Elion aß sein Bisentsteak mit großem Hunger und Sera schaufelte mal wieder alles in sich hinein, was auf ihrem Teller geblieben war und nicht über den Tisch kullern konnte. „Sag mal, musst Du immer so reinhauen?“ Endlich hatte er den Mut gefunden, die Elfe auf ihre Essgewohnheiten anzusprechen.
„Hast Du schon einmal einen solchen Hunger gehabt, dass Du Dich fast vor Schmerzen krümmst?“ Sie mampfte weiter.
„Ja, habe ich“, antwortete der Dalish kurz und Sera hörte mit der Schaufelei auf.
„Wirklich?“
„Ich hatte mich als Kind einmal mehrere Tage im Wald verirrt. Mein Bruder Yelvin fand mich.“
„Deswegen hältst Du so zu ihm?“ Die Stadtelfe legte das Besteck beiseite und lehnte sich zurück, um ihm zu zeigen, dass sie ihm genau zuhörte.
„Nicht ausschließlich, aber Du hast recht. Ich denke immer noch, ich sei ihm etwas schuldig.“ Elion stocherte in den Erbsen auf seinem Teller herum.
„Willst Du deswegen Deine Nichten zu Dir nehmen?“ Sie schaute ihn prüfend an und neigte den Kopf etwas zur Seite.
„Nein, das wäre der falsche Grund. Die Mädels liegen mir wirklich am Herzen und dass ihre Mutter nun einfach das Weite gesucht hat, ist sicherlich schrecklich für sie.“ Er blickte erst lange auf den Tisch und kratzte nachdenklich mit dem Fingernagel über das fast graue Holz, dann sah er seine Freundin ernst an. „Yelvin wird es genauso machen. Er kann einfach keine Verantwortung übernehmen und bevor meine Nichten bei jemandem landen, den sie nicht kennen, sind sie bei mir besser aufgehoben.“
„He, Du hörst Dich langsam wie ein echter Herold an.“ Sera grinste aufmunternd und schubste unterm Tisch sein Schienbein sachte mit dem Fuß an. Er lächelte zaghaft.
„Wo ist eigentlich Varric abgeblieben?“ Elion sah sich suchend in der Taverne um und die Elfe zuckte mit den Schultern.

Jeden Tag um die Mittagszeit geschah das gleiche Ritual. Josephine bekam einen Postsack und sortierte diesen akribisch durch, während Leliana und zwei ihrer Spione dem Treiben zusahen. Ab und zu griff die Meisterspionin in den Stapel und zog einen Brief heraus, welchen sie an ihre Mitarbeiter reichte, um ihn zu öffnen.
Und jeden Mittag klopfte es um die gleiche Zeit an der Tür. „Herein, Meister Tethras“, rief die Botschafterin amüsiert. „Ihr seid pünktlich, wie immer.“
Er steckte den Kopf durch die Tür, betrat den Raum und setzte sich abwartend auf einen Stuhl in der Nähe des Schreibtisches. „Habt Ihr jemals etwas von Bedeutung in der Post gefunden, Lady Nachtigall?“
„Allerdings. Wir konnten einen Anschlag mit Rizinusöl auf Cullen verhindern und wissen nun, wer der geheimnisvolle Mondscheinpinkler ist.“
„Schwerwiegend.“ Varric schüttelte lachend den Kopf.
„Aber mal im Ernst. Wir sind einer Schmugglerbande auf die Spur gekommen und konnten sie dingfest machen. Ihr seht, unsere Bemühungen sind von Nöten.“
„Erstaunlich. Waren doch nicht etwa Zwerge, oder?“ Er hasste es, wenn Klischees Wirklichkeit wurden, aber Leliana schüttelte den Kopf.
„Nein, ein paar fereldische Banditen wollten die Wirren nutzen, um Geschäfte mit Lyrium zu machen. Den Magiern in Redcliff scheint dieses auszugehen.“
„Gut, dass wir morgen dorthin gehen. Ich bin gespannt, wie es da zugeht. Ein Dorf, das von Magiern überschwemmt wurde.“ Varric stand auf und blickte Josephine fragend an.
