Während die Stiefel der Sucherin, die sie neben sich auf den Boden gestellt hatte, in der Sonne trockneten, genossen sie alle die kleine Pause im Freien, denn die Taverne bestand aus einer überdachten Nische, in welche man Tische und Bänke gestellt hatte. Um drei Ecken herum wehte ein erstaunlich frischer Wind vom Hafen her über den Sommerbazar, den man von hier aus gut überblicken konnte.
Die warme Luft und das gute Essen machten leicht schläfrig, auf Wein verzichteten alle bis auf Varric. Er war der Meinung, dass zu einer solchen Mahlzeit nun mal ein edler Tropfen gehörte, zumal dieser aus der Inquisitionskasse bezahlt wurde. Elion kaute bedächtig auf einem Steak herum, es schmeckte ihm vorzüglich und er nickte Cassandra freudig zu, die sein Lächeln erwiderte und sich danach wieder ihrem Salat nach Art der Kaiserin widmete, benannt nach der Herrscherin über Orlais, Celene Valmont und ihrer Vorliebe für Flusskrebse.
So gestärkt machten sie sich bei schon tief stehender Sonne auf den Weg, denn der Treffpunkt lag etwas außerhalb von Val Royeaux. Elion hielt die Karte und dirigierte sie in einen der typischen Innenhöfe, wie die meisten kleinen Stadtvillen sie hatten. Hier hielt sich eher der Landadel auf, aber dennoch zeigte die Architektur den gleichen Prunk wie in der Hauptstadt, nur eben in dezenterem Maße.

Es wurde dunkel, aber niemand erschien. Varric putzte seine Armbrust, Cassandra saß auf einer kleinen Mauer und Solas hatte mit Sicherheit jede einzelne der Pflanzen, welche in verschiedenen Blumentöpfen ihr feudales Dasein fristeten, angefasst und bestimmt. Elion starrte gelangweilt auf eine Mauer und zählte die Risse.
Sie standen sich schon gut zwei Stunden die Beine in den Leib, schwiegen sich an, weil sie sich schon alles erzählt hatten, was es zu erzählen gab, wenn man sich noch nicht so gut kannte. In drei Wochen lernte man zwar die ein oder andere Macke seiner Begleiter kennen, aber es gab in den Gesprächen immer eine gewisse Grenze ins Private, die keiner überschritt.
Wieder zog Elion die Karte hervor, studierte diese zum hundertsten Male und kratzte sich das Kinn, während er nachdachte. „Wir sind am richtigen Ort.“
„So viel zur legendären Roten Jenny.“ Varrics Worte klangen verächtlich.
„Viel wichtiger ist doch: wo ist dieser ominöse Feind?“ Cassandra stellte sich neben den Herold und spähte ebenfalls im Licht des Mondes auf die Karte.
Auf dem Nachbargrundstück drangen merkwürdige Geräusche zu ihnen. Jemand fluchte, schrie, dann war es wieder unheimlich still. Solas kniff die Augen zusammen und blickte, wie alle anderen auch, in Richtung der Mauer, hinter welcher sich der Lärm ereignet hatte. Nach kurzer Zeit erschien ein blonder Haarschopf, der zu einer Elfe gehörte, welche sich über die Mauer schwang und vor ihnen auf dem Marmorboden landete.
„Scheiße! Wo wart Ihr?“ Die Frau klopfte sich den Staub vom Ärmel, den sie sich bei der Kletterei eingefangen hatte. Ihre Ohren waren, wie Elions auch, recht lang und mit ihren großen Augen musterte sie die Anwesenden neugierig und unverhohlen. „Ich reiß' mir den Arsch auf und Ihr macht ein Päuschen?“
Cassandra überlegte, ob diese rotzfreche Elfe sich die kurzen Haare selber schnitt, denn diese waren links kürzer als rechts und das Pony wies ebenfalls eine leichte Diagonale von einer Seite zur anderen auf. „Wir haben uns nach der Karte gerichtet“, warf die Sucherin vorwurfsvoll ein. „Eurer Karte.“
„Uh! Passt auf, dass Euch kein Zacken aus der Krone fällt, Gnädigste.“ Die Elfe verzog angewidert das Gesicht, hängte ihren Kopf über Elions Karte und starrte ihn dann fassungslos. „Das wäre Eurem Herold wohl nicht passiert.“ Sie zupfte ihm das Blatt weg, drehte es um und drückte es ihm wieder in die Hände.
