssel, welche der Kommandant überall mitnahm. Überhaupt hatte der Mabari fast mehr Gepäck als er selbst. Ein Deckchen hier, ein paar Schüsseln da, etwas Spielzeug, einen Kauknochen, die Leinen und nicht zu vergessen das wunderbar weiche Kissen, auf welchem es sich Griffon nur allzu gerne bequem machte. Mit anderen Worten: Cullen verwöhnte seinen neuen Freund nach Strich und Faden, was die anderen schon mit allerlei Witzen quittierten.
„Wir schauen mal bei Meister Denneth vorbei, der uns einige Pferde anbieten wollte, allerdings scheint diese Großzügigkeit an einige Bedingungen geknüpft zu sein, wie mir unsere Späher berichteten.“ Elion versorgte zuerst Fen und schmierte sich dann am kleinen Frühstücksbuffet ein Marmeladenbrot, wobei der Begriff „Buffet“ recht hochtrabend war für einen Tisch, auf dem sich jeder mit Brot, Marmelade, Joghurt, Wurst und Käse selbst versorgen konnte.
„Also keine Risse mehr?“ Die Erleichterung war Cullen anzuhören. Als ehemaliger Templer war er zwar gut für dem Kampf mit Dämonen ausgebildet worden, aber solche Begegnungen erinnerten ihn immer wieder an seine Zeit in Kirkwall, in der er mehr dämonische Besessenheit gesehen hatte, als irgendjemand sonst in seinem Leben.
„Zwei kleine noch.“ Cassandra rührte ihren Tee mit einem Löffel um, damit der Zucker sich auflöste. „Und das ist auch der Gefallen, den wir Meister Denneth noch tun sollen. Unsere Leute haben das Problem mit den Wölfen schon erledigt, welche in letzter Zeit vermehrt Menschen angegriffen hatten.“
„Verdammt! Ich dachte, wir hätten alle Risse in den Hinterlanden erwischt?“ Varric tunkte sein trockenes Brot in den Tee.
„Igitt! Wie kannst Du eine solche Matsche essen?“ Sera sah ihm dabei zu.
„Zahnschmerzen.“ Der Zwerg fasste sich an die linke Wange, tippte mit den Fingern dagegen und zuckte zusammen.
„Das sehe ich mir gleich mal an.“ Solas wühlte in seinem Lederbeutel herum, welcher voll von Kräutern, Tinkturen und Tränken war. Varric spülte sich am Bach den Mund aus und fluchte darüber, dass kaltes Wasser an seinen überempfindlichen Zahn kam. Dann setzte er sich auf eine Kiste und der Magier begutachtete den Schaden.
„Scheint nur eine Entzündung zu sein, am Zahn ist zumindest nichts abgebrochen.“ Solas schien ausgesprochen gute Laune zu haben, er schaute tief in Varrics Mund hinein. „Und Plattfüße habt Ihr auch.“ Er kicherte verhalten und drehte sich schnell um.
„Der war gut, Griesgram“, bemerkte der Zwerg und rieb die entzündete Stelle mit einer übel riechenden Tinktur ein.
„Also müssen wir Varrics Zahn nicht an Fen anbinden und dann Stöckchen werfen?“ Elion konnte sich ein sadistisches Grinsen nicht verkneifen. „Schade.“
„Was machen Qunari bei Zahnschmerzen?“, fragte Sera wissbegierig.
Nadira zuckte mit den Schultern. „Da sie uns Saarebas misstrauen, müssen sie die Schmerzen halt aushalten.“ Sie grinste. „Selbst schuld. Wir würden ja Heilzauber sprechen, aber wer nicht will, der hat schon. Manchmal schlagen sie sich dann gegenseitig die Zähne aus.“
Cassandra schaute sie verwirrt an. „Erwischen die dann immer die richtigen?“
Die Qunari lachte wieder mit ihrer tiefen Stimme, welche der Sucherin eine Gänsehaut über den Rücken jagte. „Selten. Meistens brauchen sie mehrere Versuche.“

