Nachdem Cassandra dreimal auf dem Weg zu ihrem Zelt aufgehalten worden war, sank ihre Laune ins Bodenlose und sie schob erleichtert die Zeltplane beiseite, nur um wie vom Donner gerührt stehen zu bleiben. Nadira stand rasch auf, machte ein panisches Gesicht und petzte die Beine zusammen. Erst war der Sucherin nicht ganz klar, was der Qunari da offensichtliche Pein verursachte, aber dann dämmerte es ihr, dass Nadira kurz davor war sich in die Hosen zu machen.
Cassandra sprang an ihr vorbei und schnappte sich den Nachttopf, der unter ihrem Feldbett stand. „Schnell! Mach' da rein!“ Wie die große Qunari da hockte und sie aus dieser ungewohnten Position wie ein kleines Kind anschaute, wurde der Sucherin ganz warm ums Herz. Nadira hatte offensichtlich erst auf eine Erlaubnis gewartet. „Du Arme.“ Die Nevarranerin schmunzelte und klappte den Deckel des Nachttopfes zu. Am Morgen kam immer ein Bediensteter mit einem großen Eimer vorbei und leerte alle Nachttöpfe. Eine elende Aufgabe, welche dem armen Kerl auch noch den Spitznahmen „Pisstöpfchen“ eingebracht hatte.
„Wenn Du musst, dann geh' bitte. Du brauchst niemanden zu fragen, ob Du darfst.“ Nadira setzte sich wieder auf ihr Bett, schaute sie beschämt an und verstand sie nicht. Cassandra ging vor ihr in die Hocke. „Du bist frei.“
„Muss ich gehen?“, stammelte die Qunari verzweifelt und der Sucherin trieb es die Tränen der Rührung in die Augen.
„Nein! Natürlich kannst Du bleiben. Wir passen auf Dich auf, solange Du es noch nicht selbst kannst und zum Glück haben wir noch einen Qunari hier, der dabei helfen kann.“
„Ich bin Tal-Vashoth, nicht Qunari. Nicht mehr.“ Es war nicht mehr als eine nüchterne Feststellung und Nadira sagte dies in sachlichem Tonfall.
„Bist Du froh darüber oder traurig?“
Die Saarebas zögerte einen Moment. „Angst. Alles ist fremd.“
Cassandra stand auf und legte ihre Hände auf die Schultern der großen Magierin. „Du bist nicht alleine, Nadira. Hier sind viele Leute, die Dir helfen werden.“ Sie klopfte ihr leicht auf den Oberarm. „Komm', ich führe Dich ein wenig herum und wir kleiden Dich neu ein.“ Sie grinste verschmitzt. „Und dann zeige ich Dir die Latrinen. Unbedingt.“

Zuerst machten die beiden ungleichen Frauen bei Quartiermeisterin Threnn Halt und entschieden sich dafür, die Anprobe der neuen Sachen in Josephines Arbeitszimmer zu verlegen, weil dies die nächstgelegene Umkleidemöglichkeit war. Die modebewusste Botschafterin war froh über eine Abwechslung und bald stand eine freudige Nadira vor ihnen, die sich wie ein kleines Kind um sich selbst drehte.
Sie trug dunkelbraune Wildlederstiefel, denn Cassandra hatte bemerkt, dass die Saarebas die Füße eines Kleinkindes hatte, frei von Hornhaut, rosa wie am ersten Tag des Lebens. Wahrscheinlich würde sie sich in festerem Schuhwerk bald Blasen laufen. Die robuste hellbeige Leinenhose hatte endlich die richtige Länge und auch das dunkelrote Hemd aus feiner Wolle, welches sie über dem Hosenbund trug, stand Nadira ausgezeichnet. Die ebenfalls dunkelbraune Jacke aus glatten Leder hatte vorne große Knöpfe und hielt einen hervorragend warm, da sie bis über das Gesäß reichte.
„Wartet, hier ist ein Spiegel.“ Josephine hatte diesen achtlos in einer Ecke stehen und stellte ihn vor die Qunari, welche ihn entgeistert und mit offenem Mund anstarrte.
Ganz vorsichtig berührte sie die glatte Oberfläche mit dem Zeigefinger, dann tastete sie ihr Gesicht ab. „Das bin ich.“
Erneut kamen Cassandra die Tränen und nicht nur ihr. Josephines dunkle Augen waren weit aufgerissen. Nadira sah zum ersten Mal ihr Spiegelbild.