Varric boxte dem Elf schmerzhaft gegen den Oberarm, Cassandra schnaubte und Solas ließ einen seiner leisen Seufzer heraus. Elion stotterte. „Das ist niemandem aufgefallen.“ Er zuckte mit den Schultern und lief rot an, was hoffentlich nicht weiter auffiel. „Und Ihr seid?“ fragte er die Elfe, welche nun leicht irre vor sich hin kicherte.
„Ist doch egal, wer ich bin. Die Rote Jenny hat Euch jedenfalls gerade einen Gefallen getan.“ Sie legte den Kopf schief, aber es kam keine Reaktion, alle starrten sie nur an. „Alleine!“
„Man sollte meinen, dass die Dalish einen guten Orientierungssinn haben“, grummelte die Sucherin vor sich hin.
„Ja, aber im Lesen von Karten sind sie absolut Kacke.“ Varric verdrehte entnervt die Augen.
„Ich bin übrigens Elion Lavellan.“ Er verbeugte sich leicht und hoffte, damit die Peinlichkeit zu überspielen.
„Hu! Sera, Euer Hochwohlgeboren.“ Die Elfe machte einen Hofknicks und amüsierte sich offensichtlich köstlich. „Was ist? Bringt Ihr mich jetzt zu Eurem Herold?“
Der Dalish schob das Kinn wieder trotzig nach vorne. „Ich bin der Herold.“
„Was? Ihr? Ach kommt, Ihr macht Witze?“ Sie lachte und es klang leicht wahnsinnig, dann wurde sie ernst. „Lasst die Scherze.“ Sie blickte aufmunternd von einem zum anderen.
„Nö. Keine Verlade“, knurrte der Zwerg.
„Ich wollte, es wäre so“, entfleuchte es Cassandra und brachte ihr einen missbilligenden Blick ein, welchen der Elf ihr zuwarf.
„Nein, wir sind tatsächlich mit dem Herold Andrastes unterwegs.“ Solas stützte sich müde auf seinem Magierstab ab und Elion hob die Hand mit dem Mal, das grünlich in der Dunkelheit schimmerte.
„Wahnsinn!“ Ehe er sich versah, hatte sich die Elfe seine Hand geschnappt und untersuchte diese genau.
„Glaubt Ihr mir jetzt?“ Er zog den Arm zurück, weil es ihm unheimlich war von dieser Unbekannten begrapscht zu werden.
„Und was will die Rote Jenny nun von uns?“ Cassandra verlor langsam die Geduld.
„Hey, ich kann Euch helfen!“ Sera breitete die Arme aus, als hätte sie ihnen gerade eine Sensation mitgeteilt.
„Wie denn? Habt Ihr Spione oder so?“ Elion fand die Elfe lustig.
„PPPFFFFF! Spione!“, spuckte sie ihm ins Gesicht.
„Was sonst?“ Er wischte sich über die Augen.
„Ich habe Verbindungen.“
„Dann seid Ihr die Rote Jenny?“
„Ach Quatsch! Nur eine von vielen.“
Varric flüsterte Cassandra zu: „Gespaltene Persönlichkeit?“ Ein erntete ein unwirsches Grunzen.
„Na ja, kommt nach Haven, dann sehen wir weiter.“
„Klasse!“ Ehe sich Elion versah, drückte die Elfe ihm einen Kuss auf die Wange, schwang sich über ein Gittertor, blieb mit dem Fuß hängen und fiel kopfüber in einen Berg Hausmüll. Sie riss eine Hand hoch. „Nix passiert!“ Dann entschwand sie in der Nacht.
„Was ist schlimmer als ein Chaot?“, raunte die Sucherin dem Zwerg zu.
„Zwei?“

***

Wieder vergingen einige Tage. Eine Zeit, in der sich nicht nur Sera in Haven eingefunden hatte, sondern auch noch zwei weitere Personen. Leliana stellte erleichtert fest, dass die Rekrutierung der beiden friedlich von statten gegangen war. Wenn man davon absah, dass Vivienne, ihres Zeichens Erste Verzauberin, einige neue Zimmerpflanzen für ihre Villa kaufen musste, nachdem Elion auf ihrer Feier von einem Adligen angegriffen worden war und sich durch einen Rückwärtssprung in Sicherheit bringen wollte.
