Auf dem Handelsweg rund um den Calenhad See war seit der Zerstörung des Tempels der Heiligen Asche nicht mehr viel los, zu groß war die Angst der Reisenden, von abtrünnigen Magiern oder durchgedrehten Templern überfallen zu werden. Beide Seiten schienen dem Wahnsinn verfallen zu sein und die Inquisition hatte Wochen gebraucht, um zumindest das Gebiet um die Wegkreuzung nahe Redcliff sicher zu machen.
Die Reiterschar kam also ungehindert voran, besser als eingeplant, und erreichte am frühen Nachmittag das fertig aufgebaute Lager. Varric und Späherin Harding ritten jeweils auf einem Dalish-Halblut, denn diese robusten Pferde waren ein wenig kleiner als die üblichen Fereldischen Forder, welche üblicherweise als Reittiere der Armee bevorzugt wurden. Trotzdem glich das Absteigen für die beiden Zwerge eher ein Sprung aus größerer Höhe.
Elions Pferd bettelte seinen Reiter um eine kleine Belohnung an und der Dalish Elf kramte ein Stück Zucker aus der Jackentasche. „Danke, dass Du mich hier hergebracht hast“, murmelte er ins Ohr des Pferdes, während er dessen Mähne kraulte.
Cassandra stand etwas abseits und beobachtete den Herold fasziniert. Sie überließ die Pflege ihres Reittieres den Spähern, seit sie einmal von einem aufmüpfigen Kaiserlichen Warmblut gebissen worden war. Diese riesigen Biester waren ihr unheimlich. Ein Blick in den grauen Himmel verhieß keinerlei Besserung des Wetters. Es regnete Bindfäden und die aufgebauten Zelte wiesen dunkle Flecken auf, da die Dichte des verwendeten Stoffes dort das Wasser nicht mehr abhielt. Davon besonders betroffen waren jene Stellen, an denen die Zeltstangen befestigt wurden. Zwei Späher dichteten diese problematischen Zonen mit flüssigem Wachs ab und die Sucherin seufzte. „Wir müssen unbedingt unsere Ausrüstung erneuern.“
Sie wusste allerdings, dass Josephine dafür keinen Kupferling ausgeben würde, solange die Inquisition mit bescheidenen finanziellen Mitteln auskommen musste. Einige Adlige in Val Royaux hatten sich zwar als großzügig erwiesen und ihnen größere Summen Gold zukommen lassen, aber dafür konnten sie lediglich neue Waffen kaufen und die Soldaten mit besseren Rüstungen ausstatten.
Sera war gleich in eines der Zelte gekrabbelt und hatte sich einen netten Platz ergattert, als Cassandra ihre Schlafdecke daneben warf, dämpfte dies allerdings ihre Freude erheblich. „Könnt Ihr nicht im Männerzelt schlafen? Die haben garantiert nichts dagegen.“
Die Sucherin schnaufte wütend. „Könntet Ihr Euch nicht bei Ebbe an den Strand legen?“ Dann krauchte sie fluchend ins Freie.
„Na gut, von hinten gesehen seid Ihr eindeutig weiblich.“ Sera kicherte und Cassandra stolperte über eine Zeltschnur.

Harding tippte Elion, der immer noch mit seinem Pferd beschäftigt war, auf die Schulter und sagte: „Zwei meiner Späher sind gestern nicht zurückgekehrt, es wäre gut, wenn wir jemanden losschicken könnten, um nach ihnen zu suchen.“
Der Dalish nickte zustimmend und schüttelte sich mit einer ruckartigen Kopfbewegung die Nässe aus dem roten Haaren. „Ist das Wetter hier immer so mies?“
Die Zwergin grinste. „Heißt nicht umsonst Sturmküste. Hier stranden mehr Schiffe, als irgendwo sonst am Wachen Meer.“ Sie lachte. „Genießt die Seeluft, soll ja gut für die Seele sein.“
Mit Elions Reaktion hatte sie allerdings nicht gerechnet. Er schnaufte wütend und spuckte ihr ins Gesicht. Harding schrie entsetzt auf: „Herold! Was habe ich denn gesagt?!“ Dann wischte sie sich schockiert den Speichel von der Stirn.
Der Dalish hob die Hände. „Verzeiht, Leutnant Harding, das war ein Reflex. Ich erkläre es Euch später.“ Damit ließ er sie stehen und lief zu Solas, der durch das Werfen kleiner Kiesel versuchte hatte, auf sich aufmerksam zu machen. Klar, dass einige davon wie zufällig Vivienne am Hinterkopf trafen, die herumwirbelte und ihn mit einem finsteren Blick bedachte. Der Magier lächelte charmant und verbeugte sich, danach drehte er sich schnell um, damit sie sein breites Grinsen nicht sehen konnte.
„Eines Tages wird sie Euch den Kopf abreißen.“ Elion schmunzelte über die Privatfehde der beiden Magier und blickte in Richtung Strand. Sie standen auf einer Anhöhe und direkt unter ihnen fand ein Kampf statt. „Sind das die Sturmbullen?“ Er kratzte sich ratlos am Kinn und winkte die anderen herbei.
„Oh, Tevinteraner.“ Cassandra sprach diesen Namen mit Verachtung aus.
„Lasst uns hinabsteigen und den Leuten des Eisernen Bullen helfen.“ Elion machte einen Schritt auf die Kante zu, aber dort war das Gestein recht lose und bröckelig. Unter ihm brach ein Teil davon ab und er rollte wie eine Kugel in die Tiefe.
Cassandra verdrehte entnervt die Augen. „Nun, wir sollten unserem heldenhaften Herold folgen.“
Kaum waren diese Worte ausgesprochen, da sprang Sera ihrem Freund hinterher und offensichtlich machte ihr die Rutschpartie großen Spaß. Die Sucherin, Blackwall und Varric versuchten einen etwas kontrollierteren Abstieg und Vivienne schoss schreiend an ihnen vorbei, nachdem Solas ihr einen freundschaftlichen Schubs auf den Rücken verpasst hatte. Er schlitterte hinterher, wobei er seinen Magierstab zur Steuerung nahm.
Unten angekommen prallte Blackwall gegen die Erste Verzauberin, aber er kam nicht dazu, sich zu entschuldigen, da die Tevinteraner nun ein neues Ziel hatten: den Herold. Elion sprang auf einen großen Felsen und deckte die Feinde mit Pfeilen ein. Wieder einmal stellte Cassandra erstaunt fest, dass sich der Elf im Kampf als sehr geschickt erwies, auch wenn er sonst eher eine wandelnde Katastrophe war. Jeder seine Schüsse traf ins Schwarze und als es zu brenzlig wurde, sprang er rückwärts hinab und schaffte es währenddessen, einen weiteren Pfeil von der Sehne schnellen zu lassen.
„Verdammt, wie macht er das?“, raunte Varric der Sucherin zu, die ihm eine Antwort schuldig bleiben musste, da sie mit zwei Angreifern beschäftigt war. Dem einen rammte sie ihren Schild ins Gesicht, während sie dem anderen in den Unterleib trat, was angesichts ihrer mit Stahl geschützten Stiefel mit Sicherheit nicht viel von dem übrig ließ, was sich dort einmal befunden haben mochte.
Blackwall schwang sein Zweihandschwert über den Kopf und was er nicht erwischte, das blieb für Sera übrig, die unter dem Feind wegtauchte, Sehnen zerschnitt und deren Dolche hinterrücks jeden Makel im Schutz der Rüstungen fanden. Die beiden Magier hielten sich abseits und benutzten vorwiegend Frost- und Blitzzauber.

