Elion Lavellan tat das, was er am liebsten machte: auf dem Rücken im Gras liegen und den Wolken dabei zusehen, wie sie stetig ihre Form änderten, während sie träge an ihm vorbeizogen. So wohltuend einschläfernd war diese Tätigkeit, dass er die Zeit vergaß und den Grund, der ihn auf diese heimelige Lichtung geführt hatte. Der leicht vermooste Untergrund, auf dem sein Haupt lag, lud zum Sinnieren über das Leben ein, zum Schlummern und Träumen.
Was waren dagegen schon die Wünsche von Hüterin Nifeya? Hatte sie jemals einfach alles stehen und liegen gelassen, um ihren Gedanken nachzuhängen? Eine Betätigung, von deren Nutzen Elion unbedingt überzeugt war. Leider stand er mit seiner Meinung alleine auf weiter Flur und so blieb es nicht aus, dass er sich des Öfteren den Groll seines ignoranten Clans zuzog.
Der Elf mit dem kurzen roten Haaren rappelte sich verschlafen auf, streckte sich und gähnte dabei unverhohlen laut. Er hob den Köcher mit Pfeilen auf, gürtete sich diesen um die Schulter, damit er ihn auf dem Rücken tragen konnte und griff nach seinem Bogen in der Hoffnung, heute doch noch etwas Wild erlegen zu können, damit ihm die Hüterin nicht wieder den ganzen Abend mit ihren Vorwürfen in den Ohren lag.
Er verstand ja, dass man etwas Essbares brauchte, um zu überleben, aber es blieb ihm ein Rätsel, warum sich sein Clan dabei krumm buckelte und von morgens bis abends an nichts anderes dachte, als an die Beschaffung von Nahrung, Kräutern und die Planung der nächsten Wegstrecke.
Die Dalish Elfen blieben nie lange an einem Ort, zum einen, weil sie Menschen konsequent mieden, zum anderen weil ihre Hüter, welche die Magie der Elfen von einer Generation an die nächste weitergaben, immer Gefahr liefen, von Templern entdeckt zu werden. Bestenfalls hieß dies, in einem Zirkel gesteckt zu werden, schlimmstenfalls machten die Templer einfach kurzen Prozess.
Da sie oft gezwungen waren, mit all ihrem Hausrat schnell den Standort zu wechseln, bauten die Elfen sogenannte Aravels. Das waren Gefährte, die einen Unterbau mit Rädern hatten, auf welchen man Zelte mit einer soliden Konstruktion aus Holzstangen befestigte. Verziert wurden die Aravels oft mit Bannern, welche im Wind flatterten und ihnen den Beinamen „Landschiffe“ einbrachten. Gezogen wurden diese wundervoll anzusehenden Konstrukte von Hallas, hirschartigen Tieren mit weißem Fell, die nur von den Dalish Elfen gebändigt werden konnten.

Elion war eine Frohnatur, er verlor selten den Mut und seinen Humor. Viele Sommersprossen tanzten über sein Gesicht und unterstrichen den lustigen Eindruck noch, den seine abstehenden spitzen Ohren beim Betrachter hinterließen. Er bezeichnete diesen als Teil seines persönlichen Charmes. Hüterin Nifeya war da ganz anderer Meinung, sie beschimpfte ihn oft als Taugenichts, Tagträumer und wenn es ganz schlimm kam, als Schande des Clans. Schon deswegen musste er sich sputen, etwas Vorzeigbares aufzutreiben.
Entgegen der Tradition der Dalish Elfen trug er derbe Lederstiefel aus dunkler Widderhaut. Er hielt nichts davon, sich barfuß fortzubewegen, schon gar nicht im Dickicht des Waldes, wo man nie wusste, ob einen der nächste Schritt nicht in einen gewaltigen Haufen Bärenscheiße führte.
Hemd und Hose waren aus einfachem hellbeigen Leinenstoff gefertigt, in einem Gürtel steckte der Dolch seines Vaters und die Weste aus braunem Bärenleder komplettierte das Bild von einem Waldläufer, der es sicherlich zu verstehen wusste, in der Wildnis zu überleben … wenn er nicht gerade Elion hieß.
Da gab es noch eine Eigenschaft, die er gerne verschwieg und welche seinen Clan regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruches brachte: Er neigte wegen seiner chaotischen Natur und seiner linkischen Art zu Katastrophen. Je nervöser er wurde, desto mehr artete dieses unfreiwillige Talent in einer Art Kettenreaktion aus. Er hatte sich schon oft gefragt, ob die Hüterin sich nicht deswegen dazu entschieden hatte, eine eigene Destille in ihrem Aravel mitzuschleppen, von der alle im Clan regen Gebrauch machten.

