Cassandra und Nadira verstauten all ihre Habseligkeiten in der großen Truhe der Sucherin. Der Wind nahm immer noch weiter zu und Hardings Leute versuchten die Zelte abzusichern, indem sie Schnee gegen die Seiten schippten. „Vielleicht sollten wir in die Taverne gehen, bevor sie überlaufen wird?“ Die Qunari beobachtete mit Sorge, wie sich auf der einen Seite des Zeltes eines Eisschicht bildete.
„Ja, wer weiß schon, was das nachher hier wird. Lass uns etwas essen gehen.“ Cassandra öffnete die Zeltplane, machte umgehend einen Schritt zurück und prallte gegen Nadira. Das Schneegestöber sorgte dafür, dass sie den zugefrorenen See kaum noch sahen, obwohl er nur etwa dreißig Meter vor ihnen lag. Die beiden Frauen stemmten sich gegen den Wind und waren froh, als sie das Haupttor erreichten, weil die Palisaden wenigstens halbwegs schützten.
Varric buddelte ebenfalls den ganzen Schnee um sein Zelt herum zu einem Windschutz zusammen und klopfte diesen mit der Schaufel fest. „Was für eine Scheiße!“, brüllte er gegen das Heulen des Sturmes an.
Cassandra fasste nach Nadiras Arm und rief ihr ins Ohr: „Ich gehe kurz zu Leliana hoch, such' uns schon mal einen Platz aus.“
Die Qunari nickte und half zuerst dem Zwerg, die Zeltstangen mit zusätzlichen Schnüren zu verstärken, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg in die Taverne, wobei sie fast mit der Tür hineinfielen, weil der Wind sie vor sich herschob. Sie klopften sich die Kleidung ab und nahmen an einem größeren Tisch Platz, welchen die Besitzerin für den Herold und seine Freunde reserviert hielt. „Schön, wenn man einflussreiche Freunde hat, oder?“ Varric zwinkerte Nadira verschwörerisch zu und bestellte erst einmal zwei Tee und eine heiße Milch.
Das Gesicht der Qunari erhellte sich. „Ich hätte nie gedacht, dass mir ausgerechnet Milch so gut schmeckt.“ Sie nippte an ihrem Getränk und auch der Zwerg schlürfte seinen Tee mit Bedacht.
„Ich hoffe, Du kommst mal in den Genuss, Marians heiße Schokolade zu probieren.“
„Wer ist Marian?“ Nadira schaute ihn irritiert an.
„Oh, verzeih mir, Hörnchen. Marian Hawke, der Champion von Kirkwall. Hast Du schon mal von ihr gehört?“ Er musterte sein Gegenüber eingehend.
„Ja, aber nicht unbedingt Gutes. Die Qunari fürchten sie.“ Sie grinste verschmitzt. „Was sie mir wieder sehr sympathisch macht. Sie hat den Arishok getötet, eigenhändig.“ In ihrer Stimme schwang Bewunderung mit.
„Ja, und sie hat Isabela davor bewahrt, gevierteilt zu werden.“ Die Erinnerungen tobten durch Varrics Kopf wie der Sturm draußen. Er spürte, dass er wehmütig wurde und Nadira blickte ihn traurig an.
„Ist etwas Schlimmes passiert?“
Der Zwerg schüttelte den Kopf. „Nein, Marian geht es gut, es ist nur ...“ Er wägte ab, was er erzählen konnte. „Ich wünschte, sie könnte endlich zur Ruhe kommen. Sie ist Magierin und auf der Flucht, zumal Cassandra immer noch nach ihr suchen lässt und ich deswegen jede Menge Ärger mit unserer Sucherin hatte.“
„Und Du bekommst noch mehr, wenn Du mir etwas verschweigst, Varric.“
Er drehte entsetzt den Kopf, weder er noch Nadira hatten die große Nevarranerin bemerkt, stellte er beunruhigt fest. „Für so eine riesige Frau bist Du erstaunlich lautlos.“ Er seufzte. „Und was Marian angeht, so weiß ich nicht, wo sie sich befindet.“
„Glaubst Du, ich weiß nicht, dass Du ihr dauernd schreibst?“ Cassandra setzte sich neben Nadira, welche dem Gespräch gebannt folgte.
