Nach diesem recht kurzen feierlichen Moment verstreuten sich die Soldaten und Einwohner wieder in alle Himmelsrichtungen und kehrten zur Tagesordnung zurück. Elion setzte sich auf eine kleine Mauer und genoss die wenigen wärmenden Sonnenstrahlen. Haven lag oberhalb der Schneegrenze, so dass man sich hier das ganze Jahr über den Hintern abfror, wenn man zu lange im Freien blieb. Überhaupt erschien ihm dieses Dorf wie der letzte Vorposten der Menschen.
Er beobachtete Benjamin, welcher sich mit einer Zwergin unterhielt, die ebenfalls rotes Haar hatte und Sommersprossen, die so zahlreich waren, wie seinen eigenen. Das lustige runde Gesicht verlieh ihr ein schalkhaftes Aussehen. Der Junge zog sie zu Lelianas Posten und die drei redeten miteinander, wobei Benjamin mal bettelnd dreinschaute, mal schmollte und zuletzt einen niedlichen Hundeblick aufsetzte, welcher der Meisterspionin ein resigniertes Seufzen entlockte. Der Dalish Elf stand auf und näherte sich neugierig.
„Na gut, Benji, Du darfst mit Harding auf dem Holzschlitten mitfahren.“ Sie wickelte den Schal um seinen Hals. „Pack' Dich immer warm ein und hör' auf sie.“ Sie strich ihm einige rote Haarsträhnen aus der Stirn, welche der Farbe ihrer Haare genau glichen.
„Danke, Mama!“ Der Kleine verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange und Harding legte ihre Hand auf seine Schulter, im Gehen drehte sie sich noch einmal um. „Keine Sorge, Lady Nachtigall, wir passen auf ihn auf.“
Fast hätte sie Elion nicht bemerkt und so starrte sie ihn eine Sekunde lang erschrocken an. „Ihr seid recht leise, Herold.“
Er grinste. „Es gibt Leute, die behaupten das Gegenteil.“ Der Elf neigte den Kopf etwas zur Seite und fragte: „Verzeiht, aber der Junge … er nennt Euch Mama und Botschafterin Montilyet Mami.“
Leliana lachte schallend, offensichtlich amüsierten sie derlei Fragen enorm. „Josie und ich sind verheiratet. Wir ziehen Benjamin gemeinsam auf.“
Ihm stand die Frage nach dem Vater ins Gesicht geschrieben und die Meisterspionin antwortete bereitwillig. „Eric Cousland ist der Erzeuger meines Sohnes. Bitte fragt nicht weiter. Ich möchte den Namen dieses Kerls nicht öfter erwähnen als nötig.“
Eine tiefe Furche über der Nasenwurzel bekräftigte ihre Worte. Sie hatte Eric einst während der fünften Verderbnis kennengelernt. Ihn, den Helden von Ferelden und Grauen Wächter. Sie verliebten sich und Leliana wurde schwanger. Als es darum ging, den Erzdämonen zu besiegen hatte Eric Cousland  nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mit der Hexe Morrigan ins Bett zu springen, um seinen eigenen Hintern zu retten. Natürlich war dies dem Heldentod vorzuziehen, aber danach konnte er nicht von der Hexe der Wildnis lassen und schließlich bekam er von beiden Frauen einen Korb.
„Ich traf Josephine nach der Verderbnis wieder, wir kannten uns von früher, und verliebten uns.“ Sie strahlte dermaßen glücklich über das ganze Gesicht, dass dieses makellos erschien, wenn da nicht die kleinen Krähenfüßchen und Lachfältchen um die Augen ihr wahres Alter verraten hätten.
„Letztendlich hat sich für Euch alles zum Guten gewendet. Das freut mich.“ Elions Lächeln war ehrlich gemeint.
„Ja, ich kann nicht klagen, wenngleich ich es begrüßt hätte, dass Eric Cousland seinem Sohn wenigstens an dessen Geburtstag etwas Aufmerksamkeit schenkt. Benji fragt hin und wieder nach seinem Vater.“ Leliana konnte nicht sagen, warum sie auf einmal in Plauderlaune war. Der Dalish Elf hatte eine seltsame Ausstrahlung, so dass ihr die Worte leicht von der Zunge glitten.
