„Bulle?“ Der Hauptmann schubste seinen Vorgesetzten am Arm an und deutete auf das Meer. Dort zeigte sich ein zweites Schiff, das wohl in einer der zahlreichen versteckten Buchten bislang unentdeckt geankert hatte.
„Oh Scheiße! Vints!“ Das Schiff der Qunari bot dem Feind volle Breitseite und man konnte sehen, dass sich an Deck mehrere Reihen Soldaten formierten. Der Bulle verfolgte entsetzt dem sich nun entwickelnden Kampf. Das Schiff aus Tevinter verfügte offensichtlich über etliche Magier, denn ein gewaltiger Feuerstoß jagte auf die Qunari zu, welche in der Lage waren, den Angriff mit einer Art blau leuchtenden Schutzschild zu blocken.
„Saarebas“, murmelte der Bulle.
„Ihr hattet Magier an Bord?“ Vivienne starrte gebannt auf das Geschehen, denn sie hatte zwar viel von der Magie der Qunari gehört, aber noch nie gesehen, wie diese eingesetzt wurde. Das Schiff aus Tevinter änderte die Taktik und da es wendiger als das gepanzerte Qunarischiff war konnte es den Vorteil nutzen und rammte den Gegner so heftig, dass an Deck ein heilloses Durcheinander entstand. Sie konnten die Schreie bis hierher hören. Versuche, die Ordnung zu wahren. Befehle hallten über das Wasser.
Die stählernen Rammböcke am Bug des Tevinterschiffes hatten einige Stahlplatten beschädigt, aber noch schlimmer war, dass die Magier nun alles an Bord der Qunari in Brand setzen konnten, da die Gegenwehr der Saarebas kaum noch vorhanden war. Etliche mussten über Bord gegangen sein und die Qunari versuchten verzweifelt, mehrere Großbrände zu löschen.
„Es wird sinken!“, schrie Elion und war am Verzweifeln, weil er nichts tun konnte. Er sah brennende Qunari ins Wasser springen und spürte, dass Seras Hand nach der seinen griff.
„Ein Qunarischiff sinkt nicht“, stellte der Bulle traurig fest. Das Schiff aus Tevinter entfernte sich und an Bord der Qunari ereigneten sich mehrere heftige Explosionen, welche sich in den Laderäumen ereignet haben mussten. „Gatlok.“
„Ein Sprengstoff, dessen Zusammensetzung nur die Qunari kennen“, ergänzte sein Hauptmann.
Binnen Minuten sank das Schiff und der Bulle lief verzweifelt am Strand entlang. Die Tevinteraner hingegen verschwanden auf das offene Meer hinaus. Zurück blieben Trümmer, welche Spielball der Wellen wurden. Der Bulle ging in die Hocke und sein Hauptmann stellte sich neben ihm, legte ihm sachte die Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid, Häuptling.“
Der große Qunari blies laut hörbar die Luft durch die breiten Nasenlöcher, nahm einen Stein, stand auf und warf ihn der See entgegen. „Dafür werden sie bezahlen.“
„Wartet!“ Elion reckte den Hals und spähte auf das Wasser. „Da bewegt sich etwas!“ In der Ferne sah man eine Figur, die sich an einem der Trümmerteile festhielt. Nach der nächsten Welle war sie nicht mehr sichtbar, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen und weiter um ihr Leben zu kämpfen.
„Wir müssen etwas tun!“ Cassandra war bekannt für ihre schnellen, allerdings manchmal auch überstürzten Entscheidungen. Sie nestelte an den Verschlüssen ihres Brustpanzers herum und entledigte sich auch ihrer Stiefel, dann watete sie schon ins Wasser, dicht gefolgt von Sera, die Elion zuwinkte.
„Kommt schon! Wir können doch nicht zusehen, wie da jemand ersäuft.“
Der Dalish sprang hinterher und sie schwammen zu dritt auf jenes Stück Planke zu, an das sich jemand verzweifelt klammerte, immer wieder hinuntergespült von größeren Wellen, die zwar nicht sonderlich hoch waren, aber ausreichend, damit der Qunari vor ihnen den Halt verlor.
