Cassandra änderte ihren Plan und schaute zuerst bei ihrem Schützling im Zelt vorbei. Nadira lag auf dem Bett und hatte sich in eines der neuen Bücher vertieft. „Spannend?“ Die Sucherin setzte sich auf ihr eigenes Bett und lächelte, als die Qunari begeistert nickte. „Du hattest gesagt, dass Dein Avaarad Dir öfter mal ein Buch zu lesen gab?“
Nadira drehte den Kopf zu ihr, schwang sich dann ebenfalls auf ihre Bettkante und legte das Buch beiseite, nicht ohne die gerade gelesene Stelle mit einem Lesezeichen in Form eines Lederbandes zu markieren. „Man sperrte uns nachts ein, manchmal legte man uns in Ketten, aber ab und zu konnte ich etwas lesen. Sicher, es waren nur Bücher über Seheron oder Par Vollen, aber es lenkte mich ab. Von den Schmerzen, der Wut und der Einsamkeit.“ Sie schob die Ärmel des Hemds bis zu den Ellenbogen hoch und die Sucherin starrte auf die vernarbten Handgelenke. Das Schlimmste war für sie, dass Nadira dies mit emotionsloser Stimme gesagt hatte, als wäre es lediglich eine Feststellung gewesen.
Erst als sie Cassandra anschaute, erkannte diese die tiefe Traurigkeit in den hellgrünen Augen der Qunari und sie konnte gar nicht anders, als die Hände der Saarebas zu ergreifen, um ihr Trost zu spenden. „Es ist vorbei. Du bist in Sicherheit, aber ich weiß auch, dass Du lange brauchen wirst, um alles zu verarbeiten.“ Eine Träne fiel auf die Hände, aber Cassandra stellte erschrocken fest, dass nicht Nadira es war, die nun weinte.
Die Saarebas hob eine Hand und tastete sich behutsam über die Wange der Sucherin, um dort weitere Tränen mit dem Daumen wegzuwischen. „Ich bin jetzt hier, nur das zählt. Du glaubst an mich und vertraust mir.“ Sie lächelte sanft und Cassandra durchfuhr eine beinahe schmerzhafte Hitzewelle, welche sich vom Magen bis fast zu den Haarspitzen ausbreitete. „Ich werde alles tun, um dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen ...“ Die grünen Augen musterten die Sucherin, als versuchten sie, in den Gedanken der anderen zu lesen. „… um Dich nicht zu enttäuschen.“
Die sonst so zurückhaltende und schüchterne große Frau aus Nevarra setzte sich neben Nadira und nahm sie in die Arme. Einen bangen Moment lang fragte sie sich, ob sie nicht zu weit gegangen war, dann spürte sie Nadiras Hände über ihren Rücken streichen und die Qunari zog sie noch etwas näher zu sich heran. Cassandra schloss die Augen, ihre Finger fuhren durch das rote Haar der Saarebas, folgten behutsam den Konturen der kleinen spitzen Ohren und streichelten sachte die kurzen Haare im Genick.
Sie wollte ihre Hände schon zurückziehen, da flüsterte Nadira ihr kaum hörbar zu: „Nicht aufhören.“ Sie drückte sich noch enger an die Sucherin. Sie, die große Qunari, die jedem Furcht einflößte. Cassandra küsste ihre Wange. Weit weg war Haven, die Bresche, die Inquisition, ihre Aufgabe. Bedeutungslos in diesem Moment.
Als sie sich voneinander lösten, wobei das Bedauern an beiden Gesichtern abzulesen war, schaute Nadira die Sucherin verwirrt an. „Ich glaube, ich habe das Essen nicht vertragen.“ Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. „Das ist so merkwürdig heiß in meinem Magen.“
Cassandra wollte etwas sagen, schnappte aber lediglich nach Luft. Sie riss sich zusammen. „Das liegt nicht am Essen, denke ich.“
„Wirklich nicht? Woran denn?“, fragte die Qunari in ihrer ganzen Unschuld.
Erneut verschlug es der Sucherin die Sprache, sie schubste Nadira eine störrische rote Haarsträhne aus der Stirn und lächelte sanft. „Na ja, wenn zwei Leute sich mögen, dann kann das passieren.“
„Aber bei Sera ist das ganz anders.“ Die Qunari machte ein langes Gesicht und überlegte angestrengt. „Fühlt sich das bei Dir auch so an?“
Ihr Gegenüber riss die Augen ertappt auf, dann kam ein zögerliches: „Ja“, und Nadira lächelte zufrieden. „Man mag eben nicht jeden auf die gleiche Weise.“ Der ratlose Gesichtsausdruck der Saarebas brachte Cassandra dazu fortzufahren. „Den einen möchte man in den Arm nehmen und vielleicht auch küssen, dem anderen einen Witz erzählen oder ihm einen Streich spielen.“
„Das klingt schon eher nach Sera“, stellte Nadira lachend fest.
