Unterwegs kamen sie wegen der Ochsenkarren nicht so schnell voran wie auf dem Hinweg. Auch die Sturmbullen schaukelten alle zusammen in einem Karren vor sich hin. „Wann kaufen wir uns endlich ein paar Pferde?“, fluchte Brecher, ein zwergischer Schurke, als sie mal wieder über große Steine fuhren.
„Du weißt, dass ich ungern Gold ausgebe.“ Der Bulle saß auf dem Boden und hatte Krem vor sich in die Arme genommen, der friedlich schlief. Der Qunari musste die Liebe zu seinem Hauptmann nicht mehr verbergen und seine Leute wussten sowieso seit langem Bescheid.
Der Mabari rannte die Strecke sicherlich dreimal oder sogar mehr. „Fen! Komm her!“ Elion bedeutete seinem Hund, weiter am See entlangzulaufen, als sie an der Wegkreuzung nach Orzammar ankamen. Das Tier verstand sofort und wieder einmal war der Elf erstaunt über die Auffassungsgabe des Kriegshundes.
Die Saarebas lag auf einem weiteren Karren und lehnte sich gegen die hölzerne Außenwand. Neugierig betrachtete sie die Landschaft. Cassandra ritt neben ihr her und beäugte die Qunari nicht minder aufmerksam.
„Du brauchst einen Namen. Erst dieser macht einen zum Individuum.“ Sera hatte auf der anderen Seite des Karrens aufgeholt.
„Darüber können wir uns in Haven Gedanken machen.“ Die Sucherin zerbrach sich den Kopf. Was Cullen wohl dazu sagen würde, wenn sie mit einem weiteren Magier ankamen. Zumal mit einem, dessen Fähigkeiten sie nicht einschätzen konnten.
Aber die Elfe war ganz verschossen in die Idee der Namensgebung und sie schlug einige vor, welche die Qunari ausnahmslos mit einem wenig begeisterten Gesichtsausdruck quittierte. Cassandra lachte. „Die hätte ich auch abgelehnt.“
„Gut, Mylady Sucherin, dann mach selbst einen Vorschlag“, entgegnete Sera beleidigt.
Die so Herausgeforderte überlegte einige Minuten, schaute zur Saarebas, dann wieder in den Himmel, grübelte und meinte schließlich: „Nadira.“ Der Kopf der Qunari ruckte aufmerksam hoch und sie versuchte zu lächeln. Triumphierend grinste Cassandra die Elfe an. „War doch doch gar nicht so schwer.“

Elion hatte sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten. Zum einen hing er seinen Gedanken nach und er stellte fest, dass die Sorge um seine beiden Nichten in den letzten Tagen noch gewachsen war, zum anderen kam man Sera besser nicht in die Quere, wenn sich diese etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er dachte lange über die Elfe nach, die er trotz ihres vorlauten Mundwerkes so mochte oder gerade deswegen. Sie handelte ähnlich chaotisch, überließ alles dem Zufall und lebte in den Tag hinein.
Die Zeiten aber änderten sich gerade. Das süße Nichtstun, das Tagträumen, vermisste er. Einfach nachdenken und dem Tag dabei zusehen, wie er voranschritt. In Haven hatte er kaum einmal eine ruhige Minute und in den Nächten saßen er und Sera oft vor dem Kamin, weil sie beide das Bedürfnis hatten, mehr voneinander zu erfahren. Die Freundschaft wurde wurde inniger und wich langsam einer tiefen Zuneigung füreinander. Er musste sich vorsehen, denn mehr als freundschaftliche Gefühle würde Sera ihm gegenüber nie zulassen.
Elion merkte kaum, dass sie ihr Ziel erreicht hatten und er schreckte fast hoch, als die Stadtelfe sich neben ihm laut räusperte. „Fertig mit grübeln, Herold Andrastes?“
Er seufzte und entdeckte Josephine, welche zusammen mit Leliana und Cullen das Empfangskomitee bildeten. Ihm schwante Schlimmes, gleich würden sie alle auf einmal auf ihn einreden, aber zu seiner Überraschung waren die drei Berater zu entsetzt und ihre Aufmerksamkeit galt Cassandra, welche der Qunari vom Karren half. Die Saarebas überragte selbst die Sucherin um fast zwei Köpfe und das wurde erst jetzt so richtig deutlich, da die beiden Frauen nebeneinander standen.
Cullen stand der Mund staunend offen. „Was …?“ Er blickte die Sucherin fragend an.
Leliana fing sich als Erste wieder und meinte zu Elion: „Interessant, wen Ihr da mitgebracht habt.“ Etwas verärgert betrachtete sie ihren Sohn Benjamin, der Fen offensichtlich sofort in sein Herz geschlossen hatte und mit dem Hund herumtollte. „Wem gehört der Mabari?“
„Mir.“ Der Elf schmunzelte. „Keine Sorge. Fen ist lieb.“ Er pfiff den Hund herbei und dieser setzte sich brav neben seinen Herrn. Wie gerne hätte Cullen den Mabari aus der Nähe betrachtet und Cassandra verkniff sich ein Grinsen, da sie von der Liebe des Kommandanten zu diesen Tieren wusste. Kürzlich hatte sie ihn als Geburtstagsgeschenk zu den Hardings mitgenommen. Die Eltern der Späherin wohnten nah Redcliff und züchteten Mabari.
Da saß also der große blonde Cullen umringt von kleinen süßen Welpen, die er nach Herzenslust streicheln und auf den Arm nehmen durfte. Ein denkwürdiger Anblick und die Sucherin nahm sich vor, ihm eines der Tiere zu schenken, wenn der Wurf alt genug war. Mit den Hardings war dies bereits abgemachte Sache.

