Einen Hafen steuerte Isabelas Schiff nicht an und es war wegen des geringen Tiefganges geradezu ideal, in die Untiefen der Fereldischen Küste anzulanden, um dort vor Anker zu gehen. Ein Beiboot brachte Elion an Land und er beobachtete, wie die Matrosen Kisten aus einer verfallenen Hütte trugen und sich eilig wieder davonmachten. Er wollte gar nicht genauer wissen, was da vor sich ging.

In Sichtweite lag der Calenhad See mit seiner unrühmlichen Geschichte vom Zirkel der Magi, der während der fünften Verderbnis von Dämonen heimgesucht worden war. Es gab ein Massaker unter Magiern wie Templern und der Held von Ferelden konnte die letzten Überlebenden retten.
Elion musste sich nur an die Uferstraße halten, welche ihn direkt nach Haven brachte. Sie war gut ausgebaut, sodass sich der Fußmarsch recht gemütlich gestaltete und ihm genug Zeit für seine Gedanken blieb. Er kam gut voran und entschied sich am späten Nachmittag dazu, ein Lager aufzubauen. Auf die Jagd brauchte er nicht zu gehen, denn er hatte genügend Proviant dabei, den er aufbrauchen musste, damit dieser nicht verdarb.
Unweit der Wegkreuzung zum Pass nach Orlais schaute er sich nach einem Plätzchen für die Nacht um und er erblickte einige Kaufleute, die es sich am Wegesrand gemütlich gemacht hatten. Sie boten ihm netterweise einen Platz am Lagerfeuer an und es erstaunte ihn, dass sie seine Herkunft gar nicht zu stören oder zu interessieren schien. Im Gespräch mit der siebenköpfigen Gruppe erfuhr er dann, dass man öfter Handel mit den Dalish trieb, von daher war man den Anblick eines Elfs gewohnt.
Zur Nacht blieb Elion in der Nähe des Feuers, den Händlern war es Recht, dieses mit einem, der mit Waffen umgehen konnte, zu teilen und so profitierten beide Seiten davon.

Keiner hatte ihm gesagt, dass Handelsreisende noch vor Sonnenaufgang aufstehen! Er trank etwas Tee mit ihnen, um sich aufzuwärmen und machte sich dann noch schlaftrunken wieder auf die Reise. Es wurde immer kälter, denn er hatte zwar den idyllischen See zu seiner Linken, aber zur Rechten begannen die Ausläufer des Frostgipfelgebirges und es machte seinem Namen alle Ehre. In der Ferne türmten sich die schneebedeckten Gipfel zu einer unüberwindbaren Barriere auf.
Die Laubbäume der Küstenregion waren riesigen Tannen gewichen, welche einen wunderbar harzigen Geruch abgaben, von dem Elion gar nicht genug bekommen konnte. Er machte sich an der Rinde eines Baumes zu schaffen und packte sich etwas Harz in ein Tuch, um von Zeit zu Zeit daran zu schnuppern.
Er hätte auch, einer geraden Linie folgend, querfeldein nach Haven marschieren können, aber er nahm den Umweg auf der Uferstraße in Kauf, welche sich kurvig am See entlangschlängelte. Letztendlich kam er hier schneller voran, sodass die kürzere Strecke durch die Wildnis nicht von Belang war.
Da er gestern die längere Teilstrecke hinter sich gebracht hatte, würde er gegen Mittag sein Ziel erreichen. Als er die gut ausgebaute Straße verließ, um ein Stück weiter ins Frostgipfelgebirge aufzusteigen, begegneten ihm immer mehr Menschen. Mal war es eine Gruppe Magier, mal ein Trupp Templer und er konnte spüren, dass sie einander wenig freundlich gesonnen waren.
Nur das Machtwort der Göttlichen Justinia und die Hoffnung auf Frieden hielt sie davon ab, aufeinander loszugehen. Jedes Mal, wenn Elion an einer der beiden Fraktionen vorbeikam, beschleunigte er seine Schritte, welche ihn schließlich vor die Tore Havens brachten.