„Ja, allerdings.“ Die Sucherin verzog das Gesicht in einem Anflug von Widerwillen. Sie stand auf. „Was hältst Du davon, wenn wir jetzt zu Elion gehen? Ich glaube, er braucht ein wenig Zuspruch.“
„Ist die Besprechung nicht gut verlaufen?“ Nadira zog sich ihre dicke Jacke an und stellte den Kragen hoch. Sie traten ins Freie, ein eisiger Wind blies ihnen um die Nasen und in Sekunden fühlten sich ihre Wangen an, als würden tausende kleiner Nadeln diese traktieren.
„Hoffentlich nimmt das nicht noch zu.“ Cassandra hatte zugunsten eines weiten Mantels auf ihre Brustpanzerung verzichtet, doch den Gürtel mit dem Schwert schnallte sie sich um.

Sie liefen zügig zum Haupttor und begegneten Cullen, der Griffon auf den Armen trug und ihn in seinem weiten Umhang vor der Kälte schützte. „Verdammt mieses Wetter heute!“, schrie er gegen den Wind an, der um jede Ecke heulte.
Cassandra nickte, eilte mit der Saarebas weiter und der Sturm riss ihr die Türklinke aus der Hand. Elion zuckte erschrocken zusammen. Er saß mit Sera und Varric an seinem umfunktionierten Schreibtisch, welcher nun in der Mitte des Raumes stand. „Ihr seht durchgefroren aus“, stellte Sera fest und goss in zwei weitere Becher dampfend heißen Tee.
„Und dabei sind wir nur vom Zelt hierher gelaufen.“ Nadira und die Sucherin klopften den Schnee von ihrer Kleidung und den Schuhen bevor sie den Innenraum betraten. Elion stellte einfach Seras Bett an den Tisch, legte zwei dicke Decken darauf und so fanden die Besucherinnen auch noch einen Sitzplatz. Fen war der Trubel zu viel geworden, er sprang auf das Bett des Dalish, wühlte sich genüsslich in dessen Decken hinein, um dann vor Zufriedenheit schmatzend liegen zu bleiben und leise zu schnarchen.
„So langsam seht Ihr beiden nicht mehr ganz so verfroren aus.“ Varric grinste die Sucherin an.
„Hoffentlich lässt der Sturm bald nach.“ Cassandra genoss den schwarzen Tee sichtlich, denn ihre Gesichtszüge entspannten sich nun, da das schmerzhafte Gefühl in den Wangen nachgelassen hatte.
Nadira umfasste ihre Tasse mit beiden Händen, um sich aufzuwärmen. „Ich hab so etwas noch nie erlebt. Stürme ja, aber dass einem fast die Finger abfrieren?“
„Pass bloß auf Hände und Gesicht auf, Hörnchen. Immer gut einpacken. Hier holt man sich schnell Erfrierungen.“ Varric langte nach einem Teller Kekse, der in der Tischmitte stand, biss auf einen und spuckte ihn fast wieder aus. „Was sind das für Dinger?“
„Die habe ich gebacken“, antwortete Sera pikiert.
„Butterblümchen, man sollte wissen, was man kann und was nicht. Kochen gehört definitiv nicht zu jenen Dingen, die Dir liegen.“ Varric legte seine Hand auf ihren Arm, damit sie sich nicht aufregte.
„Der Versuch zählt.“ Elion stopfte sich entschlossen einen Keks in den Kund, drehte ihn ein paar Mal mit der Zunge herum, aber er schmeckte von allen Seiten gleichbleibend scheußlich. Mit einigen beherzten Bissen zerkleinerte er die nach Gras und Fensterkitt schmeckende Backware und würgte sie mit einer halben Tasse Tee hinunter.
„Das nenne ich Freundschaftsbeweis“, murmelte Cassandra anerkennend.
Der Elf drehte sich zu seiner Freundin um und streckte ihr die Zunge heraus. „Alles weg.“
Sie boxte ihm leicht in die Rippen. „Werd' erwachsen.“ Sie stutzte. „Und schlagt mich bewusstlos, wenn ich so etwas nochmal sage.“
„Gerne“, erwiderte die Sucherin gönnerhaft, während Nadira dem Wortwechsel gespannt folgte. „Hör' mal, Elion, ich wollte Dich wissen lassen, dass Du mir mittlerweile ein guter Freund geworden bist.“ Diese Worte kamen der verschlossenen Nevarranerin nicht leicht über die Lippen und das wusste der Dalish. Er lächelte glücklich.
„Danke, Cassandra. Ich mag Dich auch.“ Er grinste sie an.