Elion blickte sie traurig an. „Ein Vater sollte zu seinen Kindern stehen. Mein Bruder scheint das auch anders zu sehen.“
„Ich glaube, dann habt Ihr nicht viel gemeinsam, oder?“
Diese einfache Frage brachte ihn das erste Mal dazu, über die Unterschiede zu seinem Bruder nachzudenken und nicht über die krampfhaft herbeigeredeten Gemeinsamkeiten. Nach einiger Zeit meinte der Elf leise: „Ja, die Kluft zwischen uns ist größer, als ich es mir eingestehen wollte.“
Wie er jetzt vor ihr stand und so verloren wirkte, konnte sie nicht anders, als ihn kurz zu drücken und ihm damit etwas Mut zu machen. Der Dank war ein schüchternes Lächeln und Leliana war froh, dass sie auf ihr Bauchgefühl gehört hatte, als sie ihm das erste Mal begegnet war. Mochten andere über ihn lästern, für sie war Elion ein herzensguter Elf, wenngleich auch ein etwas chaotischer.

***

Die nächsten drei Wochen vergingen schnell. Elion lernte seine Begleiter Cassandra, Varric und Solas besser kennen, als sie gemeinsam die Hinterlande durchwanderten. Die Sucherin entpuppte sich als ausgezeichnete Kämpferin mit dem Schwert, zeigte sich aber im Umgang mit Menschen recht scheu und unsicher, wie Elion feststellte.
Varric schien über alles und jeden Bescheid zu wissen, außerdem legte er scheinbar großen Wert darauf, dass jeder sein dichtes Brusthaar betrachten konnte, denn er ließ immer die oberen Knöpfe seines roten Hemdes offen stehen, egal wie kalt es auch sein mochte.
Solas war ein ernster Elf, der selten mit den anderen lachte und oft verstand er ihre Witze gar nicht, was vielleicht daran lag, dass er trotz seiner Erfahrungen im Nichts recht weltfremd war.
Und dann noch er: Elion, der Herold Andrastes, der ungeschickt über Zeltschnüre fiel, das Abendessen versalzte oder Cassandras zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche hinter sich herschleifte, weil sein Bogen, welchen er auf dem Rücken trug, an der Wäscheleine hängen geblieben war.
Sie versuchten, die Lage der Flüchtlinge an der Wegkreuzung vor Redcliff zu verbessern, sorgten für genügend Nahrung, Decken und Schutz durch Soldaten, denn die Inquisition war eifrig dabei, Frauen und Männer zu rekrutieren, wobei die Rasse keine Rolle spielte. Dies sprach sich schnell herum, ebenso wie die Tatsache, dass der Sold recht gut war.
In Josephines Augen war nun der Zeitpunkt gekommen, nach Val Royeaux zu reisen, um mit den Klerikerinnen der Kirche zu sprechen. Sie hatten jetzt genügend Einfluss gewonnen, so dass man sie anhören würde. Die Klerikerinnen hatten die Inquisition als Ketzer verdammt und nun sollten Cassandra und Elion versuchen, wenigstens einige auf ihre Seite zu ziehen. Die Kirche war eine nicht zu unterschätzende Gefahr, zumal ihr immer noch die Templer unterstanden.

Zu Pferde, begleitet von zehn Soldaten, machten sich die Vier wieder auf den Weg und diesmal ging es über den Pass nach Orlais, an welchem Elion schon während seiner Anreise vorbeigekommen war. Orzammer, die Stadt der Zwerge, erbaut in den Tiefen eines Berges, lag ganz in der Nähe. Jeder wollte mit diesen Geschäfte machen und darum war der Pass tagsüber so sehr belebt, dass sie andauernd irgendwelchen Karren und Kutschen ausweichen mussten.
