Cassandra und Nadira genossen die Sonne und saßen im hohen Gras nahe ihres Lagers. Rücken an Rücken lasen sich die beiden aus einem Buch über Drachen vor, Geschichten, die ein Wissenschaftler der Universität von Val Royeaux zusammengetragen hatte. Drei Wochen waren vergangen seit dem Sturm, welcher den größten Teil der Zelte zerstört hatte. Einige Tage herrschte deshalb in den Hütten drangvolle Enge, dann endlich wurden die neuen Behausungen geliefert, die stabiler waren und die Wärme besser hielten.
Nadira wollte sich nützlich machen und nach einigen Diskussionen mit der Sucherin fing diese an, die Qunari mit auf die Reisen durch die Hinterlande zu nehmen. Selbst Cullen stimmte zu, denn er sah, dass die Freundschaft zwischen den Frauen immer tiefer wurde und er war mehr denn je davon überzeugt, dass die Saarebas alles tun würde, um Cassandras Leben zu beschützen und anders herum galt natürlich das gleiche.
Dem Kommandanten hatten die zwei nun auch den stillen Nachmittag zu verdanken. Der Geruch des Grases, der leichte Wind, welcher das Laub der Bäume zum Rascheln brachte, und die träg machende Wärme umfingen sie, machten schläfrig und verträumt. Nadira konzentrierte sich ganz auf die Stimme der Sucherin, die leise sprach, während sie mit geschlossenen Augen zuhörte. Das Zuklappen des Buches erschien ihr fast wie ein lauter Knall und nach einer Weile meinte Cassandra: „Onkel Verstalus hat wieder geschrieben.“
Nadira drehte ihren Oberkörper der Freundin ein wenig zu. „Trägt er sich immer noch mit dem Gedanken, Dich zu besuchen?“
Die Nevarranerin kicherte. „Seit wann kann man einen Pentaghast von seinen Vorhaben abhalten?“ Nadiras tiefes Lachen vibrierte in ihrem Magen.
„Das stimmt, Ihr seid stur.“
Cassandra zwickte der Qunari in die linke Seite. „Sagen wir eher: entschlossen.“
„Na gut, Ihr seid stur entschlossen.“
Diesmal war es die Sucherin, welche laut loslachte und dann dem Gedanken nachspürte, wann sie sich je so unbefangen gefühlt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern jemals etwas ähnliches empfunden zu haben. Eine Leichtigkeit, die einem in der Luft tanzenden Schmetterling gleich kam, und eine Ruhe, die sie ganz und gar erfüllte. Nadira seufzte leise und streckte die Beine aus, was den Druck gegen Cassandras Rücken etwas verstärkte. „Was ist?“
„Ich hätte nie gedacht, dass es so sein könnte.“ Die Qunari schaute hinauf zu den Wolken. „Das Leben, es fühlt sich so fremd an und doch so schön.“
„Ja, das geht mir genauso.“ Cassandra lehnte den Kopf gegen den breiten Rücken ihrer Freundin.
„Aber Du lebst doch schon eine ganze Weile so. Du bist frei.“
„Nicht wirklich. Mein Onkel hat mich in einem goldenen Käfig gehalten.“
„Das hat er?!“ Nadira drehte sich so ruckartig um, dass Cassandra nach hinten umkippte. Sie lag im Gras und schaute zu Nadira hoch, die sich neben sie legte, den Kopf mit der Hand abgestützt.
