Bis Haven war es ein langer Weg. Elion hielt sich an Nifeyas Rat und suchte in den Freien Marschen nach einer Frau, die all jenen Elfen half, welche durch die Auseinandersetzungen zwischen Templern und Magiern ihre Heimat verloren hatten und auf der Flucht waren. Er wusste nur ihren ungefähren Aufenthaltsort, denn sie konnte nie lange an einem Ort bleiben. Oh, wie ihm das bekannt vorkam! Zu gerne wäre er sesshaft geworden, denn dieses ständige Reisen behagte ihm gar nicht.
Merrill war ihr Name und er fand sie in einem kleinen Zeltlager, als sie Verwundete versorgte. Eine kleine, hagere und unscheinbare Elfe, von der eine Ausstrahlung ausging, die er noch nie zuvor bei jemandem seiner Art gespürt hatte. Stärke, Würde und … Wissen. Elion verbeugte sich zur Begrüßung artig, aber die Elfe, welche ebenfalls ein traditionelles Hütergewand trug, lachte freundlich und auch ein wenig beschämt. „Hier in der Wildnis sind alle gleich“, winkte sie ab und errötete leicht. Ihre dunklen Haare umrahmten die großen grünen Augen und brachten diese noch mehr zur Geltung. Sie musterte ihn erst neugierig, las sich dann das Schreiben durch, welches Nifeya auf Altelfisch verfasst hatte. „Ihr könnt gerne die Nacht bei uns verbringen. Meister Lavellan.“
Elion zuckte erschrocken zusammen. Noch nie hatte ihn jemand so genannt. An jene Bezeichnungen, die man sonst für ihn übrig hatte, wollte er jetzt nicht denken. Dankbar nahm er das Angebot an, sich am Lagerfeuer einen Schlafplatz zu suchen und er verabschiedete sich heute Abend schon von Merrill, da er am nächsten Morgen zeitig aufbrechen wollte. Die Elfe gab ihm nun ebenfalls ein Schreiben mit und die Empfehlung, einen ihrer Freunde in Kirkwall aufzusuchen. Im Hafen fand sich mit Sicherheit ein Schiff. Er konnte sich etliche Tage des Fußmarsches sparen, wenn er die Überfahrt und die Kosten in Kauf nahm, statt das Wache Meer zu umrunden.

Mit guter Laune und einem Lied, das er leise vor sich hinsummte, machte sich Elion bei Tagesanbruch auf die Weiterreise. Die Frühlingssonne schien und wärmte ihn angenehm ohne ihn zu erhitzen. Seine geschulten Augen erkannten in der Ferne ein paar Banditen, die auf leichte Beute lauerten und sich am Wegesrand breit gemacht hatten, er umging sie weiträumig. Der Aufenthalt in den Wäldern, welchen Elion von Kindesbeinen an gewohnt war, brachte es mit sich, dass seine Sinne scharf waren, sein Geist wachsam.
Schließlich erreichte er Kirkwall, als es schon dämmerte. Diese Stadt, welche aufgrund ihrer unrühmlichen Vergangenheit und Rolle im Sklavenhandel auch „Stadt der Ketten“ genannt wurde, war ihm unheimlich. Sie erschien ihm dunkel, die Gassen wurden immer enger, je näher er dem Hafenviertel kam. Es roch nach Abfall, Exkrementen und selbst das Wasser an einem der Anlegestege schwappte als dunkelbraune Brühe gegen die Kaimauer.
Hier musste sich die nächste Adresse befinden, die Taverne zum Gehängten Mann. Elion sinnierte beim Suchen über den Namen dieses, von Merrill als Kaschemme mit zweifelhaftem Ruf beschriebenen, Etablissements. Dank einer merkwürdigen Figur, die kopfüber oberhalb des Einganges hing und zwei Stockwerke groß war, konnte man diesen Ort gar nicht verfehlen.
Der Elf stand davor und verrenkte sich den Kopf, um das „Kunstwerk“ näher zu betrachten. Makaber, aber immerhin symbolisierte diese Figur den Tavernennamen wunderbar. Elion holte tief Luft, denn noch nie hatte er solch einen Ort, an dem die Menschen sich vergnügten, von innen gesehen und ihm war nicht ganz wohl beim Gedanken, gleich in diese Welt eintauchen zu müssen.

