Elion und seine Begleiter verbrachten einen geruhsamen Vormittag und sie ließen sich mit der Rückkehr nach Haven Zeit aus Rücksicht auf Dorian. Den Verdacht einer gebrochenen Rippe hatte der Wundarzt bestätigt, so dass der Magier einen engen Verband um den Brustkorb tragen musste, außerdem sah er aus, als wäre er in eine Kneipenschlägerei geraten. Die Schaukelei auf dem Ochsenkarren machte ihn träge und schläfrig, wenn da nicht der kleine Mabari dauernd auf ihm herumkrabbeln würde. Dorian kraulte das Tier lächelnd und lauschte dabei den Gesprächen.
Sera und Elion saßen auf dem Kutschbock, ihre Pferde liefen angebunden hinter dem Karren her. Der Elf hielt die Zügel, aber seine Freundin quengelte seit geraumer Zeit: „Darf ich auch mal?“
„Nein.“
„Und jetzt?“
„Nö.“
Zehn Kilometer später: „Ach, komm schon! Ich kann das.“
Seufzend kapitulierte Elion, überreichte Sera die Zügel und zeigte ihr, wie man diese hielt. „Aber mach' keinen Unsinn.“
„Ich doch nicht.“
Varric ritt neben ihnen her. „Ha, das glaubst Du doch wohl selbst nicht, Butterblümchen?“ Er grinste frech und Solas fragte sich fröstelnd, wie schnell Ochsen wohl rennen konnten, wenn sie durchdrehten? Zumindest wollte er dem Karren nicht in die Quere kommen und ließ sich etwas zurückfallen. In Dorian stiegen langsam Bedenken hoch, hatte er sich doch in Sicherheit gewähnt, nur um nun von einer irren Elfe die nächste Böschung hinabgestürzt zu werden.
Wider Erwarten nahm Sera ihre Aufgabe sehr ernst und steuerte das Gefährt sicher über den Weg. Vielleicht lag es auch an Elion, der sich entspannt zurücklehnte und ihr damit zeigte, dass er ihr vertraute? Sie wollte ihn nicht enttäuschen, obwohl sie es kaum abwarten konnte, Nadira die Bücher zu überreichen.
Der Dalish schien die Sonne zu genießen, er hatte seine Jacke ausgezogen und die Hemdsärmel hochgekrempelt, aber die zur Schau gestellte Gelassenheit täuschte. Er grübelte intensiv über Sera nach und was diese dazu veranlasste, so verrückt nach Nadira zu sein. War es wirklich Zuneigung oder eher sportlicher Ehrgeiz? Er konnte sich nicht vorstellen, dass die verspielte Stadtelfe bereit zu einer festen Beziehung war und er verstand, warum Cassandra sie so konsequent abwehrte und versuchte von der Qunari fernzuhalten. Nadira war einfach zu unschuldig und es bedurfte sicherlich einer einfühlsameren Person als Sera, zumal sie nicht wussten, ob Nadira nicht Männer bevorzugte. Mit Sera darüber reden konnte er nicht ohne dass sie ihm gleich Eifersucht vorwarf, und nun sinnierte er lange darüber, ob sie nicht sogar damit recht hatte.

Der Ochsenkarren schunkelte um die letzte Kurve, sie trugen jetzt alle Mäntel und dicke Jacken, und natürlich hatten Lelianas Späher längst Meldung gemacht, so dass sich das übliche Empfangskomitee am Haupttor einfand. Fen schlief auf dem Karren und Varric fragte sich, wie sie den Welpen eine Weile vor den neugierigen Blicken verbergen konnten. „Ich kann mich ausziehen“, meinte Dorian trocken, lachte und verstummte wegen der Schmerzen umgehend.
„Das würde nur Cassandra ablenken, aber nicht Cullen“, stellte Sera fest und murmelte: „Unbefriedigte Kuh.“
Elion zwickte sie ins Ohr und schüttelte energisch den Kopf. „Du kannst es nicht lassen, was?“
„Kann ich doch nichts dafür, wenn sie seit Ewigkeiten keinen mehr ...“ Sie wurde durch Varrics lautes Räuspern unterbrochen, Elion übernahm die Zügel und bremste den Karren ab. Natürlich fragten sich die Berater allesamt, warum ihr Herold nicht zu Pferd zurückkehrte, sie spähten über die Holzverkleidung und starrten den Magier aus Tevinter erstaunt an. „Hallo zusammen.“ Er lächelte und winkte freundlich. „So viel Aufmerksamkeit bekommt man nicht alle Tage.“
Elion gelang es, Cullen vom Karren wegzuziehen, so dass Cassandra den Welpen unbemerkt hochnehmen konnte. Ganz verheimlichen ließ sich die Ankunft des neuen Inquisitionsmitgliedes allerdings nicht, da er der Sucherin freudig das Gesicht ableckte, also überreichte sie dem Kommandanten schnell das kleine Fellbündel. „Alles Gute nachträglich, mein Freund.“ Sie wischte sich mit einem Taschentuch das Gesicht ab, schaute zu Nadira, die sich gerade zu ihnen gesellt hatte und amüsiert grinste. „Der Kleine ist ein Sabbermonster.“
Aber Cullen gefiel das Geschenk ausgesprochen gut, zumal der Welpe nun ihn wie besessen abschleckte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Cassie.“ Er versuchte seine Freundin zum Dank zu umarmen, während der Welpe an ihm hochkrabbelte und lachte. „So einen habe ich mir immer gewünscht.“
„Ich habe Cullen noch nie so verzückt gesehen“, tuschelte Josephine ihrer Frau ins Ohr und Leliana kicherte leise.
