Cassandras Morgen begann eher mit Gebrüll. Sie schreckte aus dem Schlaf, als Cullen seine Rekruten zum Frühsport antrieb. Die Sucherin blickte zur Seite und bemerkte, dass Nadira ebenfalls wach war und sich hektisch umsah. Die Qunari blinzelte verschlafen und realisierte schließlich, wo sie sich befand. Ächzend sank sie wieder aufs Kopfkissen und schloss die Augen, welche sie wieder aufriss, als sie Cassandras prüfende Hand auf ihrer Stirn fühlte.

„Ich lasse einen Heiler kommen, aber vorher gehe ich mich waschen.“ Sie musterte die Qunari. „Du bist sicher zu schwach für einen kleinen Rundgang?“ Sie kam sich merkwürdig vor. So als würde sie Selbstgespräche führen.
Nadira schaute sie ähnlich prüfend an und verfolgte jede ihrer Bewegungen, während die Sucherin frische Wäsche und einige Hygieneutensilien zusammenpackte. „Quartiermeisterin Threnn hat mir versprochen, bis heute Mittag Kleidung für Dich zu organisieren. Die Stiefel unserer Zwerge passen Dir ja schon mal gut, aber leider sind wir nicht auf Qunari eingestellt.“ Sie setzte sich auf ihr Bett und seufzte. „Nadira, könntest Du wenigstens nicken, wenn Dir mir zustimmst, und den Kopf schütteln, wenn Du mit etwas nicht einverstanden bist?“
Die Qunari stemmte sich in die Höhe und setzte sich ebenfalls auf die Bettkante. Die Beine der beiden großen Frauen waren so lang, dass sich ihre Knie berührten. Die Saarebas versuchte ein Lächeln und nickte.
„Ich glaube, wir sollten Dir so schnell wie möglich das Sprechen beibringen.“ Cassandra schmunzelte, denn Nadira hatte einige Bücher in der Truhe der Sucherin entdeckt und schaute darauf, wie ein Kind auf Süßigkeiten. Die Sucherin nahm einige Exemplare heraus und reichte sie der Qunari. „Du liest gerne?“ Nadiras Augen leuchteten vor Freude. „Hat Dein Avaarad Dich lesen lassen?“
Die Qunari nickte eifrig und Cassandra nahm sich vor, den Bullen zu fragen, wie das Verhältnis zwischen Avaarad und Saarebas eigentlich im Detail aussah. Gab es so etwas wie ein Miteinander, oder wurden alle Magier wie Sklaven gehalten? Gab es Ausnahmen? „Dann mach' es Dir wieder bequem. Ich komme mit einem Frühstück und einem Heiler zurück. Dauert nicht lange.“ Als sich Nadira wieder hinlegte, war ihr anzumerken, wie groß die Schmerzen immer noch waren, trotz Solas Heilzaubern.
Cassandra trat vor das Zelt und lief an Cullen vorbei, der seine Leute immer noch lautstark zu Höchstleistungen antrieb. „Ich wäre bis Mittag heiser, wenn ich so schreien würde.“
Er drehte sich zu ihr um und begrüßte sie mit einem Lächeln. „Ist nicht einfach, diesen Haufen fauler Säcke zu Soldaten zu machen.“
„Es macht eben einen großen Unterschied, ob ich zur Armee gehe, weil ich mich dazu berufen fühle, oder aus Verzweiflung, weil ich sehe, dass mein Land von Irren überrannt wird.“
„Und zwar von beiden Seiten. In Redcliff drehten sowohl die Magier als auch die Templer durch.“ Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken an seine ehemaligen Ordensbrüder, welche Gewalt unter der Zivilbevölkerung verbreitet hatten. Dank dem Eingreifen der Inquisition herrschte wenigstens an der Wegkreuzung nach Redcliff Ruhe, so dass man dort die Flüchtlinge versorgen konnte.
„Morgen wird Elion sich einmal anhören, was die Magier zu sagen haben, die sich in Redcliff verschanzen.“
„Wirst Du ihn begleiten?“ Er blickte zum Zelt, in dem die Saarebas lag.
„Angst?“ Die Sucherin grinste.
„Mir ist nur nicht ganz wohl dabei, wenn ungefähr drei Meter neben mir eine Magierin schläft, von der wir nicht einmal wissen, ob sie uns nicht irgendwann einfach massakriert.“
Cassandra winkte ab. „Das glaube ich nicht. Wir haben sie aus dem Wasser gezogen, warum sollte sie uns dafür umbringen?“
„Du bist manchmal recht naiv für eine Sucherin der Wahrheit.“ Er neckte sie zu gerne.