Imposanter als der Anblick eines Qunari, waren zwei, denn der Eiserne Bulle stand auf und sprang mit seinen Leuten vom Ochsenkarren. Er streckte sich und gähnte laut. „Sind die groß“, flüsterte Josephine ihrer Ehefrau staunend zu und Leliana versuchte, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen.
Cassandra wies zwei Soldaten an, ihr ein weiteres Feldbett in das Zelt zu stellen und Nadira stand etwas abseits. Sie schaute fasziniert in den Himmel, kleine Schneeflocken taumelten hinab und ein paar davon ließen sich auf ihrem Gesicht nieder, woraufhin sie vorsichtig darüber strich. Auf einem Baumstumpf hatte sich eine Schneeschicht gebildet und die Qunari tippte neugierig mit dem Finger hinein, wobei sie nicht bemerkte, dass sämtliche Gespräche verstummten und man sie beobachtete.
„Wenn Du das zu lange machst, holst Du Dir Erfrierungen.“ Sera stellte sich neben Nadira, welche nun zu frösteln schien und ganz begeistert ihrem Atem dabei zuschaute, wie dieser kleine Wölkchen vor ihren Augen bildete.
„Mit Schnee kann man tolle Dinge machen“, bemerkte die Elfe, formte einen Schneeball und warf ihn Elions ins Genick. Sofort war eine wilde Schlacht im Gange und Cassandra zog die Qunari schnell aus der Schusslinie. Fen flitzte bellend hin und her und versuchte, einen der Bälle aus der Luft zu schnappen. Varric sprang übermütig auf einen Felsen und schaufelte mit beiden Händen Schnee auf Sera, während Elion sich unbemerkt an den Zwerg herangeschlichen hatte und ihm von hinten das Gesicht mit einer Ladung Schnee einrieb.
„Schon gut, Du hast gewonnen!“ Varric lachte unbeschwert. Seit Wochen schon hatte er sich nicht mehr so leicht gefühlt. Es schien, als sei die Schwermut für einen Moment gewichen. Die Sorge, die Sehnsucht. Er klopfte Elion auf die Schulter. „Danke.“
Der Elf schaute ihn ratlos an. „Wofür? Dafür, dass ich Dir eine Schneemassage verpasst habe?“
„Für die kleine Aufmunterung, mein Freund.“ Er nahm seine Sachen vom Karren und machte sich auf den Weg zu seinem Zelt. Es war Zeit für einen Brief, obwohl er nicht wusste, ob dieser den Empfänger je erreichen würde. Trotzdem schrieb er einmal in der Woche und Josephine, welcher die Verteilung der Post oblag, schaute ihn schon ganz mitleidig an, denn eine Antwort hatte er bisher nie erhalten.