Die Botschafterin lächelte ihm glücklich zu. „Hier ist etwas, auf das Ihr so lange schon gewartet habt, Meister Tethras.“ Sie überreichte ihm einen Brief und dem Zwerg entwich ein erleichterter Seufzer.
„Habt Dank, Lady Montilyet.“ Er eilte zur Tür hinaus und konnte es kaum abwarten, den Brief zu öffnen, aber er wartete damit, bis er in seinem Zelt angekommen war. Dort setzte er sich auf das Feldbett und riss ungeduldig das Siegel auf. Endlich hatten seine Briefe den Empfänger erreicht. Es musste schwer für Merrill gewesen sein, diesen ausfindig zu machen.
Gierig las er Zeile für Zeile und der letzte Absatz verschwamm vor seinen Augen, als ihm die Tränen kamen. Er war unendlich erleichtert. Seit Wochen machte er sich Sorgen, welche ihn von Tag zu Tag mehr erdrückten. Die Ungewissheit nagte an ihm und nun wusste er, dass der Empfänger in Sicherheit war. Das änderte alles. Varrics Hand verkrampfte sich und er schluchzte leise. Die Anspannung der letzten Wochen machte sich bemerkbar.
Nach einer Weile hatte er sich beruhigt. Den Brief faltete er zusammen und schob ihn unter sein Hemd. Er würde ihn hüten wie eine Kostbarkeit. Fast zärtlich strich er über die Brusttasche, in welcher der Brief sich befand und dann stand er auf. Es war Zeit für eine ausgiebige Mahlzeit und einen Becher Wein, aber zuvor musste er noch eine Besprechung über sich ergehen lassen.

Als der Zwerg vor sein Zelt trat, liefen ihm Elion, Sera und natürlich Fen über den Weg. „Habt Ihr Euch auch gestärkt, weil uns Cullen gleich die Ohren abfaselt?“
Die beiden Elfen bemerkten seine roten Augen und schauten sich besorgt an. Varric bemerkte ihre Blicke. „Kein Grund, traurig dreinzublicken, das waren Freudentränen. Mir wäre es allerdings lieber, wenn mir das keiner mehr ansieht.“
Der Dalish Elf legte seine Hand fürsorglich auf die Schulter des Zwerges und schaute ihn prüfend an. „Ist wirklich alles in Ordnung, Varric?“
Und obwohl diesem wieder die Tränen in die Augen stiegen nickte er, bis Sera ihn umarmte und tröstend an sich drückte. „Butterblümchen, lass gut sein“, rief er erstickt, aber die Elfe war fest entschlossen, ihm ihre ganze Zuneigung zuteil werden zu lassen.
Als sie von ihm abließ wischte sich Varric ein letztes Mal über die Augen und lächelte. „Ich habe eine lang ersehnte Nachricht erhalten.“ Mehr wollte er offensichtlich nicht sagen. „Kommt, wir sollten Cassandra nicht warten lassen, sie ist immer so penibel.“
Der Bulle wartete schon im Gang der Kirche zusammen mit Vivienne und Solas. Eine merkwürdige Gruppe, die noch seltsamer erschien, als die Elfen und der Zwerg sich dazugesellten. Die Tür zum Besprechungsraum ging auf und Cullen erschien, der Elion hineinwinkte, die anderen aber um Geduld bat.
„Oje, die nehmen den Kleinen doch nicht auseinander?“ Varric beschlich ein ungutes Gefühl und Seras sonst so volle Lippen waren vor Anspannung jetzt nur noch dünne Linien. Sie streichelte Fens riesigen Kopf, welchen der Mabari verschmust gegen ihr Bein geschmiegt hatte.

Elion schaute missmutig zu, wie Cullen die Tür hinter sich schloss und er blickte Cassandra hilfesuchend an, die allerdings auf seine stumme Frage lediglich mit einem Schulterzucken antwortete.
„Mach's nicht so geheimnisvoll, Cullen.“ Die Sucherin redete ungern um den heißen Brei herum, das war Zeitverschwendung und Sache der Politiker.