Als sich der Weg verzweigte, ließ der Strom an Händlern und Glücksrittern schließlich nach. Der Weg durch das Gebirge war beschwerlich. Einige Male mussten sie absitzen und ihre Pferde durch zugeschneite und von Lawinen verschüttete Passagen führen. Besonders Varric litt unter dem Tiefschnee, denn er sackte mit seinen kurzen Beinen oft ein und blieb einfach stecken, so dass Cassandra und Elion ihn wieder herauszerren mussten.
Sie waren froh, als sie den höchsten Punkt dieses Weges hinter sich gelassen hatten, sich an den Abstieg machen konnten und schlugen unterhalb der Schneegrenze ihr Nachtlager auf. Ein Unterfangen, in dem sie mittlerweile Übung hatten. Dabei war eine Art stillschweigende Arbeitsteilung entstanden, denn Solas kümmerte sich um das Anfachen des Lagerfeuers, während Cassandra und Varric Brennholz suchten, was sie diesmal den Soldaten überließen. Elion brach mit zwei seiner Leute auf und kam nach zwei Stunden mit einem Widder zurück, fertig ausgeweidet und bereit, über dem Feuer gegrillt zu werden.
Der Dalish Elf mochten diesen Teil des Tages besonders. Alle versammelten sich um das Feuer herum und erzählten sich ein paar Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Cassandra hatte früher mit ihrem Bruder Drachen gejagt und Varric berichtete von seiner Zeit in Kirkwall, als der Champion dort verweilte. Cassandras Fragen zu diesem Thema ließ er jedoch stets unbeantwortet. Es stellte sich heraus, dass er Isabela kannte, wie Elion aufgeregt erfuhr. Nur Solas sprach nie über sich, darüber wo er herkam, was er gemacht hatte. Er hörte stets interessiert zu, gab sich aber sehr zugeknöpft.
Der Herold selbst war sich auch nicht zu schade, einige seiner katastrophalsten Erlebnisse zum Besten zu geben und so kam die Schlafenszeit schneller, als es allen Anwesenden lieb war. Die Wachen wurden eingeteilt und jeder wickelte sich in seine Decke ein. Bald darauf ertönte hier und da ein Schnarchen, sehr zu Cassandras und Elions Leidwesen. Die beiden schauten sich angenervt an und rückten etwas weg vom Lagerfeuer. Solas grunzte mal wieder am lautesten vor sich hin und ihnen war unklar, wie so ein schmales Hemd solche Töne hervorbringen konnte.

Am Morgen setzten sich die Sucherin und der Dalish Elf durchgefroren ans Feuer und tranken einen starken Tee, welcher den Körper angenehm erwärmte. Sie reisten am Ufer des Wachen Meeres auf einer alten Handelsstraße entlang und bogen dann nach Norden ab. Es ging über etliche kleine Inseln, die alle mit Brücken verbunden waren. Auf diese Weise ersparte man sich die Überfahrt mit dem Fährschiff, aber unverschämter Weise verlangte Val Royeaux auf dem letzten Teilstück Wegzoll, den Cassandra mit bebenden Nasenflügeln bezahlte. Elion nannte das: „Sie flattert wieder“, denn wenn Cassandra so aussah, folgte meistens kurz darauf ein Wutausbruch. Zu seiner Überraschung blieb dieser heute einmal aus.
Da war es also: Val Royeaux, die Stadt des Prunkes, von der Elion schon so viel gehört hatte. Im Hafen dümpelten prachtvolle Gondeln, mit denen sich die Adligen allabendlich zu allerlei Kurzweil bringen ließen. Es gab immer eine Feier, zu der man gehen konnte und wenn man alle durch hatte, fing man von vorne an.
Cassandra atmete laut hörbar durch die Nase aus, so dass es sich wie das Schnauben eines Stieres anhörte. „Eine goldene Fassade, hinter der sich Abgründe auftun“, bemerkte sie verächtlich.
Elion verrenkte sich den Hals, als er ein leises Rascheln hörte und nach der Ursache suchte. Hoch oben über ihren Köpfen wehten dutzende Stoffbahnen im Wind, die von einem der zahlreichen Türme zum anderen gespannt worden waren. Es gab etliche Brunnen und auf einem großen Platz, der Sommerbazar genannt,  hatte sich eine Menschenmenge versammelt.