„Beim Erbauer!“, machte sich die Sucherin Luft, sie atmete tief durch und stellte sich neben die Qunari. „Ja, das bist Du. Das ist Nadira.“ Sie lächelte in den Spiegel und die Saarebas lächelte zurück. „Wenn es Dir noch gut geht, dann zeige ich Dir jetzt mehr von Haven.“
Nadira nickte eifrig. Sie war wissbegierig und dank der Künste des Heilers wanderten sie nun durch das Dorf. Threnn hatte ihnen noch Artikel des täglichen Bedarfs eingepackt. Von der Zahnbürste, über Handtücher bis hin zu Seife und Unterwäsche nebst Kleidung zum Wechseln. Die Duschen fand die Qunari allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, aber da ihre Hörner nicht so ausladend waren wie die des Bullen, passte sie ganz gut in die Kabine, auch wenn sie darüber hinausschaute.

Erschöpft vom Rundgang setzten sie sich in die Taverne, gerade rechtzeitig vor dem großen Ansturm, der allabendlich stattfand. Offensichtlich hatten sich das auch die anderen gesagt, denn bald darauf hockten Elion, Sera, Varric, der Bulle und Krem bei ihnen am Tisch. Fen zog es vor, draußen zu bleiben, da ihn sonst etliche unachtsame Füße unterm Tisch treten würden.
Die Elfe ergatterte sich einen Platz neben Nadira und musterte die Qunari neugierig von oben bis unten. „Hey! Tolle Aufmachung. Das steht Dir.“
„Danke.“ Die Saarebas bestaunte den Teller, welchen Flissa höchstpersönlich vor ihr auf den Tisch stellte. Gegrilltes Widderfleisch, Erbsen, gedünstete Möhren als Beilage und vorneweg eine wärmende Hühnersuppe. Nadira schnappte sich die kleine Suppenschüssel und schlürfte genüsslich mit Sera um die Wette.
„Das wird wohl eine Weile dauern mit den Tischmanieren“, stöhnte Cassandra und Elion kicherte leise vor sich hin.
„Fragt sich allerdings bei wem.“ Der Dalish schien wieder bei besserer Laune zu sein, welche sich noch hob, als Varric eine Runde „Fereldische Drachenpuste“ bestellte, ein Schnaps bei dem sich der Atem in ein Flammenmeer verwandelte und der die Magengegend ordentlich aufmischte.
Der Bulle spülte das Zeug mit unbewegtem Gesicht hinunter, genauso wie Krem, aber Cassandra hustete beim kleinsten Schluck. Zum Glück hatte der Zwerg Nadira eine heiße Milch kommen lassen, welche die Qunari verzückt trank und sich danach den weißen Bart um die Lippen ableckte wie ein Kätzchen.
Die Sucherin lächelte vergnügt, aber ihr ihre Mine verfinsterte sich gleich darauf wieder, als Sera sich an Nadiras Seite lehnte und säuselte: „Sind die Frauen bei Euch alle so … groß?“
Die Saarebas schaute sie verwirrt an und nickte schließlich bedächtig, dann wandte sie sich ihrem Teller zu und schnitt winzige Stücke Fleisch zurecht, auf denen sie zögerlich herumkaute. Cassandra vermutete, dass Nadira so gut wie nie feste Nahrung bekommen hatte und achtete darauf, dass sich die Qunari den Bauch nicht allzu vollschlug, während Sera ihre Freunde zu vergessen haben schien und nur noch Augen für die Saarebas hatte.
Varric wechselte einen schnellen Blick mit der Sucherin, welche angenervt die Augen verdrehte und Elion versuchte unter dem Tisch das Schienbein seiner Freundin zu erwischen, trat aber stattdessen Krem, der ihn verärgert anschaute.
„Ähm, Butterblümchen, reichst Du mir mal den Senf?“, rief der Zwerg laut über den Tisch, die Ablenkung zeigte Erfolg und die Schale mit einer gelbbraunen Pampe schlidderte auf ihn zu.
Nadira lehnte sich zufrieden zurück und wirkte leicht schläfrig, so dass Cassandra aufstand und sich von den anderen verabschiedete. Sie stellte sich hinter die Qunari und legte dieser eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, wir sollten jetzt gehen, Nadira.“
Die Saarebas hob den Kopf und sah die Sucherin lächelnd an, schließlich erhob sie sich ebenfalls, sehr zu Seras Bedauern. „Gute Nacht.“
„Schlaf schön, Hörnchen.“ Varric winkte ihr zu und die anderen verabschiedeten sich ebenfalls von den beiden Frauen. Als Cassandra vor die Taverne trat holte sie erst einmal tief Luft. Fen trabte langsam auf sie zu, schnupperte interessiert an ihrem Bein und entschied dann, dass die Taverne nun nicht mehr so voll war, außerdem lockten ihn die Reste auf den Tellern hinein.