„Oh, kuscheln wir jetzt alle miteinander?“ Sera lehnte sich schnaufend zurück und die Qunari starrte sie entsetzt an. „Keine Sorge, machen wir nicht.“
„Oh.“ Nadira dachte nach. „Machen das alle Menschen? Miteinander kuscheln?“ Die Stille, welche nun eintrat, hätte andächtiger und nachhaltiger nicht sein können.
„Nur diejenigen, die sich besonders gut leiden können, das gilt übrigens auch für Elfen und Zwerge und ich bin mir sicher, auch für Dein Volk.“ Varric dämmerte langsam, dass Nadira mehr Nachholbedarf hatte, als zunächst angenommen und er nahm sich vor, der Sucherin dabei zu helfen, ihrem Schützling ein normales Leben zu ermöglichen.
Sera hatte sich unterdessen an Nadira herangepirscht, indem sie aufgestanden war und sich, statt auf ihren Stuhl, neben die Qunari auf das Bett setzte. Die große Frau strahlte eine ungeheure Wärme aus, stellte die kleine Stadtelfe erstaunt fest und hakte sich nach einer von Varrics unzähligen Anekdoten lachend bei Nadira unter, die sie verblüfft anschaute.
„Ist das Bett nicht etwas zu instabil für drei Personen?“ Cassandra versuchte ruhig zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen.
„Du kannst gerne auf meinem Stuhl Platz nehmen.“
Varrics kurze Beine reichten nicht bis zu Elions Schienbeinen, also schnippte er ihm ein Stück Keks entgegen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Der Elf nickt bedächtig. Buhlten hier zwei Frauen um Nadira oder besaß Cassandra lediglich einen ausgeprägten Beschützerinstinkt? Er zuckte mit den Schultern.
Die Qunari schien sich nicht mehr wohl zu fühlen und rückte ein wenig von Sera weg, womit sie nun fast auf Cassandras Schoß saß. Die Sucherin blickte sie fragend an und Nadira bedeutete ihr mit einem Augenrollen, dass sie raus wollte. „Ich denke, wir gehen besser. Unser Zelt muss sturmfest gemacht werden.“
Die Saarebas sprang so ruckartig auf, dass Sera zur Seite plumpste. „Ja, der Sturm!“ Sie zogen sich eilig an und verließen die Hütte.
„Oh Mann, Butterblümchen!“
„Was denn?“
„Du siehst doch, dass unser Hörnchen nicht damit klarkommt, wenn Du ihr auf die Pelle rückst.“
„Aber bei Cassandra schon?“ Sera verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Offensichtlich ja.“
„Und was heißt das jetzt?“
„Im Klartext: Finger weg!“ Varric hoffte, dass seine Worte nicht allzu schmerzhaft waren.
„Und Du sagst gar nichts, Eli?“ In ihren Worten lag Enttäuschung.
Der Dalish zuckte wieder mit den Schultern. „Würde auch nur eines meiner Worte bei Dir zu einem Umdenken führen?“
Sera starrte ihn lange schweigend an und kniff dabei die großen Augen zusammen. „Mir liegt etwas an Deiner Meinung.“
Er schaute sie verdattert an, weil er mit so einer Antwort nicht gerechnet hatte. Varric stahl sich aus der Hütte, ohne dass es die beiden bemerkten. „Und mir liegt etwas an Dir. Deswegen möchte ich nicht, dass Du in Dein Unglück rennst.“
Seras Augen sahen ihn traurig an. „Eli, Du bist mein bester Freund, aber Du kannst nie ...“
Er winkte ab. „Ich weiß und ich akzeptiere es.“
„Ich sollte woanders schlafen. Es ist nicht richtig Dir gegenüber.“
„Mach' Dir darum keine Sorgen.“
„Das tue ich aber. Ich will Dir nicht weh tun und ich glaube das passiert gerade.“
Er räusperte sich und schaute verlegen in eine andere Richtung. „Vielleicht hast Du recht.“
In Seras Augen standen Tränen. „Verzeih' mir, Eli.“
Der Elf stand auf, ging um den Tisch herum, setzte sich neben sie und nahm seine Freundin in die Arme. „Schon gut. Dinge geschehen eben.“ Er strich ihr sanft durch das störrische blonde Haar. „Und wir sind machtlos dagegen.“
„Ich fühle mich scheiße“, schluchzte Sera und Elion küsste sachte ihr rechtes Ohr.
„Gräme Dich nicht. Es ist besser, man spricht die Dinge aus, anstatt sie in sich hineinzufressen.“
Er umarmte sie lange, bis die Stadtelfe den Kopf hob. „Und wer tröstet Dich?“ Sie strich mit dem Handrücken über seine Wange und hauchte ihm einen Kuss auf die Nasenspitze, was ihm ein Lächeln auf die Lippen zauberte. „In einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit.“
„Ich kann nicht ändern, was ich bin, Sera.“
„Keiner von uns beiden kann das, Eli.“ Sie begann damit, ihre Sachen zu packen.

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