„Und Du bist manchmal ziemlich pessimistisch für einen Templer, welcher der Kirche untersteht. Sollten wir nicht an das Gute im Menschen glauben?“
„Dann ist Dein Glaube größer als meiner.“ Cullen unterbrach das Gespräch für eine kurze Rüge, denn einer der Rekruten hielt das Schwert falsch und ließe es sich aus der Hand schlagen.
„Nadira stellt keine Gefahr dar, davon bin ich überzeugt. Jedenfalls keine größere, als jeder andere Magier.“
„Was macht Dich da so sicher?“
Cassandra zuckte mit den Schultern. „Ist nur ein Gefühl.“ Dann setzte sie ihren Weg fort.
Nadira hatte die ganze Zeit aufmerksam gelauscht und blickte nachdenklich nach oben, wobei sich ihr Blick auf keinen bestimmten Punkt fixierte. Sie versuchte zu verstehen, was passiert war und was hier vor sich ging. Die meisten Menschen begegneten ihr mit Freundlichkeit und das verwunderte sie, war sie doch auf Seheron nur allzu oft auf feindliche Tevinteraner getroffen. Sie kannte Menschen nur als Feinde.
Einige Elfen, die zum Qun übergetreten waren, hatte sie kennengelernt. Oft waren diese fanatisch und blickten auf ihre ehemaligen Clanmitglieder herab. Sie nahm ein beliebiges Buch in die Hand und begann neugierig zu lesen.

Cullen spitzte die Ohren, er hörte jemanden leise murmeln und drehte sich um, damit er die Quelle des Geräusches besser lokalisieren konnte. Cassandras Zelt! Seine Hand tastete nach dem Knauf des Schwertes. Was tat die Saarebas da? Beschwörungen durchführen? Wütend riss er die Zeltplane des Eingangs auseinander, das Schwert schon halb aus der Scheide gezogen, und sprang zwei Schritte ins Zeltinnere hinein. „Was soll das?“
Nadira schmiss das Buch erschrocken von sich und starrte ihn mit vor Angst geweiteten Augen an. Sie richtete sich ungeachtet der Schmerzen auf und als Cullen einen weiteren Schritt auf sie zu machte, hob sie schützend ihren rechten Arm vor das Gesicht, als befürchtete sie jeden Moment Schläge. Dabei gab sie ächzende Laute von sich, die eher an ein gequältes Tier erinnerten.
Harding, die gerade im Nachbarzelt nach ihrer Ausrüstung schaute, schoss wie ein Kugelblitz um die Ecke. „Was macht Ihr da, Kommandant?“ Sie schob sich an ihm vorbei, während ihm Nadira verzweifelt ihre Handflächen entgegenstreckte, um ihm damit anzudeuten, dass sie unbewaffnet war und nicht vorhatte, ihn anzugreifen.
Die Späherin hob beschwichtigend die Hände. „Ganz ruhig. Keiner tut Dir was.“ Sie blickte den Blondschopf scharf an. „Keiner!“ Dann bemerkte sie, dass Cullen nicht weniger verwirrt war als die Qunari.
„Ich habe sie sprechen gehört und dachte ...“ Er zuckte hilflos mit den Schultern.
„Dass sie uns alle gleich in ein Flammenmeer badet?“ Harding schnaufte angenervt und Nadira nahm das Buch wieder hoch, blätterte darin und zeigte auf jene Stelle, die sie gerade gelesen hatte. Sie öffnete den Mund und man sah ihr an, dass sie etwas sagen wollte. „Swechen.“
Cullen runzelte ratlos die Stirn, bis ihm klar wurde, was Nadira gemeint hatte. „Du willst sprechen lernen?“ Er schmunzelte und korrigierte sie. „SPRECHEN.“
Harding ächzte. „Und deswegen hättet ihr sie bald aufgespießt?“
„Nein! Ich war nur misstrauisch“, wehrte er vehement ab. „Ich dachte …“ Er rieb sich mit der linken Hand verlegen das Genick. „Na ja, sie ist eine Magierin.“
Nadira schaute ihn wütend an. Sie setzte sich auf die Bettkante und Harding stellte irritiert fest, dass sie der Qunari geradewegs in die Augen blicken konnte, obwohl die Zwergin stand. „Wie geht es Dir?“ Die Späherin fasste die Saarebas vorsichtig am Arm an und Nadira deutete auf ihre Seite, während sie das Gesicht vor Schmerz verzog.