Er blieb vor der Befestigung stehen, die aus hölzernen Palisaden bestand und das Dorf sowie die Kirche am oberen Ende schützen sollte. Es gab nur ein Eingangstor und davor einen freien Platz, auf dem einige Zelte standen und der offensichtlich für Truppenübungen genutzt wurde.
Etwas zögernd trat der Dalish Elf durch das Tor und stellte fest, dass Haven derart an den Berg gebaut war, dass man es terrassenförmig errichtet hatte. Auch hier sah er einige Lagerfeuer und Zelte. Es schien, als würden die wenigen Hütten nicht ausreichen für die Menge an Menschen.
Er ging eine Treppe hinauf und folgte einfach dem Geruch herrlichster Hausmannskost. So stieß er auf die Taverne, ergatterte einen freien Sitzplatz an einem der großen Tische und machte sich ausgehungert über seine Mahlzeit her.
Als er sich zufrieden zurücklehnte, ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen und lauschte den Gesprächen. Auch hier nahm man ihn kaum wahr, denn einige der Soldaten hatten ebenfalls spitze Ohren und es beruhigte ihn, so viele Elfen hier zu sehen. Fast ausschließlich Stadtelfen wohlgemerkt, deren Gesichter kein Vallaslin zierte.
Die Taverne war recht primitiv eingerichtet und dem Geruch nach zu urteilen hatte sie nicht immer menschliche Bewohner beherbergt. Es gab zwei lange Tische und zwei Kleinere, die Stühle bestanden aus grobem Holz, sodass es sich nicht empfahl, unruhig darauf herumzurutschen. An den Wänden hingen einige Jagdtrophäen und es gab einen Tresen, hinter dem eine junge Frau stand und Getränke ausschenkte.
Das Stimmengewirr im Raum hüllte ihn ein wie eine schwere Decke und er wurde müde. Dennoch erhob er sich träge, es war noch viel zu früh, um sich nach einem Quartier für die Nacht umzusehen und so entschloss er sich, zum Tempel der Heiligen Asche zu gehen. Dort würde das Konklave stattfinden und er war genau zwei Tage früher eingetroffen, wie er von der Wirtin erfuhr.

Elion wurde schlagartig wach, als ihn wieder jene Kälte entgegenschlug, die jeden Stoff durchdrang und einen bis auf die Knochen auskühlte. Er stellte den Kragen seiner Lederjacke hoch und zog sich seine Handschuhe an. Noch hatte ihn keiner am Tragen seines Bogen gehindert, aber als er am Eingang des Tempels ankam, bat man ihn darum, seine Waffen abzugeben. Er trennte sich nur ungern von seinem Jagdbogen, kam der Aufforderung aber nach, als es ihm einige Templer gleichtaten und dem Soldaten, welcher den Berg an Waffen verwaltete, ihre Schwerter anvertrauten.
Seine Neugier erwachte und er durchstöberte jeden Raum, der ihm zugänglich war. Er begegnete sogar einigen Grauen Wächtern, was ihn sehr erstaunte. Elion erkannte ihre Rüstungen, denn vor vielen Jahren waren einige von ihnen zu seinem Clan gekommen, um den Elfen gegen die letzten Auswirkungen der Verderbnis beizustehen.
Letztendlich landete er im Allerheiligsten des Tempels, nämlich jenem Raum, in dem man die Urne der Heiligen Asche aufbewahrte. Andrastes Asche, um genau zu sein. Prophetin und Braut des Erbauers. Die Reliquie stand auf einem Sockel, der umzäunt war, sodass niemand auf die Idee kam, danach zu greifen und sie zu berühren. Davor kniete eine Frau und betete.