Gut gelaunt brachen sie zu Meister Denneths Hof auf und die Hinterlande zeigten sich von ihrer malerischen Seite. Die Sonne wärmte, aber man kam nicht ins Schwitzen, überall tanzten Insekten über wundervoll duftenden Blumen und der Wald wich einem kleinen Tal, in welchem mehrere Bauernhöfe lagen. „Da ist schon unser Lager.“ Elion deutete auf drei Zelte, welche Späher an einem kleinen Tümpel aufgebaut hatten. „Von da aus müssen wir uns nordwestlich halten, um zum ersten Riss zu gelangen.“
Diesmal kamen sie alle mit, auch Griffon, wenngleich Cullen den Mabari auch an die Leine legte. Er sollte Fen zuschauen und lernen. Im Laufe der Zeit hatten sich die Freunde eine Strategie zurechtgelegt, mit welcher sie die Dämonen bekämpften, wobei Sera und Cassandra als Nahkämpferinnen nach vorne stürmten und so selten sie auch einer Meinung waren, im Kampf verständigten sie sich mit wenigen Worten.
Elion, Varric und Solas blieben auf Abstand, wobei der Magier bevorzugt Eiszauber entfachte. Nadira hingegen kam auch im Nahkampf gut zurecht, sie war groß und kräftiger als die meisten Soldaten. Und wer konnte schon damit rechnen, von einer Magierin nach Strich und Faden verprügelt zu werden? Cullen und Cassandra überlegten seit einer Weile, mit welcher Waffe sie die Qunari ausrüsten konnten, aber bis dahin wehrte sie sich mit einem Magierstab als Schlaginstrument, den ihr Vivienne überlassen hatte, und wirkte ansonsten Blitzzauber, die mehrere Gegner gleichzeitig trafen.
Der Kommandant hielt sich etwas zurück, schon wegen Griffon, und er bemerkte, dass sein Hund dem Geschehen äußerst neugierig folgte und er an der Leine zog, als Fen einem Dämon aus dem Stand an die Kehle sprang. Cullen kämpfte wie Cassandra mit Schwert und Schild, so konnte er feindliche Zauber von sich und seinem Mabari abwehren.

