„Ihr neigt dazu, von Euren Reisen zu viele Souvenirs mitzunehmen, mein Lieber.“ Vivienne hatte alle Mühe, ihren Teller vor Fen zu retten, welcher sich gierig mit den Vorderpfoten auf ihre Knie stützte, um an das gute Widderfleisch zu kommen.
Elion lächelte. „Auf die Art wird es nie langweilig.“ Er schnippte mit den Fingern und deutete neben sich. Der riesige Mabari ließ von seinem Vorhaben ab und setzte sich brav neben seinen neuen Herrn, blickte ihn erwartungsvoll an. „Wenigstens einer, der auf mich hört“, seufzte der Elf lauter, als ihm lieb war.
„Das kenne ich.“ Cassandra hatte sich mit einem Stück Brot und etwas Käse zum Abendessen begnügt. Eigentlich wollten sie nach Haven aufbrechen, aber Solas hatte die Empfehlung ausgesprochen, mit der Abreise bis zum Morgen zu warten. Er befürchtete, dass die Strapazen für die Qunari zu groß sein könnten. Diese lag wieder im Zelt und schien zu schlafen.
Der Eiserne Bulle setzte sich neben die Sucherin und blickte sie ernst an. „Ihr könnt die Saarebas nicht einfach irgendwo aussetzen und annehmen, dass sie überleben wird.“
„Wir werden sie nicht aussetzen.“ Elion konnte den Qunari nicht einschätzen und musterte ihn eingehend, während er mit einer Hand den Mabari streichelte, der sich bei so viel ungewohnter Zuwendung auf den Rücken warf und seinem Herrchen begeistert den Bauch entgegenstreckte. Von der anderen Seite kraulte Sera sich durch Fens kurzes Fell., welches ein ungewöhnlich dunkles Braun für einen Mabari aufwies. Die meisten Hunde dieser Rasse hatten eher eine hellbraune Färbung.
„Ihr seid nun ihr Avaarad, Sucherin.“ Der Bulle sagte dies sehr ernst und Cassandra starrte ihn entgeistert an.
„Wieso ich?“
„Sind Sucher einem Templer nicht ähnlich und könnt die Ihr Magie der Saarebas nicht ebenfalls unterbinden?“
Sie schüttelte den Kopf. „So funktionieren meine Fähigkeiten nicht. Ja, ich habe eine vergleichbare Ausbildung, aber wir Sucher entfachen das Lyrium in einem Magier. Auf diese Art können wir ihm unseren Willen aufzwingen.“
Der Qunari stutzte und lächelte. „Das ist noch besser.“ Dann wurde er wieder ernst. „Ihr müsst Euch darüber im Klaren sein, dass die Saarebas bisher immer unter der Kontrolle ihres Avaarad stand. Sie hatte keinen eigenen Willen, war sein Werkzeug.“
Cassandra dachte an die Narben auf den Armen der Qunari. „Das sehe ich anders. Warum traktiert ein Avaarad seine Saarebas derart, wenn sie ihm doch blind gehorcht?“
„Das stimmt.“ Sera schaute sich kurz um und bemerkte, dass die Qunari wach war und dem Gespräch interessiert zuhörte. Sie hatte den Kopf erhoben und die Decke, welche ihr als Kissen diente, nochmals zusammengefaltet, damit sie höher lag und das Lager überschauen konnte. „Einen Sklaven schlägt man nur, wenn er nicht gehorcht, oder?“
Varric kratzte sich nachdenklich an seinem Kinn, auf welchem sich rote Bartstoppeln tummelten. „Eine ganz schön große Verantwortung, Sucherin Pentaghast. Ihr werdet der Qunari all das beibringen müssen, was eine Mutter normalerweise ihrem Kind beigebracht hat.“
Cassandra schaute ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Verärgerung an. „Ich habe zu viel zu tun, um Amme zu spielen.“
Der Bulle winkte beschwichtigend ab. „Ganz so schwierig ist es nicht. Je nachdem, wann ihre Magie erwacht ist, wird sie so lange mit den anderen Qunari erzogen worden sein.“
„Sie kann nicht sprechen, also hat man sie schon sehr früh von den anderen getrennt?“ Elion betrachtete die Saarebas.
„Und ihr den Mund vernäht“, zischte Sera angewidert durch die Zähne. „Das ist so was von falsch.“ Gewalt gegen Wehrlose machte sie rasend vor Wut. Sie dachte daran, wie man sie als Kind durch die Straßen Denerims gejagt und beschimpft hatte. Ihr Freund schubste sie sanft am Arm an, um sie zu beruhigen und ihr damit zu sagen, dass er verstand, was in ihr vorging. Sie hatten sich mittlerweile viel aus ihrer Vergangenheit erzählt.
„Wie tief die Angst vor der Magie doch in den Qunari sitzt“, sagte Vivienne eher zu sich selbst.