„Ja, und ein Brief hat sie doch tatsächlich erreicht. Danach verschwand sie wieder.“ Die Sorge um seine Freundin war ihm anzusehen. Diesmal schien er die Sucherin nicht anzuflunkern. „Ich bitte Dich, lass sie in Ruhe. Schon schlimm genug, dass die Templer hinter ihr sind.“
„Bislang ist sie diesen erfolgreich entkommen.“ Cassandra hielt sich die Teetasse gegen die Wange. „Und nun haben die Templer genug mit sich selbst zu tun. Trotzdem würde ich gerne mit ihr reden.“
„Sie hat eine kleine Tochter, Cassandra. Was glaubst Du, passiert mit einem Kind, wenn es kein Zuhause hat?“
„Warum wissen wir davon nichts?“ Die tiefe Falte in ihrer Nasenwurzel verriet Cassandras Verärgerung.
„Es weiß niemand. Es war immer ein Geheimnis.“ Seine Augen glänzten, als sie feucht wurden. „Lass sie gehen.“
Sie schauten sich lange an, um die Gedanken des anderen zu erraten. „Gut, wir hatten nach ihr suchen lassen, weil wir sie zum Konklave schicken wollten, in der Hoffnung, dass sie die Streitigkeiten zwischen Templern und Magiern beilegen kann. Und dann kam Elion.“ Sie schnaufte zuerst, schmunzelte dann aber. „Er war nicht gerade das, was wir uns erhofft hatten, aber er wächst in seine Aufgabe hinein.“
„Er ist ein Dalish, der bisher durch die Wälder gezogen ist. Was erwartet Ihr alle von dem Kleinen?“ Varric bestellte sich eine Kleinigkeit zu essen, ebenso wie die beiden Frauen. Nadira überlegte lange, weil sie sich nicht entscheiden konnte.
„Das klingt alles so lecker“, meinte sie entschuldigend, aber die beiden anderen lächelten ihr aufmunternd zu.
Varric lag noch etwas auf der Seele. „Sagt mal, Ihr seid vorhin etwas überstürzt aufgebrochen. Was war los?“
„Ich hatte das Gefühl, dass sich Nadira unwohl fühlte.“ Cassandra starrte grimmig auf ihre leere Gabel, welcher einige Erbsen entfleucht waren, die nun über den Tisch kullerten.
„Hörnchen?“
„Ich verstehe nicht, was Sera wollte.“ Die Qunari stellte sich geschickter an und löffelte die Erbsen einfach von ihrem Teller.
„Na ja, sie wollte Dir wohl ein wenig näher kommen, schätze ich.“ Varric kam sich vor, als würde er auf dünnem Eis wandeln. Er überlegte sich jeden Satz sorgfältig und Cassandras angestrengtes Gesicht zeigte ihm, dass es dieser ähnlich ging.
„Warum?“
„Vielleicht mag sie Dich?“
„Und zeigt man das dann auf diese Weise?“
„Nun, vielleicht nicht so direkt, wie es nun mal Seras Art ist. Wenn man sich mag, kommt man sich näher.“ Er hoffte inständig, dass ihm ein Aufklärungsunterricht erspart blieb. „Man verbringt gerne Zeit miteinander und … äh … sucht den Körperkontakt. Cassandra, würdest Du bitte fortfahren?“
Sie zuckte zusammen. „Was? Ich? Oh, na gut. Wenn zwei sich auf eine bestimmte Art mögen, dann wird dieser Kontakt inniger. Sie streicheln und küssen sich.“
„Aber das will Sera doch nicht, oder?“, rief Nadira pikiert aus.
„Ich glaube, sie hat gemerkt, dass Du Dich dabei nicht wohlfühlst, Hörnchen.“ Varric starrte sehnsüchtig zur Tür.