Der Elf drückte sich in eine Ecke und versuchte, sich möglichst ruhig zu verhalten. Just in diesem Moment lief er durch staubige Spinnweben und bekam einen Niesanfall. Natürlich unterbrach die Frau ihre Andacht und als sie sich umdrehte, bemerkte er, dass sie eine Art Rüstung trug. Ihre lavendelfarbene Robe aus edlem Stoff hinterließ beim Betrachter zwar den Eindruck, es möge sich um eine Art kirchliche Tracht handeln, aber dieses Kleidungsstück war an den Seiten bis hoch zum Gürtel geteilt und außerdem auf der Front verstärkt wie ein Kettenhemd. Der Beinschutz aus Metall, welcher hoch bis über die Knie ging, ließ keinen Zweifel daran, dass vor ihm eine Frau stand, die zu kämpfen gewohnt war.
Elion trat unruhig von einem Bein auf das andere. „Entschuldigt. Ich wollte Euch nicht stören, Mylady.“ Er verbeugte sich leicht und sie kam näher, um ihn eingehender betrachten zu können. Sie trug ein Kopftuch, das farblich auf ihre Robe abgestimmt war und darunter rutschten einige rote Haarsträhnen heraus.
„Schon gut“, beruhigte sie ihn lächelnd, dann legte sie den Kopf schief. „Einen Dalish Elfen hätte ich hier nicht vermutet.“
Er wurde ein wenig rot, wie immer, wenn er die Aufmerksamkeit auf sich zog. „Meine Hüterin schickt mich. Auch wir wollen erfahren, ob es gelingt, den Aufstand der Magier zu beenden.“
Sie wirkte erstaunt, nickte dann aber zustimmend. „Es tut gut zu wissen, dass Euer Volk nicht die Augen verschließt. Was hier passiert, betrifft ganz Thedas, egal welcher Rasse man angehört.“ Sie spürte seine Unsicherheit. „Seht Euch nur um. Es freut mich, dass Ihr so interessiert seid, aber Ihr müsst mich entschuldigen, ich habe in Haven zu tun.“ Sie lächelte ihm freundlich zu und verließ den Raum. Stille kehrte wieder ein und Elion versank eine Weile in seinen Gedanken.
Ein allzu menschliches Bedürfnis rüttelte ihn wieder wach. Es wurde höchste Zeit, sich nach einem Abort umzusehen, vielleicht war es auch keine gute Idee gewesen, sich zum Mittagessen ein Met zu bestellen? Jedenfalls drückte Elions Blase recht aufdringlich und er machte sich auf die Suche. Dazu arbeitete er sich wieder in den Außenbereich des Tempels vor und stand vor einer großen Tür, welche ihn hoffentlich zum gewünschten Ort führen würde. Zumindest war es die letzte Tür, die er nicht geöffnet hatte und so riss er sie dann auch schwungvoll auf, aber was er dort zu sehen bekam, drang nur langsam zu seinem Verstand durch.
Eine alte Frau schwebte scheinbar in der Luft, umringt von Grauen Wächtern! Vor ihr schwang eine monströse Gestalt große Reden, die aussah wie aus einem dieser Bücher über die Dunkle Brut entsprungen nebst ihren entstellten Erscheinungsformen, und hielt dabei eine grün leuchtende Kugel in der Hand. „Was geht hier vor?“, platzte es aus ihm heraus und er verfluchte sich für sein vorlautes Mundwerk, denn die ungeteilte Aufmerksamkeit aller galt nun ihm.
Elion machte einen Schritt rückwärts. „Ähm, ich glaube, ich komme später wieder.“ Er spürte die Tür in seinem Rücken, aber in diesem Moment schlug die Frau nach der Kugel und katapultierte dieses Ding direkt vor seine Füße. Zu allem Überfluss griff er danach und die Welt um ihn herum versank in Dunkelheit.

***

Was hatte er sich da nur wieder eingebrockt? Elion erwachte und sein Bewusstsein kämpfte sich langsam an die Oberfläche zurück. Er öffnete die Augen und spürte, dass er auf einem harten Boden lag. Sein erster Versuch, sich zu bewegen, misslang. Es dauerte, bis er begriff, dass er Ketten trug. Schlagartig wurde er munter, richtete sich ächzend zu einer knienden Haltung auf und betrachtete die Umgebung. Steinmauern … Gitter … ein Kerker?