Cassandra wusste nicht, was sie zuerst tun sollte und entschied sich dafür, Nadira zur Quartiermeisterin mitzunehmen, denn diese war nur mit Hemd und Hose bekleidet, so dass ihr Cullen schon eine seiner Decken gebracht hatte. Er wandte sich an die Qunari: „Du … warmhalten … sonst Erfrierung.“
Nadira blickte ihn leicht säuerlich an, drehte sich zu Josephine um und deutete auf deren Schreibbrett, welches die Botschafterin immer mit sich führte. Gespannt verfolgten sie, wie die Qunari die Feder in die Hand nahm und schrieb. Schließlich drückte sie Cullen das Papier in die Hand und schnaufte dabei ungehalten.
„Ich bin durchaus in der Lage, Euren Ausführungen zu folgen, auch wenn Ihr in Kleinkindsprache mit mir redet“, las der Kommandant murmelnd vor und lief rot an vor Verlegenheit.
Leliana prustete los und drehte sich der Höflichkeit halber um, damit sie Cullen nicht ins Gesicht lachte. Josephine schubste sie tadelnd an, versuchte aber selbst ernst zu bleiben und Cassandra grinste ihren Freund unverfroren an. „Das hätten wir dann auch geklärt.“ Sie war erleichtert, dass Nadira offensichtlich alles verstand, woran die Sucherin bis zu diesem Zeitpunkt noch gezweifelt hatte.
„Ich besorge Euch einen Notizblock, solange Ihr noch nicht reden könnt.“ Die Botschafterin lächelte freundlich und jeder ging bis zum Abend seiner Wege.

Nachdem Elion an einer ermüdenden Besprechung teilgenommen hatte, wanderte er zuerst ziellos durch Haven und war so im Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wohin ihn seine Füße trugen. Perplex stand er vor seiner Hütte, schaute kurz hinein, aber weder Sera noch Fen waren auffindbar. Das konnte nur bedeuten, dass sie sich in der Taverne aufhielten, an welcher er eben vorbeigelaufen war.
Leicht konsterniert ging er zurück und betrat die Hütte, in welcher die Tisch so dicht beieinander standen, dass man sich durch die Stuhlreihen quetschen musste. Zum Glück passte ein schmaler Elf überall hinein und er setzte sich an den Tisch seiner Freunde. Sera schaufelte ihr Abendessen in sich hinein wie ein ausgehungerter Oger, Varric nippte an einem fereldischen Wein, Fen lag neben dem Tisch und schien zu dösen und der Eiserne Bulle würgte irgendetwas Hochprozentiges hinunter.
Flissa, die Besitzerin der Taverne, kam gleich angestürzt und Elion bestellte sich ein Stück Widderfleisch. Erst jetzt bemerkte er, wie hungrig er doch war und da ihm etliche Soldaten und Bedienstete zusahen, beherrschte er sich beim Essen etwas mehr als seine Freundin. Es war wohl das Los eines Herolds, dass er nichts ungesehen unternehmen konnte. Überall beobachtete man ihn. Ob er an den Latrinen in der Schlange stand, oder bei den Duschen.
„Du bist schon den ganzen Tag so merkwürdig, Eli.“ Sera beäugte ihn und ihre Sorge rührte Elion.
Er lächelte sie freundlich an. „Alles in Ordnung, ich muss nur oft an meine Nichten denken. Es wird eine Zeit dauern, bis der Brief ankommt.“
„Das kenne ich“, brummte Varric resigniert. Er hatte vorhin sein Schreiben der Botschafterin übergeben. Es war an eine neutrale Adresse gerichtet und würde von dort aus seinen Weg finden. „Wie schreibt man einem Elfenclan, der stets weiterzieht?“, fragte er interessiert und Elion gab ihm gerne Auskunft.
„Ich schreibe an eine Adresse im Gesindeviertel von Kirkwall. Von dort aus werden die Briefe verteilt. Jeder Clan hat einen bestimmten Platz, an welchem die Dokumente hinterlegt werden und diese Plätze werden von Jägern ab und zu aufgesucht.“
„Das dauert ja Ewigkeiten.“ Die Stadtelfe prostete dem Bullen zu, allerdings mit Met.
Sie unterhielten sich eine Weile mit dem Qunari, schließlich war es gut, etwas mehr über ihn zu erfahren und er stellte sich als angenehmer Unterhalter mit Humor und Bildung heraus. Elion war der Anführer der Sturmbullen gleich sympathisch und Sera schien es ähnlich zu gehen, denn sie fragte dem Qunari Löcher in den Bauch.
Varric stand auf, verabschiedete sich und die Runde löste sich auf. In der Taverne saßen nur noch vereinzelt Personen an den Tischen und der Elf stellte erschrocken fest, dass es bereits nach Mitternacht war. Fen hatte zwischendurch unbeaufsichtigt eine Runde im Dorf gedreht, sein Revier markiert und kam nach einer halben Stunde zufrieden zurück.
Zu viert brachen sie auf und der Bulle wünschte ihnen ebenfalls eine gute Nacht. Die Sturmbullen hatten ihre Zelte vor den Palisaden aufgebaut und der Qunari schritt leichten Fußes die Treppen hinab. Offensichtlich machte ihm der Konsum von Schnaps nicht viel aus.

