Sera musterte Elion ausgiebig, als würde sie versuchen, seine Gedanken zu lesen. „Ihr wollt Eure beiden Nichten bei Euch aufnehmen? Das ist zwar eine nette Geste, aber habt Ihr auch genügend Zeit für die Mädchen? Wenn sich niemand um einen schert, ist das schlimm.“ Sie blickte ihn aus traurigen Augen an und in diesem Moment gewährte sie ihm Einsicht in ihr Leben. „Ich bin auf der Straße aufgewachsen. Eine alte Dame hatte sich eine Zeit lang um mich gekümmert.“
Elion nahm neben der Elfe Platz. „Das kommt mir bekannt vor. Hüterin Nifeya nahm meinen Bruder Yelvin und mich auf.“
„Was ist mit Euren Eltern passiert?“ Kaum war der Satz heraus, da bedauerte Sera diese Frage, die sie ohne weiteres Nachdenken gestellt hatte und der Dalish ließ die Schultern sinken.
„Sie starben während der Verderbnis.“
„Das war vielleicht ne Scheiße! Ich konnte gerade noch aus Denerim fliehen.“ Sie nickte wissend, dann entschloss sie sich, das Thema zu wechseln, fiel nach hinten auf das bequeme Bett und schaute Elion an. „Kann ich hier schlafen?“
Dem Elf entglitten die Gesichtszüge. „Was?!“ Er plumpste ebenfalls nach hinten und machte sich breit. „Das ist mir. Alles meins.“ Es begann ein Gerangel um das Bett, welches Elion dadurch gewann, dass er die Schuhe auszog und Sera seine Füße ins Gesicht streckte. Sie sprang auf, als hätte sie eine Spinne gebissen.
„Gut, Ihr habt gewonnen, Euer Hochwohlgeboren!“ Sie setzte einen bettelnden Kinderblick auf, dabei halfen ihr die großen Augen doch erheblich. „Kann ich dann wenigstens hier irgendwo in der Ecke schlafen?“
Elion setzte sich im Schneidersitz hin und ließ den Blick durch die Hütte schweifen. „Platz wäre ja genug, aber die Leute würden ganz sicher lästern, wenn Ihr hier einzieht.“
„Soll ich mir ein Schild umhängen, auf dem steht: 'Ich stehe nicht auf Kerle'?“ Sera lehnte sich gegen die Trennwand zur kleinen Kammer vor dem Eingang.
„Ich denke, das ist den Leuten egal. Es zählt nur, dass Ihr hier schlaft.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Stört Euch das? Oh, Weiberheld Andrastes?“
Er lachte ausgelassen. „Nein, mir ist das vollkommen gleich. In meinem Clan hatte man sich auch oft das Maul über mich zerrissen. Man gewöhnt sich daran.“ Wieder beäugte er die Elfe genau. „Warum ist es Euch so unerträglich, in einer Hütte mit mehreren Personen zu schlafen?“
Sie stöhnte entnervt auf. „Fragt das mal Charter. Die haut auch jede Nacht ab, allerdings hat sie noch einen anderen Grund.“ Sera machte eine Kunstpause und wartete Elions Reaktion ab.
Tratsch … wer liebte ihn nicht? Der Elf wackelte erwartungsvoll mit dem Ohren. „Und? Welcher wäre das?“, fragte er vorsichtig.
„Ah, angebissen. Sie schleicht in Hardings Zelt.“
„Vielleicht ist es da ruhiger?“
„Mit oder ohne die ganzen Kussgeräusche?“ Seras Lachen klang ein wenig wie ein gackerndes Huhn und der Dalish grinste süffisant.