So blieb er dann auch wie angewurzelt am Eingang stehen, denn die Mischung aus abgestandenem Fusel, Schweiß und jahrelanger Weigerung, einmal ordentlich mit dem Putzlumpen durchzuwischen, schlug ihm erbarmungslos entgegen und drückte auf seinen Magen. Außerdem hätte er nie gedacht, dass es einen Ort gab, der noch schlimmer stinken konnte als die Gassen Kirkwalls, doch er hatte diesen offensichtlich gefunden.
Als sich sowohl seine Augen, als auch sein Geruchssinn an die Umgebung gewöhnt hatten, hielt er Ausschau nach seinem Kontakt. Um diese Zeit sollte sich dieser regelmäßig hier aufhalten und in der Tat war jene Frau nicht zu übersehen, welche er suchte. Und zu überhören auch nicht.
Eingeschüchtert näherte sich Elion ihr, wie er dachte lautlos, aber als er zwei Schritte hinter ihr verharrte, drehte sie sich unwirsch herum und schnauzte ihn an. „Hör' mal Bürschchen, wenn Du Dich anschleichen willst, musst Du früher aufstehen.“
Sie bändigte ihre schwarze Lockenpracht mit einem dreieckigen Hut und ihre dunklere Hautfarbe unterschied sie eindeutig vom hellen Teint der Marschenbewohner. Vielleicht kam sie aus Antiva, Tevinter  oder Rivain?
„Seid Ihr jetzt fertig mit anstarren?“, brummte sie immer noch verärgert in ihren Trinkbecher.
Elion reichte ihr Merrills Schreiben, sofort entspannte sich ihre Körperhaltung und die rechte Hand glitt vom Griff des Dolches, den sie in ihrem Gürtel trug. „Hm, Gänseblümchen also?“ Sie grinste und schüttelte den Kopf. „Sie nimmt immer noch jeden Streuner auf, was?“
Der Elf straffte sein Kreuz und wippte vor auf die Zehenspitzen. „Ich bin kein Streuner!“, antwortete er trotzig und erntete Gelächter.
Die Dunkelhaarige klopfte ihm auf den Rücken und schob ihn neben sich an den Tresen. „Zweimal Wein, Wirt!“ Offensichtlich schien es egal zu sein, welchen Wein man bevorzugte und Elion schnupperte misstrauisch an jenem Gesöff, das ihm kurz darauf aus seinem Becher entgegen schwappte. Es roch wie die Taverne, säuerlich mit undefinierbarem Beigeschmack, aber er wollte nicht unhöflich sein und prostete der drallen Frau zu, die sich keine Mühe gab, ihre Reize unter allzu viel Stoff zu verbergen. Als sie sich vorbeugte, sprangen ihm ihre Brüste fast entgegen.
„Ich bin Isabela.“
„Elion“, murmelte er leise und nippte an seinem Becher, während er fasziniert auf ihre Oberweite starrte. Elfenfrauen waren bei weitem nicht so gut bestückt, stellte er fest und wurde rot, als sie ihn bei seiner Betrachtung ertappte.
„Meine Augen sind übrigens hier oben“, fauchte sie ihn an, zwinkerte ihm dann allerdings kokett zu, was ihn noch mehr verwirrte.
„Verzeihung, Mylady.“
Isabela warf den Kopf lachend zurück und musste ihren Hut am Herabfallen hindern. Ihr Goldschmuck an den Ohren und um den Hals klimperte. Sie drehte sich um und rief in die Taverne: „Habt Ihr Galgenvögel gehört? Er nennt mich 'Mylady'!“
Einer der Männer, die sich zum Kartenspiel an einem der Tische in der Nähe eingefunden hatten, rief laut: „Etwas, das mir bei Dir als Letztes einfallen würde!“
Die Dunkelhaarige zog einen gespielten Schmollmund. „Ich lasse Dich kielholen, wenn wir wieder in See stechen.“
„Stechen ist ein gutes Stichwort!“ Ihre johlende Crew klopfte sich für diesen Kalauer gegenseitig auf die Schultern.
Aber Elion war hellhörig geworden und wagte es zu fragen: „Ihr habt ein Schiff?“
Sie stellte ihren Becher so schwungvoll auf dem klebrigen Tresen ab, dass sich der Inhalt über das dreckige Holz ergoss. „Verdammt Kleiner, ich bin Admiralin! Natürlich habe ich ein Schiff!“ Sie blickte ihre Männer prüfend an. „Und eine beschissene Crew.“ Dass man ihren Worten nicht unbedingt Glauben schenken sollte, merkte man, als sie Getränke für alle orderte.
„Lauft Ihr bald aus?“ Elion war entschlossen, sich den Fußmarsch zu ersparen.
„Warum saufen wir wohl heute so viel?“ Sie kippte den Inhalt ihres Bechers hinunter wie Wasser.
„Weil wir es immer tun?“, grölte ein Besatzungsmitglied.