Sera ließ sich auf ihr Feldbett fallen. „Was für ein Tag!“
Elion verschwand schnell im Vorraum und zog sich hastig um. Er war müde und überlegte, wo Fen schlafen könnte. Zwei Decken dienten dem Mabari als Schlafplatz und dieser zeigte seinem Herrn genau, wo er diesen haben wollte. „Kluges Tier.“
Der Elf kroch in sein Bett. Dem Rascheln nach zu urteilen, zog Sera sich ebenfalls um und schließlich hatten sich alle drei auf ihren Plätzen eingefunden. „Gute Nacht, Eli.“
„Schlaf gut, Sera.“ Elion schlug das Ende der Decke um seine Füße und schlief augenblicklich ein.
Er wachte auf, als ihn etwas anschubste und leicht zur Seite drückte. Er tastete nach dem Eindringling und murrte: „Fen, auf Deinen Platz mit Dir!“
„Ich bin's“, flüsterte Sera und er kreiselte herum, wobei er fast einen Luftsprung vollführte.
Dann starrte er die Elfe verwirrt an. „Was machst Du in meinem Bett?“
Sie deutete über ihre Schulter. „Fen machte sich bei mir breit und ich habe mich nicht getraut, ihn zu verjagen.“ Sie zog einen Schmollmund. „Kann ich bleiben?“
Elion seufzte und kapitulierte. „Gut, aber mach' Dich nicht so breit.“
Er drehte sich zur Wand um und spürte Seras Hintern an dem seinen. Langsam wurde er immer weiter zur Bettkante geschoben. „He! Was habe ich gerade gesagt?“
„Schon gut.“
Aber der Druck im Kreuz ließ nicht nach und er hielt nun dagegen.
„Willkommen zum ersten Havener Arschdrücken.“ Sera kicherte.
„Das verlierst Du.“ Elion schubste seine Freundin mit einem eleganten Hüftschwung wieder zur Bettkante.
„Verdammt, Eli!“, jammerte sie und er gab die Hälfte seines Bettes frei, irgendwann mussten sie ja mal schlafen.

Früh am Morgen wachte Elion auf und stellte zuerst fest, dass er sich kaum rühren konnte. Er ging der Ursache auf den Grund und betrachtete Sera, die halb auf ihm lag und friedlich schlummerte. Ihren Kopf hatte sie an seine Halsbeuge geschmiegt und er stellte amüsiert fest, dass sie am Daumen lutschte. In diesem Moment rutschte sein Herz in die Tiefe und er musste sich von diesem niedlichen Anblick losreißen. Er widerstand der Versuchung, seinen Arm um sie zu legen und ihr eine störrische Haarsträhne aus dem Gesicht zu streicheln.
Fen sah auf seine Weise ähnlich süß aus. Der Mabari lag auf Elions Beinen und zuckte im Schlaf, als ob er über eine Wiese rennen würde. Dieser Moment war zu schön, um seine Bettgenossen aufzuwecken und so lag der Elf eine Stunde lang regungslos da, bis ihm die Füße eingeschlafen waren.

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