„Na ja, das erklärt dann Charters nächtliche Aktivitäten und Hardings morgendliche Müdigkeit.“ Beide kicherten wie kleine Kinder, die gerade einen Streich gespielt hatten. „Immerhin war es Charter gewesen, die Späherin Harding zur Inquisition geholt hatte.“
Elion wurde wieder ernst. „Und warum wollt Ihr nun wirklich umziehen?“
Wieder ein Stoßseufzer. „Da schlafen auch Kerle.“
Seine Augen wurden groß und die Verärgerung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Bin ich etwa kein Kerl?“
„Doch seid Ihr, aber einer von der netten Sorte.“ Sie hob beschwichtigend die Hände. „Ihr würdet mich nie dumm anmachen.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Würdet Ihr doch nicht, oder?“
Er stand auf, stellte sich vor sie und schaute sie durchdringend an. „Hat Euch jemand belästigt? Dann sagt es bitte und ich werde denjenigen dafür bestrafen.“
Wieder winkte sie ab und stieß dabei fast gegen Elions Nase. „Nein! Andraste! Ich kann mich wehren, glaubt mir. Es ist nur so ...“, druckste sie herum. „Es riecht, es ist laut und es fühlt sich seltsam an.“
„Hier riechts auch nach einer doppelten Portion Erbsensuppe.“
„Ja, aber die essen dann alle.“ Seras Grinsen breitete sich bis zu den Ohren aus. „Außerdem schnarchen Elfen nur ganz selten.“
„Auch wieder wahr.“ er schmunzelte. „Na, dann lasst uns mal für Aufsehen sorgen und Eurer Feldbett holen gehen. Vorm Kamin wäre der ideale Platz dafür. Morgen früh sollten wir ausgeruht sein, wenn wir zur Sturmküste aufbrechen.“

Cassandra kam aus der Taverne, zusammen mit Leliana und Josephine, als Elion gerade dabei war,  mit Sera das Bett in seine Hütte zu tragen. Er grüßte die Frauen, als würde er das jeden Tag machen. „Guten Abend, die Damen.“
Dann marschierte er weiter und Sera machte Späherin Hardings Kasernenhofton nach: „Im Gleichschritt, Herold!“
Botschafterin Montilyet schüttelte entgeistert den Kopf. „Das ging ja schnell.“
Cassandra war da anderer Meinung. „Ich glaube nicht, dass die beiden eine Affäre haben, sonst würden sie nicht Seras Bett durch die Gegend schleppen.“
„Gut beobachtet, Cassie.“ Leliana lachte und legte ihren Arm um Josephines Taille. „Wir werden dann mal schlafen gehen. Gute Nacht.“
„Ja, schlaft gut.“ Die Sucherin sah dem Paar noch eine Weile hinterher und bekam mit, wie Lelianas Hand ausgelassen etwas tiefer rutschte und auf dem Gesäß ihrer Frau landete, welche diese Geste mit einem leisen Kichern quittierte.
„Von wegen Schlaf“, murmelte Cassandra schmunzelnd und machte sich auf den Weg zu ihrem Zelt, welches genau neben Cullens Domizil aufgebaut worden war, und da sie einen Lichtschein durch den Stoff der Plane hindurchschimmern sah, klopfte sie leise gegen die Zeltstange. „Cullen?“
„Komm rein, Cassandra.“
Sie steckte den Kopf durch den Zelteingang, spähte ins Innere. Der Kommandant der Inquisition saß an seinem Schreibtisch, unweit des kleinen Holzofens, und blätterte durch einige Papiere.
„Du solltest nicht so lange arbeiten“, stellte die Sucherin besorgt fest.
Cullen lehnte sich zurück und bot ihr einen Platz auf seinem Bett an, aber sie ließ sich lieber auf der Tischkante nieder, denn diese verdammten Feldbetten waren alles andere als stabil und man rutschte sofort von der Bettkante hinein aufs Bett. Seine Geste war zwar ohne Hintergedanken, aber es wäre ihr trotzdem peinlich gewesen.