„Saarebas heißt nicht umsonst übersetzt 'gefährliches Ding'. Ihnen die Münder zuzunähen ist unumgänglich und notfalls schneidet man ihnen die Zungen heraus.“ Der Bulle bemerkte dies mit der größten Selbstverständlichkeit. „Ein Saarebas muss ohne seinen Avaarad sterben. So will es das Gesetz.“
Elion starrte ins Feuer. Er würde mit Sicherheit nicht zulassen, dass ein Wesen, egal welcher Rasse es auch angehören mochte, den Tod fand. „Für die Dalish ist die Magie ein Teil ihres Lebens. Die Hüter führen sie an und bewahren das Wissen der Alten.“
Sera schnaufte. „Insofern es noch vorhanden ist.“ Sie mochte Elion sehr, aber seine Einstellungen zu den Traditionen der Dalish teilte sie nicht. Zum Glück ging er ihr damit nie auf die Nerven, aber einen wütenden Seitenblick von Solas fing sie sich dann doch ein. Wieder einmal.
Cassandra streckte ihre langen Beine aus und kippte den Rest ihres Tees ins Feuer. „Wir sollten schlafen gehen, weil wir morgen in aller Frühe aufbrechen.“ Sie wandte sich Sera zu, die gerade etwas erwidern wollte. „Und sag' nicht schon wieder 'Ja, Mama'.“
Die Stadtelfe grinste frech. „Danke fürs Bettenmachen.“
Sie hatten sich fast alle während der brenzligen Situation im Meer geduzt und dieses dann einfach beibehalten, weil es ihnen zu merkwürdig erschien, danach wieder zur gewohnten Anrede zu wechseln.
Vivienne rutschte auf ihren Schlafplatz. Sie hatte sich das kleinere von zwei Übeln ausgesucht, was bedeutete, dass sie mit der Sucherin in einer Reihe lag und nicht mit der Qunari. Allerdings musste sie trotzdem die Beine einziehen. Diese Zelte waren einfach nicht für große Personen gemacht. Auch Sera rollte sich zusammen, weil sie keinen Platz zum Ausstrecken hatte.
Die Verteilung im Zelt der Männer verlief etwas ausgeglichener, aber hier fehlte der Platz nicht in Länge, sondern in der Breite, zumal nun auch noch Fen ins Zelt drängte und Elion seinen Mabari auf dessen Decke ins Freie zurückschubste.

Der Bulle und Hauptmann Aclassi gingen wieder hinunter zum Strand. Der Mond erhellte ihren Weg und sie setzten sich auf einen verblichenen Baumstamm. „Zum Glück haben sie Dich wieder gehen lassen.“ Die Stimme des Tevinteraners mit den kurzen braunen Haaren klang besorgt.
„Ja, aber sie schöpfen Verdacht.“ Der Bulle schaute den Hauptmann traurig an. „Sie haben mir vorgeworfen, dass ich mich schon zu lange außerhalb des Qun aufhalte. Ich hasse es zu lügen, aber ich bin mittlerweile verdammt gut darin geworden. So verdammt beschissen gut.“ Er stand auf, schmiss einen Stein ins Meer und ließ dann resigniert die Arme sinken. „Krem?“
„Ja?“, hauchte Aclassi unsicher und erhob sich ebenfalls. „Du bist Dir nicht sicher, ob es richtig ist, nicht wahr? Sich vom Qun zu lösen.“
Der Qunari fasste in seine Hosentasche und holte einen halbierten Drachenzahn hervor, welcher an einer Kette befestigt war. „Doch, das bin ich. Das ist es wert und das Gold, welches uns die Inquisition bezahlt, wird uns dabei helfen.“ Seine große Hand umfasst das Schmuckstück, als ob er es nicht mehr loslassen wollte und er schloss die Augen. Sein Entschluss stand fest und schließlich lächelte er Hauptmann Aclassi an. „Wir werden frei sein, Kadan.“
Krem traten die Tränen in die Augen und er nestelte die andere Hälfte des Drachenzahnes unter seiner Rüstung hervor. Der Bulle wollte ihn in die Arme nehmen, seufzte dann aber entnervt. „Musst Du immer diesen bulligen Metallschrott tragen?“
Schneller als erwartet hatte Krem den Brust- und die Armpanzer abgelegt und stand nun im Hemd vor dem Qunari, der ihn sanft an der Taille hochhob und küsste.

Cassandra war Frühaufsteherin und da sie hinten im Zelt schlief, blieb es nicht aus, dass sie die anderen Frauen weckte, als sie ins Freie kriechen wollte.
„Du bewegst Dich nicht gerade anmutig“, schnauzte Sera die Sucherin an, weil diese mit den Knie die Hand der Elfe gequetscht hatte.