„Nein, stell' Dir das bitte nicht wortwörtlich vor.“ Die Sucherin schmunzelte. „Er wollte mich behüten, vor allem bewahren, aber er übertrieb es damit so sehr, dass ich gehen musste.“
„Und dann warst Du frei?“
„Auch nicht. Nach dem Tod meines Bruders dachte ich nur noch an Rache. Ich kam zu den Suchern, lebte dort nach strengen Regeln und für meine Aufgabe. Dann wurde ich die rechte Hand der Göttlichen und diente ihr bis zum Konklave.“ Sie überlegte lange. „Freiheit? Die fand ich nur in meinen Büchern.“
„Genau wie ich!“, rief Nadira aufgeregt aus. „All diese Orte, von denen geschrieben wurde. Ich sehnte mich nach ihnen. Mein Avaarad machte sich zum Glück nicht die Mühe, die Bücher zu zensieren, die er mir gab. Für ihn kam es nur darauf an, dass ich ruhig hielt und den nächsten Gegner besiegte.“
„Du hast also nicht immer unter seiner Kontrolle gestanden?“ Cassandra strich ihr wieder eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Nein, das ging nur, wenn er den Kontrollstab benutzte, dann verlor ich mich, löste mich auf.“ Nadiras Atem beschleunigte sich vor Aufregung und die Sucherin griff instinktiv nach der Hand ihrer Freundin. „Auf dem Schiff … da starb er und ich war frei. Keiner merkte es.“
„Und Du bist einfach gesprungen.“
Die Qunari lächelte sie liebevoll an. „Ja, und dann zog mich jemand zurück ins Leben.“ Sie hauchte der Sucherin einen Kuss auf die Wange und beide Frauen liefen rot an. „Danke.“

„He, Ihr beiden!“ Seras Ruf schreckte sie auf. „Ist ja schön, dass Ihr Euch so prächtig amüsiert, während WIR mal wieder die ganze Arbeit machen.“ Die Elfe ließ sich am Lagerfeuer nieder und machte sich umgehend über die Vorräte her, wobei sie Fen großzügig bedachte. Elion aber, welcher die Hand ausgestreckt hatte und sich ebenfalls etwas erhoffte, ging leer aus. Griffon, der die ganze Zeit im Schatten gedöst hatte, sprang nun auf und zerrte ungeduldig an seiner Leine, bis sein Herrchen ihn begrüßte.
„Och, ich finde, Cullen macht das ganz gut.“ Cassandra grinste ihren Freund frech an und sie dachte nicht daran, ihre Hand von Nadiras zu lösen.
„Ja, er ist zwar eingerostet, aber noch recht brauchbar.“ Varric setzte sich auf eine Kiste, nahm seine Armbrust Bianca ab und stellte sie neben sich.
„Ich hatte versprochen, Euch zu begleiten und das tue ich nun.“ Der Kommandant nahm ebenfalls inmitten der kleinen Runde Platz und entledigte sich seines Brustpanzers.
„Uh! Ihr braucht dringend ein Bad.“ Sera fächelte sich mit der Hand frische Luft zu.
„So dick gepanzert kommt man hier eben nicht weit.“ Elion zog seine Lederjacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. „Cassandra trägt ja auch keine volle Rüstung.“
„Zum Turteln braucht man das auch nicht.“ Der Zwerg zwinkerte der Sucherin keck zu, die ihn mit einem verärgerten Blick bedachte und Nadiras Hand noch fester packte. „Schon gut! Kein Grund, mir gleich an die Kehle zu springen.“ Varric hob beschwichtigend die Hände.
„Cass?“ Die Qunari musterte das Gesicht ihrer Freundin.
„Hm?“
„Du kannst jetzt aufhören meine Hand zu zerdrücken.“ Nadiras grüne Augen funkelten belustigt.
„Oh, entschuldige, Dira.“ Die Sucherin ließ den Griff los und richtete sich auf. „Wie ist es gelaufen?“ Ihre Frage richtete sie an Elion und dieser lächelte zufrieden.
„Wir haben in den Hinterlanden alle uns bekannten Risse geschlossen und ich hoffe, dass unser Ruf nun ausreicht, um die nötige Unterstützung zur Schließung der Bresche zu gewinnen.“
„Josephine schlägt sich die Nächte um die Ohren, damit der Einfluss der Inquisition stetig wächst.“ Cullen kraulte seinen Mabari, der in der kurzen Zeit erstaunlich gewachsen war. Einfach hochnehmen konnte der kräftige Mann Griffon bald nicht mehr und es wurde Zeit, den Hund auszubilden.

Sera zog sich an das Ufer eines nahen Baches zurück, sie war still geworden und Elion sorgte sich um seine Freundin. Die erste Woche nach dem Sturm hatte er versucht, ihr aus dem Weg zu gehen, zu weh tat ihm ihr Anblick und die Tatsache, dass sie für ihn unerreichbar blieb. Ganz langsam begannen die beiden wieder miteinander zu reden, zuerst etwas befangen, aber dann fast wie einst. Sie scherzten, spielten sich gegenseitig Streiche, doch immer behielten sie einen gewissen Abstand und nun suchte die Stadtelfe oft die Ruhe.
Auch jetzt wieder. Sie zeichnete kleine Figuren mit einem Stöckchen in den Sand des Ufers und dachte nach, wie so oft. Das unbeschwerte Leben lag lange hinter ihr und die Aufgaben türmten sich wie ein unbezwingbarer Berg vor ihr auf. Dabei wollte sie doch nur, dass alles wieder so war wie zuvor, genauso wie Elion, der letzte Woche endlich einen Brief von seinem Bruder bekam, in dem dieser ankündigte, seine Töchter nach Haven zu bringen. Kein Wort über die Gründe, keinen Dank. Sera verstand nun, warum ihr Freund so wenig von seiner Familie hielt und sie freute sich über seine Entscheidung, die Mädchen zu sich zu holen.