„Ich wollte nach Dir sehen. Wie fühlst Du Dich?“ Ihre Hand fasst nach seiner Stirn. „Keine Temperatur. Das ist gut.“
Der Lyriumentzug machte ihm nach wie vor zu schaffen. Es gab Tage, da merkte man ihm nichts mehr an und es gab Stunden, da saß Cassandra nachts an seinem Bett und wachte über ihn, während er sich in Fieberträumen hin und her wälzte. In letzter Zeit musste sie immer weniger seine Pflichten wahrnehmen und Cullen wusste nicht, wie er das jemals wiedergutmachen sollte. Er stand auf und nahm ihre Hände in die seinen, bemerkte die Scheu in ihren Augen, die Angst und lächelte. „Du bist mir immer eine gute Freundin gewesen, Cassandra. Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe und ich weiß noch weniger, wie ich Dir je dafür danken kann.“
Sie lächelte schüchtern. Die große dunkelhaarige Frau mit der tiefen Stimme, vor der die meisten Männer kuschten. Leichte Röte zog über ihre Wangen. „Dafür sind Freunde da, Cullen.“ Sie rutschte von der Tischkante und ihre linke Hand zerzauste spielerisch seine blonde Haartolle. „Ab ins Bett mit Dir!“
Er salutierte lachend. „Jawohl, Sucherin Pentaghast.“
„Du weißt, wo Du mich findest.“ Sie schloss den Zelteingang sorgfältig und ging in ihre Unterkunft. Zum Glück hielten Bedienstete die Öfen immer in Betrieb. Ein Zugeständnis, denn das Leben in einem Zelt, umgeben von Schnee, war nun wirklich nicht zu empfehlen. Schlief man zu nahe an der Plane, zog einem die Kälte in die Knochen und so schob auch Cassandra ihr Feldbett in die Mitte des quadratischen Raumes, denn einen Schreibtisch hatte sie nicht, der das halbe Zelt in Beschlag nahm. Morgen mussten sie noch viel vorbereiten und die Langschläfer aus den Betten jagen. Die Sucherin freute sich diebisch darauf, Varric wachzuschreien, der morgens meistens recht verschlafen war.

Leider kam ihr Leliana zuvor, die schon bei Tagesanbruch auf den Beinen war und ihre Späher in alle Richtungen losschickte, um die Mitglieder der Inquisition zu wecken. Mittlerweile wusste die Meisterspionin auch, dass sie Charter um diese Zeit sicher bei Harding finden würde und die beiden kamen sich ertappt vor, als ihre Vorgesetzte sie aus dem Schlaf riss, nicht ohne dabei wissen zu grinsen. Die Zwergin würde einen Trupp Späher anführen und die Eskorte bilden.
Elion und Sera wirkten ausgeruht, obwohl sie sich bis tief in die Nacht Geschichten aus ihren Leben erzählt hatten. Von einem Bett zum anderen. Irgendwann waren sie dann einfach beim Du gelandet. Sie schwangen sich auf ihre Pferde. Wenn sie schnell vorankamen, konnten sie die Sturmküste noch im Hellen erreichen. Zelte und Proviant waren schon am Vortag mit Ochsenkarren zum vereinbarten Punkt transportiert worden, so dass sie mit etwas Glück abends zeitig am wohligen Lagerfeuer sitzen konnten.
Cassandra bestand darauf, dass die gesamte Inquisition an dieser Unternehmung teilnahm, auch wenn ihr Vivienne und Solas die Ohren vollgejammert hatten, weil beide nichts davon hielten in so einer großen Gruppe zu reisen. Aus recht unterschiedlichen Gründen. Die Erste Verzauberin war den Prunk eines Palastes gewöhnt und der Gedanke, nun auf dem Boden schlafen zu müssen, kam ihr einer Degradierung und Herabwürdigung gleich. Solas hingegen bekam schon Beklemmungen, wenn er von mehr als einer Person umgeben war.
Blackwall aber war voller Tatendrang. Er, der Graue Wächter, hatte gehört, dass viele seiner verschwundenen Schwestern und Brüder an der Sturmküste entlanggezogen waren und er wollte dort nach Spuren suchen. Leliana hatte ihn ja überhaupt erst in die Inquisition geholt, weil ihr das Verschwinden dieses Ordens aufgefallen war.
Nur Eric Cousland tat ihr nicht den gnädigen Gefallen, einfach zu verschwinden. Der Kommandant von Virgils Wacht hatte mal wieder großzügig seinen Besuch angekündigt und ihr Sohn Benjamin war schon ganz aufgeregt, seinen Vater sehen zu können. Hoffentlich enttäuschte er den Jungen nicht wieder, sonst würde sie sich persönlich aufmachen, um ihrem ehemaligen Liebhaber das Fürchte zu lehren. Die Meisterspionin hing ihren Gedanken nach, während sie zusah, wie die Reiter sich um den See herum an den Abstieg ins Tal machten.

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