Der Abend schritt voran und Elion kam mit Isabela überein, als Passagier mitreisen zu dürfen. Natürlich kostete ihn dies einen Teil seines Vermögens, welches er sorgsam in seine Lederjacke eingenäht hatte. Da half auch das Schreiben von Merrill nichts, aber da er auf solche Ausgaben gefasst war, blieb ihm genug für die Rückreise.
Weit nach Mitternacht machte sich die betrunkene Mannschaft auf den Weg zum Schiff. Isabela hatte einen Kerl im Schlepptau, der sie den ganzen Weg entlang begrapschte, während sie kicherte und sich spielerisch zierte. Einer aus ihrer Crew kommentierte das Verhalten folgendermaßen: „Gib' ihr zehn  Minuten und sie bespringt ihn wie eine Riesenspinne.“
Elion teilte sich das Quartier mit zehn besoffenen Matrosen und jenen unwirklichen Geräuschen, die aus der Kapitänskajüte drangen. Er wagte es nicht, sich vorzustellen, was da gerade geschah und kauerte sich in seiner Koje unter der halbwegs sauberen Decke zusammen. An Schlaf war nicht zu denken und als er dann doch wegschlummerte, rissen ihn laute Rufe wieder zurück in die Wirklichkeit.
Es kam Bewegung in die kleine Unterkunft und er blieb so lange liegen, bis die Crew sich an Deck versammelte, da er keinem im Wege stehen wollte. Zuletzt tauchte dann sein Kopf aus der Luke auf und er sog die frische Luft tief in seine malträtierten Lungen ein. Gefrühstückt wurde an Deck und alle Matrosen machten einen recht munteren Eindruck, was Elion zur Annahme verleitete, dass sie den Genuss von Alkohol offensichtlich seit Jahren gewohnt waren.
Der Smutje verteilte eine deftige Suppe, die scharf im Gaumen des Elfen brannte, der sonst fast auf jegliche Gewürze beim Kochen verzichtete. Das Fleisch war zäh und von minderer Qualität. Schnell breitete sich Ruhe in der Mannschaft aus, weil jeder damit zu tun hatte, die Bissen ordentlich klein zu kauen.
„Scheiße, Koch! Das würden noch nicht mal Straßenköter fressen!“ Einer der Männer kippte die Reste über die Reling und die anderen fingen ebenfalls an zu murren.
„Schon mal versucht, aus Mist Gold zu machen?“, blaffte der so Beleidigte zurück.
„Schnauze und ran an die Arbeit, Männer!“ Isabela ließ ihren Galan von Bord schleichen, der einen eigenartigen Gang hatte, und schrie einen Befehl nach dem anderen.

Elion versuchte nicht im Wege zu stehen, er trat einen Schritt zurück, direkt in ein zusammengerolltes Tau, in welchem sich sein Fuß verfing. Just in diesem Moment wurde das Hauptsegel gehisst und er schoss kopfüber in die Höhe.
„He, Elf! Hatte ich nicht gesagt, dass Ihr Euren Arsch unter Deck bewegen solltet?“ Isabela fuchtelte mindestens genauso wild mit dem Armen herum wie er selbst. Er schwang sich zur Seite und bekam ein anderes Tau zu fassen, an dem er sich hochziehen konnte.
„Nein! Nicht das!“, brüllte die Dunkelhaarige.
Zu spät, zwei ihrer Matrosen, die auf einem der Masten hockten, sausten damit in die Tiefe. Der Fall wurde zwar durch das Ende des Seiles aufgehalten, aber einer der Männer flog im hohen Bogen über die Reling.
„Mann über Bord!“, plärrte dann auch noch zu allem Überfluss Isabelas erster Offizier, der neben ihr stand. Eilig fischte man den Schiffbrüchigen aus dem Wasser.
Elion baumelte immer noch in der Takelage, schaukelte träge von steuer- nach backbord und wieder zurück. Eigentlich ein netter Ausblick hier oben, aber langsam sammelte sich das Blut in seinem Kopf.
„Holt diesen Idioten da runter!“, ächzte die Admiralin und rieb sich erschöpft die Schläfen.
Misstrauisch beobachtete der Elf, wie sich zwei Matrosen aufmachten, um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien, allerdings beunruhigten ihn ihre grimmigen Gesichter. Einer der beiden angelte mit einem Enterhaken nach jenem Seil, in das Elion sich verheddert hatte, zog ihn zu sich heran und befahl ihm, sich an der Strickleiter festzuhalten.
Der Elf griff beherzt danach. Das Klettern war ihm nicht fremd, schließlich hatte er unzählige Male Bäume erklommen, aber das hier machte ihn unsicher, zumal er spüren konnte, wie alle ihn anstarrten. Durch den Schwung, denn sein Fuß war nun frei und er fiel kopfüber, versetzte er die Leiter derart in Bewegung, dass der Matrose über ihm den Halt verlor und ihn nur ein eingehaktes Bein davon abhielt, auf das Deck zu fallen.
Elion starrte den Matrosen aus wenigen Zentimetern Distanz an und der Mann zischte zwischen zusammengepressten Zähnen heraus: „Verpiss' Dich.“
Langsam stieg der Elf die Strickleiter hinab. Peinlich berührt wegen der ganzen Scherereien drückte er sich an der Reling entlang in die relative Sicherheit einiger Kisten. Isabela stapfte wutentbrannt auf ihn zu und winkte zwei kräftige Matrosen herbei. Er schluckte schwer und schloss für einen Moment die Augen, weil er dachte, dass seine Reise hier endete.
Irgendwie tat ihr dieses Häufchen Elend leid, das ein „Verzeiht mir ...“, stotterte und offensichtlich auf sein gnädiges Ende wartete. Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Wir sorgen einfach dafür, dass Ihr uns nicht mehr im Weg steht.“
Die sechsstündige Überfahrt verbrachte er zwar am Hauptmast gefesselt, aber immerhin kam er seinem Ziel doch noch ein gutes Stück näher. Egal wie. Jedem, der ihm in Zukunft sagte, dass die Seeluft gesund sei, würde er ins Gesicht spucken, das schwor er sich.

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