„Das fühlte sich ganz anders an, als bei Cassandra.“ Die Sucherin ließ die Gabel fallen und starrte die Qunari an. „Bei Dir ist das angenehm, warm, schön. Bei Sera eher unheimlich.“
„Ich … äh …“ Cassandra stand die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben, zumal als Nadira verunsichert fragte: „Gefällt es Dir nicht?“
„Erbauer! Doch!“ Die Sucherin lief hochrot an. „Ich würde es Dir sagen, wenn dem nicht so wäre.“
Die Qunari lächelte erleichtert. „Dann magst Du mich auch?“
Cassandra war wehrlos gegen Nadiras entwaffnende Art. „Ja, ich mag Dich auch.“
„Und Ihr zeigt Euch das gegenseitig?“ Sie schmiegte ihre Wange an jene der Sucherin, die geradezu überwältigt und sprachlos war. Varric amüsierte sich köstlich. Er stand auf und verabschiedete sich, während es Cassandra immer wärmer wurde, aber sie brachte es nicht übers Herz Nadira abzuweisen, die ihr vorkam wie ein kleines schnurrendes Kätzchen. Außerdem gefiel ihr die Nähe der Qunari, wenn sie ehrlich war, dass diese ihre Zuneigung allerdings in aller Öffentlichkeit zeigte, musste sie ihr irgendwie schonend abgewöhnen.

Vier Stunden später lagen die beiden Frauen frierend in ihren Betten während der Sturm an ihrem Zelt rüttelte. Der kleine Ofen gab kaum Wärme ab, obwohl er mit Brennholz vollgestopft war und sie hatten ihre Feldbetten zusammengestellt in der Hoffnung, sich gegenseitig etwas Wärme spenden zu können. In ihre Decken eingemummelt spürte Cassandra trotzdem, dass Nadira zitterte. Sie hob den Kopf und die Qunari schaute sie fragend an. „Ich halte es keine Stunde länger aus. Komm, wir suchen bei Elion Schutz. Schnapp' Dir Deine Decken.“
Nadira war schneller auf den Beinen, als die Sucherin blinzeln konnte. Sie packten ihre Schlafsachen in einen wetterfesten Sack, dann bemerkte Cassandra, dass nebenan in Cullens Zelt noch eine Öllampe brannte. Sie trat vor ihr Zelt und wurde fast von den Beinen gerissen. „Cullen?“, schrie sie und öffnete vorsichtig seinen Zelteingang.
Der Kommandant lag auf seinem Feldbett und fror ebenso erbärmlich. Er hielt Griffon im Arm, den er in seinen Umhang mit dem Bärenfellkragen eingewickelt hatte. „Raus hier! Zu Elion oder in die Kirche!“
Er nickte, winkte dann aber Nadira hinein und drückte ihr den Mabari in die Hände. „Ich muss meine Leute erst in Sicherheit bringen!“
„Ich komme mit Dir!“ Cassandra wandte sich an Nadira. „Geh' zu Elion, wir kommen nach!“
Die Qunari verbarg den Welpen in ihrer Jacke, schließlich trug sie noch den Sack mit ihren Sachen, und kämpfte sich durch den Sturm zum Haupttor vor, wobei sie ihr Ziel weniger sah, sondern eher vermutete, wo sich das Tor befinden mochte. Endlich erreichte sie die Hütte des Herolds und hämmerte mit der Faust dagegen. Nach zwei Minuten wurde die Tür aufgerissen, der Dalish Elf zog sie hinein und stemmte sich gegen die Tür, um diese zu schließen. Sie setzte Griffon ab, der sofort von Fen freudig begrüßt wurde und informierte die beiden Elfen darüber, dass die Zelte evakuiert wurden.
Elion kleidete sich eilig an. „Ich gehe in die Kirche und lasse dort alles vorbereiten.“
Sera schnappte sich ebenfalls ihre dicke Jacke. „Ich schaue nach Varric.“
„Gut, ich gehe zurück ans Tor. Ich glaube, sie werden den Weg nicht mehr finden.“ Nadira rannte wieder hinaus und rutschte fast noch auf der Treppe aus. Am Haupttor angekommen starrte sie in das dunkle Schneetreiben. Man sah die Hand vor Augen nicht mehr und so kam sie auf die Idee, ein Licht zu zaubern, das über ihr in der Luft schwebte. Einige bange Minuten vergingen, dann kamen die ersten Soldaten an ihr vorbeigehastet und klopften ihr dankbar auf die Schulter. Zuletzt erschienen Cullen, Cassandra, Harding, Charter und die Sturmbullen so nahe vor ihr, dass sie erschrak. Sie deutete zur Hütte, aber Krem zeigte auf die Taverne und verschwand mit seinen Leuten in dieser Richtung.