Am Strand machte Varric seine Armbrust schussbereit und die beiden Magier standen etwas ratlos neben ihm. „Wir schwimmen jetzt aber nicht alle los, oder?“, fragte Vivienne mit der üblichen Arroganz in ihrer Stimme.
„Keine Sorge, Madame de Fer. Niemand möchte sehen, wie Ihr Euch entkleidet“, brummte Blackwall ungehalten und schaute dann wieder auf das Meer zu seinen Begleitern.

Diese hatten den Schiffbrüchigen mittlerweile erreicht und Cassandra erkannte nun, dass sie eine Qunari vor sich hatten, deren Hände mit Ketten gefesselt waren. Kein Wunder, dass sie Probleme hatte, sich irgendwo festzuhalten. Elion zog sie etwas hoch, sodass sie mit dem Oberkörper auf der Holzplanke auflag, dann paddelten sie zurück zum Ufer, welches sich in größerer Entfernung befand, als er gedacht hatte. Erschrocken nahm er wahr, dass sie sich sehr anstrengen mussten, um gegen die Strömung wieder zum Ufer zu gelangen.
Die Qunari half beim Schwimmen, so gut sie konnte, aber um ihre Taille herum färbte sich das Wasser rot. „Sie ist verletzt! Wir müssen schneller ...“, der Rest des Satzes ging in einem Gurgeln und Husten unter, da die Sucherin Wasser geschluckt hatte.
Sie schafften etwa die Hälfte des Rückweges, da schrie Sera panisch: „Mich hat da was berührt!“ Sie zog verängstigt die Beine an, statt weiterzuschwimmen und fing sich Elions strafenden Blick ein.
„Mach schon, Sera!“ Allerdings schaute er sich ebenfalls verunsichert um und Cassandra tauchte kurz ab, nur um Sekunden später wieder wie ein Korken hochzuschießen.
„Haie!“ Dieses Wort ließ sie erstarren.
An Land hatte man mitbekommen, in welcher Lage sich die Schwimmer befanden, denn hinter der Qunari durchpflügte eine Flosse die Wasseroberfläche und man sah die Sucherin erneut untertauchen. Der Hai änderte ruckartig die Richtung und Cassandra kam, nach Luft ringend, wieder nach oben. Sie hielt einen Dolch in der linken Hand.
Varric schubste den Bullen an. „Los, Großer! Nimm' mich hoch!“
Der Qunari schaute den Zwerg irritiert an, bis er verstand und ihn mit einer verblüffenden Leichtigkeit auf seine breiten Schultern setzte. Dass sich Varric dann noch aufstellte und sein rechter Fuß am Ohr des Bullen hängen blieb, behagte diesem wenig und er quittierte es mit einem tiefen Knurren.
Leutnant Aclassi rannte derweil mit seinen Leuten ein Stück den Strand entlang. Sie suchten sich aus dem reichlich vorhandenen Treibholz einige Äste heraus, wateten ins hüfthohe Wasser und schlugen damit auf die Wasseroberfläche, um die Haie abzulenken. Einige fielen auch darauf herein und änderten die Richtung, nur um kurz darauf von Blackwall und den anderen Schwertkämpfern mit einigen schnellen Hieben getötet zu werden.

Cassandra hatte beim letzten Tauchgang gesehen, dass Sera ebenfalls blutete. Die Berührung des Haies war nicht ganz so glimpflich abgelaufen, wie die Elfe gedacht hatte. Die raue Haut des Tieres musste eine große Schürfwunde hinterlassen haben.
Sie schwammen verzweifelt weiter, während Solas zwei Haie einfror, die nun wie Eiswürfel an der Oberfläche vor sich hindümpelten. Vivienne brachte hinter ihnen mit einem Blitzzauber das Wasser regelrecht zum Kochen.
Die rechte Hand der Qunari krallte sich in Cassandras Hemdsärmel. Sie schüttelte energisch den Kopf und wies mit einem Nicken in Richtung Strand. „Nein!“, rief die Sucherin verzweifelt, erneut zog die Qunari kräftig an ihrem Arm und deren hellgrünen Augen bekamen nun einen flehenden Ausdruck.
Cassandra tauchte wieder ab und verpasste einem Hai einen ordentlichen Tritt in die Kiemen, der diesmal Sera gefährlich nahe gekommen war. Elion schob die Holzplanke mit kräftigen Schwimmstößen an, während er versuchte, die Qunari, welche nun das Bewusstsein verloren hatte, festzuhalten, damit sie nicht einfach im Meer versank.