Gegen Abend machte er sich auf den Heimweg. Immerhin konnte er einen altersschwachen Hasen erlegen, der wahrscheinlich eines natürlichen Todes gestorben war, als Elion ihn am Hinterteil aus dem Hasenbau gezerrt hatte. Da sich noch andere Dalish auf der Jagd befanden, erschien ihm diese Jagdbeute ausreichend.
Wie immer sah Hüterin Nifeya dies etwas anders und als er das Lager erreichte, erwartete ihn die rüstige alte Dame mit dem weißen Haar schon mit gerunzelter Stirn. Sie trug die für eine Elfe ihres Standes typische Kleidung, dazu gehörten Lederstreifen, welche um die Füße bis hoch zu den Knien gewickelt wurden, wobei die Zehen frei blieben, nebst einer vorne und an den Seiten geöffneten Robe, die mit kunstvollen Stickereien verziert war. Wie Elion, so schmückte auch ihr Gesicht ein Vallaslin, eine Tätowierung, die jeden Dalish mit Stolz erfüllte. Die Motive variierten dabei, denn während sich bei ihr Wellenlinien von einer Wange zur anderen schlängelten, hatte der Elf sich für ein Muster entschieden, das sich wie eine Gestalt mit Flügeln von der Nasenwurzel auf die Stirn ausbreitete. Auf den Wangen und auch auf dem Kinn zeigte sich bei ihm eine wellenartige, horizontal verlaufende Tätowierung, die von senkrechten Linien unterbrochen wurde.
Er fasste sich ein Herz und hielt ihr seine Beute entgegen. Gut, der Hase war nicht mehr im Vollbesitz seines Felles, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen war, dass das arme Tier sich zum Sterben zurückgezogen hatte, aber sicherlich konnte man das zähe Fleisch weich kochen.
Hüterin Nifeya schüttelte verärgert den Kopf. „Wenn wir nur Dich hätten, um uns zu ernähren, müssten wir alle verhungern.“ Sie wies mit dem Kopf zum großen Lagerfeuer hin, um das sich die anderen Jäger versammelt hatten. Diese schubsten sich gegenseitig lachend an und einer rief: „War das Jagdglück Dir hold, Elion?“ Es folgte eine weitere Lachsalve.
Ungeachtet des Spottes schmiss der Tunichtgut seinen Hasen auf die Ausbeute der anderen Jäger, was einen dazu brachte, das zerrupfte Tier mit einem beherzten Fußtritt in den Wald zu befördern, wo es hoffentlich endlich seine letzte Ruhe finden konnte. Verärgert setzte sich Elion etwas abseits auf einen Baumstamm und schmollte vor sich hin.