„Ein wirklich cleveres Kerlchen“, murmelte die Sucherin vor sich hin, sie zuckte zusammen, als Nadira sie am Arm anschubste und hinauf deutete. Ein Meer aus Sternen ergoss sich über den klaren Nachthimmel und die beiden standen einige Minuten staunend da, dann erfasste Cassandra die übliche Hektik. „Wir gehen erst einmal zu den Latrinen, glaube ich.“ So eine Panik wollte sie nicht noch einmal in Nadiras Augen sehen.
Auf dem Rückweg kamen sie an Cullens Zelt vorbei und man sah seine Silhouette. Er saß an seinem Schreibtisch, hatte rechts und links eine Kerze angezündet und blätterte durch etliche Dokumente. Cassandra packte der Schalk, sie bückte sich und formte aus dem Schnee einen großen Ball, dann bedeutete sie Nadira, den Zelteingang zu öffnen und offen zu halten. Die Qunari grinste verschmitzt, dann traf Cullen der Schneeball an der Schulter, löste sich auf und verteilte sich auf Gesicht und Haaren. Der Kommandant sprang erschrocken auf und blickte seine Freundin irritiert an. „Cassandra Pentaghast!“ Er stand vor ihr wie ein begossenes Hündchen, aber die Sucherin bog sich vor Lachen. Was so ein einziger Schnaps doch für eine Wirkung haben konnte!
Nadira lachte ebenfalls und er musste nun doch schmunzeln. „Mach' Schluss für heute, Cullen“, rief Cassandra ihm zu, dann verschloss die Qunari das Zelt wieder und er hörte die beiden noch eine Weile nebenan kichern.

Varric war bei der dritten Runde angekommen, aber Krem entschied sich ebenfalls dafür schlafen zu gehen. Er küsste den Bullen zum Abschied sachte auf die Wange und flüsterte: „Übertreibe es nicht, Amatus.“
„Ihr seid echt ein ungleiches Paar“, bemerkte Sera, als der Hauptmann fort war.
„Wo die Liebe einschlägt“, erwiderte der Qunari zwinkernd.
Der Zwerg seufzte und schwieg, bis ihn Elion ansprach. „Du hattest recht gehabt, mir geht es jetzt wesentlich besser.“
„Noch ist der Abend nicht vorbei“, raunte Varric ihm verschwörerisch zu, wedelte dann mit dem Arm in der Luft herum. „Flissa! Noch eine Runde!“
„Dann reicht es aber, sonst kommen wir morgen verkatert in Redcliff an.“ Elion machte sich langsam Gedanken.
„Seit wann bist Du so pflichtbewusst, Eli?“ Sera räumte das nicht verzehrte Fleisch auf einen Teller und stellte es dem vor Erwartung sabbernden Fen hin. „Hau rein.“
„Lasst uns noch ein Spiel machen, das wir in Kirkwall so geliebt haben.“ Varric kippte sein Getränk hinunter, schüttelte sich kurz, stand dann auf und griff nach einem Sack, den er an die Wand gestellt hatte. „Folgt mir einfach auffällig.“ Er ging lachend voran, Sera, Elion und der Bulle folgten ihm neugierig. „Wir brauchen eine ebene Fläche und etwas Platz.“
Der Dalish überlegte kurz. „Der Hauptgang der Kirche.“
„Hervorragend. Da ist um diese Zeit sicher niemand mehr unterwegs.“ Die muntere Gesellschaft wanderte gut gelaunt die Treppen hinauf und der Bulle hatte sich noch einen Schnaps für unterwegs einschenken lassen, den er nun in einem Rutsch trank. Wieder schien ihm das Zeug nichts anhaben zu können, während Elion von einer lange nicht mehr gekannten Ausgelassenheit heimgesucht wurde, die durch Seras Witze noch mehr Nahrung fand. Fen kläffte in der Ferne und ein Pfiff seines Herrchens reichte damit der Mabari wusste wo sie sich befanden. Sekunden später kraulte Elion seinem neuen Haustier das kurze Fell.
„So, meine Lieben und nun zeige ich Euch das allseits beliebte Hölzchenwerfen.“ Varric stellte sich vor die Tür des Beratungsraumes und kramte einige gedrechselte Holzfiguren aus dem Sack, welche er in einer bestimmten Art aufbaute, dann förderte er eine Kugel zutage. „Damit wirft man die Hölzchen um, aber man schmeißt die Kugel nicht, sondern rollt sie.“ Er ging zurück in Richtung Eingang, blieb auf der halben Strecke stehen und drehte sich um. „Man nimmt etwas Anlauf und zielt.“ Die Kugel erwischte einige der Hölzchen und Varric erklärte seinen Freunden die Regeln.