Zu fünft standen sie nun im Vorraum zu Elions Unterkunft und schüttelten sich wie nasse Hunde. Varric hatte sein Zelt gerne verlassen und wärmte sich am Kamin auf. Griffon begrüßte sein Herrchen frenetisch, während Cassandra die Organisation der Schlafplätze übernahm. Der Schreibtisch wurde an die linke Wand geschoben. „Reicht das aus? Wir sind sechs Leute, die auf den Boden schlafen müssen.“
„Sollen wir in die Kirche gehen?“ Harding war äußerst skeptisch.
„Nein, da ist es jetzt noch voller.“ Elion holte eine Kiste aus dem Vorraum, der er vorhin mitgebracht hatte. „Hier sind genug Decken für alle.“ Er schaute Cassandra an. „Ich schlafe auf dem Boden und Ihr beiden auf meinem Bett.“ Zu seiner Verwunderung zuckte Sera nicht einmal mit der Wimper. Er hatte sie vorhin gebeten, noch eine Nacht mit dem Auszug zu warten, bis der Sturm vorüber war.
„So weit kommt es noch, dass wir Dir den Schlafplatz streitig machen“, wehrte sie Sucherin ab.
„Ich bin es gewohnt, auf hartem Untergrund zu nächtigen.“ Damit beendete Elion die Diskussion und räumte seine Decken und das Kopfkissen vom Bett.
„Wir müssten allerdings andersherum schlafen, wenn das geht?“
„Wieso?“
„Wegen Nadiras Hörnern. Am Kopfende kann sie sich nicht auf die Seite drehen.“
Sera betrachtete die Qunari eingehend. „Die Dinger sind echt im Weg, oder?“
„Meistens nicht, nur beim Schlafen ab und zu.“ Die Saarebas schwankte kurz und Cassandra fasste schnell nach deren Arm. „Du legst Dich am besten schnell hin.“ Fürsorglich holte die Sucherin das Bettzeug aus dem Sack, schüttelte Nadiras Kopfkissen auf und half ihr beim Ausziehen von Jacke und Stiefeln.
„Armes Hörnchen. War heute ein langer Tag, was?“ Varric nahm ihre Sachen und legte sie sorgsam auf dem Schreibtisch.
Die Qunari rollte sich auf das Bett, schob ihren Kopf etwas über den Rand, sodass sie auf der linken Seite liegen konnte und seufzte erschöpft. Cassandra deckte sie zu und kletterte dann über Nadiras Beine, um auf ihren Schlafplatz zu gelangen.
„He, Cassandra! Man sieht Dich gar nicht mehr!“ Der Zwerg machte es sich auf seiner Schlafstatt so bequem wie möglich. Cullen lag neben ihm und Harding war sich unsicher, wo sie ihre Decke platzieren sollte. Nahe bei Charter oder doch lieber weiter weg?
„Jetzt stellt Euch nicht so an! Weiß doch eh jeder, dass Ihr zusammen seid!“, rief Sera ihr zu und zog sich die Decke über den Kopf. Die beiden Späherinnen schauten sich betroffen an und entschieden sich dann für ein gemeinsames Eckchen.
Elion lag vor seinem Bett und er hoffte, dass Nadira und Cassandra an ihn dachten, wenn sie morgen früh aufstanden. Er hörte die Sucherin etwas flüstern, offensichtlich erkundigte sie sich nochmals nach dem Befinden der Qunari. „Im Vorraum findet Ihr Wasser und etwas Trockenfleisch. Gute Nacht zusammen.“
„Aber keine Kekse, oder?“ Wie herum sich Varric auch drehte, starrte er entweder Cullen oder Harding an. Er entschied sich für dem Kommandanten, der hatte wenigstens den niedlichen Griffon im Arm.

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