Der Kommandant räusperte sich. „Auch wenn Ihr morgen nach Redcliff reist, möchte ich Euch immer noch die Hilfe der Templer ans Herz legen, Herold. Sie erscheinen mir weitaus kompetenter, um uns beim Schließen der Bresche zu helfen.“
Leliana entfuhr ein Seufzer. „Fangt Ihr schon wieder damit an, Cullen? Meiner Meinung nach sind die Magier dazu ebenso imstande.“
„Ist es nicht verfrüht, jetzt schon darüber zu diskutieren?“ Josephine ließ ihr Schreibbrett aus größerer Höhe auf den Tisch fallen, um so ihren Unmut auszudrücken.
„Eben. Darüber können wir uns Gedanken machen, wenn Ihr wieder zurück seid.“ Cassandra hatte diese ständigen Debatten pro Templer oder Magier satt, für sie zählten nur Fakten. Sie öffnete die Tür und winkte die anderen hinein, damit war für sie dieser Teil der Besprechung erledigt.
Cullen blitzte sie verärgert an, riss sich dann aber zusammen und atmete tief ein. Er wollte gerade losreden, da spürte er etwas Warmes an seinen rechten Bein. Er blickte hinunter und direkt in Fens bettelnde Augen, der seinen heißem Hundeatem gegen Cullens Oberschenkel blies. „Hätte Euer Mabari nicht draußen warten können?“ Aber der Kommandant konnte sich nicht zurückhalten, kraulte Fen hinter dem Ohr und grinste. „Du weißt, wie man jemanden ablenkt, was?“
„Fen kommt mit, also nimmt er auch an der Besprechung teil.“ Vivienne kapitulierte vor Seras Logik und schwieg lieber.
Cullen erklärte den Ablauf der nächsten Reise. „Nachdem Ihr in Redcliff wart müsst Ihr noch zu Meister Denneth gehen. Wir brauchen seine Pferde unbedingt, denn in den Hinterlanden bekommt man keine besseren. Außerdem hat man einen Riss nahe der Höfe entdeckt, der geschlossen werden muss. Ach ja, Banditen machen uns das Leben schwer und es wäre gut, wenn wir endlich das Hauptquartier ausräuchern könnten.“
Für einen Moment herrschte Stille im Raum, dann platzte Elion der Kragen. „Was denn nicht noch alles?!“ Das Gesicht des Dalish lief hochrot an bis zu den Ohren. „Seit Wochen schleppt Ihr mich von einer Ecke der Hinterlande zu anderen! Ich lasse mir von durchgedrehten Templern die Fresse polieren und von verrückten Magiern den Arsch rösten!“ Auf seine Wortwahl achtete er nicht und er hob die Hand mit dem Mal. „Hackt mir das Scheißding endlich ab und geht alleine los, um diese verdammten Risse zu schließen!“ Seine Stimme überschlug sich.
Josephine schubste Leliana an. Sie mussten etwas unternehmen, um Elions Zorn einzudämmen, aber dieser schrie Cullen weiter an und Fen setzte sich neben seinen Herrn, als wollte er damit zeigen zu wem er hielt. „Ihr schaut auf die Qunari herab, wie sie ihre Magier behandeln, aber Ihr seid keinen Deut besser! Ihr seid mein Avaarad und ich bin nichts weiter als ein Befehlsempfänger, der nur noch fragt, wie hoch er springen soll! Lasst den scheiß Elfen doch draufgehen!“ Wutentbrannt kreiselte Elion herum und stürmte aus der Kirche.

Varric schaute Sera an und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, dem Dalish hinterherzueilen. Der Zwerg sah Cullen traurig an. „wisst Ihr, was das Schlimmste ist, Kommandant?“ Alle sahen ihn an. „Dass der Kleine recht hat.“ Der große blonde Mann starrte den rothaarigen Zwerg zerstreut an.
„Wir sollten den Herold das Gefühl geben, gebraucht zu werden, denn genauso ist es: wir sind ohne ihn aufgeschmissen.“ Josephine griff nach ihrem Schreibbrett und stellte fest, dass die Tusche ausgelaufen war. Sie tupfte den Tisch schnell mit einem Taschentuch ab.