Eine Klerikerin hielt auf einem Podest aus Holz eine flammende Rede gegen den Herold Andrastes und Elion packte die Wut. Lediglich Cassandras Hand auf seiner Schulter hielt ihn davon ab, nach vorne zu stürmen und dieser Frau die Meinung ins Gesicht zu schreien. Stattdessen rief er dazwischen, dass sie nur hier seien, um gemeinsam eine Lösung zu finden wie man gegen die Bresche vorgehen konnte.
Zu ihrem Erstaunen kamen die Templer unter dem Befehl von Lordsucher Lucius auf den Platz, schlugen die Klerikerin nieder und lösten sich mit dieser brutalen Geste von der Kirche. Sie gingen einfach fort und ließen Val Royeaux im Stich. Cassandra stand fassungslos neben Elion und murmelte: „Ich kenne den Lordsucher. Das …“, sie schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein. Das ist nicht das, wofür die Sucher stehen sollten.“
Enttäuscht senkte sie den Kopf und nun war es am Herold, sie zu trösten. „Wir finden einen Weg, die Bresche zu schließen. Und wenn es nicht die Templer sind, bleiben uns noch die Magier.“
„Einen Versuch wäre es wert.“ Solas stützte sich auf seinen Magierstab ab, eine Pose, die er oft einnahm. Wohl seine Form der kurzen Entspannung.
„Kommt!“ Elion stieg das Podest hinauf, um der niedergestreckten Klerikerin zu helfen. Vor ihr brach er durch einer der Holzplanken ein und fiel der Länge nach hin, so dass er fast die Nase der Frau berührte.
„Seid Ihr wirklich von Andraste gesandt?“, fragte die Klerikerin ächzend.
„Ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich wollte nur auf Augenhöhe mit Euch reden.“ Er lächelte, als würde er jeden Tag auf dem Bauch Verhandlungen führen.
„Augenhöhe?“, die Kirchenfrau schmunzelte, konnte aber immer noch nicht aufstehen.
Elion rappelte sich hoch. „Na ja, wir haben ein gemeinsames Problem.“ Er deutete in den Himmel. „Und ich will es lösen.“
„Das ist beruhigend, zu hören. Beruhigender, als Ihr denkt, aber ich kann Euch nicht helfen.“
Er war zwar etwas enttäuscht, aber was hatten sie auch erwartet? Solas bedachte die Frau mit einem Heilzauber, dann verabschiedeten sie sich und wollten weitergehen. Etwas sirrte an ihnen vorbei und Elion sprang so erschrocken auf Cassandra zu, dass sie beide in einem knietiefen Brunnen landeten. Ein Pfeil steckte vor ihnen im Boden und Varric nestelte seelenruhig ein Stück Papier davon ab. „Nette Art der Nachrichtenübermittlung.“ Er las vor: „Die Rote Jenny bittet um Hilfe, einen Feind der Inquisition zur Strecke zu bringen. Wir sollen den Hinweisen folgen. Ne Schnitzeljagd?“
Die Sucherin setzte sich stoisch auf eine kleine Mauer, zog sich die Stiefel aus und drehte diese um, damit das Wasser herauslaufen konnte. Im Gegensatz zu Elion war sie nicht ganz im Brunnen untergetaucht worden, aber es reichte, um sich wie ein begossener Mabari zu fühlen. Sie wartete, bis Varric mit allen Hinweisen wieder zurückkam.
„Wir sollen die Rote Jenny in einem Hinterhof treffen? Was soll der Scheiß?“ Der Zwerg hatte Cassandra und Elion unterwegs zwei Handtücher gekauft.
„Wir finden es heraus.“ Elion zuckte mit den Schultern und steuerte eine Taverne an. Er hatte Hunger und mit leerem Magen kämpfte es sich schlecht. Seine Begleiter trotteten hinter ihm her und Cassandra musste sich einige Witze gefallen lassen, weil sie barfuß ging.

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