Unterdessen trat einer der älteren Elfen auf Hüterin Nifeya zu und flüsterte: „Wann sagt Ihr es ihm endlich?“
Doch sie winkte ab. „Geduld, mein Lieber. Wir haben lange auf solch eine Gelegenheit gehofft und dürfen jetzt nichts überstürzen.“ Sie wartete, bis der Zorn ihres Schützlings verraucht war, setzte sich dann neben ihn, legte eine Hand auf sein Knie und seufzte.
„Was soll bloß aus Dir werden, Elion?“ Besorgt, aber auch mit Zuneigung im Blick, schaute sie ihn an. „Nach dem Tod Eurer Eltern habe ich Dich und Deinen Bruder Yelvin bei mir aufgenommen, als ob ihr meine eigenen Söhne wärt. Ihr habt es mir nicht leicht gemacht, aber während ich bei Deinem leichtlebigen Bruder jede Hoffnung verloren habe, dass aus ihm doch noch ein rechtschaffener Elf wird, bin ich nach wie vor davon überzeugt, Dich auf einen besseren Weg geleiten zu können.“
Sie streichelte vertraut seine Hand, die er auf den Oberschenkel gelegt hatte und er war versucht, seinen Bruder in Schutz nehmen zu müssen. „Yelvin ist nicht unrecht, Hüterin.“ Sie blickte ihn missmutig an und zog eine Augenbraue in die Höhe, um ihrem Unmut mehr Ausdruck zu verleihen. „Es ist nur so, dass er davon überzeugt ist ...“, er suchte krampfhaft nach netten Worten.
Nifeya kam ihm zuvor und erwiderte empört: „Dass er sein Erbgut über ganz Thedas verstreuen muss?“
Elion kratzte sich nervös am Hinterkopf. „Er ist vielleicht etwas unstet.“
„Nett ausgedrückt, Da'lehn.“ In letzter Zeit hatte sie ihn selten so angesprochen. Es war die übliche Anrede, welche ältere Elfen bei den Jüngeren zu benutzen pflegten. „Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Yelvins Verhalten hat uns zwei Beinahe-Fehden mit anderen Clans eingebracht und dass er nun endgültig in einen anderen Dalish Clan einheiratete, bedeutet noch lange nichts. Er hat zwei Kinder dort und vier weitere, für die wir bezahlen mussten, von jenen, die wir vertuschen konnten, mal ganz abgesehen.“
Er seufzte und kratzte nachdenklich mit einem Stöckchen auf dem Boden vor seinen Füßen herum. „Ich weiß ja auch nicht, woher er das hat. Manchmal könnte ich ihn treten, aber trotz allem ist er mein Bruder.“ Dann schaute er hoch  und lächelte. „Und ich liebe meine beiden Nichten.“
Nifeya lachte. „Oh ja, da gebe ich Dir recht. Ich hoffe, dass die Kinder ihn zur Vernunft bringen können.“ Sie holte tief Luft und beobachtete ihren Zögling genau, während sie bedächtig sprach: „Elion, ich habe eine große Aufgabe für Dich.“ Sie ließ ihm Zeit, ihre Worte auf sich wirken zu lassen, dann fuhr sie fort: „Geh' nach Haven und nimm am Konklave teil, das die Göttliche Justinia, das Oberhaupt der menschlichen Kirche, einberufen hat.“
Seine Augenbrauen zogen sich in der Mitte wütend zusammen. „Was gehen uns die Probleme der Shemlen an?“ Die meisten Dalish gebrauchten dieses Schimpfwort, wenn sie über Menschen sprachen. Es war eine Anspielung darauf, dass Menschen in alten Zeiten schneller gealtert waren als Elfen, aber an jene Zeit schien lange vorbei zu sein und die Überlieferungen erzählten sich die Dalish abends am Lagerfeuer.
Nifeya sprach in sanftem Ton weiter. „Wir können nicht die Augen verschließen vor dem, was in Thedas passiert, auch wenn wir es gerne täten. Magier und Templer bekriegen sich und Unschuldige müssen leiden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Dalish da mit hinein gezogen werden. Ich halte es deshalb für wichtig, dass wir genau wissen, was beim Konklave passiert.“ Sie seufzte schwer. „Ich hoffe, dass die Göttliche es schafft, eine Einigung zwischen den beiden Parteien und einen Waffenstillstand zu erreichen.“

In dieser Nacht schlief Elion sehr unruhig. Die Dalish verließen sich auf ihn und er wollte sie nicht enttäuschen. Ihm gingen tausend Dinge durch den Kopf. Es war ja nicht so, dass er sich konsequent weigerte, der Gemeinschaft zu helfen, wie sein Bruder es tat, nur bewerkstelligte er die Dinge eben auf seine Weise und diese kam oft genug bei den Ältesten nicht gut an.
Am Morgen saß er schon am Lagerfeuer, als die ersten Frühaufsteher gähnend ins Freie traten. Er besaß keine eigene Aravel und nächtigte meistens am Feuer oder im Wald. Eine dicke Decke reichte ihm vollkommen aus. Der Morgentau auf den Grashalmen glitzerte in der aufgehenden Sonne. Seine Hand strich sachte darüber und er betrachtete gedankenverloren die nasse Handfläche.
„Hast Du Deine Sachen gepackt, Da'lehn?“ Hüterin Nifeyas sanfte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er sprang hastig auf, griff nach seinem Bogen und seiner Ledertasche, die er sich um die Schulter hängen wollte und schmiss beim Herumkreisen einen Topf heißen Teewassers um, was zur Folge hatte, dass alle Elfen in der Nähe von einer Mischung aus Asche und Funken eingehüllt wurden.
Sofort beschimpfte man ihn wieder von allen Seiten und er zog den Kopf kleinlaut ein, während Nifeya sich stoisch ein wenig Glut von der Schulter klopfte. Solche kleineren Vorkommnisse ließen sie mittlerweile recht kalt und solange sich Elion von den immer noch verstörten Hallas fernhielt, brachte sie so schnell auch nichts mehr aus der Ruhe. Sie umarmte ihren Schützling zum Abschied, küsste seine Wange, wie eine Mutter es tun würde, und seufzte. „Es fällt mir schwer, Dich gehen zu lassen. Pass auf Dich auf.“ Ihre Augen schimmerten feucht.
Elion winkte ihr zum Abschied zu, dann drehte er sich um und verschwand hinter der nächsten Wegbiegung. „Ich glaube, ich trinke heute Abend mal ein Likörchen“, murmelte Nifeya traurig, dann wurde es hektisch im Lager, denn die anderen Dalish wollten nichts lieber, als möglichst schnell verschwinden. Einige klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Endlich waren sie den chaotischen Elf los. Sollte er doch die Menschen nerven!

Joomla templates by a4joomla