Den Grauen Wächter Blackwall gabelten sie in den Hinterladen auf, als er einigen Bauern beibrachte, sich gegen Banditen zu wehren. Elion verwechselte ihn mit mit einem der Landarbeiter, aber ansonsten kam es zu keinen weiteren Vorkommnissen.
Zufrieden trafen sich die Berater der Inquisition, Cassandra, Cullen, Leliana und Josephine abends in der Taverne, zu ihnen gesellten sich Varric und Elion. Da Sera eh meistens hier herumlungerte, bedurfte es keiner näheren Einladung, sie schnappte sich einen Stuhl und drängelte sich irgendwo dazwischen. Solas, Vivienne und Blackwall ließen sich entschuldigen. Die Männer waren eher menschenscheu und die Verzauberin hielt nichts davon, sich in die rustikale Taverne zu setzen.
„Ihr solltet als nächstes an die Sturmküste reisen, Meister Lavellan.“ Leliana nippte an ihrem Wein, den sie, wie meistens, mit etwas Honig versüßt hatte. Sie verzichtete auf ihr Kopftuch, so dass Elion in aller Genauigkeit den Ton ihrer Haarfarbe mit dem ihres Sohnes vergleichen konnte. Nicht eine Nuance wich der Junge davon ab und selbst die Anzahl der Sommersprossen in den Gesichtern schien identisch zu sein, ebenso wie die Länge des Haares, welches bei beiden nach hinten kürzer wurde und im Genick ausrasiert war. Allerdings bürstete Benjamin sein Haar ein wenig anders und es fiel ihm regelmäßig in die Stirn.
Einen wunderbaren Kontrast dazu gab Botschafterin Montilyet ab, denn die Antivaner trugen einen sagenhaft schön gebräunten Teint zur Schau. Was bedeutete es da schon, dass ihre Nase eine sehr ausgeprägte Form hatte und an einen Adler erinnerte? Wenn sie lachte, glänzten ihre Zähne wie Perlen und der Elf bemerkte den verliebten Glanz in Lelianas Augen, wenn diese ihr dabei zusah.
Cullen hatte eine Weile wortlos in seinen Trinkbecher gestarrt und war mit seinen Gedanken zu seinen Geschwistern weggedriftet, denen er schon lange nicht mehr geschrieben hatte. Langsam fand er wieder in das Gespräch und räusperte sich, damit die Damen ihre Ausführungen beendeten. „Ein Qunari, der sich der „Eiserne Bulle“ nennt, möchte der Inquisition sich und seine Söldner zur Verfügung stellen. Sein Vertreter war gestern hier anstelle des Anführers, der erst in zwei Tagen an der Sturmküste von einem Schiff abgesetzt wird.“
„Ein seltsamer Mann, dieser Cremisius Aclassi“, murmelte Josephine vor sich hin.
„Schatz, das war eine Frau“, verbesserte Leliana sie, lachte und strich ihr mit den Fingerspitzen sachte über die Wange. Selten sah man die beiden Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit austauschen und für Benjamin war es normal. Er lächelte ihnen zu und schien sich zu freuen, dass es ihnen gut ging und sie sich wohl fühlten. Dann widmete er sich wieder ganz seinem Nachtisch. Es gab Apfelkuchen und er wusste, dass es gleich Zeit zum Schlafengehen war.
„Oh, eine Frau?“ Die Botschafterin hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund, weil ihr eine falsche Annahme entwichen war, weniger wegen der Tatsache, dass sich ihr eine Frau als Mann vorgestellt hatte. Jeder, wie er wollte.

Varric konnte sich eine bissige Bemerkung in Cassandras Richtung nicht verkneifen, auch wenn er sie in seinen Becher nuschelte: „Ist doch gar nicht so selten, dass besonders männliche Frauen Rüstungen tragen.“ Er zwinkerte ihr auch noch verschwörerisch zu.