„Er braucht einen Namen“, stellte Sera fest. „Wie wäre es mit Schlabber?“ Alles schauten sie pikiert an. „Gut, dann eben Pupsi.“ Sie zuckte mit den Schultern. „He, Ihr habt nicht die Nacht mit ihm in einem Zimmer verbringen müssen.“
„Das war Varric“, scherzte Elion und fing sich einen bitterbösen Blick des Zwerges ein.
Cullen hielt den Welpen in die Höhe. „Ich nenne Dich Griffon.“
Blackwalls Lachen erklang hinter ihm. „Da können sich die Grauen Wächter ja geehrt fühlen, zumal sie von jeher Mabari züchten.“ Der sonst so zurückhaltende Mann mit dem Rauschebart streichelte den kleinen Hund.
Der Kommandant wandte sich an Elion. „Kommen die Hunde miteinander aus?“
Der Elf winkte beruhigend ab. „Griffon ist einmal stiften gegangen und Fen brachte ihn zurück. Er trug ihn wie eine Hundemama. Weit wäre der Kleine eh nicht gerannt. Er ist am See stehengeblieben und bellte das Wasser an.“
„Dann müssen wir ihm wohl auch das Schwimmen beibringen.“ Cullen zwinkerte Nadira zu, die ihn misstrauisch beäugte.
Sera hatte sich lange genug zurückgehalten und holte die drei Bücher aus der Umhängetasche hervor. „Für Dich.“ Mit vor Aufregung geröteten Wangen überreichte sie der Qunari die Geschenke, welche diese vorsichtig entgegen nahm, den Mund offen vor Staunen.
Sie schaute die Stadtelfe ungläubig an. „Für mich? Wirklich?“ Sie hielt die Bücher wie Kostbarkeiten in der Hand und Sera gab ein Räuspern von sich, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Nadiras Reaktion kam unerwartet und ungestüm. Sie umarmte die Stadtelfe stürmisch, die fast in den Armen der Qunari verschwand. Nadiras Freude trieb Sera die Tränen in die Augen. „Danke.“ Die Saarebas lächelte sie glücklich an und zeigte dann Cassandra ihren Schatz, die sich ausnahmsweise ebenso darüber freute.

Dorian kam sich etwas überflüssig und verloren vor, also krauchte er ächzend von der Ladefläche des Ochsenkarrrens bis Leliana zwei Spähern befahl, ihm auf die Beine zu helfen. Ein weiterer Späher nahm sein Gepäck. Dermaßen gestützt brachte man ihn in die Kirche zum Besprechungsraum. Elion war diesmal besser gelaunt, die beiden Hunde liefen frei herum und es schien, als würde Fen dem Welpen Haven zeigen. Cullen hielt den Dalish Elfen zurück, als dieser in die Kirche wollte. „Kann ich kurz mit Euch reden?“
Sie blieben stehen und Cullen rieb sich mit der für ihn üblichen Geste das Genick, dies tat er immer, wenn ihm etwas unangenehm war. „Ich möchte mich bei Euch entschuldigen, Herold. Ich schätze das, was Ihr leistet sehr und ich hätte Euch das schon längst sagen sollen.“
Elion schmunzelte und klopfte dem Kommandanten auf die Schulter. „Ist nicht einfach da draußen und ich nehme die Entschuldigung an.“ Er grinste verschmitzt. „Unter einer Bedingung.“ In Cullens Blick mischte sich eine Spur von Panik. „Ihr begleitet uns das nächste Mal in die Hinterlande, wir sind dort nämlich noch nicht ganz fertig, da uns weitere Risse gemeldet wurden.“
Der blonde Hüne nickte. „Damit bin ich einverstanden, solange wir nicht wochenlang unterwegs sind.“
„Nein, bleibt einfach mal einen oder zwei Tage bei uns. Kämpft mit uns und lagert mit uns.“ Elion drehte sich um und eilte den Hauptgang entlang, gefolgt von Cullen und den beiden Hunden. Nadira traute man nun so weit, dass man sie alleine ließ, zumal sie sich recht schnell in ihr Zelt zurückgezogen hatte und nun wahrscheinlich eine Lesestunde einlegte. Trotzdem hatte Harding die Anweisung, öfter nach ihr zu sehen.