Endlich konnten sie Boden unter ihren Füßen spüren, aber der Untergrund bestand aus Kies, sodass  sie nur langsam vorankamen. Blackwall watete ihnen entgegen, fasste nach der Qunari und hob sie hoch. Die beiden Magier konnten im flachen Wasser Barrieren errichten und Varric sprang mit einem beherzten Satz von den Schultern des Bullen. „Nette Aussicht da oben.“
Am Strand lagen nun die verletzte Qunari und drei völlig erschöpfte Schwimmer. „Ihr hättet die Saarebas absaufen lassen sollen“, brummte der Eiserne Bulle.
Cassandra setzte sich auf und blickte ihn wütend an. „Ich sagte es schon einmal und ich sage es wieder: Ich sehe niemandem beim Sterben zu, wer er auch sei.“
„Sie ist eine Gefahr, will das nicht in Euren Schädel, Sucherin?“
„Sie ist eine Magierin, na gut. Ist das ein Grund, sie sterben zu lassen?“ Elion stand ächzend auf, damit er dem Bullen wenigstens halbwegs gerade in die Augen schauen konnte.
„Wir kontrollieren unsere Magier nicht ohne Grund und diese hier hat keinen Avaarad mehr.“ Der Qunari konnte einem auch mit nur einem Auge bedrohliche Blicke zuwerfen.
„Was ist ein Avaardings?“, Sera setzte sich hin, wobei sie sich gegen einen Stein lehnte und entdeckte nun die Wunde am Bein. Harding kam mit einigen Spähern und Verbandszeug angerannt und Elion machte sich daran, die Wunde an der rechten Wade der Elfe zu säubern, wobei diese ein paar Mal fluchend zusammenzuckte.
„Jeder Saarebas hat einen Avaarad, der ihn kontrolliert. Dazu benutzt er eine Art Stab.“
„Ich habe schon gehört, dass Ihr Qunari einen Magier wie ein Werkzeug gebraucht“, bemerkte Vivienne leicht verschnupft.
„Können wir die Diskussionen vertagen?“, Cassandra dachte wie immer nüchtern und die bewusstlose Qunari vor ihr brauchte dringend Hilfe. Die Sucherin hatte dieser einen Teil der Rüstung ausgezogen und Varric öffnete das Schloss der Ketten binnen Sekunden mit einem Dietrich. Erst jetzt wurde der Sucherin klar, warum die Saarebas kein Wort geredet hatte und sie starrte fassungslos auf den vernähten Mund. Beklemmung machte sich in ihr breit. Wie konnten die Qunari nur so mit ihren eigenen Leuten umgehen?
Solas riss sie aus ihrer Betrachtung und er schien ihre Gedanken erraten zu haben. „Bevor Ihr Euch über die Qunari echauffiert bedenkt, wie Ihr selbst mit den Magiern umgeht, wenn Ihr diese zu Besänftigten macht.“
„Später, Solas“, Cassandra hatte eine klaffende Wunde oberhalb der rechten Hüfte der Qunari freigelegt. „Das muss genäht werden.“
Hauptmann Aclassi ging neben ihr in die Hocke. „Habe ich das Wort Nähen gehört?“
„Das kann er gut, glaubt mir.“ Der Bulle schien sich beruhigt zu haben und er wandte sich an seinen Untergebenen. „Los, Krem, zeig' was Du kannst.“
Späherin Harding hatte eine Trage bauen lassen, auf welche man nun die große Qunari legen konnte. „Puh! Ganz schön schwer“, stöhnte Blackwall, der vorsichtig ihren Oberkörper anhob, während Elion und Varric die Beine hielten.
Es waren vier Späher nötig, um die Trage der Saarebas hochzuwuchten und Sera, die auf einem Bein stand, rief: „He! Und wer trägt mich?“
Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte Blackwall sie über seine Schulter gelegt und dort hing sie nun wie ein Sack Mehl. Elion ging hinter ihr her und lachte.
„Schön, dass der Herold Andrastes seinen Spaß hat“, schnauzte sie ihn an.

Joomla templates by a4joomla