***

Leliana hatte gehofft, an diesem Morgen einmal mit Hiobsbotschaften verschont zu bleiben, immerhin befanden sich die Verursacher der meisten Beschwerden,  welche ihr täglich vorgetragen wurden, in den Hinterlanden, aber gleich nach dem Frühstück kam Harding aufgeregt angerannt, salutierte zackig und machte Meldung. „In Apotheker Adans Labor wurde letzte Nacht eingebrochen. Außerdem fanden wir heute früh einige leere Vorratskisten, die auf dem Vorplatz gelagert wurden.“
Die Meisterspionin runzelte die Stirn. „Was ist das für eine Meldung, Leutnant?“ Die quirlige Zwergin war zwar eine hervorragende Späherin, aber sie musste noch viel lernen, zumal Leliana mit ihr besondere Pläne verfolgte. „Geht es auch etwas präziser?“
„Aus Adans Hütte wurden Heil- und Lyriumtränke entwendet und in den Kisten befanden sich vor allem Decken.“ Harding lief rot an vor Eifer. „Wir fanden mehrere Fußspuren im Neuschnee. Es müssten drei oder vier Leute gewesen sein.“
Die Nachtigall schnaufte wütend. „Und keine der Wachen hat diese bemerkt? Das ist beunruhigend.“ Sie schmiss ein zusammengerolltes Dokument über den kleinen Kartentisch. „Schaut auf den Dienstplan und bringt mir alle, die letzte Nacht Wache geschoben hatten.“
Zwanzig Minuten später stand dreißig Soldaten und Späher vor ihr, schauten beschämt auf den Boden oder in eine andere unverfängliche Richtung. Leliana schritt die Reihe ab und warf ihren Untergebenen erboste Blicke zu. „Dreißig Mann und niemand bemerkt es, wenn sich hier nachts ganze Gruppen von Dieben herumtreiben? Wo habt Ihr eigentlich Eure Augen?!“ Sie hielt inne und versuchte sich zu beruhigen. „Irgendjemand muss doch etwas gesehen haben?“
Ein Soldat wagte es, den Mund aufzumachen. „Nur Bedienstete und einige Templer.“
Die Meisterspionin horchte auf. „Templer?“
„Ja, sie gingen an der Taverne vorbei und ich dachte, sie hätten sich dort noch aufgehalten. Ist ja nicht selten, dass Cullens Leute so spät noch unterwegs sind.“
Die Taverne lag auf dem Weg zum Labor des Apothekers. „Trommelt mir alle Templer zusammen, ich will wissen, wo sie die Nacht waren.“ Irgendetwas war hier faul. Sie konnte es spüren. Auch Dorian wurde herbeigerufen, denn immerhin lag seine Hütte genau neben Apotheker Adans Labor. Der mittlerweile genesene Magier lehnte sich lässig gegen eine der Zeltstangen in Lelianas provisorischem Besprechungszimmer, das lediglich aus einer Zeltplane bestand.
„Templer“, spie er verächtlich aus. „Ich bin froh, wenn sich die Kerle von mir fernhalten.“
„Ihr habt also welche aus dieser Richtung kommen sehen?“
„Ist doch nichts Außergewöhnliches, wenn Cullens Leute sich mit Lyrium eindecken, immerhin ist Adan derjenige, der es verwaltet. Gut, es war etwas spät, aber das für mich kein Grund, gleich an einen Einbruch zu denken. Ich sah kurz aus dem Fenster und da liefen vier Templer an mir vorbei.“
„Es waren sicher Templer?“
Dorian bedachte sie mit einem verärgerten Blick. „Nein, es waren Qunari, die sich als Elfen verkleidet hatten.“ Der überhebliche Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Leliana versuchte ihn zu beschwichtigen. „Verzeiht, aber das erscheint mir absurd, es sei denn, es waren nicht Cullens Männer.“
Der Magier wurde ernst. „Ein unangenehmer Gedanke, dass hier Leute herumschleichen, die nicht zur Inquisition gehören.“
„Ich werde dafür sorgen, dass man ihrer habhaft wird.“ Die Meisterspionin versank in tiefes Nachdenken darüber, wie sich Fallen aufstellen ließen.

***

Noch am Mittag waren beide Risse geschlossen und sie konnten endlich mit Meister Denneth ins Geschäft kommen, einem alten Recken, dessen haarloses Haupt in der Sonne glänzte, als er sie an den Pferdestall führte. „Ihr habt etwas Besseres verdient als diese alten Mähren, die Euch die Inquisition zur Verfügung stellt.“ Mit diesem Worten holte er einen Fereldischen Forder aus dem Stall, ein riesiges Tier mit dunkelbraunem Dell, das bevorzugt in der Armee eingesetzt wurde.
Elion starrte in die Höhe und überlegte, wie er auf diesen Koloss gelangen konnte. „Das wäre etwas für langbeinige Qunari.“ Er hörte Nadiras Lachen hinter sich.
„Los! Rauf mit Dir!“, drängte ihn Sera und ihr Freund stieg mit einem beherzten Sprung in die Steigbügel, um sich von dort auf den Rücken des Pferdes zu schwingen. Irgendwie war es unangenehm, so breitbeinig im Sattel zu sitzen. Das Tier trabte nun ins Freie, blieb dann stehen und ließ sich nicht erweichen, auch nur einen Schritt zu machen.
„Ihr müsst ihm zeigen, wer der Herr ist“, rief Denneth und gab dem Pferd einen Klaps auf die Flanke.
„Seid Ihr wahnsinnig?“, schrie Elion und das Mistvieh machte einen gewaltigen Satz über den Zaun, rannte dann mit ihm querfeldein und verschwand im Dickicht. Seine Freunde starrten ihm mit offenen Mündern hinterher.
„Ob wir ihn je wiedersehen?“ Varric kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Er hat's nicht so mit Tieren, oder?“, fragte Denneth lachend.

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