„Er ist kein Ding.“ Cassandra setzte sich auf die Tischkante, weit genug entfernt vom Malheur der Botschafterin. „Aber das scheint nicht jedem klar zu sein. Ich habe ihn auf jeder seiner Reisen begleitet und bisher hatte er sich nicht einmal beschwert. Wir saßen abends am Lagerfeuer zusammen und redeten. Wir beide, Varric und Solas.“ Sie schob eine von Cullens geliebten Figuren über die große Landkarte, welche er zur Markierung von Truppenbewegungen benutzte. „Von hier aus sieht das alles so einfach aus. Man markiert einen Ort und schickt seine Leute los. Was passiert, bekommt man nicht mit. Entweder war die Mission erfolgreich oder eben nicht. Die Verluste nimmt man in Kauf. So viele unbekannte Gesichter.“ Sie schaute hoch zu Cullen. „Aber wenn man eines davon kennt denkt man anders. Es ist wichtig geworden, weil einem die Person am Herzen liegt.“ Sie erhob sich. „Du solltest öfter mitkommen und erleben, wie es da draußen zugeht.“
Dann verließ sie den Raum, um Elion zu suchen und Varric folgte ihr auf dem Fuße. „Tolle Rede, Cassandra.“ Sie hielten an und sein Blick schien hinter ihre Stirn schauen zu wollen. „Du machst Dir Sorgen?“
„Ja, allerdings.“ Sie schaute zurück zur Kirche und war sich auf einmal unsicher darüber, ob Cullen wegen seines Lyriumentzugs schon in der Lage war, solch weitreichende Entscheidungen treffen zu können, wie er es tat. Darüber musste sie unbedingt mit Leliana reden.
Varric bemerkte Cassandras Unruhe und beruhigte sie. „Geh' Du nach Hörnchen schauen, ich sehe nach Elion, in Ordnung?“
Die Sucherin schmunzelte. „Hörnchen?“
„Klar, bei mir bekommt jeder seinen Spitznamen und ich finde, dieser passt zu Nadira.“
„Und welchen gibst Du mir?“
Er grinste breit und es wirkte wegen seiner gebrochenen Nase ein wenig wölfisch. „Ich bin mir noch nicht sicher und ich denke, dass Du mir Dein Schwert in den Bauch rammst, wenn ich es Dir sage.“
„Da könntest Du recht haben.“ Zum Glück hatte Cassandra es eilig zu Nadira zu kommen und Varric lief zuerst zu Elions Hütte. Durch die hohen Fenster konnte er nicht sehen, selbst als er sich auf die Zehenspitzen stellte, also öffnete er frech die Tür und trat ein.
Elion saß zusammengekauert vor seinem Bett und Sera hielt ihn in den Armen. „Oh, Scheiße.“, murmelte der Zwerg und ging vor den beiden auf die Knie. „Hör' mal Kumpel, hier gibt es Leute, denen Du nicht egal bist. Ich möchte, dass Du das weißt.“
Die rechte Hand der Elfe strich beruhigend durch das störrische Haar des Dalish und Elion lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. Als er denselbigen hob, schaute Varric in feuchte Augen. Er legte seine Hände und die Knie des Dalish. „Ich lasse mir etwas einfallen, damit wir Dich aufmuntern, versprochen.“ Er wandte sich an Sera. „Bemuttere ihn ruhig noch ein wenig, ich muss ein paar Kleinigkeiten organisieren.“
Dann verschwand er und die Stadtelfe hob mit der linken Hand Elions Kopf an, so dass er sie ansah. „Geht's Dir jetzt besser?“
Er strahlte sie dankbar an. „Ja.“
„Du bist Cullen vielleicht egal, aber mir nicht.“ Sie lächelte sanft.
„Du mir auch nicht.“ Sera verstand es immer wieder ihn aufzumuntern und er grinste.
„Sag' jetzt nichts Falsches.“ Die Stadtelfe zog leicht an seinem Ohr.
„Das hat Hüterin Nifeya auch immer gemacht, nur eine Spur heftiger.“
„Kann ich gerne machen, wenn Du dieses Gefühl so vermisst“, bemerkte sie lachend.
„Nein, lieber nicht.“ Er wurde ernst. „Danke.“
Eine leichte Röte stahl sich über Seras Gesicht. „Musst Du nicht sagen.“
„Doch.“ er grinste schelmisch und zog nun seinerseits an Seras rechtem Ohr.
„He! Die sind schon lang genug!“ Elion lachte lauthals los und sie knuffte ihn in die Seite. „Blödmann.“ Dann kicherte sie ebenfalls.

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