„Cass.“ Die Worte der Qunari hörten sich seltsam lallend an, aber Cullen kannte diese Art zu sprechen, denn sein Bruder war schwerhörig und auch diesem fiel die richtige Aussprache schwer.
„Du meinst, Cassandra holt einen Heiler?“, erkundigte er sich und die Saarebas nickte erleichtert.

Als die Sucherin mitsamt Frühstück und Heiler ins Zelt eintrat, fiel ihr das Brotkörbchen fast aus der Hand. Vor ihr saßen Cullen und Nadira auf dem einen Feldbett und Harding auf dem anderen. Die Qunari las laut vor, wobei ihr Zeigefinger den Zeilen Wort für Wort folgte und der Kommandant korrigierte sie.
Cassandra stellte das Brot auf ihrer Kiste ab, in welcher sich ihr gesamtes Hab und Gut befand, nahm schweigend neben der Späherin Platz und lauschte bis der Heiler sich räusperte und damit die kleine Gesellschaft auflöste. Nachdem Harding und Cullen das Zelt verlassen hatten, untersuchte er Nadira. Er war nicht nur Heiler, sondern auch Wundarzt der Inquisition und spezialisiert auf Fleischwunden. Zufrieden merkte er an, dass die größte Verletzung fachgerecht vernäht worden war.
„Da können wir uns bei Hauptmann Aclassi bedanken.“ Die Sucherin schaute ihm interessiert zu, denn sie wollte wissen, wie es um Nadiras Genesungsfortschritte stand. Natürlich aus rein praktischen Erwägungsgründen, denn Solas wollte sobald wie möglich einige Tests mit der Saarebas durchführen.
Nachdem der Heiler sich verabschiedet hatte, setzte sich Cassandra zu Nadira und übte mit ihr weiter. Einige Male sprach sie das Wort genau vor und die Qunari hing mit den Augen förmlich an den Lippen der Sucherin. Cullen hatte empfohlen, es die ersten Tage nicht zu übertreiben, um die Stimmbänder langsam an die ungewohnte Tätigkeit zu gewöhnen.
Ungefragt riss jemand die Zeltplane beiseite und steckte den Kopf ins Innere. „Hallo! Wie geht’s unserem Fundstück heute?“ Sera brauchte nie eine Einladung, sie pflanzte sich einfach auf Cassandras Bett.
„Habt Ihr nicht etwas zu tun?“, brummte die Sucherin.
„Och, Eli, Varric und ich verbrachten den Vormittag mit Schießübungen, damit wir morgen gut vorbereitet sind.“ Sie musterte Nadira mit unverhohlener Neugier. „War das eben Deine Stimme?“
Die Saarebas antwortete ihr mit einem tiefen „Ja.“, welches der Elfe eine Gänsehaut bescherte.
„Hui! Du klingst fast wie der Bulle.“ Sie kicherte ausgelassen und überspielte ihre Verlegenheit.
„Na ja, das kann man doch nicht vergleichen.“ Cassandra schaute sie tadelnd an und Nadira schlug das Buch ungehalten zu. Offensichtlich hatte sie genug für heute, in jeder Beziehung, aber Sera kümmerte das nicht.
„Kommst Du mit, etwas essen?“, plapperte die Elfe weiter und erntete ein Kopfschütteln. Nadira deutete auf ihre Verletzung.
„Deswegen habe ich etwas aus der Taverne mitgebracht.“ Cassandra schob die Kiste, welche ihnen als Tisch dienen sollte, zwischen die Betten, oder besser gesagt: zwischen Nadira und Sera.
„Na dann sehen wir uns später.“ Die Elfe huschte wieder ins Freie und die beiden Frauen sahen sich an, wobei die Sucherin eine Augenbraue in die Höhe zog.
Die Qunari machte sich sogleich über ein Brötchen her und Cassandra leistete ihr Gesellschaft. Sie schienen die Ruhe zu genießen. Laut wurde es schon von ganz alleine, wenn Cullen mit den Rekruten vom Zehnkilometerlauf zurückkam, zumindest mit dem, was dann noch von den armen Teufeln übrig war.

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