Er blinzelte und aus den flackernden Lichtflecken wurden Fackeln, welche sicherlich schon jahrelang ihren Ruß gegen die Decke geworden hatten, denn das massive Gewölbe wies an jenen Stellen dunkle Flecken auf. Irgendwo abseits der Fackeln hörte er wie Wassertropfen stetig in eine Pfütze plätscherten, ansonsten war es lautlos um ihn herum, abgesehen von seinen eigenen Geräuschen, seinem Ächzen, seinem Stöhnen.
Die Tür vor ihm flog auf und zwei Frauen traten ein. Ihre ernsten Gesichter jagten ihm Angst ein und die Kleinere von beiden war jene aus dem Tempel der Heiligen Asche. In ihrer Begleitung befand sich eine größere Frau mit kurzen dunklen Haaren. Auch sie trug eine Rüstung, die aus einem Brustpanzer und ebenfalls stählernen Beinschienen bestand. Unter dem Panzer kam eine rote Jacke zum Vorschein, deren Kragen hoch stand. Elion fielen sofort die lange Narbe auf der linken Wange und die mandelförmigen Augen auf.
Die Frauen wanderten wie lauernde Raubtiere um ihn herum, warteten ab, betrachteten ihn und er versuchte hektisch, seinen Kopf zu drehen, was ihm fürchterliche Schmerzen und ein gemeines Pochen in den Schläfen einbrachte.
„Wie konntet Ihr die Explosion überleben?“, knurrte die Dunkelhaarige ihn an.
„Welche Explosion?“, fragte Elion ahnungslos zurück. „Ich kann mich an nichts erinnern. Da war eine Frau und ich ...“ Er schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich weiß es nicht.“
„Erklärt mir das!“ Ihre Hand umklammerte seinen linken Unterarm und er bemerkte erst jetzt, dass seine Handfläche grün leuchtete.
„Macht das weg!“, schrie er hysterisch und voller Panik.
Die Dunkelhaarige starrte ihn verblüfft an. „Beruhigt Euch.“
„Mich beruhigen?!“ Seine Stimme überschlug sich. „Was ist das?“ Er schüttelte seine Hand, so gut es die Ketten zuließen. Mittlerweile hatte die Frau mit dem Kopftuch den Raum verlassen und er war mit dieser brutal wirkenden Furie alleine, was seine Angst noch verstärkte. Er spürte seine volle Blase wieder und war drauf und dran, sich in die Hose zu machen.
„Ka … kann ich mal austreten?“ Er schaute sie aus großen hilflosen Augen an.
Für einen Moment hatte er sie wirklich aus der Fassung gebracht, dann brummte sie: „Na gut, gehen wir vor die Tür.“ Sie zog ihn in die Höhe, musste ihn stützen, sonst wäre er gleich wieder in die Knie gegangen. Sie liefen einige Treppen hinauf und gelangten in einen langen Gang, welcher zu beiden Seiten Bögen aufwies, überall standen Kerzen auf Fässern und auf dem Boden, was dem Raum eine Art Feierlichkeit verlieh.
Draußen angekommen erkannte er Haven wieder. Man hatte ihn also in die Kirche gebracht und es erstaunte ihn, dass diese einen Kerker hatte. Die Frau deutete in den Himmel und dort rotierte eine grünliche Gewitterwolke wie ein Orkan, von Zeit zu Zeit grollte und blitzte es. „Dies ist die Bresche und Euer Mal sollte in der Lage sein, sie wieder zu schließen. Sie entstand bei der Explosion.“
War ja gut und schön, aber Elion drehte ihr den Rücken zu und murmelte verlegen: „Ich halt's keine Sekunde länger mehr aus.“ Hinter ihm hörte er die entsetzte Stimme der zweiten Frau: „Pinkelt der gerade gegen unsere Kirche?“
Elion versuchte seine Kleidung wieder zu richten, so gut es seine Fesseln zuließen, nahm etwas weiter weg Schnee und rieb sich damit die Hände sauber.
„Wenigstens scheint er reinlich zu sein“, stellte die Dunkelhaarige seufzend fest.

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