„Ist doch einfach!“ Sera warf die Kugel mit Schwung und diese knallte gegen eine der Seitentüren. Dahinter schoss Leliana aus dem Tiefschlaf und Josephines Armen in die Höhe und rief erschrocken: „Verdammt, was ist da draußen los?“ Sie sprang aus dem Bett, riss sich das Nachthemd regelrecht vom Leib und stürzte sich in Hemd und Hose, dann spähte sie durch den Türspion in den Gang. „Ich fasse es nicht!“ Sie riss wütend die Tür auf, gerade als Elion alle Figuren umwarf, was einen frenetischen Jubel zur Folge hatte.
„Spinnt Ihr?!“ Die Meisterspionin betrachtete die Szenerie mit offenem Mund. Die Tür auf der anderen Seite öffnete sich vorsichtig.
„Mama?“ Benjamins Nasenspitze schob sich durch den Türspalt.
„Alles in Ordnung, Schatz. Hier sind nur ein paar Verrückte!“ Sie griff nach Elions Kragen, zog ihn nahe zu sich heran und zischte ihm entgegen: „Und der Herold geht jetzt besser in sein Bettchen oder ich helfe nach.“ Der Dalish grinste unbeholfen und versuchte, Lelianas Finger einzeln von seiner Kleidung zu pflücken. Josephine erschien gähnend und lehnte sich gegen den Türrahmen.
„Spaßbremse“, murmelte Varric und sammelte sein Spiel ein, während die Meisterspionin barfuß über den Gang eilte, um ihren Sohn zu beruhigen, der danach wieder die Tür von innen verschloss, dem Geschehen aber weiter durch den Türspion folgte.
„Echt nett, Euch mal ohne Eure Rüstung zu sehen, Schwester Nachtigall.“ Der Bulle grinste anzüglich und erntete dafür einen giftigen Blick.
„Abrücken, Freunde!“ Varric zog Sera mit sich und Elion schob Fen vor sich her, welcher das Ende des Ballwerfens winselnd bedauerte.
Leliana verschloss die Tür zu ihrem Zimmer ebenfalls wieder, streifte sich die Kleidung ab und schlüpfte einfach nackt unter ihre Decke. Auf der anderen Seite raschelte es, dann schob sich Josephine unter der Decke zu ihr und sie spürte die nackte Haut ihrer Ehefrau auf der ihren, als sich die Botschafterin an sie schmiegte. „So ist es doch am schönsten.“

„Wir haben es wohl ein wenig übertrieben?“, meinte Elion, als er im Bett lag und wartete bis Sera die Kerze löschte.
Die Stadtelfe machte es sich auf ihrem Feldbett bequem und hoffte, dass Fen heute auf seinen Decken bleiben würde. „Ach, manchmal muss man halt ein wenig Dampf ablassen.“
Er wusste nicht so recht, ob er das heikle Thema ansprechen sollte, aber dann wollte er doch Gewissheit haben. „Sag mal, Dir gefällt Nadira, oder?“
Sera drehte sich so, dass sie ihren Freund ansehen konnte, denn das Feuer im Kamin brannte nachts immer. „Ja, an ihr ist wirklich viel dran, das mag ich. Warum fragst Du?“ Es klang etwas misstrauisch.
„Weil Du Dir damit sicher Ärger mit Cassandra einhandelst.“
„Sie ist ihr Schützling und nicht ihre Liebhaberin“, stellte die Elfe trocken fest.
„Schon klar, aber ich habe das Gesicht der Sucherin gesehen, als Du Nadira fast um den Hals gefallen bist.“ Elion verfluchte sich dafür, dass er dieses Thema überhaupt angeschnitten hatte.
„Was denn? Ich war nur freundlich.“ Nach einer Weile nahm Sera ihren Mut zusammen. „Eli, machst Du Dir bei mir irgendwelche Hoffnungen?“
Er fuhr in die Höhe wie vorhin Leliana und rief entrüstet: „Nein! So ein Blödsinn, ich weiß doch, dass Dir Kerle gleichgültig sind.“
„Sie sind mir nicht gleichgültig, ich schlafe nur nicht mit ihnen. Ich bin gerne mit ihnen befreundet, aber das war es dann.“ Sie musterte den Dalish Elfen eingehend, der sich wieder auf die linke Seite gelegt hatte und den Blick erwiderte. Schließlich sagte Sera leise: „Etwas anderes als meine Freundschaft darfst Du nicht von mir erwarten, Eli.“
Er lächelte sanft. „Ich weiß.“ Dann drehte er sich auf die andere Seite zur Wand hin und murmelte: „Schlaf gut, Butterblümchen.“
„Wie kommt Varric eigentlich auf diesen Spitznamen?“ Sie boxte sich das Kopfkissen zurecht. „Träume was Schönes, tapferer Herold Andrastes.“ Sie vernahm ein verhaltenes Lachen.

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