„Was machst Du Dich auch so breit beim Schlafen?“ Die große Nevarranerin setzte ihren Weg fort und wurde von einer gerade erwachenden Vivienne wütend angeblitzt.
„Ich werde mein Bett umarmen, wenn ich wieder in Haven bin, obwohl ich anfangs über den mangelnden Komfort dort geschimpft hatte.“ Die Magierin schälte sich ebenfalls aus ihrer Decke und folgte Cassandra ins Freie.
Sera blieb auf ihrem Schlafplatz sitzen und betrachtete die Saarebas eingehend. Die Nähte um die vollen und geschwungenen Lippen herum würden bleibende Narben hinterlassen. Der Elfe gefielen kräftige Frauen, sie selbst hatte ebenfalls nicht den schmächtigen Körperbau, welcher typisch für eine Elfenfrau war. Vielleicht lag es daran, dass sie gerne aß oder sich von Kindesbeinen an alleine durchschlagen musste? Die Qunari erwachte und blinzelte ihr mit ihren wundervoll hellgrünen Augen entgegen, welche sofort hellwach die Umgebung musterten.
„Guten Morgen“, Sera lächelte freundlich und neigte den Kopf. „Hast Du Hunger?“
Zur Antwort knurrte der Magen der Saarebas, welche sich irritiert über den Bauch strich und die Elfe ratlos ansah. „Komm mit, draußen ist die Luft frischer. Hier drin stinkts nach Madame de Fers Bordellwasser.“
„Kindchen, das ist ein äußerst erlesenes Parfüm, welches Ihr Euch im Leben nicht leisten könntet“, tönte es vom Lagerfeuer her.
„Mit wie vielen Adligen musstet Ihr dafür schlafen?“ Sera provozierte Vivienne einfach zu gerne.
„Höchstens mit Zweien“, kam die überraschende Antwort und entlockte Varric ein dröhnendes Lachen, während die Magierin sich in aller Ruhe Tee einschenkte. Solas schaute sie allerdings recht pikiert an.
„Gut, der ging an Euch.“ Sera hockte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an jene Kiste, auf der Elion saß, welcher den Schlagabtausch amüsiert verfolgt hatte. Sein kurzes rotes Haar stand ihm zu Berge, die Elfe erhob sich und strich ihm mit der Hand sanft über den Kopf. „Dein Haar macht auch, was es will.“
Er lächelte seine Freundin an. „Ja, genauso wie gewisse Elfen.“
„Blödmann.“ Sie boxte ihn in dem Arm und setzte sich wieder.
„Sind wir jetzt mit der morgendlichen Begrüßung fertig?“ Cassandra bedeutete der Qunari, sich neben sie zu setzen, Blackwall hatte sich schon einen Teller gegriffen und reichte diesen der Saarebas, woraufhin er einen dankbaren Blick erntete. Zufrieden stellte die Sucherin fest, dass ihr Schützling auf die Umgebung reagierte und sie betrachtete die nackten Füße der riesigen Frau mit Besorgnis. „Spätestens, wenn wir oberhalb der Schneegrenze sind, müssen wir uns etwas einfallen lassen, sonst frieren Dir die Zehen ab.“
„Lass mal sehen.“ Varric stellte sich neben die Qunari und verglich seine Füße mit den ihren. „Ich hätte nicht gedacht, dass noch jemand außer mir so große Quadratlatschen hat. Moment.“ Er verschwand im Zelt und wühlte ein zweites Paar Stiefel aus seinem Gepäck, welches er der Saarebas reichte. „Probiere' mal, ob sie Dir passen.“
Zögernd schlüpfte die Qunari in die Stiefel, bewegte die Zehen und wollte den Zwerg anlächeln, aber sie verzog sofort das Gesicht, wegen der schmerzenden Wunden um den Mund.
„Es wird noch eine Weile dauern, bis das verheilt ist.“ Solas trat näher und ging in die Hocke. „Haltet einen Moment still, dann kann ich nochmal einen Heilzauber wirken.“
Die Qunari rührte sich nicht, hatte er ihr doch schon einige Male damit Linderung verschaffen können.
„Besser?“ Er blickte sie an, aber sie zeigte keine Reaktion.
„Sie ist es nicht gewohnt, zu antworten.“ Der Bulle hatte schon eine Weile am Rand des Lagers gestanden und zugeschaut. Nun stieß er sich von einem Baumstamm ab, gegen den er sich gelehnt hatte und kam näher, wobei er auf den Tisch zusteuerte, auf welchem sich das karge Frühstücksbuffet befand. „Darf ich?“ Und schon hatte er sich ein belegtes Brötchen geschnappt, das fast zur Gänze in seinem Mund verschwand.
„Wau, mit Euch mache ich sicher nie ein Wettessen“, staunte Sera und krauchte wieder ins Zelt, um ihre Sachen zu packen.

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