Die Sucherin machte sich unterm Tisch lang, aber die Beine des Zwerges waren zu kurz, als dass sie ein Schienbein zum dagegentreten fand. Ihre recht ausgeprägten Augenbrauen rutschten in der Mitten gemeinsam in die Tiefe. Etwas erwidern wollte sie nicht, aber es ärgerte sie dennoch. Schon häufiger hatte man ihr Affären mit Frauen nachgesagt und leider machten die Männer um sie eher einen großen Bogen, da nicht jeder mit ihrer burschikosen und rauen Art umgehen konnte. Sie war groß, kräftig und das kurze schwarze Haar stand ihr nach einer Stunde harten Übens mit dem Schwert regelmäßig wirr zu Berge.
Cullen schubste sie lächelnd an. „Mach' Dir nichts draus, Cassandra.“
„Na ja, Sucherin Pentaghasts Formen sind ja wohl eindeutig weiblich, oder?“ Sera musterte diese von oben bis unten und grinste frech.
„Können wir bitte das Thema wechseln?“, fragte Cassandra mit hochrotem Kopf.
„Warum denn? Also, ich rede gerne über meine Formen.“ Sera kicherte und rempelte Elion an, der ihren guten Witz bestätigen sollte.
„Das mag sein, aber ich finde, wir sollten über etwas anderes sprechen.“ Der Elf wirkte heute etwas müde und abwesend. Selbst Sera ersparte sich eine Bemerkung.
„Was ist los, Elion?“ Josephine konnte nicht aus ihrer Haut heraus, sie fühlte sich für den heimatlosen Elfen verantwortlich und offensichtlich befand er sich in einer melancholischen Stimmung.
Er druckste ein wenig herum, rückte dann aber mit der Sprache heraus. „Ich habe heute einen Brief von meinem Bruder bekommen.“ Es wurde mucksmäuschenstill in der Runde und er stieß einen resignierten Seufzer aus. „Seine Frau hat ihn und die beiden Kinder verlassen. Nun weiß er nicht, wohin mit den Kleinen.“ Er knäulte wütend eine Serviette zusammen und schmiss diese quer über den Tisch. „Dieser verantwortungslose Arsch!“ Dieser Ausbruch kam für alle überraschend, zumal ihm nun die Tränen in den Augen standen. Elion fuhr in die Höhe. „Verzeiht. Ich muss alleine sein.“ Er stapfte hinaus in die Kälte und hoffte, dass seine Gedanken dadurch klarer werden würden. So bekam er nicht mit, wie sich die restlichen Anwesenden berieten, wie sie ihm denn helfen konnten.

Er setzte sich an den Schreibtisch, betrachtete die Schreibfeder, das Tuschefässchen und das leere Blatt Papier. Hüterin Nifeya war weitergezogen und offensichtlich hatte sein Bruder Yelvin nicht die Absicht, sich alleine um die Kinder zu kümmern. Elion liebte die beiden Mädchen und wenn schon sein Bruder sich einen Dreck um seine Nachkommenschaft scherte, dann wollte er als Onkel dies tun. Sein Vorhaben stand fest und er griff entschlossen zu Feder.
Der Brief war fast fertig, da hörte er ein seltsames Geräusch am Fenster, so als ob etwas darauf herumwischen würde. Er blickte hoch und zuckte zu Tode erschrocken zusammen, als er Sera erkannte, die ihr Gesicht am Glas plattdrückte. Zumindest hoffte er, dass es die verrückte Elfe war. „Sera!“ Natürlich hatte er die Tinte quer über das Blatt gekleckert, aber das war egal.
Sie fuchtelte mit dem Armen herum, genauso wie Elion, der ihr bedeutete, dass sie gefälligst reinkommen sollte. Das Gesicht verschwand und Sekunden später ging die Tür auf. „Ich dachte schon, Ihr bemerkt mich nie.“ Sie klopfte sich einige Schneeflocken von der Jacke.
„Es ist recht schwer, Euch nicht zu bemerken“, erwiderte er grinsend.
Sera starrte ihn aus kurzer Distanz an. „Na, geht doch schon wieder, das mit dem Lächeln“, stellte sie zufrieden fest. „Und? Was macht Ihr jetzt?“
Er lehnte sich zurück, hob die Hand und wollte ihr einen Sitzplatz anbieten, aber da hatte sie sich schon aufs Bett gesetzt. Elion ließ die Hand wieder sinken, dann sagte er mit fester Stimme: „Ich hole die Mädchen hierher.“

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