Die beiden Mabari mussten draußen bleiben, sehr zu Benjamins Freude, der mit ihnen so lange im Gang herumtobte, bis Mutter Giselle ihn nach draußen scheuchte, weil er die Andacht störte. „Euer Sohn!“, seufzte die ältere Frau, als Leliana kurz den Kopf aus der Tür streckte. Benjamin war oft alleine, wenngleich die Meisterspionin und Josephine versuchten, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Diesmal reagierte die rothaarige Frau verärgert und schmiss die Tür wieder ins Schloss, aber vorher schlüpfte Griffon noch hindurch und suchte sein neues Herrchen. Belohnt wurde der Mabari mit einigen Streicheleinheiten.
„Gab es Ärger, Liebes?“, fragte die Botschafterin besorgt.
„Mutter Giselle wieder.“ Leliana verschränkte die Arme vor der Brust und sortiere ihre Gedanken. „Erzählt uns von Redcliffe, Herold.“
Elion setzte sich auf die Tischkante und informierte die Berater über die Vorkommnisse des gestrigen Tages. Sera stieß am Ende seiner Ausführungen einen Pfiff aus. „Die stecken ganz schön in der Scheiße. Ich meine, erst hauen die Templer ihnen die Schädel ein, dann flüchten sie und nun kommandiert sie ein Kerl aus Tevinter herum.“ Sie schielte in Dorians Richtung.
„He, wir sind nicht alle so!“ Der Magier erhob sich.
„Sieht so aus, als wären die Magier keine Option mehr. Holen wir uns endlich die Templer.“ Cullen machte einen angriffslustigen Eindruck und Elion hatte keine Lust auf erneute Streitereien, trotzdem verteidigte er seinen Standpunkt.
„Nun erst recht.“ Es wurde schlagartig still im Raum und der Dalish fuhr fort. „Ein Magister aus Tevinter schnappt sich alle Magier und verpflichtet diese. Können wir da einfach zusehen? Was, wenn er eine Armee bildet?“
„Die Magier stellen eine Gefahr dar. Sie können von Dämonen besessen werden und wir hätten nicht genügend Templer.“ Der Kommandant machte sich auf einen Schlagabtausch gefasst, aber Elion zuckte nur mit dem Schultern.
„Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Was Ihr daraus macht ist Eure Sache.“ Mit diesen Worten verließ er die Besprechung einfach und die stark beanspruchte Tür fiel erneut mit einem Knall zu. Offensichtlich hatte Elion  immer noch Probleme damit, sich in seine Rolle als Herold zu fügen.
Seras Gesicht war von Zornesröte überzogen. „Es ist Eure Inquisition. Wir sind doch nur Eure Fußsoldaten!“, rief sie wütend aus und folgte ihrem Freund.
Varric brummelte unverständliche Worte vor sich, dann sammelte er sich. „Ohne den Kleinen sind wir aufgeschmissen und es wird Zeit, dass Ihr ihm zeigt, was er für Thedas bedeutet. Er fühlt sich wie ein elfischer Dienstbote aus Orlais. Die Leute nennen ihn Herold Andrastes, aber was ist er für Euch?“ Auch er verschwand, um nach Elion zu sehen und ließ die anderen betroffen schweigend zurück, allerdings fand Dorian schnell seine Worte wieder.
„Ihr behandelt den Heilsbringer wie einen Laufburschen?“, fragte er irritiert.
Cassandra gab ein merkwürdiges Geräusch von sich, eine Mischung aus Brummen und Seufzen. „Wir müssen ihn mehr in die Planung einbeziehen.“ Sie wandte sich an Dorian. „Was Euch betrifft, so könnt Ihr in Solas Hütte schlafen.“
„Was?!“ Der elfische Magier schaute sie mit vor Entsetzen geweiteten Augen an.
„Eure Hütte ist zu groß für eine einzelne Person, findet Euch endlich damit ab, dass Ihr Mitbewohner haben werdet. Ich gehe jetzt nach Elion sehen und dann zu Nadira. Ich komme mir langsam wie eine Amme vor.“ Sie machte sich auf den Weg zu Elions Hütte.
„Schnarcht Ihr?“ Dorian musterte Solas eingehend und fing sich einen garstigen Blick ein.

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