Hinter ihr knackte es im Gehölz und sie fuhr herum. Der Dalish Elf machte noch mehr Lärm, damit sie ihm nicht mit ihren Dolchen entgegensprang. „Ich bin's nur.“
„Du bist lauter als eine Herde Brontos.“
„Mit Absicht.“ Er grinste zu ihr hinab und setzte sich ungefragt neben sie.
„Spuck's aus, Herold.“ Sie musterte ihn skeptisch.
„Ich mache mir Sorgen um Dich.“ Er schaute sie traurig an und betrachtete dann wieder den kleinen Bach, dessen Wasser sich an unzähligen Steinen brach und kleine Wirbel bildete.
„Danke gleichfalls.“ Sie schmiss einen Stein ins Wasser und schreckte eine Forelle auf. Es steckte eine unterschwellige Wut in diesem festen Wurf.
„Sieht so aus, als hätte Cassandra einen Narren an Nadira gefressen.“ Ihm entging nicht die kleinste Regung in Seras Gesicht.
Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ja, die beiden mögen sich eben sehr.“
„Warum hast Du aufgehört, Hörnchen näher kommen zu wollen?“
Sie pfefferte erneut einen Stein ins Wasser. „Zwischen den beiden ist etwas und das akzeptiere sogar ich, klar?“
Elion wagte es kaum zu atmen. „Und warum machst Du einen Bogen um mich?“ jetzt hatte er doch jene Frage gestellt, die ihn seit Wochen beschäftigte.
„Ich meide Dich doch nicht! Ich muss nur oft nachdenken, das ist alles“, entgegnete Sera unwirsch.
„Worüber?“ Er wappnete sich damit, gleich eine Ohrfeige zu bekommen, aber seine Freundin schaute betrübt unter sich.
„Über Dich“, kam es leise und sein Herz machte einige sicherlich ungesunde Sprünge, dann sah er, dass kleine Tropfen auf Sera Hose fielen und er kämpfte gegen den Drang an, sie ihn seine Arme zu nehmen. „Wenn Du nicht da bist, vermisse ich Dich und wenn Du in meiner Nähe bist, ertrage ich es nicht mehr.“ Sie zog die Beine an und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Elion wusste nicht, was er sagen sollte, also blieb er schweigend neben ihr sitzen. Dann schmiss ihn Seras aufgebrachter Schubser einfach um und sie schrie: „Was machst Du mit mir?“ Sie stand auf und wollte davonrennen, aber er hielt sie am Handgelenk zurück.
„Bleib bei mir, rede mit mir.“ Er nahm sie halb in seine Arme, halb fiel sie ihm schluchzend um den Hals. „Ich liebe Dich, Sera.“
Sie trat ihm gegen das Schienbein. „Du verstehst es echt, eine Situation noch zu verschlimmern!“ Sera löste sich von ihm und Elion sprang auf einem Bein herum, während er sich die Wade des anderen hielt. „Ich wollte Dir endlich sagen, was ich für Dich empfinde.“
Immer noch liefen ihr die Tränen über das gerötete Gesicht wie kleine Sturzbäche. „Und jetzt soll ich vor Freunde Luftsprünge machen, oder was?“ Ihre Faust traf seinen Brustkorb und er fasste schnell nach ihren Händen, bevor sie erneut zum Schlag ausholen konnte. „Andraste! Wie konnte das nur passieren?“ Endlich wagte sie es, ihn anzuschauen.
„Manchmal sehen wir mit dem Herzen, nicht mit den Augen.“ Sein sanftes Lächeln durchbrach sämtliche Mauern.
„Meine sind echt blind.“ Sie gab eine Mischung aus Schluchzen und Lachen von sich, gefolgt von einem Schluckauf.
Elion zog sie wieder an sich, streichelte ihren Rücken und küsste ihre Wange. „Wir sind, was wir sind, aber wir haben auch die Freiheit, dies zu ändern.“
„Ein Kerl! Erbauer! Was für ne Scheiße!“ Sera grinste ihn schief an und fiel ihm dann um den Hals. „Wenigstens wächst Dir kein Bart.“ Sie kuschelte sich an seine Wange und spürte sein verhaltenes Lachen.

„Können wir jetzt essen?“, schrie Varric. „Oder wollt Ihr beiden noch länger da herumstehen?“

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