Nach fünf Minuten war der Strand gesäubert und die Sturmbullen sammelten sich. Einer davon nahm seinen Helm ab, stellte sich vor Elion und deutete eine leichte Verbeugung an. „Ich bin Hauptmann Aclassi, Euer Lordschaft.“
Der Dalish war etwas verwirrt wegen der Anrede, welche er immer noch nicht gewohnt war. Er blickte sich suchend um und fragte: „Wo ist Euer Anführer, der Eiserne Bulle?“
Der Hauptmann deutete den Strand hinunter. Erst jetzt konnte man ein Schiff der Qunari sehen, welches in die Bucht eingelaufen war und ein Beiboot zu Wasser ließ. „Qunari?“, rief Varric entsetzt. Er dachte mit Schrecken an die Zeit zurück, in der die Qunari Kirkwall besetzt hatten. Hawke und er konnten eine Invasion gerade noch abwenden. Er verdrängte den Gedanken an den Champion von Kirkwall so gut es ging. Zurück blieb ein stechender Schmerz in der Seele und er schaute hoch in den Regen, damit man seine Tränen auf dem nassen Gesicht nicht sehen konnte.
Cassandra jedoch war sein Gefühlsausbruch nicht entgangen und sie wusste nicht, wie sie diesen zu deuten hatte. Sie beobachteten, wie ein riesiger Qunari mit weit ausladenden Hörnern an Land sprang, während sie auf ihn zuliefen. Hauptmann Aclassi machte zuerst Meldung und stellte ihm dann den Herold Andrastes vor. Der Riese mit dem kahlen Kopf und der Augenklappe über dem linken Auge lachte dröhnend. „Ein Dalish Elf ist also das Oberhaupt der Inquisition? Die Kirche muss Euch lieben.“
Elion zuckte grinsend mit dem Schultern, während der Bulle dem Kapitän des Schiffes zuwinkte und dieses die Anker lichtete. „Nun, es hatte sich eben so ergeben.“ Er deutete auf das Schiff. „Ihr habt gute Kontakte, oder?“
„Ja, wenn Ihr mich und die Sturmbullen anheuert, bekommt Ihr nicht nur unsere Kampfkraft, sondern auch meine Kontakte zum Ben-Hassrath.“ Er blickte forschend in die Runde und da die meisten nickten, ersparte er sich eine weitere Erklärung.
„Ihr spioniert also herum, während Ihr für uns arbeitet?“ Cassandras Nasenwurzel bildete wieder eine tiefe Falte.
„Klar erstatte ich dem Ben-Hassrath Bericht, aber Ihr bekommt auch nützliche Informationen.“ Der Bulle blieb ruhig.
„Ein dicker Spion.“ Sera spuckte vor sich auf einen Stein. „Da können wir ja gleich Briefchen an die Qunari schreiben.“
„Ich sage es ja nur ungern, aber das Gör hat ausnahmsweise mal recht.“ Vivienne lehnte sich gegen einen ausgeblichenen Baumstamm, wie sie zu dutzenden hier am Strand lagen.
Sera räusperte sich, aber Elion war sich sicher, das Wort „Hure“ gehört zu haben, was die Erste Verzauberin mit einem „Entzückend“ quittierte.
„Ihr reist in netter Gesellschaft, Herold.“ Der Blick des Bullen wanderte von einem Mitglied der Inquisition zum nächsten.
„Wir kommen zurecht“, antwortete Elion lächelnd und erntete gleich darauf den Unbill seiner Begleiter. „Willkommen, Eiserner Bulle.“ Er reichte dem Qunari die Hand und hätte am liebsten vor Schmerz aufgeschrien, als dieser herzhaft zudrückte.
„Schade, dass ich die Vints verpasst habe.“ Der Bulle tätschelte seine Zweihandaxt bedauernd.

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